Pastoraler Restschamanismus und die eigene Bodenhaftung

Als evangelischer Pfarrer genießt man ein besonderes Ansehen bei anderen Menschen, nicht nur bei den Mitgliedern der eigenen Kirchengemeinde. Gerade von katholischen Mitchristen werde ich häufig respektvoll als „Herr Pfarrer“ angesprochen – wider die römisch-katholische Lehre, der zufolge einem evangelischen Pfarrer die sakramental vermittelte „Weihegewalt“ (potestas ordinis) fehlt. Obwohl für Katholiken lehrmäßig betrachtet evangelische Pfarrer nur „laienhaft“ handeln können – womit es keine sakramentale Gnadenvermittlung geben kann –, scheinen diese dennoch mit einer besonderen geistlichen Habitus ausgestattet zu sein.

Selbst bei liberal oder agnostisch gesinnten Mitmenschen, die der christliche Lehre skepti­schen, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstehen, findet man als Pfarrer – zumindest in der persönlichen Begegnung – durchaus Respekt. Eigentlich unlogisch, sollte man meinen. Warum jemandem „amtliche“ Wertschätzung entgegenbringen, dessen Worte und Lehre die eigene Vernunft nicht wirklich gelten lassen will?

Der herausgehobene Status von Pfarrern in der Gesellschaft hängt wesentlich mit der archai­schen Vorstellung einer unsichtbaren Überwelt zusammen. Trotz Aufklärung wird auch im säkularen Europa irdisches Geschehen nicht ausschließlich mit naturwissenschaftlichen Gesetzen bzw. zielführenden Handlungen und freien Willensentscheidungen verrechnet. Andernfalls bliebe man im Leben auf einem unerquicklichen Restbetrag sitzen, der als unveränderliches Schicksal hinzunehmen wäre. Da scheint es – für Skeptiker und Agnostiker uneingestandenermaßen – durchaus Sinn zu machen, irdisches Wohlergehen wie auch Unheil in einen Zusammenhang mit unsichtbaren Kräften und Mächten zu bringen. Auch wenn dieses Wirkungsgefüge nicht empirisch nachgewiesen werden kann, suchen Menschen – vor allem in Krisenfällen und Lebensherausforderungen – den Draht zu einem semantisch unbestimmten „Oben“ (das nicht mit einem neuplatonischen, transzendenten „Jenseits“ zu verwechseln ist). Dabei geht es um mehr als nur religiöse Sinnstiftung bezüglich eines Geschehens und deren menschlichen Bewältigung. Vielmehr soll das unsichtbare Wirkungsgefüge positiv beeinflusst werden.

Und genau da sind wir bei Pfarrern als „Mittelsmännern“. Über 1500 Jahre hat das Institut der Weihe bzw. der Ordination katholischen Priestern sowie evangelischen Pfarrern ein beson­deres Amtscharisma innerhalb der Gesellschaft verliehen. Dieses weitgehend exklusive Charisma erstreckt sich nicht nur einen gemeindlichen Hirtendienst, sondern auch auf einen Vermittlungsdienst zwi­schen dem irdischen Leben und der wirksamen „Überwelt“. So wird von evangelischen Pfarrern erwartet, dass sie durch die Rezitation tradierter Heilsworte, insbeson­dere im Segen, durch rituelle Gesten und Handlungen, sowie durch das Gebet auf diese „Überwelt“ im Sinne ihrer Klienten einwirken.

In dem übersinnlichen Vermittlungsdienst kommen Pfarrer dem Schamanis­mus nahe, freilich mit dem Unterschied, dass pastorale Praktiken – das Gebet eingeschlossen – in aller Regel ekstasefrei sind. Himmelsreisen finden nicht statt. Auch wird man das Erleiden zweier konsistorialer Dienstprüfungen nicht ohne weiteres mit der lebenskritischen, psychopathologi­schen Initiation eines Schamanen gleichsetzen können. Aber dass dem Pfarrer eine professionelle Wirksamkeit über die empirische Wirklichkeit hinaus zuerkannt wird, verbindet ihn mit einem Schamanen. Zugleich verleiht sie ihm einen besonderen Amtsbonus: Wer sich professionell in höheren Gefilden zu bewegen scheint, wird von unbotmäßiger Kritik meist verschont. Schließlich könnte ja solche Kritik „oben“ nicht gut ankommen und damit negativ auf den Kritiker zurückwirken.

Für Pfarrer, die sich ja nicht nur rituell, sondern auch mit eigenen Worten zur Geltung bringen, hat der „amtliche“ Respekt nicht nur eine positive Wirkung. Wer scheinbar über anderer Kritik erhaben praktizieren muss, mag sich mitunter selbst verkennen. Da tut es einem gut, wenn man mit evangelikalen, pietistischen und freikirchlichen Mitchristen geschwisterliche Gemeinschaft pflegt. Dort wo unter der Lehrautorität der Heiligen Schrift Christinnen und Christen im Gehorsam gegenüber ihrem Herrn Jesus Christus einander gleichgestellt sind, zählen persönlicher Glaube und eigene Worttreue. In der Geschwisterschaft der Kinder Gottes spielt man als Pfarrer keine herausgehobene Rolle.

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