„Wir alle wissen, wie das ist: »Ich bin so frei«“ – Friedrich Mildenberger über Freiheit in SEINER Sprache

mildenberger

Wer einen Einblick in die theologische Arbeit Friedrich Mildenbergers gewinnen will, ist mit seiner Abschiedsvorlesung „Freiheitsverständnisse und ihre Folgen“ vom 25. Februar 1994 gut bedient. Da weiß er es mit dem Idealismus Fichtes aufzunehmen, um schließlich exegetisch sachkundig den Prediger, also Kohelet anzuführen:

„Doch nun will ich auf einige Texte des Prediger eingehen, die auch auf Freiheit hinweisen, aber auf eine Freiheit ganz eigener Art. Ich setze ein mit der Sentenz Prediger 9,11.12: »Wiederum sah ich, wie es unter der Sonne zugeht: Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein, um Gunst zu finden hilft nicht Kenntnis, sondern alles liegt an Zeit und Glück.« Es muß sich treffen: so will ich interpretieren. Nur dann kann glücken, was sich einer vorgenommen hat. Was da als Zeit und Glück dem Ich mit seinem Wollen entgegenkommt, das läßt leben. Und nur dann kommt dieses Wollen zum Ziel, wenn ihm entgegenkommt, was es braucht. Freilich muß dann sofort auch die Negativität genannt werden, wie sie das Sprechen des Predigers ebenso prägt: Auch das kommt unverfügbar entgegen, was diesem Lebenswillen sein Ende setzt: »Auch weiß der Mensch seine Zeit nicht, sondern wie die Fische gefangen werden mit dem verderblichen Netz und wie die Vögel mit dem Garn gefangen werden, so werden auch die Menschen verstrickt zur bösen Zeit, wenn sie plötzlich über sie fällt.« So wird da auf das gewisse Ende unseres Lebens gezeigt; seine Zeit hat ja keiner in der Hand. Doch ist das gerade nicht Grund zur Resignation oder gar zu einem Fatalismus, der nur noch die Hände in den Schoß legen kann, weil sich ja doch nichts ändern lasse. Vielmehr werden wir mit solchem Sprechen in das eingewiesen, was da ist.

»Sieh an die Werke Gottes; denn wer kann das gerade machen, was er krümmt?« Sicher, wir sind immer dabei, vor allem in unserem Planen und Projektieren, uns solch eine gerade und gelegene Welt, ein Außen, das uns zupaß kommt, zurechtzubiegen. So sind die gemeinsamen Projekte und so sind die individuellen Projekte, mit denen wir ständig umgehen. Solches Planen und Projektieren hängt ja unmittelbar zusammen mit den Freiheitsverständnissen, auf die ich hinngewiesen habe. Aber da legt sich so eine Sentenz quer: Die Welt, die wir uns von innen heraus entwerfen, das ist die glatte, die gerade und eingängige Welt, in der es gelingen muß. Doch Kohelet zeigt auf das, was da ist. Gottes Werke nennt er das, sein Schöpferwirken. Krumm nennt er das, und jeder, der das hört, der hört bei einem solchen Sprechen mit: Das Gerade ist das Gute und das Krumme ist das Schlechte. Aber genau so legt Gottes Wirken unseren so geraden Plänen und unseren so glatten Projekten einen Riegel vor! »Sieh es doch, du freier Wille, der sich von innen heraus seine Welt erschaffen will, diese glatte und gerade Welt, in der unsere Pläne gewiß gelingen. Krumm kommt, was da von Gott entgegenkommt.«(Pred 7,13) Aber dabei läßt es der Prediger nicht, sondern setzt seinen guten Rat dazu: »Am guten Tag sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.«(Pred 7,14) Wir alle wissen, wie das ist: »Ich bin so frei«, sage ich, wenn ich irgendwo zu Gast bin und mir ein Stuhl oder auch ein Glas Wein angeboten wird. Dazu fordert der Prediger auf, zu solcher Freiheit: »Am guten Tag sei guter Dinge«, – sei so frei, diese Zeit anzunehmen. Und Luther hat das noch unterstrichen, indem er die zweite Hälfte des Satzes so übersetzte: »und den bösen Tag nimm auch für gut. Denn diesen schafft Gott neben jenem, daß der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.« Sicher ist das eine sehr freie Übertragung Luthers. Aber warum sollte er nicht so umschreiben, um damit die Aufforderung zu unterstreichen: sei so frei! Frei, bei dem zu bleiben, was dir gerade zukommt, auch wenn es nicht zu passen scheint. Jesus konnte ja auch so reden: »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat.«(Mt 7,34)“

Hier der vollständige Text der Abschiedsvorlesung als pdf.

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