Gesinnungsethik als protestantische Selbstrechtfertigungslehre

Maiestas Domini aus der Apsis von San Clemente (Ausschnitt)

Evangelische Rechtfertigungslehre ist ein unverschämtes Glaubensbekenntnis:

„Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Men­schen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, son­dern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Ster­ben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.“

Dieser elend lange Satz aus Martin Luthers Kleinen Katechismus ist der evangelische Schlüs­selsatz. Ohne die Menschwerdung des Gottessohnes, ohne sein stellvertretender Tod am Kreuz und ohne seine Auferstehung von den Toten ist keine Rechtfertigung des Sünders im Gottesgericht zu erhalten.

Unerhört, unglaublich unvernünftig scheint dieses Glaubensbekenntnis zu sein – kein Wun­der, dass eine ganz andere, viel eingängigere Rechtfertigungslehre von Kanzeln, Kathedern und Schreibtischen aus propagiert wird, nämlich die protestantische Gesinnungsethik als „ver­nünftige“ Selbstrechtfertigungslehre.

Das protestantische Verständnis des Evangelisch-Seins hält sich nicht länger an die Glaubens­artikel. Stattdessen spricht sich die eigene Unbestimmtheit als ein „wir sind so frei“ aus: Wer „evangelisch“ ist, muss nicht das glauben oder das tun, was in der römisch-katholischen Kirche gilt. Er ist vielmehr in seinem Gewissen innerlich und äußerlich frei. So hat es ja schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in seiner Rechts­philosophie gelehrt: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“

Die selbstbestimmte Freiheit kann freilich nicht in einem antagonistischen Naturzustand gehalten sein, sondern bedarf einer subjektiven Gesinnungsgüte. Zur Rechtfertigung der eigenen Freiheit muss das Gewissen der (platonischen) Idee des bedingungslosen Guten verpflichtet sein. Nur wer sich selbst das höchste Gut (summum bonum) denken kann, ist in seiner individuellen Freiheit sich selbst gerechtfertigt.

Was man sich protestantisch scheinbar sparen kann, sind Glaube, Gehorsam, Gottesdienst und Gemeinschaft. Es kommt nicht wirklich auf einen selbst an; allein die „reine“ (und wahre) Gesin­nung zählt. Mit ihr weiß man sich auf der richtigen Seite der Geschichte. Da will man sich auch nicht länger dem hilfsbedürftigen Nächsten zum Knecht machen, wie Luther dies in seiner Freiheitsschrift einfordert, sondern beansprucht für die eige­ne Gesinnungsgüte die staatliche Wohlfahrt, wenn nicht gar den „Westen“ als weltmoralischen Agenten. So lässt der Protestantismus nicht die Stellvertretung Christi, wohl aber die Stellvertretung des Wohlfahrtstaates zur Heilsverwirklichung gelten.

Unbeschadet aller politischen Verwerfungen und Konfliktkonstellationen muss für den ideologischen Protestantis­mus die eigene Gesinnungsethik auf Dauer Recht behalten. Andernfalls wäre man mit der eigenen Selbstrechtfertigung am Ende und müsste schlussendlich doch noch mit dem Apostel Paulus darauf hoffen und glauben, dass Christus auferweckt ist „von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Hier der Text als pdf.

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