„Es ist kurzum beschlossen, daß außer Christus Gott unbekannt und ungefaßt will sein“ – Martin Luther über die blinde Vernunft

Max Beckmann - Ausschnitt aus dem Triptychon Blinde Kuh (1945)

Max Beckmann – Ausschnitt aus dem Triptychon Blinde Kuh (1945)

Luthers Tischrede Nr. 6539 (aus Johannes Aurifabers Sammlung, Tischreden aus verschiedenen Jahren, WA TR 6, 26,30-28,32) stellt kurz und bündig Martin Luthers Überzeugung dar, warum wir gegenüber Gott mit unserer Vernunft am Ende sind und daher auf Jesus Christus als dem einen Wort zu hören haben:

Gott in seiner Majestät ist menschlicher Vernunft unbegreiflich, darum soll man mit der Vorsehung zufrieden sein und sich nicht darum bekümmern

Menschliche Vernunft und Natur kann Gott in seiner Majestät nicht begreifen, darum sollen wir nicht weiter suchen noch forschen, was Gottes Wille, Wesen und Natur sei, als soweit ers uns befohlen hat. Sein Wort hat er uns gegeben, darin er reichlich offenbart hat, was wir von ihm wissen, halten, glauben und wessen wir uns zu ihm versehen sollen; danach sollen wir uns richten, so können wir nicht irren. Wer aber von Gottes Willen, Natur und Wesen Gedanken hat außer dem Wort, wills mit menschlicher Vernunft und Weisheit aussinnen, der macht sich viel vergebliche Unruhe und Arbeit und fehlt weit; denn die Welt, sagt Paulus, erkennt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht, 1. Kor. 1, 21.

Auch werden die nimmermehr lernen noch erkennen, wie Gott gegen sie gesinnt sei, die sich damit vergeblich bekümmern, ob sie verworfen oder auserwählt seien. Welche nun in diese Gedanken geraten, denen geht ein Feuer im Herzen an, das sie nicht löschen können, so daß ihr Gewissen nicht zufrieden wird, und sie müssen endlich verzweifeln.

Wer nun diesem Unglück und ewiger Gefahr entgehen will, der halte sich an das Wort, so wird er finden, daß unser lieber Gott einen starken festen Grund gemacht und gelegt hat, darauf wir sicher und gewiß fußen mögen, nämlich Jesus Christus, unseren Herrn (1. Kor. 3, 11), durch welchen wir allein, umsonst, durch kein anderes Mittel ins Himmelreich kommen müssen; denn er und sonst niemand ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh. 14, 6).

Sollen wir nun Gott in seinem göttlichen Wesen und wie er gegen uns gesinnt ist, recht und wahrhaftig erkennen, so muß es durch sein Wort geschehen. Und eben darum hat Gott der Vater seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, daß er Mensch werden sollte, in allen Dingen uns gleich, doch ohne Sünde, unter uns wohnen und des Vaters Herz und Willen uns offenbaren; wie ihn denn der Vater uns zum Lehrer geordnet und gesetzt hat, da er vom Himmel ruft: »Dies ist mein lieber Sohn usw., den sollt ihr hören« (Matth. 17, 5).

Das ist, als wollte er sagen: Es ist vergebens und umsonst, was Menschen sich vornehmen, meine göttliche Majestät zu erforschen; menschliche Vernunft und Weisheit kann mich nicht ergreifen, ich bin ihr viel zu hoch und groß. Nun, ich will mich klein genug machen, daß sie mich ergreifen und fassen kann; ich will ihnen meinen eingeborenen Sohn geben, und so geben, daß er ein Opfer, ja eine Sünde und Fluch für sie werden soll, und soll mir hierin Gehorsam leisten bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Das will ich hernach predigen lassen in aller Welt, und die daran glauben, sollen selig werden. Das meint Paulus, da er sagt 1. Kor. 1, 21: »Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.«

Das heißt ja die göttliche Majestät klein und begreiflich werden, daß nun niemand billig klagen soll noch kann, er wisse nicht, wie er mit Gott daran sei, wessen er sich zu ihm versehen soll. Aber die Welt ist blind und taub, die weder sieht noch hört, was Gott durch seinen Sohn redet und tut, darum wird ers auch von ihnen fordern, 5. Mose 18, 19.

Man kann die schwere Anfechtung von der ewigen Vorsehung oder Auserwählung, die viele Leute hoch betrübt, nirgends besser suchen, ja finden und verstehen als in den Wunden Christi, von welchem der Vater gesagt und uns befohlen hat: »Den sollt ihr hören« (Matth. 17, 5). Der Vater in seiner göttlichen Majestät ist uns zu hoch und groß, daß wir ihn nicht ergreifen können, darum weist er uns den richtigen Weg, auf dem wir gewiß zu ihm kommen können, nämlich Christus, und spricht: Glaubt ihr an den und hängt euch an ihn; so wirds sich fein finden, wer ich bin, was mein Wesen und Wille ist. Das tun aber die Weisen, Mächtigen, Hochgelehrten, Heiligen und der größte Haufe durchaus in aller Welt nicht.

Darum ist und bleibt ihnen Gott unbekannt, ob sie gleich viel Gedanken von ihm haben, disputieren und reden; denn es ist kurzum beschlossen, daß außer Christus Gott unbekannt und ungefaßt will sein.

Willst du nun wissen, warum so wenig selig und so unzählig viel verdammt werden? Das ist die Ursache, daß die Welt nicht hören will, fragt nichts danach, ja verachtet, daß er, der Vater, von ihm zeugt: »Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe« (Matth. 3, 17), so als ob er sagen wollte: Bei ihm allein sollt ihr finden, was und wer ich bin, und was ich haben will, sonst werdet ihrs im Himmel noch auf Erden nicht finden.

Glaubt ihr nun an den Sohn, den ich euch zum Heiland gesandt habe, so will ich Vater sein, und soll gewiß wahr und Amen sein, was dieser Sohn sagt und verheißt, ich will ihn nicht lassen zum Lügner werden (2. Kor. 1, 19, 20).

Daraus folgt gewißlich, daß alle, die sich durch ein anderes Mittel als durch Christus unterstehen und bemühen zu Gott zu kommen (wie Juden, Heiden, Türken, Papisten, falsche Heilige, Ketzer usw.), in greulicher Finsternis und Irrtum wandeln. Und hilft ihnen nicht, daß sie ein ehrbar, strenges Leben äußerlich führen, große Andacht vorgeben, viel tun und leiden, Gott lieben und ehren, wie sie rühmen.

Denn weil sie Christus nicht hören, noch an ihn glauben wollen, ohne welchen niemand Gott kennt, niemand Vergebung der Sünden und Gnade erlangt, niemand zum Vater kommt, so bleiben sie für und für im Zweifel und Unglauben, wissen nicht, wie sie mit Gott daran sind, und müssen endlich in ihren Sünden sterben und verderben. »Denn wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat«, Joh. 5, 23. »Und wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht«, 1. Joh. 2, 23. »Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm«, Joh. 3, 36.

Hier der Text der Tischrede als pdf.

 

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