Archive for the ‘Eigene Texte’ Category

Wenn die Braut mit ihrem Vater in die Kirche einzieht … Von der Neuinszenierung der altgermanischen „Muntehe“ bei kirchlichen Trauungen

7. Oktober 2017

In Luthers Traubüchlein für die einfältigen Pfarrherrn von 1529 werden Pfarrer über den Ablauf der Trauung wie folgt instruiert:

Vor der Kirche (sie) trauen mit solchen Worten:
Hans, willst Du Greta zum ehelichen Gemahl haben?
Er soll antworten: Ja.
Greta, willst Du Hans zum ehelichen Gemahl haben?
Sie soll antworten: Ja.
Hier lasse sie die Trauringe einander geben, und füge ihre beiden rechten Hände zusammen und spreche: »Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden« (Matth. 19, 6).
Darauf spreche er vor allen insgemein: Weil denn Hans N. und Greta N. einander zur Ehe begehren, und dies hier öffentlich vor Gott und der Welt bekennen, worauf sie die Hände und Trauringe einander gegeben haben, so spreche ich sie ehelich zusammen, im Namen des Vaters, des Sohns und des heiligen Geists. Amen.

Der von der Pfarrerin am Brautportal erfragte Konsens der Brautleute stiftet die Ehe. Im Anschluss daran zieht das neuvermählte Ehepaar gemeinsam zum Gottesdienst in das Kirchengebäude ein. Diese ehepartnerliche Form entspricht dem Grundsatz römischen Eherechts consensus facit nuptiam, der in Mitteleuropa durch die Kirche eingeführt worden ist.

Was wir gegenwärtig bei kirchlichen Trauungen – egal ob evangelisch oder katholisch – mitunter erleben, ist die symbolische Rückkehr in die altgermanische „Muntehe“. Durch englischsprachige Filme und Fernsehübertragungen royaler Hochzeiten ist ja mittlerweile die angloamerikanische Form des Einzugs auch bei uns populär geworden: Die Braut zieht mit dem Brautvater in die Kirche ein. Dieser überreicht seine Tochter dem Bräutigam, der vor dem Altar steht. Dieser Brauch geht auf das germanische „Muntehe“ zurück. Demzufolge verfügt der Brautvater über seine Tochter. Er entscheidet, wem seine Tochter zur Ehe zugeführt werden soll (so wie dies ja Laban mit seinen Töchtern Lea und Rachel gegenüber Jakob in 1. Mose 29,20-30 getan hat). Durch den Akt der Übergabe geht die „Munt“, d.h. die Vormundschaft über die Braut vom Brautvater auf den Bräutigam über. Da darf man zu Recht beim Brautpaar nachfragen, ob diese Symbolik für das eigene Eheverständnis angebracht sein kann. Leben zudem beiden Brautleute bereits über längere Zeit zusammen, ist eine väterliche Zuführung der Braut zum Bräutigam auch rituell verfehlt.

Sicherlich kann eine Braut eine besondere emotionale Beziehung zu ihrem Vater geltend machen, die im gemeinsamen Einzug zum Ausdruck kommen soll. Aber da ließe sich nachfragen, warum einer Bräutigammutter die Peformanz ihrer emotionalen Sohnbeziehung in der Kirche verweigert wird. Und möglicherweise hat ja die Mutter der Braut auch ihre Probleme mit Loslassen.  Dass Bräute sich (traditionsfremd) den Einzug mit ihrem Vater und nicht dem Bräutigam wünschen, mag mitunter einen ganz anderen Grund haben: Ist der Bräutigam nicht an ihrer Seite, erhält die Braut die ungeteilte  Aufmerksamkeit für ihren hochzeitlichen Erstauftritt auf dem kirchlichen Laufsteg.

Was jedoch bei einer kirchlichen Trauung durchaus gezeigt werden darf, ist die familiäre Verbindung der beiden Brautleute. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass die Pfarrerin vor dem Trauversprechen die Brautleute zu einem Dank an die Eltern einlädt. Diese erheben sich daraufhin von ihren Stühlen, gehen auf ihre Eltern in der Kirchenbank zu und erweisen ihnen mit eigenen Worten oder Gesten ihren Dank.

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Zur Ethik und Durchführung eines Abistreichs

7. Oktober 2017

Der Abistreich ist eine Aktion von vormaligen Schülerinnen und Schülern (Abiturienten), die nicht länger der schulischen Disziplinargewalt unterstehen. Der Streich suspendiert symbolisch die schulische Disziplin bzw. Hierarchie zur Freude der verbleibenden Schüler­innen und Schülern, indem Schulleitung wie auch dem Lehrerkollegium „subversive“ Dinge und Handlungen zugemutet werden. So lässt sich der Abitur-Streich mit Narrenaktionen am Gumpigen (schmutzigen) Donnerstag – Stürmen des Rathauses, Abschnei­den der Krawatten der Vorgesetzten – vergleichen – mit einem gravierenden Unterschied, dass der Abistreich nämlich keinem festen Ritual folgt und darin riskant ist.

Was der Abistreich nicht ist:

  1. persönliche Rachemaßnahme oder Vergeltung gegenüber Schulleitung oder einzelnen Lehrern
  2. „Freinacht“ für Sachbeschädigung, Vandalismus und Verunglimpfungen

Für die ethisch vertretbare Durchführung eines Abistreiches (wider die Schulordnung!) ist Folgendes zu beachten:

  1. Es dürfen keine Sachbeschädigungen vorgenommen werden. Das heißt die Wiederher­stellung des ursprünglichen Zustands darf keine Reparaturarbeiten erfordern. Tem­poräre Verunreinigungen sind so zu halten, dass dem schulischen Personal, insbeson­dere Hausmeisterinnen und Reinigungskräften keine Überstunden zugemutet werden. Dies bedarf vorab einer entsprechenden technischen Klärung durch sachkun­dige Personen.
  2. Sprachliche Äußerungen und symbolische Aktionen, die auf konkrete Personen zielen (und witzig sein wollen), dürfen nicht die betreffenden Personen beleidigen oder ver­un­glimpfen. Es empfiehlt sich für Abiturienten, ihre Planungen schulneutralen und urteilsfähigen Personen vorzustellen, um eine Einschätzung zu erhalten, wie der geplante Streich falsch ankommen könnte.
  3. Abistreiche können mitunter „gehackt“ werden, indem schulfremde Personen oder aber andere Ex-Schüler die Nacht davor zum Anlass nehmen, Sachbeschädigungen oder verbale „Abrechnungen“ vorzunehmen. Derartige Aktionen fallen unweigerlich auf die „streichverantwortlichen“ Abiturienten zurück. Es ist daher angebracht, dass Abiturienten, von denen die Durchführung eines Abistreichs erwartet wird, in der Nacht und am Morgen vor dem Streich persön­lich einen Wachdienst für das Schulge­bäude organisieren und damit sicher­stellen, dass nur ihre geplante Aktion zum Zuge kommen kann.

Ein Abistreich hat nicht nett und harmlos zu sein. Er darf Zumutungen und Herausforde­rungen enthalten, die uns alle daran erinnern sollen, dass Menschen, die sich an einer Schule in definierten Rollenverhältnissen begegnen, letztendlich in ihrer je eigenen Würde einander ebenbürtig sind und keiner von uns das letzte Wort über einen anderen Menschen hat.

Eritis Sicut Dii – Yuval Noah Hararis Homo Deus und die Hoffnungslosigkeit des liberalistischen Theologieprojekts

6. Oktober 2017

Homo Deus“ – was für ein Barbarismus, wenn es um einen Gattungsnamen in der Nachfolge des Homo sapiens geht. Hararis gleichnamiges Buch ist eine FortSchreibung der Menschheitsgeschichte, die es in sich hat. Im genealogischen Erzählmodus gehalten weiß sie nämlich die theanthropische Aufhebung des „Humanismus“ als Menschheitsideologie in plausibler Weise zu prognostizieren. Medizinische Unsterblichkeitstherapie, kapitalistisches Glücksprojekt auf biochemischer Basis und biotechnologisches Upgrade rücken das schlangensprüchliche „sicut eritis dii“ aus dem Paradiesgarten in die nicht mehr allzu ferne Zukunft. Diese evolutionäre Vergöttlichung hat jedoch eine Aufhebung des angestammten Menschseins (humanum) zur Folge.

Hararis Prognose lässt idealistischen Menschheitsträumen keinen Raum. Auch liberalistische Theologieprojekte – egal ob Made in Munich oder Made in Medellín – erscheinen da als hoffnungslos antiquiert. Was uns Theologen wirklich anzusagen bleibt ist die Apokalyptik, selbst wenn sie den „Kindern dieser Welt“ unrealistisch erscheinen muss: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat.“ (1Korinther 15,20-24)

Dein NAME zerbricht das Glashaus undurchsichtiger Gedanken

28. August 2017

© Klicker / PIXELIO

Mit meinem Denken stelle ich mich Dir entgegen.
Vernünftig suche ich Dich zu begreifen.
Doch Dein NAME zerbricht das Glashaus undurchsichtiger Gedanken.
Blut an den Händen – es ist nicht meins.

Zustand oder Geschehen – worin „katholisch“ und „evangelisch“ sich möglicherweise entscheidend unterscheiden (und warum der liberale Protestantismus nicht dem Evangelium, sondern einem selbstbewussten Zustand glaubt)

17. August 2017

Gründonnerstagsabendmahl

Das ist eine Versuchung, den entscheidenden Unterschied zwischen Katholischem und Evangelischen zu markieren. Allzu schnell wird dazu protestantischerseits die individuelle Freiheit beschworen, als habe Martin Luther nie die Unfreiheit des Willes bzw. die Dialektik von Freiheit und Knechtschaft in seiner Freiheitsschrift gelehrt. Nein, man darf nicht das Selbstverständnis eines protestantischen Bürgertums zum Maßstab nehmen, das sich selbstbewusst einem selbstimaginierten Katholizismus überlegen fühlt.

Wenn der wirkliche Unterschied zwischen evangelisch und (römisch-)katholisch benannt sein will, dann nur auf der gemeinsamen Basis, nämlich den altkirchlichen Lehrbekenntnissen, die ja gerade auch für Martin Luther unbedingt gültig sind, so beispielsweise in seiner Schrift „Wider Hans Worst“ von 1541: „Niemand kann das leugnen, dass wir das Apostolische Glaubensbekenntnis, den alten Glauben der alten Kirche, in allen Dingen gleich mit ihr halten, glauben, singen, bekennen, nichts Neues drinnen machen noch zusetzen. Damit gehören wir in die alte Kirche und sind einerlei mit ihr.“ oder aber in „Die drei Symbole oder Bekenntnisse des Glaubens Christi, in der Kirche einträchtiglich gebraucht“ von 1538: „Ich habe in allen Geschichten der ganzen Christenheit erfahren und gemerkt, dass alle diejenigen, die den Hauptartikel von Jesus Christus recht gehabt und gehalten haben, fein und sicher in rechtem christlichen Glauben geblieben sind. Und ob sie sonst daneben geirret oder gesündigt haben, sind sie doch zuletzt erhalten worden. Denn wer hierin recht und fest stehet, dass Jesus Christus rechter Gott und Mensch ist, für uns gestorben und auferstanden, dem fallen alle anderen Glaubensartikel zu und stehen ihm fest bei.

Auf der gemeinsamen Grundlage des altkirchlichen Bekenntnisses kommt es jedoch – ursprünglich beim Beichtinstitut und später als Rechtfertigungslehre gefasst – bezüglich des Menschenheils zur entscheidenden Unterscheidung, nämlich zwischen Zustand und Geschehen. Evangelisch gesprochen ist Heil kein gnadengewirkter menschlicher Zustand, sondern göttliches Geschehen am Menschen. Das Christusgeschehen – die Menschwerdung des Gottessohns, der stellvertretende Sühnetod Jesu am Kreuz und seine leibliche Auferstehung aus dem Grab – wird im Evangelium auf unseren Glauben hin zugesagt, womit dieses Geschehen uns wirklich zum Heil geschieht. Am Kreuz Christi ist es um unserer Sünde vor dem dreieinigen Gott geschehen. Dieses Erlösungsgeschehen kann immer nur als wirksame Verheißung (promissio) auf Glauben hin zugesagt werden, nicht aber zu einem menschlichen Heilszustand entäußert werden. Weder in einer Selbstdiagnose noch in einer pastoralen Heilsdiagnose ist menschliches Seelenheil objektiv festzustellen. Man muss sich vielmehr selbst unter dem Gesetz dem HERR Gott gegenüber verloren geben.

Im Evangelium wird mir das Christusgeschehen performativ neu zugesprochen, und im Altarsakrament werden mir in Brot und Wein Leib und Blut Christi zum Heil gereicht, was wiederum gemeinschaftlich in der Kirche zu geschehen hat. In Fortführung des Geschehensprimats wird denn auch Kirche nicht als Heilsanstalt verstanden, sondern erweist sich im Wort- und Sakramentsgeschehen als leibliche Versammlung (vgl. CA 7).

Wo Heilwerdung – an Stelle einer zu geschehenden Zusage – als operationalisierbarer Trans­formationsprozess im Menschen verstanden wird, ist das Kreuzesgeschehen in eine verheißungslose Vergangenheit zurückgenommen. Es sind menschliche Heilszustände denk- und annehmbar, die das Kreuz Christi als Geschehen in der Vergangenheit auf sich beruhen lassen können. Wer sich im Zustand des eigenen Seelenheils wähnt, lässt das Kreuz Christi hinter sich.

Nimmt man die römisch-katholische Kirche als hierarchisch verfasste Rechtsgemeinschaft mit Sakramentenlehre und kanonischem Recht in den Blick, dann ist eine zustandsorientierte Heilsorganisation trotz christologischer Rückbindung nicht von der Hand zu weisen. So heißt es in der maßgeblichen dogmatischen Konstitution Lumen Gentium des Zweiten Vatikani­schen Konzils:

„Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche … hier auf Erden als sichtbares Gefüge errichtet (constituit) und erhält sie als solches unablässig; durch sie gießt er Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft (societas) aber und der mystische Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei Dinge zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst. … Wie … die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, Ihm unauflöslich geeintes Heilsorgan dient, (so) dient auf eine nicht unähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt zum Wachstum seines Leibes. … Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen, … Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft (societas) gestiftet (constituta) und geordnet (ordinata), ist erhalten in (subsistit in) der katholischen Kirche, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird …“ (LG 8)

Der römisch-katholische Lehren nach ist Kirche kein wortgestiftetes Versammlungsgeschehen, sondern eine hierarchisch geordnete Rechtsgemeinschaft, die den Gläubigen in einer ver­pflichtenden Gefolgschaft sakramental bewirkten Anteil am göttlichen Heil gerichtsbeständig gewähren soll. Noch immer werden in der römisch-katholischen Kirche Unheilszustände lehramtlich definiert, beispielsweise in einer regulierten Sündendiagnostik, wo bezüglich menschlichem (Fehl-)Verhalten festgestellt wird, ob es sich um heilsverlustige schwere Sünde oder aber nur um eine lässliche Sünde handelt. Und entsprechend dazu werden in der Sakramentenlehre operationale Transformationsprozesse lehramtlich vorgeschrieben, die bei den Gläubigen einen Heilszustand bewirken soll, der im Jüngsten Gericht Bestand hat. Die operationale Ausrichtung auf einen endgültigen Zustand des Menschen vor Gott verlangt, dass Zuständigkeiten und Zustandsveränderungsmöglichkeiten (potestas ordinis) definiert und reguliert werden müssen. Der definitive Anspruch, Heilszustände operational zu bewirken, führt freilich dazu, dass damit auch neue Heilsunsicherheit generiert wird, wie sich am Beispiel des Verstoßes gegen die Sonntagspflicht zeigen ließe.

Da ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts mit der liturgischen Wiederentdeckung des Pascha-Mysteriums in der römisch-katholischen Kirche das Christusgeschehen in einer verheißungsvollen Weise neu geltend gemacht worden. Und doch versucht das Lehramt – nicht die liturgische Praxis – dieses Geschehen auf den menschlichen Heilszustand hin zu definieren. Zustände und hierarchische Zuständlichkeiten versprechen objektive Gültigkeit, die Menschen die vermeintliche Sicherheit geben, es richtig gemacht zu haben. Anders die evangelische Lehre. Wirklich (und damit gültig) sind Heilszusage und sakramentales Handeln nicht durch eine statusbezogene Ermächtigung (im Sinne einer potestas ordinis) des jeweilige Sprechers, sondern indem sie evangeliums- bzw. stiftungsgemäß und damit an Christi statt geschehen (vgl. CA 7). Das göttlich gestiftete Predigtamt nach CA 5 fusioniert nicht etwa mit ordinierten Amtsträgern (als deren Status bzw. Habitus), sondern hält die Präsentation des Christusgeschehens im bleibenden Gegenüber zu den Gläubigen.

Da muss schließlich die Zustandsorientierung des liberalen Protestantismus zur Sprache kommen. Dieser will ja gerade nicht das Christusgeschehen für sich selbst geschehen lassen. Stattdessen werden in neuplatonischer Weise aus dem biblisch bezeugten Christusgeschehen höhere, menschheitsbeglückende Güter, Ideale oder Werte abstrahiert, die man sich mit der eigenen Vernunft selbst denken kann. Das Evangelium will man sich in der eigenen Religiosität nicht länger gesagt sein lassen. Stattdessen soll der erhabene Zustand des eigenen religiösen Selbstbewusstseins das eigene Seelenheil ausmachen. Insofern bezeugt dieser Protestantismus nicht das Evangelium Jesu Christi, sondern einen selbstbewussten Zustand: Wir sind so frei, wie wir es uns selbst denken können. Was man damit alles verlorengeben muss, will man vernünftigerweise nicht wahrhaben.

Hier mein Text als pdf.

„Mit allem, was not tut für Leib und Leben …“ – Warum die Wohlfahrtsstaatsgläubigkeit keine wirkliche Hoffnung birgt

29. Juli 2017
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Providentia Dei – Die Vorsehung Gottes. (Illustration aus Orbis sensualium pictus von Johann Amos Comenius, 1658)

„Mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väter­licher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit.“ So erklärt Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus Gottes Fürsorge bzw. Vorsehung gegen­über den Menschen und insbesondere den Gläubigen. Menschen verschaffen sich nicht selbst ihre Lebensgrundlage, sondern empfangen das Lebensnotwendige aus Gottes Hand.

 Wohlfahrtsgläubigkeit ersetzt Gottvertrauen

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in den Ländern mit den höchsten sozialstaatlichen Standards wie in Skandinavien, in den Niederlanden, aber auch in Deutschland die gesell­schaftliche Säkularisierung besonders ausgeprägt ist. Es ist nicht einfach nur eine intellek­tuelle „Aufklärung“, sondern die wohlfahrtsstaatliche Versorgung, die den Glauben an die göttliche Fürsorge in Frage stellt: Was wir zu unserem Leben unbedingt benötigen, steht uns von Rechts wegen als staatliche Leistung zu. Allenfalls für Lebenskrisen scheint es ein Gottvertrauen zu brauchen. Der Wohlfahrtsstaat ermöglicht Menschen über ihr eigenes Vermögen hinaus individuelle Lebensentscheidungen zu treffen, deren Kosten sich soziali­sieren lassen. Da die staatlichen Leistungen für den einzelnen auf gesetzlichen Rechtsan­sprüchen basieren, erübrigen sich – im Unterschied zur göttlichen Fürsorge – Dankbarkeit und eigenes Engagement (commitment). Der säkularisierte Vorsehungsglaube kennt gegenüber seinem „Wohltäter“ keinen verpflichtenden Zusatz „für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin“ (Kleine Katechismus). Viel freier glaubt man also ohne göttliche Fürsorge zu sein.

 Die Frage der Zukunft: Warum lässt der Staat das Übel zu?

Aber wird sich dieser säkulare Vorsehungsglaube dauerhaft halten können? Den Nachkriegs­generationen (zumindest in Westdeutschland) scheint der Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaat eine garantierte Selbstverständlichkeit zu sein. Man übersieht mitunter, dass sich dessen Existenz bestimmten kulturellen Bedingungen verdankt, genauer gesagt einer bürgerlichen Industrie­gesellschaft (das lateinische industria bedeutet „Fleiß“ und nicht etwa „Fabrikanlagen“). Diese „Fleißgesellschaft“ ist arbeitsteilig organisiert und dabei auf allgemeine außerhäusliche Erwerbstätigkeit ausgerichtet. Verliert sich die erwerbstätige Integration von Bevölkerungs­teilen, schwindet die gesellschaftliche Solidarität. An ihre Stelle tritt die Segregation, d.h. die Trennung von Bevölkerungsgruppen aus religiösen, ethnischen oder sozialen Gründen, die ein staatlich garantiertes Gemeinwohl hinfällig werden lässt. An Stelle der Theodizee-Frage – „Warum lässt Gott das Übel zu?“ – heißt es dann politisch zu fragen: „Warum lässt der Staat das Übel in unserer Gesellschaft zu?“ bzw. „Warum lässt der ‚Westen‘ das Übel in der Welt zu?“ Vermessene Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Was bleibt sind Resignation und Pessimismus.

Eine Hoffnung, die bleibt

Im Unterschied zum Evangelium birgt der säkularisierte Vorsehungsglaube für Menschen keine bleibende Verheißung. Für uns Christen heißt es immer noch: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2. Petrus 3,13) Als „Weltfremdlinge“ sind wir vom Evangelium herausgefordert: „Jesus hat, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tors gelitten. Lasst uns also vor das Lager hinausziehen zu ihm und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Durch ihn wollen wir Gott allezeit als Opfer ein Lob darbringen, das heißt die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Vergesst nicht, einander Gutes zu tun und an der Gemeinschaft festzuhalten, denn an solchen Opfern findet Gott Gefallen.“ (Hebräer 13,12-16 Zürcher)

Unfreiwillig und ungezwungen – der Glaube, das Evangelium und die guten Werke

16. Juli 2017

Luthers Auslegung des dritten Glaubensartikels aus seinem Kleinen Katechismus hat es in sich: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“

Verkürzt ausgesprochen heißt es da: Ich glaube, dass ich selbst nicht glauben kann. Mein Glaube an Jesus Christus ist nicht freiwillig. Er beruht weder auf meiner eigenen Entscheidung noch auf meiner persönlichen Einsicht, sondern verdankt sich dem Heiligen Geistes, der im Evangelium an mir selbst wirkt. Weil dieser Glaube mir Vertrauen (fiducia) in Jesus Christus ist, geschieht er mir Sünder recht und hält mich im Leben wie im Sterben beim dreieinigen Gott.

Das macht nämlich wahres Vertrauen aus: ein Geschehen, das mir zugutekommt. Ich ent­scheide eben nicht, ob und wem ich wirklich vertraue, sondern lebensentscheidendes Gesche­hen lässt mich vertrauen. Sollte ich jedoch meinen Glauben im Sinne einer eigenen Glaubens­entscheidung verstehen, wäre ich im Glauben selbst am Werk und müsste ihn durch weitere Schritte des Glaubens mir jeweils neu rechtfertigen. Eine eigene Glaubensentscheidung sucht sich aktiv zu bewahrheiten. Andernfalls wäre der eigene Glauben mit der Zeit verwirkt.

Telelestaies ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Glaube an Jesus Christus gilt dem passio­nierten Geschehen am Kreuz: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschla­gen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,4-5)

Jesus Christus ist als der eine Herr zu bekennen, „durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1Korinther 8,6). Er lässt sich im Glauben nicht persönlich vereinnahmen. Sein Kreuzestod ist kein Heilswerk, das ich mir zu eigen machen kann, indem ich Jesu Hingabe als Opfer für mich gläubig annehme. Wer meint, Jesus Christus als Herrn und Heiland für sich selbst angenommen zu haben, verfehlt das bleibende Gegenüber des Kreuzes.

Ich kann Jesu Tod für mich nichts abgewinnen, sondern werde vielmehr im Glauben seiner Hingabe ausgeliefert. In seinem Tod ist es um mich als Sünder geschehen. Was mir zu meinem Heil zugesagt ist, verdankt sich allein göttlicher Wirklichkeit in Jesus Christus, „welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt“ (Römer 4,25).

Nun wäre es ein großes Missverständnis, die unfreiwillige Passivität des Glaubens apathisch zu verstehen, als spiele es für unser Heil keine Rolle, ob man Jesus als Herrn zu bekennen weiß und an dessen göttliche Auferweckung von den Toten zu glauben vermag (vgl. Römer 10,9f). Ganz im Gegenteil: Wer nicht mit seinem Mund bekennt, dass Jesus Herr ist und wer nicht in seinem Herzen glaubt, dass ihn der Gott von den Toten auferweckt hat, dem kann kein göttliches Heil zugesagt werden. Wer nicht selbstbewusst glaubt, „dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat“ (Auslegung des zweiten Glaubensartikels im Kleinen Katechismus), findet sich nicht in der Gegenwart des dreieinigen Gottes wieder.

Unser Glaube an Jesus Christus ist keine passive Kenntnisnahme der Geschichte (notitia historiae – vgl. CA 20), sondern leidenschaftliche Widerfahrnis des Evangeliums im Heili­gen Geist. Und diese Widerfahrnis kann nicht innehalten und auf sich beruhen, sondern ent­äußert sich in guten Werken. Da diese caritativen Werke anderen Menschen, die mir als Nächste begeg­nen, zugutekommen, vermag ich damit für mich selbst nichts zu bewirken. In ihnen nehme ich am Leben des anderen teil (compassion), ohne dass ich diese Anteilnahme für mich selbst rückgewinnen kann.

Hier der Text als pdf.

Gesinnungsethik als protestantische Selbstrechtfertigungslehre

8. Juli 2017

Maiestas Domini aus der Apsis von San Clemente (Ausschnitt)

Evangelische Rechtfertigungslehre ist ein unverschämtes Glaubensbekenntnis:

„Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Men­schen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, son­dern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Ster­ben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.“

Dieser elend lange Satz aus Martin Luthers Kleinen Katechismus ist der evangelische Schlüs­selsatz. Ohne die Menschwerdung des Gottessohnes, ohne sein stellvertretender Tod am Kreuz und ohne seine Auferstehung von den Toten ist keine Rechtfertigung des Sünders im Gottesgericht zu erhalten.

Unerhört, unglaublich unvernünftig scheint dieses Glaubensbekenntnis zu sein – kein Wun­der, dass eine ganz andere, viel eingängigere Rechtfertigungslehre von Kanzeln, Kathedern und Schreibtischen aus propagiert wird, nämlich die protestantische Gesinnungsethik als „ver­nünftige“ Selbstrechtfertigungslehre.

Das protestantische Verständnis des Evangelisch-Seins hält sich nicht länger an die Glaubens­artikel. Stattdessen spricht sich die eigene Unbestimmtheit als ein „wir sind so frei“ aus: Wer „evangelisch“ ist, muss nicht das glauben oder das tun, was in der römisch-katholischen Kirche gilt. Er ist vielmehr in seinem Gewissen innerlich und äußerlich frei. So hat es ja schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in seiner Rechts­philosophie gelehrt: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“

Die selbstbestimmte Freiheit kann freilich nicht in einem antagonistischen Naturzustand gehalten sein, sondern bedarf einer subjektiven Gesinnungsgüte. Zur Rechtfertigung der eigenen Freiheit muss das Gewissen der (platonischen) Idee des bedingungslosen Guten verpflichtet sein. Nur wer sich selbst das höchste Gut (summum bonum) denken kann, ist in seiner individuellen Freiheit sich selbst gerechtfertigt.

Was man sich protestantisch scheinbar sparen kann, sind Glaube, Gehorsam, Gottesdienst und Gemeinschaft. Es kommt nicht wirklich auf einen selbst an; allein die „reine“ (und wahre) Gesin­nung zählt. Mit ihr weiß man sich auf der richtigen Seite der Geschichte. Da will man sich auch nicht länger dem hilfsbedürftigen Nächsten zum Knecht machen, wie Luther dies in seiner Freiheitsschrift einfordert, sondern beansprucht für die eige­ne Gesinnungsgüte die staatliche Wohlfahrt, wenn nicht gar den „Westen“ als weltmoralischen Agenten. So lässt der Protestantismus nicht die Stellvertretung Christi, wohl aber die Stellvertretung des Wohlfahrtstaates zur Heilsverwirklichung gelten.

Unbeschadet aller politischen Verwerfungen und Konfliktkonstellationen muss für den ideologischen Protestantis­mus die eigene Gesinnungsethik auf Dauer Recht behalten. Andernfalls wäre man mit der eigenen Selbstrechtfertigung am Ende und müsste schlussendlich doch noch mit dem Apostel Paulus darauf hoffen und glauben, dass Christus auferweckt ist „von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Hier der Text als pdf.

„Jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt“ (1. Korinther 13,12) – unser Leben im göttlichen Kaleidoskop

7. Juli 2017

Als Kinderspielzeug gilt das Kaleidoskop, das kleine Rohr mit einem Guckloch am einen und der Ansammlung von farbigen Glasplättchen am anderen Ende. Dazwischen befindet sich ein prismatischer Innenspiegel, der die Plättchen mehrfach wiederspiegelt. Im Licht betrachtet wird so ein symmetrisches, farbintensives Muster sichtbar. Dreht man dann noch das Kaleido­skop, verändert sich das jeweilige Farbmuster und lässt den Betrachter neu staunen.

Was sich im eigenen Leben mit der Zeit an Ereignissen aufwirft, mag mitunter willkürlich erscheinen: „Warum ist mir das passiert? Das macht doch keinen Sinn.“ In einer tiefen Lebenskrise steht mancher vor einem Scherbenhaufen. Wahrlich kein Kinderspiel, Vertrauen neu zu finden. Da kann uns das Kaleidoskop Sinnbild für die göttliche Vorsehung sein. Was der dreieinige Gott mit seiner Liebe widerspiegelt, macht nicht vor den dunklen Seiten im mir selbst halt. Seine Kreuzesgnade zeigt über meine Sünde hinaus ein tiefsinniges Lebensmosaik, mit dunklen wie auch hell leuchtenden Farben, mit der Farbe Rot für die Leidenschaft und das Leiden, mit Violett für Einsicht und Umkehr, mit Grün für das Wachstum und die Hoffnung, mit Blau für die tiefe Erkenntnis und schließlich mit Gold für das himmlische Licht.

Im Licht des menschgewordenen Gottessohnes fügen sich Bruchstücke meines Lebens zusammen. Wo im Rückblick auf den eigenen Lebensweg die göttliche Spur gefunden worden ist, haben verpasste Gelegenheiten, bittere Enttäuschungen, offene Wunden wie auch offene Rechnungen nicht das letzte Wort. Passend schreibt dazu der Apostel Paulus: „Jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.“ (1Korinther 13,12)

So können wir mit folgenden Worten zum vertrauensvollen Gebet finden: „In Deinem Licht siehst Du mich, / hast mich erkannt, / bei meinem Namen genannt. / Du kennst mein Herz, Dank und Schmerz, / es liegt vor dir offen, Herr. / Mein ganzes Sein, tagaus, tagein, / ergibt nur Sinn, wenn ich nicht jemand anderes bin. / Wie du mich siehst und was du in mir liebst, / das will ich sein und nur das allein“. (Martin Pepper).

Wie die Reformation vielen Völkern eine eigene Schriftsprache ermöglicht hat

5. Juli 2017

Slowenische Ein-Euro-Münze mit dem Bildnis Primož Trubars

Dass das Porträt eines evangelischen Theologen, Primož Trubar (1508-1586), die Rückseite der slowenischen Ein-Euro-Münze ziert und in Slowenien der Reformationstag am 31. Okto­ber als nationaler Feiertag begangen wird, verwundert. Weniger als ein Prozent der Bevölke­rung Sloweniens gehören nämlich der evangelischen Kirche an. Und dennoch kommt Trubar maßgeblicher Anteil an der Begründung der nationalen Identität Sloweniens zu. Während seines langjährigen Aufenthaltes im süddeutschen Exil (Rothenburg ob der Tauber, Kempten und Tübingen) hat er einen Catechismus in der Windischenn Sprach (1550) abgefasst und zudem die Psalmen (1566) und das Neue Testament (komplett 1582) in das Slowenische übersetzt. Mit diesen Werken wurde die slowenische Schriftsprache geschaffen.

Was man kaum weiß: Die Reformation und die aus ihr entstammenden Kirchen und Missio­nen haben weltweit eine Vielzahl von Schriftsprachen bewirkt oder zumindest maßgeblich beeinflusst. Martin Luthers Übersetzung der Bibel in das Deutsche hat sich über die Jahrhun­derte hinweg als pfingstähnliches Sprachwunder ausgewirkt. Gottes Wort ist nicht nur in den drei Sprachen der „INRI“-Kreuzesinschrift, nämlich Hebräisch, Griechisch und Latein (Johan­nes 19,19-20), sondern in jeder anderen Volkssprache zu hören und will daher – im Unter­schied zum Koran – übersetzt sein. Die evangelische Verbreitung von volkssprachlichen Bibelübersetzungen stieß freilich auf den Widerstand der römisch-katholischen Kirche, wo bis ins 19. Jahrhundert Laien der Besitz und das Lesen volkssprachlicher Bibeln sowie deren Herstellung und Verbreitung faktisch verboten waren.

Für die evangelische Missionsbewegung war es von Anfang an ein missionarisches Gebot, die Bibel in die jeweilige Volkssprache zu übersetzen. Wo Völker nicht über eine eigene etab­lierte Schriftsprache verfügten, mussten für den bibli­schen Überset­zungsauftrag – wie im Slowenischen – mitunter eigene Schriftsprachen erst geschaffen wer­den. Vor allem außerhalb des europäischen Kulturkreises in Afrika, Latein­amerika, Zentralasien, Südostasien sowie in Ozeanien verdankt sich die Mehrzahl der dortigen Schriftsprachen einer Bibelübersetzung in die jeweilige Muttersprache.

Bibel in der Sprache der Konyak (Naga-Stamm in Nordostindien)

Entgegen dem gängigen Vorurteil hat sich die christliche Mission durch ihre Übersetzungs­leistung nicht als kulturzerstörerisch, wohl aber als kulturverändernd erwiesen. Die eigens geschaf­fene Schriftsprache wurde für viele indigenen Völkern zum maßgeblichen Kultur­träger, ermög­lichte sie doch, die alten mündlichen Erzähltraditionen zu verschriftlichen und selbst litera­risch tätig zu werden. Der langfristige Einfluss von Bibelübersetzungen für die weltweite Bewahrung indigenen Kulturerbes kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden.