„Ich bin froh, wenn ich in der Bibel lese und nicht alles verstehe“ – Sibylle Lewitscharoff über die Luther-Bibel

Wirklich starke Worte für Martin Luthers Übersetzung der Bibel findet Sibylle Lewitscharoff in ihrem neuesten NZZ-Beitrag „Ein Mann des Wortes und der Wörter„, wenn sie schreibt:

„Gerade weil die Bibel in Luthers originaler Verschriftung heute nicht so mühelos heruntergelesen werden kann, erhält sie den patinierten Glanz des Althergebrachten, das aus einem geheimnisvollen Dunkel als entborgenes Juwel hervorleuchtet.

Das klingt nach Vergangenheitsromantik, denn zu Luthers Zeit war diese Sprache ja hoch­modern. Trotzdem: Luthers Originalsprache winkt mir von weit her zu. Wenn sich die Bibelübersetzungen ganz und gar dem modernen Sprachgebrauch ausliefern und damit auf überaus kommode Weise verständlich werden, gehen sie der Möglichkeit der Interpretation verlustig. Solange der Schatten einer dunkleren Wortwahl aufhorchen lässt, der nicht bis aufs letzte Fitzelchen ausgedeutet werden kann, bewahrt die Bibel ihr Offenbarungsgeheimnis.

Liegt alles in planer, alltäglicher Sprache vor uns, latschen wir in den biblischen Texten herum wie schlecht erzogene Badegäste. Ich bin froh, wenn ich in der Bibel lese und nicht alles verstehe, weil sich genau solche Passagen zu einem seelischen Weckruf verdichten können, der mich dem in der Bibel enthaltenen Mysterium tremendum näherbringt. Trotz dem sprachlichen Brückenbau über so manch schwarzes Loch hinweg lässt Martin Luthers Übersetzung die Gewalt des parataktischen Nebeneinanders der Sätze noch spüren, wo es kein kommodes Geländer gibt, an dem man sich festhalten könnte.“

Als Schriftstellerin muss Lewitscharoff eben keine claritas scripturae huldigen.

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