Archive for the ‘Eigene Texte’ Category

Gastfrei zu sein vergesst nicht

22. Juni 2017

IRA Patrol in Belfast vor dem Good-Friday-Agreement 1998

Da stand er vor mir im blauen Adidas-Trainingsanzug mit den schnürlosen Adidas-Schuhen und bot mir die Stirn. Die Nacht ist er hindurch gelaufen – kein Geld mehr für eine Unter­kunft. Das zukünftige Fluggepäck ist im Schließfach am Ulmer Bahnhof verstaut. In Senden hatte er frühmorgens das evangelische Gemeindehaus gesehen, fand jedoch nicht das Pfarr­haus. Und als er schließlich in Vöhringen wohl um 8 Uhr beim katholischen Pfarrhaus ankam, war mein Kollege im Gehen begriffen. Und der englischsprechende Kaplan war schon im Unterricht. Auf die Frage nach dem Presbyterian minister wurde er an den lutherischen Pfarrer verwiesen. So klingelte er dann um 8.40 Uhr bei uns.

Er wollte sich mir gegenüber erklären – eine längere Geschichte. Ich lud ihn ins Amtszimmer ein, selbst frühstückshungrig. Sein English ließ mich auf Schottland schließen. Ja, er habe da für wenige Jahre dort gelebt, mit Frau und Tochter, aber er komme aus Belfast, sei seit neun Tagen in Deutschland – auf der Flucht.

45 Jahre alt, der Vater auch schon bei der Provisional IRA, getötet, wohl andere Familien­glieder auch, die Schwester und die Mutter leben noch. Er selbst war (wohl wegen Tötungs­delikten) Jahre in britischen Gefängnissen und ist nach dem Good-Friday-Agreement freige­kommen, habe damals der Gewalt abgeschworen. Wie er den Lebensunterhalt sich verdient habe und auch das Haus für Frau und Kind, ist für mich nachvollziehbar. Anders hingegen die vielfältigen Einnahmequellen der IRA aus Spielhöllen, Zigarettenschmuggel und Schutzgeld­abgaben, die wohl immer noch in Nordirland praktiziert werden. Ob er Mitglied der Real bzw. NEW IRA ist, weiß ich nicht. Aber der Drogenkrieg in Belfast hat ihn mitgenommen. Bei der alten Provisional IRA haben die Rekruten Drogen und Alkohol abschwören müssen. Er halte sich daran. Und das Päckchen mit dem Zigarettentabak, das er später auf dem Fußweg zum Bahnhof öffnete, habe noch den Rest von neun Tagen Deutschland drin.

Die ganze Nacht durchgelaufen, in Senden ein Schinkenbrötchen gegessen mit Kaffee, er vermisst den britischen Tee. In seiner Stimme die Unruhe der Flucht. Er hat wohl der Polizei anonym Informationen über Drogendealer geliefert, war selbst Augenzeugen diverser Hin­richtungen, zuletzt habe man ihm eine Beutel mit einem sechsstelligen Pfundbetrag als Schweigegeld angeboten, den er abgelehnt hätte.

Gary N. zeigt mir zur Beglaubigung seine Barclay-Kreditkarten, er sei kein Bettler, sondern nur kurzfristig nicht länger liquide. Dann ein Stapel von Übernachtungsbelegen in deutschen Gästehäusern und Hotels. Er hat schon angefangen, Deutsch zu lernen. Für neun Tage hört es sich gut an. Über Kronenberg ist er angekommen und will weiter nach Neuseeland. Frau und Tochter seien da schon. Das Haus und das Auto seien schon verkauft. Er sei noch zurückge­blieben, um den Verkauf noch abzuwickeln.

Vor drei Monate habe er seine elfjährige Tochter zur Schule gefahren, als jemand mit der AK 47 auf ihn geschossen habe. Das war nicht das erste Mal in seinem Leben. Im Straßenkrieg der achtziger und neunziger Jahre waren Schussverletzungen gang und gäbe. Die erste Schussverletzung am Knie habe er mit 14 abbekommen und er zieht dazu das entsprechende Hosenbein hoch. Aber dass jetzt offensichtlich auch das eigene Kind gefährdet sei – bei anderen, die im Drogenkrieg nicht (länger) mitspielen, wurden auch schon Familienange­hörige hingerichtet. Es ist nicht die Angst vor dem eigenen Tod, sondern die Sorge um die Familie, die ihn fliehen lässt. Er selbst zählt sich zu der Generation in Belfast, die sich im Nachhinein darüber gewundert hat, überhaupt 25 Jahr alt zu werden.

Der Bandenkrieg zwischen der Kinahan- und der Hutch-Gang sei in den letzten Monaten eskaliert. Der junge Kinahan stehe nun vor Gericht. Mögliche Zeugen gegen ihn werden eliminiert. Dann gehen wir am Computer ins Internet und lesen die Online-Ausgaben der Irish Times bzw. der Sunday World unter der Rubrik „crime desk“. Wir scrollen durch. Wo die Bilder von unten her auftauchen, nennt Gary schon die Namen der Ermordeten und sein Verhältnis zu ihnen. Der Eindruck verfestigt sich – mexikanische Verhältnisse in Irland. Es geht um Kokain. Und Gary scheint als nächstes Opfer ausersehen zu sein, wurde vorgewarnt. So hat er die Fähre und den Bus nach London genommen und ist weiter auf den Kontinent, um am nächsten Freitag hoffentlich nach der fälligen Geldtransaktion den Flug nach Neusee­land über Singapur unter Dach und Fach zu kriegen. Zwischenzeitlich hält er Kontakt mit der Familie über Skype. Offensichtlich hat er einen Kontaktmenschen bei den Verfolgern, der ihn über deren nächsten Schritte auf dem Laufenden hält.

Ich stelle Gary Frau und Kind vor. Bei Yana leuchten seine Augen. Wer seiner Tochter etwas antäte, müsste wohl eine entsprechende Vergeltung befürchten. Dass Gary bei mir auftauchte, hängt ja mit seinem Glauben zusammen, gut katholisch und äußerst kirchenkritisch, hat etwas dagegen, wie Kirche sich das Geld nimmt. Gnadenlos legt er den Maßstab des Evangeliums an die Lebensform des Klerus und der Pfarrer an. Seine Bibelkenntnisse überzeugen, sein Allgemeinwissen überrascht mich (die Ansätze einer Verschwörungstheorie im Hinblick auf den 11. September kommen ganz zum Schluss und sind verglichen mit den übrigen Einschät­zungen der Weltsituation eher rudimentär). Er weiß, dass man als Christ gastfreundlich zu sein hat, heißt es doch im Brief an die Hebräer im 13. Kapitel: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Wer als katholischer Pfarrer ihn vor der Haustüre abfertigen will, wie kann dieser sich sicher sein, dass er damit nicht einen Gottesboten weggeschickt hat? Recht hat er als fluchtbedürftiger Nichtbettler. Auch wenn sein Belfaster Englisch mit aller nachtlosen Unruhe sich für mich viel zu schnell anhört und geläufige Worte nachgefragt werden müssen, wer seine ganze Geschichte anhört, kann ja nicht anders als ihm helfen.

Gary, der große Moralist, weiß darum, wie sich der Bürgerkrieg in Nordirland in einen Drogenkrieg verwandelt hat. Und offensichtlich verletzt es sein Gerechtigkeitsempfinden, wie alte Kämpfer nun ihr Auskommen im Drogengeschäft und in der Schutzgelderpressung suchen. Die eingeschworene Abstinenz der Kämpfer ist dem Geschäftssinn gewichen. Und den Jungen macht man mit Bentleys vor, was es im Leben (mit der Waffe) zu erreichen gilt, auch wenn sie wohl als Auftragskiller nur Kanonenfutter sind. Eingeschworene Loyalitäten zählen nicht. Und auch die Real IRA, die sich dem Krieg gegen die Drogen verschrieben hat, kassiert ab. Wie Gary mir rechthaberisch die Stirn bietet, ahne ich, um welch verlorenen Kampf es in Nordirland geht. Die Rettung für ihn ist Neuseeland. Noch einmal neu anfangen dürfen. Er muss die nächsten Tage in Europa überleben, das Geld aus dem Hausverkauf kriegen. Und dann nichts wie weg.

Ich bringe ihn zum Bahnhof, zahle ihm das Ticket nach Frankfurt und leihe ihm noch 200 Euro für die fehlenden zwei Übernachtungen. Wir umarmen uns. Ungesegnet geht er, wissend um das Jüngste Gericht. Dass alles am Ende nur gut ausgehen kann, das glaube er nicht. Einen Weichmacher-Jesus mag er nicht und billige Gnade ist nicht seine Sache. Da hat er wohl schon zu viel gesehen und zu viel getan, als dass es für uns alle ein Happy End geben kann.

„Ich gelobe vor Gott, das Amt im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen“. Über das verunglückte EKD-Ordinationsgelöbnis

17. Juni 2017

Verunglückt ist das schriftliche „Ordinationsgelöbnis“, das seit 2011 in der EKD gültig ist. Es lautet: „Ich gelobe vor Gott, das Amt der öffentlichen Wortver­kündigung und Sakramentsverwaltung im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis meiner Kirche bezeugt ist, rein zu lehren, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, meinen Dienst nach den Ordnungen meiner Kirche auszuüben, das Beichtge­heimnis und die seelsorgliche Schweigepflicht zu wahren und mich in meiner Amts- und Lebensführung so zu verhalten, dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträch­tigt wird“. (§ 4 Abs. 4 Pfarrdienstgesetz der EKD vom 10. November 2010)

„Ich gelobe vor Gott, das Amt […] im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen“. Vor Gott dem dreieinigen Gott gehorsam sein – theologisch ist damit ungewollt eine göttliche Quaternität ausgesprochen. Außerdem beißt sich der Pleonasmus „im Gehorsam in Treue“ semantisch, kann es doch keinen treulosen Gehorsam geben.

Das Grundproblem besteht darin, dass sich der Text dieses „Gelöb­nis­ses“ an politischen Treueidformeln orientiert. Bei ihnen wird Gott als Zeuge und „Eidwäch­ter“ für den zugesagten Gehorsam an­gerufen, so dass Ungehorsam als Eidbruch ein sakrales Vergehen gegen Gott darstellt. Aber genau darauf wird in der evangelischen Kirche seit der Reformation verzichtet – die Vereidigung ihrer Amtsträger, im Unterschied zur römisch-katholischen Kirche, wo Kleriker einen kirchlichen Treueid zu leisten haben (vgl. Georg Gänswein, Treueid I. Kath, LKStKR 3, 706-708). Mit gutem Grund will man in der evangelischen Kirche nur „zwischenmenschliche“ Verspre­chen und Gelöbnisse abnehmen.

Die pleonastische Wortwahl des „Gelöbnisses“ sucht eine Sakralität zu beschwören, die in der Schriftform nicht angebracht ist. Sie zielt auf orale Performanz coram publico, ähnlich wie bei öffentlichen Rekrutengelöbnissen. Dabei handelt es sich in Wirklich­keit nur um eine schriftliche Bereitschaftserklärung als Vorbedingung zur eigenen Ordination, die dokumentarisch zu den Personalakten genommen wird. In dieser Hinsicht war der Text der alten ELKB-Bereitschaftserklärung stimmig: „Ich bin bereit, das Amt, das mir anvertraut wird, nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, das Beicht­geheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht.“ [Text nach Artikel 6 a Kirchengesetz zur Regelung des Dienstes der Pfarrer und Pfarrerinnen in der Vereinigten Evangelisch-Luthe­rischen Kirche Deutschlands vom 17. Oktober 1995 mit den Anwendungsbestim­mungen für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern vom 4. Dezember 1996]

Was für die Ordination wirklich zählt, ist das „Ja-Wort“ der Ordinandin zum Ordinationsvorhalt (uniert) bzw. auf die Ordina­tionsfragen (lutherisch) im öffentlichen Ordinationsgottesdienst. So heißt es beispielsweise im kurzen Vorhalt [Berufung-Einführung-Verabschiedung, Agende 6 für die UEK bzw. Agende IV, Teilband 1 der VELKD, Bielefeld 2012, Seite 44]:

„Liebe Schwester / Lieber Bruder N.N.,
in diesen Worten / den Worten der Heiligen Schrift hast du gehört, was uns im Hirtenamt und Dienst der Verkündigung aufgetragen ist.
Du sollst das Evangelium von Jesus Christus verkündigen, wie es in der Heiligen
Schrift gegeben
[in den Gliedkirchen der VELKD:] und im Bekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist.
[in den Gliedkirchen der UEK:] und in den Bekenntnissen unserer Kirche bezeugt ist.
Du sollst der Gemeinde mit Taufe und Abendmahl dienen, wie sie Jesus Christus eingesetzt hat.
Du sollst das Beichtgeheimnis und die seelsorgliche Verschwiegenheit wahren.
Dein Amt sollst du in Verantwortung und Treue ausüben und dich in allem so verhalten,
dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträchtigt wird [im Entwurf von 2009 hieß es noch „wie es deinem Auftrag entspricht“, was die Verbindung von leiturgia und ethos positiv zur Sprache bringt].
Du stehst in der Gemeinschaft aller Mitarbeitenden der Kirche und wirst in deinem
Dienst von der Fürbitte der Gemeinde begleitet.
Vertraue darauf, dass Gottes Verheißung dich trägt und sein Heiliger Geist dir beisteht.

So frage ich dich: N.N., bist du bereit, dieses Amt zu übernehmen, so bezeuge es vor
Gott und dieser Gemeinde mit deinem Ja.
Ordinand / Ordinandin: Ja, mit Gottes Hilfe.
oder
Ordinand / Ordinandin: Ja, dazu helfe mir Gott durch Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes.“

Deutlich wird, dass in der agendarischen Ordination weder eine Vereidigung vorgenommen noch ein religiöses Gelöbnis ausgesprochen wird. Stattdessen erklärt bzw. bezeugt der Ordinand öffentlich seine Bereitschaft, das Amt der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung regelgerecht wahrzunehmen. So hat ja auch Luther es im Wittenberger Ordinationsformular als Ordinationsfrage bzw. Ordinandenantwort kurz und bündig folgende Worte vorgesehen: „Seit ir nu willig vnd bereit solch ampt anzunemen vnd treulich zu vben, so wollen wir aus beuelh [Befehl] der kirchen durch vnser ampt euch ordiniren vnd bestetigen, wie S. Paul zum Tito vnd Timotheo gebeut [befohlen hat], das wir sollen in den steten priester setzen vnd das wort beuelhen [anbefehlen] denen, so tuchtig sind auch andere zu leren. – Respondeant: volumus.“ (WA 38, S. 428, Z. 22-37)

„Das gesprochene Wort zählt“ (vgl. 1Tim 6,12). Besser wäre es, auf ein schrift­liches „Vorabordinationsgelöbnis“ zu verzichten und statt­dessen im Anschluss an die Ordinationshand­lung ein vorgefertigtes Ordinationsprotokoll von der Ordinatorin, von der Ordinierten sowie von den Assistenten unterzeichnen zu lassen. Mit ihm wäre die eingegangene Regelverpflichtung der nunmehr Ordinierten schriftlich dokumen­tiert. Es würde zu den landeskirchlichen Akten genommen, nachdem der Ordinierten die Ordinationsurkunde ausgehändigt worden ist.

Hier mein Text als pdf.

Pharao Necho und die Geldbuße – wie in der Lutherbibel 2017 militärische Gewaltherrschaft schöngeredet wird

16. Juni 2017

Eines der eher verunglückten Wörter des christlichen Wortschatzes ist im Deutschen das Verb „büßen“ (bzw. die „Buße“). „Das sollst Du mir büßen“ heißt es, wenn man dem anderen Vergeltung androht. Dass das Wort „Buße“ bei uns einen schlechten Klang hat, verdankt sich dem kirchlichen Bußverfahren des Mittelalters, bei dem es die in Bußbüchern (libri poenitentiales) tariflich festgelegten Bußstrafen zur eigenen Besserung abzuleisten galt. Etymologisch betrachtet kommt „büßen“ nämlich von „bessern“. Eine Geldbuße ist also weder vergeltende Bestrafung noch Schadenskompensation, sondern soll sich als „Besserungsleistung“ auf das moralische Verhalten des „Pönitenten“ auswirken. Nachdem man selbst den Strafzettel erhalten hat, sagt man sich: „Das nächste Mal parke ich nicht im Parkverbot.“

Interessanterweise taucht ein besserungssträfliches „Büßen“ erst in der revidierten Lutherbibel von 1964 auf. Auch in der Lutherbibel 2017 finde es sich an drei Stellen: In Sprüche 13,13 heißt es noch immer: „Wer das Wort verachtet, muss dafür büßen“, obwohl das hebräische chabal nichts mit „büßen“ im Sinne einer Besserungsstrafe zu tun hat und Luther 1545 „WEr das wort veracht / Der verderbet sich selbs“ sachlich richtig liegt (Zürcher: „Wer das Wort verachtet, erleidet Schaden“). Ähnlich steht in Sprüche 30,10 mit Luther 1964 noch immer „Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst“ (Luther 1545 „Verrate den Knecht nicht gegen seinem Herrn / Er möcht dir fluchen / vnd du die schuld tragen müssest“), sowie in Sirach 23,24 [34] „Eine solche Frau wird man der Gemeinde vorführen, und ihre Kinder müssen’s büßen.“ (Luther 1545 „Diese wird man aus der Gemeine werffen / vnd jre Kinder müssen jr entgelten.“)

Besonders fragwürdig ist jedoch die Rede von „Geldbuße“ in der Lutherbibel 2017. So legt in 2Kön 23,33 bzw. 2Chr 36,3 der Pharao Necho (610 bis 595 v. Chr.) dem Land Juda eine „Geldbuße“ von 100 Zentnern Silber und einem Zentner Gold auf. Das klingt so, als wäre der Pharao im Auftrag der kommunalen Verkehrsüberwachung tätig gewesen. In Wirklichkeit hatte Necho den neuen, vom Volk gewählten judäischen König Joahas im Herbst 609 v. Chr. in seinem Hauptquartier in Ribla am Oberlauf des Orontes überführen lassen, ihn dort als König abgesetzt und nach Ägypten deportiert. An seiner Stelle setzte Necho Eljakim, einen anderen Sohn Joschijas, als judäischen König (von Ägyptens Gnaden) ein und änderte dessen Name in Jojakim. Fremdmilitärisch erzwungene Abgaben als „Geldbuße“ und damit als moralische „Besserungsmaßnahme“ zu verkaufen ist ein Unding. Luther 1545 weiß es besser, wenn das hebräische ʽonäsch mit „Schatzung“ (vgl. „Brandschatzung“) im Sinne einer gewaltsam erzwungenen Tributzahlung (vgl. Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18. Auflage 2013, 994) übersetzt wird. Ebenso ist in Esra 7,26 von einer „Geldbuße“ (Luther 1545: „Busse am gut“) die Rede, wo besser „Geldstrafe“ zu übersetzen wäre.

„Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter“ – Predigt über 2. Samuel 22 (bzw. Psalm 18)

28. Mai 2017

Alex Honnold auf dem „Thank God Ledge“

In den USA ist ein Bild aus dem Dokumentarfilm „Alone on the Wall“ von 2009 zur Ikone geworden. Es zeigt den damals 23jährigen Alex Honnold mit dem Rücken zur Felswand auf dem sogenannten „Thank God Ledge“ 45 Meter unterhalb des Gipfels des Half Dome im Yosemite National­park in Kalifornien. Unter ihm liegt die senkrechte, 600 m hohe Nordwestwand aus Granit, die Honnold als erster Kletterer free solo, das heißt im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel in weniger als drei Stunden durchklettert hatte.

Klettern in der Perfektion Honnolds scheint ein wahres Kunstwerk zu sein. Eigenhändig wird im Fels der nächste Griff erreicht, der einen weiter nach oben bringt – Zug um Zug, Schritt für Schritt. Vorsichtig koordinierte Körperbewegungen fügen sich als eingeübte Route zum Gipfel hin zusammen. Die Felswand lässt sich nicht bezwingen oder in den Griff kriegen; man muss vielmehr den eigenen Halt an ihr finden, darauf vertrauen, dass die Wand einen trägt. Der Kletterer lässt sich mit seinem Leben an einem bloßen Felsen festmachen. Darin zeigt sich sein Glaube.

Passend dazu finden sich im 2. Buch Samuel im 22. Kapitel Worte aus dem Munde Davids:

Der HERR ist mein Fels,
meine Festung und mein Erretter,
mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.
Er ist mein Schild, mein starker Helfer,
meine Burg auf unbezwingbarer Höhe.

Er streckte mir seine Hand von oben entgegen
und riss mich aus den tosenden Fluten.
Der HERR gab mir sicheren Halt
und führte mich aus der Not hinaus in die Freiheit.
Er rettete mich. So viel bedeute ich ihm!

Der HERR tat mir Gutes für meine Treue,
meine Rechtschaffenheit hat er belohnt.
Denn stets bin ich dem HERRN gefolgt
und habe meinem Gott nie den Rücken gekehrt.

Der HERR allein ist Gott!
Wer außer ihm ist so stark und unerschütterlich wie ein Fels?
Gott allein ist meine Burg, in der ich Zuflucht finde.
Er ebnet mir meinen Weg.
Er beflügelt meine Schritte,
lässt mich laufen und springen wie ein Hirsch.
Selbst auf steilen Felsen gibt er mir festen Halt.

Der HERR lebt!
Er ist mein schützender Fels – ich preise ihn!
Ihn allein will ich rühmen,
denn er ist mein Gott, mein Fels,
bei dem ich Rettung fand.

Felsenfest steht der Gott für unser Leben ein. Wo Dinge und Beziehungen im Verlauf der Zeit sich ändern, gar vergehen, zeigt ER sich Menschen unveränderlich standhaft. „Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter, mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.

Die Einladung gilt auch uns: Geh mit deinem Leben auf diesen Felsen zu, lass dich mit dem eigenen Leben an ihm festmachen, glaube ihm. Mitunter halten wir Distanz zu Gott, betrachten ihn in der Ferne wie einen majestätischen Berggipfel im Abendrot. Zur hart scheint er unseren Lebensansprüchen zu sein. Weich, anschmiegsam soll er sein, mein Gott für mich, Seelentröster zum Umarmen – der liebe Gott, der nicht wirklich mein Leben bergen und tragen kann.

Alex Honnold beim Rissklettern

Alex Honnold beim Rissklettern

Er ist mein Gott, mein Fels, bei dem ich Rettung fand.“ Um dieser Zusage glauben zu können, braucht es eine menschliche Lebensspur in göttlichen Fels. Einer muss uns vorausgegangen sein – einer, der sich als Mensch ganz und gar auf diesen Fels eingelassen hat, der mit seinem Leben und Sterben uns diesen Fels zu unserem Heil erschlossen hat: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist in der Felsgrotte zu Bethlehem für uns Mensch geworden, hat wider unsere Gottesfremde sich auf dem Kreuzfelsen von Golgota hingegeben, wurde im Felsengrab in den Tod eingeschlossen und ist am dritten Tag auferstanden. So hat er uns den Lebensweg im göttlichen Felsen erschlossen: Aus hartem Fels quillt Liebe uns entgegen, aus Granitgestein blüht uns ewiges Leben. Im Glauben an ihn folgen unsere Hände diesem Felsriss, finden ihren festen Halt, der uns schlussendlich von uns selbst erlöst.

Hier der Text als pdf.

Wie Tautropfen auf einem Spinnennetz – Vom Segen des Betens oder was das Gebet uns schenkt

22. Mai 2017

Betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“ (1Thessalonicher 5,17f)

Beten legt Sprachfäden um das eigene Leben. Wie Tautropfen auf einem Spinnennetz schlägt sich göttliche Güte an den eigenen Gebetsworten nieder. So setzt sich im Gebet das eigene Leben in Beziehung zum lebendigen Gott – was er für mich schon alles getan hat und was er in Jesus Christus für mich vorgesehen hat. Die Dinge um mich herum, für die ich ihm danke, sind nicht länger selbstverständlich – und damit hoffnungslos. Kleinig­keiten des Alltags zeigen sich mir als gottgegeben und werden damit großartig.

Im Gebet gewinnt mein Leben an göttlicher Transparenz. Was mir selbst unklar scheint, darf ich dem himmlischen Vater anvertrauen – „dein Wille geschehe“. Mein Leben wird täglich neu im Gebet gefasst – mit dem, was ich vermisse, mit dem, was mich freut, mit dem, was mich schmerzt, mit dem, was gelungen ist, mit dem, was mich sorgt. Und am Ende scheint sein Wille durch – in Jesus Christus, auch im Dunkeln der Nacht.

In Christus wird der Tod durchschaut – Vom Glauben als Linse

28. April 2017

Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergäng­liches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2Timotheus 1,10)

„Ich werde sterben.“ Da fällt dieser todesschwere Satz. Am Ende des eigenen Lebens hat der Verstorbene ihn sich selbst abgerungen. Wo eigene Lebens­energie mit Krankheitsgeduld zusammenwirken, vermag man dem Tod nicht einfach Glauben schenken. „Ja glaubst du, ich sterbe …“ Im Leben nimmt man so vieles zur Kennt­nis, aber wer kann und will sich in den eigenen Tod hineinbegeben. Wir möchten dem Tod keinen Glauben schenken, obwohl seine Wahrheit schlussendlich auf uns selbst zutrifft.

Zu Lebzeiten den Tod durchschauen – das ist für uns Karfreitags- und Osterbotschaft zugleich. Wer den Tod durchschaut, muss nicht um sein eigenes Leben fürch­ten. Einmal durchschaut vermag der Tod auf unsere eigene Seele keinen Angstschatten zu werfen. Doch dazu bedarf es einer besonderen Linse – nämlich der wörtliche Glaube, der tief blicken lässt.

Am Karfreitag fokussiert diese Linse unseren Blick auf das Kreuz von Golgatha. Dort sind wir in Jesu Tod hineingenommen, werden dabei selbst als Sünder entlarvt. Um unseretwillen ist sein Leben am Kreuz entstellt. Der Gottessohn hat sich für uns hingegeben – tödliche Wahrheit, die uns leben lässt.

Dann der Ostermorgen, der Blick in das leere Grab. Der Leichnam Jesu scheint verschwunden, aber das ist nicht die Wahrheit. Der Tote, dieser eine Tote ist vom Tod auferstanden – wider den Tod. Das Dunkel des Grabes hat sich gelichtet. In Christus wird der Tod auf das ewige Leben beim dreieinigen Gott durchschaut.

Kirche als Mutter des Glaubens

20. April 2017

Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle am 10. Dezember 1520 am Elstertor in Wittenberg (Gemälde von Paul Thumann, 1872-73)

Ob Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat, ist mehr als fragwürdig. Was er jedoch am 10. Dezember 1520 eigen­händig im Kreise seiner Studenten vor dem Wittenberger Elstertor getan hat­te, davon schrieb er an seinen Mentor Johann von Staupitz: „Ich habe des Papstes Bücher und die Bulle ver­brannt, zuerst zitternd und betend, aber jetzt freue ich mich darüber mehr als über irgendeine andere Tat meines ganzen Lebens, denn sie sind noch giftiger, als ich glaubte.“ Unter Beru­fung auf das Evangelium hatte Luther mit der Papstkirche in drastischer Wei­se gebrochen, indem er – der ver­meintliche Ketzer – umgekehrt Papst Leo X. exkommunizierte, ihn also ei­genmächtig aus der Kirche Jesu Chris­ti ausschloss.

Die Reformation hat zur Infragestel­lung überkommener kirchlicher Ord­nungen sowie zur Lossagung von der kirchlichen Hierarchie geführt. Die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben an Jesus Christus schließt aus, dass den Gläubigen Kirchengebote aufer­legt werden können, um damit Gnade vor Gott zu verdienen. So heißt es in Artikel 15 des maß­geblichen Augsburger Bekennt­nisses: „Darüber hinaus wird ge­lehrt, dass alle Satzungen und Traditionen, die von Menschen zu dem Zweck gemacht worden sind, dass man dadurch Gott versöhne und Gnade verdiene, dem Evan­gelium und der Lehre vom Glau­ben an Christus widersprechen. Des­halb sind Klostergelübde und andere Traditionen über Fastenspeisen, Fast­tage usw., durch die man Gnade zu verdienen und für die Sünde Genugtu­ung zu leisten meint, nutzlos und ge­gen das Evangelium.“

Aber braucht es dann überhaupt Kir­che? Kann man nicht auch ohne Kir­che ein guter Christ sein? Da scheiden sich nun die Geister. Schließlich lehrt Martin Luther im Großen Katechismus, dass der Heilige Geist „uns zuerst in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch wel­che er uns predigt und zu Christus bringt. Denn weder du noch ich könn­ten jemals etwas von Christus wissen oder an ihn glauben und ihn zum Herrn bekommen, wenn es uns nicht vom Heiligen Geist durch die Predigt des Evangeliums angeboten und in den Busen geschenkt würde.“ Der Heilige Geist hat „eine besondere Gemeinde in der Welt, die die Mutter ist, die einen jeden Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes.“ Nach Luther kann also kein Mensch außerhalb der Kirche zu Jesus Christus kommen.

Luther predigt über den Gekreuzigten (Lucas Cranach d.J., Predella des Hochalters in der Wittenberger Stadtkirche, 1547)

Aber was meint Luther denn mit Kir­che? Zunächst einmal spricht er von einer „christlichen Gemeinde oder Versammlung“, die sich dort zusam­menfindet, wo das Evangelium von Jesus Christus gepredigt wird. Kirche ist weder ein Gebäude noch eine An­stalt, sondern Gemeinschaft mit Jesus Christus. So spricht Luther seinen Glauben an die eine heilige christliche Kirche aus:

„Ich glaube, dass es ein heiliges Häuf­lein und eine heilige Gemeinde auf Erden gibt, aus lauter Heiligen unter einem Haupt, Christus, durch den Hei­ligen Geist zusammen­berufen, in ei­nem Glauben, Sinn und Verständnis; mit mancherlei Gaben, jedoch ein­trächtig in der Liebe, ohne Rotten und Spaltung. Von dieser Gemeinde bin ich auch ein Stück und Glied, aller Güter, die sie hat, bin ich teilhaftig und Mitge­nosse. Durch den Heiligen Geist bin ich in sie gebracht und ihr einverleibt dadurch, dass ich Gottes Wort gehört habe und immer noch höre; damit nämlich muss es anfangen, wenn man hineinkommen will.“

Glaube ist nicht einfach religiöses Selbstbewusstsein, sondern Vertrauen in Jesus Christus. Damit sich dieses Vertrauen findet, muss Gottes Wort immer wieder neu in der Gemeinde zugesprochen und im Abendmahl mit unserem Leben leiblich verbunden werden. So gilt also die Kirche als Mutter unseres Glaubens.

„Nimm und trink vom Kelch des Heils“ – Christus in der Kelter (eine Karfreitagspredigt)

14. April 2017

Meester van het Martyrium der Tienduizend – Christus in de wijnpers (Kupferstich handkoloriert, 1463-1467, Rijksmuseum Amsterdam)

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.“ (Johannes 19,33f)

Als es mit dem Leiden Jesu am Kreuz von Golgota sein Ende hatte, fließt Blut – sein Blut. Die Frage stellt sich: Ist Jesus Christus damit zu einem Todesopfer geworden, dessen Blut unschuldig vergossen worden ist? Schnell redet man bei Unfällen oder Gewalttaten von Todesopfern, als wären die Getöteten dem Tod geopfert worden.

Wenn wir an Karfreitag den Kreuzestod Christi in den Blick nehmen, gedenken wir keinem passiven Todesopfer (im Sinne eines victim), sondern unseres Erlösers. In der christlichen Passionsmystik findet sich dazu die bildliche Darstellung „Christus in der Kelter“. Sie nimmt Bezug auf Jesaja 63,3: „Ich trat die Kelter allein (torcular calcavi solus)“. Beim Propheten steht diese Aussage für die vernichtende Handlung im göttlichen Endgericht über die Völker, wenn es heißt:

Wer ist der, der von Edom kommt,
mit rötlichen Kleidern von Bozra,
der so geschmückt ist in seinen Kleidern
und einherschreitet in seiner großen Kraft?
»Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet,
und bin mächtig zu helfen.«
Warum ist denn dein Gewand so rotfarben,
sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?
»Ich trat die Kelter allein,
und niemand unter den Völkern war mit mir.
Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn
und zertreten in meinem Grimm.
Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt,
und ich habe mein ganzes Gewand besudelt.
Denn ich hatte einen Tag der Rache mir vorgenommen;
das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.
Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer,
und ich war bestürzt, dass niemand mir beistand.
Da musste mein Arm mir helfen,
und mein Zorn stand mir bei.
Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn
und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm
und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«

(Jesaja 63,1-6)

Mit diesen prophetischen Worten ist ein grausames Strafgericht über die Sünde der Völker angesagt, bei dem der HERR menschliches Leben wie die Trauben in einer Kelter zertritt und deren Blut in den Ackerboden fließen lässt. Dass die Passionsmystik nun Christus in der Kelter auftreten lässt, verdankt sich einer technischen Innovation. Ursprünglich wurden Weintrauben in der Kelter (von lateinisch calcatorium, deutsch Fußtretung) ausgepresst, indem die Maische mit den Füßen zerstampft wurde. Bei den Römern kamen dann hölzerne Hebelpressen, sogenannte Baumkeltern („Torkel“, lateinisch torcular, „Presse“) zum Einsatz, bei denen eine Platte durch den Hebeldruck eines langen Baumstammes auf die Maische gedrückt wurde.

Christus in der Kelter trägt den Pressbaum (Kelterbalken) als sein Kreuz. So presst er die Weintrauben aus und ist zugleich selbst der Ausgepresste, der dem erdrückenden Gewicht des Baums nichts entgegenzusetzen hat.

Torkel in Nonnenhorn am Bodensee aus dem Jahr 1591

Schon Papst Gregor der Große (590-604) hat sich dieses Sinnbildes Christi angenommen:

„Allein hat er die Kelter getreten,
in der er selbst ausgepresst wurde,
da er das Leiden ertrug und überwand,
bis zum Tode am Kreuz duldend aushielt
und glorreich vom Tode erstand
(Solus enim torcular in quo calcatus est calcavit, qui sua potentia eam quam pertulit passionem vicit. Nam qui usque ad mortem crucis passus est, de morte cum gloria surrexit.)“
(Homiliae in Ezechielem II,1,9 vgl. PL 76, 942B)

Und auch der Mystiker Rupert von Deutz (um 1070-1129) deutet die Kelter auf Selbsthingabe Christi aus:

„Er kelterte, da er sich freiwillig für uns hingab,
er wurde gekeltert wie eine Traube,
da er unter dem Druck des Kreuzes
den Wein von der Hülle des Körpers ausscheiden ließ
und seinen Geist aushauchte“
(In Isaiam 2, 29 – PL 167, 1356)

Das tonnenschwere Gewicht der Sünde lastet auf Christus, erdrückt den Körper, presst ihm sein eigene Leben aus. So vollzieht sein Auftritt in der Kelter nicht das göttliche Zorngericht über die Völker. Gottfeindliches Leben wird durch ihn nicht zertreten. Vielmehr stiftet seine eigene Hingabe Frieden, wie es im Brief an die Kolosser heißt:

Es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (Kol 1,19f)

Was Blut für das menschliche Leben austrägt, stellt die göttliche Anweisung im 3. Buch Mose heraus: „Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“ (17,10)

Auf dem Bildnis „Christus in der Kelter“ findet sich ein Abfluss aus der Kelter, unter den ein Kelch bereitgestellt ist. Dass Jesu Blut vergossen worden ist, ist keine Mordtat, bei dem das Blut vom Ackerboden in den Himmel schreit (vgl. 1Mose 4,10). Vielmehr wird aus dem Unheilsgeschehen am Kreuz von Golgota das Leben neu gewonnen. Christus stellt sich nicht als Todesopfer der Menschheitsgeschichte dar. Im Abendmahl hat er den Leidens- und Todeskelch mit Danksagung in die eigene Hand genommen und ihn seinen Jüngern gereicht: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,27f)

In diesen Kelch hat sich Jesus mit seiner Todesgabe leiblich hineingelegt. Sein Blut, das geflossen ist, gereicht uns zum Heil. Der Tod am Kreuz macht nicht fassungslos, sondern stellt sich als Hingabe gegen unseren eigenen Tod. Er greift unser Leben auf, wo die Sünde es von den göttlichen Wurzeln abgeschnitten hat, wo es im Tod zu Staub verfallen muss.

Wenn wir von diesem „Kelch des Heils“ (Ps 116,13) trinken, schmecken wir den Wein (und nicht etwa Essig). Als Freudenbringer und Gottesgabe ist er zu preisen, so in Psalm 104:

Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz
und sein Antlitz schön werde vom Öl
und das Brot des Menschen Herz stärke

(Ps 104,14f)

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ (Prediger 9,7)

Dein Tun hat Gott schon längst gefallen, wenn Du im Abendmahl den Leidenskelch Jesu als Kelch des Heils in die eigenen Hände nimmst und seinen Worten Glauben schenkst: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedäch­tnis.“ (1Korinther 11,25)

Christus in der Kelter – tonnenschweres Gewicht der Sünde lastet auf ihm, erdrückt sein Leben, presst es ihm aus. Aber seine Hingabe für uns geht nicht verloren, ist im Kelch unter der Kelter gefasst: „Nimm und trink vom Kelch des Heils“ „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

„Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi“ – Mein Votum zur Abschaffung der Kirchensteuer in der Bayerischen Staatszeitung

13. April 2017

Rembrandt – Die Fußwaschung (Federzeichnung, um 1655)

Die Frage der Woche in der heutigen Ausgabe der Bayerischen Staatszeitung (13. April 2017) lautet: Soll die Kirchensteuer abgeschafft werden? Joachim Unterländer, CSU-Abgeordneter und Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern votiert mit NEIN, ich hingegen mit JA. Hier meine Begründung:

Die Kirche hat ein Problem mit der Kirchensteuer. Nach der jüngsten Umfrage vom Dezember 2016 (INSA consulere) lehnen diese mehr als 60 Prozent ihrer Mitglieder ab, mit gutem Grund: Kirchensteuern sind eine Zwangsabgabe, welcher der Herr der Kirche, Jesus Christus, widerspricht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Steuern hat man an den Staat zu zahlen; Gott aber gibt man sich freiwillig mit Leib und Seele hin. So hat im 19. Jahrhundert zunächst der Staat Kirchensteuern erhoben, um Pfarrer zu besolden und Kirchengebäude zu unterhalten. 1919 ist dann den selbstständig gewordenen Landeskirchen und den Diözesen in der Weimarer Reichsverfassung die Erhebung eigener Steuern zugestanden worden.

Werden Steuern im Namen und auf Rechnung der Kirche erhoben, kommt das Evangelium nicht zum Zug. Kein Wunder, dass über 99 Prozent aller Kirchen und Diözesen weltweit keine Steuern erheben. Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi. Wo Menschen im Gottesdienst diese Hingabe empfangen, werden sie selbst zum freiwilligen Opfer befähigt. In Deutschland hingegen bringt die Kirchensteuer in beziehungsloser Weise den Kirchen viel Geld und vergrößert zugleich deren finanzielle Abhängigkeiten: Was alles finanziert und unterhalten sein will, und wer alles bedient werden muss. Als ökonomisch ausgerichtete „Betreuungskirche“ entfremdet man sich dem Evangelium immer mehr.

Der Ausstieg aus der Kirchensteuer lässt sich kaum über Nacht vollziehen. Schließlich steht Kirche in der Pflicht als Arbeitgeber. Aber man kann den Hebesatz der Kirchensteuer über einen Zeitraum von 40 Jahren stufenweise auf Null zurückführen.Das gäbe genügend Zeit für eine umfassende Kirchenreform. Am Ende sind es dann die Gemeinden, die sich – wie weltweit ja üblich – aus den Gaben der Gläubigen selbst finanzieren und durch Umlage übergemeindliche Dienste tragen. Kirche ohne Steuern gewinnt an Glaubwürdigkeit.

Hier der Pro- und Contra-Text aus der Staatszeitung als jpg.

„Unser Nein muss zum Ja werden“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 13,1-15 an Gründonnerstag

12. April 2017

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde aus Mainz ( 1400 1420 – Germanisches Nationalmuseum Nürnberg )

Eine eindrückliche Predigt über Johannes 13,1-15 hatte Hans Jochim Iwand am 6. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Gerade darum ist uns Jesus immer wieder so fremd und zwar dieser Je­sus, der nicht gekom­men ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, und der doch ein Herr ist. Wenn wir ihn lieb gewonnen haben, wenn er uns Eindruck gemacht hat mit seinen Worten und Taten, wollen wir ihm dienen. Er soll uns unter keinen Umständen die Füße waschen – das wäre ja die Umkehrung aller Ordnung –, denn damit würde das unter­ste zuoberst gekehrt, die Herren würden Diener sein und die Knechte Her­ren. Ganz unten, wo niemand stehen will, würde der Herr aller Herren ste­hen, und ganz oben, wo niemand hinzukommen glaubte, da würden die Jünger und die Knechte stehen. Gott so tief unten, daß keiner von uns da sein möchte, wo er ist, und der Mensch so hoch oben, daß keiner sich ge­traut, das auch nur zu denken. Aber gerade das ist es, was Jesus Liebe nennt. Dazu kommt er in die Welt, dazu geht er ans Kreuz. Dazu wird er von Gott in Gegensatz gesetzt zu allen irdischen Herren und darin sind alle irdischen Herrschaften durch Jesus zur Ordnung gerufen und gerichtet. Aber merkwürdig, gerade das wollen wir nicht. Petrus ist auch hier wieder so liebenswert, weil er den Mut hat, das auszusprechen. Petrus und Judas stehen dabei in einem offenbaren Kontrast. Judas wird sich die Niedrigkeit dieses Herrn zunutze machen, wird ihn verraten, er wird als erster den Schritt nach draußen tun in die Finsternis, um diesen Jesus, der nicht Kö­nig sein will, wie er es von ihm erhoffte und erträumte, in der Menschen Hände zu übergeben. Er wird das tun, was immer wieder die an Jesus sich ärgernden, an seiner Niedrigkeit irre gewordenen Nach­folger und Jünger getan haben, sie haben ihn verraten. Wenn Judas recht behält, wenn er zum Zuge kommt, dann bekommt Jesus einen Purpurmantel umgehängt und eine Krone wird ihm aufgesetzt. Aber nur um ihn zu verhöhnen, und nur, um ihn zu quälen. Wie oft ist das gesche-hen in der Geschichte der Kirche. Wie oft hat man den Judenkönig preisgegeben an die Mäch­tigen und Gewaltigen dieser Welt, daß sie mit ihm ihr Spiel trieben. Wieviel Glauben ist damit zerstört, wieviel Hoffnung vernichtet. Aber merkwürdig, eines hat man nicht zerstören können, eines hat auch Judas nicht erreicht: er hat das Beispiel nicht zerstören können, das Jesus gegeben hat. Das Bei­spiel des dienenden Herrn wird durch den Verrat des Judas immer klarer, immer eindringlicher, einleuchtender. Auch in seiner Passion, auch unter dem Höhnen der Soldateska, auch vor Kaiphas und Pilatus, auch und vor­nehmlich am Kreuz bleibt Jesus der, der sich niederbeugt, um uns zu die­nen. Ja, jetzt wird überhaupt erst klar, was Jesus mit seiner beispielhaften Tat gemeint hat, jetzt wird klar, wozu wir alle geladen und gerufen sind, daß wir uns nämlich von diesem Herrn dienen lassen. Niemand kann ihm dienen, dem er nicht zuvor gedient hat. Niemand kann ihn einen Herrn heißen, dem er nicht zuvor die Füße gewaschen hat, die staubigen, schmutzigen Füße, an denen die Spuren der mühseligen Erden­wanderung sichtbar sind. Das ist das Wunderbare an dem Bild, das Jesus den Seinen läßt, daß es nie verblaßt, sondern in Not und Verfolgung umso klarer und deutlicher vor unserer Seele steht, sodaß wir allezeit wissen können, was hier den Petrus so blitzartig überfällt, was ihn so entwaffnet hat: daß es unser Heil ist, wenn er uns dient. Ehe wir ihm dienen, muß eine Stunde kommen, da er uns dient und nicht wir ihm: »ohne mich könnt ihr nichts tun«. Das ist das Heil des Menschen, daß Gott sein Diener wird und der Mensch sich gefallen läßt, daß er sein neues Leben, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und Reinheit, das Gotteswerk gelten läßt und alles ihm aus Gnade zuteil wird.

Darum sitzt nicht nur der stumme Judas mit seinen finsteren und bösen Gedanken unter der Schar der Jünger, sondern auch Petrus sitzt hier, Pe­trus, der zuerst Nein sagt und dann Ja. Ein natürliches Nein und ein über­natürliches Ja. Petrus begreift, daß hier etwas Unerhörtes geschieht, etwas, was dem Denken aller Menschen, auch der frommen Menschen zuwider­läuft. Darum sagt Petrus Nein. In alle Ewigkeit nicht sollst du mir die Füße waschen. Aber dann begreift er auf einmal, daß er sich mit diesem Protest um das Heil seines Lebens bringt, und nun sagt er Ja. Offenbar hat unser Evangelist diesen Petrus sehr lieb gehabt, sonst würde er uns dies nicht so ausführlich berichtet haben. Die Bibel liebt die Nein-Sager, die dann doch zum Ja hinfinden. Die Bibel weiß, daß ein solches leidenschaftliches, offe­nes, menschliches Nein schon der Anfang ist vom Ja, sie weiß, daß wir alle, wenn wir auf Jesus stoßen, zunächst gar nicht anders können als Nein sagen. Nein aus dem ganzen Herzen dessen, was wir nun einmal fühlen und denken, wie wir urteilen und glauben. Solange wir noch nicht auf Jesus stoßen, schlummert dieses Nein. Da denken wir uns Gott und seine Herrschaft und sein Reich analog zu dem, was wir sonst glauben und hof­fen. Aber wenn uns dann Gott in Jesus ganz nahe kommt, wenn auf einmal in den leeren Rahmen, den das Wort Gott für uns bedeutet, sein eigenes Bild tritt, wenn er nun doch – und gerade in Jesus – tut und sagt, was gött­lich und eben nicht menschlich ist, dann wacht es auf, dies Nein in uns, das große, schwere Ärgernis, das sich wie ein Klotz an unser Bein hängt und uns hemmt in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth.

Aber unser Nein muß zum Ja werden. Nicht weil wir darin schon das Ja meinten, sondern weil wir dieses Nein nicht mehr ins Leere, in uns selbst hineinsprechen. Jesus läßt unser Nein oft nicht gelten, Jesus macht aus dem Nein ein Ja, gerade dieser uns dienende, sich vor uns nie­derbeugende Jesus. Er öffnet uns die Augen, daß wir uns mit dem Nein selbst im Wege zu unserem Heil stehen. Er läßt uns begreifen – und an diesem Begreifen, an diesem Schritt vom Nein zum Ja hängt eigentlich unser aller Leben, also daran, daß das Ja größer wird und das Nein kleiner, daß das Ja wächst, ganz groß, ganz überwältigend groß, das Ja, sich dienen zu lassen von diesem Jesus, und das Nein immer schwächer und stiller wird, unsere Ver­wunde­rung über das ganz andere an diesem Jesus und seinem Tun, unser Sträuben dagegen, daß er – der Herr Jesus Christus – uns die Füße wäscht.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.