Kirche als Mutter des Glaubens

Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle am 10. Dezember 1520 am Elstertor in Wittenberg (Gemälde von Paul Thumann, 1872-73)

Ob Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat, ist mehr als fragwürdig. Was er jedoch am 10. Dezember 1520 eigen­händig im Kreise seiner Studenten vor dem Wittenberger Elstertor getan hat­te, davon schrieb er an seinen Mentor Johann von Staupitz: „Ich habe des Papstes Bücher und die Bulle ver­brannt, zuerst zitternd und betend, aber jetzt freue ich mich darüber mehr als über irgendeine andere Tat meines ganzen Lebens, denn sie sind noch giftiger, als ich glaubte.“ Unter Beru­fung auf das Evangelium hatte Luther mit der Papstkirche in drastischer Wei­se gebrochen, indem er – der ver­meintliche Ketzer – umgekehrt Papst Leo X. exkommunizierte, ihn also ei­genmächtig aus der Kirche Jesu Chris­ti ausschloss.

Die Reformation hat zur Infragestel­lung überkommener kirchlicher Ord­nungen sowie zur Lossagung von der kirchlichen Hierarchie geführt. Die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben an Jesus Christus schließt aus, dass den Gläubigen Kirchengebote aufer­legt werden können, um damit Gnade vor Gott zu verdienen. So heißt es in Artikel 15 des maß­geblichen Augsburger Bekennt­nisses: „Darüber hinaus wird ge­lehrt, dass alle Satzungen und Traditionen, die von Menschen zu dem Zweck gemacht worden sind, dass man dadurch Gott versöhne und Gnade verdiene, dem Evan­gelium und der Lehre vom Glau­ben an Christus widersprechen. Des­halb sind Klostergelübde und andere Traditionen über Fastenspeisen, Fast­tage usw., durch die man Gnade zu verdienen und für die Sünde Genugtu­ung zu leisten meint, nutzlos und ge­gen das Evangelium.“

Aber braucht es dann überhaupt Kir­che? Kann man nicht auch ohne Kir­che ein guter Christ sein? Da scheiden sich nun die Geister. Schließlich lehrt Martin Luther im Großen Katechismus, dass der Heilige Geist „uns zuerst in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch wel­che er uns predigt und zu Christus bringt. Denn weder du noch ich könn­ten jemals etwas von Christus wissen oder an ihn glauben und ihn zum Herrn bekommen, wenn es uns nicht vom Heiligen Geist durch die Predigt des Evangeliums angeboten und in den Busen geschenkt würde.“ Der Heilige Geist hat „eine besondere Gemeinde in der Welt, die die Mutter ist, die einen jeden Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes.“ Nach Luther kann also kein Mensch außerhalb der Kirche zu Jesus Christus kommen.

Luther predigt über den Gekreuzigten (Lucas Cranach d.J., Predella des Hochalters in der Wittenberger Stadtkirche, 1547)

Aber was meint Luther denn mit Kir­che? Zunächst einmal spricht er von einer „christlichen Gemeinde oder Versammlung“, die sich dort zusam­menfindet, wo das Evangelium von Jesus Christus gepredigt wird. Kirche ist weder ein Gebäude noch eine An­stalt, sondern Gemeinschaft mit Jesus Christus. So spricht Luther seinen Glauben an die eine heilige christliche Kirche aus:

„Ich glaube, dass es ein heiliges Häuf­lein und eine heilige Gemeinde auf Erden gibt, aus lauter Heiligen unter einem Haupt, Christus, durch den Hei­ligen Geist zusammen­berufen, in ei­nem Glauben, Sinn und Verständnis; mit mancherlei Gaben, jedoch ein­trächtig in der Liebe, ohne Rotten und Spaltung. Von dieser Gemeinde bin ich auch ein Stück und Glied, aller Güter, die sie hat, bin ich teilhaftig und Mitge­nosse. Durch den Heiligen Geist bin ich in sie gebracht und ihr einverleibt dadurch, dass ich Gottes Wort gehört habe und immer noch höre; damit nämlich muss es anfangen, wenn man hineinkommen will.“

Glaube ist nicht einfach religiöses Selbstbewusstsein, sondern Vertrauen in Jesus Christus. Damit sich dieses Vertrauen findet, muss Gottes Wort immer wieder neu in der Gemeinde zugesprochen und im Abendmahl mit unserem Leben leiblich verbunden werden. So gilt also die Kirche als Mutter unseres Glaubens.

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