Warum die evangelische Kirche die „rechte alte Kirche“ ist – Aus Martin Luthers Schrift „Wider Hans Worst“

In seiner Schrift „Wider Hans Wort“ von 1541 polemisiert Martin Luther gegen Herzog Heinrich von Braunschweig zu Wolfenbüttel, der in seinem Territorium am Katholizismus festhielt. Zugleich sucht Luther den Nachweis zu führen, dass die evangelische Kirche die „rechte alte Kirche“ sei. Hierzu schreibt er:

Wir fragen, wo und wer die Kirche Christi sei; nicht nach dem Namen, sondern nach dem Wesen fragen wir. Gleich als wenn ich einen Trunkenen, halb Schlafenden oder einen Narren fragte: Lieber, sage mir, wer oder wo ist die Kirche? und er mir zu zehn Malen nichts anderes darauf antwortete, als so: Man soll die Kirche hören. Wie soll ich doch die Kirche hören, so ich nicht weiß, wer und wo sie ist? Ja, sagen sie, wir Katholiken sind in der alten früheren Kirche seit der Apostel Zeiten her geblieben, darum sind wir die Rechten, aus der alten Kirche gekommen und bis daher geblieben; ihr aber seid von uns abgefallen und eine neue Kirche uns entgegen geworden. Antwort: Wie aber, wenn ich beweise, daß wir bei der rechten alten Kirche geblieben, ja daß wir die rechte alte Kirche sind, ihr aber von uns, das ist von der alten Kirche, abtrünnig geworden, eine neue Kirche angerichtet habt wider die alte Kirche? Das laßt uns hören.

Erstlich wird das niemand leugnen können, daß wir so gut wie die Katholiken aus der heiligen Taufe herkommen und aus derselben Christen genannt sind. Nun ist die Taufe nicht ein Neues, noch zu dieser Zeit von uns erfunden, sondern es ist eben dieselbe alte Taufe, die Christus eingesetzt hat, damit die Apostel und die erste Kirche und alle Christen hernach bis daher getauft sind. Haben wir nun dieselbe Taufe, der ersten alten (und wie im Glaubensbe­kenntnis stehet, der »katholischen«, das heißt, der ganzen christlichen) Kirche und sind eben mit derselben getauft, so gehören wir gewißlich in dieselbe alte und ganze christliche Kirche, die mit uns gleich und wir mit ihr gleich aus einer Taufe herkommen, und ist in bezug auf die Taufe kein Unterschied. Die Taufe aber ist das vornehmste und erste Sakrament, ohne welches die anderen alle nichts sind, wie sie bekennen müssen. Darum können uns die Katholiken nicht mit Wahrheit eine andere oder neue Kirche schelten oder verketzern, weil wir der alten Taufe Kinder sind, sowohl wie die Apostel selbst und die ganze Christenheit, Eph. 4, 5: »eine Taufe.«

Zum zweiten wird das niemand leugnen, daß wir das heilige Sakrament des Altars haben, genauso, wie es Christus selbst eingesetzt und die Apostel hernach und die ganze Christenheit gebraucht haben, und essen und trinken so mit der alten und ganzen Christenheit von einerlei Tisch und empfangen mit ihnen dasselbe eine alte Sakrament und haben darin nichts Neues noch Anderes gemacht. Deshalb sind wir mit ihnen eine Kirche, oder, wie Paulus 1. Kor. 10, 17 sagt, »ein Leib, ein Brot«, die wir von einerlei Brot essen und einerlei Kelch trinken. Darum können uns die Katholiken nicht Ketzer oder neue Kirche schelten, sie müssen zuvor Christus, die Apostel und die ganze Christenheit Ketzer schelten, wie sie denn auch in Wahrheit tun. Denn wir sind mit der alten Kirche einerlei Kirche, in einerlei Sakrament.

Zum dritten kann das niemand leugnen, daß wir die rechten alten Schlüssel haben und sie nicht anders brauchen, als die Sünden zu binden und zu lösen, die wider Gottes Gebot geschehen, wie sie Christus eingesetzt (Matth. 16, 19; Joh. 20, 23), die Apostel und die ganze Christenheit bis daher gebraucht haben. Haben also einerlei Schlüssel und Brauch mit der alten Kirche, weshalb wir eben dieselbe alte Kirche oder doch wenigstens in ihr drinnen sind. Denn wir machen keine neuen Schlüssel, machen nicht neue Gesetze, schließen damit auch nicht Könige und Herrn aus und in ihre weltlichen Herrschaften (ein), sondern allein die Sünder aus und in das Himmelreich (ein), gleichwie die alte Kirche aus Befehl des Herrn getan hat, so daß uns die Katholiken abermals fälschlich verleumden, ja die alte Kirche, Apostel und Christus selbst in uns verketzern und verlästern.

Zum vierten kann das niemand leugnen, daß wir das Predigtamt und Gottes Wort rein und reichlich haben, fleißig lehren und verkünden, ohne allen Zusatz neuer, eigener, menschlicher Lehre, gleichwie es Christus befohlen und die Apostel und ganze Christenheit getan haben. Wir erdichten nichts Neues, sondern halten und bleiben bei dem alten Gotteswort, wie es die alte Kirche gehabt hat. Darum sind wir mit derselben die rechte alte Kirche, als einerlei Kirche, die einerlei Gotteswort lehret und glaubet. Darum lästern die Katholiken abermals Christus selbst, die Apostel und die ganze Christenheit, wenn sie uns Neuerer und Ketzer schelten. Denn sie finden nichts bei uns als allein das Alte der alten Kirche, daß wir derselben gleich und mit ihr einerlei Kirche sind.

Zum fünften kann das niemand leugnen, daß wir das Apostolische Glaubensbekenntnis, den alten Glauben der alten Kirche, in allen Dingen gleich mit ihr halten, glauben, singen, bekennen, nichts Neues drinnen machen noch zusetzen. Damit gehören wir in die alte Kirche und sind einerlei mit ihr. Darum können wir von hier aus auch nicht von den Katholiken mit Wahrheit als Ketzer oder als neue Kirche gescholten werden. Denn wer mit der alten Kirche gleich glaubt und gleich lehrt, der gehört zur alten Kirche.

Zum sechsten kann das niemand leugnen, daß wir mit der alten Kirche ein gleiches Gebet, dasselbe Vaterunser haben, kein neues noch anderes erdichten, dieselben Psalmen singen, mit einträchtigem Munde und Herzen Gott loben und danken, gleichwie es Christus gelehret, die Apostel und alte Kirche selbst gebraucht und uns dem Vorbild nachzutun befohlen hat. Und die Katholiken können uns hierfür abermals nicht verketzern noch neue Kirche schelten, sie müssen (denn) zuvor Christus selbst schelten samt seiner lieben alten Kirche usw.

Zum siebenten kann niemand leugnen, daß wir mit der alten Kirche lehren und glauben, man solle die weltliche Herrschaft ehren und nicht verfluchen, noch zwingen, dem Papst die Füße zu küssen. Solches haben wir auch nicht aufs neue erdichtet, sondern Petrus verflucht 2. Petr. 2, 10 die, welche solches neu erfinden und künftig tun würden, und Paulus, Röm. 13, 1 ff., steht bei uns und die alte und ganze Christenheit, daß wir hierin auch nicht Neuerer sein oder heißen können, wie die Katholiken Gott selbst in uns lästern. Sondern wir sind und gehören in die alte, heilige, apostolische Kirche als die rechten Kinder und Glieder derselben. Denn wir haben gelehret, unserer Obrigkeit, es sei Kaiser oder Fürsten, allezeit aufs treulichste gehorsam zu sein, selbst auch so getan und herzlich für sie gebetet.

Zum achten kann niemand leugnen, daß wir den Ehestand loben und preisen als eine göttliche, gesegnete und wohlgefällige Schöpfung und Ordnung, zur Leibesfrucht und wider die fleischliche Unzucht. Und wir haben den nicht aufs neue von uns aus erdichtet, auch nicht aus uns desselben Brauch aufs neue erdacht. Viel weniger haben wir ihn als Lehrer von Neuerungen verboten, sondern sind in derselben alten Regel und Ordnung Gottes geblieben, gleichwie ihn Gott von Anbeginn geschaffen, Christus bestätigt, die Apostel und die alte Kirche geehrt und gelehrt haben. Und damit entsprechen wir der alten Kirche, ja sind eben derselben rechte, echte Glieder. So daß man hier siehet, wie die Katholiken uns hier abermals fälschlich der Neuerung bezichtigen.

Zum neunten kann niemand leugnen, daß wir eben dasselbe Leiden (wie Petrus 1. Petr. 5, 9 fordert) wie unsere Brüder in der Welt haben. Da verfolget man uns an allen Orten, da erwürget, ertränkt, henkt und tut man uns um des Wortes willen alle Plage an und gehet es uns gleich wie der alten Kirche. Wir sind derselben darin über die Maßen gleich, daß wir wohl sagen können: Wir sind die alte rechte Kirche oder doch mindestens ihre Mitgenossen und gleiche Gesellen im Leiden. Denn wir erdichten solches nicht aufs neue, sondern fühlens wohl. Ja, wir sind, wie dieselbe alte Kirche auch, dem Herrn Christus selber am Kreuze gleich. Da steht vor dem Kreuze Hannas und Kaiphas samt den Priestern und lästern den Herrn (noch) dazu, über das hinaus, daß sie ihn gekreuzigt haben, gleichwie uns der Papst, die Kardinäle und Mönche verurteilt, verdammt, ermordet und unser Blut vergossen haben und lästern uns noch dazu. Da stehen die Kriegsleute, das ist ein Teil der weltlichen Herrschaft, und lästern uns noch dazu. Selbst der Schalk, der Schächer zur Linken (Luk. 23, 39), Heinz Wolfenbüttel samt den Seinen, den Gott schon verurteilt, in Banden zur Hölle gehenkt hat, muß sein Lästern auch dazu tun, so daß dies Stück, als ein altes Zeichen der alten Kirche, reichlich an uns gesehen wird.

Zum zehnten kann niemand leugnen, daß wir umgekehrt auch kein Blut vergießen, morden, henken und uns rächen, wie wir oft wohl hätten tun können und noch könnten. Sondern wie Christus, die Apostel und die alte Kirche getan, dulden wir, vermahnen und bitten wir für sie, auch öffentlich in der Kirche in den Litaneien und Predigten, ganz so wie Christus, unser Herr, getan und gelehret hat, die alte Kirche auch ebenso, so daß wir uns hierin auch alle entsprechend dem alten Wesen der alten Kirche verhalten.

Weil nun die Katholiken wissen, daß wir in allen solchen Stücken und was deren mehr sind, der alten Kirche gleich sind und mit Wahrheit die alte Kirche heißen können (denn solche Stücke sind nicht neu noch von uns erfunden), ists zu verwundern, warum sie uns so unverschämt belügen und verdammen dürfen, als die von der Kirche abgefallen seien und eine neue Kirche angerichtet haben, so sie doch nichts Neues an uns finden können, das nicht in der alten und der rechten Kirche zu der Apostel Zeiten gehalten sei. So daß ich fürwahr meine, dies sei die Zeit, davon Dan. 7, 9 sagt: der Hochbetagte setzte sich, nachdem das kleine Horn ausgelästert hatte, und das Gericht wurde gehalten. Denn die frühere alte Kirche leuchtet wieder hervor (wie die Sonne, wenn die Wolken weggezogen sind, hinter welchen doch dieselbe Sonne war, aber nicht helle), und das Lästerhorn will untergehen und alles ein Ende werden, wie daselbst steht und die Auswirkungen davon sich zeigen, davon hier nicht Zeit zu handeln ist.

Quelle: WA 51, 478-486

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