„Alle Geschöpfe finden ihren »weiten Raum, in dem keine Bedrängnis mehr ist« (Hiob 36,16) in dem geöffneten ewigen Leben Gottes“ – Jürgen Moltmann zur Trinitätslehre

In der aktuellen Juni-Ausgabe der zeitzeichen findet sich ein längeres Interview, das Reinhard Mawick mit Jürgen Moltmann zur Trinitätslehre geführt hat. Betitelt ist das Interview „Ich lebe in der Trinität“. Was Moltmann damit meint, hat er in seinem Aufsatz „Im Lebensraum des dreieinigen Gottes. Neues trinitarisches Denken“ entfaltet:

Jede Person »bewegt« sich in den beiden anderen. Das ist der Sinn ihrer circumincessio. Also bieten sich die trinitarischen Personen wechselseitig den einladenden Bewegungsraum, in welchem sie ihre ewige Lebendigkeit entfalten können. Es gibt für lebendige Wesen keine personale Freiheit ohne soziale Freiräume. Das gilt im übertragenen Sinn auch für die göttli­chen Personen in ihrer Perichoresis. Sie bewegen sich miteinander und umeinander und ineinander und verändern sich »von Herrlichkeit zu Herrlichkeit«, ohne Vergängliches hinter sich zu lassen. Man kann das mit Kreisbewegungen oder kaleidoskopischen Farbenspielen vergleichen. In ihrer ewigen Beweglichkeit verschmelzen die trinitarischen Personen mit den Spielräumen, die sie einander geben, ohne ineinander aufzugehen. In ihrer circumincessio sind sie Personen und Bewegungsräume zugleich. Im menschlichen Bereich nennt man diese Räume soziale Räume, in denen andere sich bewegen können. In der Übertragung auf die göttliche Ebene wird man von einer Einheit von physischen und moralischen Räumen ausgehen müssen, denn die Perichoresis ist gleichursprünglich wie das Leben der trinitarischen Personen.

Jede Person ek-sistiert außer sich in den beiden anderen. Es ist die Macht der vollkommenen Liebe, die jede Person so sehr aus sich he- rausgehen lässt, dass sie ganz in den anderen präsent ist. Das bedeutet umgekehrt, dass jede trinitarische Person nicht nur Person ist, son­dern zugleich auch Lebensraum für die beiden anderen darstellt. Jede Person macht sich in der Perichoresis »bewohnbar« für die beiden anderen und stellt den weiten Raum und die Woh­nung der beiden anderen bereit. Das ist der Sinn ihrer circuminsessio. Man soll also nicht nur von den drei trinitarischen Personen, sondern muss zugleich auch von den drei trinitarischen Räumen sprechen, in denen sie wechselseitig existieren. Jede Person ist aktiv in den beiden anderen einwohnend und passiv den beiden anderen raumgebend, also sich gebend und die anderen empfangend zugleich. Göttliches Sein ist personales Da-sein, soziales Mit-sein und perichoretisch zu verstehendes In-sein. […]

Sieht man die trinitarische Einheit perichoretisch, dann ist sie keine in sich geschlossene, exklusive Einheit, sondern eine offene, einladende und integrierende Einheit, wie Joh 17,21 Jesus zum Vater für die Jünger betet: »… dass sie auch in uns seien«. Dieser Einwohnung von Menschen in dem dreieinigen Gott entspricht durchaus die umgekehrte Einwohnung des drei­einigen Gottes in Menschen: »Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen« (Joh 14,23). Perichoresis verbindet, wie gesagt, nicht nur Andere der gleichen Art, sondern auch Andere verschiedener Art. Nach der johanneischen Theologie gibt es eine wechselseitige Einwohnung Gottes und der Menschen in der Liebe: »Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm« (1 Joh 4,16). Die letzte eschatologische Aussicht formuliert Paulus als kosmische Schechina Gottes, wenn Gott sein wird »alles in allen« (1 Kor 15,28). Alle Geschöpfe werden dann in der ewigen Gegenwart des dreieinigen Gottes »vergöttlicht«, wie die orthodoxe Theo­logie nach Athanasius sagt, d. h., alle Geschöpfe finden ihren »weiten Raum, in dem keine Bedrängnis mehr ist« (Hiob 36,16) in dem geöffneten ewigen Leben Gottes, und der dreiei­nige Gott kommt in der verklärten neuen Schöpfung zu seiner ewigen Wohnung und Ruhe und zu seiner Seligkeit.

Hier der Text als pdf.

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