Archive for the ‘Eigene Texte’ Category

NAMENSgedächtnis statt Gottdenken. Warum Christen nicht an „Gott“ glauben

9. Februar 2018

Seit meiner Lehrtätigkeit in Hongkong 2002-2008 bearbeite ich einen eigenen Text „NAMENSgedächtnis statt Gottdenken“. Diesen halte ich selbst für die radikalste Infragestellung abendländischer Theologie. Hier der Schlussabschnitt aus der aktuellen Fassung:

Der Gleichgültigkeit eines Namenspluralis­mus entkommt man nur dann, wo man einen bestimmten Namen vernommen hat und den Namensträger mit dessen Geschichte für sich selbst anzuerkennen und anzurufen weiß. Dass nun der Name „Jesus“ über allen Namen steht (Phil 2,9), verdankt sich weder ritueller Apo­theose noch menschlicher Denkleistung, sondern Seinen ausgesprochen Macht­taten, die – der Selbstpreisgabe des Sohnes folgend – Himmel und Erde, Anfang und Ende eingeholt haben. „Ich bin das A und das O, spricht Herr, der Gott, der ist und der war und der kommt, der Allherrscher.“ (Offb 1,8, vgl. 21,6; 22,13) Wer dem einen NAMEN gehorcht, darf sich mit seinem Leben nicht in die Abhängigkeit von anderen Namen bringen. Dem biblischen Zeug­nis zufolge kann man von einer HERRlichen Monarchie sprechen, die menschliche Monola­trie gebietet, nicht aber von einem theoretischen oder auch praktischen Monotheismus. Wer von einem biblischen Monotheismus spricht, trägt – möglicherweise ungewollt – eine philoso­phische Gottesidee in den Text ein und verschreibt sich damit einer ideologischen Schriftlek­türe. Wer das unaussprechliche Tetragramm überliest, erweist sich als Analphabet des eige­nen Lebens.

Um den einen Namen, der über alle Namen ist, wirklich anzuerkennen und anzurufen, bedarf es eines polyarchaischen bzw. polytheistischen Kontextes. Nur dort, wo ich mich in einer „vielmächtigen“ Wirklichkeit wahrnehme, gewinnt die Anerkennung des einen Namens lebensentscheidende Bedeutung (vgl. Apg 4,12). Wo hingegen Aussagen über Allmacht, Alleinheit oder Allursächlichkeit aus einer Gottesidee generiert werden, ist und bleibt der NAME letztendlich bedeutungslos. Auch wenn die Trinitätstheologie in der Alten Kirche unter (neu-)platonischem Einfluss begrifflich ausgearbeitet wurde, war die Weltwahrnehmung der Menschen dennoch „vielmächtig“. Damit konnte die „Gotteswirklichkeit“ schlussendlich nicht als „Gottesgedanke“ gelten. Erst dort, wo in Folge der Aufklärung die moraldependente „Vielmächtigkeit“ naturwissenschaftlich eliminiert worden ist, wurde ein abstrakter Gottes­gedanke religionsideologisch zur Geltung gebracht. Was der dreieinige Gott nach biblischem Zeugnis den Menschen NAMENlich zu sagen, kann gegenwärtig im polyarchaischen Kontext Afrikas oder Asiens weit besser verstanden werden kann als im monotheistischen bzw. atheis­tischen Kontext Europas.

Innerhalb der europäischen Kultur herrscht die paradoxe Situation, dass Namensversessenheit mit NAMENsvergessenheit einhergeht. Ohne Künstlernamen ist Kultur undenkbar. Nament­liche Originalität erzielt auf Kunstauktionen mitunter Höchstpreise, gewichtige Autoren- und Gelehrtennamen erheischen publizistische Aufmerksamkeit, werden in Feuilletons und Fach­journalen kritisiert oder gewürdigt. Wenn es nicht gerade um Katastrophen und Unglücke geht, sind Schlagzeilen und Headlines in den Medien meist namensfixiert. Und schließlich spielen auch bei Konsumgütern Produkt- und Markennamen eine herausragende Rolle; sie werden nachhaltig beworben. Der Name verkauft sich und lässt sich verkaufen. Unsere Lebenswelt ist alles andere als anonym. Umso erstaunlicher ist, wie wenig die Wirkung von Eigennamen in Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft beachtet ist. In der literaturwissen­schaftlichen Narratologie wird der erzählerischen Wirkung von Eigennamen kaum Beachtung geschenkt, da man sich auf die Referenzverhältnisse kapriziert.

Christliche Lehre, die wahrhaftig eine transkulturelle Heilslehre für die Völker ist, ist NAMENslehre und nicht etwa Gotteslehre – „Induktion aus dem Namen“ statt „Deduktion aus dem Begriff“. Schibboleth – „Ährenhalm“ (nicht Strohhalm) – des Glaubens ist das unaussprechliche Tetragramm, gilt doch dieser Glaube nicht etwa einem Übernatürlichen, sondern dem Namenlichen. Natürlich versus NAMENlich ist die christliche Leitunterscheidung, auf die es ankommt. Der NAME selbst hält Wort, ohne dass er zur Sprache gebracht werden kann. So wie menschliche Biografien in keiner Anthropologie bedacht wer­den können, so wenig kann auch der NAME in einer Theologie aufgehoben werden. Die NAMENslehre lehrt entsprechend der kanonisch gelesenen Heiligen Schrift, welche Worte und Taten vom NAMEN umfasst sind, wie Jesus Christus und der Heilige Geist auf den NAMEN bezogen sind (Trinitätslehre) und wie geschöpfliches und insbesondere menschliches Leben in heilvoller Weise vom NAMEN eingenommen wird (Heilsökonomie). Bei der Trinitätslehre kommt es allein auf Namen an. So jedenfalls schreibt Ephraem der Syrer Mitte des vierten Jahrhunderts:

Vater, Sohn und Heiliger Geist können nur in ihren Namen verstanden werden;
Schau nicht weiter auf ihr Wesen (qnomá),
besinn dich auf ihre Namen.
Wenn du das Wesen des Gottes untersuchst, wirst du zugrunde gehen,
aber wenn du dem Namen (šmá) glaubst, wirst du leben.
Lass den Namen des Vaters dir eine Grenze sein,
überschreite sie nicht und untersuche seine Natur (kyānā);
lass den Namen des Sohnes dir eine Mauer sein,
übersteige sie nicht und untersuche seine Geburt vom Vater;
lass den Namen des Heiligen Geistes dir ein Zaun sein,
dringe nicht ein, um ihn auszuspähen.
Diese Namen sollen dir also eine Grenze sein;
durch die Namen halte die Untersuchungen zurück.[1]

Statt einer metaphysischen gilt die NAMENliche Trinitätslehre. Ebenso tritt an die Stelle einer wesensbezogenen und damit zeitlosen Lehre von den Eigenschaften Gottes die NAMEN­liche Tugendlehre, die sich auf Dessen Worte und Taten bezieht. So wird in der Heiligen Schrift nicht etwa die Offenbarung göttlicher Eigenschaften, sondern der Erweis Seiner Tugend bezeugt. Die NAMENslehre führt in die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christ (nihil nisi Christus praedicandus), die auf Bekehrung und Glauben aus ist. Sie ist keine reflexive Lehre, die sich auf ein allgemein gedachtes Subjekt besinnt, sondern spricht aus, was gegenüber Ihm selbst zu verantworten ist (vgl. Mt 12,36).

Was Menschen Zukunft verheißt, sind weder allgemein Gedachtes noch die Natur, sondern Namen, die glaubwürdige Geschichten tragen. So wird JHWH im Psalmgebet vertrauensvoll angegangen: „Du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.“ (Ps 31,4) Dem biblischen Zeugnis zufolge umfasst der NAME all das, was JHWH an seinem Volk Israel und durch seinen Sohn Jesus Christus zum Heil der Völker getan hat. Folgerichtig nimmt Kurt Marti die erste Bitte des UnserVater mit folgenden Worten auf:

dein name werde geheiligt
dein name möge kein hauptwort bleiben
dein name werde bewegung
dein name werde in jeder Zeit konjugierbar
dein name werde tätigkeitswort[2]

Die Taufe „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ nimmt den eigenen Namen in das trinitarische Heilsgeschehen mit hinein und lässt JHWHs Handlungstreue apokalyptisch glauben. Im NAMEN tritt einem das Heilsgeschehen sakramental gegenüber, dass man sich mit seinem eigenen Namen darauf beziehen kann.

Der genuine Ort eines verheißungsvollen und ehrfürchtigen Namensgedächtnisses ist die Kirche als die Gemeinschaft derer, die dem NAMEN mit Leib und Leben verbunden sind. In ihr vollzieht sich schließlich die liturgische Anbetung des NAMENs:

Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, der Gott, der Allherrscher! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, der König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden. (Offb 15,3f)

[1] Sermones de fide 4,129-142. Die Übersetzung folgt S. Brock, The Luminous Eye. The Spiritual World Vision of Saint Ephrem, CistSS 124, Kalamazoo 1992, 63.
[2] abendland. gedichte, Darmstadt-Neuwied 1980, 50.

Hier der vollständige Text als pdf.

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„In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kolosser 2,9) und die Vermessenheit maßstäblichen Fassungsvermögens

4. Februar 2018

Ein Glass randvoll mit Wasser zeigt Fülle an. Jeder weitere Zufluss führt zur Überfülle. Mehr als voll ist eben nicht zu fassen. Aber kann und will ich die Fülle in Glas einfach stehen lassen? So tritt die Versuchung auf, das Wasser aus dem Glas in ein weiteres, größeres Gefäß umzufüllen. Da sieht es dann ganz anders aus, wenn das Wasser in diesem Gefäß nur fingerdick über dem Boden steht. Nach oben ist also noch viel Luft drin. Durch ein weiteres Umfüllen in einen Messbecher wird schließlich genaues Maß genommen – 225 ml. Da wäre doch noch mehr drin gewesen. 450 ml heißt zukünftig die Vorgabe. Dabei war das Glas am Anfang wirklich voll – randvoll!

Wo wir die Güter unseres Lebens quantitativ zu bemessen suchen, erscheinen sie durch unsere „Maßnahmen“ als defizitär. Jeder Maßzahl ist immer eine „Mehr“-Zahl hinzuzufügen. So fehlt nach eigenen Maßstäben unserem Leben immer etwas zum vollkommenen Glück.

Finitum capax infiniti, Endliches vermag das Unendliche zu fassen. Was die lutherische Lehre zur leiblichen Präsenz Christi im Abendmahl geltend macht, lädt uns zur Anteilnahme an der göttlichen Fülle ein. Erfülltes Leben besteht nicht in dem, was ich für mich hinzugewinnen und zahlenwertig fassen kann. An die Stelle der Vereinnahmung tritt die Anteilnahme im Glauben an Christus: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Johannes 7,38)

So vergleicht der griechische Kirchenvater Gregor von Nyssa in seinen Homilien zum Hohenlied (In canticum canticorum) die lebenserfüllende Gottesschau (visio Dei) mit dem Betrachten einer Quelle, die aus der Erde hervorsprudelt:

„Wenn du dich der Quelle genähert hast, staunst du über das unversiegliche Wasser, das unablässig aus ihr hervorsprudelt und fließt. Aber du könntest nicht sagen, du habest alles Wasser gesehen. Denn wie könntest du sehen, was noch im Schoß der Erde verborgen ist? Daher fängst du, wie lange du auch bei der Quelle bleiben magst, immer erst an, das Wasser zu sehen. Ebenso ist es, wenn jemand die unendliche Schönheit Gottes betrachtet. Sie wird stets neu entdeckt und wird immer als etwas Neues und Unbekanntes angesehen im Vergleich mit dem, was der Geist bereits begriffen hat. Und während Gott sich weiter offenbart, staunt der Mensch weiter; und sein Verlangen, mehr zu sehen, hört niemals auf, denn das, worauf er wartet, ist immer großartiger und göttlicher als alles, was er schon gesehen hat.“

„der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab“ – Was die Grablegung Jesu uns über Sargpflicht sagt

30. Januar 2018

Grablegung Jesu

In Bayern gibt es eine gewachsene Bestattungskultur – dazu gehört die christliche Tradition einer Sargpflicht. Diese Tradition wollen wir auch künftig erhalten“, hatte die Gesundheitsministerin Melanie Huml vor einigen Wochen im bayerischen Landtag gesagt. Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind die letzten Bundesländer, die noch eine Sargpflicht kennen.

Eine christliche Tradition wird geltend gemacht, und dabei ist im Evangelium etwas ganz anderes über die Grablegung Jesu erzählt: „Und als es schon Abend wurde und weil Rüsttag war, das ist der Tag vor dem Sabbat, kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei. Und als er’s erkundet hatte von dem Hauptmann, gab er Josef den Leichnam. Und der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen, und wälzte einen Stein vor des Grabes Tür.“ (Mk 15,42-46)

Bestattung eines Kartäusers

Bestattung eines Kartäusers

Dass Tote in Särgen bzw. Sarkophagen zu bestatten sind, ist weder eine gewöhnliche biblische noch eine Christusbestimmte Tradition. Nur in Gen 50,26 sowie in Lk 7,14 ist von einem Sarg die Rede. Die ersten christlichen Sarkophage sind erst ab dem späten 3. Jahrhundert nach Christus belegt. In einigen Ordensgemeinschaften, etwa bei den Kartäusern, hat sich der Brauch erhalten, die Toten ohne Sarg auf einem Holzbrett liegend in der Erde beizusetzen.

Wenn Muslime ihre Verstorbene ohne Sarg in Leintüchern bestatten, folgen sie der biblischen Tradition. Nur werden sie dafür nicht das Vorbild der Grablegung Jesu geltend machen, bestreitet ja der Islam dessen Kreuzigung.

In einem staatlichen Gerichtssaal muss das Kruzifix missverständlich wirken – Warum ich als Christ die skandalöse Kruzifixabhängung eines Richters billigen kann

24. Januar 2018

Richter Klaus-Jürgen Schmid mit dem Kruzifix (Foto Dagmar Bohrer-Glas / Bayerischer Rundfunk)

Das hat Schlagzeilen gemacht, nicht nur in der BILD-Zeitung – die Abhängung eines Kruzifixes im Gerichtssaal des Miesbacher Amtsgerichts durch den Richter Klaus-Jürgen Schmid bei einer Verhandlung zu einem Strafprozess gegen einen afghanischen Islamisten. In idea online wird dazu ein heftiger Widerspruch von Peter Hahne wiedergegeben:

Heftige Kritik am Verhalten des Richters übt der Journalist und Bestsellerautor Peter Hahne (Berlin) in einem Kommentar für die Evangelische Nachrichtenagentur idea. Unter Bezug auf die Äußerung des Afghanen schreibt das frühere EKD-Ratsmitglied: „Mir ist es nicht egal, ob ein Richter, der auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen hat, das Symbol unserer Kultur einfach nach Belieben auf- und abhängt.“ Hahne: „Ich frage mich: Wie ist es um seine juristische Kompetenz bestellt, wenn er bei dieser Frage schon so peinlich versagt.“ Das Verhalten des Richters entspreche einem Toleranzgedanken, wie er stimmungsmäßig auch von den Kirchen vertreten werde: „bloß nicht provozieren, lieber unsere Traditionen reduzieren“. Kniefälle der Unterwerfung mit Toleranz zu verwechseln, sei aber „nicht nur unklug, sondern schlichtweg dumm“. Hahne zufolge ist das Kreuz keine Privatangelegenheit von Christen oder Richtern und Politikern. Es gehöre zu Deutschland „wie die Löcher zum Schweizer Käse. Wir brauchen mehr, nicht weniger Kreuz und Bibel.“ Dann gäbe es, so Hahne, auch keine Gaffer auf Autobahnen und keine Gewalt gegen Rettungskräfte, „weil wir das Jesus-Gleichnis vom Barmherzigen Samariter kennen würden“.

Für mich als Christ ist die Maßnahme des Richters durchaus nachvollziehbar. Auch wenn ich weiß, dass das Kruzifix für die katholische Volksfrömmigkeit in Bayern eine außerordentliche Bedeutung und Aussagekraft hat, sehe ich vom Evangelium Jesu Christi her das Kruzifix in einem staatlichen Gerichtssaal als unangebracht an. Das Kruzifix stellt das Pascha-Mysterium Jesu Christi „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“ (Apostolikum) figürlich-mimetisch zur eigenen religiösen Andacht (devotio) im Sinne eines pro me dar.

Der Gottessohn hängt nicht symbolisch am Kreuz. Für Christen ist das Kruzifix nach außen hin kein Kultursymbol, sondern Bekenntniszeichen für den stellvertretenden Sühnetod des Gottessohnes am Kreuz zur Erlösung von Sünde und Tod. Nur im geistgewirkten Glauben an das Evangelium und damit innerhalb der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen kann diesem Zeichen eine heilsame Bedeutung abgewon­nen werden. Für die anderen muss das Wort vom Kreuz Christi mit den Worten des Apostels Paulus „Torheit“ bzw. „Ärgernis“ (1Korinther 1,23) sein.

In einem staatlichen Gerichtssaal, wo ja Religionsneutralität geboten ist, muss das Kruzifix missverständlich wirken: Spricht ein Richter in einem Strafverfahren eine Verurteilung aus, so scheint dieses Urteil durch das Kreuz Christi hinter ihm als höhere göttliche Macht autorisiert worden zu sein. Damit wird die Botschaft des Kreuzes in das genaue Gegenteil verkehrt: Der christli­chen Lehre zufolge hat Jesus Christus am Kreuz von Golgota die Schuld der Menschen auf sich genommen, damit diese im rechtfertigenden Glauben an Christus von eigener Schuld und gött­licher Strafe freigesprochen werden.  Eine „weltliche“ Bestrafung und Verurteilung kann nach dem Evangelium nicht in einen Zusammenhang mit dem Kreuz Christi gebracht werden. Vielmehr heißt es für Christen mit den Worten Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Lukas 6,35f)

Zudem muss berücksichtigt werden, dass für einen nicht unbeträchtlichen Teil der weltweiten protestantischen Christenheit – vor allem aus der südlichen Hemisphäre und aus Asien – die plastische Darstellung Christi am Kreuz selbst ein Sakrileg ist. Für diese gilt nämlich in der Zählweise nach Exodus 20,2-17 das Bilderverbot als zweites der zehn Gebote: „Du sollst dir kein Gottesbild machen noch irgendein Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen, denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott“ (VV 4-5). Insofern sind lässt sich im Hinblick auf Kruzifixe im öffentlichen Raum nicht ohne weiteres eine gemeinsame christliche Tradition geltend machen.

Hier mein Text als pdf.

Charles A. Feys „Liberty Bell“ und das göttliche Lebensglück

22. Januar 2018

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Als am 8. Juli 1776 in Philadelphia zum ersten Mal in der Öffentlichkeit die amerika­nische Unabhängigkeitserklärung verlesen wurde, läutete die Liberty Bell, also die Freiheits­glocke. Ihr Name geht zurück auf deren Inschrift, nämlich Worte aus dem 3. Buch Mose (Levitikus 25,10): „Proclaim LIBERTY Throughout all the Land unto all the Inhabitants ThereofIhr sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin woh­nen.“ Im Kontext der Tora bezieht sich diese Freiheitsausrufung auf das 50. Jahr, das sogenannte Jobel­jahr („Jubiläum“), in dem im alten Israel Menschen aus der Schuldknecht zu entlassen und die ursprünglichen Landbesitzverhältnisse wiederherzustellen sind. Als wäre es ein Omen für die gesellschaftliche Entwicklung in den USA, entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts an der Liberty Bell ein tiefer Riss. Als sie am 23. Februar 1846 zum Geburtstag George Washingtons noch einmal angeschlagen wurde, vergrößerte sich der Riss so weit, dass die Glocke klanglich am Ende war. Fortan blieb sie stumm und wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit zum ikonischen Symbol der amerikanischen Unabhängigkeitsgeschichte stilisiert.

50 Jahre später kam es zur klanglichen Wiederauferstehung der Liberty Bell, und zwar in den Saloons von San Francisco. Das hatte mit einer Geburtsgeschichte hier in Vöhringen/Iller zu tun: Am 2. Februar 1862 – Mariä Lichtmess –, also vor mehr als 155 Jahren wurde Augus­tinus Josephus Fey in der „Alten Schule“ neben der Marienkirche als jüngstes von 15 Kindern des Lehrers Karl Fey und seiner Frau Maria geboren. Nachdem er in die USA ausgewandert war und sich dort in Charles August Fey umbenannt hatte, entwickelte er 1898 in San Francis­co den Archetyp aller Spiel­automaten (bzw. Slot Machines) – drei Walzen mit je fünf Glücks­symbolen – Hufeisen, Diamant, Spaten, Herz und eine Freiheitsglocke (Liberty Bell) – auf zehn Positionen, die sich unabhän­gig voneinander drehen, sobald man einem Metallhebel nach unten zieht. Nacheinander – also mit einer spannungssteigernden Zeitverzögerung – kommen dann drei Glückssymbole im Sichtfenster nebeneinander zu stehen. Feys „einarmiger Bandit“ ist eine handwerkliche Meisterleistung, besitzt er doch einen funk­tionierenden automatischen Auszahlmechanismus, bei dem die gewonnenen geldwerten Messingmarken („trade token“) in eine Schale ausgespuckt werden.

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Der Klang der metallenen Wertmarken sowie der Einbau eines Glöckchens in den Mechanis­mus inspirierte Charles Fey zu der Namensgebung „Liberty Bell“, die sich als Emblem – mit Riss – und dem entsprechenden Schriftzug auf dem Gehäuse seines Spielautomaten findet.

Was für ein Versprechen – Gewinn der eigenen (finanziellen) Freiheit an einem Spiel­auto­maten! Hirnforschung wie auch Lebenserfahrungen sprechen da eine gegenteilige Sprache: Im Zusammenspiel von Spielautomat und Spieler hat nämlich der Automat den Spieler im Griff. Geld erregt das Belohnungssystem im Gehirn.[1] Je höher der Betrag, der auf dem Spiel steht, desto stärker die Erregung im sogenannten Nucleus accumbens. Der ausgeschüttete Botenstoff Dopa­min generiert Verlangen mit Belohnungserwartung und ist damit ein Motiva­tor auf einen möglichen Gewinn hin weiterzuspielen.

Auf der anderer Seite macht sich in Sache Geld ein zweiter Hirnbereich, nämlich die soge­nannte Inselrinde, die Insula, bemerkbar. Sie ist maßgeblich an der Schmerzwahrnehmung beteiligt. Gera­de beim Verlust von Geld wird die Insel aktiv. So versucht jeder Mensch instinktiv, dieses unangenehme Gefühl bzw. diesen Schmerz zu vermeiden. Droht ein Verlust, wird außerdem die Amygdala, auch „Mandelkern“ genannt, aktiviert. Das ist der Bereich im Gehirn, der für die emotionale Einordnung von Situationen verantwortlich ist. Schon die Möglichkeit etwas zu verlieren hat eine starke Erregung zur Folge und damit einen großen Einfluss auf die anstehende Entscheidung.

Da der Verlust von Geld im Ab­gang nicht hingenom­men sein will, spielt man auf schlecht Glück weiter und vergrößert damit seinen Verlust – Teufels­kreis der Spielsucht. Beim Glücksspiel wird eben nicht Freiheit gewonnen, sondern verspielt. Mecha­nisch ist der Spieler in der Illusion gehalten, er sei bei einem Spielautomat selbst am Drücker, sitze am längeren Hebel und hätte damit den ein­armigen Banditen im Griff.

Aber es sind nicht nur Spielhallen, wo Geldvorstellungen Menschen seelisch gefan­gen neh­men. Auch in Unternehmen können Geldzahlen das Sagen haben, nämlich dann wenn Anteils­eigner, Investoren, Aktionäre und die Geschäftsführung auf Zahlenvorgaben fixiert sind. Zah­len dürfen durchaus Kontrollinstrument für die Führung eines Unternehmens sein. Wo jedoch „zukunftsvorgebliche“ Zah­len zur alles bestimmende Wirklich­keit in Unternehmen geworden sind, werden die dort beschäftigten Menschen see­lisch und körperlich in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn wir auf eigene Zahlwerke schauen, seien es Lohn- und Gehaltsabrechnungen, Bank- oder Wertpapierdepotkontoauszüge, sind die schwarz auf weiß stehenden Zahlen und Ziffern für uns kein Heilsgut. Egal wie viele und wie hohe Ziffern vor dem Kom­ma zu stehen kommen – kein Leben wird damit heil. Abstrakte Zahlfolgen kennen weder Fülle noch Voll­kommenheit, da ja immer noch „eins“ in das Unendliche hinzugezählt werden kann. Wo man ihnen Glauben schenkt, ist man versucht, Zahlen und Ziffern heillos vermehren zu wollen und wird schlimmstenfalls zum Zocker.

Wachstumsgraph

Das kann es nicht gewesen sein – unser Leben ein zahlenwertiges, vergängliches Glücksspiel. Wer jen­seits inflationärer Zahlen das Heil und den Lebenssinn sucht, hat an einem anderen Leben Anteil zu nehmen. Davon ist im Prolog des ersten Briefs des Johannes die Rede:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.“ (1Joh 1,1-4)

Wirklichkeit unseres Lebensglücks ist unzählige Anteilnahme, Anteilnahme am Leben Jesu. Seine Hingabe, seine Liebe, sein Wort wollen auf uns einwirken, uns im Innersten berühren, und zwar so, dass ihnen nichts hinzuzufügen ist. Die Fülle des Lebens ist nicht äußeren Umständen, Zufällen oder einem eigenen Geldvermögen abzugewinnen. Was Men­schen für sich zahlenwertig zu gewinnen meinen, ist das, worin sie sich selbst verlieren. Ganz anders erweist sich die gemeinschaftliche Teilhabe (Koinonia) am göttlichen Leben im Glau­ben an die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dazu heißt es in Psalm 36:

HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /
und dein Recht wie die große Tiefe.
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
(vv 6-10)

[1] Vgl. dazu Corinna Bürger/Bernd Weber, Neurofinance – Geldverarbeitung im Gehirn, in: Martin Reimann/Bernd Weber (Hrsg.), Neuroökonomie. Grundlagen – Methoden – Anwendungen, Wiesbaden: Gabler 2011, 219-279.

Wenn Zahlen uns die alles bestimmende Wirklichkeit sind – Zur Ethik der Zahlen

18. Januar 2018

Zahlen sind uns alltäglich gegenwärtig, vorrangig im beruflichen Leben. In Unternehmen dienen sie – neben technischen Berechnungen und organisatorischen Nummerierungen – als erfolgsbezogenes Steuerungs- bzw. Kontrollinstrument, wenn es gemeinhin heißt: „Die Zah­len müssen stimmen.“ Rationalisierungen und Effizienzsteigerungen sind immer auch zahlen­gestützt. Zahlen mit ihrer jeweiligen Differenzqualität eröffnen in Unternehmen kontrollier­bare Handlungsspielräume. Unter einer Zahlenlogik wird menschliches Stre­ben feingliedrig auf Ergebnisse hin ausdifferenziert. Was in unterscheidbarer Weise zugekommen oder abge­gan­gen ist, lässt sich absolut als Ordinalzahlen quantifizieren oder aber als Prozentzahlen relati­vieren. Und Zahlenwerte in einer Statistik parallel gestellt können dann miteinander vergli­chen und in Gestalt von Kardinalzahlen tabellarisch in ein Ranking überführt werden.

Nicht nur betriebswirtschaftlich sind Zahlen von Bedeutung, sondern auch volks- bzw. welt­wirtschaftlich. Ereignisse, die zahlenwertig erfasst werden, können weltweit kommuni­ziert werden und wirken sich damit an jedem anderen Ort der Welt wiederum zahlenwertig aus. Dafür sorgen nicht zuletzt Börsen und Kapitalmärkte, deren Notierungen und Kursstände in digitalisierter Form weltweit synchronisiert werden. Wenn beispielsweise die Arbeiter einer chilenischen Kupfermine in den Ausstand treten, steigt weltweit der Kupferpreis.

Im Wirtschaftsleben kommen wir um Zahlen nicht herum. Und dennoch stellt sich die Frage, in wie weit sie bestimmend sein dürfen. Wenn hinter Zahlen nicht länger wertzuschätzende Güter stehen, werden sie selbst zur alles bestimmenden Wirklichkeit. Es entsteht ein zahlen­getriebenes Handeln, das sich selbst nur noch zahlenwertig darzustellen und sich darin mit anderen Zahlengefügen zu vergleichen weiß. Die allumfassende Relativität der Zahlen lässt nichts gelten, was auf sich selbst beruhen kann. Zahlen sind in ihrer komparativen Eigendyna­mik nicht satisfaktionsfähig; ihnen fehlt die Genugtuung. Damit sind der Geldgier (philar­gyría) und dem Mehr-haben-wollen (pleonexía) Tor und Tür geöffnet (vgl. 1Timotheus 6,10).

So geht unter einer Diktatur der Zahlen das unternehmerische Gemeingut mit der nicht ver­rechenbaren, solidarischen Anteilnahme (communio) der Mitarbeitenden verloren. Die be­triebliche Kooperation ist stattdessen identifikationsfrei unter eigenökonomische Vorteils­erwartungen gestellt. Man handelt letztlich selbst berechnend. Menschliche Wertschätzung kann dabei – mangels Abzählbarkeit – nicht wirklich zählen. Haben die Zahlen ein Unterneh­men erst im Griff, werden die dort beschäftigten Menschen seelisch und körperlich in Mitlei­denschaft gezogen.

In letzter Konsequenz einer ökonomischen Arithmetik muss man über die eigenen betriebli­chen Wertschöpfungsmöglichkeiten hinausgehen und zukunftsspekulative Entscheidungen z. B. im Bereich Mergers & Acquisitions treffen. Wo antizipativ auf die Zukunft mit Zahlen gewettet wird, gibt es zu jedem Gewinner immer auch die Reihe der Verlierer. Spekulations­gewinne, die über die reale Wertschöpfung hinausgehen, müssen durch Verluste anderer ge­genfinanziert werden. Und irgendwann hat man sich dann selbst unter die Zukunftsverlierer einzureihen …

Zahlen bzw. Zahlengefüge sind kein unternehmerischer Selbstzweck. Und dennoch können sie bei Entscheidungsträgern eine eigene Gläubigkeit gewinnen. Dabei ist konkreten Zahlen nichts Bleibendes abzugewinnen; per se sind sie immer defizitär: Es wäre ja auch noch mehr drin gewesen. Auf das Unendliche hin gibt es ja immer „Mehr“-Zahlen. „Mehr“-Zahlen in die Form des Geldes als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium (Luhmann) ge­bracht haben eine eigene Suggestionskraft – mit mehr Geld könne man sich mehr leisten, hätte ein höheres Vermögen mit mehr Wahlmöglichkeiten. Aber in einen zahlenwertigen Spekula­tionsökonomie, die auf ein quantifizierbares Vermögen aus ist, will ja das eigene Geld nicht konsumiert, also aufgebraucht sein, sondern weiter akkumuliert, also vermehrt werden.

Ist die prospektive „Mehr“-Zahl des Geldes die alles bestimmende Wirklichkeit, herrscht der schnöde Mammon. In seiner Auslegung zum ersten Gebot aus dem Großen Katechismus findet dazu Martin Luther die passenden Worte:

„Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles zur Genüge, wenn er Geld und Gut hat; er verläßt sich darauf und brüstet sich damit so steif und sicher, daß er auf nie­mand etwas gibt. Sieh, ein solcher hat auch einen Gott: der heißt Mammon, das heiß Geld und Gut; darauf setzt er sein ganzes Herz. Das ist ja auch der allgewöhnlichste Abgott auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich in Sicherheit, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und umgekehrt, wer keins hat, der zweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ja ganz wenig Leute finden, die guten Mutes sind und weder trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; das klebt und hängt der [menschlichen] Natur an bis in die Grube.“

Man verschreibt sich mit dem eigenen Leben einer hoffnungslosen Spekulation und wirkt damit auf den eigenen Tod hin. „Nichts haben wir in die Welt mitgebracht, so können wir auch nichts aus ihr mitnehmen.“ (1Timotheus 6,7) Zahlen für sich selbst behalten enthal­ten mir die Anteilnahme am Gemeingut sowie am Mitmenschlichen vor. Was ein Leben in seiner Fülle wirklich ausmacht, ist das Empfangen-Dürfen, das eben nicht zahlenwertig für sich selbst zu gewinnen ist. Im Bild der überfließenden Quelle, die in ihrer Fülle eben nicht auszuschöpfen ist, wird dies für uns vorstellbar. So schreibt der griechische Kirchenvater Gregor von Nyssa in seinen Homi­lien zum Hohenlied (In canticum canticorum) über die lebenserfüllende Gottesschau (visio Dei):

„Wenn du dich der Quelle genähert hast, staunst du über das unversiegliche Wasser, das unablässig aus ihr hervorsprudelt und fließt. Aber du könntest nicht sagen, du habest alles Wasser gesehen. Denn wie könntest du sehen, was noch im Schoß der Erde verborgen ist? Daher fängst du, wie lange du auch bei der Quelle bleiben magst, immer erst an, das Wasser zu sehen. Ebenso ist es, wenn jemand die unendliche Schönheit Gottes betrachtet. Sie wird stets neu entdeckt und wird immer als etwas Neues und Unbekanntes angesehen im Vergleich mit dem, was der Geist bereits begriffen hat. Und während Gott sich weiter offenbart, staunt der Mensch weiter; und sein Verlangen, mehr zu sehen, hört niemals auf, denn das, worauf er wartet, ist immer großartiger und göttlicher als alles, was er schon gesehen hat.“

Bergquelle 1

Die Gottesschau verspricht unzählige Erfüllung. Und doch werden wir im irdischen Wirt­schaften und Haushalten um Zahlen und damit um ein sachgerechtes Accounting nicht herum­kommen. Die Zahllosigkeit (anarithmon) kann nur eschatologisch, also endzeitlich erhofft werden, wenn „der Gott sei alles in allem“ (1Korinther 15,28). Für die Gegenwart gilt jedoch die ethische Herausforderung, die der Kirchenvater Augustin einst mit dem der antiken Güter­lehre abgewonnen Unterscheidung von Gebrauchen (uti) und Genießen (frui) gestellt hat.[1]

In seiner De doctrina christiana schreibt Augustin in Sachen Gebrauchs- und Genussdinge: „Genießen (frui) bedeutet nämlich, aus Liebe irgendeiner Sache um ihrer selbst willen anzu­hän­gen; gebrauchen (uti) aber bedeutet, alles, was sich für den Gebrauch anbietet, auf das Erlangen dessen zu beziehen, was du liebst — wenn es sich dabei überhaupt um eine Sache handelt, die geliebt werden soll.“ (I,4) Den so definierten Gliedern des Schemas zufolge sind die Dinge (res) entweder auf Genuss oder Gebrauch ausgerichtet. Allein die um ihrer selbst willen zu erstrebenden Genussgüter des „frui“ machen den Menschen dauerhaft glücklich. Alle anderen sind als vorläufige Gebrauchsdinge (res utendae) nichts als Mittel zum Zweck. So hat es ja der Apostel für die Gemeinde in Korinth vorgesehen: „Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, […] die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1Korinther 7,29-31)

Zahlenwerke dürfen uns nur als Gebrauchsdinge gelten. Damit sie nicht doch zum Selbst­zweck werden, braucht es eine Ethik der Zahlen. Diese führt nicht einfach abstrakte Gerech­tigkeitsdiskurse fort oder „lästert“ menschliche Geldgier. Vielmehr hat sie zu zeigen, wie man mit Zahlen in Wirtschaft, Staat und Privatleben so umzugehen ist, damit sie uns Menschen nicht fälsch­licherweise zu Heilsgütern werden. Eine solche Ethik muss erst noch geschrieben wer­den. Sie hätte einiges „Konservatives“ zu sagen in Sachen Sparen, Haushalten, Wachsen, Ver­lieren-Können, Prämieren, Belohnen, Freigebigkeit, Großzügigkeit, Spenden wie auch Stiften.

[1] Vgl. Henry Chadwick, Frui – uti, in: Cornelius Mayer (Hg.), Augustinus-Lexikon, Vol. 3 (2004), Sp. 70-75; bzw. Oliver O’Donovan, Usus and Fruitio in Augustine, De Doctrina Christiana I, JThS NF 33 (1982), S. 361-397.

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Gemeinsam auf dem Teppich bleiben – warum unser Glaube das „Wir“ braucht

15. Januar 2018

Jeder hat seinen eigenen Glauben – wie wahr, und doch nicht die letzte Wahrheit. Andernfalls könnte man sich die Gemeinschaft der Glaubenden und damit auch die Kirchengemeinde schenken. Wer den eigenen Glauben für sich behalten will, tut schwer daran, diesen Glauben sich selbst zu erhalten. Dem privaten Glauben fehlt nämlich die Resonanz – der Rückhalt im Glauben der anderen. Ein stummer Glaube ist die Ansammlung eigener Gedanken, die sich mit der Zeit von selbst erübrigen.

So wirbt der Apostel Paulus für das „Wir“ des Glaubens: „In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. In der Hingabe zögern wir nicht, im Geist brennen wir, dem Herrn dienen wir. In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest.“ (Römer 12,10-12 Zürcher Bibel) Im Glauben an Christus haben wir gemeinsam Hoffnung und sind im Gebet miteinander verbunden.

Um es mit einem Bild zu veranschaulichen: Mitgeteilter Glaube ist wie ein Faden, der in einen gemeinsamen Teppich eingewebt oder eingeknüpft worden ist. Da mag mein Glaube mir selbst nicht besonders fest erscheinen. Aber wenn ein (noch so) dünner Glaubensfaden im gemeinsamen Glaubensteppich anknüpft, bestärkt er den Glauben anderer und wird umgekehrt von deren Glauben aufrecht gehalten. So verdichtet und vergewissert sich unser Glaube in Gottesdiensten, im Gebet füreinander sowie in Gesprächen. Selbst Zweifel lässt sich in der Gemeinschaft des Glaubens heilsam zur Sprache bringen.

Das „Wir“ in der Kirche mag manchem vereinnahmend klingen. Wenn jedoch Worte und Blicke des Glaubens andere Menschen miteinbeziehen, werden diese damit nicht auf die eigene Seite gezogen. Der Glaubensteppich ist groß genug, dass in der Gemeinschaft auch gegenseitig Abstand gewahrt werden kann. Nur so kann ja der Teppich ein filigranes und farbenreiches Glaubensmuster erhalten.

In der Kirchengemeinde bleiben wir im Glauben an Jesus Christus gemeinsam auf dem Teppich. Schließlich hält sich unser Glaube nicht an einem fliegenden Teppich aus 1001 Nacht fest. „Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus“ heißt es beim Apostel Paulus (1Korinther 3,11). Unser Glaubensteppich mit all seiner Vielfalt gründet auf dem, was Jesus Christus mit seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung für unser Heil gewirkt hat. Und es ist der Heilige Geist, der uns über uns selbst hinaushebt und unserem Glauben Flügel verleiht – damit wir mit unserem Leben in der Gemeinschaft des dreieinen Gottes ankommen.

„Und Gott befahl im Traum …“ Wenn Träume nicht nur Schäume sind

8. Januar 2018

Jede Nacht ist bei uns Kopfkino angesagt. Die meisten Träume schaffen es nicht in unser Gedächtnis, aber manche Klarträume haben es dafür in sich. Gut, wenn wir eigene Träume beachten, können diese uns doch göttlich berühren. So heißt es im Buch Hiob: „Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett, da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende und von ihm die Hoffart tilge.“ (33,15-17) Wo im Schlaf das eigene Bewusstsein nicht länger in Kontrolle ist, treten mitunter unangenehme Wahrheiten an einen heran und veranlassen Lebensänderungen.

Dennoch bleibt die Frage, ob der jeweilige Traum nicht doch nur selbst erträumt worden ist. Schließlich heißt im Buch Jesus Sirach: „Wer sich auf Träume verlässt, der greift nach dem Schatten und will den Wind haschen. Das eine ist wie das andere: Träume sind wie Bilder im Spiegel. […] Träume haben viele Menschen betrogen, und gescheitert sind, die darauf hofften.“ (34,2-3.7]

Wir mögen auf Ermutigung für eigene Lebenspläne aus sein – Gott auf meiner Seite, der mir zusagt, dass ich es schaffen werde. Gerne reden wir von Lebensträumen, aber deren Verwirk­lichung kann unser Leben nicht dauerhaft erfüllen. Es gibt immer ein unerfülltes Danach. Wenn uns Gott im Traum etwas zu sagen hat, will er damit unser Leben zu ihm führen. So hat es einst Jakob in seinem Traum von der Himmelsleiter erfahren: „Hier ist die Haus Gottes und das Tor zum Himmel!“ (Gen 28,17)

Es hilft, wenn wir Träume in unser eigenes Gebet hineinnehmen. Ich vertraue Gott meinen Traum an, damit sein Licht auf das fällt, was mir der Traum aufgedeckt hat. So bitte ich Gott, mir zu sagen, was der Traum für mich zu bedeuten hat. Und schließlich sind eigene Träume immer wieder neu von der Heiligen Schrift her zu beurteilen, ob sie mit Gottes Wort zusammenstimmen. Mancher Traum im Leben verwelkt wie eine Blume, „aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jes 40,8)

Gebet für die eigenen Träume

7. Januar 2018

Jakobs Traum (Josepe de Ribera, 1639)

Himmlischer Vater,
Dein Wort steht über unseren Nachtträumen,
Dein Geist durchdringt unser Seelendunkel.
Dir vertrauen wir unsere Traumbilder an.

Zeige uns,
was Du von uns willst,
damit nicht eigenes Wunschdenken uns bestimmt.

Zeige uns,
wo Du uns haben willst,
damit wir uns nicht in Lebensträumen verlieren.

Zeige Dich mit Deiner Verheißung,
durch Jesus Christus,
Weg, Wahrheit, Leben.
Amen.

„Gottes Wort vertraut sich uns durch den Heiligen Geist an – das ist unser Glaube“ – Von Glaube, Prädestination, Heil und Verdammnis

1. Dezember 2017

Wie lässt sich der rechtfertigende Glaube an das Evangelium Jesu Christi verstehen? Gilt er als frei­willige Glaubensentscheidung, die Menschen sich selbst zuschreiben, wäre schlussend­lich das göttliche Werk der Versöhnung bzw. Erlösung in Jesus Christus vom menschlichen Werk des Glaubens abhängig, um wirklich zu sein. In Luthers Auslegung zum dritten Glaubensartikel aus dem Kleinen Katechismus heißt es hingegen:

„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuch­tet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben“.

Ich glaube, dass ich nicht glauben kann. Mit diesem Paradoxon wird menschlicher Heilsglaube als göttliches Werk bestimmt. Der Heilige Geist schafft durch das Evangelium den Heilsglauben. Damit ist keine menschliche Heilsentscheidung, sondern ein menschliches Heilsvertrauen angesprochen. Man könnte dabei sagen: Gottes Wort vertraut sich uns durch den Heiligen Geist an – das ist unser Glaube. Das Evangelium schafft das Vertrauen in die göttliche Gerechtigkeit zu unserem Heil.

Daran schließt sich unweigerlich die Frage nach dem freien Willen an. In dem maßgeblichen evangelischen Lehrbekenntnis, dem Augsburger Bekenntnis wird in Artikel 18 festgehalten:

„Vom freien Willen wird so gelehrt, daß der Mensch in gewissem Maße einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar zu leben und zu wählen unter den Dingen, die die Ver­nunft begreift. Aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geistes kann der Mensch Gott nicht gefallen, Gott nicht von Herzen fürchten oder an ihn glauben oder nicht die angeborenen, bösen Lüste aus dem Herzen werfen, sondern dies geschieht durch den Heiligen Geist, der durch Gottes Wort gegeben wird. Denn so spricht Paulus: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes“ (1. Kor 2,14).“

In zwischenmenschlichen Beziehungen haben Menschen von einem freien Willen auszu­gehen, so dass sie als verantwortlich Handelnde zu behandeln sind (und nicht als willenlose Marionetten). Bezüglich des Heils bei Gott kann es jedoch keine freien „Selbstbestimmungs­willen“ geben. Ist Heil nicht durch menschliche Entscheidung zu erhal­ten, sondern gottge­geben, müsste man von göttlicher Vorbestimmung (Prädestination) spre­chen. Der Gott hat uns durch das Evangelium Jesu Christi im geistwirkten Glauben zum Heil bestimmt. Auf diese Erwählung dürfen wir im Leben und im Sterben vertrauen – mit den Worten Paulus ge­sprochen:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbe­stimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ (Röm 8,28-30)

Reflektiert man – ganz menschlich – diese Vorbestimmung außerhalb der unbedingten Heils­zusagen des Evangeliums und damit außerhalb Gottes Wortes auf einen göttli­chen Willen, muss dieser Wille als willkürlich erscheinen. Denn ohne die Gegenwart von Gottes Wort können Menschen sich nur eine abstrakte Wahl vorstellen, als schwebe eine göttliche Hand über der Menschheit und würde nach eigenem Gutdünken Menschen für sich auswählen. Das „Gutsein“ der Erwählten wäre in der Wahrnehmung der Menschen kein moralischer Qualitäts­zustand (als „guter“ Mensch mit guten Werken), sondern wäre – als Vorherbestimmung des menschlichen Lebens zum ewigen Heil durch den irdischen Lebensweg hindurch – nichts anderes als eine Zufalls- oder Willkür­entscheidung Gottes: Die „beguteten“ Menschen sollen grundlos zum Heil bestimmt sein, die ande­ren jedoch nicht. In der Konsequenz dieser göttli­chen „Will­kürlichkeit“ würde sich das menschliche Vertrauen in Gott verlieren. Denn dieser würde ja in willkürlichen Auswahl den Menschen – ob erwählt oder verworfen – keine Ge­rechtigkeit erweisen. Hielt man sich als Christ dennoch an diesen Gott, bestünde für das eige­ne Gewissen eine unüber­windbare (Prädestinations-)Anfechtung.

Aus dieser reflexiven Aporie (Ausweglosigkeit) führt nur ein Weg heraus: Christen haben den Gott beim Wort zu nehmen. In seinem Wort – dem Evangelium Jesu Christi – zeigt sich seine heilschaffende Gerechtigkeit (vgl. Röm 1,16f), nicht aber in einem unerforschlichen göttli­chen Willen bzw. Ratschluss (vgl. Röm 9,11-23). Die Heilszusage in Jesus Christus ist nicht auf einen gött­lichen Willen (oder Unwillen) spekulativ zu hinterfragen. Die Heilszusage kann nicht auf eine wortlose Heilsbestimmung hintergangen werden. Durch ein Hinter­fragen wird vielmehr dem eigenen Misstrauen Vorschub geleistet. Um es mit einer zwischenmensch­lichen Beziehung zu verglei­chen: Wo Worte, bei­spielsweise Liebeserklärungen, auf den „wirkli­chen“ Willen hinterfragt werden („Liebst du mich wirklich?“), können diese Worte nicht län­ger Vertrauen schaffen oder behalten.

Jenseits des Vertrauens in die Zusage der göttlichen Gerechtigkeit in Jesus Christus gibt es für Christen keine Heilsgewissheit. Umgekehrt können Christen anderen Menschen das Heil in Jesus Christus nur zu- aber nicht absprechen, heißt es doch bei Paulus im Römerbrief: „Worin du den andern richtest, ver­dammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.“ (Röm 2,1; vgl. Mt 7,2; bzw. 1Kor 4,5).

Das christliche Zeugnis kann in der Verdammung von anderen keine Geltung finden, sondern allein im Evangelium. Da lässt sich einem Glaubensfremden gegenüber durchaus bezeugen: Außerhalb des Gotteswortes wie auch außerhalb des Glaubens an Jesus Christus sehe ich weder für mich noch für dich Erlösung von den Sünden bzw. Rettung im Jüngsten Gericht. Deshalb ist es für Christen unbedingt geboten, dass ihnen Gottes Wort immer wieder neu als Zusage gegenwärtig ist und dass sie anderen gegenüber dieses Heilswort auf den rechtfertigenden Glauben hin bezeugen.

Hier mein Text als pdf.