„Der Glaube ist nicht seine eigene Wahrheit“ – Heinrich Vogel über den Glauben an Gott

Heinrich Vogel (1902-1989)

Was Heinrich Vogel seinerzeit in seiner Auslegung zum Nicaenischen Glaubensbekenntnis einleitend geschrieben hat, ist immer noch bedenkenswert:

In dem Sätzlein: „ich glaube“, bzw. „wir glauben an Gott“, geht es nicht darum, daß wir so gut oder so klug wären, ihm eine Existenz zuzubilligen, die er von Gnaden unserer Beweis­künste hätte, sondern um eine Anerkenntnis und eine Anbetung, die von seinen Gnaden ist, und die seine ewige Priorität zur Voraussetzung hat. Wenn das „an Gott“ ein Zu-Gott-hin besagt, so ist dieses „Zu-hin“ gegründet in einem „Von-her“, von Gott her, der den Glauben ermöglicht und schafft, wie er die Wahrheit des Glaubens ist und bleibt. Der Glaube ist nicht seine eigene Wahrheit. Er kann die Wahrheit darum auch nicht in einer Selbstbesin­nung und in einem Selbstverständnis er­schließen. Gott ist Gott in der ewigen Priorität seines Gottseins vor allem unserem Glauben und Bekennen. Daß er als der Gott für uns Gott ist, das und das allein ermöglicht, begründet und wirkt unsern Glauben an Gott. Gott ist Gott, nicht in der sakralen Tautologie eines „Allah ist Allah“, sondern als der Gott für uns, der trinitarische Gott, der allem unserm Glauben ewig zuvor ist, kommt und bleibt.

Hat nicht dies gerade den vielberufenen Umbruch der zwanziger Jahre wie den Kirchenkampf der dreißiger Jahre unseres Jahrhun­derts in der Fragestellung, ja in dem Umdenken und der Buße, zu der wir nach so viel frommem und gottlosem Anthropozentrismus gerufen wurden, bestimmt? Ist der unüberhörbare Ruf Karl Barths heute schon verhallt, um morgen bereits „historisiert“ und ehrenvoll begraben zu werden?! In dem Satz: „ich glaube an Gott“ liegt die Priorität, nicht nur ontisch, sondern auch noetisch, nicht nur seins-, sondern auch erkenntnis­mäßig bei Gott. Diese Priorität ist das eigent­liche Geheimnis des „an“. Sie sollte uns in der Theologie nicht wie­der zurückfallen lassen in Fragestellungen, die durch den Menschen und sein Selbstverständnis, sei es denn schon durch das darin in­tendierte neue Selbstverständnis bestimmt sind. Die theozentrische, durch die Trinität Gottes, seines Sprechens und Handelns bestimmte Fragestellung leidet eben nicht die Umkehrung, die unseren theolo­gischen Existen­tialisten das kerygmatisch gemeinte Konzept im Grundansatz verdirbt, indem sie zuerst nach der existentialen Struktur [27] des Menschen fragen und von dem so gewonnenen Vorver­ständnis her, sei es schon durch eine Krisis hindurch, die Gottesfrage an­gehen.

Wenn wir in dem Satz: „ich glaube“, bzw. „wir glauben an Gott“, eben dieses „an“ allein von Gott her ermöglicht sehen, so verobjektivieren wir damit Gott nicht etwa, sondern wir respek­tieren ihn als das schöpferische Subjekt aller Subjekte! Keine Kantische Erkenntnis­theorie und auch keine unserer Erkenntnis vorgegebenen Existentialien als die Wahrheit über die Struktur unserer Existenz können und dürfen uns dazu bringen, den Glauben nicht mehr unter dem Vor­zeichen der ewigen Priorität des göttlichen Subjektes zu verstehen, und der Wahrheit, zu der sich der Glaube bekennt, als die Hö­rer des Wortes Gottes nach-zu-sinnen. Das Er-denken und das Nach-denken sind hinsichtlich ihrer Wurzel so scharf geschieden wie Men­schenwerk und Gottes Gnade.

Unter dieser Voraussetzung werden wir den Glauben im Gegensatz zu allen Verdinglichun­gen, Versachlichungen und Verobjektivierungen, in dem personalen Bezug des Glaubenden zur personalen Wahr­heit, als Entscheidung in der Dankbarkeit, als Gehorsam im Vertrauen, als Gehören im Hören verstehen dürfen. Der Bekenntnissatz: „ich glaube“, bzw. „wir glau­ben“ besagt die den Glaubenden total bestim­mende Entscheidung in der Bejahung der von dem Gott der Gnade her über ihn schon gefallenen Entscheidung. Die Entscheidung des Glau­bens kann darum ihrem Ursprung nach nur als Dank, niemals als Gabe oder Opfer gesehen werden. Wenn der Mensch, der gerade als der „religiöse“ Mensch immer von neuem die Rich­tung verfehlte, [28] immer wieder, anstatt bei Gott, bei dem nach seinem Bild gedachten Ab­gott endete, als der im Gericht Gerettete zu der Entscheidung für Gott befreit wird, so geht sein „ich glaube“ in eins mit dem „ich danke“. Eben die Entscheidung, in der der Glaubende die dem Men­schen als dem Menschen Gottes geschenkte und verheißene Frei­heit für Gott praktiziert, ist dann, ihrem Ursprung und Wesen nach, ein Akt des Dankens dessen, über den Gott in unbegreiflicher Gnade vorentschieden hat. Dann ist das Vertrauen, das der wahre Gehorsam des Kindes gegenüber dem Vater ist, nicht eine Leistung, nicht ein religiös-heroisches Wagnis, sondern der Gehorsam dessen, der trotz und nach allem Gott gehören darf. Als Hörender des Wortes Gottes, dessen menschlicher Name im Zentrum des Bekennt­nisses leuchtet, wird er als ein Gott Gehörender so behaftet, daß unser Bekenntnissatz „ich glaube an Gott“, bzw. „wir glauben an Gott“ identisch ist mit dem „ich gehöre Gott“ bzw. „wir gehören Gott“.

Quelle: Heinrich Vogel, Das Nicaenische Glaubensbekenntnis. Eine Doxologie (Berlin-Stuttgart: Lettner-Verlag 1963), 26-28.

Hier der Text als pdf.

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