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Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen …

27. März 2017

„Christliche Werte“ verdanken sich nicht der Bibel, sondern einer gesellschaftlichen Basar-Ethik

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift CA – Confessio Augustana 1/2017 habe ich zur Frage „Wozu ist das Christentum gut?“ unter anderem Folgendes geschrieben:

Aufklärung, Wohlfahrtsstaat und Pluralisierung der Lebensgestaltung scheinen dem Christentum in einer spätmodernen bürgerlichen Gesell­schaft keine besondere gesellschaftliche Relevanz zuzuerkennen. Allenfalls christliche Werte stehen noch im Raum. Für das Zeugnis des Evangeliums bzw. für die Glaubwürdigkeit des Christseins ist es jedoch kontraproduktiv, wenn man kirchlicherseits in und für die Gesell­schaft christliche Werte geltend machen will. Wer von christ­lichen Werten spricht, ist sich in der Regel nicht bewusst, dass sich die Rede von gesellschaft­lichen bzw. sittlichen Werten einer Wertephilosophie aus dem 19. Jahrhundert verdankt. Weder in der Bibel noch bei den Kirchenvätern oder Reforma­toren ist von irgendwelchen ethischen Werten die Rede, mit gutem Grund. Der Wertbegriff hat sei­nen Ursprung in der Ökonomie und steht letztlich für eine Basar-Ethik: Da sich die Dinge unterschiedlich bewerten lassen, muss man um gesell­schaftliche Werte feilschen.

Gottes Gebot als persönliche Verpflichtung

Was für Christen gilt, sind weder subjektive noch kollektive Wertschätzungen, sondern gött­liche Gebote. Mit dem Propheten Micha gesprochen: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Christen brauchen sich nicht auf gesellschaft­liche Werte­diskussionen einlassen. Da man für abstrakte Werte nicht persönlich einstehen kann, ist die Rede von christlichen Werten letztendlich unverantwortlich. Anders verhält es sich hingegen mit Tugenden, die personengebunden sind. Christen wissen für sich selbst, dass die von ihnen gelebten Tugenden auch der Gesellschaft zugutekommen.

Sobald man jedoch von besonderen christlichen Werten in der Gesellschaft spricht, werden sowohl das Evangelium wie auch die Kirche funktionalisiert. Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen, als habe die Gemeinschaft der Gläubigen für eine bürgerliche Gesellschaft als Wertevermittler tätig zu sein. Die Rede von christlichen Werten ist für Christen auf Dauer irreführend. Sie lässt diese sich mit einer scheinbar christlichen Gesellschaft identifizieren, deren „Christlichkeit“ unauf­hörlich abnimmt. Man beklagt einen „Werteverlust“, orakelt über einen gesellschaft­lichen Niedergang und redet in all dem sich selbst die Verheißung des Evangeliums aus: „Wir war­ten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2Petr 3,13).

Christen sind Fremdbürger

Die Ermahnungen im Neuen Testament gelten nicht etwa Menschen, die an Nationalstaaten, nachfolgende Generationen und irdisches Eigentum glau­ben, sondern den „Fremdlingen und Pilgern“ (1Petr 2,11), deren Lebensgeschick durch die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi verbunden ist. „Wir haben hier keine blei­bende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14) So kann der Apostel Paulus die Gemeinde auf das himmlische Bürgerrecht (Phil 3,20) hin herausfordern:

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12,1-2)

Christen sind Fremdbürger, so lautet der Titel eines höchst anregenden Buchs von Stanley Hauerwas und William Willimon, das letztes Jahr auf Deutsch bei Fontis (Basel) erschienen ist. Der Untertitel ist eine richtungsweisende Ansage: „Wie wir wieder werden, wer wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft“. Christen haben nichts zu verlieren, was nicht schon längst in Christus gewonnen ist.

Mein kompletter Artikel „Wozu ist das Christentum gut?“ findet sich hier als pdf.

Ungenießbar! – „Wer mein Fleisch isst …“ Predigt zu Johannes 6,55-65

26. März 2017

„Abendmahl“ heißt das großflächige Bild (1,60 mal 2 Meter), das der Maler Harald Duwe (1926-1984) 1977/78 gemalt hatte. Es ist seit 1981 als ständige Leihgabe der Familie Fincke an die Evangelische Akademie Tutzing im Foyer des dortigen Schlosses aufgehängt.

Zwölf Männern gruppieren sich um einen gedeckten Tisch. Auf den ersten Blick scheint es ein gemeinsames Abendessen zu sein – mit Weingläsern, Besteck, Brot und einer größeren Schüssel. Bis auf zwei blicken alle auf den Tisch – skeptisch, neugierig, angewidert, ratlos. Das Bild ist überwiegend in Grau und Braun gehalten und wirkt dadurch wie ein altes vergilbtes Familienfoto.

Der Titel „Abendmahl“ verweist auf das letzte gemeinsame Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, obwohl die dargestellten Männer in kein biblisches Jüngerbild passen. Auf dem Bild finden sich nämlich der Künstler selbst mit elf Freunden bzw. Kollegen der Fachhochschule Kiel. Hartmut Duwe steht hinter dem mittigen, unbesetzten Stuhl mit einer Gabel in der Hand, die sich auf die Schüssel hin zu bewegen scheint. Und auch der Auftraggeber des Bildes, Karl Fincke (mit Brille) steht hinter dem Rücken des Künstlers und zeigt mit einer Handgeste – die einen Kreis beschließenden Zeigefinger und Daumen – seine Zustimmung an.

Der leere Stuhl am Tisch ist es, der diesem Tafelbild eine ungeahnte und erschreckende Wendung gibt. Jesu Wort in unserem Ohr: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.  Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ (Johannes 6,53-56)

Der genauere Blick auf die Tafel enthüllt ein schreckliches Geschehen: In ziemlicher Unordnung finden sich auf dem Tisch Gläser, Schüsseln, Teller. Darin die zerstückelten Teile eines Leichnams: die rechte Hand sowie der linke Fuß mit den Wundmalen, ein mit anatomischer Akribie gemaltes Herz. In der Schüssel scheint das Haupt Christi zu liegen. Offensichtlich eine Anspielung auf das Haupt Johannes des Täufers (vgl. Markus 6,24). Dazwischen Brot und Wein, eine geöffnete Ölsardinenbüchse mit zwei langen Kreuzesnägel; und selbst die beiden letzten Buchstaben des Kreuzestitels »RI«, Rex Iudaeorum (König der Juden) tauchen auf. Kein Zweifel, der zuvor auf dem nunmehr leeren Stuhl saß hat sich selbst zum Verzehr preisgegeben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Nein, keine gotteslästerliche, perverse Phantasie eines Künstlers zeigt sich. Hartmut Duwe hat mit seinem Bild „Abendmahl“ vielmehr in drastischer Weise Jesus selbst beim Wort genommen. In Jesu Worte sieht der Künstler selbst den Bezug zu unserer Gegenwart, wenn er schreibt:

Abendmahl zu Jesu Gedächtnis, nicht als Weltflucht. Er begegnet in allen leidenden Menschen, in den Opfern des Machtkampfes, in den Opfern von Ideologien. Und wir haben diese Opfer durch Fahrlässigkeit erst ermöglicht. […] Hätten wir nicht unsere Bedenken, unser Gewissen (christliche Ethik) zugeschüttet, wie sähe dann unsere Welt aus! […] Wir müssen beim Abend¬mahl der Menschen gedenken, die heute verraten, geopfert werden. Die drastische Darstellungsweise soll diese wichtigen Aussagen des christlichen Glaubens bewußt machen. Ich wollte kein Erbauungsbild machen, sondern Betroffenheit hervorrufen. In seinem Opfer für uns erschließt uns Gott eine neue Weise menschlicher Existenz. Durch Ihn erklärt sich Gott mit diesem Leben identisch. Das Abendmahl führt uns in die Nachfolge ein. Brot ist sein Fleisch und Wein ist sein Blut des neuen Testaments. Das sollte betroffen machen. Dürfen wir uns als Christi Nachfolger sehen?“

Wir mögen dies zu tiefst abstoßend und widerlich finden, wie ja auch Jesu Zuhörer, gar seine eigenen Jünger, wenn es bei Johannes heißt: „Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? […] Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6,59-61.66-69)

Du hast Worte des ewigen Lebens, die uns in Fleisch und Blut übergehen – Worte, die verstö­ren, kaum auszuhalten sind, wider unser eigenes Empfinden sind. Wie können uns diese unglaublichen Worte das Heil bringen?

„Christi Leib für dich gegeben“, „Christi Blut für dich vergossen“ – Zusprüche bei unserer Abendmahlsfeier, die ja manchem unter uns aufstoßen. Tun wir Jesus wirklich leiblich essen? Da klingt nach einem abstrusen Kannibalismus, also nach Menschenfresserei (Anthropophagie) und hat immer wieder für Unwillen gesorgt. Und für Juden kommt noch der todeswürdige Verstoß gegen die Tora hinzu, heißt es doch in 3Mose 17:

Und wer vom Haus Israel oder von den Fremdlingen unter euch irgendwelches Blut isst, gegen den will ich mein Antlitz kehren und will ihn aus seinem Volk ausrotten. Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist. Darum habe ich den Israeliten gesagt: Keiner unter euch soll Blut essen, auch kein Fremdling, der unter euch wohnt.“ (vv 10-12)

Im Blut ist das Leben selbst. Es muss zur Sühne auf dem Altar vergossen und damit zu Gott zurückgebracht werden. Es darf niemals selbst genossen werden. Und jetzt sagt uns Jesus: „Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

An diesen Worten scheiden sich die Geister, auch schon in der Zeit der Reformation. Da waren sich Martin Luther und Ulrich Zwingli, der Schweizer Reformator in Sachen der evangelischen Lehre in fast allen Dingen einig. Und doch mussten sie nach einem Streit­gespräch in Marburg 1529 in einem gemeinsamen Schlusskommuniqué festhalten: „Da wir uns aber zu dieser Zeit nicht geeinigt haben, ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi leiblich in Brot und Wein seien, so soll doch ein Teil den anderen gegenüber christliche Liebe, sofern eines jeden Gewissen es immer ertragen kann, erzeigen.“ (Marburger Artikel, Artikel 15)

Im übertragenen Sinne ließe sich das ja verstehen: Brot und Wein symbolisieren Jesu Gegenwart unter uns, sind also als Zeichen zu verstehen, die man sich im eigenen Glauben und nicht etwa durch den eigenen Mund verinnerlicht. Aber leiblich gegenwärtig für den eigenen Verzehr für Gläubige wie auch für Ungläubige (manducatio oralis seu impiorum), so wie dies Martin Luther unerbittlich in seinem Kleinen Katechismus bekannt hat – „Was ist das Sakrament des Altars? Es ist der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.“ – das bleibt für viele undenkbar.

Lasst mich doch noch einmal versuchen Jesu Worte wörtlich zur Geltung zu bringen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Harald Duwe, der Maler des Abendmahlbildes, ist sechs Jahre nach Fertigstellung des Bildes tödlich verunglückt – am Freitag, den 15. Juni 1984 auf der Rückfahrt von der Hochschule in Kiel nach Großensee, seinem Wohnort in der Nähe von Hamburg. Auf der B 404 zwischen Segeberg und Schwarzenbek in Höhe von Tremsbüttel kommt er von Fahrspur ab und reißt den Fahrer des entgegenkommenden Wagens mit in den Tod. Tragischer Tod mit 52 Lebensjahren auf der Höhe der eigenen Schaffenskraft mag es „nachruflich“ heißen. Wir Menschen aus Fleisch und Blut sterben nicht in Gedanken, sondern wirklich an unserem eigenen Leib, mitunter auf erschreckende Weise. Die Gewalt des Todes trifft uns ins eigene Fleisch. Da helfen keine eigenen Gedanken und auch kein Glauben an ein unbestimmtes Weiterleben weiter. Der Tod nimmt sich unser mit Haut und Haar an, lässt unserem sterblichen Leib keine Chance – Aus, Amen.

Zu schnell verabschiedet man sich in Sachen Christentum in ein Jenseits, wo sich alles Verlorene und Vergebliche scheinbar geistig und seelisch zurechtdenken lässt. Aber Jesu Worte lassen keine Ausflüchte zu, sie sind zudringlich für unser eigenes Leben: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. […] Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Im Unterschied zu Lebensmittel, die wir aufessen, deren Energie wir unserem eigenen Körper zuführen, verheißt uns Jesus in seinem Fleisch und Blut etwas ganz anderes – eine bleibende, leibliche Lebensverbindung: „Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Das ist ja gerade das Entscheidende: Wir können Leib und Blut Jesu nicht aufessen und verdauen. Denn dann wäre ja Jesus uns nicht länger gegenwärtig. Beim Abendmahl mit Brot und Wein sagt sich Jesus Christus uns leibhaftig zu: Er verbindet sich mit unserem Leib, nimmt auch unser Leben in Leib und Blut für das ewige Leben bei Gott an. Die göttliche Lebensgemeinschaft ist eben keine Kopfgeburt, die uns in Fleisch und Blut der Vergänglichkeit überlässt.

Kommunion – ihr kennt das Wort, denkt vielleicht an den besonderen Gottesdienst für Neunjährige in der katholischen Kirche, wo diese zum ersten Mal die Hostie empfangen. Aber Kommunion heißt leibliche Gemeinschaft und Teilhabe, so wenn Paulus an die Korinther schreibt: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1Kor 10,16) Das Abendmahl macht uns zu Teilhabern am göttlichen Leben. Nicht in euren eigenen Gedanken seid ihr wirklich bei Gott, sondern am Tisch des Herrn, mit euren eigenen Händen dürft ihr begreifen, in eurem eigenen Mund dürft ihr es schmecken: Jesus Christus mit Leib und Seele für uns hingegeben.

Auf dem Bild „Abendmahl“ schaut der Künstler Harald Duwe dieser Wahrheit ins Auge, führt uns in drastischer Weise an das Geheimnis des Glaubens heran: Christus liefert sich mit Fleisch und Blut uns Menschen aus, damit wir in Fleisch und Blut zum ewigen Leben bei Gott bestimmt sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Literatur: Alexandra Axtmann, Säkularisierte Abendmahlsdarstellungen als Skandal an Beispielen von Harald Duwe und Matthias Koeppel, in: Kunst und Politik. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft, Bd. 14: Kirche und Kunst. Kunstpolitik und Kunstförderung der Kirchen nach 1945, herausgegeben von Regine Hess, Martin Papenbrock und Norbert Schneider, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress 2012, S. 27-41.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ (Martin Luther) – Warum „erzliberal“ und „orthodox“ Geschwister im Herrn sind

16. März 2017

Wie geht das zusammen in Sachen Christsein – erzliberal und zugleich orthodox? Vor einem Antwortversuch muss zunächst geklärt werden, was mit „erzliberal“ bzw. „orthodox“ jeweils gemeint ist. Für mich heißt „orthodox“ im Glauben an den dreieinen Gott der einen heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche verbunden zu sein. Schlüsseltext dazu ist das ökumenische Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel:

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater [und dem Sohn] hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Erzliberal“ heißt sich im eigenen Glauben menschlicher Anarchie (= Herrschafts- bzw. Ursprungslosigkeit) verpflichtet zu wissen, d.h. es gibt keine menschliche Autorität, die mir definitiv vorschreiben kann, was ich zu glauben und wie ich mich gottwohlgefällig zu verhalten habe. Jesu eigene Worte begründen diese menschlichen Anarchie in der Kirche: „Ihr wisst, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken sie, und ihre Großen setzen ihre Macht gegen sie ein.Unter euch aber sei es nicht so, sondern: Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,42-45) Eigene Geltungsansprüche auch in Sachen des Glaubens müssen müssen im Hinblick auf andere selbst erlitten werden.

Aber ist das nicht ein Widerspruch: Orthodoxer („rechtgläubiger“) Glaube in und mit der einen heiligen Kirche (una sancta ecclesia), der zugleich sich selbst in evangelischer Freiheit wahrnimmt?

Um diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, gilt es in die Orthodoxie des Glaubens einzusteigen. Was in der Kirche gemeinschaftlich bekannt wird, ist der dreieinige Gott mit seinem schöpferischen, versöhnenden und heiligenden Werk, das mich in der Gemeinschaft der Kirche zum Heil einschließt. Der christliche Glaube vertraut der göttlichen Wirklichkeit zum eigenen Heil und zur Erlösung seiner Schöpfung. Menschliche Worte und menschliches Handeln in der Kirche bezeugen die göttliche Wirklichkeit in Wort und Sakrament und können daher eo ipso keine eigene Autorität für sich beanspruchen. Gehorsam ist immer nur Glaubensgehorsam gegenüber dem Evangelium Jesu Christi, so es in menschlichem Zeugnis und in menschlicher Verkündigung präsentiert wird.

In der kirchlichen Verkündigung geht nicht um eine Weltanschauung oder um ein Lehrgebäude, sondern um das „Geheimnis des Glaubens“, das im Pascha-Mysterium Christi präsent ist. Mit der Akklamation nach den Einsetzungsworten beim Herrenmahl gesprochen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Was durch ihn und mit ihm und in ihm geschah, ist nicht vergangen, sondern für uns wirklich gegenwärtig. Im Glauben an sein Hingabewort (sein Testament) sind wir in die Gegenwart des dreieinigen Gottes hineingenommen und werden damit zu Teilhabern „an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium“ (Epheser 3,6). Diese Verheißung gilt dem letztgültigen göttlichen Zukunftsgeschehen, wie es im Glaubensbekenntnis heißt: „Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“

Wo der christliche Glaube von göttlichem Geschehen eingenommen ist, können sich in der Kirche keine menschlichen Herrschaftsverhältnisse behaupten. Wem in der Kirche das Amt der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung anvertraut ist, tritt nicht in eigener Person und in eigener Sache der Gemeinde gegenüber. Er kann sich nicht über das hinwegsetzen, worauf er sich in seiner Ordination selbst hat verpflichten lassen, nämlich das anvertraute Amt „nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht“.

Die Autorität des Evangeliums und das Lehramt der Heiligen Schrift sind sowohl dem Amtsträger wie auch der Gemeinde vorgegeben und ermöglichen herrschaftsfreie Verhältnisse unter den Kirchengliedern. Nur dort, wo sich der Amtsträger an seine Ordinationsverpflichtung hält, kann und darf er Gehör beanspruchen. Er muss sich in seiner Amtsführung und  Verkündigung auf seine Regelbindung hin befragen lassen. Schließlich weiß die Gemeinde (bzw. kann es nachschlagen), woran er sich zu halten hat und wo sie möglicherweise ihm die Zustimmung verweigern muss. Jedem Gemeindeglied steht es darüber hinaus frei, ob es dem „amtlich“ Gesagten seinen Glauben schenken will. Auch als „freisinniger“ Christ, der eine dezidiert heterodoxe Überzeugung in Sachen Heilsgeschehen hat, lässt man in eigener Gewissensfreiheit das orthodox Gesagte als „spielregelkonform“ in der Kirche gelten. „Das muss er halt so sagen, weil er Pfarrer ist …“

Anders verhält es sich jedoch, wenn ein „freisinniger“ Amtsträger unter dem Anspruch einer „kritischen Vernunft“ heterodox predigt. Diese Heterodoxie verweigert sich nämlich dem göttlichen Pascha-Mysterium, da nicht (neuplatonisch) vernunftfähig. An die Stelle des göttlichen Geschehens, von dem man als Amtsträger im Glauben selbst eingenommen ist, treten eigene weltanschauliche Überzeugungen bzw. eine eigene religiöse Ideologie. Statt sich selbst auf den eigenen Gehorsam gegenüber dem „einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1Korinther 8,6) befragen lassen, tritt der Anspruch eigener, höherer intellektueller Einsichten, die der Gemeinde zuzumuten sind bzw. worüber die Gemeinde aufzuklären ist.

Aber genau da beginnt der „freisinnige“ Klerikalismus: Weil man als studierter und konsistorial examinierter Amtsträger die pastorale „höhere Weihe“ ein für alle Mal erhalten habe, besitzet man als Pfarrer in der verfassten Kirche einen „amtsimmunen“ Status. Mit dem Talar als Amtstracht sichtbar der Gemeinde gegenüber gestellt und mit einem öffentlichen Redemonopol ausgestattet beansprucht man im Namen der eigenen Glaubensfreiheit von der Kanzel autoritativ Glaubensinhalte und Glaubensansichten verkünden, für die man keine Rechenschaft bezüglich des vorgegebenen kirchlichen Lehrkonsenses („Ecclesiae magno consensu apud nos docent …“ – CA 1) ablegen kann und muss. Als Pfarrer hat man per se Autorität und weiß es einfach besser als die Gemeinde. An die Stelle der Autorität des Evangeliums tritt der eigene Habitus, der sich mitunter selbst als autoritär erweist.

Das ist ja die Illusion, dass in der evangelischen Kirche alle gleichermaßen die ganz eigenen Glaubensansichten zum Besten geben dürfen – „wir sind so frei …“ – als wäre Kirche eine religiöse Selbsterfahrungsgruppe im Stuhlkreis mit gestalteter Mitte, wo jeder mit seinen Innerlichkeit und Befindlichkeiten für die anderen vernehmbar zu Wort kommen darf. Die Rede vom Priestertum aller Gläubigen dient in den verfassten Landeskirchen allzu häufig zur Verschleierung asymmetrischer Kommunikationsverhältnisse. Einer tritt von Amts wegen der Gemeinde mit der freien, assertorischen Rede gegenüber, sei es im Gottesdienst auf der Kanzel oder aber in gedruckter Form im Gemeindebrief. Wenn es um Glauben in der Gemeinde geht, hat der Pfarrer mit seiner Amtsautorität in der Öffentlichkeit letztlich das Sagen. (Etwas anderes wäre es, wenn ein Pfarrer öffentlich eigene Glaubenszweifel äußern und damit vor den andern sich selbst um den eigenen Amtsanspruch bringen würde.)

Innerhalb einer verfassten Landeskirche kann die „wahre“ Botschaft des Evangeliums nicht über einen herrschaftsfreien Diskurs zur Geltung gebracht werden. Heterodoxie im pastoral monopolisierten Amt bedeutet, dass eigene Glaubensüberzeugungen eines Amtsträgers unter einem autoritativen Geltungsanspruch den anderen Mitchristen unwidersprüchlich auferlegt werden. Damit werden unter scheinbar liberalen Vorzeichen in der Kirche klerikale Machtverhältnisse begründet, die der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Kirche widersprechen.

Evangelische Freiheit in der Gemeinschaft der Gläubigen nur durch die Orthodoxie der Christus-Verkündigung zu bewahren.

Kirchengebote, Sonntagspflicht und Seelenheil in der römisch-katholischen Kirche

3. März 2017

Kirchengebote

Für die meisten evangelischen Christen dürfte es unbekannt sein, dass in der römisch-katholischen Kirche neben den zehn Geboten auch fünf Kirchengebote verbindlich sind. So findet sich im neuen Gotteslob unter der Nummer 29.7 folgender Text:

„DIE GEBOTE DER KIRCHE

Die Kirchengebote wollen das Wachstum der Gottes- und Nächsten­liebe aller Gläubigen fördern; sie haben verbindlichen Charakter:

  1. Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollst du die Heilige Messe mitfeiern und keine Arbeiten und Tätig­keiten verrichten, welche die Heiligung dieser Tage gefährden!
    In der Freude über die Erlösung feiern Christen die Eucharistie an Sonntagen und Hochfesten, welche die Geheimnisse Christi, der Gottesmutter Maria und der Heiligen entfalten. Diese Tage sollen frei von unnötiger Arbeit bleiben, um Gott im eigenen Leben Raum zu geben.
  2. Empfange wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Ver­söhnung zur Vergebung deiner Sünden!
    Mit dem Bußsakrament geht der in der Taufe begonnene Weg der Umkehr und Hinwendung zu Gott weiter. Die Beichte bereitet zudem auf einen würdigen Empfang der heiligen Kommunion vor.
  3. Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen!
    Der Empfang des Leibes Christi stärkt die Gläubigen, er verbin­det sie mit dem auferstandenen Christus und untereinander. Die heilige Kommunion ist die Nahrung der Christen auf dem Weg zu Gott.
  4. Halte die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage!
    Um Christus in der Vorbereitung auf die hohen Feste zuneh­mend Raum zu geben, gibt es Zeiten der Entsagung und Buße. Aschermittwoch und Karfreitag sind strenge Fast- und Absti­nenztage. Katholische Christen beschränken sich an diesen Tagen auf eine einmalige Sättigung (Fasten) und verzichten auf Fleischspeisen (Abstinenz). Jeder Freitag ist im Gedenken an das Leiden und Sterben des Herrn ein Abstinenztag, an dem Gläubige auf Fleischspeisen verzichten, sich spürbar bei Genussmitteln einschränken und den Nächsten Hilfe leisten.
  5. Steh der Kirche in ihren Erfordernissen bei!
    Die Kirche fordert die Gläubigen auf, durch Mittun und materi­elle Unterstützung den Auftrag des Volkes Gottes mitzutragen.

vgl. KKK 2042″

Da zeigt sich schon in der Einleitung eine gewisse Spannung zwischen individueller Wachstumsförderung in Sachen Gottes- und Nächstenliebe und kirchlicher, mithin korporativer Verbindlichkeit. Was jedoch die Heilsfrage ganz unmittelbar berührt, ist folgender Passus aus dem Katechismus der katholischen Kirche (KKK, Neuübersetzung aufgrund der Editio Typica Latina, 2003) in Sachen Sonntagspflicht:

„Die sonntägliche Eucharistie legt den Grund zum ganzen christlichen Leben und bestätigt es. Deshalb sind die Gläubigen verpflichtet, an den gebotenen Feiertagen an der Eucharistiefeier teilzunehmen, sofern sie nicht durch einen gewichtigen Grund (z. B. wegen Krankheit, Betreuung von Säuglingen) entschuldigt oder durch ihren Pfarrer dispensiert sind (vgl. CIC, can. 1245). Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde.“ (KKK 2181)

Was eine schwere Sünde ist, wird in dem Katechismus der katholischen Kirche unter Nr. 1472 erläutert: „Die schwere Sünde beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig. Diese Beraubung heißt ‚die ewige Sündenstrafe‘.“ D.h. eine bewusste und absichtliche Übertretung des Sonntagsgebotes kann nach römisch-katholischer Lehre für katholische Christen die ewige Verdammnis zur Folge haben, so diese Übertretung nicht gebeichtet worden ist. Schließlich heißt es im Katechismus der katholischen Kirche unter Nr. 1493: „Wer mit Gott und der Kirche versöhnt werden will, muss dem Priester alle schweren Sünden beichten, die er noch nicht gebeichtet hat und an die er sich nach einer sorgfäl­tigen Gewissenserforschung erinnert.“

Sobald zwischen der letzten Beichte und dem eigenen Ableben ein bewusster und absichtlicher Verstoß gegen die Sonntagspflicht geschehen ist, wirkt sich dies nach dem Katechismus der katholischen Kirche wie folgt als Todsünde aus: „In Todsünde sterben, ohne diese bereut zu haben und ohne die barmherzige Liebe Gottes anzunehmen, bedeutet, durch eigenen freien Entschluss für immer von ihm getrennt zu bleiben. Diesen Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen nennt man ‚Hölle‘.“ (KKK 1033)

In diesem Sinne kann es in der Rechtsgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche für die meisten Christen – trotz der Verkündigung des Evangeliums und einem persönlichen Glauben an Jesus Christus – keine Heilsgewissheit geben. Schließlich nehmen nach der letzten Statistik in den Diözesen in Deutschland nur 10,4 % der katholischen Kirchenmitglieder an der Sonntagsmesse teil (DBK, Katholische Kirche in Deutschland – Zahlen und Fakten 2015/2016, Bonn 2016. Seite 47).

Hier mein Text als pdf.

Is(s)t uns Luther Wurst?

24. Februar 2017

lutherische

Am Aschermittwoch beginnt die vorösterliche vierzigtägige Fastenzeit. In der Tradition der mittelalterlichen Kirche bedeutet dies die Beschränkung auf eine Mahlzeit am Tag sowie die Abstinenz von Fleischspeisen. Auch heute noch gilt für römisch-katholische Christen das Kirchengebot: „Du sollst die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage halten.“ Für evangelische Christen sind kirchliche Fastengebote nicht nachvollziehbar, auch wenn Fastenaktionen wie „Sieben Wochen ohne“ und eigene Fastenvorhaben geläufig sind. Das hat seinen Grund in der Reformation vor 500 Jahren.

In Zürich begann die Reformation am ersten Sonntag der Fastenzeit 1522 mit einem Wurst­essen. Ehrbare Bürger trafen sich dazu im Haus des Druckers Christoph Froschauer und aßen gemeinsam dünne Scheiben von Rauchwürsten. Mit diesem offensichtlichen Verstoß gegen das Abstinenzgebot sollte evangelische Freiheit wider unbiblische Kirchengebote demon­striert werden. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) veröffentliche kurz darauf seine Predigt „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“. In der Ersten Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523 überzeugte Zwingli mit seiner These „Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.“ Der städtische Rat hob daraufhin die kirchlichen Fasten- und Abstinenzgebote auf. Fortan sollte in Zürich allein die Bibel (in Zwinglis Auslegung) als Grundlage kirchlichen Lebens gelten.

Martin Luther hatte schon im Mai 1520 in seinem Sermon „Von den guten Werken“ darge­legt, wie christliches Fasten zu praktizieren sei:

„Es gibt leider viele blinde Menschen, die ihr Kasteien, es bestehe in Fasten, Wachen oder Arbeiten, nur deshalb üben, weil sie meinen, es seien gute Werke, mit denen sich viele Verdienste erwerben lassen. Deshalb legen sie los und übertreiben es derart, dass sie ihren Leib damit verderben und ihren Kopf verrückt machen. Noch viel blinder sind diejenigen, die das Fasten nicht allein nach der Menge oder Länge bemessen wie diese, sondern auch nach der Speise. Sie halten es für richtig, es sei viel wertvoller, wenn sie auf Fleisch, Eier oder Butter verzichteten. […] Denen geht es weniger um das Fasten als um das Werk an sich. Wenn sie es getan haben, meinen sie, es sei wohlgetan.“

Durch Fasten und Abstinenz können Menschen sich Gott nicht gefällig machen. Ziel eigenen Innehaltens ist nicht Gottwohlgefälligkeit, sondern vielmehr die Einübung in die leibliche Genussfreiheit. Luther gibt dazu folgende Anweisung:

„Darum lasse ich es geschehen, dass sich jedermann Tag, Speise, Menge beim Fasten so auswähle, wie er selbst will, und dass er es nicht unbedacht tut, sondern dabei auf sein Fleisch achtet. Nur so viel, wie dieses Fleisch auch verträgt, lege er sich an Fasten, Wachen und Arbeit auf und nicht mehr […] Denn Maß und Regel beim Fasten, Wachen, Arbeiten soll ja niemand nach der Speise, der Menge oder den Tagen be­messen, sondern nur nach Zu- oder Abnehmen der fleischlichen Lust und dem Mutwillen, um derentwillen allein (bzw. der Ab­tötung und Dämpfung) das Fasten, Wachen, Arbeiten eingesetzt sind. Wo es solche Lust nicht gibt, gilt Essen so viel wie Fasten, Schlafen so viel wie Wachen, Müßigsein so viel wie Arbeiten – eines wäre so gut wie das andere, ohne jeden Unterschied.“

Hier der Text als pdf.

Pastoraler Restschamanismus und die eigene Bodenhaftung

20. Februar 2017

Als evangelischer Pfarrer genießt man ein besonderes Ansehen bei anderen Menschen, nicht nur bei den Mitgliedern der eigenen Kirchengemeinde. Gerade von katholischen Mitchristen werde ich häufig respektvoll als „Herr Pfarrer“ angesprochen – wider die römisch-katholische Lehre, der zufolge einem evangelischen Pfarrer die sakramental vermittelte „Weihegewalt“ (potestas ordinis) fehlt. Obwohl für Katholiken lehrmäßig betrachtet evangelische Pfarrer nur „laienhaft“ handeln können – womit es keine sakramentale Gnadenvermittlung geben kann –, scheinen diese dennoch mit einer besonderen geistlichen Habitus ausgestattet zu sein.

Selbst bei liberal oder agnostisch gesinnten Mitmenschen, die der christliche Lehre skepti­schen, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstehen, findet man als Pfarrer – zumindest in der persönlichen Begegnung – durchaus Respekt. Eigentlich unlogisch, sollte man meinen. Warum jemandem „amtliche“ Wertschätzung entgegenbringen, dessen Worte und Lehre die eigene Vernunft nicht wirklich gelten lassen will?

Der herausgehobene Status von Pfarrern in der Gesellschaft hängt wesentlich mit der archai­schen Vorstellung einer unsichtbaren Überwelt zusammen. Trotz Aufklärung wird auch im säkularen Europa irdisches Geschehen nicht ausschließlich mit naturwissenschaftlichen Gesetzen bzw. zielführenden Handlungen und freien Willensentscheidungen verrechnet. Andernfalls bliebe man im Leben auf einem unerquicklichen Restbetrag sitzen, der als unveränderliches Schicksal hinzunehmen wäre. Da scheint es – für Skeptiker und Agnostiker uneingestandenermaßen – durchaus Sinn zu machen, irdisches Wohlergehen wie auch Unheil in einen Zusammenhang mit unsichtbaren Kräften und Mächten zu bringen. Auch wenn dieses Wirkungsgefüge nicht empirisch nachgewiesen werden kann, suchen Menschen – vor allem in Krisenfällen und Lebensherausforderungen – den Draht zu einem semantisch unbestimmten „Oben“ (das nicht mit einem neuplatonischen, transzendenten „Jenseits“ zu verwechseln ist). Dabei geht es um mehr als nur religiöse Sinnstiftung bezüglich eines Geschehens und deren menschlichen Bewältigung. Vielmehr soll das unsichtbare Wirkungsgefüge positiv beeinflusst werden.

Und genau da sind wir bei Pfarrern als „Mittelsmännern“. Über 1500 Jahre hat das Institut der Weihe bzw. der Ordination katholischen Priestern sowie evangelischen Pfarrern ein beson­deres Amtscharisma innerhalb der Gesellschaft verliehen. Dieses weitgehend exklusive Charisma erstreckt sich nicht nur einen gemeindlichen Hirtendienst, sondern auch auf einen Vermittlungsdienst zwi­schen dem irdischen Leben und der wirksamen „Überwelt“. So wird von evangelischen Pfarrern erwartet, dass sie durch die Rezitation tradierter Heilsworte, insbeson­dere im Segen, durch rituelle Gesten und Handlungen, sowie durch das Gebet auf diese „Überwelt“ im Sinne ihrer Klienten einwirken.

In dem übersinnlichen Vermittlungsdienst kommen Pfarrer dem Schamanis­mus nahe, freilich mit dem Unterschied, dass pastorale Praktiken – das Gebet eingeschlossen – in aller Regel ekstasefrei sind. Himmelsreisen finden nicht statt. Auch wird man das Erleiden zweier konsistorialer Dienstprüfungen nicht ohne weiteres mit der lebenskritischen, psychopathologi­schen Initiation eines Schamanen gleichsetzen können. Aber dass dem Pfarrer eine professionelle Wirksamkeit über die empirische Wirklichkeit hinaus zuerkannt wird, verbindet ihn mit einem Schamanen. Zugleich verleiht sie ihm einen besonderen Amtsbonus: Wer sich professionell in höheren Gefilden zu bewegen scheint, wird von unbotmäßiger Kritik meist verschont. Schließlich könnte ja solche Kritik „oben“ nicht gut ankommen und damit negativ auf den Kritiker zurückwirken.

Für Pfarrer, die sich ja nicht nur rituell, sondern auch mit eigenen Worten zur Geltung bringen, hat der „amtliche“ Respekt nicht nur eine positive Wirkung. Wer scheinbar über anderer Kritik erhaben praktizieren muss, mag sich mitunter selbst verkennen. Da tut es einem gut, wenn man mit evangelikalen, pietistischen und freikirchlichen Mitchristen geschwisterliche Gemeinschaft pflegt. Dort wo unter der Lehrautorität der Heiligen Schrift Christinnen und Christen im Gehorsam gegenüber ihrem Herrn Jesus Christus einander gleichgestellt sind, zählen persönlicher Glaube und eigene Worttreue. In der Geschwisterschaft der Kinder Gottes spielt man als Pfarrer keine herausgehobene Rolle.

Wem ich im christlichen Glauben verbunden bin – Erfahrungen aus Hongkong

17. Februar 2017
Die achteckige Kapelle

Die achteckige Kapelle „The Christ Temple“ auf dem Tao Fong Shan in Hongkong

Die Jahre, die ich als Dozent von 2002 bis 2008 am „Lutheran Theological Seminary“ in Hongkong verbracht hatte, waren für mich die aufschlussreichsten in Sachen Christsein. Anders als man es vermuten könnte, kam die Mehrzahl der Theologiestudenten nicht aus einer lutherischen Kirche. Stattdessen waren am Seminar Studenten aus nahezu allen protestantischen Denominationen vertreten, angefangen von Anglikanern, Methodisten, Baptisten, eben auch Lutheranern (in vier verschiedenen Ausprägungen), Reformierte, Unierte, Adventisten, Pfingstkirchlern, die Zugehörigen der „Christian und Missionary Alliance“-Kirche bis hin zu Mitgliedern von Gemeinden ohne denominationeller Verbindung.

Bandbreite christlicher Gottesdienste

Das gottesdienstliche Leben in Hongkong hatte für mich eine bis dato unfassbare Bandbreite, angefangen von liturgisch gepflegten Abendmahlsgottesdiensten in englischsprachigen anglikanischen und lutherischen Kirchen, über Worship-and-Praise-Gottesdienste, Taizé-orientierte Gottesdienste auf dem „Tao Fong Shan“, multinationale Gottesdienste in der „Kowloon Union Church“, predigerzentrierte Gottesdienste in der Southern-Baptist-Gemeinde, pfingstbewegte Gottesdienste mit philippinischen Haushaltshilfen, familienähnliche Gottesdienste in der kantonesischsprachigen „Praise Lutheran Church“ in Mongkok bis hin zu „Wohnzimmergottesdiensten“ mit afrikanischen Asylbewerbern im heruntergekommenen Bürogebäude.

Mit der Zeit bin ich in Sachen Gottesdienste vielsprachig geworden, kann selbst an katholischen Messen eines marianisch geprägten alten Priesters bei uns in Vöhringen innerlich teilnehmen. Da ließe sich die Frage stellen, ob ich in Sachen Gottesdienst und Glaube beliebig geworden bin. Ich würde das verneinen, kann mitunter in Sachen evangelischer Gottesdienst und Glaube messerscharf urteilen. Aber mir ist bewusst geworden, dass all die unterschiedlichen Gottesdienste und Denominationen je eigene Akzentuierungen unseres christlichen Glaubens haben. Man geht mit einem besonderen Anliegen und mit einer eigenen Tradition auf Jesus Christus zu. Mitunter ist es mir dabei nicht möglich, zu einem Predigtwort oder zu einem Gebet „Ja und Amen“ zu sagen. Aber was mich mit meinen Glaubensgeschwistern in Hongkong und in Südostasien verbindet, ist eine gottesdienstliche Ernsthaftigkeit. Wir stellen uns mit unserem eigenen Leben unter den Anspruch des göttlichen Wortes, bekennen Jesus Christus als unseren Herrn und rufen den dreieinigen Gott im Gebet an.

Was die Vernunft nicht gelten lassen will

Wo ich bei anderen Christen wahrnehme, dass sie sich dem göttlichen Anspruch stellen – auch mit ihren eigenen Zweifeln – weiß ich mich ihnen im Glauben verbunden, auch wenn sie Dinge und Regeln geltend machen, die ich für mich nicht anzunehmen weiß. Wirkliche Schwierigkeiten habe ich hingegen mit einer pastoralen Kirchlichkeit, bei der im Namen des christlichen Glaubens religiöse Eigensinnigkeit präsentiert wird. Da zeigt sich ein Habitus intellektueller Überheblichkeit, demzufolge heutzutage nur das zu glauben sei, was die eigene (pastorliche) Vernunft gelten lassen will. Liturgisch endet diese Vernünftigkeit im Gebetsautismus – ein Beten, das den dreieinigen Gott nicht anredet, sondern sich selbst anbetet. Und genau dort muss ich außen vor bleiben.

Kleider machen Leute – Vom Christusgewand

8. Februar 2017
Leonardo da Vinci - Gewandstudie für eine knieende Figur

Leonardo da Vinci – Gewandstudie für eine knieende Figur

An Fasching ist es offensichtlich: Kleider machen Leute. Wer verkleidet oder gar maskiert auftritt, ist jemand anderes. In unserer Kleidung steckt mehr als nur Leibesbedeckung oder Wärmeschutz. Mit meiner Bekleidung zeige ich vielmehr an, welches Ansehen ich habe oder aber wie ich von meinen Mitmenschen gesehen werden will. Mitunter gibt es den besorgten Spiegelblick: Wie stehe ich vor Arbeitskolleginnen, dem Chef, den Kunden, den Freundinnen oder dem Ehepartner dar? Mancher Blick scheint trotz unserer Kleidung uns bloßzustellen.

Für Christen gilt es eine besondere Lebenszusage: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Galater 3,27) Christus ist uns als „Taufkleid“ auf den Leib geschnitten. Eine seltsame Vorstellung, und doch lebenstiefe Wahrheit: Sein Leben legt sich um unser Leben – ein unsichtbares Gnadengewand auf unserer Haut, das uns nicht bloßstellt. Mit dieser Kleidung muss ich mich vor niemandem schämen.

Tag für Tag heißt es, dieses Kleid bewusst anzuziehen, um als Christ unseren Mitmenschen gegenüberzutreten. Das Christusgewand prägt uns so wohl innerlich wie auch äußerlich. Dazu schreibt der Apostel Paulus: „Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun die entsprechende »Kleidung« an: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.“ (Kolosser 3,12) Kein nacktes „ich“ mit all seinen Stimmungen und Launen, sondern herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld hüllen mich ein und wirken zugleich auf Menschen um mich herum.

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

Der „Deutsche Luthertag“ 1933 und die „Schreckenskammer der Luther-Jubiläen“

27. Januar 2017
Gedenkveranstaltung zum

Gedenkveranstaltung zum „Deutschen Luthertag“ am 19. November 1933 im Berliner Lustgarten. Der „Bischof von Brandenburg“, Joachim Hossenfelder (1899-1976) hält die Ansprache auf der Rampe des Berliner Schlosses

In Sachen Reformationsjubiläum 2017 heißt es aufzupassen, dass man Luther und die Reformation nicht für eigenreligiöse und gesellschaftspolitische Anliegen instrumentalisiert. Dazu kann uns der „Deutsche Luthertag“ 1933 zum 450. Geburtstag des Reformators als warnendes Beispiel dienen. Dieses Lutherjubiläum wurde nämlich mit kirchlichem Segen der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft dienstbar gemacht. So erklärte Hermann Wolfgang Beyer (1898-1942), damaliger Professor für Kirchengeschichte in Greifswald: „Das Jahr 1933 ist nicht nur ein Jahr der Erinnerung an ihn [Luther], sondern ein Jahr der Erfüllung dessen, was er gewollt“ hatte. Der Superintendent und Oberpfarrer an die Stadt- und Pfarrkirche St. Marien in Wittenberg Maximilian Meichßner (1875-1954) wusste ebenfalls von einem besonderen Zeitbezug zu reden:

„Es ist eine Fügung Gottes, daß Luthers 450. Geburtstag in eine Zeit fällt, die in der deutschen Geschichte nur mit der Reformationszeit zu vergleichen ist. Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in einer Zeit völkischen Erwachens. Luther steht vor uns als deutscher Mann … Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in den Tagen Adolf Hitlers. Wir haben heute wieder offene Augen bekommen für das, was für ein Volk ein von Gott berufener Führer bedeutet. Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in den Tagen nationaler Erneuerung. Morsches, Faules wird weggerissen. Steine werden getragen zum Neubau des 3. Reiches. Da verstehen wir besser als sonst, was Reformation der Kirche bedeutet …“

D. Wilhelm Fahrenhorst (1873-1941), Bundesdirektor des  „Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“

D. Wilhelm Fahrenhorst (1873-1941)

Noch deutlicher in Sachen „kairotische Heilsgeschichte“ wurde Wilhelm Fahrenhorst, damaliger Bundesdirektor des „Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“ und Planungsbeauftragter für den „Deutschen Luthertag 1933“, als Hauptredner beim „Eislebener Luthersonntag“ am 20. August 1933:

„Und wenn Martin Luther auf seinem Wege dem Führer heute begegnen würde, dem unser Herzen aller dankbar schlagen – tief würde er ihm in die Augen schauen, und beide Hände würde er ihm drücken. ‚Dank dir, du deutscher Mann! Du bist Blut von meinem Blut, Art von meiner Art. Wir beide gehören eng zusammen!‘ Wahrhaftig, sie gehören zusammen, Martin Luther und Adolf Hitler, die Reformation von 1517 und die deutsche Erneuerung von 1933. Die Parallele ist in der Tat überraschend. Damals wie heute die große Not, der das Volk zu erliegen drohte: Dort die große Not von Rom her, äußerlich die Ausplünderung Deutschlands zur Befriedigung immer gesteigerter klerikaler Ansprüche, innerlich die Qualen der Seelen, denen die verderbte Kirche den Frieden Gottes nicht mehr zu geben wusste, es sei denn im Priester- oder Mönchsberuf. Hier die Not von Marxismus und Atheismus her, von Bolschewismus und Internationalismus her, die nicht ohne Mitschuld des Ultramontanismus die deutschen Seelen zu verderben drohten. Damals wie heute sandte Gott einen Retter: Damals den Bergmannssohn von Eisleben, den Volkskanzler des Dritten Reiches heute.  In beiden erstand mit Urkraft die tragende Idee, das ,Selig aus Gnaden‘, die Gewissheit der Frohbotschaft von der Gotteskindschaft aus der erbarmenden Liebe des himmlischen Vaters und das Bild des ,freien Christenmenschen‘ im deutschen Manne Martin Luthers und der geniale Gedanke, dass der Mensch gottgewollt leben müsse aus der blut- und schicksalsmäßigen Bestimmtheit seiner Nation heraus und dass national und sozialistisch keine Gegensätze, sondern zu vereinen seien, in Adolf Hitler. In beiden lebt der unzerstörbare, von keinem Hemmnis und Widerstand zu bezwingende feste Glaube an die Kraft und den Sieg dieser Idee. Das eherne Wormswort Luthers: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! – klingt genauso auch aus Hitlers Kämpfen und Dulden, Ringen und Streiten heraus. Und dieser Glaube findet ein überwältigendes Echo im Volke von 1517 ebenso wie in dem von 1933 und weckt einen Willen zur Hingabe, zur opfernden Gefolgschaft, der unwiderstehlich daherbraust wie der Lenz, alles erfassend, alles mit sich fortreißend, alles besiegend. Luther und Hitler, sie gehören zusammen, und so grüßen wir auch hier den Führer, dankbar und treu.“ (Mitgliederblatt des Evangelischen Bundes 47, 1933, Nr. 5, 4-6)

abzeichen-deutscher-luthertag-1933

Ähnlich schrieb der radikale deutsche Christ Siegfried Leffler (1900-1983), der nach dem Krieg wieder als evangelisch-lutherischer Pfarrer im niederbayerischen Hengersberg amtierte:

„Wie konnten die Deutschen innerlich – erlöst und frei geworden – auch anders als eine Nation bauen, einen preußischen Staat mit seiner strengen Dienst- und Pflichtauffassung, vom großen Kurfürsten über Friedrich den Großen bis zu Stein und Bismarck, ein deutsches Reich germanischer Nation von Bismarck bis zu seinem eigentlichen Schöpfer Adolf Hitler. So können wir uns Adolf Hitler nicht ohne Martin Luther denken. Und umgekehrt hätte Luthers Tat ohne die Erscheinung Adolf Hitlers 400 Jahre später nie ihren vollen Sinn für Deutschland erlangt.“

Symptomatisch war auch der Braunschweiger „Aufruf zum Luthertag“, der neben dem nationalsozialistischen Ministerpräsidenten Dietrich Klagges (1891-1971) auch von dem dreißigjährigen Landesbischof Wilhelm Beye und weiteren fünf Pfarrern unterzeichnet worden ist:

Deutsche Volks- und Glaubensgenossen!

In der Schicksalswende des deutschen Volkes rüsten wir uns zum 19. November, dem 450. Geburtstag Martin Luthers. Der Führer selber hat aufgerufen zum letzten Einsatz für Deutsch­lands Ehre und Freiheit. In diesen schicksalsschweren Tagen begegnen sich Gegenwart und Vergangenheit. Der Reformator der Deutschen und der Kanzler des Volkes reichen einander die Hand. Ihnen beiden geht es um Deutschland. So spricht der Führer: Wir haben nur einen Glauben und der heißt Deutschland. Und es bekennt der Reformator: Für meine Deutschen bin ich geboren, meinen lieben Deutschen will ich dienen.

Es geht um Deutschland und damit um unsere Zukunft. Woher aber strömt uns die Kraft und der Glaube an unser Volk? Gewiss, aus den herrlichen Kräften des menschlichen Geistes und Blutes! Gewiss, aus der jungfräulichen Scholle der deutschen Erde! Was von der Erde gebo­ren wird, ist erhaben und groß, und wir wissen von ihr als einem kostbaren Geschenk unseres Gottes, der uns zum Dienst an ihr und unserem Volk verpflichtet. Größer und wunderbarer als Mensch und Erde ist Gott selbst. Der Glaube an Deutschland muss darum sich gründen im schöpferischen Urgrund alles Seins, in Gott.

Der Reformator wusste um das Geheimnis solchen Glaubens. Um solches Geheimnis weiß auch der Führer. Wissen wir um dieses Geheimnis?

Wir stehen in den Geburtswehen einer neuen Zeit. Deutschland ist erwacht und kämpft um seine Seele. Wer soll in diesem Kampfe Führer sein? Martin Luther oder Lenin? Am Materia­lismus zerbrechen noch immer die Völker. Wer darum sein Volk von ganzem Herzen liebt, muss das Werk des deutschen Reformators ehren, dessen ganzer Kampf der Freiheit deut­schen Wesens und Glaubens galt.

Wir rüsten uns zum Luthertag in der Schicksalswende des deutschen Volkes. Der Führer ruft zum letzten Einsatz für Deutschlands Ehre und Freiheit. Wir stehen in der Entscheidung. Wie soll das Losungswort des neuen Kampfes heißen? Für uns als lutherische Menschen kann es nur lauten: Hie gut deutsch und evangelisch allewege!

Darum schließt die Reihen! Luthers 450. Geburtstag soll eine Bekenntnistag aller Evangeli­schen sein

Für Gott und Volk!

deutscher-luthertag-in-nordhausen

Ursprünglich war der „Deutsche Luthertag“ auf den 10. November 1933, also den Geburtstag Luthers terminiert. Da jedoch Hitler kurzfristig für den 12. November Reichstagswahlen und eine „Volksabstimmung“ über den Austritt aus dem Völkerbund angesetzt hatte, wurde der Luthertag auf den 19. November verschoben. In welcher Tonlage dieser Luthertag wahrgenommen wurde, dazu schrieb der Kulturjournalist Carl Weichardt (1878-1955) auf der Titelseite der Berliner Morgenpost (aus dem Ullstein-Verlag) vom 19. November 1933:

„Der 10. November, da Martin Luther vor viereinhalb Jahrhunderten zu Eisleben geboren wurde, war der eigentliche Luther-Tag. Deutschland hat seine Gedenkfeier auf den 19. November verlegt. Es kommt auf den Tag nicht an; dieses ganze Jahr ist, zum mindesten für den deutschen Protestanten und für die evangelische Kirche in aller Welt, ein Luther-Jahr. […]

Der Gedanke liegt nahe, und die nicht-lutherische Kritik an der modernen Kultur setzt an diesem Punkte ein, daß die Befreiung der menschlichen Seele am Ende doch, ob gewollt oder ungewollt, zu all den zersetzenden Strömungen geführt habe, unter denen die moderne Zeit gelitten hat und teilweise noch leidet. Wer wollte grade heute die Gefahr einer mißverstandenen Freiheit leugnen! Der Staat bedeutete für Luther die Ordnung Gottes, in der allein die sündige Welt ein halbwegs würdiges Leben führen kann. Im Dienste der Gerechtigkeit darf und soll der Staat auch mit dem Schwerte die Ordnung schützen und den Guten gegen den Bösen verteidigen. Der Christenmensch ist frei im Glauben, in seinem weltlichen Wirken aber soll er ein demütiger Diener des Ganzen sein. Auch der bescheidenste Beruf wird in solchem Sinne Gottesdienst. Unnötig, zu sagen, wie lebendig grade solche Luther-Gedanken seit den jüngsten Tagen wieder im deutschen Menschen leben und wirksam sind.

Wenn einer ein deutscher Mensch war, so Martin Luther. […]

„Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen.“ Einen Dienst von nie zu ermessender Größe hat Luther Deutschland für alle Zeiten geleistet: er hat uns unsere Sprache, die hochdeutsche Einheitssprache geschenkt.“

Hermann Sasse

Hermann Sasse (1895-1976)

Es war Hermann Sasse, außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte in Erlangen und Mitverfasser des Betheler Bekenntnisses (1933 mit Dietrich Bonhoeffer), der für den ideologischen Missbrauch eines kirchlichen Luther-Gedenkens klare Worte fand: „Je mehr die Lehre Luthers aus dem Bewußtsein seiner Kirche schwindet, umso törichter wird der Kultus seiner Person getrieben. Und je mehr man dem evangelischen Volk in schwülstigen, verlogenen Festreden den „Helden von Worms“, den „Landsknecht Gottes“ und wie die übrigen Gestalten und Symbole aus der Schreckenskammer der Luther-Jubiläen heißen, vorsetzte, umso mehr entfremdete es man der Reformation. Die evangelischen Kirchen, die das geduldet und sogar gefördert haben, können sich wirklich über ihr Schicksal nicht beklagen.“ (Was heißt lutherisch, München: Chr. Kaiser Verlag 1934, S. 25f)

Hier mein Text als pdf bzw. die erweiterte Fassung Die »Schreckenskammer der Luther-Jubiläen« aus dem Korrespondenzblatt.

Gott legt uns keine Last auf – Zur Fehlübersetzung von Psalm 68,20 in der neuen Luther-Bibel 2017

24. Januar 2017
Henry Holiday - Illustration zu Lewis Carrolls The Hunting of the Snark (1876)

Henry Holiday – Illustration zu Lewis Carroll, The Hunting of the Snark (1876)

In der neuen Luther-Bibel 2017 wird nunmehr Lukas 2,14 textkritisch korrekt übersetzt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Luther hatte ja übersetzt: „Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen“, was alle vormaligen Revisionen überstanden hatte.

Wenn man bei dem vertrautesten Text der Lutherbibel solch eine signifikante Korrektur übernimmt, bleibt es unverständlich, warum in Psalm 68,20 Luthers Fehlübersetzung immer noch wiedergegeben wird: „Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. (GElobet sey der HERR teglich / Gott legt vns eine Last auff / Aber er hilfft vns auch)“ Richtig übersetzt die Zürcher Bibel: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist.“ Ebenso die revidierte Einheitsübersetzung 2017: „Gepriesen sei der Herr, Tag für Tag! Gott trägt uns, er ist unsere Rettung.“

Da ist ja ein wesentlicher Unterschied, ob der Gott einem eine Last auferlegt oder aber einen selbst gnadenreich trägt. Dass Luther falsch übersetzt hat, wissen alle. Und dass seine „belastende“ Fehlübersetzung in den Duktus eines Siegesliedes auf Gottes Herrschaft nicht passen kann, ist offensichtlich. Und doch hat man bei der aktuellen Revision an der Fehlübersetzung festgehalten und als Fußnote hinzugefügt: „Wörtlich: »der unsere Last trägt, der uns hilft«.“ (womit ja die Fehlübersetzung eingestanden wird).

Offensichtlich wollte man sich in der neuen Luther-Bibel eine sprichwörtliche Kernstelle frommer Gottergebenheit bewahren. Aber genau damit wird der eigene Übersetzungsanspruch zur semantischen Manipulation, womit die Autorität der Heiligen Schrift bewusst preisgegeben wird. „Das Wort sie sollen lassen stahn“ gilt als Kriterium auch für eine Bibelübersetzung in der Gefolgschaft Martin Luthers.