„Unser Glaube beginnt in der Nacht, die die Nacht des Kreuzes, der Verlassenheit, der Anfechtung ist“ – Hans Joachim Iwand über das Kreuz Christi

In seiner Bonner Christologie-Vorlesung zu Tod und Auferstehung von 1959 hat Hans Joachim Iwand in wenigen Worten eine theologia crucis skizziert, die unter die Haut geht:

Das Kreuz

Von Hans Joachim Iwand

Wahrscheinlich haben wir in unserer neueren Theologie das, was das Wort vom Kreuz eigentlich bedeutet – und bedeutet hat –, kaum erfaßt, geschweige denn ausgeschöpft. Es ist eine unerhörte Sache, es ist ohne Beispiel. Was uns heute dazu aus der Religionsgeschichte beigebracht wird von dem Sterben der »göttlichen Menschen«, hat mit dem hier Gemeinten nichts zu tun. Das sind nur Vergleiche, die sich auf der religionsgeschichtlichen Ebene abspielen. Solche Parallelen können uns höchstens davor warnen, aus dem Sterben Jesu so etwas wie einen Mythos zu machen, in den wir uns dann versenken. Es gibt das. Es gibt das »Weinen über ihn«, aber das ist diesem Gange Jesu zum Kreuz nicht angemessen: »Weint vielmehr über euch« (vgl. Lk 23,27f)!

Unter den Modernen kommt wahrscheinlich Bultmann der Sache näher als andere. Er hält noch an dem Paradox fest, daß im Kreuz Gott sich im Widerspruch zu sich selbst, zu seinem eigenen Begriff, offenbart. Aber die Tiefe der Theologie des Kreuzes (theologia crucis) wie die Reformation, insbesondere Luther sie in seiner großen Zeit erreichte, gewinnt er nicht. Wie sollte er auch? Man darf nicht vergessen: Die hohe Zeit der Reformation Luthers, also die Jahre der Entscheidung, erfolgte auf dem Hintergrund der neu entdeckten, ei­gentlich erst seit der »Heidelberger Disputation« (1518) so entdeckten Theologie des Kreuzes (theologia crucis). Ist es nicht seltsam, sich diese Theologie gerade hinter dem Luther von Worms zu denken: »Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge beim richtigen Namen«! Es ist offen­sichtlich der neue Realismus, die Überwindung der Illusionen der Theologie der Herrlichkeit (theologia gloriae), was ihn stark macht. Bultmann ist dem Geheimnis dieser Theolo­gie des Kreuzes oft sehr nahe, gerade da, wo er sagt, daß das Kreuz die Auferstehung schon in sich schließt, aber er fügt zu dem Wort vom Kreuz noch etwas hinzu: die Interpretation, die Geschichte. Er müßte das Kreuz und die Geschichte in eins zusammenfallen lassen; sie sind in Wirk­lichkeit eins. Man darf das Kreuz nicht von der Geschichte her verste­hen wollen. Es geht hier wirklich um das »allein aus Glauben« (sola fide), nicht um Glauben und Verstehen, sondern um Glauben und Nicht-Verstehen! Das Kreuz ist das ganz und gar Inkommensurable in der Offenbarung Gottes. Uns ist es viel zu sehr gewohnt, wir sto­ßen uns kaum noch daran. Wir haben das Ärgernis des Kreuzes mit Rosen umkränzt. Wir haben eine Heilstheorie daraus gemacht. Aber das ist nicht das Kreuz. Das ist nicht die in ihm wohnende, die in es von Gott hineingelegte Härte.

Hegel hat das Kreuz definiert: »Gott ist tot.« Er hat wahrscheinlich damit richtig gesehen, daß hier die Nacht der wirklichen, der letzten und undeutbaren Gottesfeme vor uns steht, daß wir dem Logos des Kreuzes gegenüber auf das »allein aus Glauben« (sola fide) angewiesen sind, angewiesen wie nirgends sonst in der Welt. Hier sind keine Werke Gottes (opera Dei), die auf ihn, den ewigen Schöpfer und seine Weisheit, verweisen. Hier zerbricht der Schöp­fungsglaube, aus dem alles Heiden­tum gekommen ist. Hier wird diese ganze Philosophie und Weisheit der Narrheit überführt. Hier ist Gott Nicht-Gott. Hier triumphieren der Tod, der Feind, die Nicht-Kirche, der Unrechtsstaat, die Lästerer, die Soldaten – hier triumphiert der Satan über Gott.

Unser Glaube beginnt genau da, wo die Atheisten meinen, daß unser Glaube zu Ende sein müsse. Unser Glaube beginnt in jener Härte und Nacht, die die Nacht des Kreuzes, der Verlassenheit, der Anfechtung ist, des Zweifels an allem, was es gibt. Wirklich: was es gibt! Unser Glaube muß dort geboren werden, wo alle Gegebenhei­ten ihn verlassen. Er muß geboren werden aus dem Nichts, muß die­ses Nichts schmecken und zu schmecken bekom­men, wie sich das kein Philosoph des Nihilismus vorstellen kann. Denn diese behan­deln den Nihilismus immer noch als Kraft der Neugeburt, als revolu­tionäre Sprungfeder, als Abbau bis auf den Grund, damit man neu anfangen könne. Aber das Kreuz ist mehr. Das Kreuz ist das Offen­kundig-Machen unserer objektiven Gottlosigkeit, unserer grenzen­losen Verlassen­heit. Das Kreuz sagt uns, daß wir erst in diese Tiefe der Nacht hineingehen müssen, daß ohne diesen Preis, ohne diese Wüste, ohne diese Entbehrung allen Trostes und aller Gewißheit, eben kein Mensch wirklich Gott findet. Mit dem Kreuz ist der Traum einer Weltherrschaft Gottes in irdischem Sinne für immer begraben. Mit dem Kreuz ist die sichtbare Gestalt des Fromm-Seins, des Mit-Gott-Seins, ist dieser ganze christliche Heilsoptimismus zerbrochen und sind Abraham und Jakob, sind die Psalmisten und Hiob, sind Jere­mia und der zweite Jesaja gerechtfertigt. Das Kreuz ist mehr als ein Ereignis im Leben Jesu, das von Paulus theologisch interpretiert worden wäre. Die Theologie des Kreuzes (theologia crucis) hat es nicht mit Paulus, sondern mit Gott zu tun, und Paulus war der erste, der sich der damit gestellten Aufgabe unterzogen hat. Er ist darin unser Vorbild geworden. Wir haben uns die Härte des Kreuzes, der Offenbarung Gottes im Kreuz Jesu Christi, dadurch erträglich ge­macht, daß wir es in seiner Notwendigkeit für den Heilsprozeß ver­stehen lernten.

Hier liegt eine der wesentlichen Schwächen in der sonst so großarti­gen neuen Fassung der Genugtuung (satisfactio), wie sie uns Anselm in »Cur Deus homo?« bietet. Dort wird der Tod des Sohnes Gottes als notwendig eingesehen, nicht von der menschlichen Heilsbedürftig­keit her, sondern höher: von der Ordnung (ordo) Gottes her. Dadurch verliert das Kreuz den Charakter der Kontingenz, des Unbegreiflichen. Es ist sehr schwer, dies beides miteinander zu vereinigen: auf der einen Seite die Erkenntnis, daß Christus sterben mußte (vgl. Lk 24,26), auf der die ganze Satisfaktionslehre und unser Verstehen (intelligere) dessen, was wir glauben, aufruhen und auf der anderen Seite die harte Wirklichkeit des verborgenen Gottes (deus absconditus) im Kreuz. Auch die Alte Kir­che hat die Härte des Kreuzes nicht völlig zum Ausdruck gebracht, weil sie den Tod Jesu providentiell schon unter dem Gesichtspunkt sieht, daß der Satan, indem er sich an diesem Menschen vergreift, auf den er kein Recht hat, sein Reich verliert und der Tod nicht mehr in seiner Macht [409] ist. Erst die Reformation tritt ganz ein in die Härte der Theologie des Kreuzes (theologia crucis), in das Dunkel der Nacht, in die Weglosigkeit dieses Glaubens. Hier lernt man glauben! Gewiß, das Kreuz ist auch der Grund und die Ausrichtung des rechtfertigenden Glaubens. Aber hier spricht die Schrift lieber vom Tode Jesu Christi und vom Lösegeld. In der Kreuzestheologie (theologia crucis) aber ist das Kreuz die Schule des Glaubens. Was der Glaube sieht, ist das Gegenteil dessen, was das Auge sieht. Das Mittelalter und der Idealismus haben das anders gefaßt: Sicht­bare und unsichtbare Welt sind hier in einem System einander zugeord­net. Man steigt von dem einen auf zu dem anderen oder steigt von dem einen herab und hinunter in das andere. Glauben heißt dann, mit der unsichtbaren Welt Gottes rechnen, heißt dann auch in der Auferstehung einen Einbruch dieser oberen Welt in unsere Welt sehen. Das ist alles noch idealistisch. In der Theologie des Kreuzes (theologia crucis) heißt Glauben: in diesem Gekreuzigten den Herrn sehen, in dem Verworfenen den Erwählten, in dem zu den Toten Gerechneten den ewig Lebenden; in der Schmach die Ehre, in der Ausgestoßenheit das Heil finden, über­haupt in diesen Gegensätzen die Wirklichkeit Gottes erfassen. Hier ge­schieht etwas durch den Glauben! Er konstatiert nicht nur, was ist, er entdeckt, was nicht ist.

Abschließende Thesen:

  1. Das Kreuz ist die Offenbarung des Gegensatzes und damit das Ende aller natürlichen Theo­logie. In der Begegnung zwischen Gott und Mensch zeigt sich, daß beide nicht in einer Welt zusammenleben können. Hier wird deutlich, daß wir Feinde des »nahen« Gottes sind.
  2. Das Kreuz heißt aber, daß sich Gott in den Gegensatz selbst hin­einstellt, der zwischen ihm und uns besteht. Er übernimmt ihn als seine Last, sein Schicksal. Das ist der tiefere Sinn dessen, daß die Sünde von ihm getragen wird. Wir tragen sie nicht. Wir werfen sie von uns auf ihn. Das Totschlagen der Propheten ist die Vorgeschichte des Kreuzes.
  3. Das Kreuz ist im höchsten Sinne Gericht. Hier tritt Gott als Richter auf. Das ist zwar nicht dem Augenschein zu entnehmen, aber das sagt die Schrift. Diese Größe »Schrift« ist hier nicht einfach zu eliminieren. Es gibt keinen Erfahrungsbeweis für diesen Sachverhalt. Daß Gott Jesus ansah wie die Sünde selbst, ist tiefste Tiefe der Deutung. Sie ist Gottes eigene Deutung.
  4. Im Kreuz als Gericht wird erst offenkundig, daß nur Gott die Sün­de aufzuheben vermag. Hier wird deutlich, wie weit die Sünde reicht, daß sie bis in die tiefsten Tiefen der Gottheit reicht, daß sie dort ver­nichtet, dort für uns – um unsretwillen! – überwunden werden muß, [410] daß es keinen anderen Weg gibt, ihrer ledig zu werden, als diesen hier von Gott selbst beschrittenen Weg. Die Sünde ist ein Unendliches (infinitum). Sie meint Gott – und kann nur von Gott bedeckt, vernichtet, aufgehoben werden. Der Gekreuzigte ist das Bedecken der Sünde, ihr endgültiges Nicht-Sein.
  5. Der Gekreuzigte ist aber zugleich eine Anklage an uns wider das Nebeneinander von Fröm­migkeit und Gottlosigkeit, er ist die Aufdeckung dessen, daß man Gott totschlagen kann und dabei sich noch auf das Gesetz beruft (Stephanusrede Apg 7).
  6. Der Gekreuzigte ist unsere, der »Berufenen« Rettung (soteria)! Man muß offenbar berufen sein. Das kann man nicht aus eigener Kraft erlan­gen, daß uns der Gekreuzigte das Heil ist, daß wir hier die Versöhnung Gottes mit uns und unsere Versöhnung mit Gott finden. Das ist noch mehr als ein bloßes Außerhalb unserer selbst (extra nos). Hier sieht man, wer der ist, der außerhalb unserer selbst steht (extra nos, i. e. in Christo).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 2: Christologie. Die Umkehrung des Menschen zur Menschlichkeit, hrsg. v. Eberhard Lempp und Edgar Thadigsmann, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 1999, Seiten 406-410.

Hier der Text als pdf.

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