„die mit Ernst Christen sein wollen“ (Martin Luther) und Hauerwas-Willimon „Christen als Fremdbürger“

In seiner Vorrede zur Deutschen Messe von 1526 begründet Martin Luther, warum für ihn die lateinische wie auch die deutsche Messe als öffentlich veranstaltete Gottesdienste angebracht sind:

„Diese zwei Arten des Gottesdienstes müssen wir so vor sich gehen und geschehen lassen, daß sie öffentlich in den Kirchen vor allem Volk gehalten werden. Unter ihm sind viele, die noch nicht glauben oder Christen sind, sondern die meisten stehen da und gaffen, auf daß sie auch etwas Neues sehen, gerade als wenn wir mitten unter den Türken oder Heiden auf einem freien Platz oder Felde Gottesdienst hielten. Denn hier ist noch keine geordnete und feste Versammlung, darinnen man nach dem Evangelium die Christen regieren könnte, sondern (es handelt sich um) eine öffentliche Anreizung zum Glauben und zum Christentum.“

Luther stellt jedoch in den nachfolgenden Absätzen klar, dass der eigentliche evangelische Gottesdienst nicht auf eine öffentliche Anstaltskirche, sondern auf eine örtliche, verbindliche Gemeinschaft ausgerichtet  ist:

„Aber die dritte Weise (des Gottesdienstes), welche die rechte Art der evangelischen Ordnung (an sich) haben sollte, dürfte nicht so öffentlich auf dem Platz unter allerlei Volk geschehen. Sondern diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit der Tat und dem Munde bekennen, müßten sich mit Namen (in eine Liste) einzeichnen und sich etwa in einem Hause für sich allein versammeln zum Gebet, (die Schrift) zu lesen, zu taufen, das Sakrament zu empfangen und andere christliche Werke zu üben. In dieser Ordnung könnte man die, welche sich nicht christlich hielten, kennen, strafen, bessern, ausstoßen oder in den Bann tun nach der Regel Christi Matth. 18, 15 ff. Hier könnte man den Christen auch ein gemeinsames Almosen auferlegen, das man freiwillig gäbe und unter die Armen nach dem Vorbild des Paulus austeilte (2. Kor. 9, 1). Hier bedürfte es nicht vieler und großer Gesänge. Hier könnte man auch Taufe und Sakrament auf eine kurze feine Weise halten und alles aufs Wort und Gebet und die Liebe richten. Hier müßte man einen guten kurzen Unterricht über das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote und das Vaterunser haben. In Kürze: wenn man die Menschen und Personen hätte, die mit Ernst Christen zu sein begehrten, die Ordnungen und Regeln dafür wären bald gemacht.“

Veranstaltete Gottesdienste in einer „Volkskirche“ gelten Luther als Provisorium:

„Aber ich kann und mag eine solche Gemeinde oder Versammlung noch nicht ordnen oder anrichten. Denn ich habe noch nicht die Menschen und Personen dazu, ebenso sehe ich auch nicht viele, die sich dazu drängen. Kommts aber dazu, daß ichs tun muß und dazu gedrängt werde, so daß ichs mit gutem Gewissen nicht lassen kann, so will ich das Meine gerne dazu tun und auf das beste, so ichs vermag, helfen. Bis dahin will ichs bei den angeführten zwei Weisen (des Gottesdienstes) bleiben lassen und öffentlich unter dem Volk solchen Gottesdienst über die Predigt hinaus fördern helfen, um die Jugend zu üben und die andern zum Glauben zu rufen und anzureizen, bis daß sich die Christen, welche das Wort mit Ernst meinen, von selbst finden und auf einer Änderung bestehen (auf daß nicht eine Spaltung draus werde, wenn ichs von mir aus betreiben wollte.“

500 Jahre nach der Reformation muss bei einem sonntäglichen Gottesdienstbesuch von 3 % der Kirchenmitglieder die Anreizung zum Glauben durch öffentliche Gottesdienstveranstaltungen als gescheitert gelten. Nimmt man Luthers Worte ernst, müsste tatsächlich die namentliche Sammlung derjenigen, „die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit der Tat und dem Munde bekennen“, erfolgen. Dazu haben Stanley Hauerwas und William H. Willimon die passende Programmschrift „Christen sind Fremdbürger“ (Resident Aliens) verfasst:

„Im Dämmerlicht dieser mittlerweile erschöpften alten Welt bekommen wir nun die Gelegenheit zu entdecken, was immer schon der Fall war: dass die Kirche, bestehend aus Menschen, die Gott herausgerufen hat, eine soziale Alternative verkörpert, die die Welt von sich aus nicht (er)kennen kann.

Der Schwanengesang der konstantinischen Weltsicht, der zufolge die Kirche die Unterstützung einer «christlichen Kultur» bräuchte, um ihren Nachwuchs entsprechend zu sozialisieren, braucht nicht beklagt werden. Tatsächlich ist das Verblassen dieser Weltsicht eine Chance, die freudig ergriffen werden kann und soll. Der Niedergang der alten konstantinischen Synthese von Kirche und Welt eröffnet uns Christen (in Amerika und anderswo) die Freiheit, unseren Glauben in einer Weise zu leben, die Christsein heute zu einem Abenteuer macht. […]

Pfarrer, die wissen, was in ihren Gemeinden vor sich geht, weil sie ihren Gemeindegliedern gut zuhören, und insbesondere auch jüngeren Eltern unter diesen, werden bemerken, wie diese mit steigender Regelmäßigkeit zu ihren Kindern sagen: «Solch ein Verhalten mag für andere Leute angehen, aber nicht für dich. Du bist anders. Du hast eine andere Geschichte und einen anderen Wertekanon. Du bist ein Christ.»

Wir glauben, dass sich in Anerkennung dieser Realität eine kopernikanische Wende in der Weltsicht von Christen abzeichnet, die das, was es heißt, heute Kirche in der Welt zu sein, auf eine völlig andere Grundlage stellt. Nun werden unsere Kirchen frei, ihre eigenen Wurzeln neu zu begreifen und der Synagoge ähnlicher zu werden – einer Glaubensgemeinschaft, die nicht die Welt darum bittet, zu tun, was nur die Glaubensgemeinschaft selbst tun kann. Was wir einst theologisch gelernt hatten, lernen wir nun auch praktisch:

Christen kommen nicht auf natürliche Weise zur Welt in Orten wie Greenville oder anderswo; sie werden vielmehr erst ins Leben befördert durch eine abenteuerlustige Kirche, die es wieder gelernt hat, die richtigen Fragen zu stellen: Fragen, auf die allein Christus die rechten Antworten bereitstellt.“

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