„Wer tut denn eine böse Tat um des Bösen willen?“ – Hans Joachim Iwands Vortrag „Über das Wesen und die Wurzel des Bösen“

Im Januar 1960 hielt Iwand auf dem Kongress der Vereinigung der Studierenden an den theologischen Fakultäten (VSTF) in Leiden einen Vortrag über das Wesen des Bösen. Er wurde 1961, also nach Iwands Tod in der Miskotte-Festschrift „Woord en wereld“ veröffentlicht:

Überall geht es um das Böse. Man möchte es definieren, d.h. begrenzen, einfangen, das man sagen kann: Das, das ist es! Ärzte und Juristen sind auf der Suche nach seiner Entdeckung. Immer wieder erweist sich, dass, wenn wir es definiert haben, es fassen, wir nur die Erschei­nung, das Phänomen, die Oberfläche getroffen haben. Es sinkt tiefer, wir fassen nur sein Bild, nicht sein Wesen, seine Wirkung, nicht seine Wurzel, es ist als ob die Wurzel des Bösen in einer unendlichen Tiefe wäre, die wir nicht einmal mit einer Definition seines Wesens treffen können. Wir kennen das ja aus der Mathematik, aus der Physik: Wenn man eine Formel hat, dann kann man eine Erscheinung bewältigen. Aber wir haben keine Formel. Die Formel stimmt immer nicht. Einmal scheint es so, (das ist eine der großen Theorien) als wäre das Böse durch den Menschen in die Welt gekom­men – die Welt wäre vollkommen, überall da, wo der Mensch nicht hin­kommt. Man muss ja auch heute manchmal denken, es wäre so, wenn man sieht, wie die Technik die Natur verwandelt und zerstört, wie der Mensch dadurch entna­turalisiert wird, die Nomaden der großen Städte, wie das Spengler genannt hat. Aber dann sagt man sich wieder, das ist falsch, das stimmt nicht, wenn die großen Wechselfälle über den Men­schen kommen, wenn sie auch die Menschen zerbrechen, die bis ins In­nerste fest erschei­nen.

Fragen wir nach dem Wesen des Bösen, so bieten sich zwei Mög­lichkeiten an; einmal: Es sieht so aus, als ob die Wurzel des Bösen im Men­schen läge – es wird auch nicht falsch sein – als ob hier im Menschen, wie das schon der alte Kant gesagt hat in seiner unbestechlichen Treue des Denkens, die radix mali läge, das radikale Böse. Aber dann entdeckt man, dass das im letzten Grunde auch wieder falsch ist, denn dieser Mensch lebt nicht nur aus dem Innen heraus, es gibt auch ein Außen. Es wäre falsch, wenn ich jetzt das Böse nur im Menschen suchte, in seiner Existenz, in seiner Eigentlichkeit, in seinen Affekten, in seinen Leidenschaf­ten. Aber der Sitz des Bösen ist nicht dort. Das Böse ist nicht die Substanz des Men­schen. Der Mensch ist von etwas beherrscht, das er nicht von sich werfen kann, und zwar von etwas be­herrscht, was ihn täuscht, verführt, blendet, treibt. Wie sagt doch Gretchen im Faust – „ach, alles, was mich dazu trieb, war ach so gut, war ach so lieb!“ Meinen Sie vielleicht, die Deut­schen hätten den Nationalsozialismus deswegen gemacht, weil sie so schlecht waren? sie haben ihn doch deswegen gemacht, weil sie gut waren! Ach, alles, was mich dazu trieb, war ach so gut, war ach so lieb. Meine Studen­ten sind doch nicht darum damals so begeistert gewesen für diese Dinge, weil sie die Judenmorde wollten oder weil sie die Verbrechen woll­ten, die dann begangen sind, sondern weil sie meinten, hier sei ein Licht, hier sei Hoff­nung; sonst wäre es ja so leicht, einfach den Menschen zu sagen, tue das doch nicht! Wer tut denn eine böse Tat um des Bösen willen? Paulus sagt doch auch: „Die Sünde betrog mich. Das Ge­setz, das mir zum Guten gedacht ist, das wurde mir zum Bösen.“ Das ist doch die Dia­lektik, das Furchtbare. Und darum verbindet sich doch immer wieder mit dem Bösen, mit dem Tun des Bösen, die Blindheit, das man nicht weiß, was man tut. Hätten sie den Herrn dieser Welt erkannt, so hätten sie ihn nicht gekreuzigt. Warum sagt denn Jesus: „Sie wissen nicht, was sie tun“? […]

Ich will jetzt schließen, ich will die letzten Dinge, die ich von mir aus­zusagen hatte, im ein­zelnen nicht mehr sagen. Ich will nur noch eins sagen: Warum können wir eigentlich nicht sagen, was das Böse ist, das festlegen und sagen? Ich glaube, dass der Satz Augustins der Beste ist, den wir dazu haben: „Das Böse wartet darauf, dass ich bekenne: Ich habe vor dir gesündigt und übel vor dir getan. Das Böse wartet darauf, dass der Mund Adams sich öff­net und bekennt vor Gott, wer er ist, damit sich Gott meiner erbarmen kann und ich teilhaft werde des Sieges, der Jesus Christus für mich errungen hat.“

Hier der vollständige Text als pdf.

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