Auf dem Weg zur Entscheidungsgemeinde – Thomas Frings Buch Aus, Amen – Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein

Als Thomas Frings im Februar 2016 sein Amt als katholischer Pfarrer in der Pfarrei Heilig-Kreuz Münster niederlegte und (vorübergehend?) ins Kloster ging,  erklärte er die Gründe für diesen Schritt in einer öffentlichen Stellungnahme „?Kurskorrektur!„. Das Medienecho war groß, so beispielsweise in DIE WELT und in Christ&WELT/DIE ZEIT. Jetzt hat er in seinem Buch Aus, Amen – Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein noch einmal seinen pastoralen Werdegang und seine Kritik an der Volkskirche entfaltet. Er beschreibt sehr anschaulich und erfahrungsbezogen und weiß dabei Polemik und Beschuldigungen zu vermieden.

Für ihn klaffen Anspruch und Wirklichkeit der Volkskirche immer weiter auseinander. Der Abbauprozess schreitet unaufhaltsam fort und zugleich verdünnen sich das commitment  sowie die Partizipationsfähigkeit der Gläubigen an den Sakramenten. Das Schlüsselbeispiel für ihn ist die Kasualie Erstkommunion. Man spürt bei Frings die Leidenschaft für das Evangelium Jesu Christi. Weil er die Sakramente evangeliumsgemäß ernst nimmt, kann und will er sich nicht in die Rolle eines religiösen Dienstleisters zurücknehmen. Einen zukunftsfähigen Weg sieht er im Modell von „Entscheidungsgemeinden“ an Stelle der territorial gefassten Parochien/Pfarrgemeinden. Hierzu schreibt er:

„Eine Entscheidungs­gemeinde wäre eine Gemeinde, die nicht gegründet wird in bekannten und klar umrissenen Strukturen. Wäre nicht eine, die sich umsieht und es dann ähnlich der Nachbargemeinde macht. Würde nicht noch einmal dasselbe anbieten. Es wäre eine Gemeinde im Werden! Was wachsen könnte, erwächst aus den gestellten Fragen, aus der Sehnsucht. Entscheidend wäre, dass die Antworten nicht vorgegeben, sondern gesucht werden. Das hieße auch, mögliche Antworten werden von de­nen gegeben, die sie gefunden haben und dann auch von ih­nen umgesetzt. […]

Diese Gemeinde steht auf dem Fun­dament der Heiligen Schrift und wer sie sieht, der sieht als ihren Hintergrund den Gott Jesu Christi und die große Ge­meinschaft der katholischen Kirche. Der erste Kontakt und Zuspruch ist bedingungslos. Daraus muss auch keine »Mitgliedschaft« entstehen. Getrost darf man wieder gehen, so wie viele Menschen es nach der Begegnung mit Jesus auch ge­tan haben. Im Evangelium folgen noch lange nicht alle Men­schen Jesus nach, denen er begegnet. Nicht einmal »viele« und schon gar nicht viele, denen er hilft, schließen sich ihm an. Letztlich ist es nur eine kleine Gruppe. Doch alle bekommen seinen Zuspruch. Erst wenn sie ihm folgen wollen, werden sie auch mit seinem besonderen Anspruch konfrontiert. Der Weg der Entscheidungsgemeinde ist keine pastorale Kapitulation und nur etwas für Glaubenslahme. Es ist der Weg, den Jesus selbst gegangen ist und vorgezeichnet hat.

Wer diesen Weg mitgehen und Sakramente empfangen möchte, also selbst Kirche sein und Christus nachfolgen will, der wird mit dem Anspruch des Evangeliums konfrontiert, aber erst dann. Von Kirche etwas wollen wird beantwortet mit Zuspruch, Kirche sein wollen mit Anspruch. Eine lebens­dienliche Religiosität und Pastoral, die aus den Fragen und Bedürfnissen der Menschen wächst. Alltagstaugliche Rituale für die unterschiedlichen Menschen. Traditionen werden nur dann weitergeführt, wenn sie Relevanz für das Leben der Menschen haben. Respekt aus Sicht der Gemeinde davor, wenn Menschen nicht voll mitmachen, und Respekt aus Sicht der Menschen davor, dass nicht jeder alles gleichermaßen be­kommt. Gemeinde ist informativ am Anfang und möchte mit jedem Schritt weiter hinein auch formativ werden für das Le­ben der Menschen. So werden die Getauften auch zu Zeugen.

Jesus ist in seinem Handeln dabei das ideale Vorbild für das Selbstverständnis einer solchen Gemeinde. Mit offenen Augen und Armen ging er durch seine Zeit und Welt und scheute den Kontakt mit niemandem. Wer Heilung brauchte, Hunger hat­te, Hilfe benötigte, der bekam seinen Zuspruch, ohne Wenn und Aber. Der Bedingungslosigkeit seiner Liebe folgt manch­mal die Einladung der Nachfolge. Das hat nichts zu tun mit Beliebigkeit, sondern Entschiedenheit. Nicht mit Indifferenz, sondern Differenz. Wer nicht will, der muss auch nicht. Wer will, der soll auch wirklich wollen. Die Entscheidung formuliert einen Anspruch. Anspruch auf beiden Seiten.“

Was Thomas Frings abgeht ist jeglicher Glaubensheroismus. Er weiß selbst um seine eigenen Zweifel und Anfechtungen, die ihn sympathisch und demütig machen. So endet sein Buch mit besonderen Seligpreisungen:

»Selig sind die Suchenden«

Selig sind die Suchenden, denn sie werden es nicht alleine tun.
Selig sind die Besserwisser, denn sie werden überrascht werden.
Selig sind die Zweifelnden, denn sie werden aufmerksam leben.
Selig sind die Geduldigen, denn ihre Mühe wird belohnt werden.
Selig sind die Kerzen entzünden, denn sie werden dabei an andere Menschen denken.
Selig sind die Stillen, denn ihre Stille wird sich auf andere über­tragen.
Selig sind die Fernstehenden, denn sie werden nicht übersehen werden.
Selig sind die Anspruchsvollen, denn sie werden auf den Anspruch Jesu treffen.
Selig sind die Neugierigen, denn sie werden neue Wege ausfindig machen.
Selig sind die Durstigen, denn sie finden Wasser auch für andere.
Selig sind die Praktiker, denn sie werden Theorien zum Leben erwecken.
Selig sind die Aufmerksamen, denn sie werden an Wegkreuzen ein Gebet sprechen.
Selig sind die Eltern, die ihre Kinder segnen, denn sie werden selbst gesegnet.
Selig sind die Hörenden, denn sie werden etwas läuten hören.
Selig sind die sich bekreuzigen, denn sie werden Gott in sich und der Welt entdecken.
Selig sind die Betenden, denn sie nehmen die Welt mit ins Gebet.
Selig sind die Dankbaren, denn sie sind die aufmerksamer Lebenden.
Selig sind die vor dem Essen beten, denn es wird ihnen besser schmecken.

Frings Buch ist auch für evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer eine Lektüre wert.

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