„Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt“ – Hans Joachim Iwand in seiner Palmsonntagpredigt von 1945 (Mt 21,1-9)

Wilhelm Morgner – Christi Einzug in Jerusalem (Ölgemälde, 1912)

Da war Dortmunds Innenstadt nach den Bombenangriffen am 12. März 1945 völlig zerstört, so dass Iwand diese Predigt wohl am 25. März 1945 in Cappenberg/Westfalen gehalten hatte. Dort hatte er nämlich mit seiner Familie Zuflucht gefunden hatte. So kann Iwand kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs nicht anders als kreuzestheologisch zu predigen:

So wollte Jesus seinen Einzug in die Stadt verstanden wissen, daß mit ihm der Friede einzieht und durch seine Macht die Mauer aufgerichtet werde, an der sich der Ansturm des Krieges und des Blutvergießens bricht. So wollte er und so will er kommen, daß deutlich wird, daß sein Gott, in dessen Na­men er kommt, ein Gott des Friedens ist und nicht ein Gott des Krieges, ein Gott der Liebe und nicht des Hasses. Darum reitet er auf einem Esel ein, sanftmütig, wie unser Text sagt, denn er will herrschen über die Herzen und nicht über die Leiber, er will herrschen ohne Gewalt, er will herrschen, so, daß sich ihm die Herzen zuwenden, ohne Furcht und ohne Schrecken.

Und es muß wohl auch so sein, daß Krieg und Frieden nicht nur äußere Vorgänge sind, son­dern daß in alldem die Saat aufgeht, die in die Herzen der Menschen gesät ist. Der Mensch steht hinter beidem. Auf der einen Seite der Mensch, der keinen Frieden findet, der ruhelose, begehrliche, von Lust und Begierde hin- und hergerissene Mensch, der Mensch, der herrenlos geworden ist und der nun selbst darum den Herrn spielt, der sich frei nennt und doch preisgegeben ist allen Mächten und Gewalten, die nicht aus Gott sind. So wie es einmal in der Bibel heißt: »Die Gottlosen haben keinen Frieden«. Und auf der anderen Seite der Mensch, der in Jesus seinen Herrn findet, der durch den Glauben an ihn mit Gott versöhnte, in Gott zum Frieden gekommene Mensch. In seinem Herzen lebt ein neuer Geist, der auch ihn ergreift und durchwaltet. Und so sammelt sich um Je­sus und das Evangelium von ihm eine neue Menschheit. Es kann gar nicht anders sein, wo er in der Mitte steht, da ist die Burg des Friedens und der Brüderlichkeit, da bricht sich das Kriegsgeschehen und der Haß, da wirkt Gott von innen her. Die Königsherrschaft Jesu bedeutet also, daß das Ge­sicht der Welt sich verändert, daß der Mensch frei wird, frei von den sata­nischen Gewalten, die ihn zum Werk­zeug der Finsternis machen, frei zum Dienste Gottes, so, wie Gott den Menschen gemeint hat, da er ihn schuf.

Aber es gehört zum Glauben dazu, in Jesus den König zu erkennen und anzuerkennen. Wir Menschen neigen alle dazu, uns dem zu beugen, der seine Macht und Autorität durch äußere Kennzeichen erweist. Wir neigen alle dazu, uns eher den Tyrannen zu beugen, als dem, der um unseren frei­en Gehorsam wirbt, wir neigen alle dazu, mehr auf Drohungen zu hören oder auf Versprechungen, und wir verstehen unter Herrschaft nur allzu leicht Gewalt und Macht. So ist es ja auch in der Welt und darum geht die Welt zugrunde. Jesus tut alle diese Kennzei­chen von sich ab, bis heutigen Tages ist er der Niedrige, der Arme, der Sanftmütige, bis heuti­gen Tages weigert er sich, sich und seine Sendung einbeziehen zu lassen in das Trei­ben der Mächtigen und Gewaltigen auf Erden. Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt, damit sie ihn nicht lieben wegen des Glanzes und des Flitters, der nach außen hin scheint, sondern damit sie ihn lieben um der Liebe willen, die ihn selbst in Not und Tod führt. Und darum müssen wir, wenn wir in ihm den König erken­nen wollen, unsere Augen schließen, müssen den Widerspruch ertragen, den seine irdische Erscheinung bietet. Das Kreuz ist in diese irdische Er­scheinung tief eingesenkt, und wohl dem, der sich an diesem Kreuz nicht ärgert, wohl dem, der sich nicht schämt, den seinen König zu nennen, der so arm und gering über die Welt gegangen ist.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

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