Archive for the ‘Eigene Texte’ Category

Is(s)t uns Luther Wurst?

24. Februar 2017

lutherische

Am Aschermittwoch beginnt die vorösterliche vierzigtägige Fastenzeit. In der Tradition der mittelalterlichen Kirche bedeutet dies die Beschränkung auf eine Mahlzeit am Tag sowie die Abstinenz von Fleischspeisen. Auch heute noch gilt für römisch-katholische Christen das Kirchengebot: „Du sollst die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage halten.“ Für evangelische Christen sind kirchliche Fastengebote nicht nachvollziehbar, auch wenn Fastenaktionen wie „Sieben Wochen ohne“ und eigene Fastenvorhaben geläufig sind. Das hat seinen Grund in der Reformation vor 500 Jahren.

In Zürich begann die Reformation am ersten Sonntag der Fastenzeit 1522 mit einem Wurst­essen. Ehrbare Bürger trafen sich dazu im Haus des Druckers Christoph Froschauer und aßen gemeinsam dünne Scheiben von Rauchwürsten. Mit diesem offensichtlichen Verstoß gegen das Abstinenzgebot sollte evangelische Freiheit wider unbiblische Kirchengebote demon­striert werden. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) veröffentliche kurz darauf seine Predigt „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“. In der Ersten Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523 überzeugte Zwingli mit seiner These „Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.“ Der städtische Rat hob daraufhin die kirchlichen Fasten- und Abstinenzgebote auf. Fortan sollte in Zürich allein die Bibel (in Zwinglis Auslegung) als Grundlage kirchlichen Lebens gelten.

Martin Luther hatte schon im Mai 1520 in seinem Sermon „Von den guten Werken“ darge­legt, wie christliches Fasten zu praktizieren sei:

„Es gibt leider viele blinde Menschen, die ihr Kasteien, es bestehe in Fasten, Wachen oder Arbeiten, nur deshalb üben, weil sie meinen, es seien gute Werke, mit denen sich viele Verdienste erwerben lassen. Deshalb legen sie los und übertreiben es derart, dass sie ihren Leib damit verderben und ihren Kopf verrückt machen. Noch viel blinder sind diejenigen, die das Fasten nicht allein nach der Menge oder Länge bemessen wie diese, sondern auch nach der Speise. Sie halten es für richtig, es sei viel wertvoller, wenn sie auf Fleisch, Eier oder Butter verzichteten. […] Denen geht es weniger um das Fasten als um das Werk an sich. Wenn sie es getan haben, meinen sie, es sei wohlgetan.“

Durch Fasten und Abstinenz können Menschen sich Gott nicht gefällig machen. Ziel eigenen Innehaltens ist nicht Gottwohlgefälligkeit, sondern vielmehr die Einübung in die leibliche Genussfreiheit. Luther gibt dazu folgende Anweisung:

„Darum lasse ich es geschehen, dass sich jedermann Tag, Speise, Menge beim Fasten so auswähle, wie er selbst will, und dass er es nicht unbedacht tut, sondern dabei auf sein Fleisch achtet. Nur so viel, wie dieses Fleisch auch verträgt, lege er sich an Fasten, Wachen und Arbeit auf und nicht mehr […] Denn Maß und Regel beim Fasten, Wachen, Arbeiten soll ja niemand nach der Speise, der Menge oder den Tagen be­messen, sondern nur nach Zu- oder Abnehmen der fleischlichen Lust und dem Mutwillen, um derentwillen allein (bzw. der Ab­tötung und Dämpfung) das Fasten, Wachen, Arbeiten eingesetzt sind. Wo es solche Lust nicht gibt, gilt Essen so viel wie Fasten, Schlafen so viel wie Wachen, Müßigsein so viel wie Arbeiten – eines wäre so gut wie das andere, ohne jeden Unterschied.“

Hier der Text als pdf.

Pastoraler Restschamanismus und die eigene Bodenhaftung

20. Februar 2017

Als evangelischer Pfarrer genießt man ein besonderes Ansehen bei anderen Menschen, nicht nur bei den Mitgliedern der eigenen Kirchengemeinde. Gerade von katholischen Mitchristen werde ich häufig respektvoll als „Herr Pfarrer“ angesprochen – wider die römisch-katholische Lehre, der zufolge einem evangelischen Pfarrer die sakramental vermittelte „Weihegewalt“ (potestas ordinis) fehlt. Obwohl für Katholiken lehrmäßig betrachtet evangelische Pfarrer nur „laienhaft“ handeln können – womit es keine sakramentale Gnadenvermittlung geben kann –, scheinen diese dennoch mit einer besonderen geistlichen Habitus ausgestattet zu sein.

Selbst bei liberal oder agnostisch gesinnten Mitmenschen, die der christliche Lehre skepti­schen, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstehen, findet man als Pfarrer – zumindest in der persönlichen Begegnung – durchaus Respekt. Eigentlich unlogisch, sollte man meinen. Warum jemandem „amtliche“ Wertschätzung entgegenbringen, dessen Worte und Lehre die eigene Vernunft nicht wirklich gelten lassen will?

Der herausgehobene Status von Pfarrern in der Gesellschaft hängt wesentlich mit der archai­schen Vorstellung einer unsichtbaren Überwelt zusammen. Trotz Aufklärung wird auch im säkularen Europa irdisches Geschehen nicht ausschließlich mit naturwissenschaftlichen Gesetzen bzw. zielführenden Handlungen und freien Willensentscheidungen verrechnet. Andernfalls bliebe man im Leben auf einem unerquicklichen Restbetrag sitzen, der als unveränderliches Schicksal hinzunehmen wäre. Da scheint es – für Skeptiker und Agnostiker uneingestandenermaßen – durchaus Sinn zu machen, irdisches Wohlergehen wie auch Unheil in einen Zusammenhang mit unsichtbaren Kräften und Mächten zu bringen. Auch wenn dieses Wirkungsgefüge nicht empirisch nachgewiesen werden kann, suchen Menschen – vor allem in Krisenfällen und Lebensherausforderungen – den Draht zu einem semantisch unbestimmten „Oben“ (das nicht mit einem neuplatonischen, transzendenten „Jenseits“ zu verwechseln ist). Dabei geht es um mehr als nur religiöse Sinnstiftung bezüglich eines Geschehens und deren menschlichen Bewältigung. Vielmehr soll das unsichtbare Wirkungsgefüge positiv beeinflusst werden.

Und genau da sind wir bei Pfarrern als „Mittelsmännern“. Über 1500 Jahre hat das Institut der Weihe bzw. der Ordination katholischen Priestern sowie evangelischen Pfarrern ein beson­deres Amtscharisma innerhalb der Gesellschaft verliehen. Dieses weitgehend exklusive Charisma erstreckt sich nicht nur einen gemeindlichen Hirtendienst, sondern auch auf einen Vermittlungsdienst zwi­schen dem irdischen Leben und der wirksamen „Überwelt“. So wird von evangelischen Pfarrern erwartet, dass sie durch die Rezitation tradierter Heilsworte, insbeson­dere im Segen, durch rituelle Gesten und Handlungen, sowie durch das Gebet auf diese „Überwelt“ im Sinne ihrer Klienten einwirken.

In dem übersinnlichen Vermittlungsdienst kommen Pfarrer dem Schamanis­mus nahe, freilich mit dem Unterschied, dass pastorale Praktiken – das Gebet eingeschlossen – in aller Regel ekstasefrei sind. Himmelsreisen finden nicht statt. Auch wird man das Erleiden zweier konsistorialer Dienstprüfungen nicht ohne weiteres mit der lebenskritischen, psychopathologi­schen Initiation eines Schamanen gleichsetzen können. Aber dass dem Pfarrer eine professionelle Wirksamkeit über die empirische Wirklichkeit hinaus zuerkannt wird, verbindet ihn mit einem Schamanen. Zugleich verleiht sie ihm einen besonderen Amtsbonus: Wer sich professionell in höheren Gefilden zu bewegen scheint, wird von unbotmäßiger Kritik meist verschont. Schließlich könnte ja solche Kritik „oben“ nicht gut ankommen und damit negativ auf den Kritiker zurückwirken.

Für Pfarrer, die sich ja nicht nur rituell, sondern auch mit eigenen Worten zur Geltung bringen, hat der „amtliche“ Respekt nicht nur eine positive Wirkung. Wer scheinbar über anderer Kritik erhaben praktizieren muss, mag sich mitunter selbst verkennen. Da tut es einem gut, wenn man mit evangelikalen, pietistischen und freikirchlichen Mitchristen geschwisterliche Gemeinschaft pflegt. Dort wo unter der Lehrautorität der Heiligen Schrift Christinnen und Christen im Gehorsam gegenüber ihrem Herrn Jesus Christus einander gleichgestellt sind, zählen persönlicher Glaube und eigene Worttreue. In der Geschwisterschaft der Kinder Gottes spielt man als Pfarrer keine herausgehobene Rolle.

Wem ich im christlichen Glauben verbunden bin – Erfahrungen aus Hongkong

17. Februar 2017
Die achteckige Kapelle

Die achteckige Kapelle „The Christ Temple“ auf dem Tao Fong Shan in Hongkong

Die Jahre, die ich als Dozent von 2002 bis 2008 am „Lutheran Theological Seminary“ in Hongkong verbracht hatte, waren für mich die aufschlussreichsten in Sachen Christsein. Anders als man es vermuten könnte, kam die Mehrzahl der Theologiestudenten nicht aus einer lutherischen Kirche. Stattdessen waren am Seminar Studenten aus nahezu allen protestantischen Denominationen vertreten, angefangen von Anglikanern, Methodisten, Baptisten, eben auch Lutheranern (in vier verschiedenen Ausprägungen), Reformierte, Unierte, Adventisten, Pfingstkirchlern, die Zugehörigen der „Christian und Missionary Alliance“-Kirche bis hin zu Mitgliedern von Gemeinden ohne denominationeller Verbindung.

Bandbreite christlicher Gottesdienste

Das gottesdienstliche Leben in Hongkong hatte für mich eine bis dato unfassbare Bandbreite, angefangen von liturgisch gepflegten Abendmahlsgottesdiensten in englischsprachigen anglikanischen und lutherischen Kirchen, über Worship-and-Praise-Gottesdienste, Taizé-orientierte Gottesdienste auf dem „Tao Fong Shan“, multinationale Gottesdienste in der „Kowloon Union Church“, predigerzentrierte Gottesdienste in der Southern-Baptist-Gemeinde, pfingstbewegte Gottesdienste mit philippinischen Haushaltshilfen, familienähnliche Gottesdienste in der kantonesischsprachigen „Praise Lutheran Church“ in Mongkok bis hin zu „Wohnzimmergottesdiensten“ mit afrikanischen Asylbewerbern im heruntergekommenen Bürogebäude.

Mit der Zeit bin ich in Sachen Gottesdienste vielsprachig geworden, kann selbst an katholischen Messen eines marianisch geprägten alten Priesters bei uns in Vöhringen innerlich teilnehmen. Da ließe sich die Frage stellen, ob ich in Sachen Gottesdienst und Glaube beliebig geworden bin. Ich würde das verneinen, kann mitunter in Sachen evangelischer Gottesdienst und Glaube messerscharf urteilen. Aber mir ist bewusst geworden, dass all die unterschiedlichen Gottesdienste und Denominationen je eigene Akzentuierungen unseres christlichen Glaubens haben. Man geht mit einem besonderen Anliegen und mit einer eigenen Tradition auf Jesus Christus zu. Mitunter ist es mir dabei nicht möglich, zu einem Predigtwort oder zu einem Gebet „Ja und Amen“ zu sagen. Aber was mich mit meinen Glaubensgeschwistern in Hongkong und in Südostasien verbindet, ist eine gottesdienstliche Ernsthaftigkeit. Wir stellen uns mit unserem eigenen Leben unter den Anspruch des göttlichen Wortes, bekennen Jesus Christus als unseren Herrn und rufen den dreieinigen Gott im Gebet an.

Was die Vernunft nicht gelten lassen will

Wo ich bei anderen Christen wahrnehme, dass sie sich dem göttlichen Anspruch stellen – auch mit ihren eigenen Zweifeln – weiß ich mich ihnen im Glauben verbunden, auch wenn sie Dinge und Regeln geltend machen, die ich für mich nicht anzunehmen weiß. Wirkliche Schwierigkeiten habe ich hingegen mit einer pastoralen Kirchlichkeit, bei der im Namen des christlichen Glaubens religiöse Eigensinnigkeit präsentiert wird. Da zeigt sich ein Habitus intellektueller Überheblichkeit, demzufolge heutzutage nur das zu glauben sei, was die eigene (pastorliche) Vernunft gelten lassen will. Liturgisch endet diese Vernünftigkeit im Gebetsautismus – ein Beten, das den dreieinigen Gott nicht anredet, sondern sich selbst anbetet. Und genau dort muss ich außen vor bleiben.

Kleider machen Leute – Vom Christusgewand

8. Februar 2017
Leonardo da Vinci - Gewandstudie für eine knieende Figur

Leonardo da Vinci – Gewandstudie für eine knieende Figur

An Fasching ist es offensichtlich: Kleider machen Leute. Wer verkleidet oder gar maskiert auftritt, ist jemand anderes. In unserer Kleidung steckt mehr als nur Leibesbedeckung oder Wärmeschutz. Mit meiner Bekleidung zeige ich vielmehr an, welches Ansehen ich habe oder aber wie ich von meinen Mitmenschen gesehen werden will. Mitunter gibt es den besorgten Spiegelblick: Wie stehe ich vor Arbeitskolleginnen, dem Chef, den Kunden, den Freundinnen oder dem Ehepartner dar? Mancher Blick scheint trotz unserer Kleidung uns bloßzustellen.

Für Christen gilt es eine besondere Lebenszusage: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Galater 3,27) Christus ist uns als „Taufkleid“ auf den Leib geschnitten. Eine seltsame Vorstellung, und doch lebenstiefe Wahrheit: Sein Leben legt sich um unser Leben – ein unsichtbares Gnadengewand auf unserer Haut, das uns nicht bloßstellt. Mit dieser Kleidung muss ich mich vor niemandem schämen.

Tag für Tag heißt es, dieses Kleid bewusst anzuziehen, um als Christ unseren Mitmenschen gegenüberzutreten. Das Christusgewand prägt uns so wohl innerlich wie auch äußerlich. Dazu schreibt der Apostel Paulus: „Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun die entsprechende »Kleidung« an: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.“ (Kolosser 3,12) Kein nacktes „ich“ mit all seinen Stimmungen und Launen, sondern herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld hüllen mich ein und wirken zugleich auf Menschen um mich herum.

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

Der „Deutsche Luthertag“ 1933 und die „Schreckenskammer der Luther-Jubiläen“

27. Januar 2017
Gedenkveranstaltung zum

Gedenkveranstaltung zum „Deutschen Luthertag“ am 19. November 1933 im Berliner Lustgarten. Der „Bischof von Brandenburg“, Joachim Hossenfelder (1899-1976) hält die Ansprache auf der Rampe des Berliner Schlosses

In Sachen Reformationsjubiläum 2017 heißt es aufzupassen, dass man Luther und die Reformation nicht für eigenreligiöse und gesellschaftspolitische Anliegen instrumentalisiert. Dazu kann uns der „Deutsche Luthertag“ 1933 zum 450. Geburtstag des Reformators als warnendes Beispiel dienen. Dieses Lutherjubiläum wurde nämlich mit kirchlichem Segen der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft dienstbar gemacht. So erklärte Hermann Wolfgang Beyer (1898-1942), damaliger Professor für Kirchengeschichte in Greifswald: „Das Jahr 1933 ist nicht nur ein Jahr der Erinnerung an ihn [Luther], sondern ein Jahr der Erfüllung dessen, was er gewollt“ hatte. Der Superintendent und Oberpfarrer an die Stadt- und Pfarrkirche St. Marien in Wittenberg Maximilian Meichßner (1875-1954) wusste ebenfalls von einem besonderen Zeitbezug zu reden:

„Es ist eine Fügung Gottes, daß Luthers 450. Geburtstag in eine Zeit fällt, die in der deutschen Geschichte nur mit der Reformationszeit zu vergleichen ist. Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in einer Zeit völkischen Erwachens. Luther steht vor uns als deutscher Mann … Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in den Tagen Adolf Hitlers. Wir haben heute wieder offene Augen bekommen für das, was für ein Volk ein von Gott berufener Führer bedeutet. Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in den Tagen nationaler Erneuerung. Morsches, Faules wird weggerissen. Steine werden getragen zum Neubau des 3. Reiches. Da verstehen wir besser als sonst, was Reformation der Kirche bedeutet …“

D. Wilhelm Fahrenhorst (1873-1941), Bundesdirektor des  „Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“

D. Wilhelm Fahrenhorst (1873-1941)

Noch deutlicher in Sachen „kairotische Heilsgeschichte“ wurde Wilhelm Fahrenhorst, damaliger Bundesdirektor des „Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“ und Planungsbeauftragter für den „Deutschen Luthertag 1933“, als Hauptredner beim „Eislebener Luthersonntag“ am 20. August 1933:

„Und wenn Martin Luther auf seinem Wege dem Führer heute begegnen würde, dem unser Herzen aller dankbar schlagen – tief würde er ihm in die Augen schauen, und beide Hände würde er ihm drücken. ‚Dank dir, du deutscher Mann! Du bist Blut von meinem Blut, Art von meiner Art. Wir beide gehören eng zusammen!‘ Wahrhaftig, sie gehören zusammen, Martin Luther und Adolf Hitler, die Reformation von 1517 und die deutsche Erneuerung von 1933. Die Parallele ist in der Tat überraschend. Damals wie heute die große Not, der das Volk zu erliegen drohte: Dort die große Not von Rom her, äußerlich die Ausplünderung Deutschlands zur Befriedigung immer gesteigerter klerikaler Ansprüche, innerlich die Qualen der Seelen, denen die verderbte Kirche den Frieden Gottes nicht mehr zu geben wusste, es sei denn im Priester- oder Mönchsberuf. Hier die Not von Marxismus und Atheismus her, von Bolschewismus und Internationalismus her, die nicht ohne Mitschuld des Ultramontanismus die deutschen Seelen zu verderben drohten. Damals wie heute sandte Gott einen Retter: Damals den Bergmannssohn von Eisleben, den Volkskanzler des Dritten Reiches heute.  In beiden erstand mit Urkraft die tragende Idee, das ,Selig aus Gnaden‘, die Gewissheit der Frohbotschaft von der Gotteskindschaft aus der erbarmenden Liebe des himmlischen Vaters und das Bild des ,freien Christenmenschen‘ im deutschen Manne Martin Luthers und der geniale Gedanke, dass der Mensch gottgewollt leben müsse aus der blut- und schicksalsmäßigen Bestimmtheit seiner Nation heraus und dass national und sozialistisch keine Gegensätze, sondern zu vereinen seien, in Adolf Hitler. In beiden lebt der unzerstörbare, von keinem Hemmnis und Widerstand zu bezwingende feste Glaube an die Kraft und den Sieg dieser Idee. Das eherne Wormswort Luthers: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! – klingt genauso auch aus Hitlers Kämpfen und Dulden, Ringen und Streiten heraus. Und dieser Glaube findet ein überwältigendes Echo im Volke von 1517 ebenso wie in dem von 1933 und weckt einen Willen zur Hingabe, zur opfernden Gefolgschaft, der unwiderstehlich daherbraust wie der Lenz, alles erfassend, alles mit sich fortreißend, alles besiegend. Luther und Hitler, sie gehören zusammen, und so grüßen wir auch hier den Führer, dankbar und treu.“ (Mitgliederblatt des Evangelischen Bundes 47, 1933, Nr. 5, 4-6)

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Ähnlich schrieb der radikale deutsche Christ Siegfried Leffler (1900-1983), der nach dem Krieg wieder als evangelisch-lutherischer Pfarrer im niederbayerischen Hengersberg amtierte:

„Wie konnten die Deutschen innerlich – erlöst und frei geworden – auch anders als eine Nation bauen, einen preußischen Staat mit seiner strengen Dienst- und Pflichtauffassung, vom großen Kurfürsten über Friedrich den Großen bis zu Stein und Bismarck, ein deutsches Reich germanischer Nation von Bismarck bis zu seinem eigentlichen Schöpfer Adolf Hitler. So können wir uns Adolf Hitler nicht ohne Martin Luther denken. Und umgekehrt hätte Luthers Tat ohne die Erscheinung Adolf Hitlers 400 Jahre später nie ihren vollen Sinn für Deutschland erlangt.“

Symptomatisch war auch der Braunschweiger „Aufruf zum Luthertag“, der neben dem nationalsozialistischen Ministerpräsidenten Dietrich Klagges (1891-1971) auch von dem dreißigjährigen Landesbischof Wilhelm Beye und weiteren fünf Pfarrern unterzeichnet worden ist:

Deutsche Volks- und Glaubensgenossen!

In der Schicksalswende des deutschen Volkes rüsten wir uns zum 19. November, dem 450. Geburtstag Martin Luthers. Der Führer selber hat aufgerufen zum letzten Einsatz für Deutsch­lands Ehre und Freiheit. In diesen schicksalsschweren Tagen begegnen sich Gegenwart und Vergangenheit. Der Reformator der Deutschen und der Kanzler des Volkes reichen einander die Hand. Ihnen beiden geht es um Deutschland. So spricht der Führer: Wir haben nur einen Glauben und der heißt Deutschland. Und es bekennt der Reformator: Für meine Deutschen bin ich geboren, meinen lieben Deutschen will ich dienen.

Es geht um Deutschland und damit um unsere Zukunft. Woher aber strömt uns die Kraft und der Glaube an unser Volk? Gewiss, aus den herrlichen Kräften des menschlichen Geistes und Blutes! Gewiss, aus der jungfräulichen Scholle der deutschen Erde! Was von der Erde gebo­ren wird, ist erhaben und groß, und wir wissen von ihr als einem kostbaren Geschenk unseres Gottes, der uns zum Dienst an ihr und unserem Volk verpflichtet. Größer und wunderbarer als Mensch und Erde ist Gott selbst. Der Glaube an Deutschland muss darum sich gründen im schöpferischen Urgrund alles Seins, in Gott.

Der Reformator wusste um das Geheimnis solchen Glaubens. Um solches Geheimnis weiß auch der Führer. Wissen wir um dieses Geheimnis?

Wir stehen in den Geburtswehen einer neuen Zeit. Deutschland ist erwacht und kämpft um seine Seele. Wer soll in diesem Kampfe Führer sein? Martin Luther oder Lenin? Am Materia­lismus zerbrechen noch immer die Völker. Wer darum sein Volk von ganzem Herzen liebt, muss das Werk des deutschen Reformators ehren, dessen ganzer Kampf der Freiheit deut­schen Wesens und Glaubens galt.

Wir rüsten uns zum Luthertag in der Schicksalswende des deutschen Volkes. Der Führer ruft zum letzten Einsatz für Deutschlands Ehre und Freiheit. Wir stehen in der Entscheidung. Wie soll das Losungswort des neuen Kampfes heißen? Für uns als lutherische Menschen kann es nur lauten: Hie gut deutsch und evangelisch allewege!

Darum schließt die Reihen! Luthers 450. Geburtstag soll eine Bekenntnistag aller Evangeli­schen sein

Für Gott und Volk!

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Ursprünglich war der „Deutsche Luthertag“ auf den 10. November 1933, also den Geburtstag Luthers terminiert. Da jedoch Hitler kurzfristig für den 12. November Reichstagswahlen und eine „Volksabstimmung“ über den Austritt aus dem Völkerbund angesetzt hatte, wurde der Luthertag auf den 19. November verschoben. In welcher Tonlage dieser Luthertag wahrgenommen wurde, dazu schrieb der Kulturjournalist Carl Weichardt (1878-1955) auf der Titelseite der Berliner Morgenpost (aus dem Ullstein-Verlag) vom 19. November 1933:

„Der 10. November, da Martin Luther vor viereinhalb Jahrhunderten zu Eisleben geboren wurde, war der eigentliche Luther-Tag. Deutschland hat seine Gedenkfeier auf den 19. November verlegt. Es kommt auf den Tag nicht an; dieses ganze Jahr ist, zum mindesten für den deutschen Protestanten und für die evangelische Kirche in aller Welt, ein Luther-Jahr. […]

Der Gedanke liegt nahe, und die nicht-lutherische Kritik an der modernen Kultur setzt an diesem Punkte ein, daß die Befreiung der menschlichen Seele am Ende doch, ob gewollt oder ungewollt, zu all den zersetzenden Strömungen geführt habe, unter denen die moderne Zeit gelitten hat und teilweise noch leidet. Wer wollte grade heute die Gefahr einer mißverstandenen Freiheit leugnen! Der Staat bedeutete für Luther die Ordnung Gottes, in der allein die sündige Welt ein halbwegs würdiges Leben führen kann. Im Dienste der Gerechtigkeit darf und soll der Staat auch mit dem Schwerte die Ordnung schützen und den Guten gegen den Bösen verteidigen. Der Christenmensch ist frei im Glauben, in seinem weltlichen Wirken aber soll er ein demütiger Diener des Ganzen sein. Auch der bescheidenste Beruf wird in solchem Sinne Gottesdienst. Unnötig, zu sagen, wie lebendig grade solche Luther-Gedanken seit den jüngsten Tagen wieder im deutschen Menschen leben und wirksam sind.

Wenn einer ein deutscher Mensch war, so Martin Luther. […]

„Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen.“ Einen Dienst von nie zu ermessender Größe hat Luther Deutschland für alle Zeiten geleistet: er hat uns unsere Sprache, die hochdeutsche Einheitssprache geschenkt.“

Hermann Sasse

Hermann Sasse (1895-1976)

Es war Hermann Sasse, außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte in Erlangen und Mitverfasser des Betheler Bekenntnisses (1933 mit Dietrich Bonhoeffer), der für den ideologischen Missbrauch eines kirchlichen Luther-Gedenkens klare Worte fand: „Je mehr die Lehre Luthers aus dem Bewußtsein seiner Kirche schwindet, umso törichter wird der Kultus seiner Person getrieben. Und je mehr man dem evangelischen Volk in schwülstigen, verlogenen Festreden den „Helden von Worms“, den „Landsknecht Gottes“ und wie die übrigen Gestalten und Symbole aus der Schreckenskammer der Luther-Jubiläen heißen, vorsetzte, umso mehr entfremdete es man der Reformation. Die evangelischen Kirchen, die das geduldet und sogar gefördert haben, können sich wirklich über ihr Schicksal nicht beklagen.“ (Was heißt lutherisch, München: Chr. Kaiser Verlag 1934, S. 25f)

Hier mein Text als pdf.

Gott legt uns keine Last auf – Zur Fehlübersetzung von Psalm 68,20 in der neuen Luther-Bibel 2017

24. Januar 2017
Henry Holiday - Illustration zu Lewis Carrolls The Hunting of the Snark (1876)

Henry Holiday – Illustration zu Lewis Carroll, The Hunting of the Snark (1876)

In der neuen Luther-Bibel 2017 wird nunmehr Lukas 2,14 textkritisch korrekt übersetzt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Luther hatte ja übersetzt: „Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen“, was alle vormaligen Revisionen überstanden hatte.

Wenn man bei dem vertrautesten Text der Lutherbibel solch eine signifikante Korrektur übernimmt, bleibt es unverständlich, warum in Psalm 68,20 Luthers Fehlübersetzung immer noch wiedergegeben wird: „Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. (GElobet sey der HERR teglich / Gott legt vns eine Last auff / Aber er hilfft vns auch)“ Richtig übersetzt die Zürcher Bibel: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist.“ Ebenso die revidierte Einheitsübersetzung 2017: „Gepriesen sei der Herr, Tag für Tag! Gott trägt uns, er ist unsere Rettung.“

Da ist ja ein wesentlicher Unterschied, ob der Gott einem eine Last auferlegt oder aber einen selbst gnadenreich trägt. Dass Luther falsch übersetzt hat, wissen alle. Und dass seine „belastende“ Fehlübersetzung in den Duktus eines Siegesliedes auf Gottes Herrschaft nicht passen kann, ist offensichtlich. Und doch hat man bei der aktuellen Revision an der Fehlübersetzung festgehalten und als Fußnote hinzugefügt: „Wörtlich: »der unsere Last trägt, der uns hilft«.“ (womit ja die Fehlübersetzung eingestanden wird).

Offensichtlich wollte man sich in der neuen Luther-Bibel eine sprichwörtliche Kernstelle frommer Gottergebenheit bewahren. Aber genau damit wird der eigene Übersetzungsanspruch zur semantischen Manipulation, womit die Autorität der Heiligen Schrift bewusst preisgegeben wird. „Das Wort sie sollen lassen stahn“ gilt als Kriterium auch für eine Bibelübersetzung in der Gefolgschaft Martin Luthers.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Warum die Luther-Bibel 2017 einen Glaubensartikel immer noch auslässt und die Schweizer es hinkriegen.

19. Januar 2017

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Auch in der neuen Luther-Bibel 2017 heißt es eingangs des Prologs im Evangelium nach Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1,1) Dieser Vers muss irritieren: Wie kann man mit jemandem zusammen sein, wenn man derselbe ist – das Wort mit Gott und zugleich Gott. Die Ursache für diese Konfusion ist schlicht die Auslassung des bestimmten Artikels in der deutschen Übersetzung. Martin Luther hat – wie so oft – eben nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der lateinischen Vulgata übersetzt (wo es ja keinen bestimmten Artikel gibt): „In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum et Deus erat Verbum.“ Dem griechischen Original zufolge muss die korrekte Übersetzung wie folgt lauten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei dem Gott, und das Wort war Gott.“ Das Objekt „dem Gott” bezieht sich auf den himmlischen Vater, wo hingegen im dritten Satzteil „Gott” als Gattungsname bzw. Prädikatsnomen gilt. Folgerichtig wird das Wort (bzw. der Logos) als göttlich prädiziert, was nichts anderes heißt, als dass es über dieselben Wesenseigenschaften wie der Gott verfügt. Trotz Wesenseinheit ist es jedoch nicht mit dem Vater identisch.

Das Wort ist Gott, ohne damit „der Gott“ (Vater) zu sein. Wenn es in den Formel von Chalcedon heißt, dass Jesus Christus wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch sei, handelt es sich bei diesen beiden artikellosen Prädikaten um Gattungsnamen, die Jesu Wesenseinheit mit dem Vater und uns Menschen aussprechen. Auch die revidierte Einheitsübersetzung verschreibt sich einem subtilen Modalismus, wenn es in ihr – wenigstens in richtigen Reihenfolge – heißt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Die Schweizer hingegen haben vor zehn Jahren in der Zürcher Bibel mit gutem Grund wie folgt übersetzt: „Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.“

Kirchensteuer in der Kritik

15. Januar 2017
Masaccio - Der Zinsgroschen (Fresko, 1425- 1428 Santa Maria del Carmine)

Masaccio – Der Zinsgroschen (Fresko, 1425-1428, Santa Maria del Carmine)

In der heutigen Ausgabe von SWR2 Glauben ist von Brigitte Lehnhoff unter dem Titel „Kirchensteuer in der Kritik. Eine Bestandsaufnahme“ ein gut recherchierter und angenehm moderierter Beitrag über die Kirchensteuer und alternative Modelle gesendet worden. Darin kommen auch mein Studienkollege Mathias Hartmann, Rektor der Diakonie Neuendettelsau, mit seinen Anfragen an die Zukunft der Kirchensteuer und ich mit meiner biblisch-theologischen Kritik zu Wort. Die evangelische Nachrichtenagentur idea hat daraus eine Meldung gemacht: Ist die Kirchensteuer noch zeitgemäß?

Hier noch einmal meine zwölf Thesen zur Kirchensteuer aus meinem Buch „Rettet die Kirche. Schafft die Kirchensteuer ab„:

  1. Die Kirche bekennt Jesus Christus als ihren Herrn: Ihre Handlungen und Ordnungen müssen sich deshalb an seinem Wort und Werk messen lassen.
  2. Kirche ist kein Volk von Steuerschuldnern, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, die unter und nach dem Evangelium leben.
  3. Kirche lebt nicht von Abgaben der Gläubigen, sondern allein durch die Selbsthingabe Jesu Christi, die wir im Abendmahl empfangen.
  4. Die Lebensbeziehung, die Christus schenkt, befähigt Menschen, ihm auf seinem Weg zu folgen und selbst opferbereit zu werden.
  5. Allein durch freiwillige Gaben können Christen den Auftrag der Kirche unterstützen und daran Anteil gewinnen.
  6. Freiheit und Nächstenliebe sind Grundpfeiler der christlichen Gemeinschaft. Gesetzliche Zwangsverhältnisse lassen sich nicht mit ihnen vereinbaren.
  7. Kirchensteuer ist eine öffentlich-rechtliche Zwangsabgabe, kein freiwilliger Mitgliedsbeitrag. Man kann sich ihr als Kirchenmitglied nicht einfach entziehen.
  8. Die Kirchensteuer steht im klaren Widerspruch zum Evangelium Jesu Christi und zu den evangelischen Lehrbekenntnissen.
  9. Die Tatsache, dass getaufte Christen durch einen Austritt aus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts generell vom Abendmahl ausgeschlossen werden, ist ein Skandal. Die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben wird damit in Frage gestellt.
  10. Der Mammon droht, das Evangelium zu verdrängen: Je größer das Budget der verfassten Kirchen, desto mehr Entscheidungen werden in Abhängigkeit vom Geld getroffen.
  11. Das derzeitige Kirchensteuersystem macht die Landeskirchen zu Anstaltskirchen und versperrt den Weg zum nachhaltigen Gemeindebau und zur Mission.
  12. Ein Ausstieg aus der Kirchensteuerfinanzierung muss stufenweise erfolgen. Sein Ziel ist eine Kirche, die sich aus den freiwilligen Gaben der Gläubigen selbst finanziert und durch Umlagen übergemeindliche Dienste trägt.

Dürfen Christen sich eigentlich tätowieren lassen?

13. Januar 2017

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Ich persönlich habe keine Tätowierung und werde niemandem eine Tätowierung empfehlen. Aber ich kann nicht sagen, dass für Christen Tätowierungen prinzipiell verboten sind. Wenn es in manchen christlichen Kreisen heißt es, die Bibel verbiete Tätowierungen, bezieht man sich dabei auf Levitikus 19,28: „Und ihr sollt euch keine Einschnitte machen an eurem Leib eines Toten wegen, und ihr sollt euch keine Zeichen einritzen. Ich bin der HERR.“ In der Tat dürfen Christen sich nicht gottfremde Machtzeichen in die Haut ritzen lassen. Auf meiner Haut hat nichts verloren, was dem umfassenden Anspruch des HERRN auf unser Leben widerspricht. Insofern ist eine Totenkopftätowierung für einen Christen unangebracht.

Wer jedoch sagt, jegliche Tätowierung sei dem Wortlaut der Bibel nach verboten, dem würde ich jedoch Folgendes entgegnen: Das Tätowierverbot in Levitikus 19 gilt als göttliche Bestimmung für das Volk Israel, das außerhalb des Erlösungswerks Christi unter dem Anspruch der gesamten Thora mit 613 Einzelanweisungen steht. In der christlichen Auslegungstradition unterscheidet man hingegen zwischen kultischem, richterlichem und dem Moralgesetz. Das kultische Gesetz, wie es sich gerade im Buch Levitikus findet, sowie das richterlichem Gesetz (z.B. Exodus 21 bis 22) gelten dem Wortlaut nach allein für das Volk Israel, nicht aber für andere Völker. Das Moralgesetz, wie es in den Zehn Geboten explizit zur Sprache gebracht ist, gilt hingegen für alle Völker und ist deswegen auch in Luthers Kleinem Katechismus aufgenommen.

Wenn es also heißt „die Bibel sagt“, muss immer hinzugefügt werden, zu wem etwas gesagt ist. Christen, die behaupten, das Tätowierungsverbot gälte vollumfänglich für alle Christen, würde ich fragen, warum sie dann nicht auch Levitikus 19,26 bzw. 27 beachten. Dort heißt es nämlich: „26 Ihr sollt nichts Blutiges essen. Ihr sollt nicht Wahrsagerei oder Zeichendeuterei treiben. 27 Euer Haupthaar sollt ihr nicht rundum scheren, und deinen Bart sollst du nicht stutzen.“ Entgegen diesen biblischen Geboten essen Christen bluthaltiges Fleisch, rasieren sich christliche Männer die Bärte und lassen mitunter sich ihr Haupthaar kahl scheren. Wie will man das eine Gebot unbedingt geltend machen, wenn man als Christ die anderen Gebote, die gleich daneben stehen, einfach ignoriert.

„Gehören Sie einer christlichen Konfession an?“ Wie eine Frage auf dem Einwohnermeldeamt reformierte Ungarn und freikirchliche Bulgaren in Deutschland ungewollt zu steuerpflichtigen Mitgliedern einer verfassten Landeskirche werden lässt

13. Januar 2017

kirchensteuer

Mir stellt sich gegenwärtig eine neue Herausforderung in Sachen Kirchensteuer. In unserer Kirchengemeinde sind im letzten Jahr zwei Neuzugänge aus dem Ausland verzeichnet worden – ein ungarischstämmiger Christ aus Rumänien und eine bulgarische Familie. Bislang sind diese in unserem Gemeindeleben nicht präsent. Und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, warum sie Mitglied unserer Kirchengemeinde sein wollen, wenn wir doch keinen fremd­sprachlichen Gottesdienst bzw. keine organisierte diakonische Hilfe für Zuwanderer anbieten.

Meine Vermutung ist, dass bei den nunmehr verstärkt fälligen Neuanmeldungen von südost­europäischen Zuwanderern auf dem Einwohnermeldeamt die Weichenstellung vorgenommen wird. Da wird ja bei Zuzügen aus dem Ausland – die ja noch nicht im bundesdeutschen Meldewesen registriert sind – routinemäßig nach deren Bekenntniszugehörigkeit gefragt wird (wie dies ja von den staatlichen Meldegesetzen verlangt wird). Die betreffenden Personen geben wahrheitsgemäß ihre eigene Glaubensüberzeugung mit „protestantisch“ an und werden mit dieser Auskunft automatisch für die verfasste Landeskirche vereinnahmt – in Unkenntnis der steuerrechtlichen Konsequenzen und in Unkenntnis der jeweiligen besonderen – in unserem Fall evangelisch-lutherischen – Bekenntnisbindung. Denn in ihren Herkunftsländern ist ja – wie weltweit fast überall – Kirchensteuer ein Ding der Unmöglichkeit. Und dass die Angabe „protestantisch“ bzw. „evangelisch“ einen ungarischstämmigen Reformierten oder einen bulgarischen „Freikirchler“ automatisch meldetechnisch zu einem „Lutheraner“ in einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft macht, können diese ja beim besten Willen nicht wissen (das gibt kein Integrationskurs her). Außerdem sind auf dem Einwohnermeldeamt keine „AGBs“ der verfassten Kirchen vorhanden, die die Mitgliedschaftskonsequenzen klar benennen.

Im Unterschied zur staatlichen Rechtsprechung der 60iger Jahre in Sachen innerdeutscher „Möbelwagenkonversion“, wo man u.a. geltend gemacht hat, dass die lutherische, unierten bzw. reformierten Landeskirchen untereinander im Verhältnis einer gebietsteiligen Arbeitsgemeinschaft stehen, wird man dies ja bei Zuzügen aus dem multikonfessionellen Ausland wohl kaum behaupten können. So muss der Eindruck entstehen, dass in rechtlich fragwürdiger Weise Menschen gegen ihren eigenen Willen für eine Religionsgemeinschaft steuerpflichtig vereinnahmt werden. Dass ungarischstämmige bzw. bulgarische Mitchristen ohne Gemeindebezeug irgendein Interesse an einer Mitgliedschaft in einer verfassten Landeskirche haben sollten, ist jedenfalls kaum vorstellbar. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die gegenwärtige Praxis des kirchlichen Meldewesens in Deutschland vor einer europäischen Rechtsprechung Bestand haben dürfte.