„Das Wunder der Weihnacht“ – Karl Barths Feuilletonartikel von 1927

Karl Barth 1962 am James River in Virginia (USA) feuert mit einem Gewehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg

Karl Barth 1962 am James River in Virginia (USA) mit einem Gewehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg.

In einem Feuilletonartikel für die Münchner Neuesten Nach­richten zu Weihnachten 1927 nimmt Karl Barth 1Kor 13,8 auf – „Die Liebe höret nimmer auf. Prophetengaben aber werden aufgehoben. Zungenreden wird aufhören. Erkenntnis wird aufgehoben werden“ -, um das Wunder der Weihnacht „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ neu zur Sprache zu bringen:

Muß denn gerade dies gesagt werden: «Empfangen vom heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau», um das Wunder der Weih­nacht, das Wunder der in sich selbst begründeten und darum nimmer aufhörenden Liebe kenntlich zu machen? Die bewußten Sätze gehören bekanntlich zu den berüchtigsten Sätzen des dem «modernen Menschen» so bedenklichen, wenn nicht gerade widrigen Dogmas der Kirche. «Muß man denn das glauben, um ein Christ zu sein?» «Kann man es denn wirklich nicht ohne das ma­chen?» Ich würde darauf antworten: man kann «es» bekanntlich überhaupt nicht «machen». Man «muß» also gar nichts glauben, um ein Christ zu sein.

Man ist nicht damit ein Christ, daß man dies und das tut, denkt und glaubt, erlebt, sagt. Wir hörten ja eben: darin steht die Liebe, nicht daß wir ihn, sondern daß er uns geliebt hat. Unter «Prophetengaben, Zungenrede, Erkenntnis», von denen Paulus sagt, daß sie «aufgehoben» werden, d.h. daß sie eine Grenze (unsere eigene Grenze) haben, gehört zweifellos auch das Bekenntnis der Kirche. Seine Wahr­heit ruht in seinem Gegenstande, nicht in ihm selber, also in Gottes Offenbarung, nicht in dem, was es über sie zu sagen hat. Also damit ist oder wird man in der Tat kein Christ, daß man das Bekenntnis nachsagt. Wohl aber damit, daß uns die Offenbarung angeht, daß man sich von ihr gesagt sein läßt, was sie sagt, und daß man dann, in welcher menschlichen Unvollkommenheit immer, nachsagt, was uns vorgesagt ist. Wir setzen nun voraus, daß Gottes Offenbarung den «modernen Menschen» genau so angeht, wie sie den antiken und den mittelalterlichen Menschen anging und wie sie den Menschen des Jahres 3000 angehen wird. Was sollten wir denn zu Weihnacht Besseres tun als eben mit dieser Voraussetzung an alles Volk herantreten? Der Engel in der Christnacht hat diese Voraussetzung offenbar auch gemacht.

Wir setzen voraus, daß der «moderne Mensch», der dies liest, es sich eben jetzt wieder einmal sagen läßt: Du liebst nicht nur mit jener Liebe, die aufhört, sondern du bist geliebt mit der Liebe, die nimmer aufhört, die du gar nicht verdient hast und gar nicht erwi­dern kannst. Es dürften aber dann, auf Grund dieser Voraussetzung, andere Fragen am Platze sein als die betrübte und auch ein wenig langweilige und geistlose liberale Frage: «Muß man denn das glauben?» Was heißt müssen? Man muß ja gar nicht! Kein Mensch muß müssen! Aber man kann vielleicht nicht anders, und dann darf man vielleicht glauben! Man hat dann vielleicht kein Vergnügen mehr daran, das Bekenntnis der Kirche als eine «Ansicht» (eine etwas veraltete Ansicht wahrscheinlich) aufzufassen, der man nun, wie es bei Ansichten so üblich ist, fröhlich diskutierend seine eigene «Ansicht» gegenüberzustellen sich beeilen müßte, sondern man hört es dann, weil man ja dann selber auch in der Kirche ist, nur schon darum, weil es das Bekenntnis der Kirche ist, allen individuellen Bedenken zum Trotz minde­stens mit Respekt, mit der Disziplin, der die eigene «Ansicht» jedenfalls nicht das Maß aller Dinge ist.“

Hier der vollständige Text als pdf.

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