„Die Kirche hat sich vor nichts mehr zu fürchten, als vor der Sicherheit“ – Hans Joachim Iwand zum Reformationsjubiläum

Claus Bergen - Havarie (Gouache, um 1920)

Claus Bergen – Havarie (Gouache, um 1920)

In seiner Neujahrsbetrachtung 1959 hat Hans Joachim Iwand der Kirche unter anderem Folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.“ Passende Worte zum Reformationsjubiläum.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

Von Hans Joachim Iwand

2. Korinther 12,10b: Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Das erste, was wir zu diesem Wort des Apostels sagen müs­sen, ist dieses: In ihm ist die ganze Offenbarung Gottes in Jesus Christus beschlossen. Denn Jesus Christus, das ist die Schwach­heit Gottes, das ist die Verborgenheit Gottes unter der alleräußersten, unter der jedes mensch­liche Auge täuschenden, jedes menschliche Denken irreführenden Schwachheit. Wir denken ganz anders. Un­sere Götter sehen anders aus. Die Götter, auf die wir warten, müß­ten anders auftreten. Nicht wie ein Mensch, nicht gehorsam bis zum Tode, nicht dienend, nicht sein Le­ben als Lösegeld gebend, son­dern als Übermenschen, von uns Gefolgschaft fordernd, wie ein Führer, der seine Schar kommandiert —, aber Gottes Gegenwart unter uns hatte und hat ein anderes Gesicht: Ich bin nicht gekom­men, mir dienen zu lassen, sondern daß ich diene. Das ist unser Gott! Und ehe wir ihm dienen, müssen wir ihn uns dienen lassen. Uns dienen mit sei­nem Leiden, uns dienen mit seinem Kreuz. Mit seiner Schwachheit. Denn die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind. Wem Gott nie gedient hat mit seiner Schwachheit, der wird nie wissen, wer Gott ist und was er für uns getan. Wo er für mein irdisches Auge am schwächsten war, da war er am stärk­sten. Da trug er unser aller Schuld, da zerbrach er unser aller Tod. Da geschah es, daß die Riegel unseres Gefängnisses aufgingen und wir heraustraten als die Befreiten. Als die wahrhaft Freien, denen hinfort Tod und Sünde nichts anhaben sol­len. Das ist seine Kraft. Die Kraft Gottes in der Schwachheit des Menschen Jesu.

Wäre es anders, wir würden uns alle um diesen Gott drängen. Wäre seine Kraft nicht verbor­gen unter der Schwachheit, es wäre nicht schwer, an Gott zu glauben. Wir verbergen unsere Schwäche, um Kraft zu heucheln, Gott verbirgt seine Kraft, um sie in der [289] Schwachheit zu offenbaren. Darum verstehen ihn die Großen und Gewaltigen nicht. Darum müssen wir selbst an uns abnehmen und zerbrochen werden, ehe wir ihn begreifen und ergreifen in seiner Schwachheit, in dem Kreuz seines Sohnes, in der Erscheinung des einen Menschen Jesus.

Das Zweite, was wir unter dem Licht unseres Wortes begreifen, sind seine Zeugen, sind die Jünger. Es gehört zu der Herrlichkeit der Bibel, daß uns in ihr Menschen, wirkliche, schwa­che, schwan­kende, zweifelnde Menschen begegnen und daß diese Menschen den­noch Zeugen der Nähe Gottes sein dürfen. Wenn sich der Sturm erhebt, dann meinen die Jünger, sie sinken. Wenn das Wasser ins Schiff dringt, dann schreien die Jünger: Herr hilf, wir verderben. Da sehen wir den Menschen, den schwachen, den zweifelnden Men­schen. Auch der Zeuge in der Nähe Jesu bleibt ein schwacher, ar­mer Mensch. Gerade er. Gerade in der Nähe zu ihm. Wir möchten sie stark sehen, aber wenn der Sturm kommt, zeigt sich, wie schwach sie sind. Ihre Not macht Jesus erwachen. Jesus schläft, und so läßt er das Wasser ins Schiff kommen. Das zerbricht alle ihre Stärke und Sicherheit. Jesus erhebt sich, und das Meer wird stille. Jesus fragt, wo ist euer Glaube — und die Jünger müssen sich schämen. Sie hat­ten ihre Kraft in sich gesucht — aber Jesus, der mit im Schiff war, war ihre Kraft. Denn er ist der Herr, der Wellen und Wind ge­bietet. Glauben wir das noch? Wissen wir das noch? Schreien wir noch zu ihm? Wecken wir ihn noch auf? Das würde wahre Erweckungsbewegung sein. Wir müssen einen wachen Christum haben!

Und das ist das Dritte. Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.

Dies, meine Brüder und Schwestern, wollte ich Euch zum Beginn [290] des Jahres zurufen. Wir meinen so oft, in unserem ruhigen sicheren Westen hätte die Kirche nichts zu fürchten. Aber ist es nicht so, daß die Kirche sich vor nichts mehr fürchten muß, als vor der Sicherheit? Das Wasser muß uns ins Schiff laufen, damit wir schreien. Wir müssen Sturm erfahren, damit wir beten. Wir müssen beten, damit Christus uns helfen, damit Jesus uns Christus sein kann. Heil denen, die so angefochten sind, ihnen ist Christus nahe. Der Apostel sagt: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Auch wir sollen stark sein, mitten in unserer Schwachheit. Wir sollen uns nicht mit unserer Schwachheit beruhigen. Wir sollen nicht daraus etwas ma­chen, was nicht zu ändern ist. Im Kampf mit der Sünde, im Kampf mit der Feigheit. Gott will die Schwachen stärker machen als die, die auf ihre Kraft vertrauen. Er will unsere Kraft sein. Er will, daß die Welt sich irrt, wenn sie meint, wir seien von Gott verlassene Menschen. Er will, daß die Welt erkennt, wer uns treibt und wem sie nicht gewachsen ist.

Neujahrsbetrachtung in: „Die Hilfe, Blätter aus dem Haus der helfenden Hände“, Beienrode im Januar 1959.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 288-290.

Hier die Predigt als pdf.

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