Archive for the ‘Eigene Texte’ Category

Wie Tautropfen auf einem Spinnennetz – Vom Segen des Betens oder was das Gebet uns schenkt

22. Mai 2017

Betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“ (1Thessalonicher 5,17f)

Beten legt Sprachfäden um das eigene Leben. Wie Tautropfen auf einem Spinnennetz schlägt sich göttliche Güte an den eigenen Gebetsworten nieder. So setzt sich im Gebet das eigene Leben in Beziehung zum lebendigen Gott – was er für mich schon alles getan hat und was er in Jesus Christus für mich vorgesehen hat. Die Dinge um mich herum, für die ich ihm danke, sind nicht länger selbstverständlich – und damit hoffnungslos. Kleinig­keiten des Alltags zeigen sich mir als gottgegeben und werden damit großartig.

Im Gebet gewinnt mein Leben an göttlicher Transparenz. Was mir selbst unklar scheint, darf ich dem himmlischen Vater anvertrauen – „dein Wille geschehe“. Mein Leben wird täglich neu im Gebet gefasst – mit dem, was ich vermisse, mit dem, was mich freut, mit dem, was mich schmerzt, mit dem, was gelungen ist, mit dem, was mich sorgt. Und am Ende scheint sein Wille durch – in Jesus Christus, auch im Dunkeln der Nacht.

In Christus wird der Tod durchschaut – Vom Glauben als Linse

28. April 2017

Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergäng­liches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2Timotheus 1,10)

„Ich werde sterben.“ Da fällt dieser todesschwere Satz. Am Ende des eigenen Lebens hat der Verstorbene ihn sich selbst abgerungen. Wo eigene Lebens­energie mit Krankheitsgeduld zusammenwirken, vermag man dem Tod nicht einfach Glauben schenken. „Ja glaubst du, ich sterbe …“ Im Leben nimmt man so vieles zur Kennt­nis, aber wer kann und will sich in den eigenen Tod hineinbegeben. Wir möchten dem Tod keinen Glauben schenken, obwohl seine Wahrheit schlussendlich auf uns selbst zutrifft.

Zu Lebzeiten den Tod durchschauen – das ist für uns Karfreitags- und Osterbotschaft zugleich. Wer den Tod durchschaut, muss nicht um sein eigenes Leben fürch­ten. Einmal durchschaut vermag der Tod auf unsere eigene Seele keinen Angstschatten zu werfen. Doch dazu bedarf es einer besonderen Linse – nämlich der wörtliche Glaube, der tief blicken lässt.

Am Karfreitag fokussiert diese Linse unseren Blick auf das Kreuz von Golgatha. Dort sind wir in Jesu Tod hineingenommen, werden dabei selbst als Sünder entlarvt. Um unseretwillen ist sein Leben am Kreuz entstellt. Der Gottessohn hat sich für uns hingegeben – tödliche Wahrheit, die uns leben lässt.

Dann der Ostermorgen, der Blick in das leere Grab. Der Leichnam Jesu scheint verschwunden, aber das ist nicht die Wahrheit. Der Tote, dieser eine Tote ist vom Tod auferstanden – wider den Tod. Das Dunkel des Grabes hat sich gelichtet. In Christus wird der Tod auf das ewige Leben beim dreieinigen Gott durchschaut.

Kirche als Mutter des Glaubens

20. April 2017

Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle am 10. Dezember 1520 am Elstertor in Wittenberg (Gemälde von Paul Thumann, 1872-73)

Ob Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat, ist mehr als fragwürdig. Was er jedoch am 10. Dezember 1520 eigen­händig im Kreise seiner Studenten vor dem Wittenberger Elstertor getan hat­te, davon schrieb er an seinen Mentor Johann von Staupitz: „Ich habe des Papstes Bücher und die Bulle ver­brannt, zuerst zitternd und betend, aber jetzt freue ich mich darüber mehr als über irgendeine andere Tat meines ganzen Lebens, denn sie sind noch giftiger, als ich glaubte.“ Unter Beru­fung auf das Evangelium hatte Luther mit der Papstkirche in drastischer Wei­se gebrochen, indem er – der ver­meintliche Ketzer – umgekehrt Papst Leo X. exkommunizierte, ihn also ei­genmächtig aus der Kirche Jesu Chris­ti ausschloss.

Die Reformation hat zur Infragestel­lung überkommener kirchlicher Ord­nungen sowie zur Lossagung von der kirchlichen Hierarchie geführt. Die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben an Jesus Christus schließt aus, dass den Gläubigen Kirchengebote aufer­legt werden können, um damit Gnade vor Gott zu verdienen. So heißt es in Artikel 15 des maß­geblichen Augsburger Bekennt­nisses: „Darüber hinaus wird ge­lehrt, dass alle Satzungen und Traditionen, die von Menschen zu dem Zweck gemacht worden sind, dass man dadurch Gott versöhne und Gnade verdiene, dem Evan­gelium und der Lehre vom Glau­ben an Christus widersprechen. Des­halb sind Klostergelübde und andere Traditionen über Fastenspeisen, Fast­tage usw., durch die man Gnade zu verdienen und für die Sünde Genugtu­ung zu leisten meint, nutzlos und ge­gen das Evangelium.“

Aber braucht es dann überhaupt Kir­che? Kann man nicht auch ohne Kir­che ein guter Christ sein? Da scheiden sich nun die Geister. Schließlich lehrt Martin Luther im Großen Katechismus, dass der Heilige Geist „uns zuerst in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch wel­che er uns predigt und zu Christus bringt. Denn weder du noch ich könn­ten jemals etwas von Christus wissen oder an ihn glauben und ihn zum Herrn bekommen, wenn es uns nicht vom Heiligen Geist durch die Predigt des Evangeliums angeboten und in den Busen geschenkt würde.“ Der Heilige Geist hat „eine besondere Gemeinde in der Welt, die die Mutter ist, die einen jeden Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes.“ Nach Luther kann also kein Mensch außerhalb der Kirche zu Jesus Christus kommen.

Luther predigt über den Gekreuzigten (Lucas Cranach d.J., Predella des Hochalters in der Wittenberger Stadtkirche, 1547)

Aber was meint Luther denn mit Kir­che? Zunächst einmal spricht er von einer „christlichen Gemeinde oder Versammlung“, die sich dort zusam­menfindet, wo das Evangelium von Jesus Christus gepredigt wird. Kirche ist weder ein Gebäude noch eine An­stalt, sondern Gemeinschaft mit Jesus Christus. So spricht Luther seinen Glauben an die eine heilige christliche Kirche aus:

„Ich glaube, dass es ein heiliges Häuf­lein und eine heilige Gemeinde auf Erden gibt, aus lauter Heiligen unter einem Haupt, Christus, durch den Hei­ligen Geist zusammen­berufen, in ei­nem Glauben, Sinn und Verständnis; mit mancherlei Gaben, jedoch ein­trächtig in der Liebe, ohne Rotten und Spaltung. Von dieser Gemeinde bin ich auch ein Stück und Glied, aller Güter, die sie hat, bin ich teilhaftig und Mitge­nosse. Durch den Heiligen Geist bin ich in sie gebracht und ihr einverleibt dadurch, dass ich Gottes Wort gehört habe und immer noch höre; damit nämlich muss es anfangen, wenn man hineinkommen will.“

Glaube ist nicht einfach religiöses Selbstbewusstsein, sondern Vertrauen in Jesus Christus. Damit sich dieses Vertrauen findet, muss Gottes Wort immer wieder neu in der Gemeinde zugesprochen und im Abendmahl mit unserem Leben leiblich verbunden werden. So gilt also die Kirche als Mutter unseres Glaubens.

„Nimm und trink vom Kelch des Heils“ – Christus in der Kelter (eine Karfreitagspredigt)

14. April 2017

Meester van het Martyrium der Tienduizend – Christus in de wijnpers (Kupferstich handkoloriert, 1463-1467, Rijksmuseum Amsterdam)

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.“ (Johannes 19,33f)

Als es mit dem Leiden Jesu am Kreuz von Golgota sein Ende hatte, fließt Blut – sein Blut. Die Frage stellt sich: Ist Jesus Christus damit zu einem Todesopfer geworden, dessen Blut unschuldig vergossen worden ist? Schnell redet man bei Unfällen oder Gewalttaten von Todesopfern, als wären die Getöteten dem Tod geopfert worden.

Wenn wir an Karfreitag den Kreuzestod Christi in den Blick nehmen, gedenken wir keinem passiven Todesopfer (im Sinne eines victim), sondern unseres Erlösers. In der christlichen Passionsmystik findet sich dazu die bildliche Darstellung „Christus in der Kelter“. Sie nimmt Bezug auf Jesaja 63,3: „Ich trat die Kelter allein (torcular calcavi solus)“. Beim Propheten steht diese Aussage für die vernichtende Handlung im göttlichen Endgericht über die Völker, wenn es heißt:

Wer ist der, der von Edom kommt,
mit rötlichen Kleidern von Bozra,
der so geschmückt ist in seinen Kleidern
und einherschreitet in seiner großen Kraft?
»Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet,
und bin mächtig zu helfen.«
Warum ist denn dein Gewand so rotfarben,
sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?
»Ich trat die Kelter allein,
und niemand unter den Völkern war mit mir.
Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn
und zertreten in meinem Grimm.
Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt,
und ich habe mein ganzes Gewand besudelt.
Denn ich hatte einen Tag der Rache mir vorgenommen;
das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.
Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer,
und ich war bestürzt, dass niemand mir beistand.
Da musste mein Arm mir helfen,
und mein Zorn stand mir bei.
Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn
und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm
und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«

(Jesaja 63,1-6)

Mit diesen prophetischen Worten ist ein grausames Strafgericht über die Sünde der Völker angesagt, bei dem der HERR menschliches Leben wie die Trauben in einer Kelter zertritt und deren Blut in den Ackerboden fließen lässt. Dass die Passionsmystik nun Christus in der Kelter auftreten lässt, verdankt sich einer technischen Innovation. Ursprünglich wurden Weintrauben in der Kelter (von lateinisch calcatorium, deutsch Fußtretung) ausgepresst, indem die Maische mit den Füßen zerstampft wurde. Bei den Römern kamen dann hölzerne Hebelpressen, sogenannte Baumkeltern („Torkel“, lateinisch torcular, „Presse“) zum Einsatz, bei denen eine Platte durch den Hebeldruck eines langen Baumstammes auf die Maische gedrückt wurde.

Christus in der Kelter trägt den Pressbaum (Kelterbalken) als sein Kreuz. So presst er die Weintrauben aus und ist zugleich selbst der Ausgepresste, der dem erdrückenden Gewicht des Baums nichts entgegenzusetzen hat.

Torkel in Nonnenhorn am Bodensee aus dem Jahr 1591

Schon Papst Gregor der Große (590-604) hat sich dieses Sinnbildes Christi angenommen:

„Allein hat er die Kelter getreten,
in der er selbst ausgepresst wurde,
da er das Leiden ertrug und überwand,
bis zum Tode am Kreuz duldend aushielt
und glorreich vom Tode erstand
(Solus enim torcular in quo calcatus est calcavit, qui sua potentia eam quam pertulit passionem vicit. Nam qui usque ad mortem crucis passus est, de morte cum gloria surrexit.)“
(Homiliae in Ezechielem II,1,9 vgl. PL 76, 942B)

Und auch der Mystiker Rupert von Deutz (um 1070-1129) deutet die Kelter auf Selbsthingabe Christi aus:

„Er kelterte, da er sich freiwillig für uns hingab,
er wurde gekeltert wie eine Traube,
da er unter dem Druck des Kreuzes
den Wein von der Hülle des Körpers ausscheiden ließ
und seinen Geist aushauchte“
(In Isaiam 2, 29 – PL 167, 1356)

Das tonnenschwere Gewicht der Sünde lastet auf Christus, erdrückt den Körper, presst ihm sein eigene Leben aus. So vollzieht sein Auftritt in der Kelter nicht das göttliche Zorngericht über die Völker. Gottfeindliches Leben wird durch ihn nicht zertreten. Vielmehr stiftet seine eigene Hingabe Frieden, wie es im Brief an die Kolosser heißt:

Es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (Kol 1,19f)

Was Blut für das menschliche Leben austrägt, stellt die göttliche Anweisung im 3. Buch Mose heraus: „Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“ (17,10)

Auf dem Bildnis „Christus in der Kelter“ findet sich ein Abfluss aus der Kelter, unter den ein Kelch bereitgestellt ist. Dass Jesu Blut vergossen worden ist, ist keine Mordtat, bei dem das Blut vom Ackerboden in den Himmel schreit (vgl. 1Mose 4,10). Vielmehr wird aus dem Unheilsgeschehen am Kreuz von Golgota das Leben neu gewonnen. Christus stellt sich nicht als Todesopfer der Menschheitsgeschichte dar. Im Abendmahl hat er den Leidens- und Todeskelch mit Danksagung in die eigene Hand genommen und ihn seinen Jüngern gereicht: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,27f)

In diesen Kelch hat sich Jesus mit seiner Todesgabe leiblich hineingelegt. Sein Blut, das geflossen ist, gereicht uns zum Heil. Der Tod am Kreuz macht nicht fassungslos, sondern stellt sich als Hingabe gegen unseren eigenen Tod. Er greift unser Leben auf, wo die Sünde es von den göttlichen Wurzeln abgeschnitten hat, wo es im Tod zu Staub verfallen muss.

Wenn wir von diesem „Kelch des Heils“ (Ps 116,13) trinken, schmecken wir den Wein (und nicht etwa Essig). Als Freudenbringer und Gottesgabe ist er zu preisen, so in Psalm 104:

Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz
und sein Antlitz schön werde vom Öl
und das Brot des Menschen Herz stärke

(Ps 104,14f)

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ (Prediger 9,7)

Dein Tun hat Gott schon längst gefallen, wenn Du im Abendmahl den Leidenskelch Jesu als Kelch des Heils in die eigenen Hände nimmst und seinen Worten Glauben schenkst: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedäch­tnis.“ (1Korinther 11,25)

Christus in der Kelter – tonnenschweres Gewicht der Sünde lastet auf ihm, erdrückt sein Leben, presst es ihm aus. Aber seine Hingabe für uns geht nicht verloren, ist im Kelch unter der Kelter gefasst: „Nimm und trink vom Kelch des Heils“ „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

„Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi“ – Mein Votum zur Abschaffung der Kirchensteuer in der Bayerischen Staatszeitung

13. April 2017

Rembrandt – Die Fußwaschung (Federzeichnung, um 1655)

Die Frage der Woche in der heutigen Ausgabe der Bayerischen Staatszeitung (13. April 2017) lautet: Soll die Kirchensteuer abgeschafft werden? Joachim Unterländer, CSU-Abgeordneter und Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern votiert mit NEIN, ich hingegen mit JA. Hier meine Begründung:

Die Kirche hat ein Problem mit der Kirchensteuer. Nach der jüngsten Umfrage vom Dezember 2016 (INSA consulere) lehnen diese mehr als 60 Prozent ihrer Mitglieder ab, mit gutem Grund: Kirchensteuern sind eine Zwangsabgabe, welcher der Herr der Kirche, Jesus Christus, widerspricht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Steuern hat man an den Staat zu zahlen; Gott aber gibt man sich freiwillig mit Leib und Seele hin. So hat im 19. Jahrhundert zunächst der Staat Kirchensteuern erhoben, um Pfarrer zu besolden und Kirchengebäude zu unterhalten. 1919 ist dann den selbstständig gewordenen Landeskirchen und den Diözesen in der Weimarer Reichsverfassung die Erhebung eigener Steuern zugestanden worden.

Werden Steuern im Namen und auf Rechnung der Kirche erhoben, kommt das Evangelium nicht zum Zug. Kein Wunder, dass über 99 Prozent aller Kirchen und Diözesen weltweit keine Steuern erheben. Kirche lebt nicht von Steuern, sondern aus der Hingabe Jesu Christi. Wo Menschen im Gottesdienst diese Hingabe empfangen, werden sie selbst zum freiwilligen Opfer befähigt. In Deutschland hingegen bringt die Kirchensteuer in beziehungsloser Weise den Kirchen viel Geld und vergrößert zugleich deren finanzielle Abhängigkeiten: Was alles finanziert und unterhalten sein will, und wer alles bedient werden muss. Als ökonomisch ausgerichtete „Betreuungskirche“ entfremdet man sich dem Evangelium immer mehr.

Der Ausstieg aus der Kirchensteuer lässt sich kaum über Nacht vollziehen. Schließlich steht Kirche in der Pflicht als Arbeitgeber. Aber man kann den Hebesatz der Kirchensteuer über einen Zeitraum von 40 Jahren stufenweise auf Null zurückführen.Das gäbe genügend Zeit für eine umfassende Kirchenreform. Am Ende sind es dann die Gemeinden, die sich – wie weltweit ja üblich – aus den Gaben der Gläubigen selbst finanzieren und durch Umlage übergemeindliche Dienste tragen. Kirche ohne Steuern gewinnt an Glaubwürdigkeit.

Hier der Pro- und Contra-Text aus der Staatszeitung als jpg.

„Unser Nein muss zum Ja werden“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 13,1-15 an Gründonnerstag

12. April 2017

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde aus Mainz ( 1400 1420 – Germanisches Nationalmuseum Nürnberg )

Eine eindrückliche Predigt über Johannes 13,1-15 hatte Hans Jochim Iwand am 6. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Gerade darum ist uns Jesus immer wieder so fremd und zwar dieser Je­sus, der nicht gekom­men ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, und der doch ein Herr ist. Wenn wir ihn lieb gewonnen haben, wenn er uns Eindruck gemacht hat mit seinen Worten und Taten, wollen wir ihm dienen. Er soll uns unter keinen Umständen die Füße waschen – das wäre ja die Umkehrung aller Ordnung –, denn damit würde das unter­ste zuoberst gekehrt, die Herren würden Diener sein und die Knechte Her­ren. Ganz unten, wo niemand stehen will, würde der Herr aller Herren ste­hen, und ganz oben, wo niemand hinzukommen glaubte, da würden die Jünger und die Knechte stehen. Gott so tief unten, daß keiner von uns da sein möchte, wo er ist, und der Mensch so hoch oben, daß keiner sich ge­traut, das auch nur zu denken. Aber gerade das ist es, was Jesus Liebe nennt. Dazu kommt er in die Welt, dazu geht er ans Kreuz. Dazu wird er von Gott in Gegensatz gesetzt zu allen irdischen Herren und darin sind alle irdischen Herrschaften durch Jesus zur Ordnung gerufen und gerichtet. Aber merkwürdig, gerade das wollen wir nicht. Petrus ist auch hier wieder so liebenswert, weil er den Mut hat, das auszusprechen. Petrus und Judas stehen dabei in einem offenbaren Kontrast. Judas wird sich die Niedrigkeit dieses Herrn zunutze machen, wird ihn verraten, er wird als erster den Schritt nach draußen tun in die Finsternis, um diesen Jesus, der nicht Kö­nig sein will, wie er es von ihm erhoffte und erträumte, in der Menschen Hände zu übergeben. Er wird das tun, was immer wieder die an Jesus sich ärgernden, an seiner Niedrigkeit irre gewordenen Nach­folger und Jünger getan haben, sie haben ihn verraten. Wenn Judas recht behält, wenn er zum Zuge kommt, dann bekommt Jesus einen Purpurmantel umgehängt und eine Krone wird ihm aufgesetzt. Aber nur um ihn zu verhöhnen, und nur, um ihn zu quälen. Wie oft ist das gesche-hen in der Geschichte der Kirche. Wie oft hat man den Judenkönig preisgegeben an die Mäch­tigen und Gewaltigen dieser Welt, daß sie mit ihm ihr Spiel trieben. Wieviel Glauben ist damit zerstört, wieviel Hoffnung vernichtet. Aber merkwürdig, eines hat man nicht zerstören können, eines hat auch Judas nicht erreicht: er hat das Beispiel nicht zerstören können, das Jesus gegeben hat. Das Bei­spiel des dienenden Herrn wird durch den Verrat des Judas immer klarer, immer eindringlicher, einleuchtender. Auch in seiner Passion, auch unter dem Höhnen der Soldateska, auch vor Kaiphas und Pilatus, auch und vor­nehmlich am Kreuz bleibt Jesus der, der sich niederbeugt, um uns zu die­nen. Ja, jetzt wird überhaupt erst klar, was Jesus mit seiner beispielhaften Tat gemeint hat, jetzt wird klar, wozu wir alle geladen und gerufen sind, daß wir uns nämlich von diesem Herrn dienen lassen. Niemand kann ihm dienen, dem er nicht zuvor gedient hat. Niemand kann ihn einen Herrn heißen, dem er nicht zuvor die Füße gewaschen hat, die staubigen, schmutzigen Füße, an denen die Spuren der mühseligen Erden­wanderung sichtbar sind. Das ist das Wunderbare an dem Bild, das Jesus den Seinen läßt, daß es nie verblaßt, sondern in Not und Verfolgung umso klarer und deutlicher vor unserer Seele steht, sodaß wir allezeit wissen können, was hier den Petrus so blitzartig überfällt, was ihn so entwaffnet hat: daß es unser Heil ist, wenn er uns dient. Ehe wir ihm dienen, muß eine Stunde kommen, da er uns dient und nicht wir ihm: »ohne mich könnt ihr nichts tun«. Das ist das Heil des Menschen, daß Gott sein Diener wird und der Mensch sich gefallen läßt, daß er sein neues Leben, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und Reinheit, das Gotteswerk gelten läßt und alles ihm aus Gnade zuteil wird.

Darum sitzt nicht nur der stumme Judas mit seinen finsteren und bösen Gedanken unter der Schar der Jünger, sondern auch Petrus sitzt hier, Pe­trus, der zuerst Nein sagt und dann Ja. Ein natürliches Nein und ein über­natürliches Ja. Petrus begreift, daß hier etwas Unerhörtes geschieht, etwas, was dem Denken aller Menschen, auch der frommen Menschen zuwider­läuft. Darum sagt Petrus Nein. In alle Ewigkeit nicht sollst du mir die Füße waschen. Aber dann begreift er auf einmal, daß er sich mit diesem Protest um das Heil seines Lebens bringt, und nun sagt er Ja. Offenbar hat unser Evangelist diesen Petrus sehr lieb gehabt, sonst würde er uns dies nicht so ausführlich berichtet haben. Die Bibel liebt die Nein-Sager, die dann doch zum Ja hinfinden. Die Bibel weiß, daß ein solches leidenschaftliches, offe­nes, menschliches Nein schon der Anfang ist vom Ja, sie weiß, daß wir alle, wenn wir auf Jesus stoßen, zunächst gar nicht anders können als Nein sagen. Nein aus dem ganzen Herzen dessen, was wir nun einmal fühlen und denken, wie wir urteilen und glauben. Solange wir noch nicht auf Jesus stoßen, schlummert dieses Nein. Da denken wir uns Gott und seine Herrschaft und sein Reich analog zu dem, was wir sonst glauben und hof­fen. Aber wenn uns dann Gott in Jesus ganz nahe kommt, wenn auf einmal in den leeren Rahmen, den das Wort Gott für uns bedeutet, sein eigenes Bild tritt, wenn er nun doch – und gerade in Jesus – tut und sagt, was gött­lich und eben nicht menschlich ist, dann wacht es auf, dies Nein in uns, das große, schwere Ärgernis, das sich wie ein Klotz an unser Bein hängt und uns hemmt in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth.

Aber unser Nein muß zum Ja werden. Nicht weil wir darin schon das Ja meinten, sondern weil wir dieses Nein nicht mehr ins Leere, in uns selbst hineinsprechen. Jesus läßt unser Nein oft nicht gelten, Jesus macht aus dem Nein ein Ja, gerade dieser uns dienende, sich vor uns nie­derbeugende Jesus. Er öffnet uns die Augen, daß wir uns mit dem Nein selbst im Wege zu unserem Heil stehen. Er läßt uns begreifen – und an diesem Begreifen, an diesem Schritt vom Nein zum Ja hängt eigentlich unser aller Leben, also daran, daß das Ja größer wird und das Nein kleiner, daß das Ja wächst, ganz groß, ganz überwältigend groß, das Ja, sich dienen zu lassen von diesem Jesus, und das Nein immer schwächer und stiller wird, unsere Ver­wunde­rung über das ganz andere an diesem Jesus und seinem Tun, unser Sträuben dagegen, daß er – der Herr Jesus Christus – uns die Füße wäscht.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

Du bist mehr …

10. April 2017

Otto Flath – Kreuzigungsszene aus dem neunteiligen Altarbild im Kirchenschiff der Frohbotschaftskirche in Hamburg-Dulsberg

Du bist mehr,
als was du für dich selbst isst.
Du bist mehr,
als was du für dich selbst denkst.
Du bist mehr,
als was du für dich selbst erlebt hast.
Du bist mehr,
als was du für dich selbst erarbeitet hast.
Du bist mehr,
als was du für dich selbst entschieden hast.
Du bist mehr,
als was dir in deinem Leben schon alles widerfahren ist.
Du bist derjenige,
für den sich Jesus Christus am Kreuz von Golgota selbst hingegeben hat.

Schlüssel des Heils am Kreuz von Golgota (Golgatha)

8. April 2017

Ludlow Massacre Monument (cc Beverly & Pack)

Ganz tief geht es die Stufen hinunter. Warum nur dieser Kellerabgang? Draußen scheint doch die Sonne; angenehm warm ist es. Die Frühlingszeit lässt aufblühen; und auch die Bäume zeigen zartes Grün. Aber er weiß es: Für ihn gibt es jetzt keinen Ausweg, kein Zurück, nur der Abstieg in eine ungeahnte Dunkelheit. Stufe für Stufe entschwindet das Tageslicht, wird das Lachen der Kinder von draußen immer leiser. Nur die Schritte der eigenen Füße auf den steinernen Stufen hallen nach. Diesen Klang nimmt er mit – Schritt für Schritt.

Muss er sich das wirklich antun? Mit jedem weiteren Schritt abwärts nimmt sich die Luft zum Atmen zurück. Immer stickiger wird es, als habe sich hier unten all das über die Jahrhunderte eingelagert, was das Leben ausgedünstet hat, als habe sich aller menschliche Todeshauch da unten gesammelt.

Warum nur dieser Abstieg, bei dem er nicht gewinnen kann, sondern verlieren muss? Die anderen hatten ihn eindringlich davon abgeraten; sie baten, ja bettelten, er solle nicht in diesen Kellerabgang gehen, sich nicht auf diesen unmenschlichen Abstieg einlassen: „Du hast doch selbst gesagt, dass du das nicht überleben wirst. Warum machst Du es trotzdem? Da unter kann dich nur der Tod, dein Tod erwarten.“ Und doch schreitet er weiter – Schritt für Schritt, bis schließlich sein Gang hinfällig wird. Ganz tief unten ist das eigene Leben ausgehaucht. Einer mehr, ein Toter mehr – oder?

Der Gottessohn war es, der an Karfreitag aus freien Stücken in den eigenen Erstickungstod abgestiegen ist. Mit seinem Leben und Sterben hat er sich am Kreuz von Golgota in das Todesschloss gefügt – ohne lichtes Spiel. Wo er sich endgültig hingegeben hatte, hat Christus am eigenen Leib den Machtraum des Todes und der Sünde aufgeschlossen. Unten im Totenreich ist dem Tod das Leben entwunden worden, hat der Gottessohn uns die Ewigkeit erschlossen, lässt uns Gott nicht länger im Tod zugrunde gehen. So tönt der österliche Siegesruf aus der Todeskammer: „Verschlungen ist der Tod in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1Korinther 15,54-57 Zürcher)

Da ist er also, der Schlüssel des Heils am Kreuz von Golgota: Jesus Christus ist für dich gestorben, hat sich mit seinem Leben in deinen Sündentod gefügt, damit dir die Himmelstüre zum dreieinigen Gott erschlossen ist. Siehst du die Türe – offen ist sie für dich. Offen ist sie dort, wo Du Christus wahrnimmst und seinem Wort Glauben schenkst:

Ich bin die Tür.
Wenn jemand durch mich hineingeht,
wird er gerettet werden
und wird ein- und ausgehen
und eine Weide finden.

(Johannes 10,7 Zürcher)

Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen …

27. März 2017

„Christliche Werte“ verdanken sich nicht der Bibel, sondern einer gesellschaftlichen Basar-Ethik

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift CA – Confessio Augustana 1/2017 habe ich zur Frage „Wozu ist das Christentum gut?“ unter anderem Folgendes geschrieben:

Aufklärung, Wohlfahrtsstaat und Pluralisierung der Lebensgestaltung scheinen dem Christentum in einer spätmodernen bürgerlichen Gesell­schaft keine besondere gesellschaftliche Relevanz zuzuerkennen. Allenfalls christliche Werte stehen noch im Raum. Für das Zeugnis des Evangeliums bzw. für die Glaubwürdigkeit des Christseins ist es jedoch kontraproduktiv, wenn man kirchlicherseits in und für die Gesell­schaft christliche Werte geltend machen will. Wer von christ­lichen Werten spricht, ist sich in der Regel nicht bewusst, dass sich die Rede von gesellschaft­lichen bzw. sittlichen Werten einer Wertephilosophie aus dem 19. Jahrhundert verdankt. Weder in der Bibel noch bei den Kirchenvätern oder Reforma­toren ist von irgendwelchen ethischen Werten die Rede, mit gutem Grund. Der Wertbegriff hat sei­nen Ursprung in der Ökonomie und steht letztlich für eine Basar-Ethik: Da sich die Dinge unterschiedlich bewerten lassen, muss man um gesell­schaftliche Werte feilschen.

Gottes Gebot als persönliche Verpflichtung

Was für Christen gilt, sind weder subjektive noch kollektive Wertschätzungen, sondern gött­liche Gebote. Mit dem Propheten Micha gesprochen: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Christen brauchen sich nicht auf gesellschaft­liche Werte­diskussionen einlassen. Da man für abstrakte Werte nicht persönlich einstehen kann, ist die Rede von christlichen Werten letztendlich unverantwortlich. Anders verhält es sich hingegen mit Tugenden, die personengebunden sind. Christen wissen für sich selbst, dass die von ihnen gelebten Tugenden auch der Gesellschaft zugutekommen.

Sobald man jedoch von besonderen christlichen Werten in der Gesellschaft spricht, werden sowohl das Evangelium wie auch die Kirche funktionalisiert. Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen, als habe die Gemeinschaft der Gläubigen für eine bürgerliche Gesellschaft als Wertevermittler tätig zu sein. Die Rede von christlichen Werten ist für Christen auf Dauer irreführend. Sie lässt diese sich mit einer scheinbar christlichen Gesellschaft identifizieren, deren „Christlichkeit“ unauf­hörlich abnimmt. Man beklagt einen „Werteverlust“, orakelt über einen gesellschaft­lichen Niedergang und redet in all dem sich selbst die Verheißung des Evangeliums aus: „Wir war­ten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2Petr 3,13).

Christen sind Fremdbürger

Die Ermahnungen im Neuen Testament gelten nicht etwa Menschen, die an Nationalstaaten, nachfolgende Generationen und irdisches Eigentum glau­ben, sondern den „Fremdlingen und Pilgern“ (1Petr 2,11), deren Lebensgeschick durch die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi verbunden ist. „Wir haben hier keine blei­bende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14) So kann der Apostel Paulus die Gemeinde auf das himmlische Bürgerrecht (Phil 3,20) hin herausfordern:

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12,1-2)

Christen sind Fremdbürger, so lautet der Titel eines höchst anregenden Buchs von Stanley Hauerwas und William Willimon, das letztes Jahr auf Deutsch bei Fontis (Basel) erschienen ist. Der Untertitel ist eine richtungsweisende Ansage: „Wie wir wieder werden, wer wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft“. Christen haben nichts zu verlieren, was nicht schon längst in Christus gewonnen ist.

Mein kompletter Artikel „Wozu ist das Christentum gut?“ findet sich hier als pdf.

Ungenießbar! – „Wer mein Fleisch isst …“ Predigt zu Johannes 6,55-65

26. März 2017

„Abendmahl“ heißt das großflächige Bild (1,60 mal 2 Meter), das der Maler Harald Duwe (1926-1984) 1977/78 gemalt hatte. Es ist seit 1981 als ständige Leihgabe der Familie Fincke an die Evangelische Akademie Tutzing im Foyer des dortigen Schlosses aufgehängt.

Zwölf Männern gruppieren sich um einen gedeckten Tisch. Auf den ersten Blick scheint es ein gemeinsames Abendessen zu sein – mit Weingläsern, Besteck, Brot und einer größeren Schüssel. Bis auf zwei blicken alle auf den Tisch – skeptisch, neugierig, angewidert, ratlos. Das Bild ist überwiegend in Grau und Braun gehalten und wirkt dadurch wie ein altes vergilbtes Familienfoto.

Der Titel „Abendmahl“ verweist auf das letzte gemeinsame Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, obwohl die dargestellten Männer in kein biblisches Jüngerbild passen. Auf dem Bild finden sich nämlich der Künstler selbst mit elf Freunden bzw. Kollegen der Fachhochschule Kiel. Hartmut Duwe steht hinter dem mittigen, unbesetzten Stuhl mit einer Gabel in der Hand, die sich auf die Schüssel hin zu bewegen scheint. Und auch der Auftraggeber des Bildes, Karl Fincke (mit Brille) steht hinter dem Rücken des Künstlers und zeigt mit einer Handgeste – die einen Kreis beschließenden Zeigefinger und Daumen – seine Zustimmung an.

Der leere Stuhl am Tisch ist es, der diesem Tafelbild eine ungeahnte und erschreckende Wendung gibt. Jesu Wort in unserem Ohr: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.  Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ (Johannes 6,53-56)

Der genauere Blick auf die Tafel enthüllt ein schreckliches Geschehen: In ziemlicher Unordnung finden sich auf dem Tisch Gläser, Schüsseln, Teller. Darin die zerstückelten Teile eines Leichnams: die rechte Hand sowie der linke Fuß mit den Wundmalen, ein mit anatomischer Akribie gemaltes Herz. In der Schüssel scheint das Haupt Christi zu liegen. Offensichtlich eine Anspielung auf das Haupt Johannes des Täufers (vgl. Markus 6,24). Dazwischen Brot und Wein, eine geöffnete Ölsardinenbüchse mit zwei langen Kreuzesnägel; und selbst die beiden letzten Buchstaben des Kreuzestitels »RI«, Rex Iudaeorum (König der Juden) tauchen auf. Kein Zweifel, der zuvor auf dem nunmehr leeren Stuhl saß hat sich selbst zum Verzehr preisgegeben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Nein, keine gotteslästerliche, perverse Phantasie eines Künstlers zeigt sich. Hartmut Duwe hat mit seinem Bild „Abendmahl“ vielmehr in drastischer Weise Jesus selbst beim Wort genommen. In Jesu Worte sieht der Künstler selbst den Bezug zu unserer Gegenwart, wenn er schreibt:

Abendmahl zu Jesu Gedächtnis, nicht als Weltflucht. Er begegnet in allen leidenden Menschen, in den Opfern des Machtkampfes, in den Opfern von Ideologien. Und wir haben diese Opfer durch Fahrlässigkeit erst ermöglicht. […] Hätten wir nicht unsere Bedenken, unser Gewissen (christliche Ethik) zugeschüttet, wie sähe dann unsere Welt aus! […] Wir müssen beim Abend¬mahl der Menschen gedenken, die heute verraten, geopfert werden. Die drastische Darstellungsweise soll diese wichtigen Aussagen des christlichen Glaubens bewußt machen. Ich wollte kein Erbauungsbild machen, sondern Betroffenheit hervorrufen. In seinem Opfer für uns erschließt uns Gott eine neue Weise menschlicher Existenz. Durch Ihn erklärt sich Gott mit diesem Leben identisch. Das Abendmahl führt uns in die Nachfolge ein. Brot ist sein Fleisch und Wein ist sein Blut des neuen Testaments. Das sollte betroffen machen. Dürfen wir uns als Christi Nachfolger sehen?“

Wir mögen dies zu tiefst abstoßend und widerlich finden, wie ja auch Jesu Zuhörer, gar seine eigenen Jünger, wenn es bei Johannes heißt: „Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? […] Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6,59-61.66-69)

Du hast Worte des ewigen Lebens, die uns in Fleisch und Blut übergehen – Worte, die verstö­ren, kaum auszuhalten sind, wider unser eigenes Empfinden sind. Wie können uns diese unglaublichen Worte das Heil bringen?

„Christi Leib für dich gegeben“, „Christi Blut für dich vergossen“ – Zusprüche bei unserer Abendmahlsfeier, die ja manchem unter uns aufstoßen. Tun wir Jesus wirklich leiblich essen? Da klingt nach einem abstrusen Kannibalismus, also nach Menschenfresserei (Anthropophagie) und hat immer wieder für Unwillen gesorgt. Und für Juden kommt noch der todeswürdige Verstoß gegen die Tora hinzu, heißt es doch in 3Mose 17:

Und wer vom Haus Israel oder von den Fremdlingen unter euch irgendwelches Blut isst, gegen den will ich mein Antlitz kehren und will ihn aus seinem Volk ausrotten. Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist. Darum habe ich den Israeliten gesagt: Keiner unter euch soll Blut essen, auch kein Fremdling, der unter euch wohnt.“ (vv 10-12)

Im Blut ist das Leben selbst. Es muss zur Sühne auf dem Altar vergossen und damit zu Gott zurückgebracht werden. Es darf niemals selbst genossen werden. Und jetzt sagt uns Jesus: „Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

An diesen Worten scheiden sich die Geister, auch schon in der Zeit der Reformation. Da waren sich Martin Luther und Ulrich Zwingli, der Schweizer Reformator in Sachen der evangelischen Lehre in fast allen Dingen einig. Und doch mussten sie nach einem Streit­gespräch in Marburg 1529 in einem gemeinsamen Schlusskommuniqué festhalten: „Da wir uns aber zu dieser Zeit nicht geeinigt haben, ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi leiblich in Brot und Wein seien, so soll doch ein Teil den anderen gegenüber christliche Liebe, sofern eines jeden Gewissen es immer ertragen kann, erzeigen.“ (Marburger Artikel, Artikel 15)

Im übertragenen Sinne ließe sich das ja verstehen: Brot und Wein symbolisieren Jesu Gegenwart unter uns, sind also als Zeichen zu verstehen, die man sich im eigenen Glauben und nicht etwa durch den eigenen Mund verinnerlicht. Aber leiblich gegenwärtig für den eigenen Verzehr für Gläubige wie auch für Ungläubige (manducatio oralis seu impiorum), so wie dies Martin Luther unerbittlich in seinem Kleinen Katechismus bekannt hat – „Was ist das Sakrament des Altars? Es ist der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.“ – das bleibt für viele undenkbar.

Lasst mich doch noch einmal versuchen Jesu Worte wörtlich zur Geltung zu bringen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Harald Duwe, der Maler des Abendmahlbildes, ist sechs Jahre nach Fertigstellung des Bildes tödlich verunglückt – am Freitag, den 15. Juni 1984 auf der Rückfahrt von der Hochschule in Kiel nach Großensee, seinem Wohnort in der Nähe von Hamburg. Auf der B 404 zwischen Segeberg und Schwarzenbek in Höhe von Tremsbüttel kommt er von Fahrspur ab und reißt den Fahrer des entgegenkommenden Wagens mit in den Tod. Tragischer Tod mit 52 Lebensjahren auf der Höhe der eigenen Schaffenskraft mag es „nachruflich“ heißen. Wir Menschen aus Fleisch und Blut sterben nicht in Gedanken, sondern wirklich an unserem eigenen Leib, mitunter auf erschreckende Weise. Die Gewalt des Todes trifft uns ins eigene Fleisch. Da helfen keine eigenen Gedanken und auch kein Glauben an ein unbestimmtes Weiterleben weiter. Der Tod nimmt sich unser mit Haut und Haar an, lässt unserem sterblichen Leib keine Chance – Aus, Amen.

Zu schnell verabschiedet man sich in Sachen Christentum in ein Jenseits, wo sich alles Verlorene und Vergebliche scheinbar geistig und seelisch zurechtdenken lässt. Aber Jesu Worte lassen keine Ausflüchte zu, sie sind zudringlich für unser eigenes Leben: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. […] Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Im Unterschied zu Lebensmittel, die wir aufessen, deren Energie wir unserem eigenen Körper zuführen, verheißt uns Jesus in seinem Fleisch und Blut etwas ganz anderes – eine bleibende, leibliche Lebensverbindung: „Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Das ist ja gerade das Entscheidende: Wir können Leib und Blut Jesu nicht aufessen und verdauen. Denn dann wäre ja Jesus uns nicht länger gegenwärtig. Beim Abendmahl mit Brot und Wein sagt sich Jesus Christus uns leibhaftig zu: Er verbindet sich mit unserem Leib, nimmt auch unser Leben in Leib und Blut für das ewige Leben bei Gott an. Die göttliche Lebensgemeinschaft ist eben keine Kopfgeburt, die uns in Fleisch und Blut der Vergänglichkeit überlässt.

Kommunion – ihr kennt das Wort, denkt vielleicht an den besonderen Gottesdienst für Neunjährige in der katholischen Kirche, wo diese zum ersten Mal die Hostie empfangen. Aber Kommunion heißt leibliche Gemeinschaft und Teilhabe, so wenn Paulus an die Korinther schreibt: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1Kor 10,16) Das Abendmahl macht uns zu Teilhabern am göttlichen Leben. Nicht in euren eigenen Gedanken seid ihr wirklich bei Gott, sondern am Tisch des Herrn, mit euren eigenen Händen dürft ihr begreifen, in eurem eigenen Mund dürft ihr es schmecken: Jesus Christus mit Leib und Seele für uns hingegeben.

Auf dem Bild „Abendmahl“ schaut der Künstler Harald Duwe dieser Wahrheit ins Auge, führt uns in drastischer Weise an das Geheimnis des Glaubens heran: Christus liefert sich mit Fleisch und Blut uns Menschen aus, damit wir in Fleisch und Blut zum ewigen Leben bei Gott bestimmt sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Literatur: Alexandra Axtmann, Säkularisierte Abendmahlsdarstellungen als Skandal an Beispielen von Harald Duwe und Matthias Koeppel, in: Kunst und Politik. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft, Bd. 14: Kirche und Kunst. Kunstpolitik und Kunstförderung der Kirchen nach 1945, herausgegeben von Regine Hess, Martin Papenbrock und Norbert Schneider, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress 2012, S. 27-41.