Gerhard von Rad – Die Diskussion über die Leiden Hiobs

William Blake - Hiob wird von seinen Freunden zurechtgewiesen (1801)

William Blake – Hiob wird von seinen Freunden zurechtgewiesen (1801)

Gerhard von Rad hatte sich im Oktober 1961 in zwei Vorträgen für den damaligen Südwestfunk des Buchs Hiob angenommen. Hier der zweite Beitrag:

Die Diskussion über die Leiden Hiobs

Von Gerhard von Rad

Das Buch Hiob zerlegt sich, wie wir neulich schon streiften, auch für den ungelehrten Leser in zwei verhältnismäßig ungleiche Teile: in die Prosaerzählung von dein ganz in Gott geborge­nen und ergebenen Hiob und in den großen Dialogteil. (mit 39 Kapiteln), der offenbar später in die einfache Prosaerzählung hineingedichtet wurde und der gegenüber der älteren Lehrer­zählung einen ganz neuen Horizont von religiösen Fragen und Anfechtungen auf­reißt.

In formaler Hinsicht ist die jüngere Dichtung fast nahtlos in die ältere eingepaßt. Dort war noch erzählt worden, daß drei Freunde den von Geschwüren bedeckten Hiob drau­ßen auf dem Kehrichthaufen vor der Ortschaft besucht haben, wo hinaus er sich als ein unrein Gewordener bege­ben hatte. Und dann sagte der Erzähler noch: »Und da sie ihre Augen aufhoben, erkann­ten sie ihn nicht. Sie hoben ihre Stimme auf und weinten … und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm, denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war« (2, 12 f.). Ist das nicht ein geradezu monumentaler Gestus des Beileids, dieses Verstummen von Männern, die gekommen waren, um zu trösten? Hier wird nichts zerredet, hier wird das Leid zunächst einmal in seiner Größe anerkannt. Das Schweigen wird dann nicht alles sein; aber wenn sie dann reden, dann tun sie es als die, die vorher lange ge­schwiegen haben. Der erste, der das lange und schreckliche Schweigen bricht, ist Hiob, und nun — mit Kapitel 3 — [86] sind wir in die jüngere Dichtung hinübergewechselt. Das ist ja nun auch ein anderer Hiob, der sich jetzt vernehmen läßt. Er verflucht sein Leben und den Tag seiner Geburt: »War­um bin ich nicht gestorben vom Mutterleib an? … Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen …, die des Todes warten, und er kommt nicht?« Diese Klage Hiobs ist ge­wissermaßen die Ouvertüre zu dem großen nun folgenden dreiteiligen Dialog.

Jeder der Freunde spricht, worauf der Dichter Hiob ant­worten läßt. So kommt es, daß Hiob viel öfters zu Wort kommt, und so wollte es der Dichter auch, denn das Schwergewicht des Dialogs liegt in den großen Monologen Hiobs. In ihnen hat der Dichter sein Wichtigstes aus­gespro­chen; aber das darf uns nun ja nicht dazu verführen, das Gewicht der Freundesreden zu bagatellisieren. Es ist eine etwas primitive Auslegung — und leider herrscht sie weit­hin —, daß man alles, was die Freunde sagen, von vorn­herein als falsch, ja womöglich als heuchle­risch verdächtigt. So einfach liegen die Dinge nun doch nicht.

Schon die erste Rede des Eliphas ist ein Meisterwerk vor­sichtiger seelsorgerlicher Anrede. Er spricht Hiob darauf an, wie er ja selber, wo es nottat, andere unterwiesen und getröstet hat. Und dann rät er ihm: »Ich würde mich an Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen« (5, 8). »Siehe, selig ist der Mensch, den Gott züchtigt, darum wei­gere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht; er ver­letzt und er verbindet, er zerschlägt und seine Hand heilt« (5, 17 f.). Durfte man derlei Hiob nicht sagen? Eliphas hat kein Generalrezept, aber aus ihm spricht die Erfahrung der Gemeinde, und er meint, Hiob täte gut, sie zu bedenken. Ganz ähnlich ermahnt Bildad später im B. Kapitel den Hiob, die Weisheit und Erfahrung der vorigen Geschlech­ter ernst zu nehmen: »Denn wir sind von gestern her und wissen nichts.« Wer über das Leid spricht, so meint Bildad, kann doch nicht so tun, als ob er der erste Leidende wäre! Und war das nicht die Schwäche der Position Hiobs? Er kämpft seinen Kampf mit Gott in einer eisigen Isolierung, als ob Gott nie seinen Willen und seine Pläne mit den Men-[87]schen den Erzvä­tern oder dem Mose oder den Propheten geoffenbart hätte. Hiob lebt das von Anfechtungen umla­gerte, geschichtslose und gemeindelose Leben eines Men­schen, der ganz auf sich geworfen ist und zu dem die ge­samte reiche Glaubensüberlieferung seiner Väter nicht mehr spricht. Das ist nun auch einer der wesentlichsten Gründe für seine Unfähigkeit, auf die Freunde zu hören. Der Leser hat das bedrückende Gefühl, daß diese paar miteinander reden­den Menschen im Grunde Monologe führen; es ist wie eine Mauer zwischen ihnen, sie sind Menschen, die aus dem Gefängnis ihrer Gedanken und ihrer Erlebnisse nicht her­auskönnen. Ich muß mich nun im Folgenden darauf be­schränken, aus den Hiobmonologen zwei Linien nur eben anzudeuten, an denen man doch — so schwer das auch dem Leser fällt — etwas wie einen Gedankenfortschritt bemer­ken kann. Das Merkwürdige freilich ist dies, daß sich diese beiden Linien derart überschneiden, daß sie gedanklich kaum mehr zur Deckung gebracht werden können.

Gleich nach der ersten Eliphas-Rede antwortet Hiob mit einem Gedanken, den er so bald nicht mehr loslassen wird: »Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir.« Er fühlt sich von Gottes Giftpfeilen angeschossen, »ihr Gift muß mein Geist trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet« (6, 4). Dieser Gott, den Hiob im Auge hat, ist der Feind des Menschen, er bedroht und schreckt ihn; dieser Gott ist ein dunkler Gott, demgegenüber der Mensch immer den Kürzeren zieht. Wie könnte der Mensch je vor ihm recht haben, »hätte er Lust mit ihm zu hadern, so kann er ihm auf tausend nicht eines antworten« (9, 3). »Siehe, wenn er hinreißt, wer will ihm wehren, wer will zu ihm sa­gen, was machst du?« (9, 12). Aber packt ihn einer­seits das helle Entsetzen vor den Dunkelheiten Gottes, so — und das ist nun die andere Linie — kommt er doch nicht von ihm los, ja er ist geradezu fasziniert von Gottes Größe, die alle menschlichen Vorstellungen überschreitet.

Aber kaum hat sich Hiob für diesen Gott vor seinen Freun­den ereifert, da fühlt er sich von ihm abgestoßen, ja zu­tiefst bedroht. Er kann sich dieses Interesse, das Gott am [88] Menschen hat, nicht erklären: »Was ist ein Mensch, daß du ihn groß achtest und bekümmerst dich um ihn? Warum tust du dich nicht von mir und lässest mich nicht, bis ich nur meinen Speichel schlinge?« (7, 17. 19). Diese negative Linie, also die eines wachsenden Erschreckens vor Gott, er­reicht einen gewissen Tiefpunkt im Kapitel 16, wo sich ihm das Angesicht Gottes über ihm geradezu zur Teufelsfratze verzerrt hat: Gott knirscht mit den Zähnen, er wetzt über ihm seine Augen (die griechische Übersetzung spricht hier von Augendolchen), »er hat mich beim Genick gepackt …, er hat meine Nieren gespalten, er hat meine Galle auf die Erde geschüttet …, mein Antlitz ist vom Weinen gerötet, und tiefes Dunkel liegt auf meinen Wimpern«. Hier ist Hiob auf eine Nachtseite Gottes gestoßen, deren Schrecken in Jahrtausenden vielleicht nur wenige erfahren.

Aber nun — psychologisch kaum mehr vorstellbar — springt er wieder auf die andere Linie über. In unbegreif­licher Kühnheit festigt sich ihm die Überzeugung, daß Gott sein Geschöpf nicht fallen lassen wird. »Schon jetzt lebt im Himmel mir ein Zeuge … Zu Gott blickt tränend mein Auge auf, daß er Recht schaffe dem Manne gegen Gott«, und wenig später: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« (19, 25). Das ist einer der Höhepunkte der anderen Linie. Hier hat Hiob den Gott gefunden, der ihn wert achtet und nicht wie einen Wurm zertritt.

Aber so erbaulich einfach ist das nun doch nicht; Hiob steht in einer äußersten Dramatik des Glaubens; das Got­tesbild hat sich ihm beinah in zwei Aspekte zerrissen, denn er appelliert allen Ernstes an den Freund Gott gegen den Feind Gott, der ihn zerstört. Am Ende des 31. Kapitels hat sich diese Gewißheit zu einem fast schwindelnden religiösen Selbstbewußtsein gesteigert: »Ach, daß ich einen hätte, der mich hörte! Hier, meine Unterschrift! Der Allmäch­tige gebe mir Antwort … wie ein Fürst wollte ich ihm nahen.« Hier kann man nun ganz deut­lich sehen, worum es Hiob letztlich ging. Nicht, wie man so oft sagt, um die Lösung des Lei­densproblems, sondern um sein Gottesverhältnis, ganz einfach um die Frage, ob dieser ihm so unverständ-[89]lich und schrecklich gewordene Gott sein Gott ist, dessen er sich trösten kann.

Auf die letzte Herausforderung Hiobs antwortet Gott in einer Rede, die ihn mit Kaskaden von Fragen überschüttet. Was verstehst du schon von der Schöpfung, vom Licht, vom Regen, von den Gestirnen und besonders von der Tierwelt? Kannst du sie versorgen? Kannst du das Wer­fen der Steinziege überwachen und das Treiben der Wildesel? Ein feiner Unterton kann dem Leser nicht entgehen. Mit seiner Rationalität kommt da der Mensch nicht weiter, und Nütz­lichkeitserwägungen werden vollends zuschanden. Den Regen, das Kostbarste im Haushalt der Natur, schüt­tet Gott über der Steppe aus, und die Wildesel, die fern von aller menschli­chen Ökonomie ihr Wesen treiben, sind wirklich in kein menschliches Wertsystem mehr ein­zuord­nen. Aber vor allem ist dies merkwürdig, wie sich die Situation gewandelt hat. Der Frager findet sich plötzlich als der Gefragte vor und ist mit einemmal völlig in die Defensive gedrängt. Kein Zweifel, diese Flut von Fragen enthält zunächst etwas sehr Einfaches, nämlich eine ho­heitsvolle Abweisung Hiobs. Aber der wäre ein Stock, der nicht noch etwas anderes heraushörte, nämlich diesen Un­terton einer Freude Gottes an seiner Schöpfung, der er in väterlicher Fürsorge zugetan ist. Diese Flut der Fragen, von denen Hiob in die Enge getrieben wird, ist eben doch nicht nur niederdrückend. Ja, wirbt nicht Gott um Hiob, um ihn teilneh­men zu lassen an seiner Schöpferfreude? Laß doch diese Welt voller Rätsel sein, denn diese Rätsel ruhen am Herzen Gottes! Ist also nicht das die Lehre der großen Gottesrede: Der Mensch kann Gottes Weltregierung nie begreifen, aber er kann sie anbeten. Und so antwortet Hiob denn auch: »Ich habe erkannt, daß du alles ver­magst; … vom Hörensagen habe ich von dir gehört, nun aber hat dich mein Auge gesehen, darum widerrufe ich und bereue in Staub und Asche« (42, 2. 5 f.). Vom Hörensagen nur hat er von Gott gehört, nun aber hat ihn Gott doch zu finden gewußt. Er ist einer Anrede Gottes gewürdigt wor­den — nicht eines lüsternen Einblickes in göttliche Geheim-[90]nisse. Es ist mehr: eines Blickes auf das anbetungswür­dige Walten Gottes, ja sogar eines Blickes in das Herz Gottes, an dem alle Geheimnisse der Welt und des Menschenlebens ruhen.

Evangelische Ansprache im Südwestfunk, Oktober 1961.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 85-90.

Hier der Text als pdf.

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