Den Cäsaren keinen Weihrauch opfern – Hans Joachim Iwands Widerspruch gegen Otto Dibelius‘ Disqualifizierung des SED-Regimes als Obrigkeit im Sinne von Römer 13

Da gab es innerhalb der EKD 1959/60 einen „Obrigkeitsstreit“, der vom damaligen Ratsvorsitzenden der EKD und (Gesamt-)Berliner Bischof Otto Dibelius initiiert worden war. [Zur historischen Einordnung siehe Martin Greschat, Römer 13 und die DDR. Der Streit um das Verständnis der »Obrigkeit« (1957-1961), ZThK 105 (2008), 63-93.] In seinem Brief „Obrigkeit? Eine Frage an den 60jährigen Landesbischof“ an den Hannoverschen Landesbischof Lilje zu dessen 60. Geburtstag am 20. August 1959 (später auch als Buch veröffentlicht) hatte Dibelius bestritten, dass das SED-Regime in der DDR als Obrigkeit im Sinne von Kapitel 13 des Römerbriefs zu akzeptieren sei. Nach Dibelius‘ Auffassung ist dem totalen Staat gegenüber die christliche Pflicht zum Obrigkeitsgehorsam suspendiert. Im totalitären Staatswesen könne der Christ »nicht mehr die Dienerin Gottes sehen, sondern ein solcher Staat ist für ihn ein säkulares Machtgebilde«. Dass Dibelius den nationalsozialistischen wie den kommunistischen Staat als totale Staaten verstand, hatte seinerzeit den Widerspruch Hans Joachim Iwand in der ZEIT hervorgerufen:

Den Cäsaren keinen Weihrauch opfern

Von Hans Joachim Iwand

Der Brief des Berliner Bischofs D. Dibelius geht souverän an der ernsten und differenzierten theologischen Debatte vorüber, die wir nun schon seit mehr als 20 Jahren um das rechte Ver­ständnis von Röm. XIII führen. Seine Ausführungen wirken als Aufruf zur grundsätzli­chen, weil gewissenmäßig erlaubten, Nichtanerkennung aller Anordnungen, die innerhalb eines „totalen“, aus einer sozialistischen Revolution hervorgegangenen Staatswesens erlassen werden – einschließlich Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Das Wort „Staat“ müßte dabei in Anführungszeichen stehen, denn das neue Gesellschafts­system rechnet auf lange Sicht mit dem Absterben des Staates. Hier hätte D. Dibelius einset­zen müssen, war doch unser Kampf gegen den NS-Staat bereits ein Widerstand gegen die Vergewaltigung des zu ungeheurem Unrecht mißbrauchten Staatswesens.

Wenn D. Dibelius diesen Punkt umgeht, dann wahrscheinlich deshalb, weil es bei ihm wie bei anderen hohen Kirchenführern fast zur Manie geworden ist, den Staat gleichfalls sterben zu lassen oder wenigstens möglichst kurz zu halten (à la W. v. Humboldt). Ich meine aber, das widerspricht den besten protestantischen Traditionen.

An einem entscheidenden Punkte hat D. Dibelius recht. Wir müssen alles daran setzen, um die Anarchie von Gut und Böse in politicis zu überwinden, unter der Recht und Staatlichkeit zugrunde gehen und Macht und Gewalt als leere Ordnungsprinzipien übrigbleiben.

Unrecht hat der Bischof von Berlin aber darin, daß er einem seinen Begriffen von Sittlichkeit nicht entsprechenden Staatswesen die Möglichkeit aberkennt, ein Rechtsstaat zu sein oder zu werden. Er sieht nicht, daß es für alle aus revolutionären Umwälzungen hervorgegangene Staatswesen einen Akt größter innerer und äußerer Anstrengungen bedeutet, das „neue“ Recht – das doch in gewisser Hinsicht das alte in der Substanz aufnimmt – zu setzen und ihm zu innerer Anerkennung zu verhelfen. Diesen Prozeß dürfen die Christen nicht durch Sabotage erschweren, sondern (das ist der Inhalt der Einzelbestimmungen von Röm. XIII) sie sind auf­gerufen, ihn zu fördern, freilich immer in den Grenzen, die uns durch Gottes Gebot gezo­gen sind. Es geht dabei im Grunde um das Verhalten der Christen in der Revolution, das seit 1789 sozusagen zum täglichen Brot unserer theologischen und christlichen Existenz, in Europa gehört, oder mindestens gehören sollte.

Nach der Ansicht von D. Dibelius, bei der die These Fr. J. Stahls von der Revolution als der „Ursünde“ hindurchleuchtet, scheint die Sonne Gottes offensichtlich nur über dem christli­chen Westen, während der Osten in Nacht und Finsternis liegt. So ähnlich hat vor 100 Jahren der tapfere August Vilmar auf Bismarcks „Revolution von oben“ reagiert.

Die Schrift von D. Dibelius ist ein Ende. Sie wird keine Nachfolger unter den Theologen finden. Aber das von ihm aufgeworfene Problem bleibt – man wird ihm dankbar sein, daß er es in den Brennpunkt der Diskussion gerückt hat. Er hätte manches anders gesehen und formuliert, wenn er den Abschiedsbrief, den Graf Helmut Moltke vor seinem Todesgang in Plötzensee schrieb, seinen Überlegungen zugrunde gelegt hätte. Wozu haben wir eigentlich solche Zeugnisse?

Aber noch ein Letztes zu den Konsequenzen, und hier bitte ich beide, die Deutschen diesseits und jenseits der Elbe, um die Erlaubnis zu einem freimütigen Wort. Unter der Hand habe ich manche Zustimmung zu den Thesen des Bischofs gefunden, freilich mit der Einschränkung: Aber so etwas darf man doch nicht öffentlich sagen! Oder, wenn ich an bestimmte Zeitungs­artikel denke: Die Kirche drüben – kann ja nicht anders, sie muß doch der Gewalt weichen. Mit anderen Worten: Sie muß den Cäsaren Weihrauch opfern.

Dazu möchte ich sagen: Genau dies darf sie nicht. Sie hat es oft getan, zum Nachteil der Staa­ten und der Christenheit zugleich. Aber ich glaube, unsere Pfarrer im Osten denken nicht daran, so zu verfahren. Loyalität heißt nicht geistige Subordination. Und der Staat im Osten denkt, wenn er sich recht versteht, auch nicht daran, das zu verlangen. Das ist der Vorteil eines atheistischen Staates.

Da ich an das Absterben des Staates nicht glaube, diese These auch – das bedeutet Röm. XIII – für nicht biblisch halte, muß ich noch etwas sagen: Niemand hat ein Recht, Bischof Dibelius in seiner Stellungnahme zu tadeln, der die Nichtanerkennung des ostdeutschen Staatswesens gerechtfertigt findet. Diese Schrift ist nur der Ausdruck der Verzweiflung über den anarchi­schen Zustand in den das deutsche Volk politisch geraten ist und der notwendigerweise zu einem gefährlichen ethischen Dilemma führt, das Dibelius offen beim Namen genannt hat, allerdings mit falschen Konsequenzen.

Hans J. Iwand, Bonn
Professor für systematische Theologie

DIE ZEIT, Nr. 45 v. 6. November 1959, Seite 3.

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2 Antworten to “Den Cäsaren keinen Weihrauch opfern – Hans Joachim Iwands Widerspruch gegen Otto Dibelius‘ Disqualifizierung des SED-Regimes als Obrigkeit im Sinne von Römer 13”

  1. dierkschaefer Says:

    War also doch ein Rechtsstaat, die DDR.

  2. dierkschaefer Says:

    Andere würden es Fügung nennen. Zufällig las ich heute nachmittag:
    Der Pietismus «brauchte nicht erst zu verbürgerlichen, wie das alte Täufertum, er war von Anfang an bürgerlich und loyal. Er nahm im Sinne des Luthertums die gegebenen Ordnungen in Staat und Gesellschaft hin, wie sie waren, und dachte nicht an eine Christianisierung der Gesellschaftsordnung. Im Gegenteil, er liebte den Anschluß an regierende Gewalten, an den Adel und die höheren Stände und christianisierte nur die Herzen, aber nicht die allgemeinen Verhältnisse. Er trieb innere Mission und heilte soziale Schäden durch eine neue, auf die freie Initiative des Vereins gestellte Art der Kreativität, aber er tastete nirgends die Grundlagen des Gegebenen an (…). Er lehrt die Beseitigung jedes selbständigen Eigenwertes der weltlichen Interessen und Geschäfte, die er sämtlich nur als ‚Rentmeister Gottes‘ zum Nutzen des bürgerlichen Daseins und zur Verwendung für die ‚Reichs-Gottes-Arbeit‘ betreibt (…). Sein Interesse an der Befreiung des 3. Standes, d.h. der Laien, ist rein religiös und kirchlich gemeint, als Verselbständigung der persönlichen Innerlichkeit und als Recht der Konventikelbildung (…). Er liefert treue, die Unterordnung als Berufsaskese betätigende Diener, tastet die Verhältnisse nicht an, verpflichtet die Herrschenden nur zu patriarchalischer Güte und Fürsorge und löscht die Standesunterschiede nur im eigentlich religiösen Verkehr aus …« (Troeltsch 1977, 830f.; derselbe 1966, 514ff., insbes,524ff.).

    Und Weber: »Wenn eine praktische Konsequenz des Unterschieds wenigstens provisorisch charakterisiert werden soll, so kann man die Tugenden, welche der Pietismus züchtete, mehr als solche bezeichnen, wie sie einerseits der ‚berufstreue‘ Beamte, Angestellte, Arbeiterund Hausindustrielle andererseits vorwiegend patriar-chal gestimmte Arbeitgeber in Gott wohlgefälliger Herablassung (…) entfalten konnten. Der Calvinismus erscheint im Vergleich damit dem harten rechtlichen und aktiven Sinn bürgerlich-kapitalistischer Unternehmer wahlverwandter. Der reine Gefühlspietismus endlich (…) ist eine religiöse Spielerei für ‚leisure classes’« (RS l, 145).
    Dennoch ist, wie Troeltsch an anderer Stelle schreibt, die »Wirkung des Pietismus (…) eine außerordentliche gewesen« (…) ein Urteil, das vor allem auf den Halleschen Pietismus zutrifft. Sowohl Deppermann wie Gerth teilen diese Einschätzung des Halleschen Pietismus. »Der hallesche Pietismus erzog dem preußischen Staat gehorsame, berufstüchtige und sozial verantwortungsvolle Untertanen … Beide, der preußische Staat unter den ersten beiden Königen und der hallesche Pietismus, wirkten einträchtig zusammen, um die feudalistische Lebensordnung zu überwinden und ein modernes Bürgertum heranzubilden – der Staat durch seine merkantilistische Handelspolitik, der Pietismus, indem er den Untertanen die eigentliche ’solide‘ bürgerliche Gesinnung einpflanzte« (Deppermann 1961,173f.) Und Gerth urteilt über Franckes Pädagogium in Halle: dort »(amalgamierten sich) bürgerlich-gewerbliche Ziele und höfische Bildung zum adeligen Berufspolitiker und Beamten und deckten (sich) mit industriepädagogischen Absichten und dem Interesse an einer Beamten- und Diplomatenbildung des merkantilen Absolutismus« (Gerth 1976, 33).

    Selbst wenn man nicht bereit ist, sich in diesem Punkt Hinrichs‘ Urteil anzuschließen, bleibt auf jeden Fall die Wirkung festzuhalten, die der (hallesche) Pietismus auf seinen Gründer ausgeübt hat: er machte ihn zum »geistlichen Unternehmer«, zu einem »Stinnes im Zeichen des Kreuzes« (Bondi 1977,263), so daß auch hier das »Gesetz« von der »Paradoxie der Wirkung gegenüber dem Wollen« zutrifft. Franckes »weltweiter Reichsgotteskapitalismus« (Bornkamm) erweist sich als ein »Kombinat« von Produktions- und Handelsunternehmungen, »das nicht nur in seiner Vielfalt, sondern auch im Umfang der Geschäfte und in der Höhe des Profits in Deutschland kaum, wenn überhaupt, seinesgleichen hatte. Einerseits schien der weithin sichtbare Erfolg der Stiftungen der Beweis für den Segen Gottes, der auf dem Werke ruhte, und damit für die Richtigkeit der pietistischen Lehren zu sein, andererseits haben gerade die Erfahrungen seiner geschäftlichen Unternehmungen (Franckes) ökonomisches Denken maßgeblich geformt… (Es) soll nicht verkannt werden, daß es sich bei Francke durchaus um das Geschäft als Mittel zur Rettung von Seelen handelte (…) Francke meinte Gott, aber sein Gottesdienst verlangte das Geschäft. Die ideelle Verbindung zwischen der Verehrung Gottes und seinen kommerziellen Unternehmen ist also eng und unlöslich …« (Bondi 1977, 281).

    Hubert Treiber, Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen, Über die »Wahlverwandtschaft« von Kloster- und Fabrikdisziplin Mit einem Vorwort von Adolf Holl, Wien, Heinz Moos Verlag München 1980 1, S. 111f

    Es gibt eine hübsche Karikatur von Marie Marcks zum Thema. Ich habe sie oft im Berufsethischen Unterricht verwendet. Mal sehn, vielleicht finde ich sie wieder.

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