„Barmen ist zu einer alten Fahne geworden, die man alle fünf Jahre entrollt“ – Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis

Nachdem ja die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern nun einen Satz zu Barmen in ihren Grundartikel eingefügt hat („In der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 weiß sie die befreiende und verbindliche Kraft des Evangeliums Jesu Christi aufs Neue bekannt“), die Stimme des Altmeisters Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis:

An Pfarrer Arnold Bittlinger,
Klingenmünster (Pfalz)

Basel, 4. Februar 1964

Sehr geehrter Herr Pfarrer!

Sie waren so freundlich, mich in Ihrem Brief vom 20. Januar zu einem Vortrag im Rahmen der auf den Herbst vorgesehenen Evangelischen Woche einzuladen. [Vorgesehenes Generalthema: «30 Jahre Barmer Bekenntnis». Barth sollte über die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung sprechen.]

Indem ich das in mich gesetzte Vertrauen zu schätzen weiß, muß ich Ihnen doch sagen, daß ich aus äußern und innern Gründen nicht in der Lage bin, Ihrem Wunsche zu entsprechen. [Am Vortag, 3.2.1964, hatte Barth die Einladung, zu demselben Jubiläum einen Artikel zu schreiben, mit ähnlicher Begründung abgelehnt.]

Vorträge dieser Art lagen mir nie so recht, und jetzt bei deutlichem Abnehmen meiner physischen Mobilität erst recht nicht. Es kommt dazu, daß es mich nicht eben freut, daß Barmen, statt daß auf seiner Linie gedacht, geredet, gehandelt und gelebt wird, zu einer alten Fahne geworden ist, die man alle fünf Jahre entrollt, vor den Augen der kaum interessierten Jugend ein bißchen hin und her schwenkt und dann wieder in die Mottenkiste versorgt. Das mag ich nicht unterstützen. Wenn Barmen wieder einmal eine lebendige Sache werden wird, dann werden, ihrerseits in einem ähnlichen Aufbruch begriffen wie wir damals, jüngere Menschen dazu das Wort ergreifen.

Ich bitte Sie herzlich, das freundlich zu verstehen und mich für entschuldigt zu halten.

Mit den besten Grüßen und Wünschen

Ihr Karl Barth
Quelle: Karl Barth, Briefe 1961-1968 (GA V.6).
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