Gerhard von Rad – Die Erzählung von den Leiden Hiobs

William Blake - Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von 1821)

William Blake – Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von 1821)

Von Gerhard von Rad stammt der oft zitierte Spruch „Die legitimste Form theologischen Redens vom Alten Testament ist […] immer noch die Nacherzählung“ (Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, 3. A., München 1961, S. 126). Das Nacherzählen biblischer Geschichten hat von Rad immer wieder selbst praktiziert. So sind eine Reihe seiner Nacherzählungen in dem postum herausgegebenen Band „Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament“ (Neukirchen-Vluyn 1974) veröffentlicht. Hier die Erzählung von den Leiden Hiobs:

Die Erzählung von den Leiden Hiobs

Von Gerhard von Rad

Das Buch Hiob ist eine antike Dichtung von übergroßem Format. Eine antike Dichtung! Muß ich es sagen, daß wir nicht wie an ein modernes Literaturwerk mit ganz be­stimmten Erwartun­gen herantreten dürfen? Wir sollten überhaupt nichts Bestimmtes erwarten, sondern so gut es irgend geht, uns öffnen für seine Besonderheit, seine be­stimmte literarische Art und für seine religiösen Probleme. Die Dichtung besteht, wie jeder sehen kann, aus zwei sehr verschiedenen Teilen: aus der mehr volkstümlichen Rah­menerzählung und den Dialogen. Die erstere ist episch-prosaisch, die Dialoge dagegen gehen im höchsten poeti­schen Stil einher.

Wir haben es heute nur mit der episch-prosaischen Erzäh­lung zu tun (Hi. 1-2; 42, 7 f.). Ihr zufolge war Hiob — wir würden heute sagen — ein unermeßlich reicher Scheich, der am Ost­rand des palästinischen Kulturlandes lebte. Aber er war nicht nur ein reicher, sondern auch ein guter und frommer Mann, der mit seiner großen Kinderschar ein Leben führte, das tief in frommer, patriarchalischer Sitte verwurzelt war. So hört also der Leser am Anfang das, was er zu allen Zeiten mit Befriedigung zur Kenntnis nimmt: den Einklang von Wohlverhalten und Wohlerge­hen. Aber der Leser weiß auch, daß gerade an diesem Punkt das große Problem aufbrechen wird. Der erste Abschnitt der Erzählung hatte nur von Zuständen gesprochen: So und so verhielt es sich mit Hiob. Man kann also diese ersten fünf Verse ohne weiteres als Exposition bezeichnen. Die eigentliche Handlung beginnt erst jetzt, und zwar führt [80] uns die erste Szene — wir fühlen uns unwillkürlich an die Szenenfolge eines Bühnenstückes erin­nert — hinauf in den Himmel.

Da herrscht nun freilich keine süßliche Atmosphäre. Es ist gerade Audienztag, da sich die himmlischen Engelwesen vor dem Himmelskönig einzustellen haben, da sie berich­ten und Befehle empfangen. Und da war auch der Verkläger erschienen. Aber nun müssen wir recht genau hinhören und uns vor allem hüten, die Figur, die uns der Dichter zeigt, mit der populä­ren Teufelsvorstellung zu verstellen. Der Verkläger gehörte zu den himmlischen Wesen; ja Gott nimmt ein besonderes Interesse an ihm: Er fragt ihn, bevor er selbst zur Berichterstattung gekommen ist. Auf die Fra­ge, wo er denn herkäme, antwortet der Verkläger — man muß doch sagen: etwas patzig — »vom Umherstreifen auf der Erde«. Immerhin das entnehmen wir der Antwort, daß das seine Aufgabe war, die Erde mit offenen Augen zu durchstreifen, um darauf zu achten, ob in dem weiten Reich des himmlischen Königs irgendwo etwas Unrechtes ge­schah. Das hatte er dann zu melden. Aber Gott, der Herr, hat sich von der etwas nichtssagen­den und offenbar ausweichenden Antwort des Verklägers nicht abweisen lassen; er fragt nun direkt nach Hiob, dem ganz Rechtli­chen und untadelig Frommen, an dem doch auch das scharfe Auge des Verklägers nichts Böses finden könne. Das war nun freilich eine deutliche Herausforderung des Verklä­gers, der nun mit einem Schlag aus seiner Reserve heraus­tritt: »Dient Hiob Gott wirklich umsonst?« Wie ein Stein fällt diese Frage in die Szene. Der Ver­kläger bestreitet Hiobs Frömmigkeit durchaus nicht; er setzt an einem viel interessanteren Punkt ein, denn er stellt die Frage nach den Motiven. Wenn es einem so gut geht, wenn Gott einen allenthalben so segnet, dann ist es leicht, fromm zu sein.

Hinter dieser Argumentation steht also die Frage, ob es das überhaupt gibt, eine Frömmigkeit »sonder Lohne«. Ist der Mensch nicht allenthalben, also auch in seiner Fröm­migkeit, ein Egoist? Wir fragen nebenbei: War diese Ge­genfrage des Verklägers etwas Unrechtes, etwa gar Teufli-[81]sches? Nein, sie war eine echte, ernste Frage, und letztlich wahrt der Verkläger mit diesem Einwand ein Interesse Gottes. Gott gibt ihm auch sofort freie Hand, das zu unter­suchen. Gott hat also ein Interesse daran, daß das klarge­stellt wird; er hat sich ja vor den Ohren aller Himmlischen für Hiob und die Echtheit seiner Frömmigkeit verbürgt. Der Verklä­ger verläßt die Szene.

Die nächste Szene führt uns auf die Erde. Diese Technik des Erzählers, sozusagen mit zwei Bühnen zu arbeiten, einer himmlischen und einer irdischen, macht das ganze Geschehen für den Leser sehr hintergründig. Er ist nun Mitwisser der himmlischen Vorgeschichte der Prü­fung Hiobs, während Hiob natürlich keine Ahnung von alle­dem hat. Schrecklich fahren die Unglücksschläge auf ihn nieder, kaum hat der eine Unglücksbote ausgeredet, da erscheint schon der nächste: Die Rinderherden, die Schaf­herden, die Kamelherden, und schließlich kommen Hiobs Kinder in einem der gefürchteten Wirbelstürme um. »Da stand Hiob auf, zerriß sein Kleid, fiel auf die Erde und betete an: Nackt bin ich von meiner Mutter Leib gekom­men, nackt werde ich wieder dahin fahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«

Sicher wäre es ganz falsch, Hiob für einen unberührbaren Stoiker zu halten, sozusagen für einen Akrobaten der Selbstbeherrschung, der sich auf eine fast übermenschliche Weise zusammennehmen konnte. Nein, Hiob ist ganz Mensch; das Entsetzen treibt ihn hoch; er ist zutiefst ver­wundet und gibt das durch das landesübliche Trauerzeremoniell deutlich zu erkennen. Aber in und trotz seinem großen Leid, das ihn tief niederbeugt, bleibt er in seiner Frömmigkeit doch geborgen. Was er da sagt: der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genom­men, das ist wohl nichts besonders Tiefsinniges, eher schon etwas ganz Ein­faches, Wahres, dessen Logik einfach zwingend ist. Hat Gott gegeben, so kann er auch nehmen. Darunter beugt sich Hiob.

Denken wir aber zurück an die vorausgegangene Szene im [82] Himmel, so ist klar, daß alle Himmlischen, die dem Ge­spräch Gottes mit dem Verkläger zugehört haben, mit Spannung auf Hiob herabgesehen und auf seine Reaktion gewartet haben. Hiob hat an Gott festgehalten; er hat kei­neswegs, wie es der Verkläger erwartet hatte, Gott und dem Glauben den Laufpaß gegeben. Wir warten deshalb mit Spannung darauf, wie sich das zweite Gespräch Gottes mit dem Verkläger entwickeln wird, denn — so denkt der Leser — was bleibt dem Verkläger anderes, als sich als geschlagen zu bekennen? Überraschenderweise ist er es aber keineswegs. Als Gott ihm mit einem deutlichen Unterton des Vorwurfs vorhält, daß Hiob nach wie vor an seiner Frömmigkeit festhalte, da gibt der Verkläger zur Ant­wort: »Haut um Haut; was ein Mensch hat, das gibt er für sein Leben.« Das ist nun wieder ein in seiner Art gewalti­ges Wort. Der Mensch, wie ihn der Verkläger zu kennen meint, ist ein kalter Egoist; letztlich geht ihm sein eigenes Leben über alles, und für das wirft er alles über Bord. Die erste Probe und ihr Resultat besagt also noch nichts. Geht es dem Menschen aber ans eigene Leben, dann ist er zu allem fähig, dann erst kommt sein eigentlicher Zynismus ans Tageslicht.

Eine schreckliche Behauptung; aber es verhält sich wie in der ersten Szene: Gott erkennt das Recht dieser Argumen­tation an. Der Verkläger soll eine weitere Prüfung veran­stalten. Daraufhin wird Hiob mit schrecklichem Geschwür geschlagen. Er muß den Kreis der Gesun­den verlassen. Wortlos nimmt er das Los der rituell unrein Gewordenen auf sich und legt sich in den Kehrichthaufen draußen vor der Siedlung, und hier bekommt er den Besuch seiner Frau. Als sie Hiob in seinem grenzenlosen Elend leiden sah, gibt sie ihm den bündigen Rat: »Fluche Gott und stirb!« Das soll nun schwerlich als ein Abgrund menschlicher Fühllo­sigkeit verstanden werden. Die Frau ist nur, wie die Men­schen eben sind. Solange sie von Gott etwas zu haben glau­ben, halten sie es mit ihm, aber nur so lange. So kommt es also genau so, wie es der Verkläger vorhergesagt hatte — bei der Vertreterin des Durchschnitts, aber nicht bei Hiob! [83]

Er fährt bei dieser Zumutung auf: »Du redest, wie die närrischen Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht annehmen!« Wieder gilt, was wir schon vorhin sagten: Das soll kein Fortissimo­effekt der Selbstbeherrschung sein, sondern nur etwas ganz Einfaches und Selbsteinleuchtendes. In seiner Gottangehö­rigkeit ist Hiob so geborgen, daß er die Zumutung der Frau im Grunde gar nicht versteht. Man kann doch Gott nicht nur als den Geber des Guten bejahen, aber sich dann wei­gern, ein Leid aus seiner Hand zu nehmen. Damit ist der Verkläger nun geschlagen. Es kommt natürlich zu keinem weiteren Gespräch Gottes mit ihm; der Fall ist zu klar. In der alten Prosadichtung muß dann schnell die Wieder­her­stellung des Wohlstandes und der Gesundheit Hiobs er­zählt worden sein, was wir jetzt im 42. Kapitel des Buches lesen. »Und dann starb Hiob alt und lebenssatt.«

Die Prosaerzählung von Hiob trägt alle Merkmale einer Lehrerzählung an sich. Es geht ihr zunächst einfach um die Frage, ob es eine echte, eine ganze und selbstlose Frömmig­keit gibt. Aber da Gott, der Herr, diese Frage dem Verklä­ger gegenüber schon im voraus positiv ent­schieden hat, geht es des weiteren darum zu zeigen, wie ein Mensch — wie es Herder einmal schön ausgedrückt hat — das Ehren­wort Gottes, mit dem sich Gott für ihn verbürgt hat, ge­rechtfertigt hat. Der Verkläger ist in dem ganzen Gesche­hen im Grunde eine nebensächliche Figur; er ist kein teuf­lischer Widersacher Gottes, vielmehr eine Art himmlischer Staatsanwalt, mit dem Gott sich unterhält und dessen Argumentation er ernst nimmt. Sonst hat er keine Befug­nis. Bezeichnenderweise sagt Hiob nicht: »Der Herr hat’s gegeben, der Satan hat’s genommen.« Hiob hat es aus­schließlich mit Gott zu tun. Aber das, was Hiob sagt, das ist entscheidend, denn — wieder hat Herder es prächtig formuliert —: Dieser Hiob leidet als der Ruhm und Stolz Gottes. Dieser auf den Kehricht geworfene Mensch, der, wie wir schon sag­ten, keine Ahnung hatte von der himm­lischen Vorgeschichte seiner Leiden und von dem, was in Wahrheit von seinem Wort abhing, ist der beste Zeuge für [84] Gott gewesen, dadurch nämlich, daß er zu einem Interesse Gottes Stellung nahm, einfach dadurch, daß er Gott recht gab.

In die alte Prosaerzählung sind später — darüber ist man sich in der Wissenschaft einig — breitausladende Dialoge Hiobs mit seinen Freunden eingearbeitet worden. Da sie ihr eigenes Gewicht und ihre eigene theologische Thematik haben, wollen wir sie in einer späteren Sen­dung besonders behandeln.

Evangelische Ansprache im Südwestfunk, Oktober 1961.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 79-84.

Hier der Text als pdf.

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