Archive for the ‘Ethik des Evangeliums’ Category

„Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein“ – Rudolf Bultmann zur theologischen Aufgabe 1933

20. Mai 2017

Nicht nur Karl Barth hatte im Frühsommer 1933 mit seiner Schrift „Theologische Existenz heute!“ zur theologischen Besinnung im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland aufgerufen. Auch Rudolf Bultmann meldete sich zu Beginn seiner Vorlesung im Sommersemester am 2. Mai 1933 mit seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ zu Wort. Darin heißt es unter anderem:

Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein, und er muss seine Positivität gerade in seiner kritischen Haltung bewähren. Wie kann er das? Weil er nicht nur von Sünde, sondern auch von Gnade weiß. Weil er Gott nicht nur als den Richter kennt, sondern auch als den Erlöser, der durch Jesus Christus seine ursprüngliche Schöpfung wiederherstellt. Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet die Vergebung der Sünde durch die Offenbarung der Liebe Gottes, und sie bedeutet deshalb die Befreiung des Menschen zur Liebe.

Nur wer den jenseitigen Gott kennt, der in Christus sein Wort der Liebe in diese Welt hineinspricht, der vermag sich aus der Verstrickung dieser sündigen Welt zu befreien und einen Blick zu gewinnen, für den die Ordnungen der Welt wirklich als Schöp­fungsordnungen erkennbar sind, deren er sich dankbar zu freuen hat, in denen er still zu leiden hat, in denen er als Liebender zu wirken hat. Er hat für solches Wirken den kritischen Blick gewonnen, den kritischen Blick gegenüber den lauten Forderungen des Tages, indem er das Gute und das Böse in ihnen misst an der Frage, ob und wieweit in ihnen das Gebot der Liebe durchgeführt werde. Den kritischen Blick aber auch sich selbst gegenüber, ob sein Tun ein selbstloser Dienst sei.

Solcher kritische Blick wird das Werben und den Kampf für Staat und Volkstum nie zu einem Werben und einem Kampf für Abstrakta werden lassen. Denn wir dürfen uns nicht den Blick dafür verschleiern lassen, dass Staat und Volkstum aus konkreten Menschen bestehen, die unsere Nächsten sind. Volkstum birgt ebenso wie Menschen­tum die Gefahr, aus einem Konkretum zu einem Abstraktum zu werden! Ist unser Kampf für das Ideal des Volkstums der Kampf für ein Abstraktum oder für eine konkrete Realität? Das Kriterium für jeden unter uns ist doch dieses, ob er bei seinem Kampfe wirklich getragen ist von der Liebe, die nicht nur in eine Zukunft blickt, in der sie ihr Ideal verwirklichen will, sondern die auch den konkreten Nächsten sieht, der in der Alltäglichkeit des Lebens gegenwärtig mit uns verbunden ist. Wohl gibt es Härten in jedem Kampf, und es fallen Opfer. Das Recht, Opfer zu fordern und Härte zu üben, hat nur der, der in denen, die getroffen werden, die Nächsten sieht! Er wird die Art und Weise und die Grenze seines Handelns dann finden. Nur der kann seinem Volkstum echt dienen, der durch den Empfang der Liebe Gottes in Christus zur Liebe befreit ist.

Der vollständige Text seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ findet sich hier als pdf.

„Nicht nur im Genuss der Ruhe der Nacht erfahren wir den Segen eines Lebens im Glanz der Rechtfertigung“ – Oswald Bayer über Rechtfertigung

18. Mai 2017

Wie lebensnah von der Rechtfertigung des Sünders durch die Zueignung des stellvertretenden Sühnetods Christi im Glauben gesprochen werden kann, zeigt Oswald Bayer in folgendem Text:

Grundworte der Reformation: Rechtfertigung

Von Oswald Bayer

1. Grund und Mitte

Die Predigt der Rechtfertigung des Sünders ist der Grund und die Mitte der Kirche. Diese Predigt faßt sich zusammen in dem Satz: „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4,8 und 16). Gottes Liebe aber wird verharmlost, wenn sein Gericht verschwiegen wird. Es ist eine Riesenschuld der Predigt der Kirche, vom Frieden mit Gott zu reden, ohne deutlich zu machen, dass Feind­schaft und Kampf vorausgehen (Römer 5,10). Die Liebe Gott ist keine Selbstverständ­lichkeit. Denn in seiner Liebe spricht Gott gegen sich selbst, gegen den Gott, der im Gesetz mich verurteilt.

Im Gesetz tritt mir Gott mit unausweichlichen, harten Fragen gegenüber: Adam, Eva! Wo bist du (1. Mose 3,9)? Wo ist dein Bruder (1. Mose 4,9)? Solche Fragen überführen mich. Was mir nicht bewusst ist, meine „unerkannte“ Sünde (Psalm 90,8), kommt ans Licht. Ja, ich wer­de überhaupt erst entdeckt: „Du bist der Mann!“ – des Todes (2. Samuel 12,7 und 5). Das kann ich mir nicht selbst sagen. Das muss mir von außen, von einem anderen gesagt werden. Gleichwohl werde ich so überführt, dass ich, wie David vor Nathan, dem Propheten Gottes, mir selbst das Urteil spreche. Das mir von außen widerfahrende Gesetz überführt mich zugleich von innen heraus.

Anders als im Gesetz, in dem Gott gegen mich spricht, spricht er im Evangelium für mich. Dieses „für mich“ ist Jesus Christus selber, in dem der dreieine Gott sich mit der Taufe und dem Abendmahl sowie mit jeder tauf- und abendmahlsgemäßen Predigt im „leiblichen Wort“ (Augsburger Bekenntnis, Artikel 5) zuspricht und gibt. In solchem Widerfahrnis des Zu­spruchs der Sündenvergebung wird der durch das Gesetz zum Tod verdammte Sünder neu geschaffen. Seine Identität hat er bleibend außerhalb seiner selbst. Er hat sie in einem ande­ren: in dem, der in einem wundersamen Wechsel und Tausch menschlicher Sünde und gött­licher Gerechtigkeit an seine Stelle getreten ist und für ihn spricht. Mit diesem Ereignis des stellvertretenden Sühnetodes Jesu Christi und seiner leiblichen Selbstzueignung in Predigt, Abendmahl und Taufe – „für dich!“ – ist das Kriterium der Wahrheit gegeben, das in der Kirche gilt.

Dieses Kriterium aber verblasst, wenn Gottes Liebe, die dem Sünder gilt, ihre Unerhörtheit verliert und zu etwas Selbstverständlichem wird. Dem entspricht die Verkennung von Gottes Gericht. Verkannt wird zugleich die Erfahrung des Sich-rechtfertigen-Müssens, die jeder täglich macht. Einer klagt den andern an, setzt ihn unter den Druck, sich zu rechtfertigen: seine Existenzberechtigung nachzuweisen und zu zeigen, was er zu leisten imstande ist, was er sich leisten kann, was er aus sich macht, um etwas zu sein und zu gelten und auf diese Weise sich selbst zu rechtfertigen. Auch wo von Gottes Gericht geschwiegen und nur noch diffus allgemein von Gottes Liebe geredet wird, bleiben die Zusammenhänge der Schuldzu­weisung und Anklage bestehen. Sie werden nur anonymer, gestaltloser, unkultivierter, lassen sich jedenfalls nicht mehr in der Sprache der Kirche artikulieren. So ist es auf der einen Seite durch die Schuld auch der Kirche zu dem – an sich richtigen – Satz gekommen „Gott liebt alle“, der in seiner diffusen Allgemeinheit aber eine völlige Verharmlosung der Liebe Gottes darstellt. Auf der anderen Seite bleiben die Rechtfertigungszwänge und Gesetzeserfahrungen des alltäglichen Lebens theologisch unbegriffen.

2. Sein dürfen

Gerade auf diese Rechtfertigungszwänge und Gesetzeserfahrungen des alltäglichen Lebens aber bezieht sich Gottes rechtfertigende Liebe. Sie strahlt überall dort, wo wir von uns selbst Abstand gewinnen – besonders kräftig, wenn wir über uns selbst lachen können. Sie strahlt auch in selbstvergessener Arbeit, in der wir ganz bei der Sache sind, und in einem Gespräch, in dem wir ganz beim andern sind. Sie wirkt nicht zuletzt, wenn es uns gegeben ist, inmitten schreiend unfertiger Arbeit – einzuschlafen, unverdient einzuschlafen, „ohn all mein Ver­dienst und Würdigkeit“. „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt“ – am Schreibtisch etwa – „und esst euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er’s schlafend“ (Psalm 127,2).

Aber nicht nur im Genuss der Ruhe der Nacht erfahren wir den Segen eines Lebens im Glanz der Rechtfertigung, sondern auch im gefeierten Sonntag: wenn wir in unserer durchaus not­wendigen und von Gott gewollten Arbeit innehalten und staunen, dass diese Welt ist – noch ist –, alle Morgen neu, staunen, dass wir sind – noch sind – und es nicht aus ist mit uns, stau­nen darüber, dass wir nicht uns selber ausgeliefert sein müssen.

Unser Herz muss sich nicht verkrampfen und verschließen in seinem Trotz und seiner Verzagtheit. Du darfst vielmehr aus deinem Schneckenhaus herausgehen.

Diesem Ruf, aus uns herauszugehen, folgen wir von selbst, wenn wir auf Gottes Werk der Rechtfertigung schauen: Wir haben uns nicht selber zur Welt gebracht; wir wurden geboren. Wir schaffen die Luft und den Atem nicht, von dem wir leben; Luft und Atem werden uns gewährt – jeden Augenblick neu. Wir leben in einer bereiteten Welt, in gewährter Zeit, wir leben von der Liebe des andern Menschen, die wir nicht verdienen oder gar erzwingen können; sie geschieht, wenn sie geschieht, frei – wie auch die Vergebung, wenn sie geschieht, frei geschieht.

3. Bekehrung zur Welt

Die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben war Luthers entscheidende Entdeckung bei seiner Suche nach dem gnädigen Gott. Doch scheint diese Besonderheit reformatorischer Theologie dem modernen Menschen nicht mehr verständlich zu sein. Luthers Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ scheint niemanden mehr oder nur noch wenige zu berühren. Der moderne Mensch fragt vermeintlich radikaler: „Existiert Gott?“ und glaubt auf der Suche nach Freiheit die Antwort in seinem Selbst zu finden. Er übersieht, dass er gerade dabei immer tiefer in den Zwang der Selbstrechtfertigung gerät.

Er übersieht, dass er in seinem Drang zur Selbstfindung und Selbstgründung scheitert, in einen Abgrund stürzt, weil er sich nicht ergründen kann. Die Verzweiflung bei solcher Höllenfahrt der Selbsterkenntnis deckt sich mit der Erfahrung Luthers vor seinem reformato­rischen Durchbruch.

Dieser Durchbruch ist die Rechtfertigung durch das Wort vom Kreuz, das die Befreiung bringt: Hineingenommen in den wundersamen Wechsel und Tausch, in dem Gott an meine Stelle tritt, bin ich frei, wegzusehen von mir. Ich kann aus dem Zusammenhang der Schuldzu­weisung und Anklage und aus dem Kampf um gegenseitige Anerkennung heraustreten und mich Gott und der ganzen Kreatur zuwenden. Die durch die Rechtfertigung des Sünders geschehende Neuschöpfung betrifft die ganze Schöpfung. Sie stiftet einen neuen Zugang zur Welt, die Bekehrung zur Welt.

Quelle: Evangelische Sammlung in Württemberg, Rundbrief 60, März 2013, Seiten 5-7.

„Gott hat niemals anders mit den Menschen gehandelt als durch das Wort der Verheißung“ Martin Luther über Glaube und Verheißung.

17. Mai 2017

In seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium)“ von 1520 hat Martin Luther zum ersten Mal die Korrelation von Verheißung (promissio) und Glaube (fides) als reformatorisches Proprium ausführlich dargelegt. So schreibt Luther bezüglich dem Abendmahl als Sakrament:

Daraus siehst du, daß zu einer würdigen Feier der Messe nichts anderes als der Glaube gefor­dert wird, der fest auf diese Zusage vertraut und daran glaubt, daß Christus in diesen seinen Worten wahrhaftig spricht, und nicht zweifelt, daß ihm diese unermeßlichen Güter frei ge­schenkt sind. Auf diesen Glauben folgt alsbald von selbst die innigste Bewe­gung des Herzens, durch welche der Geist des Menschen weit und reich gemacht wird – das geschieht durch die Liebe, welche uns durch den Heiligen Geist im Glauben an Christus geschenkt wird. So wird er zu Christus, dem freundlichen und gütigen Testator, hingerissen und ein ganz anderer und neuer Mensch. Denn wer wollte nicht innig weinen, ja vor Freude an Christus fast vergehen, wenn er ohne jeden Zweifel glauben kann, daß diese unschätzbare Verheißung Christi ihm gilt! Wie sollte man einen solchen Wohltäter nicht liebhaben, der dem Unwürdigen, welcher ganz anderes verdient hätte, solchen Reichtum und dieses ewige Erbe, bevor man überhaupt darum bittet, anbietet, zusagt und schenkt?

Denn Gott hat niemals anders – wie ich sagte – mit den Menschen gehandelt und handelt auch nicht anders mit ih­nen als durch das Wort der Verheißung. Wir andererseits können mit Gott niemals anders als durch den Glauben an sein Verheißungswort handeln. Nach Werken fragt er nicht, bedarf ihrer auch nicht. Durch Werke handeln wir vielmehr gegen die Men­schen und mit den Menschen und uns selbst. Aber Gott bedarf dessen, daß er von uns in seinen Zusagen als wahrhaftig geachtet werde und man geduldig seiner har­re und er so in Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt werde. Dadurch geschieht es, daß er seine Ehre in uns behauptetet, wenn wir nicht durch unser Laufen, sondern durch sein Erbarmen, Verheißen und Schenken alles Gute empfangen und haben (Röm 9,16). Siehe, das ist der rechte Gottesdienst und die wahre Gottesverehrung, die wir in der Messe darbringen sollen. Wenn aber die Ver­heißungsworte nicht gelehrt werden, was für eine Übung des Glaubens kann man dann haben? Aber wer hofft ohne Glauben? Wer liebt? Was ist das für ein Gottesdienst ohne Glauben, Hoffnung und Lie­be! Daher ist kein Zweifel, daß heutzutage alle Prie­ster und Mönche samt den Bischöfen und allen ihren Obe­ren Götzendiener sind und wegen solcher Unkenntnis, sol­chen Miß­brauchs und solcher Verspottung der Messe, d. h. des Altarsakraments und der Zusa­ge Gottes in einem höchst gefährlichen Stande leben.

Ein jeder sieht ja leicht ein, daß dieses beides, »Zusage« und »Glaube«, zugleich nötig ist. Denn ohne Zusage und Verheißung kann nichts geglaubt werden. Ohne Glauben aber ist die Verheißung nutzlos, weil sie nur durch den Glauben bestätigt und erfüllt wird. Aus diesem allen wird ebenso leicht jeder einsehen, daß die Messe, da sie nichts anderes als Verheißung ist, allein durch diesen Glauben be­gangen und gefeiert wird.

Hier ein längerer Textauszug als pdf.

„Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten“ – Karl Barth in einem Brief nach Frankreich, 1939

16. Mai 2017

Karl Barth mit Uniform und Gewehr im Militärischen Hilfsdienst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs

In seinem Schreiben an den französischen Pfarrer Charles Westphal vom Dezember 1939 aus Anlass des Beginns des Zweiten Weltkriegs stellt sich Karl Barth entschieden hinter die Westmächte und begründet, warum gegen den nationalsozialistischen Terror ein christlicher Pazifismus fehl am Platz ist:

„Das kann ja keine Frage sein, daß dieser Krieg für uns alle, die Kriegführenden und die „Neutralen“, ein sehr besonderer Krieg ist, daß er ein ganz anderes Gesicht hat als etwa der von 1914 und als die allermeisten Kriege der letzten Jahrhunderte überhaupt. Frankreich und England haben nach langem – nach vielleicht zu langem, aber in Anbetracht der Schrecklich­keit dieser ultimo ratio doch wohlbegründetem Zögern zu den Waffen gegriffen, um der Will­kür des von der gegenwärtigen deutschen Regierung proklamierten und in steigender Rück­sichtslosigkeit angewendeten Faustrechtes ein Ende zu machen. Der Hitlersche Natio­nalsozialismus ist, nachdem er Deutschland selbst zu einer einzigen Stätte des Terrors und der Angst gemacht, in zunehmendem Maß zu einer Bedrohung von ganz Europa gewor­den. Diese Bedrohung hat zu einem Erwachen geführt. Es gibt in der Sünde und Schande des Lebens aller Völker durch Gottes Güte einen Rest von Ordnung und Recht, von freier Menschlichkeit und vor allem und als Sinn von allem andern: von Freiheit zur Verkündigung des Evangeli­ums. Wo Hitler regiert, da ist es auch um diesen Rest getan. Hitler wollte aber nicht nur in Deutschland regieren. Als das so klar wurde, daß es auch die Blinden sahen, da kam es zum Krieg. „Il faut en finir!“ hat Ihr Ministerpräsident in entscheidender Stunde gesagt, und sein englischer Kollege hat das Wort wiederholt. Man darf es ruhig der Verantwortung dieser Staatsmänner überlassen, wie tief die Absicht ihres Entschlusses begründet ist oder auch nicht ist. Sicher ist, daß auch und gerade jeder Christ, der die letzten Jahre mit offenen Augen und Ohren miterlebt hat, zu diesem „Il faut en finir!“ seinerseits Ja und Amen sagen muß. Gewiß hatten und haben Frankreich und England auch ihre sehr imperialistischen Gründe zu diesem Krieg. Das ändert aber nichts daran, daß es vor Gott und den Menschen nicht zu verantworten wäre, wenn der Versuch, mit dieser Sache, mit der Hitlerschen Bedrohung, Schluß zu machen, nicht unternommen würde. Der Krieg war schließlich das einzige Mittel, das zu diesem Zwecke übrig blieb. Frankreich und England mußten ihn unternehmen, weil die Verantwor­tung für die seit 1919 entstandenen europäischen Verhältnisse – weil die Verantwortung auch dafür, daß Hitler möglich wurde – entscheidend bei ihnen liegt. Aber nun sie ihn unternom­men haben, kann man nicht gut leugnen, daß es in diesem Krieg nicht nur um die Sache Frankreichs und Englands, sondern auch um die aller andern Völker – zuletzt sogar um die Sache des deutschen Volkes selber geht. Das ist das Besondere dieses Krieges, daß er aus einer tödlichen Gefährdung aller entstanden ist und zum Schutze aller geführt werden muß. Auch wir „Neutralen“ sind insofern gar nicht neutral, als wir sehr genau wissen, daß die Anstrengungen und Opfer dieses Krieges auch um deswillen nötig sind, was uns zum Leben unentbehrlicher ist als das Leben selber. Unsre französischen und englischen, aber auch unsre deutschen Freunde sollen es ruhig hören, daß wir denen dankbar sind, die es entspre­chend ihrer geschichtlichen Stellung und Verantwortlichkeit übernommen haben, diesen Krieg gegen Hitler zu führen.

Karl Barth bei einer Wehrübung in Uniform während des Zweiten Weltkriegs

Die Kirche Jesu Christi kann und will nicht Krieg führen. Sie kann und will nur beten, glau­ben, hoffen, lieben, das Evangelium verkündigen und hören. Sie weiß, daß das Ereignis, durch das uns armen Menschen wirklich, ewig und göttlich geholfen ist, nach Sach. 4,6 nicht durch Heeresmacht und Gewalt und überhaupt durch keine menschliche Anstrengung und Leistung geschehen ist, geschieht und geschehen wird, sondern durch Gottes Geist. Sie wird also in der Sache Englands und Frankreichs nicht die causa Dei sehen, und sie wird gegen Hitler nicht den Kreuzzug predigen. Der am Kreuz gestorben ist, ist auch für Hitler gestorben und erst recht für alle die verwirrten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig unter seinen Fahnen stehen. Aber eben weil die Kirche weiß um die Rechtfertigung, die wir Menschen uns selber mit keinem Mittel verschaffen können, kann sie im Großen und im Kleinen nicht gleichgültig, nicht „neutral“ sein, wo nach dem Recht gefragt, wo versucht wird, ein bißchen dürftiges menschliches Recht aufzurichten gegen das überströmende, das schreiende Unrecht. Wo es darum geht, da kann die Kirche ihr Zeugnis nicht verweigern: daß es Gottes Gebot ist, daß das geschehe auf Erden, daß Gott eben dazu die Obrigkeit eingesetzt und ihr das Schwert gegeben hat, und daß die Obrigkeit, die das Recht zu schützen versucht, trotz aller Fehler, derer sie sonst schuldig sein mag, sich eben damit als rechte Obrigkeit legitimiert und von jedermann Gehorsam in Anspruch nehmen darf. Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten. Sie sollen heute in aller Bußfertigkeit und Nüchternheit um einen gerechten Frieden beten und in derselben Bußfertigkeit und Nüchternheit allem Volke bezeugen, daß es nötig und der Mühe wert ist, für diesen gerechten Frieden zu streiten und zu leiden. Sie sollen den Völkern der demokratischen Staaten wahrhaftig nicht einreden, daß sie so etwas wie Gottesstreiter seien: sie sollen ihnen aber sagen, daß wir um Gottes willen menschlich sein dürfen und gegen den Einbruch der offenen Unmenschlichkeit mit der Kraft der Verzweiflung uns wehren müssen. Die Kirchen sind es auch den Christen in Deutschland und dem ganzen deutschen Volke schuldig, ihm zu bezeugen: Eure Sache ist nicht gut! Ihr irrt euch! Laßt von diesem Hitler! Hände weg von diesem Krieg, der ganz allein sein Krieg ist! Kehrt um, solange es noch Zeit ist! Warum sind die Vertreter und Organe der ökumenischen Kirchenbewegung in allen diesen Jahren und noch während der fatalen Entwicklung des letzten Sommers und Herbstes so diplomatisch stumm geblieben, als ob es kein prophetisches Amt Jesu Christi und als ob es keinen Wächterdienst der Kirche gäbe? Warum hörte und hört man jetzt nicht ganz selten Stimmen eines eschatologischen Defaitismus, der sich angesichts der Wahrheit, daß die ganze Welt im Argen liegt, fast schadenfroh damit beschäftigt, festzustellen, daß die heute gegen Hitler stehen, ihrerseits auch keine Heiligen sind? Eben die Erkenntnis, daß Gott allein heilig ist, wird uns aus der Pflicht des heute zu leistenden Widerstandes schwerlich entlassen, im Gegenteil! Die Kirche wird in allen Ländern viel zu trösten haben in den dunklen Zeiten, in die wir allem Anschein nach hineingehen. Sie wird aber nur dann wirklich zu trösten ver­mögen, wenn sie jetzt ohne Haß und Pharisäismus und ohne alle Illusionen über die Güte irgendwelcher Menschen auch mahnen, wenn sie jetzt ernst und offen sagen will, daß Wider­stand heute notwendig ist.“

Hier der vollständige Brief als pdf.

Hermann Diem – Wider das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung. Offener Brief an Landesbischof D. Meiser (Osterbotschaft 1943)

13. Mai 2017

Hermannn Diem (1900-1975) als Pfarrer in Ebersbach an der Fils (1935)

Hermann Diem hatte für den Münchener Lemppschen Kreis um Ostern 1943 eine Denkschrift (Osterbotschaft Münchner Laien) entworfen, die als Grundlage für einen öffentlichen Protest der Kirche gegen die Morde an Juden dienen sollte und dazu dem bayerischen Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) vorgelegt wurde. Meiser lehnte deren Veröffentlichung ab, so dass sie vom Schweizer evangelische Pressedienst im Juli 1943 veröffentlicht worden ist. Der Elberfelder Pfarrer Helmut Hesse (1916-1943) übernahm Teile der Denkschrift in seine Predigt bei einem Bekenntnisgottesdienst im Juni 1943 und bezahlte dafür mit seinem Leben: Er wurde mit seinem Vater verhaftet und starb im November 1943 im Konzentrationslager Dachau an Niereninsuffizienz, weil man ihm lebenswichtige Medikamente verweigert hatte. Die Denkschrift ist in ihrer israeltheologischen Diktion und als christliches Zeugnis gegen die nationalsozialistische Judenvernichtung beachtenswert:

Wider das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung. Offener Brief an Landesbischof D. Meiser, 1943

Hochwürdiger Herr Landesbischof!

Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, daß die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt. In der Kirche des Evangeliums sind alle Gemeindeglieder mitverantwortlich für die rechte Ausübung des Predigtamtes. Wir wissen uns deshalb auch für sein Versagen in dieser Sache mitschuldig. Der zur Zeit drohende nächste Schritt: die Einbe­ziehung der sog. „privilegierten“ Juden in diese Verfolgung unter Aufhebung der nach Gottes Gebot gültigen Ehen mag der Kirche die Veranlassung geben, das durch Gottes Wort von ihr geforderte Zeugnis abzulegen gegen diese Verletzung des 5., 6., 7., 8., 9. und 10. Gebotes und damit endlich das zu tun, was sie längst hätte tun müssen.

Was uns treibt, ist zunächst das einfache Gebot der Nächstenliebe, wie es Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ausgelegt und dabei ausdrücklich jede Einschränkung auf den Glaubens-, Rassen- oder Volksgenossen abgewehrt hat. Jeder „Nichtarier“, ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland der „unter die Mörder Gefallene“, und wir sind gefragt, ob wir ihm wie der Priester und Levit, oder wie der Samariter begegnen.

Von dieser Entscheidung kann uns keine „Judenfrage“ entbinden. Vielmehr hat die Kirche bei diesem Anlaß zugleich zu bezeugen, daß die Judenfrage primär eine evangelische und keine politische Frage ist. Das politisch irreguläre und singuläre Dasein und Sosein der Juden hat nach der Heiligen Schrift seinen alleinigen Grund darin, daß dieses Volk von Gott als Werk­zeug seiner Offenbarung in Beschlag genommen ist.

Anfang der von Hermann Diem maschinengeschriebenen Osterdenkschrift (© Landeskirchliches Archiv Stuttgart, D1/108)

Die Kirche hat daher allen Juden unermüdlich zu bezeugen, so wie es die ersten Apostel – nach Golgatha! – getan haben: „Euch zuvör-[109]derst hat Gott auferweckt seinen Knecht Jesus und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, daß ein jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit“ (Acta 3,26). Dieses Zeugnis kann die Kirche nur dann für Israel glaub­würdig ausrichten, wenn sie sich zugleich um den „unter die Mörder gefallenen“ Juden annimmt.

Sie hat dabei insbesondere jenem „christlichen“ Antisemitismus in der Gemeinde selbst zu widerstehen, der das Vorgehen der nichtchristlichen Welt gegen die Juden, bzw. die Passivität der Kirche in dieser Sache mit dem „verdienten“ Fluch über Israel entschuldigt und die Mah­nung des Apostels an uns Heidenchristen vergißt: „Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, daß er vielleicht dich auch nicht verschone“ (Röm 11,20f).

Dem Staat gegenüber hat die Kirche diese heilsgeschichtliche Bedeu­tung Israels zu bezeugen und jedem Versuch, die Judenfrage nach einem selbstgemachten politischen Evangelium zu „lösen“, d. h. das Judentum zu vernichten, aufs äußerste zu widerstehen als einem Versuch, den Gott des 1. Gebotes zu bekämpfen. Die Kirche muß bekennen, daß sie als das wahre Isra­el in Schuld und Verheißung unlösbar mit dem Judentum verknüpft ist. Sie darf nicht länger versuchen, vor dem gegen Israel gerichteten Angriff sich selbst in Sicherheit zu brin­gen. Sie muß vielmehr bezeugen, daß mit Israel sie und ihr Herr Jesus Christus selbst bekämpft wer­den.

Das Zeugnis, das der Kirche durch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter geboten ist, wird also durch die „Judenfrage“ nicht etwa suspendiert. Das Phänomen der Juden, an denen sich die prophetische Weissagung erfüllt, „daß sie sollen zum Fluch, zum Wunder, zum Hohn und zum Spott unter allen Völkern werden“ (Jer 29,18), be­zeugt aller Welt den Gott des 1. Gebotes, der durch sein Handeln an Israel seinen Herrschaftsanspruch an die Völker kundtut. Dieses Phänomen hat die Kirche zu interpretieren. Sie hat also durch ihre Ver­kündigung dafür zu sorgen, daß die Regierenden diesem Zeugnis nicht auszuweichen versuchen durch Beseiti­gung dieses Phänomens. Das tut sie durch die Verkündigung des Evangeliums von dem Gott, der Israel und uns „aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt hat“ (2. Mose 20,2) und trotz aller Untreue der von ihm aus Juden und Heiden Erwählten seinem Bund treu bleibt. Sie bezeugt damit den Regierenden, daß diese allein durch den Glauben an Jesus Christus frei werden können von der Dämonie ihres politischen „Evangeliums“, das sie in ihrer durch kein Gesetz Gottes begrenzten Besessenheit verwirklichen wollen. [110] Die Kirche hat also den Regierenden für ihr Verhalten gegen Israel nicht nur die Gebote der 2. Tafel zu predigen, sondern zugleich zu bezeugen, daß diese Predigt durch das 1. Gebot gefordert ist und daß die Regierenden nur im Gehorsam gegen den Gott des 1. Gebotes ihr Amt recht ausrichten, d. h. das Gesetz recht handhaben können.

Das Zeugnis der Kirche gegen die Judenverfolgung in Deutschland wird so zu einem mit besonderem Gewicht ausgestatteten Sonderfall des der Kirche gebotenen Zeugnisses gegen jede Verletzung der 10 Ge­bote durch die staatliche Obrigkeit. Sie hat im Namen Gottes – also nicht mit politischen Argumenten, wie das ab und zu schon geschehen ist – den Staat davor zu warnen, daß er „den Fremdlingen, Witwen und Waisen keine Gewalt tut“ (Jer 7,6), und ihn zu erinnern an seine Aufgabe einer gerechten Rechtsprechung in einem ordentlichen und öffent­lichen Rechtsverfahren aufgrund humaner Gesetze, an das Gebot der Billigkeit im Strafmaß und im Strafvollzug, an seinen Rechtsschutz für die Unterdrückten, an die Respektierung gewisser „Grundrechte“ seiner Untertanen usw.

Dieses Zeugnis der Kirche muß öffentlich geschehen, sei es in der Predigt, sei es in einem besonderen Wort des bischöflichen Hirten- und Wächteramtes. Nur so kann es seine Aufgabe erfüllen, allen denen, die legislativ oder exekutiv an dieser Verfolgung mitwirken, und zu­gleich den betroffenen Juden und der in ihrem Glauben angefochtenen christ­lichen Gemeinde die schuldige Unterweisung der Gewissen zu geben. Alles, was bisher von der Kirche in Deutschland in dieser Sache getan wurde, kann nicht als ein solches Zeugnis gelten, da es weder öffentlich geschah noch inhaltlich der Aufgabe des Predigtamtes in dieser Sache gerecht wurde.

Wenn wir uns an Sie wenden, hochwürdiger Herr Landesbischof, da­mit Sie das der Kirche gebotene Zeugnis veranlassen, so bitten wir Sie dringend: Sehen Sie in unserem Schritt nicht nur eine jener Mahnungen zu kräftigerem Reden, denen Sie aufgrund der größeren Übersicht, die Sie durch Ihr hohes Amt haben, allerlei Erwägungen der Zweckmäßig­keit eines solchen Schrittes im Blick auf die möglichen Folgen nicht nur für die Kirche, sondern auch für die betroffenen Juden selbst entgegenstellen könnten. Es geht uns nicht um Komparative. Wir meinen auch jene Folgen schon selbst soweit bedacht zu haben, als dies erlaubt und geboten ist. Aber es geht uns um etwas anderes:

Als lutherische Christen wissen wir mit Artikel V des Augsburgischen Glaubensbekennt­nisses, daß wir ohne das Predigtamt der Kirche nie [111] zum Glauben kommen können. Darum treibt uns neben dem Mitleid für die Verfolgten die Angst, das Predigtamt unserer Kirche könne durch sein Schweigen sein Dasein sichern wollen um den Preis, daß es dafür seine Vollmacht und Glaubwürdigkeit zu binden und zu lösen verliert. Und damit wäre alles verloren – mit der Kirche wäre auch unser Volk verloren.

München, an Ostern 1943

Quelle: Hermann Diem, sine vi – sed verbo. Aufsätze, Vorträge, Voten, hrsg. v. Uvo Andreas Wolf, TB 25, München: Chr. Kaiser 1965, 108-111.

Hier Diems Text als pdf.

 

„Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren“ – Was Karl Barth zum Reformationsjubiläum 2017 zu sagen hat

7. Mai 2017

Verpflichtungserklärung für Pfarrer/Mitglieder des Pfarrernotbundes

Karl Barth hatte am 30. Oktober 1933 in Berlin vor Mitgliedern des Pfarrernotbundes einen Vortrag „Reformation als Entscheidung“ gehalten (siehe dazu Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. v. Eberhard Busch, Zürich: TVZ 1998), dessen Ausführungen in Sachen Kirche der Reformation für das Reformationsjubiläum 2017 unverändert gelten:

Es handelt sich in der reformatorischen Lehre von der heiligen Schrift als dem einzigen Zeug­nis wirklicher und maßgeblicher Offenbarung Gottes um die einfache Erkenntnis: Gott ist von uns Menschen da zu finden, wo es ihm gefallen hat, uns zu suchen. Also nicht da, wo wir mei­nen, ihn von uns aus suchen zu können: nicht im Bereich unserer eigenen Möglichkei­ten, ob sie nun Vernunft oder Erfahrung, Natur oder Geschichte, inneres oder äußeres Univer­sum heißen mögen. Nicht da, wo wir in unserer Weisheit über ihn meinen reden zu sollen, sondern da, wo er in seiner Weisheit zu uns geredet hat. Und er hat zu uns geredet, einmal für allemal. Und von diesem Perfektum: Deus dixit zeugt die heilige Schrift und nur sie. Darum kann und darf die Verkündigung der christlichen Kirche in keinem Sinn eine Philosophie, d. h. eine Entwicklung irgend einer selbstgefundenen Welt- und Lebensanschauung sein. Darum ist sie gebunden als Schriftauslegung. Alle andere Lehre hat in der Kirche kein Recht und keine Verheißung. Diese reformatorische Lehre von der heiligen Schrift ist sofort ver­ständlich für den, der versteht: sie redet von der endgültig gefallenen Entscheidung her. Sie sagt, daß, nach­dem Gott uns gesucht hat im Wunder seiner Herablassung in Jesus Christus, dessen Zeugen die Propheten und die Apostel sind, alle unsere Bemühungen, ihn von uns aus zu finden, nicht nur gegenstandslos geworden, sondern als in sich unmöglich hingestellt worden sind. Nach­dem Gott zum Menschen geredet hat, hat der Mensch ganz schlicht keine Zeit mehr, sich selber über Gott unterrichten zu wollen. Von der gefallenen Entscheidung her konnte die Lehre von der heiligen Schrift tatsächlich nicht anders lauten als so, wie sie von den Reforma­toren in großer Härte aber auch in noch größerer Freudigkeit vorgetragen worden ist. Von der gefallenen Entscheidung her konnte und kann eben nach irgend einer natürlichen Theologie auch nicht das geringste Bedürfnis bestehen. […]

Das ist aber der Liberalismus in der Kirche: man wählt den Glauben, aus Gründen, mit Ernst und Überzeugung, aber man wählt ihn als eine seiner eigenen Möglichkeiten. Man bekennt sich zu ihm, aber man will doch die vielen anderen Möglichkeiten neben dem Glauben auch nicht übersehen, die man ja in derselben Freiheit auch wählen könnte. Man hat grundsätzlich doch noch oder doch wieder Zeit für sie. Man will gewiß Gott und nur Gott dienen, aber man will das nun doch wieder von jener höheren Warte aus tun, von der aus gesehen auch der Dienst Mammons eine ernste Möglichkeit ist. Es triumphiert, auch und gerade indem man nun doch Gott dienen will, die eigene Freiheit, in der man grundsätzlich in der Mitte steht. Diese Mitte wird behauptet. Man hat Zeit zum Vergleichen, zum Erwägen, kurz, Zeit für sich selber. Und in diesem grundsätz­lichen Zeit-haben für sich selber und seine eigenen Möglichkeiten will man nun auch den christlichen Glauben verstehen und bekennen, erklären und verkündigen. Das heißt aber: man versteht und bekennt, man erklärt und verkündigt ihn nun in Beziehung zu demjenigen Ver­ständnis seiner selbst und seiner eigenen Möglichkeiten, für das man gerade Zeit hat, m. a. W. das gerade zeitgemäß ist. Man muß ihn verstehen in Beziehung zur Moral, so sagte man einst, dann: in Beziehung zur Vernunft, dann: in Beziehung zur Humanität, dann: in Beziehung zur Kultur und heute bekanntlich: in Beziehung zu Volkstum und Staat. Man hat als Kind dieser oder jener Zeit, als Genosse ihrer Geschichte, ihres Geistes, ihrer besonderen Meinungen und Überzeugungen diese oder jene Bestimmung des Menschen bejaht und ergriffen als die der­zeit allein richtige und der Glaube – nun, der Glaube muß nun unter allen Umständen in Beziehung stehen zu dem so bestimmten Menschen. Sonst würde er ja wohl – und das gehe doch nicht, so meint man jetzt seufzen zu müssen – „im luftleeren Raum“ sich befinden. Daß er in jener Beziehung stehen muß, d. h. daß er unter allen Umständen ein moralischer oder ein vernünftiger oder ein humanitärer oder also heute ein volksmäßiger Glaube sein muß, das ist in aller Stille merkwürdig gewiß und wichtig geworden. Muß man nicht sagen: ebenso gewiß und wichtig wie das andere, daß er Glaube sein muß? Ja, muß man nicht vielleicht sagen: noch viel gewisser und wichtiger als dieses andere? Offen herausgefragt: Was ist in solchen Zeiten sicherer und notwendiger, die Beziehung des Glaubens zur Moral, zur Vernunft, zur Humanität, zur Kultur, zu Volkstum und Staat, kurz, zum Menschen in irgendeiner der Bestimmungen, die er sich selbst gibt – oder der Glaube selber? Das ist jedenfalls sicher, daß alles Interesse, aller Eifer, alle Leidenschaft in solchen Zeiten diesen Beziehungen des Glau­bens gilt, nicht dem Glauben selbst, nicht seinem Bekenntnis. Der Glaube und das Bekenntnis pflegen dann wohl als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden! Es braucht dann nicht einmal so zu sein, daß der Glaube in dieser Gegenüberstellung gleich den Kürzeren zieht. Es braucht nur so zu sein, daß die beiden Notwendigkeiten wie die Balken einer leeren Waage sich im Gleichgewicht gegenüberstehen; der Mensch in seiner Freiheit aber sich selbst als das Zünglein an der Waage verstehen darf. Auch und gerade dann ist der Glaube selbst ein ande­rer geworden. Er ist nun diskutabel geworden wie die anderen Möglichkeiten, für die sich der Mensch entscheiden kann, diskutabel deshalb, weil ja nun die Beziehung zu diesen ande­ren Möglichkeiten, in die man ihn setzen will und damit diese anderen Möglichkeiten selbst seine eigenen Bedingungen werden. Frei ist er nun nicht mehr. Er kann nun nur noch sein, was er vermöge der Freiheit des Menschen und was er in jener Beziehung sein kann. Mag er noch immer ein höchst orthodoxer Glaube sein – es hat schon im 18. Jahrhundert eine pracht­volle Orthodoxie gegeben, die sich in dieser Lage befand – so ist er doch eingesehen von seinem Gegenüber her, gemessen an ihm, verpflichtet, Antwort zu geben auf die Fragen, die ihm von dorther gestellt, Genüge zu tun den Anliegen, die ihm von dorther entgegengebracht werden. Tut er das nicht, erweist er sich nicht als moralisch, als vernünftig, als völkischer Art und Aufgabe entsprechend, dann droht ihm schon heimlich die Kündigung. Er ist nun ein viel­leicht sorgfältig und eifrig gepflegter aber eben doch ein domestizierter, ein gefangener und in fremden Dienst gestellter Glaube geworden. Und das um so mehr, wenn der Mensch in seiner Freiheit sich herausnimmt, jene dem Glauben gegenübergestellten menschlichen Möglichkei­ten ihrerseits mit religiösem Glanz zu umgeben, sie auf eine göttliche Uroffenbarung zurück­zuführen, sie mit der Ordnung der Schöpfung zu identifizieren oder noch höher hinauf: mit dem Gesetz Gottes oder schließlich ganz direkt mit dem heiligen Geist, der ja bekanntlich in uns allen lebe. Ist der Mensch wirklich in der Lage, seine eigene Bestimmung, so wie er sie zu verstehen meint, als Wort Gottes aufzufassen, wie sollte dann das Wort Gottes, das er im Glauben zu vernehmen meint, auf die Länge zu ihm dringen als Gottes Wort, wie sollte es ihm dann auf die Länge etwas anderes sein können als wiederum ein Wort, das er zu sich selber sagt, das er darum gestaltet entsprechend dem, was er sich selber zu sagen hat oder zu sagen wünscht. Er ist ein anderer geworden, dieser Glaube, der sich von Vernunft, von der Kultur, von Volk und Staat her hat Schach bieten lassen, der sich nur noch in diesem Gegen­über vernehmen lassen kann. Er wird sich – von jenem anderen Ursprung her verstanden und bekannt, erklärt und verkündigt – auch beim besten Willen darstellen und erweisen als derje­nige Glaube, in welchem der Mensch Gott und dem Mammon dienen kann und dann auch tatsächlich dienen muß. Die der Reformation entgegengesetzte Richtung ist, wo man sie ein­mal eingeschlagen hat, früher oder später noch immer darin sichtbar geworden, daß man der Reformation im Glauben und im Leben tatsächlich ganz fremd werden mußte. „Fällt der Man­tel, so muß der Herzog nach!“ Hat man jene Richtung einmal verloren, dann wird man auf die Länge auch vergeblich orthodox sein wollen. Wie sollte man dann, um nur die vier erwähnten Punkte nochmals zu nennen, in Sachen der Autorität der heiligen Schrift, in Sachen der Erb­sünde, in Sachen der Rechtfertigung, in Sachen der Prädestination noch so lehren können, wie es die Reformatoren getan haben? Wird man ihre Lehre, die so von ganz anderswoher kam, dann überhaupt noch verstehen können? Wird sie einem nicht notwendig, zuerst heimlich und dann offen, absurd erscheinen müssen? Wird man sie nicht auf der ganzen Linie umbiegen und abschwächen müssen – bis sie ungefähr wieder so lautet, wie sie im Katholizismus, von dem die Reformation ausgegangen war, gelautet hatte und bis heute lautet? Ist die Trennung vom Papsttum dann noch rechtmäßig und notwendig? Wir können nur sagen: Ja, so haben sich die Dinge noch immer abgewickelt, wo man die reformatorische Richtung, die der Frei­heit Gottes genug tun wollte, verloren hatte zugunsten der anderen Richtung, die der Freiheit Gottes und der Freiheit des Menschen miteinander genug tun will, um im Ergebnis allein der Freiheit des Menschen genug zu tun. Es entsteht dann wirklich etwas ganz, ganz anderes: ein anderer Glaube, ein anderer Christus, eine andere Predigt, ein anderer Geist, eine andere Kir­che. Mag man dann streiten darüber, ob man diese andere Kirche lieber als Humanitätskirche oder lieber als Volks- oder Staatskirche aufziehen will, ob sich ihre Predigt besser am einzel­nen oder besser an der Gemeinschaft orientiert. Unnützer Streit! Die Kirche der Reformation wird sie, die nicht aus der Entscheidung für den christlichen Glauben, nicht aus dem Worte Gottes geboren ist, so oder so nicht mehr sein, sondern so oder so eine Kirche der heimlich oder auch offen triumphierenden natürlichen Theologie, des Optimismus, der Werkgerechtig­keit, des menschlichen Übermuts, der nie größer ist als wenn er auch noch religiös wird – eine Parallele zum Papsttum trotz alles antirömischen Geschreis, das man in ihren Hallen da und dort noch immer vernehmen wird.

Karl Barth liest in der von Wilhelm Stapel herausgegebenen Monatszeitschrift „Deutsches Volkstum“, eines der führenden antisemitischen Organe der Weimarer Republik, das schon 1931 auf vermeintlich christlich-protestantischer Grundlage für den Nationalsozialismus eintrat.

Es läßt sich nicht scherzen mit der Reformation. Es ist gewiß angebracht, sich ernstlich zu fragen, ob die Reformatoren mit ihrer Neubegründung der Kirche nicht etwas gewagt haben, was sie nicht hätten wagen sollen, weil die europäische Menschheit diesem Wagnis nicht gewachsen war. Ob sie uns nicht ein Erbe hinterlassen haben, mit dem wir, so wie es ist, nichts anzufangen wissen, weil es eine untragbare Zumutung für uns bedeutet, weil es einen Glauben von uns verlangt, den wir nicht aufbringen können, weil es dem nicht gerecht wird, was nun einmal unser Anliegen ist. So kann man allen Ernstes fragen. Und wer die Dinge so meint sehen zu müssen, der stehe dazu als ein ehrlicher Mann und baue die Kirche statt mit den Reformatoren auf den einen Grund Jesus Christus auf den besseren Grund von Offenba­rung und Vernunft, Glaube und Wissen, Evangelium und Volkstum. Auf die Einheit einer so gebauten Kirche mit der Reformation sollte dann aber ebenso ehrlich verzichtet werden. Der Gemeinsamkeit mit dem römisch-katholischen Denken und Wollen dürfte man sich dann nicht mehr schämen. Und Lutherfeiern – ja, Lutherfeiern würden dann ja wohl besser unterlassen werden.

Können wir sie aber nicht unterlassen, wollen wir dennoch und dennoch evangelische Kirche, Kirche der Reformation sein und bleiben, möchten wir ihr Erbe nicht ausschlagen, möchten wir also auch die Reformation selbst nicht anders haben – wirklich als den heute noch leben­di­gen Anfang unserer Kirche nicht anders haben, als so, wie sie nun einmal war – ja, was wird uns dann übrigbleiben, als uns die Richtung, die sie hatte, fragen zu lassen, wie es denn mit der Richtung steht, die wir haben. Die Reformation als Entscheidung wird dann die evangeli­sche Kirche von heute nach ihrer Entscheidung fragen. Und wenn wir ihrer Frage standhalten, dann wird es ja wohl an den Tag kommen, ob es unter uns auch noch so etwas wie eine gefal­lene Entscheidung gibt und darum dann auch legitimes reformatorisches Bekenntnis, reine reformatorische Lehre – oder eben nur noch die Vermittlung und deshalb kein Recht, sich auf die Reformation zu berufen. Und wenn es dann vielleicht ebenfalls an den Tag kommen soll­te, daß es solche gefallene Entscheidung gerade in der heute in der evangelischen Kirche herr­schenden Bewegung nicht geben, daß diese Bewegung nichts anderes sein sollte als die letzte vitalste vollendete Gestalt der großen neuprotestantischen Untreue gegen die Reformation –nun, dann wüßten wenigstens alle die, die dieser Bewegung nicht verfallen sind, eindeutig, was sie zu tun haben. Was haben sie zu tun? Sie haben, gestärkt durch das, was uns die Refor­mation gerade heute zu sagen hat, Widerstand zu leisten. Im Namen der wahren gegen die in Gestalt dieser Bewegung herrschende falsche evangelische Kirche. Und darin wird dieser Widerstand bestehen, daß sie sich im Unterschied zu der herrschenden Bewegung wieder rücksichtslos und fröhlich, wie es vor vierhundert Jahren geschehen ist, hinter die gefallene Entscheidung stellen. Rücksichtslos sage ich: denn wer dieser Bewegung gegenüber nicht etwas ganz anderes will und darum auch tut als sie, der ist hier unbrauchbar. Zwischen der Entscheidung und der Nicht-Entscheidung kann nicht noch einmal vermittelt werden; zwischen Luther und dem Papst, zwischen Luther und den Schwärmern gab es auch keine Vermittlung. Vermittlung könnte hier nur Übergang zum Feind bedeuten. Und fröhlich ist hier Widerstand zu leisten: hinter der gefallenen Entscheidung zieht man nämlich seine Straße fröhlich, und wenn man einer gegen hundert wäre, fröhlich, weil man seinen Gegner nicht zu fürchten hat. Die Sache der heute herrschenden Bewegung ist keine starke Sache. Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren. Er wird nicht schaffen, was er schaffen möchte.

Hier der vollständige Text des Vortrags als pdf.

„Es geht um die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, nicht um die Freiheit aus irgendeiner menschlichen Knechtschaft oder Tyrannengewalt“ – Martin Luther über Galater 5,1

3. Mai 2017

Martin Luther muss für den Protestantismus als Apostel bürgerlicher Freiheit und emanzipatorischer Selbstbestimmung herhalten, als hätte er nie De servo arbitrio geschrieben. Aufschlussreich ist, was Luther in seinem großen Galaterkommentar (1531/35) zur biblischen Schlüsselstelle evangelischer Freiheit, nämlich Galater 5,1 „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ zu sagen hat:

Es geht um die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, nicht um die Frei­heit aus irgendeiner menschlichen Knechtschaft oder Tyrannengewalt, son­dern um die Freiheit von dem ewigen Zorn Gottes. Wo? Im Gewissen. Hier hat unsere Freiheit ihren Ort und will diese Grenzen nicht überschreiten. Denn Christus hat uns nicht in politischer Hinsicht frei gemacht, nicht im Blick auf den äußeren Menschen, sondern theologisch oder in geistlicher Weise; d. h. er hat unser Gewissen frei und froh gemacht, daß es den kom­menden Zorn nicht fürchten muß. Das ist die wahre (unüberbietbar!) und unschätzbare Freiheit, im Vergleich zu deren Größe und Majestät die übrigen Freiheiten (die politischen und auf den äußeren Menschen bezüglichen) kaum ein Tropfen oder ein Tröpfchen sind. Wer kann genug rühmen, was das für eine große Sache sei, wenn einer mit Gewißheit davon sprechen kann, daß Gott weder zornig sei, noch jemals Zorn erzeigen wolle und daß er in Ewigkeit um Christi willen der geneigte und gütige Vater sein werde? Das ist wahrhaftig eine große und unbegreifliche Freiheit, um die Gunst, den Schutz und die Hilfe dieser höchsten Majestät zu wissen und darauf zu hoffen, daß sie uns schließlich auch leiblich befreien werde, so daß unser Leib, der da „ge­sät wird in Vergäng­lichkeit, Schmach und Schwachheit, auferstehen werde in Unvergänglichkeit, in Herrlichkeit und Kraft“ (1.Kor. 15,42f.). So ist es eine unbeschreiblich herrliche Freiheit, größer als Him­mel und Erde und alle Kreaturen: Wir sind frei von dem Zorn Gottes in Ewigkeit.

Hier Luthers ausführlichere Kommentierung zu Galater 5,1 als pdf.

 

„Barmen ist zu einer alten Fahne geworden, die man alle fünf Jahre entrollt“ – Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis

29. April 2017

Nachdem ja die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern nun einen Satz zu Barmen in ihren Grundartikel eingefügt hat („In der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 weiß sie die befreiende und verbindliche Kraft des Evangeliums Jesu Christi aufs Neue bekannt“), die Stimme des Altmeisters Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis:

An Pfarrer Arnold Bittlinger,
Klingenmünster (Pfalz)

Basel, 4. Februar 1964

Sehr geehrter Herr Pfarrer!

Sie waren so freundlich, mich in Ihrem Brief vom 20. Januar zu einem Vortrag im Rahmen der auf den Herbst vorgesehenen Evangelischen Woche einzuladen. [Vorgesehenes Generalthema: «30 Jahre Barmer Bekenntnis». Barth sollte über die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung sprechen.]

Indem ich das in mich gesetzte Vertrauen zu schätzen weiß, muß ich Ihnen doch sagen, daß ich aus äußern und innern Gründen nicht in der Lage bin, Ihrem Wunsche zu entsprechen. [Am Vortag, 3.2.1964, hatte Barth die Einladung, zu demselben Jubiläum einen Artikel zu schreiben, mit ähnlicher Begründung abgelehnt.]

Vorträge dieser Art lagen mir nie so recht, und jetzt bei deutlichem Abnehmen meiner physischen Mobilität erst recht nicht. Es kommt dazu, daß es mich nicht eben freut, daß Barmen, statt daß auf seiner Linie gedacht, geredet, gehandelt und gelebt wird, zu einer alten Fahne geworden ist, die man alle fünf Jahre entrollt, vor den Augen der kaum interessierten Jugend ein bißchen hin und her schwenkt und dann wieder in die Mottenkiste versorgt. Das mag ich nicht unterstützen. Wenn Barmen wieder einmal eine lebendige Sache werden wird, dann werden, ihrerseits in einem ähnlichen Aufbruch begriffen wie wir damals, jüngere Menschen dazu das Wort ergreifen.

Ich bitte Sie herzlich, das freundlich zu verstehen und mich für entschuldigt zu halten.

Mit den besten Grüßen und Wünschen

Ihr Karl Barth
Quelle: Karl Barth, Briefe 1961-1968 (GA V.6).

„Die Sterbenden werden bald in andere Menschen verwandelt und sterben stark im Herrn“ – Martin Luther in einem Brief an Nikolaus von Amsdorf

29. April 2017

Die Pest (Holzschnitt aus der Frühen Neuzeit)

Nachdem Martin Luther erfahren hatte, dass in Magdeburg die Pest ausgebrochen war, schrieb er Ende November 1538 an seinen dortigen Freund Nikolaus von Amsdorf folgenden seelsorgerlichen Brief in Sachen Todesangst und Lebenshoffnung:

Dem mit Frömmigkeit und Bildung ausgezeichneten Herrn Nikolaus von Amsdorf, dem wahren und getreuen Bischof der Kirche zu Magdeburg, seinem in einem größeren Herrn ehrfurchtsvoll zu Liebenden.

Gnade und Friede in Christus!

Auch ich gewiß, mein lieber Amsdorf, habe mich höchst verwundert gefragt, was wohl Dir oder Euren Leuten zugestoßen sei, daß Ihr nichts an uns schriebt. Auch ich vermochte nicht, nachdem ich die Kunde erhalten hatte, daß die Pest bei Euch wüte, Boten zu bekommen, durch die ich hätte schreiben können. Einmal habe ich einen Brief von Dir erhalten samt dem Pamphlet gegen Anton Schönitz »vom [Magdeburger] Statthalter«. Damals hatte ich jedoch von der Pest keine Kenntnis.

Was Du schreibst, daß die Menschen sich so ängstigen zu dieser Pestzeit, das habe auch ich bei unserer letzten Pestzeit vor wenigen Jahren erfahren. Und ich wundere mich, je reicher die Verkündigung des Lebens, das in Christus ist, ergeht, desto größer ist im Volk die Todes­angst: ob nun deshalb, weil man vorher, noch unter dem Papsttum, infolge falscher Lebens­hoffnung den Tod weniger fürchtete, jetzt aber beim Bekanntwerden der wahren Lebenshoff­nung spürt, wie unfähig die Natur dazu ist, dem Sieger über den Tod zu glauben; oder ob des­halb, weil Gott uns in unserer Schwachheit auf die Probe stellt und zuläßt, daß der Satan in einer Sache, die doch gewiß ist, mehr wagt und vermag.

Denn solange wir im Papstglauben lebten, waren wir wie Trunkene, Schläfrige oder gar Rasende, indem wir auch den wirklichen Tod für Leben hielten, ahnungslos also, was Tod und Zorn Gottes sei. Jetzt aber, wo die Wahrheit hell leuchtet und wir den Zorn Gottes deutlicher erkennen, fühlt die Natur, aufgeschreckt aus Schlaf und Wahn, daß ihre Kräfte schlechterdings nichts vermögen zum Ertragen des Todes. So kommt es, daß sich die Leute mehr ängstigen als früher. Wie wir, solange wir unter dem Papsttum waren, die Sünde nicht nur nicht spürten, sondern sie in fahrlässiger Sicherheit für Gerechtigkeit ausgaben. Nun, da die Sicherheit durch die Erkenntnis der Sünde beseitigt ist, geraten wir mehr in Furcht, als es der Fall sein sollte. Dort gingen wir zur rechten Seite hin unbekümmert, wo man furchtsam hätte sein müssen, jetzt gehen wir zur Linken hin furchtsam, wo wir furchtlos sein sollten.

Ich tröste mich nun aber in diesem Fall damit, daß Christus seine Kraft in der Schwachheit sich vollenden lassen will [2Kor 12,9]. Denn während wir unter dem Papsttum stark, gerecht und weise waren, kam Christi Kraft nicht nur nicht zur Vollendung, sondern lag gar erloschen da und wurde nicht zur Kenntnis genommen. Dem füge ich jenes Wort aus Ps 71[,9] hinzu und wende es folgendermaßen an: »Verwirf mich nicht in der Zeit des Alters; wenn meine Kraft schwindet, verlaß mich nicht.« Ich meine nämlich, diese jetzige letzte Zeit sei das hohe Alter Christi und die Zeit der schwindenden Kräfte, und das bedeutet: höchster und äußerster Ansturm des Satans. So wie David, als seine Zeit zur Neige ging, infolge seines Kräfte­schwundes von einem Riesen fast gerötet worden wäre, wäre nicht Abisai zu Hilfe gekommen [2Sam 21,15-17]. Ich hoffe. Du machest dennoch die Erfahrung, daß diejenigen, die sterben, ganz fromm und in Christus entschlafen, wie wir dies auch hier erfuhren. Und eben das ist es, was der Psalmist sagt: »Verlaß mich nicht« [Ps 71,9], und Christus: »In der Schwachheit vollendet sich meine Kraft« [2Kor 12,9]. Die Lebenden freilich ängstigen sich und sind schwach, aber die Sterbenden werden bald in andere Menschen verwandelt und sterben stark im Herrn.

Nun, was für ein Urteilsspruch kann gerechter und besser sein als der, daß die Lebenden sich ängstigen, die Sterbenden aber stark werden in Christus, und das heißt: als solche, die leben werden, fühlen, daß sie sterben werden, und als solche, die sterben werden, [fühlen,] daß sie leben werden. Ich hoffe, wie gesagt, daß nicht viele bei Euch in Unglauben und Verzweiflung sterben, vielmehr alle oder doch die meisten im Bekenntnis zu Christus und mit dem Zeugnis des empfangenen Sakraments sterben, nein: dahingehen, nämlich ins Leben durch den Tod. So nämlich sahen wir es hier geschehen vom Kleinsten bis hin zum Größten. Auch ich habe fürwahr während nahezu eines ganzen Jahres gelernt, mit Paulus das zu singen: »Als die Sterbenden und siehe, wir leben.« [2Kor 6,9] Und wiederum: »So wahr ihr mein Ruhm seid [in Christus Jesus], sterbe ich täglich.« [1Kor 15,31] Ich glaube ganz gewiß nicht, Paulus sei Holz und Stein gewesen, einer, der das Entsetzen und die Macht des Todes nicht spürte. Redet er doch nicht vom Tode anderer, sondern von seinen eigenen Toden, wie er zu den Korinthern sagt: »häufig in Toden [Todesnöten]« [2Kor 11,23]. Für ihn war das nicht ein Betrachten des Todes oder ein Nachdenken über ihn, vielmehr das Erfahren und die Macht des Todes selbst, als gäbe es keine Hoffnung auf Leben. Was ist denn der Tod, wenn man ihn nur spekulativ betrachtet, anderes als Ahnungslosigkeit und Gefühllosigkeit in bezug auf den Tod?

Doch warum war es nötig, Dir das so weitläufig zu schreiben? In der Tat nicht für Dich und nicht über Dich; vielmehr den Deinen und den Unsrigen zugut mache ich in der mir gewohn­ten Weise meine Gedanken darüber. Und weil Du die Klage über die Deinen vorbrachtest, wollte ich diese meine Gedanken dazu Dir nicht verhehlen. Im übrigen bin ich um Dich nicht bloß besorgt, bete vielmehr sehr, daß der Herr Dich uns nicht entreiße. Du siehst ja, von wie schweren Lasten ich niedergedrückt bin, bereits ein Greis und an Kräften erschöpft. Wie viel besser wäre es doch, ich würde Euch entrissen, die Ihr nach mir in diesem Elend der Kirchen zurückbleibt, als daß Ihr fortgenommen werdet und ich zurückgelassen, so allein und als Allerelendster, der ich vor Abnehmen der Kräfte und der Lebenszeit nichts mehr vermag. Ich sehe und gestehe, daß ich dennoch vieles tun muß, was über meine Kräfte geht. Der Herr leite und erhalte Dich lange. Und bitte Du den Herrn für mich, daß er mich samt Euch bewahre bis hin in sein Reich. Amen.

Am Tage Catharinae [25.11.] 1538

Dein M. L.

WAB 8, 327-329, Nr. 3277, Übersetzung Gerhard Ebeling

Hier der Brief als pdf.

„Unser Glaube beginnt in der Nacht, die die Nacht des Kreuzes, der Verlassenheit, der Anfechtung ist“ – Hans Joachim Iwand über das Kreuz Christi

25. April 2017

In seiner Bonner Christologie-Vorlesung zu Tod und Auferstehung von 1959 hat Hans Joachim Iwand in wenigen Worten eine theologia crucis skizziert, die unter die Haut geht:

Das Kreuz

Von Hans Joachim Iwand

Wahrscheinlich haben wir in unserer neueren Theologie das, was das Wort vom Kreuz eigentlich bedeutet – und bedeutet hat –, kaum erfaßt, geschweige denn ausgeschöpft. Es ist eine unerhörte Sache, es ist ohne Beispiel. Was uns heute dazu aus der Religionsgeschichte beigebracht wird von dem Sterben der »göttlichen Menschen«, hat mit dem hier Gemeinten nichts zu tun. Das sind nur Vergleiche, die sich auf der religionsgeschichtlichen Ebene abspielen. Solche Parallelen können uns höchstens davor warnen, aus dem Sterben Jesu so etwas wie einen Mythos zu machen, in den wir uns dann versenken. Es gibt das. Es gibt das »Weinen über ihn«, aber das ist diesem Gange Jesu zum Kreuz nicht angemessen: »Weint vielmehr über euch« (vgl. Lk 23,27f)!

Unter den Modernen kommt wahrscheinlich Bultmann der Sache näher als andere. Er hält noch an dem Paradox fest, daß im Kreuz Gott sich im Widerspruch zu sich selbst, zu seinem eigenen Begriff, offenbart. Aber die Tiefe der Theologie des Kreuzes (theologia crucis) wie die Reformation, insbesondere Luther sie in seiner großen Zeit erreichte, gewinnt er nicht. Wie sollte er auch? Man darf nicht vergessen: Die hohe Zeit der Reformation Luthers, also die Jahre der Entscheidung, erfolgte auf dem Hintergrund der neu entdeckten, ei­gentlich erst seit der »Heidelberger Disputation« (1518) so entdeckten Theologie des Kreuzes (theologia crucis). Ist es nicht seltsam, sich diese Theologie gerade hinter dem Luther von Worms zu denken: »Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge beim richtigen Namen«! Es ist offen­sichtlich der neue Realismus, die Überwindung der Illusionen der Theologie der Herrlichkeit (theologia gloriae), was ihn stark macht. Bultmann ist dem Geheimnis dieser Theolo­gie des Kreuzes oft sehr nahe, gerade da, wo er sagt, daß das Kreuz die Auferstehung schon in sich schließt, aber er fügt zu dem Wort vom Kreuz noch etwas hinzu: die Interpretation, die Geschichte. Er müßte das Kreuz und die Geschichte in eins zusammenfallen lassen; sie sind in Wirk­lichkeit eins. Man darf das Kreuz nicht von der Geschichte her verste­hen wollen. Es geht hier wirklich um das »allein aus Glauben« (sola fide), nicht um Glauben und Verstehen, sondern um Glauben und Nicht-Verstehen! Das Kreuz ist das ganz und gar Inkommensurable in der Offenbarung Gottes. Uns ist es viel zu sehr gewohnt, wir sto­ßen uns kaum noch daran. Wir haben das Ärgernis des Kreuzes mit Rosen umkränzt. Wir haben eine Heilstheorie daraus gemacht. Aber das ist nicht das Kreuz. Das ist nicht die in ihm wohnende, die in es von Gott hineingelegte Härte.

Hegel hat das Kreuz definiert: »Gott ist tot.« Er hat wahrscheinlich damit richtig gesehen, daß hier die Nacht der wirklichen, der letzten und undeutbaren Gottesfeme vor uns steht, daß wir dem Logos des Kreuzes gegenüber auf das »allein aus Glauben« (sola fide) angewiesen sind, angewiesen wie nirgends sonst in der Welt. Hier sind keine Werke Gottes (opera Dei), die auf ihn, den ewigen Schöpfer und seine Weisheit, verweisen. Hier zerbricht der Schöp­fungsglaube, aus dem alles Heiden­tum gekommen ist. Hier wird diese ganze Philosophie und Weisheit der Narrheit überführt. Hier ist Gott Nicht-Gott. Hier triumphieren der Tod, der Feind, die Nicht-Kirche, der Unrechtsstaat, die Lästerer, die Soldaten – hier triumphiert der Satan über Gott.

Unser Glaube beginnt genau da, wo die Atheisten meinen, daß unser Glaube zu Ende sein müsse. Unser Glaube beginnt in jener Härte und Nacht, die die Nacht des Kreuzes, der Verlassenheit, der Anfechtung ist, des Zweifels an allem, was es gibt. Wirklich: was es gibt! Unser Glaube muß dort geboren werden, wo alle Gegebenhei­ten ihn verlassen. Er muß geboren werden aus dem Nichts, muß die­ses Nichts schmecken und zu schmecken bekom­men, wie sich das kein Philosoph des Nihilismus vorstellen kann. Denn diese behan­deln den Nihilismus immer noch als Kraft der Neugeburt, als revolu­tionäre Sprungfeder, als Abbau bis auf den Grund, damit man neu anfangen könne. Aber das Kreuz ist mehr. Das Kreuz ist das Offen­kundig-Machen unserer objektiven Gottlosigkeit, unserer grenzen­losen Verlassen­heit. Das Kreuz sagt uns, daß wir erst in diese Tiefe der Nacht hineingehen müssen, daß ohne diesen Preis, ohne diese Wüste, ohne diese Entbehrung allen Trostes und aller Gewißheit, eben kein Mensch wirklich Gott findet. Mit dem Kreuz ist der Traum einer Weltherrschaft Gottes in irdischem Sinne für immer begraben. Mit dem Kreuz ist die sichtbare Gestalt des Fromm-Seins, des Mit-Gott-Seins, ist dieser ganze christliche Heilsoptimismus zerbrochen und sind Abraham und Jakob, sind die Psalmisten und Hiob, sind Jere­mia und der zweite Jesaja gerechtfertigt. Das Kreuz ist mehr als ein Ereignis im Leben Jesu, das von Paulus theologisch interpretiert worden wäre. Die Theologie des Kreuzes (theologia crucis) hat es nicht mit Paulus, sondern mit Gott zu tun, und Paulus war der erste, der sich der damit gestellten Aufgabe unterzogen hat. Er ist darin unser Vorbild geworden. Wir haben uns die Härte des Kreuzes, der Offenbarung Gottes im Kreuz Jesu Christi, dadurch erträglich ge­macht, daß wir es in seiner Notwendigkeit für den Heilsprozeß ver­stehen lernten.

Hier liegt eine der wesentlichen Schwächen in der sonst so großarti­gen neuen Fassung der Genugtuung (satisfactio), wie sie uns Anselm in »Cur Deus homo?« bietet. Dort wird der Tod des Sohnes Gottes als notwendig eingesehen, nicht von der menschlichen Heilsbedürftig­keit her, sondern höher: von der Ordnung (ordo) Gottes her. Dadurch verliert das Kreuz den Charakter der Kontingenz, des Unbegreiflichen. Es ist sehr schwer, dies beides miteinander zu vereinigen: auf der einen Seite die Erkenntnis, daß Christus sterben mußte (vgl. Lk 24,26), auf der die ganze Satisfaktionslehre und unser Verstehen (intelligere) dessen, was wir glauben, aufruhen und auf der anderen Seite die harte Wirklichkeit des verborgenen Gottes (deus absconditus) im Kreuz. Auch die Alte Kir­che hat die Härte des Kreuzes nicht völlig zum Ausdruck gebracht, weil sie den Tod Jesu providentiell schon unter dem Gesichtspunkt sieht, daß der Satan, indem er sich an diesem Menschen vergreift, auf den er kein Recht hat, sein Reich verliert und der Tod nicht mehr in seiner Macht [409] ist. Erst die Reformation tritt ganz ein in die Härte der Theologie des Kreuzes (theologia crucis), in das Dunkel der Nacht, in die Weglosigkeit dieses Glaubens. Hier lernt man glauben! Gewiß, das Kreuz ist auch der Grund und die Ausrichtung des rechtfertigenden Glaubens. Aber hier spricht die Schrift lieber vom Tode Jesu Christi und vom Lösegeld. In der Kreuzestheologie (theologia crucis) aber ist das Kreuz die Schule des Glaubens. Was der Glaube sieht, ist das Gegenteil dessen, was das Auge sieht. Das Mittelalter und der Idealismus haben das anders gefaßt: Sicht­bare und unsichtbare Welt sind hier in einem System einander zugeord­net. Man steigt von dem einen auf zu dem anderen oder steigt von dem einen herab und hinunter in das andere. Glauben heißt dann, mit der unsichtbaren Welt Gottes rechnen, heißt dann auch in der Auferstehung einen Einbruch dieser oberen Welt in unsere Welt sehen. Das ist alles noch idealistisch. In der Theologie des Kreuzes (theologia crucis) heißt Glauben: in diesem Gekreuzigten den Herrn sehen, in dem Verworfenen den Erwählten, in dem zu den Toten Gerechneten den ewig Lebenden; in der Schmach die Ehre, in der Ausgestoßenheit das Heil finden, über­haupt in diesen Gegensätzen die Wirklichkeit Gottes erfassen. Hier ge­schieht etwas durch den Glauben! Er konstatiert nicht nur, was ist, er entdeckt, was nicht ist.

Abschließende Thesen:

  1. Das Kreuz ist die Offenbarung des Gegensatzes und damit das Ende aller natürlichen Theo­logie. In der Begegnung zwischen Gott und Mensch zeigt sich, daß beide nicht in einer Welt zusammenleben können. Hier wird deutlich, daß wir Feinde des »nahen« Gottes sind.
  2. Das Kreuz heißt aber, daß sich Gott in den Gegensatz selbst hin­einstellt, der zwischen ihm und uns besteht. Er übernimmt ihn als seine Last, sein Schicksal. Das ist der tiefere Sinn dessen, daß die Sünde von ihm getragen wird. Wir tragen sie nicht. Wir werfen sie von uns auf ihn. Das Totschlagen der Propheten ist die Vorgeschichte des Kreuzes.
  3. Das Kreuz ist im höchsten Sinne Gericht. Hier tritt Gott als Richter auf. Das ist zwar nicht dem Augenschein zu entnehmen, aber das sagt die Schrift. Diese Größe »Schrift« ist hier nicht einfach zu eliminieren. Es gibt keinen Erfahrungsbeweis für diesen Sachverhalt. Daß Gott Jesus ansah wie die Sünde selbst, ist tiefste Tiefe der Deutung. Sie ist Gottes eigene Deutung.
  4. Im Kreuz als Gericht wird erst offenkundig, daß nur Gott die Sün­de aufzuheben vermag. Hier wird deutlich, wie weit die Sünde reicht, daß sie bis in die tiefsten Tiefen der Gottheit reicht, daß sie dort ver­nichtet, dort für uns – um unsretwillen! – überwunden werden muß, [410] daß es keinen anderen Weg gibt, ihrer ledig zu werden, als diesen hier von Gott selbst beschrittenen Weg. Die Sünde ist ein Unendliches (infinitum). Sie meint Gott – und kann nur von Gott bedeckt, vernichtet, aufgehoben werden. Der Gekreuzigte ist das Bedecken der Sünde, ihr endgültiges Nicht-Sein.
  5. Der Gekreuzigte ist aber zugleich eine Anklage an uns wider das Nebeneinander von Fröm­migkeit und Gottlosigkeit, er ist die Aufdeckung dessen, daß man Gott totschlagen kann und dabei sich noch auf das Gesetz beruft (Stephanusrede Apg 7).
  6. Der Gekreuzigte ist unsere, der »Berufenen« Rettung (soteria)! Man muß offenbar berufen sein. Das kann man nicht aus eigener Kraft erlan­gen, daß uns der Gekreuzigte das Heil ist, daß wir hier die Versöhnung Gottes mit uns und unsere Versöhnung mit Gott finden. Das ist noch mehr als ein bloßes Außerhalb unserer selbst (extra nos). Hier sieht man, wer der ist, der außerhalb unserer selbst steht (extra nos, i. e. in Christo).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 2: Christologie. Die Umkehrung des Menschen zur Menschlichkeit, hrsg. v. Eberhard Lempp und Edgar Thadigsmann, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 1999, Seiten 406-410.

Hier der Text als pdf.