Abraham oder eine höhere Trauer (von Leszek Kolakowski)

Albrecht Altdorfer – Die Opferung Isaaks (Holzschnitt um 1520-1525)

Vielleicht lässt sich ja die Opferung Isaaks bzw. Abrahams Versuchung (1Mose/Genesis 22,1-19) auch ohne einen tödlichen Ernst verstehen. Leszek Kolakowski jedenfalls erzählt die Geschichte als gewagte Parodie:

Abraham oder eine höhere Trauer

Von Leszek Kolakowski

Die Geschichte von Abraham und Isaak wurde von Sören Kierkegaard und seinen Nach­folgern philosophisch als das Problem der Furcht interpretiert: Abraham soll den Sohn auf Befehl Gottes opfern. Aber woher nimmt er die Gewißheit, daß es ein Befehl Gottes ist und nicht eine Versuchung des Teufels, eine Täuschung oder Wahnsinn? Woher die Sicherheit, daß er den Befehl richtig verstand? Mit anderen Worten, die Interpreta­tion der Angelegenheit Isaaks unter existenzialistischem Aspekt geht von der Auffassung aus, daß die endgültige Entscheidung in der Hand Abrahams liege, daß Abra­ham nicht die Möglichkeit habe, sich völlige Gewißheit über die Quelle des Befehls und über dessen Inhalt zu verschaffen, und er von der Furcht geschüttelt werde, er könne das Leben des Sohnes vielleicht umsonst opfern. Abraham steht also für menschliche Furcht angesichts einer Situation, in welcher ein Zwang zur Wahl unter großen Werten besteht und es an äußeren Gründen fehlt, diese Wahl zu treffen.

Ich gestehe, daß ich Lust habe, das Problem Isaak in einer bedeutend einfacheren Weise zu lösen, in einer Weise nämlich, die eher auf Abrahams Vergangenheit Bezug nimmt. Ich setze voraus, daß Abraham nicht an dem göttlichen Ursprung des Befehls zweifeln konnte. Er ver­fügte über absolut zuverlässige Mittel zur Ver­ständigung mit seinem Schöpfer, wie sie uns heute unbe­kannt sind, er verkehrte häufig mit ihm und stand so­gar in einem gewissen Vertrauensverhältnis zu seinem Vorgesetzten. Ich ziehe auch das bekannte Versprechen in Betracht, das ihm sein Herr gegeben hatte: das Ver­sprechen, aus ihm ein großes, besonders gesegnetes Volk zu machen, das in der Welt eine außergewöhnliche Stel­lung einnehmen würde. Er knüpfte nur eine Bedingung daran: absoluten Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Wenn Abraham nicht sicher gewesen wäre, daß wirklich Gott zu ihm sprach, so wäre Gottes Absicht sinnlos ge­wesen: Er wollte nämlich die Treue des Untergebenen erproben, mußte also Mittel finden, um in diesem die untrügliche Überzeugung zu wecken, daß er eben einen sol­chen Befehl vom Vorgesetzten erhalten habe. Im um­gekehrten Falle wäre das Ziel des Unter­nehmens nicht zu erreichen gewesen — statt darüber nachzudenken, ob er den Befehl ausfüh­ren solle, hätte Abraham darüber nachdenken müssen, ob er überhaupt einen Befehl er­halten habe.

Mit anderen Worten: Abraham trägt die Verantwor­tung für die Staatsraison. Das zukünftige Schicksal des Volkes und die Größe des Staates hängen von der ge­treuen Erfüllung aller Befehle der Obrigkeit ab. Aber die Obrigkeit verlangt von ihm, daß er das eigene Kind opfert. Abraham hatte zwar die Natur eines Gefreiten und war es gewöhnt, sich genau an die Instruk­tionen von oben zu halten — er war jedoch nicht ohne Mitge­fühl für das Los der Familie. Als Gott ihm befahl, den Sohn dem Feuer zu opfern, hatte er es nicht für notwen­dig erachtet, den Befehl zu begründen. Es ist nicht Art von Vorgesetzten, dem Untergebenen den Befehl zu er­läutern. Das Wesen des Befehls besteht darin, daß er ausgeführt werden muß, weil er ein Befehl ist, und nicht deswegen, weil er vernünftig, erfolgversprechend, durch­dacht ist; es ist keineswegs erforderlich, daß der Gehor­chende den Sinn des Befehls versteht — sonst kommt es unweigerlich zu Anarchie und Chaos. Ein Untergebe­ner, der nach dem Sinn des erhaltenen Befehls fragt, sät Unordnung, entlarvt sich als unfruchtbarer Räso­neur. Er ist im Grunde ein Besserwisser, ein Feind der Obrigkeit, der gesellschaftlichen Ordnung und des Sy­stems.

Aber wenn der Befehl verlangt, daß du den ei­genen Sohn töten sollst?

Der Konflikt Abrahams ist der übliche Konflikt des Soldaten: Abraham wußte, daß er sich in einer un­natürlichen Situation befand. Einen Beweis dafür liefert die Tatsache, daß er, als er sich der Opferstelle näherte, dem Diener befahl, zurückzubleiben, daß er vorgab, mit dem Sohn Gebete verrichten zu wollen, und daß er sich bemühte, das grausame Geschäft unbeo­bachtet zu voll­bringen. Selbst dem Sohn verriet er das Ziel des Aus­flugs nicht. Er wollte vermeiden, daß der Sohn erkann­te, Opfer des Vaters zu sein.

Als sie an Ort und Stelle angelangt waren, begann Abraham umständlich, den Stoß aufzu­schichten. Das verlangte einige Geschicklichkeit, denn die Balken fielen auseinander, und Abraham mußte mehrmals von vorne anfangen. Isaak beteiligte sich nicht an diesen Verrich­tungen, betrachtete ängstlich den Vater, stellte schüchtern einige Fragen, erhielt aber nur brummige und unwillige Antworten.

Schließlich ließ sich die Sache nicht länger hinziehen. Abraham wollte den Sohn nicht über sein eigenes Schick­sal aufklären, solches war im Befehl nicht einbegriffen. Er konnte also dem Kind den Schrecken ersparen. Mit einem blitzartigen Schlag von hinten, einem erprobten Schlag, bei dem niemand Zeit hat, einen Gedanken zu fassen, wollte er es töten.

Aber das gelang nicht. Isaak kletterte auf den Stoß, wo der Vater ihn irgendeine Kleinigkeit in Ordnung zu bringen geheißen hatte. In diesem Augenblick hob der Vater das schwere, bron­zene Schwert, mit dem er sonst die Ochsen zu töten pflegte. Im selben Augenblick er­tönte aber auch der Schrei des Engels: »Halt ein!« Gleich darauf ein Schrei des Entsetzens: Isaak hatte sich umge­dreht, erblickte den mit erhobener Waffe, mit einem Blick brutaler Entschlos­senheit, mit zusammen gekniffenen Lippen wie erstarrt dastehenden Vater und fiel in Ohn­macht.

Gott lächelte gutmütig und klopfte Abraham auf die Schulter.

»Du benimmst dich, wie es sich gehört«, sagte er an­erkennend, »jetzt weiß ich, daß du auf meinen Befehl auch den eigenen Sohn nicht schonst!« Dann wiederholte er das alte Verspre­chen, sein Volk zu vermehren und ihm bei der Vernichtung seiner Feinde beizustehen: »Denn du hörtest meine Stimme.«

Damit ist die Geschichte zu Ende. Freilich hätte sie auch anders aufhören können. Hätte Isaak nämlich nicht im letzten Augenblick den Kopf gewendet, wäre ihm das Geschehen überhaupt verborgen geblieben. Einen Moment später wäre er vom Stoß heruntergeklet­tert und hätte den Vater, das Schwert schon in der Schei­de, ruhig dastehen sehen. Solcherart hätte sich die ganze Geschichte außerhalb des Bewußtseins von Isaak abge­spielt, nur zwischen Abraham und Gott. Sie hätte als Illustration für eine bestimmte Art von Erziehung die­nen können. Aber Isaak sah: Abraham war zufrieden, weil er sich Gottes Anerkennung verdient, die Bestäti­gung für den kommenden großen Staat erhalten und den Sohn schließlich nicht geopfert hatte. Alles fand ein gutes Ende, und in der Familie wurde viel gelacht. Isaak verwand seinen Schock aller­dings nie: seit dieser Zeit schwankte er auf den Beinen, und ihm wurde übel beim Anblick des Vaters. Aber er lebte lange und hatte viel Erfolg.

Die Moral: Irgendein verweichlichter Intellektueller, ein hysterischer und weinerlicher Mensch wird vielleicht sagen, es sei vom Standpunkt der Moral ganz gleich, ob Abraham seinen Sohn tötete oder ob er nur das Schwert erhob, um ihn zu töten, und ihn jemand davon abhielt. Wir jedoch sind mit Abraham der entgegengesetzten Meinung — wir, die richtigen Männer. Wir achten das Resultat und wissen, daß es ganz gleich ist, ob er töten wollte oder nicht. Immerhin hat er ja nicht getötet. Des­wegen lachen wir bis zum Umfallen über den herrlichen Spaß Gottes. Schließlich seht ihr selbst, daß er ein Pfundskerl ist.

Hier der Text als pdf.

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