„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde“ – Gerhard von Rad über den Propheten Jona

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim mit Jona im Maul des Fisches

„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns vor allem Theologisieren die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.“ Mit diesem Zitat leitet Gerhard von Rad in seiner kleinen Schrift „Der Prophet Jona“ von 1950 zur Nacherzählung über:

Als der Fisch Jona ans Land gespieen hatte, war der Prophet ungefähr an demselben Punkt wie vorher, denn wie­der erging der Befehl Gottes an ihn. Daß Gott seinen Be­fehl genau in denselben Worten wiederholt, ist wohl eine eindringliche Predigt gleicherweise seiner Geduld mit den Menschen wie seiner Strenge. Jona wußte nun, daß er die­sem Gott nicht entlaufen kann, so machte er sich auf den Weg nach Ninive. Hier muß der Erzähler seinen Hörer vorbereiten; wie sollte der auch sonst von der unfaßlichen Größe dieser Stadt einen rechten Begriff bekommen. Drei Tage brauchte man allein, um sie zu durchwandern! In ihr stand also nun Jona; und wirklich, er predigte jetzt.

»Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen.«

Seine Rede wird länger gewesen sein, wir mögen sie uns nach der Art der Weherufe oder Völkerreden eines Jesaja oder Hesekiel vorstellen. Der Erzähler gibt nur ihren Inhalt in einem Satz wieder. Aber man wird sich doch auch seine Gedanken machen müssen, wie Jona predigt. Täu­schen wir uns nicht, so klingt durch seine Predigt ganz die alte Starre und Kälte, die uns an ihm schon vorher aufge­fallen ist. Indessen war aber ihre Wirkung auf die Heiden merkwürdigerweise ganz unabhängig von dieser Gesin­nung des Predigers, denn sie ergriff und erschreckte die Bevölkerung. Ja, — wie sich das bei Heiden manchmal ereignet hat — eine ganze Bußbewegung wurde ausgelöst. Hier hat sich unser Erzähler nun Gelegenheit zur Ausma­lung einer reizenden Miniatüre gegeben: Die Sache kam vor den König; der stand sogleich von seinem Thron auf, legte seinen Ornat ab und ein Bußgewand an. Schnell wurde ein königlicher Erlaß ausgefertigt, durch den eine allgemeine Landesbuße ausgerufen wurde. (»Nach Befehl des Königs und seiner Gewaltigen also:…«) Alle sollten fasten und Buße tun, auch die Rinder und Schafe sollten keine Nahrung zu sich nehmen, sich in Trauer hüllen und mit aller Macht zu Gott beten …

Jona hatte sich inzwischen außerhalb der Stadt niederge­lassen; es war ja ein Gericht wie das über Sodom in Kürze zu erwarten. Aber, war er äußerlich auch in leidlicher Sicherheit, so war dieser kühle Beobachterposten doch in anderem Sinn gefährlich genug. Denn angesichts dessen, was Lots Weib getroffen hat, wird man fragen dürfen, ob Gott so etwas wie ein neu­gieriges Betrachten eines Gottes­gerichtes überhaupt dulden will. Und tatsächlich, Jona kam nicht auf seine Rechnung, denn Gott hatte über Ni­nive anders beschlossen; er hatte ihre Reue gesehen und der Stadt vergeben.

Nun aber — welch ein Anlaß! — brach die lange verhal­tene Erregung aus Jona hervor-; Der hebräische Erzähler sagt: »Er zürnte einen großen Zorn«, und mit diesem Aus­bruch eröffnet sich ein geradezu schauerliches seelisches Ge­lände. Jetzt erfährt man auch, weshalb Jona damals zu fliehen versucht hat: Er hat es vorausgesehen, daß Gott doch würde Gnade walten lassen, daß Gott ihn, den Pro­pheten, im entscheidenden Moment im Stiche lassen und sein Wort unerfüllt lassen würde. Wie Jona Gott im Zorn die uralten Gnadenprädikate vorhält, die die Gemeinde seit Jahrhunderten im Kultus vor Gott als ein Dankopfer darzubringen pflegte, — das klingt schon fast wie der gräßliche Fluch eines Verdammten:

»Das verdroß Jona gar sehr und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach Herr, das ist’s, was ich sagte, da ich noch in meinem Lande war, darum ich auch wollte zuvorkommen zu fliehen nach Tharsis; denn ich weiß, daß du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässest dich des Übels reuen.«

Man sieht, er weiß alles; genau, wie es im Katechismus steht, sagt er es her. Aber es war ihm bitter ernst mit sei­nem Vorwurf; so ernst, daß er nicht mehr weiterleben wollte. Darin war er freilich ganz ein Mensch des Alten Bundes, daß er das Leben nicht selber wegwarf, daß er vielmehr Gott bat, es ihm zu nehmen. Immerhin schien ihn doch noch etwas am Leben zu erhalten, und das war die Neugierde über das weitere Ergehen der Stadt. Gott aber erfüllte ihm seine Bitte nicht; er nahm ihm nicht sein Le­ben, sondern nun wandte er ihm sein väterliches Handeln zu. Er ließ an dem Ort, wo der unzufriedene Gottesmann lagerte, schnell einen Rizinus, eine große breitblättrige Staude aufwachsen und wirklich, — kaum genoß Jona den Schatten und die Kühle des Blätterdaches, da linderte sich nicht nur sein Unmut, Jona »freute« sogar, wie der Erzäh­ler sagt, »eine große Freude«. Aber das Behagen des Got­tesman­nes fand ein schnelles Ende, denn Gott, der allwis­sende und allmächtige Lenker aller Kreatu­ren, hatte ein Würmlein beordert, das fraß die Staude an, daß sie schnell verdorrte. Zu diesem Mißgeschick kam als zweites der im Orient so gefürchtete, alles ausdörrende Ostwind. Als dann die Sonne noch dem Jona auf den Kopf stach, da wurde er halb ohnmächtig und in Kür­ze so verzweifelt, daß er wieder leidenschaftlich zu sterben begehrte. Die kleine Wohltat des Blätterschattens hat er selbstverständ­lich sich zu eigen gemacht, ja sie hat ihn ganz ausgefüllt, als aber die so vergängliche Linderung wieder aus seinem Le­ben genommen wurde, da brau­ste er auf, fühlte sich in sei­nem Innersten verletzt und war ganz außerstande, Gottes überlegen gütige Anfrage nach dem Recht dieses Zornes auch nur zu verstehen:

»Ja, mit Recht zürne ich bis an den Tod! «

Dies also ist der Bote, sozusagen der Treuhänder der Ge­danken Gottes über Ninive! — Nun aber holt der Erzäh­ler aus zum Letzten. Jetzt führt er uns aus allem Zwielicht, aus allen Lächerlichkeiten, Unbegreiflichkeiten, mit einem Wort, aus allen Menschlichkeiten steil hinauf unmittelbar an das Herz Gottes. Gott hat das letzte Wort; und wir können nichts Besseres tun, als die wundervollen Worte einfach hierher zu setzen, die in ihrer Hoheit und Gnade gewissermaßen den ganzen Raum ausfüllen, die jedenfalls [72] so allgenugsam, so sieghaft erscheinen, daß jede weitere Frage nach Jona und seinem Starrsinn gegenstandslos wird. Es geht nunmehr um anderes:

»Und der Herr sprach: Dich jammert des Rizinus, daran du nicht gearbeitet hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, welcher in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht jammern solcher großen Stadt, in welcher sind mehr denn hundertzwanzigtausend Men­schen, die nicht wissen Unterschied, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere.«

Hier der vollständige Text als pdf.

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