Archive for the ‘Eigene Texte’ Category

„Gottes Wort vertraut sich uns durch den Heiligen Geist an – das ist unser Glaube“ – Von Glaube, Prädestination, Heil und Verdammnis

1. Dezember 2017

Wie lässt sich der rechtfertigende Glaube an das Evangelium Jesu Christi verstehen? Gilt er als frei­willige Glaubensentscheidung, die Menschen sich selbst zuschreiben, wäre schlussend­lich das göttliche Werk der Versöhnung bzw. Erlösung in Jesus Christus vom menschlichen Werk des Glaubens abhängig, um wirklich zu sein. In Luthers Auslegung zum dritten Glaubensartikel aus dem Kleinen Katechismus heißt es hingegen:

„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuch­tet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben“.

Ich glaube, dass ich nicht glauben kann. Mit diesem Paradoxon wird menschlicher Heilsglaube als göttliches Werk bestimmt. Der Heilige Geist schafft durch das Evangelium den Heilsglauben. Damit ist keine menschliche Heilsentscheidung, sondern ein menschliches Heilsvertrauen angesprochen. Man könnte dabei sagen: Gottes Wort vertraut sich uns durch den Heiligen Geist an – das ist unser Glaube. Das Evangelium schafft das Vertrauen in die göttliche Gerechtigkeit zu unserem Heil.

Daran schließt sich unweigerlich die Frage nach dem freien Willen an. In dem maßgeblichen evangelischen Lehrbekenntnis, dem Augsburger Bekenntnis wird in Artikel 18 festgehalten:

„Vom freien Willen wird so gelehrt, daß der Mensch in gewissem Maße einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar zu leben und zu wählen unter den Dingen, die die Ver­nunft begreift. Aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geistes kann der Mensch Gott nicht gefallen, Gott nicht von Herzen fürchten oder an ihn glauben oder nicht die angeborenen, bösen Lüste aus dem Herzen werfen, sondern dies geschieht durch den Heiligen Geist, der durch Gottes Wort gegeben wird. Denn so spricht Paulus: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes“ (1. Kor 2,14).“

In zwischenmenschlichen Beziehungen haben Menschen von einem freien Willen auszu­gehen, so dass sie als verantwortlich Handelnde zu behandeln sind (und nicht als willenlose Marionetten). Bezüglich des Heils bei Gott kann es jedoch keine freien „Selbstbestimmungs­willen“ geben. Ist Heil nicht durch menschliche Entscheidung zu erhal­ten, sondern gottge­geben, müsste man von göttlicher Vorbestimmung (Prädestination) spre­chen. Der Gott hat uns durch das Evangelium Jesu Christi im geistwirkten Glauben zum Heil bestimmt. Auf diese Erwählung dürfen wir im Leben und im Sterben vertrauen – mit den Worten Paulus ge­sprochen:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbe­stimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ (Röm 8,28-30)

Reflektiert man – ganz menschlich – diese Vorbestimmung außerhalb der unbedingten Heils­zusagen des Evangeliums und damit außerhalb Gottes Wortes auf einen göttli­chen Willen, muss dieser Wille als willkürlich erscheinen. Denn ohne die Gegenwart von Gottes Wort können Menschen sich nur eine abstrakte Wahl vorstellen, als schwebe eine göttliche Hand über der Menschheit und würde nach eigenem Gutdünken Menschen für sich auswählen. Das „Gutsein“ der Erwählten wäre in der Wahrnehmung der Menschen kein moralischer Qualitäts­zustand (als „guter“ Mensch mit guten Werken), sondern wäre – als Vorherbestimmung des menschlichen Lebens zum ewigen Heil durch den irdischen Lebensweg hindurch – nichts anderes als eine Zufalls- oder Willkür­entscheidung Gottes: Die „beguteten“ Menschen sollen grundlos zum Heil bestimmt sein, die ande­ren jedoch nicht. In der Konsequenz dieser göttli­chen „Will­kürlichkeit“ würde sich das menschliche Vertrauen in Gott verlieren. Denn dieser würde ja in willkürlichen Auswahl den Menschen – ob erwählt oder verworfen – keine Ge­rechtigkeit erweisen. Hielt man sich als Christ dennoch an diesen Gott, bestünde für das eige­ne Gewissen eine unüber­windbare (Prädestinations-)Anfechtung.

Aus dieser reflexiven Aporie (Ausweglosigkeit) führt nur ein Weg heraus: Christen haben den Gott beim Wort zu nehmen. In seinem Wort – dem Evangelium Jesu Christi – zeigt sich seine heilschaffende Gerechtigkeit (vgl. Röm 1,16f), nicht aber in einem unerforschlichen göttli­chen Willen bzw. Ratschluss (vgl. Röm 9,11-23). Die Heilszusage in Jesus Christus ist nicht auf einen gött­lichen Willen (oder Unwillen) spekulativ zu hinterfragen. Die Heilszusage kann nicht auf eine wortlose Heilsbestimmung hintergangen werden. Durch ein Hinter­fragen wird vielmehr dem eigenen Misstrauen Vorschub geleistet. Um es mit einer zwischenmensch­lichen Beziehung zu verglei­chen: Wo Worte, bei­spielsweise Liebeserklärungen, auf den „wirkli­chen“ Willen hinterfragt werden („Liebst du mich wirklich?“), können diese Worte nicht län­ger Vertrauen schaffen oder behalten.

Jenseits des Vertrauens in die Zusage der göttlichen Gerechtigkeit in Jesus Christus gibt es für Christen keine Heilsgewissheit. Umgekehrt können Christen anderen Menschen das Heil in Jesus Christus nur zu- aber nicht absprechen, heißt es doch bei Paulus im Römerbrief: „Worin du den andern richtest, ver­dammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.“ (Röm 2,1; vgl. Mt 7,2; bzw. 1Kor 4,5).

Das christliche Zeugnis kann in der Verdammung von anderen keine Geltung finden, sondern allein im Evangelium. Da lässt sich einem Glaubensfremden gegenüber durchaus bezeugen: Außerhalb des Gotteswortes wie auch außerhalb des Glaubens an Jesus Christus sehe ich weder für mich noch für dich Erlösung von den Sünden bzw. Rettung im Jüngsten Gericht. Deshalb ist es für Christen unbedingt geboten, dass ihnen Gottes Wort immer wieder neu als Zusage gegenwärtig ist und dass sie anderen gegenüber dieses Heilswort auf den rechtfertigenden Glauben hin bezeugen.

Hier mein Text als pdf.

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Die maßvolle Unterscheidung (discretio)

30. November 2017

Unter dem Begriff „Diskretion“wird im allgemeinen Zurückhaltung bzw. Verschwiegenheit bezüglich anvertrauten Informationen verstanden. Das lateinische discretio steht jedoch für Unterscheidung bzw. Urteilsvermögen. Die monastische Tradition hat die discretio als Tugend hervorgehoben und versteht darunter vor allem das situative Unterscheidungsver­mögen beim Maß-geben und Maß-setzen, das den einzelnen Menschen mit seiner individuellen Bedürfnissen und Veranlagungen berücksichtigt[1]. Benedikt von Nursia hat die discretio als „Mutter der Tugenden (mater virtutum)“ bezeichnet und sie besonders dem Abt eines Klosters anempfohlen[2]. Für die Leitung einer häuslichen Klostergemeinschaft, die auf der Grundlage einer schriftlichen Regel geschieht, ist in der Tat das situative Unterscheidungsvermögen wesentlich. Der Abt hat seinen einzelnen Klosterbrüdern mit deren je eigenen Physis und Psyche gerecht zu werden, ohne die Regelbindung preiszugeben. Wenn beispielsweise in der Benediktus-Regel 39 zwei gekochte Mahlzeiten am Tag als ausreichend angesehen werden, liegt es im Ermessen des Abtes, bei einer härteren Tagesarbeit einzelnen Mönchen „etwas mehr zu geben, wenn es guttut.“[3] Der Abt bedarf eines situativen Unterscheidungsvermögens, dem einem Mönch mit gutem Grund mehr zukommen zu lassen als den anderen. Kann er nämlich die Erhöhung der Tagesration nicht als Ausnahme rechtfertigen, wird er diese Lei­stung anderer Klosterbrüdern kaum verweigern können. Dadurch würde aber die Regel, der zufolge Übersättigung und Unmäßigkeit vermieden werden soll, aufgehoben.

Martin Luther hat aus seiner eigenen monastischen Erfahrung heraus in seiner Schrift Von der weltlichen Obrigkeit (1523) Fürsten angewiesen, gegenüber ihren Untertanen seine solche discretio zu wahren, wenn er schreibt:

„Es ist wie bei einem Hausvater: auch wenn er für sein Gesinde und seine Kinder genau Zeit und Maß für Arbeit und Kost festsetzt, so muss er diese Satzungen doch in seiner Macht behalten: er muss es also ändern oder nachlassen können, wenn der Fall einträte, dass sein Gesinde krank, gefangen, aufgehalten, betrogen oder sonst verhindert würde, und er darf bei Kranken nicht mit der gleichen Strenge verfahren wie bei Gesunden. Das sage ich deshalb, damit man nicht meine, es genüge und sei eine treffliche Sache, wenn man dem geschriebenen Recht oder den juristischen Ratgebern folgt. Es gehört mehr dazu.“[4]

Ähnlich schreibt Luther in seinem Traktat Von den guten Werken (1520):

„Es muss ein Herr auch klug genug sein, um sich’s nicht vorzunehmen, allezeit mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, auch wenn er kostbare, gute Rechte und die allerbeste Sache zu vertreten hätte. Denn vorausgesetzt, dass es den Untertanen nützlich ist, ist es eine viel edlere Tugend, am Rechte Schaden zu dulden, als am Gut oder Leib, da ja weltliche Rechte nur an zeitlichen Gütern hängen. Darum ist’s ganz närrisch, wenn einer sagt: ‚Ich habe ein Recht darauf; darum will ich’s im Sturm holen und festhalten, auch wenn alles Unglück für die andern daraus entspringen sollte.‘ […] Ebenso ist’s auch bei einem Herren, der einen Haufen von Leuten mit sich führt: er darf nicht wandeln und handeln, wie er selber will, sondern wie der Haufe es vermag; er muss mehr auf ihren Bedarf und Nutzen als auf seinen eigenen Willen und Gelüsten Rücksicht nehmen.“[5]

So rät Luther in Sachen Leitung zur Nachsicht: „Die Herren und Frauen sollen „nicht in herrischer Weise über ihre Knechte und Mägde und Arbeitsleute das Regiment führen. Sie sollen es nicht mit allen Dingen so sehr genau nehmen, zuweilen etwas hingehen lassen und um des Friedens willen durch die Finger sehen. Denn es können in keinem Stand alle Dinge allezeit nach der Schnur gehen, solang wir auf Erden in der Unvollkommenheit leben.“[6]

Das Beispiel aus der klösterlichen Hausgemeinschaft lässt sich durchaus auf ein Unternehmen übertragen. Ein Unternehmer wird des Öfteren mit Anfragen nach Ausnahmeregelungen seitens von Mitarbeitern konfrontiert. Es bedarf eines guten Urteilsvermögens, zu entschei­den, ob eine jeweilige Ausnahmeregelung für den einzelnen Mitarbeiter tatsächlich ange­bracht ist. Rigoros sich Ausnahmeregelungen zu verweigern oder pauschal allen Anfragen nach Ausnahmeregelungen stattzugeben sind beides keine angemessenen Lösungen. Das situative Urteilsvermögen ist jedoch nicht nur gegenüber den Ansprüchen von Seiten der Mitarbeiter erforderlich, sondern auch umgekehrt im Hinblick auf die angemessene Beauftra­gung der jeweiligen Mitarbeiter. Welcher Aufgabenumfang bzw. welche Stelle kann dem einzelnen Mitarbeiter im Hinblick auf dessen Fähigkeiten und Belastungs­grenzen übertragen werden, so dass er in seiner Tätigkeit gefordert, aber nicht überfordert ist? In der Manage­mentlehre wird hierbei von einem angemessenen job design gesprochen[7]. Die discretio eines Unternehmers steht also für das Urteilsvermögen hinsichtlich dessen, was seinen Mitarbeitenden innerhalb des Unternehmens zuzumuten ist.

[1] Vgl. Lambert, Art.: discretio, PLdS, Sp. 238f. Hinsichtlich einer philosophischen Ethik bzw. der Rechtslehre kann die discretio mit der Billigkeit (epieikeia/aequitas) verglichen werden. Vgl. Arist. EN V,14; Arist. Rhet. I,13,12-19; Thomas, STh II-II q 120; bzw. Hollerbach, Art.: Billigkeit, StL 1, 809-813.
[2] Regula Benedicti 64,19. Im Anschluß an Johannes Cassian, Collationes patrum, 2,4,4. Vgl. Einleitung zur Regula Benedicti, S. 37f.
[3] Regula Benedicti 39,6.
[4] Calwer Luther-Ausgabe 4, 49f.
[5] Calwer Luther-Ausgabe 3, 195f.
[6] Calwer Luther-Ausgabe 3, 200.
[7] Vgl. Malik, Führen Leisten Leben, 306-324.

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„Mir geschehe, wie du gesagt hast“ – Was Himmelswesen uns Erdlingen zu sagen haben

26. November 2017

Meister von Seitenstetten – Mariä Verkündigung (um 1490)

„Send Me an Angel“ sangen die Scorpions 1990: „Hier bin ich; wirst du mir einen Engel schicken? Hier bin ich – im Land des Morgensterns!“ Engel haben bei uns einen guten Klang, versprechen sie doch göttliche Nähe und Zuwendung. Das wollen wir für uns und unsere Kinder– Schutz und Bewahrung, Ermutigung und Ermächtigung. Wer göttliche Kräfte auf seiner Seite weiß, dem scheint es nicht an Selbstbewusstsein zu mangeln. So fahren denn auch die Scorpions gesanglich fort: „Finde die Tür zum versprochenen Land / Glaube nur an dich selbst / Höre auf die Stimme tief in dir / Es sind die Rufe deines Herzens.“

Ganz anders zeigt der Gottesbote Gabriel der Jungfrau Maria in Nazareth: „Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“ Gottes Wort füllt den eigenen Leib, bringt sich als König zur Welt. „Wie soll das zugehen?“ Einwand einer sichtlich überforderten Frau. Der Engel fährt fort: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten […] denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Daraufhin spricht Maria die entscheidenden Worte ihres Lebens: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Nicht die Botschaften, die unseren eigenen Lebenswünschen entsprechen, gelten auf Ewigkeit. Es sind vielmehr diejenigen, in die sich Gott selbst hineinlegt. So kehrt sich Maria in ihrem Lobgesang Gott zu: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands.“ Martin Luther weiß diese Worte zu würdigen: „Dieser Satz sprudelt hervor aus innerster Betroffenheit und überschwänglicher Freude, die sie in ihrer Seele ergriffen haben. Darum sagt sie: ‚Meine Seele erhebt Gott…‘, als wollte sie sagen: Mein Leben und alle meine Sinne schweben in Gottes Liebe, Lob und Freude, und das so sehr, daß ich mehr erhoben werde, als daß ich mich selber zu Gottes Lob erhöbe.“

„Der Tod und die Hölle gaben die Toten heraus, die darin waren …“ – wie die neue Luther-Bibel 2017 alle Verstorbenen in die Hölle schickt

7. November 2017

Hieronymus Bosch – Die Hölle (Ausschnitt aus dem Triptychon „Der Garten der Lüste“, rechte Tafel Innenseite)

Mit der Hölle hat die Luther-Bibel 2017 ihre Schwierigkeiten. Nimmt man für bare Münze, wie dort von ihr die Rede ist, müsste man bei christlichen Beerdigungen als Pfarrer davon sprechen, dass die Verstorbene nun – zumindest vorübergehend – in die Hölle fährt.

Es geht um die Übersetzung des griechischen Wortes hádēs im Neuen Testament. In der neuen Einheitsübersetzung wird es wörterbuchgemäß mit „Unterwelt“ übersetzt. Die Zürcher Bibel von 2007 übersetzt sowohl mit „Unterwelt“ wie auch mit „Totenreich“, während die englischsprachigen Übersetzungen wie RSV, NRSV und NASB von dem „Hades“ sprechen. Die Luther-Bibel 2017 hingegen belässt es weiterhin mit „Hölle“ bzw. kehrt in Offenbarung 20,13f zu dieser Übersetzung zurück, wenn es dort bezüglich des Jüngsten Gerichts heißt: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl.

Nun hat Martin Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments nicht zwischen hádēs (lat. inferus bzw. infernum) als Unter- bzw. Totenwelt (z.B. in Apg 2,27.31) und géhenna (lat. gehenna) als Strafort (z.B. in Mt 5,29f) unterschieden, sondern beide griechischen Wörter mangels begrifflicher Differenzierungsmöglichkeiten mit „Helle“, also „Hölle“ übersetzt. Dass der hádēs der ewige Ort leiblicher Qualen sein soll, ist freilich dem biblischen Zeugnis nicht zu entnehmen. Man kann zwar in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) die Unterwelt (hádēs) singulär als Ort der Qual wahrnehmen,  aber die Gleichsetzung mit der leiblichen Hölle ist auch für Luther nicht möglich. So führt er in seiner Predigt über Lukas 16,19-31 vom 22. Juni 1522 dazu aus:

„Also wiederum kann die Hölle an diesem Ort nicht sein die rechte Hölle, die am jüngsten Tage angehen wird. Denn des Reichen Leichnam ist ohn Zweifel nicht in die Hölle, sondern in die Erden begraben. Es muss aber ein Ort sein, da die Seele sein kann und keine Ruhe hat: derselbe kann nicht leiblich sein. Darum achten wir, diese Hölle sei das böse Gewissen, das ohn Glaube und Gottes Wort ist, in welchem die Seele vergraben ist und verfasset bis an jüngsten Tag, da der Mensch mit Leib und Seele in die rechte leibliche Hölle verstoßen wird.“ (WA 10/III, 192, 11-18)

Allgemein wird im Neuen Testament die Unterwelt (hádēs) entsprechend der hebräischen šeōl als strafneutrales, wenn auch gottfernes Totenreich vorgestellt. Wenn gegenwärtig – egal ob in der Kirche oder in der Gesellschaft – von „Hölle“ die Rede ist, sind damit untrennbar Vorstellungen von Strafe bzw. von leiblichen Qualen verbunden. Von daher ist nicht nachvollziehbar, dass nun die Luther-Bibel 2017 entgegen dem ökumenischen Konsens die begriffliche Differenzierung zwischen Totenreich (bzw. Unterwelt) und Hölle zurücknimmt. Folgt man dieser Übersetzung, müsste man verstorbenen Menschen an Stelle einer Totenruhe (bis zum Jüngsten Gericht) generell postmortale Höllenqualen in Aussicht stellen.

Hans Bietenhard hat seinerzeit für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament einen Artikel zur Topologie von Himmel und Hölle geschrieben, der immer noch lesenswert ist. Hier findet man seinen Text Himmel/Hölle. Hermeneutische Überlegungen als pdf.

Ich schäme mich des Evangeliums vielleicht doch – die unterschwellige Botschaft von chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017

3. November 2017

Es geht ja ganz einfach: In das Suchfeld „Christus“ eingeben und dann das Heft im pdf-Format elektronisch durchsuchen lassen. Das Ergebnis ist entlarvend: Das Wort „Christus“ erscheint in dem 36seitigen Magazin nur ein einziges Mal. Auf die Interviewfrage „Wie kann die Kirche in Zukunft mehr Leute ansprechen?“ antwortet Julian-Christopher Marx: „Jedenfalls nicht mit einer moralisch belehrenden Haltung, die als von oben herab wahrgenommen wird. Und nicht mit einer theologisch verquasten Sprache, die unversehens von bestimmten Glaubenswahrheiten ausgeht: Jesus Christus, der Erlöser, die Sünde, das ewige Leben …“

Ein 31jähriger Sprecher des Arbeitskreises „Christinnen und Christen in der SPD“ in Berlin kann mit Recht kirchliche Verkündigung kritisch hinterfragen. Aber wenn das die einzige Äußerung über Christus in einer kirchlichen Zeitschrift namens „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ ist und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Heinrich Bedford-Strohm wie auch seine Vorvorgängerin und amtierende Reformationsbotschafterin Dr. Margot Käßmann die Herausgeber sind, dann kann mit der Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland etwas nicht stimmen.

Jeder Automobilkonzern, jeder Getränkehersteller, jedes Naturkosmetikunternehmen nimmt sein Firmenjubiläum zum Anlass, die eigene Produkte sowie die eigene Philosophie öffentlichkeitswirksam vorzustellen. Auch der Evangelischen Kirche in Deutschland wäre dies bei einem 500jährigen Jubiläum in der Öffentlichkeit zugestanden worden. Man hätte also in einem evangelischen Magazin erklären können, warum man sich von der Reformation her „evangelisch“ nennt – was eingedeutscht ja nichts anderes „gutbotschaftlich“ heißt – und was die gute Botschaft von Jesus Christus für die Gegenwart besagt. Weiterhin hätte man aktive Mitglieder aus Kirchengemeinden mit deren eigenen Glauben und deren eigenen Hoffnungen vorstellen können, abgerundet mit einem bischöflichen Erbauungswort.

Bei „chrismon spezial“ geht es ja nicht um eine binnenkirchliche Hochglanzbroschüre, die in Kirchengebäuden und Gemeinderäumlichkeiten stapelweise aufliegt (und meist ungelesen in die nächste Altpapiersammlung verschwindet), sondern um eine kirchliche Zeitschrift, die extra zum 31. Oktober 2017 in einer Auflage von 6,7 Millionen mehr als 70 Tages-, Sonntags- und Wochenzeitungen beigelegt worden ist. Das Heft hat also durchaus Chancen, zur Lektüre auf weniger kirchenaffinen Tischen zumindest beim Bildungsbürgertum zu landen. Welche bessere publizistische Möglichkeit gibt es für die evangelische Kirche, die eigene Botschaft, also das Evangelium anlassbezogen zu Wort kommen zu lassen?

Stattdessen versucht sich chrismon spezial als Image-Magazin. So finden sich Reportagen über „Luther in Italien“ (natürlich mit dem Playmobil-Luther illustriert) bzw. über das Pop-Oratorium „Luther“ neben einem Interview mit dem Schauspieler Joachim Król und dessen Lebens- bzw. Religionseinstellung. Und schließlich darf sich Hans Leyendecker als zukünftiger Präsident des evangelischen Kirchentags über Journalismus, Reformation und Ökumene auslassen. All diese Artikel lassen sich in ähnlicher Weise auch in anderen nichtkirchlichen Magazinen und Zeitungen finden.

Dass Journalisten gerne ihr eigenes Ding machen wollen und sich nicht für eine kirchliche PR-Maßnahme vor den Karren spannen lassen wollen, ist verständlich. Aber wenn nun mal die Zeitschrift weitgehend von Kirchensteuermitteln finanziert und im Auftrag der Kirche herausgegeben ist, haben die verantwortlichen Herausgeber dafür Sorge zu tragen, dass die eigene Botschaft zum Tragen kommt. Schließlich hat ja Bedford-Strohm als EKD-Ratsvorsitzender im Juni 2015 selbst dazu aufgerufen, das Reformationsjubiläum als Christusfest zu feiern. Da darf man nicht einer Redaktion auf den Leim gehen, wenn diese einem das eigene Steckenpferd anbietet – in Gestalt eines gemeinsamen Interviews mit dem oben genannten Julian-Christopher Marx und der Studentin Sofie Mörchen zu Thema „Was wünschen sich junge Leute für die Zukunft von der Politik und von ihrer Kirche“.

Nimmt man „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ als Maßstab kirchenleitenden Handels in der Evangelische Kirche in Deutschland, ergibt sich daraus eine peinliche Botschaft: Man verausgabt sich am eigenen Image, weil man nicht länger Kirche des Worts sein will.

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ – so lautet der Leitvers (nach Römer 1,16) zum Psalm 22, der am Gedenktag der Reformation gottesdienstlich intoniert worden ist. Wir in der Kirche haben wohl alle zu lernen, diesen Lebensleitvers mit dem Brustton der Überzeugung anzustimmen.

So hat es Luther nicht gemeint – Warum das Reformationsjubiläum fragwürdig ist

30. Oktober 2017

Hier noch einmal aus aktuellem Anlass meine Kritik am Reformationsjubiläum aus der FAZ vom 15. Dezember 2010

NAMENSgedächtnis

Teuffel - So hat es Luther nicht gemeint (FAZ)In der FAZ  ist von mir im Dezember 2010 ein Artikel zum Reformationsjubiläum unter dem Titel „So hat es Luther nicht gemeint“ veröffentlicht worden.

So hat es Luther nicht gemeint

Der protestantische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Das Reformationsjubiläum kann abgesagt werden.

Von Jochen Teuffel

Sechs Jahre noch, dann wird das fünfhundertste Jubiläum der Reformation in Deutschland ganz groß gefei­ert werden. Zur Einstimmung darauf wur­de bereits 2008 eine Lutherdekade mit wechselnden Jahresthemen ausgerufen. Das kennt man aus dem Vereinsleben: Wo in Sachen eigener Vergangenheit be­sonders ausgiebig jubiliert wird, ist man in der Gegenwart mit den eigenen Aktivi­täten dank Überalterung und Mitgliederschwund ziemlich am Ende.

Der Abgesang auf die Volkskirche wird als Basso continuo die Lutherdekade be­gleiten, bevor dann am 31. Oktober 2017 in Wittenberg eine Farce zur Aufführung kommt: In einer Stadt, in der Kirche im Verschwinden begriffen ist —…

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Göttlich inspiriertes Lebenserfahrungsbuch – Was Bedford-Strohm sich von der Bibel verspricht

27. Oktober 2017

Was bedeutet uns Christen die Bibel und wie ist sie zu verstehen? Darüber hat der Ratsvorsit­zende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm in seinem Vorwort zur revidier­ten Luther-Bibel 2017 Rechenschaft abgelegt (und dabei Widerspruch gefunden). In seiner Predigt zur ökume­nischen Bibeltagung am 9. Februar 2017 in Stuttgart hat er sich noch einmal dieser Frage angenommen.

Für Bedford-Strohm ist die Bibel ein faszinierendes Buch, „das Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Gott enthält und ein Buch, das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient.“ Dazu sei es wichtig, die Bibel „kritisch zu analysieren und über Entstehungszeit, Verfasser und Interessengruppen im Hintergrund Bescheid zu wissen.“ Würde sie „wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen“, so befürchtet Bedford-Strohm, könnte „die Bibel auch fürchterlich missinterpretiert und für den Aufruf zu Intoleranz oder gar Hass missbraucht werden“.

Bedford-Strohm ist sich durchaus bewusst, dass weder eine religionsgeschichtliche noch eine literarische Lektüre für Christen den „Kern“ der Bibel erschließen können. Stattdessen heißt es:

„Für uns wird alles, was in der Bibel von Israel und seinen Menschen, von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird, vor Gott erzählt, wird in eine theologische, geistliche Perspektive gerückt, wird geöffnet für die Transzendenz. Ob es um die Schöpfungs­erzählungen geht oder um die Auferstehung Jesu, die Geschichte des Davidreiches oder die Erzählungen von den ersten christlichen Gemeinden, alles wird in das Licht Gottes getaucht, jeder Schritt, jedes Ereignis, jede Weisheit, jede Verzweiflung wird aufgeschlossen als Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Das ist das Kenn­zeichen, das Kerncharakteristikum der Bibel.“

Fromm und erbaulich mögen diese Worte klingen, aber das wirkliche „Kerncharakteristikum der Bibel“ kommt dabei nicht zur Sprache: Der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus redet und handelt und hat darin uns Menschen auf unseren Glauben an Jesus Christus hin heilvoll eingeschlossen.

Dass das biblische Erzählgeschehen in göttliches Licht getaucht sein soll, kann nicht als „Geschichte Gottes mit uns Menschen“ gelten. Lichtenergie interagiert nicht mit menschli­chen Handlungen. Es scheint so, als ginge Bedford-Strohm – der platonischen Tradition eines Philon von Alexandrien folgend – von zwei verschiedenen Welten aus, einer korporealen, sinnlich wahrnehmbaren Lebenswelt (mundus sensibilis), die vergänglich ist, und einer göttlichen, intelligiblen Welt (mundus intelligibilis), die unvergäng­lich ist. Das „Licht Gottes“ wäre dabei das Spektrum transzendenter, göttlicher Ideen wie Leben und Gerechtigkeit, die Menschen in ihrer Lebenswelt denkerisch erfassen und durch eigenes Handeln zur Geltung bringen können.

Wenn Bedford-Strohm von einer Öffnung biblischen Erzählgeschehens für die Transzendenz spricht, ist daran zu erinnern, dass die Bibel selbst keine „Transzendenz“ kennt. Schließlich ist der Transzendenzbegriff ein platonisch inspiriertes Konzept der mittelalterlichen Scholastik. Per Definition gibt es zwischen einer diesseitigen Welt und einem transzendenten Jenseits – nicht zu verwechseln mit der räumlichen Unterscheidung von Irdischem und Himmlischem – keine vertrauensbildende Interaktionen. In die (göttliche) Transzendenz kann man sich nur denkerisch einfinden.

Was Bedford-Strohm in seiner Bibelpredigt konsequent außer Acht lässt, ist der biblisch bezeugte Anspruch des Wortes Gottes, der auf unseren Gehorsam bzw. Glauben aus ist. An die Stelle des worthaltigen Glaubens tritt die je eigene Deutung. Nach Bedford-Strohm findet sich dieses Deutungsgeschehen bereits in der Bibel und ist darin handlungsanleitend für die gegenwärtige Bedeutung der Bibel:

„Alles Leben, alle Ereignisse, auch alle Schicksalsschläge werden gedeutet und verstanden vor dem Hintergrund einer Gottesgegenwart, die damals genauso wenig beweisbar war wie heute. Und genau dieses Vor-Gott-Stellen der Ereignisse und Erfahrungen sollen wir übernehmen, wir sollen die Bibel nicht nachäffen oder nachplaudern, sondern den Geist dieses Buches nachvollziehen und auf unser Leben übertragen. Mehr nicht, weniger nicht.“

Die Bibel ist das große, ultimative Deutungsbuch menschlichen Lebens coram Deo, das gegenwärtig immer wieder neu auf die eigenen Lebenserfahrungen hin ausgedeutet werden muss, so lässt sich Bedford-Strohms Predigt auf eine These bringen. Und genau da, wo Menschen eine erfahrungsbezogene Deutungshoheit über die Bibel zugeschriebenen wird, können sie eben nicht von Gottes Wort als erlösungsbedürftige Sünder eingenommen werden. Folgerichtig lassen sich auch Gericht, Verdammnis, Sühne, Erlösung und Heiligung nicht länger zur Sprache bringen. Stattdessen gilt nach Bedford-Strohm die Bibel selbst als gottinspiriertes Selbsthilfebuch:

„Die Bibel ist das Buch der Bücher und die Quelle der Humanität, ja die Quelle allen erfüllten Lebens, denn sie kennt den diesseitigen Menschen in allen Aspekten, aber sie reduziert ihn nicht auf’s Diesseits, sondern erschließt die Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen.“

Die Bibel als „Quelle allen erfüllten Lebens“, als „Lebensbuch“, „das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient“ – liest man Bedford-Strohms Predigt aufmerksam, mag man sich fragen, ob bei ihm nicht an Stelle des soli Deo gloria eine selbstbezügliche Lebensideologie tritt. Heißt es in Psalm 36 im Gespräch mit dem HERRN „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht“ (V 10), spricht Bedford-Strohm von „Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen“. Selbst da, wo man biblisch nicht anders als von göttlichem Handeln zu reden hat, nämlich bei der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, neutralisiert Bedford-Strohm das Erzählgeschehen als „Sieg des Lebens“. Nein, für Christen kann die Bibel nicht als namenloses „Lebensbuch“ gelten; das „Buch des Lebens“ ist noch immer in göttlicher Hand (Ps 69,29; Phil 4,3). Es enthält keine autogene Lebensideologie, sondern vielmehr die Namen, die für eine Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott vorgesehen sind.

Was Bedford-Strohm mit den Containerbegriffen „Leben“ und „Erfahrung“ in seiner Bibelpredigt zur Sprache bringt, ist als evangelisches Zeugnis mehr als dürftig. Seine Ausführungen sind kaum anschlussfähig an das kirchliche Glaubensbekenntnis, noch können sie das sola scriptura bzw. das allgemeine Lehramt der Heiligen Schrift zur Geltung bringen.

Hier mein Text als pdf.

Im Machtraum göttlicher Liebe – Noch einmal die Geschichte vom verlorenen (bzw. wiedergefundenen) Sohn

25. Oktober 2017

Rembrandt – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669)

Jedes Mal wenn ich im seelsorgerlichen Gespräch die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählend vorstelle, entdecke ich sie selbst neu.

Ist väterlich-göttliche Liebe für einen selbst wirklich? Am Anfang der Geschichte scheint sie für den jüngeren Sohn nicht erfahrbar zu sein. Er lässt sich ja das Erbe auszahlen, um sich aus dem väterlichen Lebensraum in die Eigenständigkeit zu verabschieden. Solche Selbständig­keit braucht ein eigenes Vermögen. Und Jesus erzählt uns, wie der junge Mann eigensinnig sein Vermögen verspielt, um schließlich in einem hungerleiderischen Dienst­verhältnis am unreinen Schweinetrog kläglich zu enden.

Wo er sich auf sein Unvermögen besinnt und aus dem eigenen Verloren-sein umkehrt, visiert er ja nur ein besseres Dienstverhältnis bei seinem Vater an. Was jedoch bei seiner reumütigen Rückkehr passiert, stellt alles bislang Dagewesene auf den Kopf: In seiner Ankunft wirft sich ihm die väterliche Liebe um den Hals. Dieser Vater hat seinen Sohn wahrlich nie verlorengegeben, auch wenn er ihm nicht nachgeeilt ist. Er wusste wohl selbst, dass der Sohn nur in dessen eigenen Umkehr für seine Liebe empfänglich werden konnte. Hätte er nämlich den Sohn in dessen Unvermögen gestellt, wäre diesem eine väterliche Bevormundung widerfahren. Wo nun aber der Sohn aus seinem Unvermögen selbst umgekehrt ist, überströmt ihn bei der Rückkehr die väterliche Barmherzigkeit. Die Wiedereinkleidung und das Wiedersehensfest stellen den Sohn in den Machtraum göttlicher Liebe, die sein Leben auf das Innerste durchdringt.

Und genau da zeigt sich für den älteren Sohn, dass auch für ihn die väterliche Liebe bislang unwirklich gewesen ist. Wer als Sohn durch eigenen Verdienst sich beim Vater in eine wohlgefällige Stellung bringen will, hat selbst versäumt, was ihm der Vater „alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit“ (Luther) schon längst gewährt hat. So muss nunmehr der ältere der beiden Söhne draußen vor der Tür bleiben und sich selbst der väterlichen Liebe verweigern. Wenn nun der Vater auf ihn mit den Worten „Alles, was mein ist, das ist dein“ zugeht, bleibt am Ende fraglich, ob dessen Liebe für ihn wirklich werden kann.  In der verdienstlichen Selbstgerechtigkeit kann jedenfalls das eigene Leben nicht zur Umkehr in den Machtraum der väterlichen Liebe kommen.

Wenn die Braut mit ihrem Vater in die Kirche einzieht … Von der Neuinszenierung der altgermanischen „Muntehe“ bei kirchlichen Trauungen

7. Oktober 2017

In Luthers Traubüchlein für die einfältigen Pfarrherrn von 1529 werden Pfarrer über den Ablauf der Trauung wie folgt instruiert:

Vor der Kirche (sie) trauen mit solchen Worten:
Hans, willst Du Greta zum ehelichen Gemahl haben?
Er soll antworten: Ja.
Greta, willst Du Hans zum ehelichen Gemahl haben?
Sie soll antworten: Ja.
Hier lasse sie die Trauringe einander geben, und füge ihre beiden rechten Hände zusammen und spreche: »Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden« (Matth. 19, 6).
Darauf spreche er vor allen insgemein: Weil denn Hans N. und Greta N. einander zur Ehe begehren, und dies hier öffentlich vor Gott und der Welt bekennen, worauf sie die Hände und Trauringe einander gegeben haben, so spreche ich sie ehelich zusammen, im Namen des Vaters, des Sohns und des heiligen Geists. Amen.

Der von der Pfarrerin am Brautportal erfragte Konsens der Brautleute stiftet die Ehe. Im Anschluss daran zieht das neuvermählte Ehepaar gemeinsam zum Gottesdienst in das Kirchengebäude ein. Diese ehepartnerliche Form entspricht dem Grundsatz römischen Eherechts consensus facit nuptiam, der in Mitteleuropa durch die Kirche eingeführt worden ist.

Was wir gegenwärtig bei kirchlichen Trauungen – egal ob evangelisch oder katholisch – mitunter erleben, ist die symbolische Rückkehr in die altgermanische „Muntehe“. Durch englischsprachige Filme und Fernsehübertragungen royaler Hochzeiten ist ja mittlerweile die angloamerikanische Form des Einzugs auch bei uns populär geworden: Die Braut zieht mit dem Brautvater in die Kirche ein. Dieser überreicht seine Tochter dem Bräutigam, der vor dem Altar steht. Dieser Brauch geht auf das germanische „Muntehe“ zurück. Demzufolge verfügt der Brautvater über seine Tochter. Er entscheidet, wem seine Tochter zur Ehe zugeführt werden soll (so wie dies ja Laban mit seinen Töchtern Lea und Rachel gegenüber Jakob in 1. Mose 29,20-30 getan hat). Durch den Akt der Übergabe geht die „Munt“, d.h. die Vormundschaft über die Braut vom Brautvater auf den Bräutigam über. Da darf man zu Recht beim Brautpaar nachfragen, ob diese Symbolik für das eigene Eheverständnis angebracht sein kann. Leben zudem beiden Brautleute bereits über längere Zeit zusammen, ist eine väterliche Zuführung der Braut zum Bräutigam auch rituell verfehlt.

Sicherlich kann eine Braut eine besondere emotionale Beziehung zu ihrem Vater geltend machen, die im gemeinsamen Einzug zum Ausdruck kommen soll. Aber da ließe sich nachfragen, warum einer Bräutigammutter die Peformanz ihrer emotionalen Sohnbeziehung in der Kirche verweigert wird. Und möglicherweise hat ja die Mutter der Braut auch ihre Probleme mit Loslassen.  Dass Bräute sich (traditionsfremd) den Einzug mit ihrem Vater und nicht dem Bräutigam wünschen, mag mitunter einen ganz anderen Grund haben: Ist der Bräutigam nicht an ihrer Seite, erhält die Braut die ungeteilte  Aufmerksamkeit für ihren hochzeitlichen Erstauftritt auf dem kirchlichen Laufsteg.

Was jedoch bei einer kirchlichen Trauung durchaus gezeigt werden darf, ist die familiäre Verbindung der beiden Brautleute. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass die Pfarrerin vor dem Trauversprechen die Brautleute zu einem Dank an die Eltern einlädt. Diese erheben sich daraufhin von ihren Stühlen, gehen auf ihre Eltern in der Kirchenbank zu und erweisen ihnen mit eigenen Worten oder Gesten ihren Dank.

Zur Ethik und Durchführung eines Abistreichs

7. Oktober 2017

Der Abistreich ist eine Aktion von vormaligen Schülerinnen und Schülern (Abiturienten), die nicht länger der schulischen Disziplinargewalt unterstehen. Der Streich suspendiert symbolisch die schulische Disziplin bzw. Hierarchie zur Freude der verbleibenden Schüler­innen und Schülern, indem Schulleitung wie auch dem Lehrerkollegium „subversive“ Dinge und Handlungen zugemutet werden. So lässt sich der Abitur-Streich mit Narrenaktionen am Gumpigen (schmutzigen) Donnerstag – Stürmen des Rathauses, Abschnei­den der Krawatten der Vorgesetzten – vergleichen – mit einem gravierenden Unterschied, dass der Abistreich nämlich keinem festen Ritual folgt und darin riskant ist.

Was der Abistreich nicht ist:

  1. persönliche Rachemaßnahme oder Vergeltung gegenüber Schulleitung oder einzelnen Lehrern
  2. „Freinacht“ für Sachbeschädigung, Vandalismus und Verunglimpfungen

Für die ethisch vertretbare Durchführung eines Abistreiches (wider die Schulordnung!) ist Folgendes zu beachten:

  1. Es dürfen keine Sachbeschädigungen vorgenommen werden. Das heißt die Wiederher­stellung des ursprünglichen Zustands darf keine Reparaturarbeiten erfordern. Tem­poräre Verunreinigungen sind so zu halten, dass dem schulischen Personal, insbeson­dere Hausmeisterinnen und Reinigungskräften keine Überstunden zugemutet werden. Dies bedarf vorab einer entsprechenden technischen Klärung durch sachkun­dige Personen.
  2. Sprachliche Äußerungen und symbolische Aktionen, die auf konkrete Personen zielen (und witzig sein wollen), dürfen nicht die betreffenden Personen beleidigen oder ver­un­glimpfen. Es empfiehlt sich für Abiturienten, ihre Planungen schulneutralen und urteilsfähigen Personen vorzustellen, um eine Einschätzung zu erhalten, wie der geplante Streich falsch ankommen könnte.
  3. Abistreiche können mitunter „gehackt“ werden, indem schulfremde Personen oder aber andere Ex-Schüler die Nacht davor zum Anlass nehmen, Sachbeschädigungen oder verbale „Abrechnungen“ vorzunehmen. Derartige Aktionen fallen unweigerlich auf die „streichverantwortlichen“ Abiturienten zurück. Es ist daher angebracht, dass Abiturienten, von denen die Durchführung eines Abistreichs erwartet wird, in der Nacht und am Morgen vor dem Streich persön­lich einen Wachdienst für das Schulge­bäude organisieren und damit sicher­stellen, dass nur ihre geplante Aktion zum Zuge kommen kann.

Ein Abistreich hat nicht nett und harmlos zu sein. Er darf Zumutungen und Herausforde­rungen enthalten, die uns alle daran erinnern sollen, dass Menschen, die sich an einer Schule in definierten Rollenverhältnissen begegnen, letztendlich in ihrer je eigenen Würde einander ebenbürtig sind und keiner von uns das letzte Wort über einen anderen Menschen hat.