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Zustand oder Geschehen – worin „katholisch“ und „evangelisch“ sich möglicherweise entscheidend unterscheiden (und warum der liberale Protestantismus nicht dem Evangelium, sondern einem selbstbewussten Zustand glaubt)

17. August 2017

Gründonnerstagsabendmahl

Das ist eine Versuchung, den entscheidenden Unterschied zwischen Katholischem und Evangelischen zu markieren. Allzu schnell wird dazu protestantischerseits die individuelle Freiheit beschworen, als habe Martin Luther nie die Unfreiheit des Willes bzw. die Dialektik von Freiheit und Knechtschaft in seiner Freiheitsschrift gelehrt. Nein, man darf nicht das Selbstverständnis eines protestantischen Bürgertums zum Maßstab nehmen, das sich selbstbewusst einem selbstimaginierten Katholizismus überlegen fühlt.

Wenn der wirkliche Unterschied zwischen evangelisch und (römisch-)katholisch benannt sein will, dann nur auf der gemeinsamen Basis, nämlich den altkirchlichen Lehrbekenntnissen, die ja gerade auch für Martin Luther unbedingt gültig sind, so beispielsweise in seiner Schrift „Wider Hans Worst“ von 1541: „Niemand kann das leugnen, dass wir das Apostolische Glaubensbekenntnis, den alten Glauben der alten Kirche, in allen Dingen gleich mit ihr halten, glauben, singen, bekennen, nichts Neues drinnen machen noch zusetzen. Damit gehören wir in die alte Kirche und sind einerlei mit ihr.“ oder aber in „Die drei Symbole oder Bekenntnisse des Glaubens Christi, in der Kirche einträchtiglich gebraucht“ von 1538: „Ich habe in allen Geschichten der ganzen Christenheit erfahren und gemerkt, dass alle diejenigen, die den Hauptartikel von Jesus Christus recht gehabt und gehalten haben, fein und sicher in rechtem christlichen Glauben geblieben sind. Und ob sie sonst daneben geirret oder gesündigt haben, sind sie doch zuletzt erhalten worden. Denn wer hierin recht und fest stehet, dass Jesus Christus rechter Gott und Mensch ist, für uns gestorben und auferstanden, dem fallen alle anderen Glaubensartikel zu und stehen ihm fest bei.

Auf der gemeinsamen Grundlage des altkirchlichen Bekenntnisses kommt es jedoch – ursprünglich beim Beichtinstitut und später als Rechtfertigungslehre gefasst – bezüglich des Menschenheils zur entscheidenden Unterscheidung, nämlich zwischen Zustand und Geschehen. Evangelisch gesprochen ist Heil kein gnadengewirkter menschlicher Zustand, sondern göttliches Geschehen am Menschen. Das Christusgeschehen – die Menschwerdung des Gottessohns, der stellvertretende Sühnetod Jesu am Kreuz und seine leibliche Auferstehung aus dem Grab – wird im Evangelium auf unseren Glauben hin zugesagt, womit dieses Geschehen uns wirklich zum Heil geschieht. Am Kreuz Christi ist es um unserer Sünde vor dem dreieinigen Gott geschehen. Dieses Erlösungsgeschehen kann immer nur als wirksame Verheißung (promissio) auf Glauben hin zugesagt werden, nicht aber zu einem menschlichen Heilszustand entäußert werden. Weder in einer Selbstdiagnose noch in einer pastoralen Heilsdiagnose ist menschliches Seelenheil objektiv festzustellen. Man muss sich vielmehr selbst unter dem Gesetz dem HERR Gott gegenüber verloren geben.

Im Evangelium wird mir das Christusgeschehen performativ neu zugesprochen, und im Altarsakrament werden mir in Brot und Wein Leib und Blut Christi zum Heil gereicht, was wiederum gemeinschaftlich in der Kirche zu geschehen hat. In Fortführung des Geschehensprimats wird denn auch Kirche nicht als Heilsanstalt verstanden, sondern erweist sich im Wort- und Sakramentsgeschehen als leibliche Versammlung (vgl. CA 7).

Wo Heilwerdung – an Stelle einer zu geschehenden Zusage – als operationalisierbarer Trans­formationsprozess im Menschen verstanden wird, ist das Kreuzesgeschehen in eine verheißungslose Vergangenheit zurückgenommen. Es sind menschliche Heilszustände denk- und annehmbar, die das Kreuz Christi als Geschehen in der Vergangenheit auf sich beruhen lassen können. Wer sich im Zustand des eigenen Seelenheils wähnt, lässt das Kreuz Christi hinter sich.

Nimmt man die römisch-katholische Kirche als hierarchisch verfasste Rechtsgemeinschaft mit Sakramentenlehre und kanonischem Recht in den Blick, dann ist eine zustandsorientierte Heilsorganisation trotz christologischer Rückbindung nicht von der Hand zu weisen. So heißt es in der maßgeblichen dogmatischen Konstitution Lumen Gentium des Zweiten Vatikani­schen Konzils:

„Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche … hier auf Erden als sichtbares Gefüge errichtet (constituit) und erhält sie als solches unablässig; durch sie gießt er Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft (societas) aber und der mystische Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei Dinge zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst. … Wie … die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, Ihm unauflöslich geeintes Heilsorgan dient, (so) dient auf eine nicht unähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt zum Wachstum seines Leibes. … Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen, … Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft (societas) gestiftet (constituta) und geordnet (ordinata), ist erhalten in (subsistit in) der katholischen Kirche, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird …“ (LG 8)

Der römisch-katholische Lehren nach ist Kirche kein wortgestiftetes Versammlungsgeschehen, sondern eine hierarchisch geordnete Rechtsgemeinschaft, die den Gläubigen in einer ver­pflichtenden Gefolgschaft sakramental bewirkten Anteil am göttlichen Heil gerichtsbeständig gewähren soll. Noch immer werden in der römisch-katholischen Kirche Unheilszustände lehramtlich definiert, beispielsweise in einer regulierten Sündendiagnostik, wo bezüglich menschlichem (Fehl-)Verhalten festgestellt wird, ob es sich um heilsverlustige schwere Sünde oder aber nur um eine lässliche Sünde handelt. Und entsprechend dazu werden in der Sakramentenlehre operationale Transformationsprozesse lehramtlich vorgeschrieben, die bei den Gläubigen einen Heilszustand bewirken soll, der im Jüngsten Gericht Bestand hat. Die operationale Ausrichtung auf einen endgültigen Zustand des Menschen vor Gott verlangt, dass Zuständigkeiten und Zustandsveränderungsmöglichkeiten (potestas ordinis) definiert und reguliert werden müssen. Der definitive Anspruch, Heilszustände operational zu bewirken, führt freilich dazu, dass damit auch neue Heilsunsicherheit generiert wird, wie sich am Beispiel des Verstoßes gegen die Sonntagspflicht zeigen ließe.

Da ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts mit der liturgischen Wiederentdeckung des Pascha-Mysteriums in der römisch-katholischen Kirche das Christusgeschehen in einer verheißungsvollen Weise neu geltend gemacht worden. Und doch versucht das Lehramt – nicht die liturgische Praxis – dieses Geschehen auf den menschlichen Heilszustand hin zu definieren. Zustände und hierarchische Zuständlichkeiten versprechen objektive Gültigkeit, die Menschen die vermeintliche Sicherheit geben, es richtig gemacht zu haben. Anders die evangelische Lehre. Wirklich (und damit gültig) sind Heilszusage und sakramentales Handeln nicht durch eine statusbezogene Ermächtigung (im Sinne einer potestas ordinis) des jeweilige Sprechers, sondern indem sie evangeliums- bzw. stiftungsgemäß und damit an Christi statt geschehen (vgl. CA 7). Das göttlich gestiftete Predigtamt nach CA 5 fusioniert nicht etwa mit ordinierten Amtsträgern (als deren Status bzw. Habitus), sondern hält die Präsentation des Christusgeschehens im bleibenden Gegenüber zu den Gläubigen.

Da muss schließlich die Zustandsorientierung des liberalen Protestantismus zur Sprache kommen. Dieser will ja gerade nicht das Christusgeschehen für sich selbst geschehen lassen. Stattdessen werden in neuplatonischer Weise aus dem biblisch bezeugten Christusgeschehen höhere, menschheitsbeglückende Güter, Ideale oder Werte abstrahiert, die man sich mit der eigenen Vernunft selbst denken kann. Das Evangelium will man sich in der eigenen Religiosität nicht länger gesagt sein lassen. Stattdessen soll der erhabene Zustand des eigenen religiösen Selbstbewusstseins das eigene Seelenheil ausmachen. Insofern bezeugt dieser Protestantismus nicht das Evangelium Jesu Christi, sondern einen selbstbewussten Zustand: Wir sind so frei, wie wir es uns selbst denken können. Was man damit alles verlorengeben muss, will man vernünftigerweise nicht wahrhaben.

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„Mit allem, was not tut für Leib und Leben …“ – Warum die Wohlfahrtsstaatsgläubigkeit keine wirkliche Hoffnung birgt

29. Juli 2017
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Providentia Dei – Die Vorsehung Gottes. (Illustration aus Orbis sensualium pictus von Johann Amos Comenius, 1658)

„Mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väter­licher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit.“ So erklärt Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus Gottes Fürsorge bzw. Vorsehung gegen­über den Menschen und insbesondere den Gläubigen. Menschen verschaffen sich nicht selbst ihre Lebensgrundlage, sondern empfangen das Lebensnotwendige aus Gottes Hand.

 Wohlfahrtsgläubigkeit ersetzt Gottvertrauen

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in den Ländern mit den höchsten sozialstaatlichen Standards wie in Skandinavien, in den Niederlanden, aber auch in Deutschland die gesell­schaftliche Säkularisierung besonders ausgeprägt ist. Es ist nicht einfach nur eine intellek­tuelle „Aufklärung“, sondern die wohlfahrtsstaatliche Versorgung, die den Glauben an die göttliche Fürsorge in Frage stellt: Was wir zu unserem Leben unbedingt benötigen, steht uns von Rechts wegen als staatliche Leistung zu. Allenfalls für Lebenskrisen scheint es ein Gottvertrauen zu brauchen. Der Wohlfahrtsstaat ermöglicht Menschen über ihr eigenes Vermögen hinaus individuelle Lebensentscheidungen zu treffen, deren Kosten sich soziali­sieren lassen. Da die staatlichen Leistungen für den einzelnen auf gesetzlichen Rechtsan­sprüchen basieren, erübrigen sich – im Unterschied zur göttlichen Fürsorge – Dankbarkeit und eigenes Engagement (commitment). Der säkularisierte Vorsehungsglaube kennt gegenüber seinem „Wohltäter“ keinen verpflichtenden Zusatz „für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin“ (Kleine Katechismus). Viel freier glaubt man also ohne göttliche Fürsorge zu sein.

 Die Frage der Zukunft: Warum lässt der Staat das Übel zu?

Aber wird sich dieser säkulare Vorsehungsglaube dauerhaft halten können? Den Nachkriegs­generationen (zumindest in Westdeutschland) scheint der Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaat eine garantierte Selbstverständlichkeit zu sein. Man übersieht mitunter, dass sich dessen Existenz bestimmten kulturellen Bedingungen verdankt, genauer gesagt einer bürgerlichen Industrie­gesellschaft (das lateinische industria bedeutet „Fleiß“ und nicht etwa „Fabrikanlagen“). Diese „Fleißgesellschaft“ ist arbeitsteilig organisiert und dabei auf allgemeine außerhäusliche Erwerbstätigkeit ausgerichtet. Verliert sich die erwerbstätige Integration von Bevölkerungs­teilen, schwindet die gesellschaftliche Solidarität. An ihre Stelle tritt die Segregation, d.h. die Trennung von Bevölkerungsgruppen aus religiösen, ethnischen oder sozialen Gründen, die ein staatlich garantiertes Gemeinwohl hinfällig werden lässt. An Stelle der Theodizee-Frage – „Warum lässt Gott das Übel zu?“ – heißt es dann politisch zu fragen: „Warum lässt der Staat das Übel in unserer Gesellschaft zu?“ bzw. „Warum lässt der ‚Westen‘ das Übel in der Welt zu?“ Vermessene Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Was bleibt sind Resignation und Pessimismus.

Eine Hoffnung, die bleibt

Im Unterschied zum Evangelium birgt der säkularisierte Vorsehungsglaube für Menschen keine bleibende Verheißung. Für uns Christen heißt es immer noch: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2. Petrus 3,13) Als „Weltfremdlinge“ sind wir vom Evangelium herausgefordert: „Jesus hat, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tors gelitten. Lasst uns also vor das Lager hinausziehen zu ihm und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Durch ihn wollen wir Gott allezeit als Opfer ein Lob darbringen, das heißt die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Vergesst nicht, einander Gutes zu tun und an der Gemeinschaft festzuhalten, denn an solchen Opfern findet Gott Gefallen.“ (Hebräer 13,12-16 Zürcher)

Unfreiwillig und ungezwungen – der Glaube, das Evangelium und die guten Werke

16. Juli 2017

Luthers Auslegung des dritten Glaubensartikels aus seinem Kleinen Katechismus hat es in sich: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“

Verkürzt ausgesprochen heißt es da: Ich glaube, dass ich selbst nicht glauben kann. Mein Glaube an Jesus Christus ist nicht freiwillig. Er beruht weder auf meiner eigenen Entscheidung noch auf meiner persönlichen Einsicht, sondern verdankt sich dem Heiligen Geistes, der im Evangelium an mir selbst wirkt. Weil dieser Glaube mir Vertrauen (fiducia) in Jesus Christus ist, geschieht er mir Sünder recht und hält mich im Leben wie im Sterben beim dreieinigen Gott.

Das macht nämlich wahres Vertrauen aus: ein Geschehen, das mir zugutekommt. Ich ent­scheide eben nicht, ob und wem ich wirklich vertraue, sondern lebensentscheidendes Gesche­hen lässt mich vertrauen. Sollte ich jedoch meinen Glauben im Sinne einer eigenen Glaubens­entscheidung verstehen, wäre ich im Glauben selbst am Werk und müsste ihn durch weitere Schritte des Glaubens mir jeweils neu rechtfertigen. Eine eigene Glaubensentscheidung sucht sich aktiv zu bewahrheiten. Andernfalls wäre der eigene Glauben mit der Zeit verwirkt.

Telelestaies ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Glaube an Jesus Christus gilt dem passio­nierten Geschehen am Kreuz: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschla­gen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,4-5)

Jesus Christus ist als der eine Herr zu bekennen, „durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1Korinther 8,6). Er lässt sich im Glauben nicht persönlich vereinnahmen. Sein Kreuzestod ist kein Heilswerk, das ich mir zu eigen machen kann, indem ich Jesu Hingabe als Opfer für mich gläubig annehme. Wer meint, Jesus Christus als Herrn und Heiland für sich selbst angenommen zu haben, verfehlt das bleibende Gegenüber des Kreuzes.

Ich kann Jesu Tod für mich nichts abgewinnen, sondern werde vielmehr im Glauben seiner Hingabe ausgeliefert. In seinem Tod ist es um mich als Sünder geschehen. Was mir zu meinem Heil zugesagt ist, verdankt sich allein göttlicher Wirklichkeit in Jesus Christus, „welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt“ (Römer 4,25).

Nun wäre es ein großes Missverständnis, die unfreiwillige Passivität des Glaubens apathisch zu verstehen, als spiele es für unser Heil keine Rolle, ob man Jesus als Herrn zu bekennen weiß und an dessen göttliche Auferweckung von den Toten zu glauben vermag (vgl. Römer 10,9f). Ganz im Gegenteil: Wer nicht mit seinem Mund bekennt, dass Jesus Herr ist und wer nicht in seinem Herzen glaubt, dass ihn der Gott von den Toten auferweckt hat, dem kann kein göttliches Heil zugesagt werden. Wer nicht selbstbewusst glaubt, „dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat“ (Auslegung des zweiten Glaubensartikels im Kleinen Katechismus), findet sich nicht in der Gegenwart des dreieinigen Gottes wieder.

Unser Glaube an Jesus Christus ist keine passive Kenntnisnahme der Geschichte (notitia historiae – vgl. CA 20), sondern leidenschaftliche Widerfahrnis des Evangeliums im Heili­gen Geist. Und diese Widerfahrnis kann nicht innehalten und auf sich beruhen, sondern ent­äußert sich in guten Werken. Da diese caritativen Werke anderen Menschen, die mir als Nächste begeg­nen, zugutekommen, vermag ich damit für mich selbst nichts zu bewirken. In ihnen nehme ich am Leben des anderen teil (compassion), ohne dass ich diese Anteilnahme für mich selbst rückgewinnen kann.

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Gesinnungsethik als protestantische Selbstrechtfertigungslehre

8. Juli 2017

Maiestas Domini aus der Apsis von San Clemente (Ausschnitt)

Evangelische Rechtfertigungslehre ist ein unverschämtes Glaubensbekenntnis:

„Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Men­schen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, son­dern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Ster­ben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.“

Dieser elend lange Satz aus Martin Luthers Kleinen Katechismus ist der evangelische Schlüs­selsatz. Ohne die Menschwerdung des Gottessohnes, ohne sein stellvertretender Tod am Kreuz und ohne seine Auferstehung von den Toten ist keine Rechtfertigung des Sünders im Gottesgericht zu erhalten.

Unerhört, unglaublich unvernünftig scheint dieses Glaubensbekenntnis zu sein – kein Wun­der, dass eine ganz andere, viel eingängigere Rechtfertigungslehre von Kanzeln, Kathedern und Schreibtischen aus propagiert wird, nämlich die protestantische Gesinnungsethik als „ver­nünftige“ Selbstrechtfertigungslehre.

Das protestantische Verständnis des Evangelisch-Seins hält sich nicht länger an die Glaubens­artikel. Stattdessen spricht sich die eigene Unbestimmtheit als ein „wir sind so frei“ aus: Wer „evangelisch“ ist, muss nicht das glauben oder das tun, was in der römisch-katholischen Kirche gilt. Er ist vielmehr in seinem Gewissen innerlich und äußerlich frei. So hat es ja schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in seiner Rechts­philosophie gelehrt: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“

Die selbstbestimmte Freiheit kann freilich nicht in einem antagonistischen Naturzustand gehalten sein, sondern bedarf einer subjektiven Gesinnungsgüte. Zur Rechtfertigung der eigenen Freiheit muss das Gewissen der (platonischen) Idee des bedingungslosen Guten verpflichtet sein. Nur wer sich selbst das höchste Gut (summum bonum) denken kann, ist in seiner individuellen Freiheit sich selbst gerechtfertigt.

Was man sich protestantisch scheinbar sparen kann, sind Glaube, Gehorsam, Gottesdienst und Gemeinschaft. Es kommt nicht wirklich auf einen selbst an; allein die „reine“ (und wahre) Gesin­nung zählt. Mit ihr weiß man sich auf der richtigen Seite der Geschichte. Da will man sich auch nicht länger dem hilfsbedürftigen Nächsten zum Knecht machen, wie Luther dies in seiner Freiheitsschrift einfordert, sondern beansprucht für die eige­ne Gesinnungsgüte die staatliche Wohlfahrt, wenn nicht gar den „Westen“ als weltmoralischen Agenten. So lässt der Protestantismus nicht die Stellvertretung Christi, wohl aber die Stellvertretung des Wohlfahrtstaates zur Heilsverwirklichung gelten.

Unbeschadet aller politischen Verwerfungen und Konfliktkonstellationen muss für den ideologischen Protestantis­mus die eigene Gesinnungsethik auf Dauer Recht behalten. Andernfalls wäre man mit der eigenen Selbstrechtfertigung am Ende und müsste schlussendlich doch noch mit dem Apostel Paulus darauf hoffen und glauben, dass Christus auferweckt ist „von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

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„Jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt“ (1. Korinther 13,12) – unser Leben im göttlichen Kaleidoskop

7. Juli 2017

Als Kinderspielzeug gilt das Kaleidoskop, das kleine Rohr mit einem Guckloch am einen und der Ansammlung von farbigen Glasplättchen am anderen Ende. Dazwischen befindet sich ein prismatischer Innenspiegel, der die Plättchen mehrfach wiederspiegelt. Im Licht betrachtet wird so ein symmetrisches, farbintensives Muster sichtbar. Dreht man dann noch das Kaleido­skop, verändert sich das jeweilige Farbmuster und lässt den Betrachter neu staunen.

Was sich im eigenen Leben mit der Zeit an Ereignissen aufwirft, mag mitunter willkürlich erscheinen: „Warum ist mir das passiert? Das macht doch keinen Sinn.“ In einer tiefen Lebenskrise steht mancher vor einem Scherbenhaufen. Wahrlich kein Kinderspiel, Vertrauen neu zu finden. Da kann uns das Kaleidoskop Sinnbild für die göttliche Vorsehung sein. Was der dreieinige Gott mit seiner Liebe widerspiegelt, macht nicht vor den dunklen Seiten im mir selbst halt. Seine Kreuzesgnade zeigt über meine Sünde hinaus ein tiefsinniges Lebensmosaik, mit dunklen wie auch hell leuchtenden Farben, mit der Farbe Rot für die Leidenschaft und das Leiden, mit Violett für Einsicht und Umkehr, mit Grün für das Wachstum und die Hoffnung, mit Blau für die tiefe Erkenntnis und schließlich mit Gold für das himmlische Licht.

Im Licht des menschgewordenen Gottessohnes fügen sich Bruchstücke meines Lebens zusammen. Wo im Rückblick auf den eigenen Lebensweg die göttliche Spur gefunden worden ist, haben verpasste Gelegenheiten, bittere Enttäuschungen, offene Wunden wie auch offene Rechnungen nicht das letzte Wort. Passend schreibt dazu der Apostel Paulus: „Jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.“ (1Korinther 13,12)

So können wir mit folgenden Worten zum vertrauensvollen Gebet finden: „In Deinem Licht siehst Du mich, / hast mich erkannt, / bei meinem Namen genannt. / Du kennst mein Herz, Dank und Schmerz, / es liegt vor dir offen, Herr. / Mein ganzes Sein, tagaus, tagein, / ergibt nur Sinn, wenn ich nicht jemand anderes bin. / Wie du mich siehst und was du in mir liebst, / das will ich sein und nur das allein“. (Martin Pepper).

Wie die Reformation vielen Völkern eine eigene Schriftsprache ermöglicht hat

5. Juli 2017

Slowenische Ein-Euro-Münze mit dem Bildnis Primož Trubars

Dass das Porträt eines evangelischen Theologen, Primož Trubar (1508-1586), die Rückseite der slowenischen Ein-Euro-Münze ziert und in Slowenien der Reformationstag am 31. Okto­ber als nationaler Feiertag begangen wird, verwundert. Weniger als ein Prozent der Bevölke­rung Sloweniens gehören nämlich der evangelischen Kirche an. Und dennoch kommt Trubar maßgeblicher Anteil an der Begründung der nationalen Identität Sloweniens zu. Während seines langjährigen Aufenthaltes im süddeutschen Exil (Rothenburg ob der Tauber, Kempten und Tübingen) hat er einen Catechismus in der Windischenn Sprach (1550) abgefasst und zudem die Psalmen (1566) und das Neue Testament (komplett 1582) in das Slowenische übersetzt. Mit diesen Werken wurde die slowenische Schriftsprache geschaffen.

Was man kaum weiß: Die Reformation und die aus ihr entstammenden Kirchen und Missio­nen haben weltweit eine Vielzahl von Schriftsprachen bewirkt oder zumindest maßgeblich beeinflusst. Martin Luthers Übersetzung der Bibel in das Deutsche hat sich über die Jahrhun­derte hinweg als pfingstähnliches Sprachwunder ausgewirkt. Gottes Wort ist nicht nur in den drei Sprachen der „INRI“-Kreuzesinschrift, nämlich Hebräisch, Griechisch und Latein (Johan­nes 19,19-20), sondern in jeder anderen Volkssprache zu hören und will daher – im Unter­schied zum Koran – übersetzt sein. Die evangelische Verbreitung von volkssprachlichen Bibelübersetzungen stieß freilich auf den Widerstand der römisch-katholischen Kirche, wo bis ins 19. Jahrhundert Laien der Besitz und das Lesen volkssprachlicher Bibeln sowie deren Herstellung und Verbreitung faktisch verboten waren.

Für die evangelische Missionsbewegung war es von Anfang an ein missionarisches Gebot, die Bibel in die jeweilige Volkssprache zu übersetzen. Wo Völker nicht über eine eigene etab­lierte Schriftsprache verfügten, mussten für den bibli­schen Überset­zungsauftrag – wie im Slowenischen – mitunter eigene Schriftsprachen erst geschaffen wer­den. Vor allem außerhalb des europäischen Kulturkreises in Afrika, Latein­amerika, Zentralasien, Südostasien sowie in Ozeanien verdankt sich die Mehrzahl der dortigen Schriftsprachen einer Bibelübersetzung in die jeweilige Muttersprache.

Bibel in der Sprache der Konyak (Naga-Stamm in Nordostindien)

Entgegen dem gängigen Vorurteil hat sich die christliche Mission durch ihre Übersetzungs­leistung nicht als kulturzerstörerisch, wohl aber als kulturverändernd erwiesen. Die eigens geschaf­fene Schriftsprache wurde für viele indigenen Völkern zum maßgeblichen Kultur­träger, ermög­lichte sie doch, die alten mündlichen Erzähltraditionen zu verschriftlichen und selbst litera­risch tätig zu werden. Der langfristige Einfluss von Bibelübersetzungen für die weltweite Bewahrung indigenen Kulturerbes kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Versprechen, die den Glauben neu herausfordern – Von der Sprachkraft der Dogmen

3. Juli 2017

Henrik Olrik – Bergpredigt (Altarbild Sankt-Matthäus-Kirche in Kopenhagen)

Glaube lässt sich nicht in Dogmen verfestigen“ hat jüngst der evangelische Pfarrer und Lyriker Christian Lehnert in einem Interview für die Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ gesagt. Wie wahr, und doch nicht die ganze Wahrheit. Ein dogmenfreies Christentum kann es nicht geben. Kirche ist weder religiöse Selbst­erfah­rungsgruppe noch gläubiger Lyrikkreis. Wird unter der Signatur „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ der Gottesdienst eröffnet, verbinden sich Verkündigen und Bekennen wie auch Beten, Loben und Danken. Für die Versammlung der Gläubigen bedarf es einer gemeinsamen Sprache, die sie das „Amen“ im Konsens sprechen lässt.

Was in der Kirche über die je eigene religiöse Empfindsamkeit hinaus gemeinschaftlich zur Sprache gebracht wird, basiert auf verbindlichen Regeln. In einem Gottes­dienst lässt sich eben nicht alles Mögliche „undogmatisch“ sagen. Ansonsten zerfiele die Gemeinschaft im ausgesprochenen Dissens gegenüber Gottes Wort. Verkündigte beispielsweise ein Pfarrer in der Osternacht an Stelle des Ostergrußes, Christus sei nicht wirklich auferstanden, wäre die Versammlung in dessen Namen am Ende, es sei denn, ein Gemeinde­glied stünde auf und würde bekennend dagegen halten: „Für mich ist Christus dennoch auferstanden!“

Persönlicher Glaube in seiner je eigenen Vertraulichkeit lässt sich sprachlich nicht regle­men­tieren. Das wollen Dogmen (bzw. die kirchlichen Bekenntnisse) auch gar nicht. Sie gelten viel­mehr als Grammatik zum göttlichen Wortschatz des Glaubens, nämlich der Heiligen Schrift. Dogmen leiten dazu an, Anspruch und Verheißung des drei­einigen Gottes in der Verkündi­gung wie auch im Gebet auf das Amen hin zur Sprache zu bringen. Solche Gram­matikregeln suchen Christen nicht „rechtgläubig“ zu zähmen, sondern ermög­lichen Zusagen und Versprechen, die deren Glauben neu heraus­fordern.

Da mag man in kirchlichen Dogmen Sprachbegrenzungen wahrnehmen, aber gerade deren Befolgung eröffnet in der Verkündigung gewagte „Sprachspiele“, durchaus vergleichbar mit wunderbaren Spielzügen, die die Regeln des International Football Association Board (IFAB) dem Fuß­ballspiel ermög­lichen. Wird hingegen – unter Berufung auf eine historische Vernunftkritik – die dogmati­sche Regelbindung preisgegeben, zeigt sich im kirchlich-pastoralen Reden häufig eine „allgemeinplatzige“ Plastiksprache – seelsorgerlich banal, politisch mitunter selbstgerecht.

Freimütige, verheißungsvolle, herausfordernde Gottesrede, die die menschlichen Rahmungen hoffnungsloser Weltbilder und Weltanschauungen sprengt – sie ist nur orthodox, also in der Bindung an kirchliche Dogmen und unter Verwendung des göttlichen Wortschatzes, also der Bibel zu führen. Dogmen lassen eben keine ideologischen Allgemeinbegriffe zu, sondern provozieren in der Anrede eine Metaphorik, die neu hören und sehen lässt.

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„Ich bin so frei …“ – Warum die Ordinationsverpflichtung für die evangelische Lehre unabdingbar ist

25. Juni 2017

  1. „Ich bin bereit, das Amt, das mir anvertraut wird, nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einset­zung gemäß zu verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegen­heit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht.“ Die Ordination ist nicht auf einen persönlichen Habitus bzw. Status eines Ordinierten ausgerichtet, sondern auf den institutionalisierten Dienst am Evangelium in der Kirche (Art. 5 Augs­burger Bekenntnis).
  2. In ihrer kirchlichen Ausrichtung ist die Ordinationsverpflichtung mit dem promissorischen Amtseid für den Staats­dienst vergleichbar: Die Amtsausübung ist nicht nach eigenem Gut­dünken, sondern in Bindung an vorgegebene Regeln und damit „unselbständig“ zu vollziehen. Der Grundartikel der Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern definiert diese Lehrbindung explizit: „Sie hält sich in Lehre und Leben an das evangelisch-lutherische Bekenntnis, wie es insbesondere in der Augsburgischen Konfession von 1530 und im Kleinen Katechismus D. Martin Luthers ausgesprochen worden ist.“
  3. Wer in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern freiwillig ordiniert worden ist, hat damit zuge­sagt, Luthers Auslegung des zweiten Glaubens­artikels aus dessen Kleinen Katechismus für die eigene Verkündigung und Lehre als verbind­lich anzuer­kennen: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich ver­lornen und verdammten Men­schen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heili­gen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleich­wie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewisslich wahr.
  4. „So müssen alle Frommen mit Abraham in die Finsternis des Glaubens hineinschreiten, müssen ihre Vernunft töten und sprechen: Du Vernunft bist töricht, verstehst nicht, was Gottes Sachen sind, daher widerstrebe mir nicht, sondern schweige, maße dir kein Urteil an, sondern höre Gottes Wort und glaube!“ (Martin Luther, Auslegung des Galaterbriefs, 1531) Wer Glaubensartikel aus Vernunftgründen in Abrede zu stellen sucht, ist in der Kirche Jesu Christi fehl am Platz. Die Verheißung des Evangeliums führt über das hoffnungslose „Buch der Natur“ hinaus, ohne dass man in einer Hierarchie platonischer Ideen verortet wird.
  5. Der vorherrschende Historismus in der akademischen Theologie bedient die indirekte Gottesrede. Glaubens­artikel werden einer „geschichtlich“ bedingten Autorenschaft zuge­schrieben und damit in ihrer Geltung relativiert. Wer als ordinierter Amtsträger die Bibel historistisch liest, lässt das allge­meine Lehramt der Heiligen Schrift in der Kirche nicht gelten. Stattdessen setzt die ideologisch motivierte Vernunft eigensinnige Maßstäbe, mit denen man Glaubensartikel „kritisch“ zu eliminieren oder umzuinterpretieren sucht.
  6. Christliche Lehre bietet keine subjektive Weltanschauung, sondern gibt Sprach- und Hand­lungsregeln für die Kirche vor. Die liturgische „Praxisgemeinschaft“ der Gläubigen basiert nicht auf religiösem Bewusstsein, sondern auf einer verbin­denden Sprachlehre.
  7. Wer als Pfarrerin sich alle therapeutische Sprach- und Handlungsfreiheit nimmt, verkennt, dass die verfasste Kirche, der sie dient, keine freireligiöse Vereinigung ist. Sie zeigt ein amtli­ches Gegenüber, das Gemeindegliedern keine freie Wahl lässt.
  8. Evangelische Zusagen von Amts wegen gehen über menschenmögliche Heilsvorstel­lungen hinaus, weil sie das göttliche Handeln in Jesus Christus beanspruchen. Den damit Angespro­chenen steht es frei, dem Evangelium ihren Glauben zu schenken oder nicht. Lehrbindung des Amtes heißt eben nicht Glaubenszwang.
  9. Wer die Preisgabe der Lehrbindung für ordinierte Amtsträger fordert, redet damit einer klerikalen Diktatur das Wort. Verliert amtliches Reden in der Kirche seine Lehrbindung, geschieht die Verkündigung nicht länger an Christi statt. An die Stelle des Evangeliums tritt eine höhere Einsicht in die Idee des Guten bzw. der Gerech­tig­keit, die einen ermächtigt, autoritative Ansprüche an die Gesell­schaft, an den Staat oder gar an den „Westen“ zu stellen.
  10. Ideologisches Reden in der Kirche erweist sich als selbstgerecht. Man stellt sich denkerisch auf die „richtige“ Seite der Geschichte und will darin Recht behalten. Die Ideologin nimmt sich aus dem Gehorsamsanspruch gegenüber Christus heraus und verkennt damit die eigene Rechtfer­tigung als Sünderin im Glauben an den einen Herrn Jesus Christus.
  11. Der gegenwärtige Konflikt in den verfassten Landeskirchen ist kein weltanschaulicher, sondern primär ein ethischer. Entscheidend ist nicht, ob ein Pfarrer wirklich „gläubig“ ist, sondern ob er in seinem Dienst seine Ordinationszusage einhält. Wer als ordinierte Pfarrerin nicht Wort halten kann, vermag nicht Gottes Wort zu verkündigen.
  12. Lehrbindung bedingt keine Sterilität in der Verkündigung. Gerade weil eben nicht alles gesagt sein kann und will, eröffnen sich in dieser grammatikalischen Begrenzung gewagte „Sprachspiele“ im Hinblick auf den göttlichen Wortschatz des Glaubens.
  13. Wer als ordinierter Pfarrer sich professionell im Sinne seiner Ordinationsverpflichtung verhält, lässt die evangelische Freiheitszusage zu Wort kommen: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1)

Zusammenfassung meines Vortrags auf dem Studientag Reformationsjubiläum des Arbeits­kreises Bekennender Christen in Bayern (ABC) am 24. Juni 2017 in Puschendorf.

Hier der Text als pdf.

Gastfrei zu sein vergesst nicht

22. Juni 2017

IRA Patrol in Belfast vor dem Good-Friday-Agreement 1998

Da stand er vor mir im blauen Adidas-Trainingsanzug mit den schnürlosen Adidas-Schuhen und bot mir die Stirn. Die Nacht ist er hindurch gelaufen – kein Geld mehr für eine Unter­kunft. Das zukünftige Fluggepäck ist im Schließfach am Ulmer Bahnhof verstaut. In Senden hatte er frühmorgens das evangelische Gemeindehaus gesehen, fand jedoch nicht das Pfarr­haus. Und als er schließlich in Vöhringen wohl um 8 Uhr beim katholischen Pfarrhaus ankam, war mein Kollege im Gehen begriffen. Und der englischsprechende Kaplan war schon im Unterricht. Auf die Frage nach dem Presbyterian minister wurde er an den lutherischen Pfarrer verwiesen. So klingelte er dann um 8.40 Uhr bei uns.

Er wollte sich mir gegenüber erklären – eine längere Geschichte. Ich lud ihn ins Amtszimmer ein, selbst frühstückshungrig. Sein English ließ mich auf Schottland schließen. Ja, er habe da für wenige Jahre dort gelebt, mit Frau und Tochter, aber er komme aus Belfast, sei seit neun Tagen in Deutschland – auf der Flucht.

45 Jahre alt, der Vater auch schon bei der Provisional IRA, getötet, wohl andere Familien­glieder auch, die Schwester und die Mutter leben noch. Er selbst war (wohl wegen Tötungs­delikten) Jahre in britischen Gefängnissen und ist nach dem Good-Friday-Agreement freige­kommen, habe damals der Gewalt abgeschworen. Wie er den Lebensunterhalt sich verdient habe und auch das Haus für Frau und Kind, ist für mich nachvollziehbar. Anders hingegen die vielfältigen Einnahmequellen der IRA aus Spielhöllen, Zigarettenschmuggel und Schutzgeld­abgaben, die wohl immer noch in Nordirland praktiziert werden. Ob er Mitglied der Real bzw. NEW IRA ist, weiß ich nicht. Aber der Drogenkrieg in Belfast hat ihn mitgenommen. Bei der alten Provisional IRA haben die Rekruten Drogen und Alkohol abschwören müssen. Er halte sich daran. Und das Päckchen mit dem Zigarettentabak, das er später auf dem Fußweg zum Bahnhof öffnete, habe noch den Rest von neun Tagen Deutschland drin.

Die ganze Nacht durchgelaufen, in Senden ein Schinkenbrötchen gegessen mit Kaffee, er vermisst den britischen Tee. In seiner Stimme die Unruhe der Flucht. Er hat wohl der Polizei anonym Informationen über Drogendealer geliefert, war selbst Augenzeugen diverser Hin­richtungen, zuletzt habe man ihm eine Beutel mit einem sechsstelligen Pfundbetrag als Schweigegeld angeboten, den er abgelehnt hätte.

Gary N. zeigt mir zur Beglaubigung seine Barclay-Kreditkarten, er sei kein Bettler, sondern nur kurzfristig nicht länger liquide. Dann ein Stapel von Übernachtungsbelegen in deutschen Gästehäusern und Hotels. Er hat schon angefangen, Deutsch zu lernen. Für neun Tage hört es sich gut an. Über Kronenberg ist er angekommen und will weiter nach Neuseeland. Frau und Tochter seien da schon. Das Haus und das Auto seien schon verkauft. Er sei noch zurückge­blieben, um den Verkauf noch abzuwickeln.

Vor drei Monate habe er seine elfjährige Tochter zur Schule gefahren, als jemand mit der AK 47 auf ihn geschossen habe. Das war nicht das erste Mal in seinem Leben. Im Straßenkrieg der achtziger und neunziger Jahre waren Schussverletzungen gang und gäbe. Die erste Schussverletzung am Knie habe er mit 14 abbekommen und er zieht dazu das entsprechende Hosenbein hoch. Aber dass jetzt offensichtlich auch das eigene Kind gefährdet sei – bei anderen, die im Drogenkrieg nicht (länger) mitspielen, wurden auch schon Familienange­hörige hingerichtet. Es ist nicht die Angst vor dem eigenen Tod, sondern die Sorge um die Familie, die ihn fliehen lässt. Er selbst zählt sich zu der Generation in Belfast, die sich im Nachhinein darüber gewundert hat, überhaupt 25 Jahr alt zu werden.

Der Bandenkrieg zwischen der Kinahan- und der Hutch-Gang sei in den letzten Monaten eskaliert. Der junge Kinahan stehe nun vor Gericht. Mögliche Zeugen gegen ihn werden eliminiert. Dann gehen wir am Computer ins Internet und lesen die Online-Ausgaben der Irish Times bzw. der Sunday World unter der Rubrik „crime desk“. Wir scrollen durch. Wo die Bilder von unten her auftauchen, nennt Gary schon die Namen der Ermordeten und sein Verhältnis zu ihnen. Der Eindruck verfestigt sich – mexikanische Verhältnisse in Irland. Es geht um Kokain. Und Gary scheint als nächstes Opfer ausersehen zu sein, wurde vorgewarnt. So hat er die Fähre und den Bus nach London genommen und ist weiter auf den Kontinent, um am nächsten Freitag hoffentlich nach der fälligen Geldtransaktion den Flug nach Neusee­land über Singapur unter Dach und Fach zu kriegen. Zwischenzeitlich hält er Kontakt mit der Familie über Skype. Offensichtlich hat er einen Kontaktmenschen bei den Verfolgern, der ihn über deren nächsten Schritte auf dem Laufenden hält.

Ich stelle Gary Frau und Kind vor. Bei Yana leuchten seine Augen. Wer seiner Tochter etwas antäte, müsste wohl eine entsprechende Vergeltung befürchten. Dass Gary bei mir auftauchte, hängt ja mit seinem Glauben zusammen, gut katholisch und äußerst kirchenkritisch, hat etwas dagegen, wie Kirche sich das Geld nimmt. Gnadenlos legt er den Maßstab des Evangeliums an die Lebensform des Klerus und der Pfarrer an. Seine Bibelkenntnisse überzeugen, sein Allgemeinwissen überrascht mich (die Ansätze einer Verschwörungstheorie im Hinblick auf den 11. September kommen ganz zum Schluss und sind verglichen mit den übrigen Einschät­zungen der Weltsituation eher rudimentär). Er weiß, dass man als Christ gastfreundlich zu sein hat, heißt es doch im Brief an die Hebräer im 13. Kapitel: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Wer als katholischer Pfarrer ihn vor der Haustüre abfertigen will, wie kann dieser sich sicher sein, dass er damit nicht einen Gottesboten weggeschickt hat? Recht hat er als fluchtbedürftiger Nichtbettler. Auch wenn sein Belfaster Englisch mit aller nachtlosen Unruhe sich für mich viel zu schnell anhört und geläufige Worte nachgefragt werden müssen, wer seine ganze Geschichte anhört, kann ja nicht anders als ihm helfen.

Gary, der große Moralist, weiß darum, wie sich der Bürgerkrieg in Nordirland in einen Drogenkrieg verwandelt hat. Und offensichtlich verletzt es sein Gerechtigkeitsempfinden, wie alte Kämpfer nun ihr Auskommen im Drogengeschäft und in der Schutzgelderpressung suchen. Die eingeschworene Abstinenz der Kämpfer ist dem Geschäftssinn gewichen. Und den Jungen macht man mit Bentleys vor, was es im Leben (mit der Waffe) zu erreichen gilt, auch wenn sie wohl als Auftragskiller nur Kanonenfutter sind. Eingeschworene Loyalitäten zählen nicht. Und auch die Real IRA, die sich dem Krieg gegen die Drogen verschrieben hat, kassiert ab. Wie Gary mir rechthaberisch die Stirn bietet, ahne ich, um welch verlorenen Kampf es in Nordirland geht. Die Rettung für ihn ist Neuseeland. Noch einmal neu anfangen dürfen. Er muss die nächsten Tage in Europa überleben, das Geld aus dem Hausverkauf kriegen. Und dann nichts wie weg.

Ich bringe ihn zum Bahnhof, zahle ihm das Ticket nach Frankfurt und leihe ihm noch 200 Euro für die fehlenden zwei Übernachtungen. Wir umarmen uns. Ungesegnet geht er, wissend um das Jüngste Gericht. Dass alles am Ende nur gut ausgehen kann, das glaube er nicht. Einen Weichmacher-Jesus mag er nicht und billige Gnade ist nicht seine Sache. Da hat er wohl schon zu viel gesehen und zu viel getan, als dass es für uns alle ein Happy End geben kann.

„Ich gelobe vor Gott, das Amt im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen“. Über das verunglückte EKD-Ordinationsgelöbnis

17. Juni 2017

Verunglückt ist das schriftliche „Ordinationsgelöbnis“, das seit 2011 in der EKD gültig ist. Es lautet: „Ich gelobe vor Gott, das Amt der öffentlichen Wortver­kündigung und Sakramentsverwaltung im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis meiner Kirche bezeugt ist, rein zu lehren, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, meinen Dienst nach den Ordnungen meiner Kirche auszuüben, das Beichtge­heimnis und die seelsorgliche Schweigepflicht zu wahren und mich in meiner Amts- und Lebensführung so zu verhalten, dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträch­tigt wird“. (§ 4 Abs. 4 Pfarrdienstgesetz der EKD vom 10. November 2010)

„Ich gelobe vor Gott, das Amt […] im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen“. Vor Gott dem dreieinigen Gott gehorsam sein – theologisch ist damit ungewollt eine göttliche Quaternität ausgesprochen. Außerdem beißt sich der Pleonasmus „im Gehorsam in Treue“ semantisch, kann es doch keinen treulosen Gehorsam geben.

Das Grundproblem besteht darin, dass sich der Text dieses „Gelöb­nis­ses“ an politischen Treueidformeln orientiert. Bei ihnen wird Gott als Zeuge und „Eidwäch­ter“ für den zugesagten Gehorsam an­gerufen, so dass Ungehorsam als Eidbruch ein sakrales Vergehen gegen Gott darstellt. Aber genau darauf wird in der evangelischen Kirche seit der Reformation verzichtet – die Vereidigung ihrer Amtsträger, im Unterschied zur römisch-katholischen Kirche, wo Kleriker einen kirchlichen Treueid zu leisten haben (vgl. Georg Gänswein, Treueid I. Kath, LKStKR 3, 706-708). Mit gutem Grund will man in der evangelischen Kirche nur „zwischenmenschliche“ Verspre­chen abnehmen.

Die pleonastische Wortwahl des „Gelöbnisses“ sucht eine Sakralität zu beschwören, die in der Schriftform nicht angebracht ist. Sie zielt auf orale Performanz coram publico, ähnlich wie bei öffentlichen Rekrutengelöbnissen. Dabei handelt es sich in Wirklich­keit nur um eine schriftliche Bereitschaftserklärung als Vorbedingung zur eigenen Ordination, die dokumentarisch zu den Personalakten genommen wird. „Confessional subscription“ heißt es daher im angloamerikanischen Kontext. In dieser Hinsicht war der Text der alten ELKB-Bereitschaftserklärung stimmig: „Ich bin bereit, das Amt, das mir anvertraut wird, nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, das Beicht­geheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht.“ [Text nach Artikel 6 a Kirchengesetz zur Regelung des Dienstes der Pfarrer und Pfarrerinnen in der Vereinigten Evangelisch-Luthe­rischen Kirche Deutschlands vom 17. Oktober 1995 mit den Anwendungsbestim­mungen für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern vom 4. Dezember 1996]

Was für die Ordination wirklich zählt, ist das „Ja-Wort“ der Ordinandin zum Ordinationsvorhalt (uniert) bzw. auf die Ordina­tionsfragen (lutherisch) im öffentlichen Ordinationsgottesdienst. So heißt es beispielsweise im kurzen Vorhalt [Berufung-Einführung-Verabschiedung, Agende 6 für die UEK bzw. Agende IV, Teilband 1 der VELKD, Bielefeld 2012, Seite 44]:

„Liebe Schwester / Lieber Bruder N.N.,
in diesen Worten / den Worten der Heiligen Schrift hast du gehört, was uns im Hirtenamt und Dienst der Verkündigung aufgetragen ist.
Du sollst das Evangelium von Jesus Christus verkündigen, wie es in der Heiligen
Schrift gegeben
[in den Gliedkirchen der VELKD:] und im Bekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist.
[in den Gliedkirchen der UEK:] und in den Bekenntnissen unserer Kirche bezeugt ist.
Du sollst der Gemeinde mit Taufe und Abendmahl dienen, wie sie Jesus Christus eingesetzt hat.
Du sollst das Beichtgeheimnis und die seelsorgliche Verschwiegenheit wahren.
Dein Amt sollst du in Verantwortung und Treue ausüben und dich in allem so verhalten,
dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträchtigt wird [im Entwurf von 2009 hieß es noch „wie es deinem Auftrag entspricht“, was die Verbindung von leiturgia und ethos positiv zur Sprache bringt].
Du stehst in der Gemeinschaft aller Mitarbeitenden der Kirche und wirst in deinem
Dienst von der Fürbitte der Gemeinde begleitet.
Vertraue darauf, dass Gottes Verheißung dich trägt und sein Heiliger Geist dir beisteht.

So frage ich dich: N.N., bist du bereit, dieses Amt zu übernehmen, so bezeuge es vor
Gott und dieser Gemeinde mit deinem Ja.
Ordinand / Ordinandin: Ja, mit Gottes Hilfe.
oder
Ordinand / Ordinandin: Ja, dazu helfe mir Gott durch Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes.“

Deutlich wird, dass in der agendarischen Ordination weder eine Vereidigung vorgenommen noch ein religiöses Gelöbnis ausgesprochen wird. Stattdessen erklärt bzw. bezeugt der Ordinand öffentlich seine Bereitschaft, das Amt der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung regelgerecht wahrzunehmen. So hat ja auch Luther es im Wittenberger Ordinationsformular als Ordinationsfrage bzw. Ordinandenantwort kurz und bündig folgende Worte vorgesehen: „Seit ir nu willig vnd bereit solch ampt anzunemen vnd treulich zu vben, so wollen wir aus beuelh [Befehl] der kirchen durch vnser ampt euch ordiniren vnd bestetigen, wie S. Paul zum Tito vnd Timotheo gebeut [befohlen hat], das wir sollen in den steten priester setzen vnd das wort beuelhen [anbefehlen] denen, so tuchtig sind auch andere zu leren. – Respondeant: volumus.“ (WA 38, S. 428, Z. 22-37)

„Das gesprochene Wort zählt“ (vgl. 1Tim 6,12). Besser wäre es, auf ein schrift­liches „Vorabordinationsgelöbnis“ zu verzichten und statt­dessen im Anschluss an die Ordinationshand­lung ein vorgefertigtes Ordinationsprotokoll von der Ordinatorin, von der Ordinierten sowie von den Assistenten unterzeichnen zu lassen. Mit ihm wäre die eingegangene Regelverpflichtung der nunmehr Ordinierten schriftlich dokumen­tiert. Es würde zu den landeskirchlichen Akten genommen, nachdem der Ordinierten die Ordinationsurkunde ausgehändigt worden ist.

Hier mein Text als pdf.