„Der es mit uns hält“ – Karl Barths Weihnachtspredigt zu Lukas 2,7 von 1958

Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956 (Bundesarchiv, Bild 194-1283-23A / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0)

Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956

Als Gegenstück zu Rudolf Bultmanns „Weihnachtsbesinnung“ von 1953 eine Weihnachtspredigt von Karl Barth zu Lukas 2,7, gehalten am Weihnachtstag 1958 in der Strafanstalt Basel. Ja, Welten liegen dazwischen, wenn Barth verkündet:

„Gott sei Dank, daß es, wenn es jetzt um das Einkehren des Heilandes geht bei uns, auch in unserem Leben noch einen solchen ganz anderen Ort gibt, wo der Heiland nicht erst fragt, nicht nur draußen steht und anklopft, sondern einfach einkehrt, wo er heimlich schon eingekehrt ist und nur darauf wartet, daß wir ihn erkennen und uns seiner Gegenwart freuen. Was ist das für ein Ort in unserem Leben? Denk jetzt nicht an irgend etwas, wie du meinst, Nobles, Schönes oder doch Rechtes in deinem Leben und Tun, in welchem du dich dem Heiland allenfalls empfehlenswert und empfangsbereit darstellen könntest! Nicht so: der Ort, wo der Heiland bei uns einkehrt, hat mit dem Stall von Bethlehem das gemein, daß es da auch gar nicht schön, sondern ziemlich wüst aussieht: gar nicht heimelig, sondern recht unheimlich, gar nicht menschenwürdig, sondern auch ganz in der Nähe der Tiere. Seht, unsere stolzen oder bescheidenen Herbergen und wir als ihre Bewohner – das ist doch nur die Oberfläche unseres Lebens. Es gibt darunter verborgen eine Tiefe, einen Grund, ja einen Abgrund. Und da drunten sind wir Menschen, wir alle ohne Ausnahme, jeder in seiner Weise, nur eben bettelarm dran, nur eben verlorene Sünder, nur eben seufzende Kreaturen, nur eben Sterbende, nur eben Leute, die nicht mehr aus noch ein wissen.

Und eben da kehrt Jesus Christus bei uns ein, mehr noch: da ist er bei uns allen schon eingekehrt. Ja, Gott sei Dank für diesen dunklen Ort, für diese Krippe, für diesen Stall auch in unserem Leben! Da drunten brauchen wir ihn, und eben da kann er auch uns brauchen, Jeden von uns. Da sind wir ihm gerade die Rechten. Da wartet er nur darauf, daß wir ihn sehen, ihn erkennen, an ihn glauben, ihn lieb haben. Da begrüßt er uns. Da bleibt uns schon gar nichts Anderes übrig, als ihn wieder zu begrüßen und willkommen zu heißen. Schämen wir uns nicht, da drunten dem Ochsen und Esel ganz nahe zu sein! Gerade da hält er es ganz fest mit uns allen. An diesem dunklen Ort will und wird er mit uns und dürfen wir mit ihm Abendmahl feiern. Und das ist es ja, was wir nachher mit ihm und miteinander tun dürfen. Amen.“

Hier der vollständige Text der Predigt.

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