Wilhelm Vischer – Die Kirche und die Juden (Urfassung für das Betheler Bekenntnis von 1933)

Wilhelm Eduard Vischer (1895-1988)

Wilhelm Eduard Vischer (1895-1988)

Ein theologische interessantes Dokument zum Verhältnis von Kirche und Judentum sind Wilhelm Vischers zehn Thesen, die dieser im Sommer 1933 als Kapitelvorlage „Die Kirche und die Juden“ für das sogenannte „Betheler Bekenntnis“ verfasst hatte. Sie wurden von Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse für die vom 15. August bis Anfang Sep­tember 1933 auf dem Lindenhof in Bethel tagende Textkommission redigiert, bevor dann eine – wohl im Sinne Friedrich von Bodelschwinghs d. J. – korrigierte Endfassung im November 1933 von Martin Niemöller veröffentlicht wurde. Diese Endfassung fand jedoch nicht länger die Zustimmung von Vischer. Dazu hat Hans Prolingheuer dargestellt, wie Vischers zehn Thesen redaktionell sukzessive „entschärft“ worden sind.

  1. Wir glauben und bekennen, daß Gott unter allen Völkern der Erde Israel auserwählt hat zu seinem Volke, allein in der Kraft seines Wortes und um seiner Barmherzigkeit willen, keines­wegs auf grund eines natürlichen Vorzugs (2.Mose 19,5; 5. Mose 7,7-11).
  2. Der Hoherat und das Volk der Juden haben den durch das Gesetz und die Propheten ver­heißenen Christus Jesus verworfen nach der Schrift. Sie wollten einen nationalen Messias, der sie politisch befreien und ihnen die Weltherrschaft bringen sollte. Das war und tat der Chri­stus Jesus nicht. Er starb durch sie und für sie.
  3. Durch die Kreuzigung und Auferweckung des Christus Jesus ist der Zaun zwischen den Juden und den Heiden abgebrochen (Epheser 2). An die Stelle des alttestamentlichen Bundes­volkes tritt nicht eine andere Nation, sondern die christliche Kirche aus und in allen Völkern.
    Wir verwerfen jeden Versuch, in irgendeinem Sinne die Sendung des deutschen oder eines an­deren Volkes mit dem heilsgeschichtlichen Auftrag Israels zu vergleichen oder zu verwech­seln.
  4. Es kann nie und nimmer Auftrag eines Volkes oder einer Regierung sein, „an den Juden den Mord von Golgatha zu rächen“, „Mein ist die Rache, spricht der Herr“ (5. Mose 32,25; Heb. 10,30).
  5. Gott preist seine Treue dadurch überschwenglich, daß er Israel nach dem Fleisch, aus wel­chem Christus nach dem Fleisch hergekommen ist, trotz aller Untreue auch nach der Kreuzi­gung des Christus noch die Treue hält. Er will die Erlösung der Welt, die er mit dem Heraus­rufen Israels angefangen hat, mit den Juden auch vollenden (Röm. 9-11). Darum bewahrt er von Israel nach dem Fleisch einen heiligen Rest, der weder durch Emanzipation noch durch Assimilation in einer anderen Nation aufgehen, noch durch zionistische Bestrebungen eine Nation unter den Nationen werden, noch durch pharaonische Maßnahmen ausgerottet werden kann. Dieser heilige Rest trägt den character indelebilis des auserwählten Volkes, der nicht zu verwechseln ist mit ‚dem gelben Fleck auf schwarzem Grund‘, durch den die Völkischen die Juden brandmarken wollen.[1]
    Wir verwerfen jeden Versuch, das Wunder dieser besonderen Treue Gottes gegenüber Israel nach dem Fleisch als einen Beweis für die religiöse Bedeutung des jüdischen oder eines ande­ren Volkstums zu mißbrauchen.
  1. Die Kirche hat von ihrem Herrn den Auftrag empfangen, die Juden zur Umkehr zu rufen und die Glaubenden auf den Namen Jesu Christi zu taufen zur Vergebung der Sünden (Matth. 10,5ff.; Ap. Gesch. 2,38ff., 3,12-26). Eine Judenmission, die aus kulturellen Erwägungen oder unter politischem Drucke sich weigert, überhaupt noch Judentaufen zu vollziehen, verweigert ihrem Herrn den Gehorsam.
  2. Der gekreuzigte Christus ist den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit (1. Kor. 1,22ff.). Er entspricht dem religiösen Ideal der jüdischen Seele ebensowenig wie dem religiö-sen Ideal der deutschen Seele. Auch einem Juden kann nicht Fleisch und Blut den Glauben an ihn geben, sondern allein der Vater im Himmel durch seinen Geist (Matth. 16,17). Die Be­hauptung, der Glaube des Judenchristen sei im Unterschied von dem des Heidenchristen blut­gebunden, verwerfen wir als judaistische Schwärmerei.
  3. Die Gemeinschaft der zur Kirche Gehörigen wird nicht durch das Blut und also auch nicht durch die Rasse, sondern durch den heiligen Geist und die Taufe bestimmt. Wenn die deut­sche evangelische Kirche die Judenchristen ausschließen oder als Christen zweiter Klasse behandeln würde, würde sie aufgehört haben, christliche Kirche zu sein (Barth).[2]
  4. Wir lehnen die Bildung judenchristlicher Gemeinden ab. Denn die falsche Voraussetzung dafür ist, entweder daß die ‚deutsche Reichskirche die Kirche der Christen arischer Rasse‘ sei; oder daß das Besondere der Judenchristen auf der gleichen Ebene liege wie z.B. die geschicht­lich bedingte Besonderheit der französischen Refugiantengemeinden in Deutschland; oder daß die Christen aus dem Judentum ein ihrer Art gemäßes Christentum entwickeln müßten. Das Besondere des Judenchristen ist nicht in seiner Rasse oder Art oder Geschichte begründet, sondern allein in der Treue Gottes gegenüber Israel nach dem Fleisch (auf die in These 5 hin­ge­wiesen ist). Dadurch, daß der Judenchrist gerade nicht in irgendeiner gesetzlichen Weise besonders gestellt wird in der Kirche, ist er in ihr ein lebendiges Denkmal der Treue Gottes und ein Zeichen dafür, daß der Zaun zwischen Juden und Heiden niedergelegt ist, und der Christusglaube nicht in der Richtung auf eine Nationalreligion verfälscht werden darf. Die aus dem deutschen Volkstum stammenden Christen müssen eher sich selbst der Verfolgung aus­setzen, als die durch Wort und Sakrament gestiftete Bruderschaft mit dem Judenchristen frei­willig oder gezwungen auch nur in einer einzigen Beziehung preisgeben. Die Judenchri­sten müssen zu allen Ämtern der Kirche den gleichen Zutritt haben wie die anderen. Wenn das Studentenrecht oder irgendein der Kirche fremdes Recht den Judenchristen das theologi­sche Studium unmöglich macht, dann muß die Kirche dagegen protestieren und den Juden­christen einen anderen Weg zum Pfarramt auftun.
  5. „Gott, der die Welt gemacht hat, hat von Einem Blut alle Völker abstammen und sie auf dem ganzen Erdboden wohnen lassen und hat zum voraus die Zeiten und die Grenzen ihres Wohnens bestimmt, damit sie den Herrn suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten. Jetzt aber stellt er durch die Botschaft des Evangeliums jedes Volk und jeden Ein­zelnen in das Gericht vor den Einen Mann, durch den er beschlossen hat, den ganzen Erdkreis zu richten“ (Ap. Gesch.17). Dem deutschen Volke das Evangelium von Jesus Christus zu ver­kündigen, zum Gericht und zur Rettung durch den Einen Mann, ist die Aufgabe der evangeli­schen Kirche in Deutschland: nicht aber ein artgemäßes deutsches Christentum auszubilden.

Wilhelm Vischers „Urfassung“ befindet sich im Karl-Barth-Archiv Basel. Der Wortlaut wird zitiert nach Ernst Busch, „Die Kirche und die Juden“ – Der Beitrag Wilhelm Vischers zum „sogenannten Betheler Bekenntnis“, in: M.L. Frettlöh/H.P. Lichtenberger (Hg.), Gott wahr nehmen. Festschrift für Christian Link zum 65. Geburtstag, Neukirchen-Vluyn 2003, 41-52.

[1] Vischer nimmt bezüglich dem „heiligen Rest“ Israels bzw. dem „Wunder der Treue Gottes gegenüber Israel“ Formulierungen aus dem 17. Leitsatz der „72 Leitsätze zur judenchristlichen Frage“ von Hans Ehrenberg auf.

[2] These 8 stammt als wörtliches Zitat aus: Karl Barth, Theologische Existenz heute!, München: Chr. Kaiser 1933, S. 24ff.

Hier der Text als pdf.

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