Archive for the ‘Ethik des Evangeliums’ Category

Was die verfassten Landeskirchen von neuen IFAB Laws of the Game 2017/18 in Sachen Verbindlichkeit des Bekenntnisses lernen können

22. Juni 2017

Ende Mai sind die neuen IFAB Laws of the Game (2017/18) erschienen. In der deutschen Ausgabe wird auf Seite 11 „Die Philosophie und der Geist der Regeln (The philosophy and spirit of the Laws)“ wie folgt beschrieben:

Fußball ist die größte Sportart der Welt. Es wird in jedem Land und in vielen ver­schiedenen Spielklassen gespielt. Die Spielregeln gelten für den gesamten Fußball weltweit, vom Finale der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft bis hin zu einem Spiel zwischen kleinen Kindern in einem abgeschiedenen Dorf.

Dass die gleichen Spielregeln für jedes Spiel in jeder Konföderation, in jedem Land, in jeder Stadt und in jedem Dorf weltweit gelten, ist eine bedeutende Stärke, die es zu bewahren gilt. Es ist auch eine Gelegenheit, die zum Gesamtwohl des Fußballs genutzt werden muss.

Fußball muss Spielregeln haben, mit denen das Spiel „fair“ bleibt, da seine Fairness eine entscheidende Grundlage für die Schönheit dieses „wunderschönen Spiels“ ist. Dies ist eine unerlässliche Eigenschaft des „Spielgeists“. Die besten Spiele sind jene, in denen der Schiedsrichter selten eingreifen muss, weil die Spieler mit Respekt gegenüber dem Gegner, den Spieloffiziellen und den Spielregeln spielen.

Die Integrität der Spielregeln und der Schiedsrichter, die diese anwenden, ist stets zu schützen und zu respektieren. Alle Verantwortlichen, insbesondere Trainer und Spielführer, haben eine klare Verantwortung gegenüber dem Spiel, die Spieloffiziellen und ihre Entscheidungen zu respektieren.

Verbindliche Regel sind im Fußball Anweisungen zu einem regelrechten Spiel. Sie eröffnen die wunderbaren Spielzüge, lassen eine agonale Dramaturgie zur Geltungen kommen. Ohne verbindliche Spielregeln existiert keine fußballerische Kunst eines Ronaldos oder Messis. Die Wahrheit dieser Regeln ist an den Spielvollzug gebunden. Außerhalb des Spielfelds lassen sich Fußballregeln im Hinblick auf Vernünftigkeit nicht objektiv verifizieren. Wer sich nicht mit ihnen identifizieren kann, sie als „dogmatisch“ empfindet, muss nicht in das Spiel einsteigen oder kann jederzeit aussteigen.

Analoges gilt für die evangelische Kirche in ihrer Bekenntnisbindung.

Gastfrei zu sein vergesst nicht

22. Juni 2017

IRA Patrol in Belfast vor dem Good-Friday-Agreement 1998

Da stand er vor mir im blauen Adidas-Trainingsanzug mit den schnürlosen Adidas-Schuhen und bot mir die Stirn. Die Nacht ist er hindurch gelaufen – kein Geld mehr für eine Unter­kunft. Das zukünftige Fluggepäck ist im Schließfach am Ulmer Bahnhof verstaut. In Senden hatte er frühmorgens das evangelische Gemeindehaus gesehen, fand jedoch nicht das Pfarr­haus. Und als er schließlich in Vöhringen wohl um 8 Uhr beim katholischen Pfarrhaus ankam, war mein Kollege im Gehen begriffen. Und der englischsprechende Kaplan war schon im Unterricht. Auf die Frage nach dem Presbyterian minister wurde er an den lutherischen Pfarrer verwiesen. So klingelte er dann um 8.40 Uhr bei uns.

Er wollte sich mir gegenüber erklären – eine längere Geschichte. Ich lud ihn ins Amtszimmer ein, selbst frühstückshungrig. Sein English ließ mich auf Schottland schließen. Ja, er habe da für wenige Jahre dort gelebt, mit Frau und Tochter, aber er komme aus Belfast, sei seit neun Tagen in Deutschland – auf der Flucht.

45 Jahre alt, der Vater auch schon bei der Provisional IRA, getötet, wohl andere Familien­glieder auch, die Schwester und die Mutter leben noch. Er selbst war (wohl wegen Tötungs­delikten) Jahre in britischen Gefängnissen und ist nach dem Good-Friday-Agreement freige­kommen, habe damals der Gewalt abgeschworen. Wie er den Lebensunterhalt sich verdient habe und auch das Haus für Frau und Kind, ist für mich nachvollziehbar. Anders hingegen die vielfältigen Einnahmequellen der IRA aus Spielhöllen, Zigarettenschmuggel und Schutzgeld­abgaben, die wohl immer noch in Nordirland praktiziert werden. Ob er Mitglied der Real bzw. NEW IRA ist, weiß ich nicht. Aber der Drogenkrieg in Belfast hat ihn mitgenommen. Bei der alten Provisional IRA haben die Rekruten Drogen und Alkohol abschwören müssen. Er halte sich daran. Und das Päckchen mit dem Zigarettentabak, das er später auf dem Fußweg zum Bahnhof öffnete, habe noch den Rest von neun Tagen Deutschland drin.

Die ganze Nacht durchgelaufen, in Senden ein Schinkenbrötchen gegessen mit Kaffee, er vermisst den britischen Tee. In seiner Stimme die Unruhe der Flucht. Er hat wohl der Polizei anonym Informationen über Drogendealer geliefert, war selbst Augenzeugen diverser Hin­richtungen, zuletzt habe man ihm eine Beutel mit einem sechsstelligen Pfundbetrag als Schweigegeld angeboten, den er abgelehnt hätte.

Gary N. zeigt mir zur Beglaubigung seine Barclay-Kreditkarten, er sei kein Bettler, sondern nur kurzfristig nicht länger liquide. Dann ein Stapel von Übernachtungsbelegen in deutschen Gästehäusern und Hotels. Er hat schon angefangen, Deutsch zu lernen. Für neun Tage hört es sich gut an. Über Kronenberg ist er angekommen und will weiter nach Neuseeland. Frau und Tochter seien da schon. Das Haus und das Auto seien schon verkauft. Er sei noch zurückge­blieben, um den Verkauf noch abzuwickeln.

Vor drei Monate habe er seine elfjährige Tochter zur Schule gefahren, als jemand mit der AK 47 auf ihn geschossen habe. Das war nicht das erste Mal in seinem Leben. Im Straßenkrieg der achtziger und neunziger Jahre waren Schussverletzungen gang und gäbe. Die erste Schussverletzung am Knie habe er mit 14 abbekommen und er zieht dazu das entsprechende Hosenbein hoch. Aber dass jetzt offensichtlich auch das eigene Kind gefährdet sei – bei anderen, die im Drogenkrieg nicht (länger) mitspielen, wurden auch schon Familienange­hörige hingerichtet. Es ist nicht die Angst vor dem eigenen Tod, sondern die Sorge um die Familie, die ihn fliehen lässt. Er selbst zählt sich zu der Generation in Belfast, die sich im Nachhinein darüber gewundert hat, überhaupt 25 Jahr alt zu werden.

Der Bandenkrieg zwischen der Kinahan- und der Hutch-Gang sei in den letzten Monaten eskaliert. Der junge Kinahan stehe nun vor Gericht. Mögliche Zeugen gegen ihn werden eliminiert. Dann gehen wir am Computer ins Internet und lesen die Online-Ausgaben der Irish Times bzw. der Sunday World unter der Rubrik „crime desk“. Wir scrollen durch. Wo die Bilder von unten her auftauchen, nennt Gary schon die Namen der Ermordeten und sein Verhältnis zu ihnen. Der Eindruck verfestigt sich – mexikanische Verhältnisse in Irland. Es geht um Kokain. Und Gary scheint als nächstes Opfer ausersehen zu sein, wurde vorgewarnt. So hat er die Fähre und den Bus nach London genommen und ist weiter auf den Kontinent, um am nächsten Freitag hoffentlich nach der fälligen Geldtransaktion den Flug nach Neusee­land über Singapur unter Dach und Fach zu kriegen. Zwischenzeitlich hält er Kontakt mit der Familie über Skype. Offensichtlich hat er einen Kontaktmenschen bei den Verfolgern, der ihn über deren nächsten Schritte auf dem Laufenden hält.

Ich stelle Gary Frau und Kind vor. Bei Yana leuchten seine Augen. Wer seiner Tochter etwas antäte, müsste wohl eine entsprechende Vergeltung befürchten. Dass Gary bei mir auftauchte, hängt ja mit seinem Glauben zusammen, gut katholisch und äußerst kirchenkritisch, hat etwas dagegen, wie Kirche sich das Geld nimmt. Gnadenlos legt er den Maßstab des Evangeliums an die Lebensform des Klerus und der Pfarrer an. Seine Bibelkenntnisse überzeugen, sein Allgemeinwissen überrascht mich (die Ansätze einer Verschwörungstheorie im Hinblick auf den 11. September kommen ganz zum Schluss und sind verglichen mit den übrigen Einschät­zungen der Weltsituation eher rudimentär). Er weiß, dass man als Christ gastfreundlich zu sein hat, heißt es doch im Brief an die Hebräer im 13. Kapitel: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Wer als katholischer Pfarrer ihn vor der Haustüre abfertigen will, wie kann dieser sich sicher sein, dass er damit nicht einen Gottesboten weggeschickt hat? Recht hat er als fluchtbedürftiger Nichtbettler. Auch wenn sein Belfaster Englisch mit aller nachtlosen Unruhe sich für mich viel zu schnell anhört und geläufige Worte nachgefragt werden müssen, wer seine ganze Geschichte anhört, kann ja nicht anders als ihm helfen.

Gary, der große Moralist, weiß darum, wie sich der Bürgerkrieg in Nordirland in einen Drogenkrieg verwandelt hat. Und offensichtlich verletzt es sein Gerechtigkeitsempfinden, wie alte Kämpfer nun ihr Auskommen im Drogengeschäft und in der Schutzgelderpressung suchen. Die eingeschworene Abstinenz der Kämpfer ist dem Geschäftssinn gewichen. Und den Jungen macht man mit Bentleys vor, was es im Leben (mit der Waffe) zu erreichen gilt, auch wenn sie wohl als Auftragskiller nur Kanonenfutter sind. Eingeschworene Loyalitäten zählen nicht. Und auch die Real IRA, die sich dem Krieg gegen die Drogen verschrieben hat, kassiert ab. Wie Gary mir rechthaberisch die Stirn bietet, ahne ich, um welch verlorenen Kampf es in Nordirland geht. Die Rettung für ihn ist Neuseeland. Noch einmal neu anfangen dürfen. Er muss die nächsten Tage in Europa überleben, das Geld aus dem Hausverkauf kriegen. Und dann nichts wie weg.

Ich bringe ihn zum Bahnhof, zahle ihm das Ticket nach Frankfurt und leihe ihm noch 200 Euro für die fehlenden zwei Übernachtungen. Wir umarmen uns. Ungesegnet geht er, wissend um das Jüngste Gericht. Dass alles am Ende nur gut ausgehen kann, das glaube er nicht. Einen Weichmacher-Jesus mag er nicht und billige Gnade ist nicht seine Sache. Da hat er wohl schon zu viel gesehen und zu viel getan, als dass es für uns alle ein Happy End geben kann.

Das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) gemäß den lutherischen Bekenntnisschriften

20. Juni 2017

Nach CA V geht das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) auf eine besondere Einsetzung Gottes zurück[1]. Seine Funktion in der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente, durch die der Heilige Geist den rechtfertigenden Glauben bewirkt[2]. Ohne diesen heilswirksamen menschlichen Wort­dienst kann sich Kirche nicht konstituieren. Diese konstitutive Wirkung des Predigtamtes beschreibt Luther im Großen Katechismus mit den Worten: „Denn wo man nicht von Christo predigt, da ist kein heili­ger Geist, welcher die christliche Kirche machet, be­rüfet und zusammen bringt, außer welcher niemand zu dem Herrn Christo kommen kann.“(GrKat II,45; BSLK 655) Das ministerium ec­clesiasticum darf jedoch nicht auf ein rechtlich organisiertes Pfarramt reduziert werden. So wird in Tract 25.26 das „Amt des Bekenntnisses (ministerium professionis)“, mit dem Jesus als Christus gepredigt wird (in qua praedicat Jesum esse Christum), nicht auf bestimmte Amtspersonen bezogen.

„Zudem ist der Dienst [der Ver­kündigung] des Neuen Testa­mentes an keine Orte und Perso­nen gebunden wie der Dienst der Leviten, sondern er ist über den ganzen Erdkreis verbreitet und er ist dort, wo Gott seine Gaben gibt, Apostel, Propheten, Hirten und Lehrer (vgl. Eph 4,11). Jener Dienst erhält seinen Wert nicht auf Grund der Autorität irgend­einer Person, sondern auf Grund des von Christus überlieferten Wortes (Porro mi­nisterium Novi Testa­menti non est alligatum locis et personis si­cut ministerium Levi­ticum, sed est dispersum per totum orbem ter­rarum et ibi est, ubi Deus dat dona sua, apostolos, prophetas, pa­stores, doctores (Eph 4,11). Nec valet illud ministerium propter ullius personae autori­tatem, sed propter verbum a Christo tradi­tum).“ (Tract 26; BSLK 479)

Das ministerium verbi erfährt also die Bevollmächtigung nicht in der Autorität von Amtspersonen, sondern in dem von Christus überlieferten Wort. Damit ist eine grundle­gende Differenz zum katholischen Amtsverständnis angezeigt, das die Amtsautorität durch eine sakramentale Ordination an die Amts­person selbst bindet und damit die Amtsperson in Gestalt des Prie­sters bzw. Bischofs über die Gemeinde stellt.

Die grundsätzliche Rückbindung des ministerium ecclesiasticum an das Evangelium wird in CA XXVIII deutlich, wo von der kirchlichen Gewalt der katholischen Diözesanbischöfe die Rede ist. In der Wahrnehmung der kirchlichen Gewalt, die nur Wortdienst (ministe­rium verbi)[3] sein kann (sine vi humana, sed verbo – CA XXVIII,21; BSLK 124[4]), sind die Bischöfe den anderen Amtsträgern gleichge­stellt, da es nach Apol XIV,1 bzw. Tract 61.65 iure divino kein hierarchisch gegliedertes Amt geben kann. Eine Gehorsamspflicht der Gemeinden iure divino besteht gegenüber diesem Wortdienst, da er unter unter dem Dictum Jesu steht: „Wer euch hört, der hört mich.“(Lk 10,16 – CA XXVIII,21.22; BSLK 124). „Weil hier der Inha­ber des Amtes an Christi Stelle steht, darum kann er uneinge­schränkten Gehorsam fordern. Freilich gilt dieser Gehorsam nicht der Person, sondern dem Wort, dem Evangelium.“[5] Umgekehrt ist dort eine Gehorsamsver­weigerung der Gemeinden per mandatum Dei geboten, wo die Amtsträ­ger „etwas gegen das Evangelium lehren oder bestim­men (aliquid contra evangelium docent aut constitu­unt)“(CA XXVIII,23; BSLK 124). Für eine Gehorsamspflicht gegenüber den Amtsträgern auf dem Hintergrund von Lk 10,16 können nicht Men­schensatzungen, sondern allein das Wort Christi geltend gemacht werden.

„Es handelt sich [hier] um keinen freien Befehl (mandatum cum libera), wie sie ihn nennen, sondern um einen geschuldeten, gültigen, besonde­ren Befehl, das heißt um ein Zeugnis, das den Aposteln gegeben wurde, daß wir glauben, sie sprechen von einem fremden Wort (alienum verbum), nicht von einem eigenen Wort (proprium verbum). Denn Christus will uns so viel wie nötig stärken, damit wir wissen würden, daß das überlieferte Wort durch die Menschen wirksam ist und daß man vom Himmel kein anderes Wort erwarten darf (Non est enim mandatum cum libera, ut vocant, sed cautio de rato, de speciali mandato, hoc est, testimonium datum aposto­lis, ut eis de alieno verbo, non de proprio, credamus. Vult enim Christus nos confirmare, quemadmodum opus erat, ut sciremus verbum traditum per homines efficax esse, nec quaerendum esse aliud ver­bum de coelo).“ (Apol XXVIII,18; BSLK 401)

Das Supremat des göttlich eingesetzten ministerium ecclesiasticum bzw. der Kirche (vgl. Tract 11; BSLK 474) über deren Amtsträger verbietet eine Habitualisierung des Amtes in der Person des Amts­trägers[6]. Von daher läßt sich das Institut des ministerium eccle­siasticum als Kommunikations­geschehen innerhalb der Gemeinde (communicatio verbi divini in ecclesia[7]) begreifen, zu dem neben der Person des Predigers die zuhörende Gemeinde unab­dingbar dazu gehört[8]. Ihr obliegt letzt­lich die Unterscheidung, ob das gepre­digte Wort göttliches verbum alienum oder aber verbum proprium des Amtsträgers ist, das keine Geltung beanspruchen darf (vgl. Apol XXVIII,18). Dazu ist der Gemeinde durch die ihr eigene „Fähigkeit, auf Grund des Wortes Gottes [Glaubensfragen] zu beurteilen und zu entscheiden (facultas judicandi et decernendi ex verbo Dei)“(Tract 56; BSLK 488) eine sichere Beurteilungsgrundlage gegeben[9]. Wo das mi­nisterium verbi habitualisiert und damit ohne das Korrektiv der „kritischen“ hörenden Gemeinde (ecclesia audiens) gesehen wird, kann nicht mehr zwi­schen verbum alienum und proprium des Amtsträgers unterschieden werden, so daß er in Person eo ipso als Stellver­treter Christi erscheinen muß[10].

Im Großen Ka­techismus läßt sich belegen, daß das ministerium verbi der gesamten Kirche und nicht nur einem gesonderten Predigtstand gegeben ist. Obwohl Luther dort die heilsnotwendige Bedeu­tung des Predigtamtes in der Auslegung zum dritten Glaubensartikel ausführ­lich entfaltet, läßt er Personen, die mit diesem Predigtamt geson­dert betraut sind, unerwähnt. Stattdessen heißt es: „So bleibt der heilige Geist bei der heiligen Gemeine oder Christen­heit bis auf den jüngsten Tag, dadurch er uns holet, und brauchet sie dazu, das Wort zu fuhren und treiben, dadurch er die Heiligung machet und mehret, daß sie täglich zunehme und stark werden im Glauben und seinen Früchten, so er schaffet.“(GrKat II,53; BSLK 657f)[11] Ebenso wird in Apol VII,20 das Evangelium nicht den Amtsträ­gern, sondern der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanc­torum zugespro­chen: „Und diese Kirche ist eigent­lich »Säule der Wahrheit«. Sie bewahrt nämlich das reine Evangelium und – wie Paulus sagt – den »Grund«, das heißt die wahre Erkenntnis Christi und den Glauben (Et haec ecclesia proprie est columna verita­tis (1 Tim 3,15). Retinet enim purum evangelium et, ut Pau­lus inquit, funda­mentum, hoc est, veram Christi cognitionem et fi­dem (1 Kor 3,11).“(BSLK 238) Schließlich wird nach den Schmalkaldi­schen Artikeln der Dienst des Evangeliums neben Wort­verkündigung, Sakramentsverwaltung und Ausübung der Schlüsselge­walt, die in der Regel den dazu berufenen Amtsträgern vorbehalten sind (vgl. CA XIV) „auch durch die gegenseitige brüderliche Aussprache und Tröstung (per mutuum colloquium et consolationem fratrum)“ gelei­stet (ASm III,4; BSLK 449). Obwohl die berufenen Amtsträger regu­lär die Schlüsselgewalt ausüben, ist nach Tract 24.68 (BSLK 478.491) dennoch die Schlüsselgewalt der ganzen Kirche gegeben und damit a priori nicht auf eine bestimmte Personengruppe von Amts­trägern beschränkt. Grundsätzlich gilt, „dass die Kirche über ihren Dienern stehe (ecclesiam esse su­pra mini­stros)“(Tract 11; BSLK 474).

Der ordo ecclesiasticus

Während das allgemeine Dienstamt von CA V, das unmittelbar auf göttliche Einsetzung zurückzuführen ist, institutionell nicht an der Person eines Amtsträgers festgemacht werden kann, wird in CA XIV für das öffentliche Predigtamt (ministerium verbi publicum) eine Verbindung mit der Person des Amtsträgers festgesetzt: „Niemand darf in der Kirche öffentlich lehren oder die Sakramente verwalten, er sei denn dazu rechtmäßig berufen (Nemo debeat in ecclesia publice docere aut sacramenta administrare nisi rite vocatus).“(CA XIV; BSLK 69) Die Notwendigkeit der Ordination von Amtsträgern für das ministerium verbi publicum besteht nicht nur nach menschlichem Recht (iure humano). Tract 72 zufolge sind die Gemeinden nach göttlichem Recht (iure di­vino) gezwungen, unter Hinzuziehung von eigenen Pastoren Pastoren und Diener zu ordinieren (BSLK 492). So heißt es auch in der Apo­logie: „Denn die Kirche hat den Befehl Gottes, Diener einzusetzen, worüber wir sehr dankbar sein müssen, weil wir wissen, Gott billigt jenes Amt und ist im Amt gegenwärtig (Habet enim ecclesia mandatum de constituendis mini­stris, quod gratissimum esse nobis debet, quod scimus Deum appro­bare ministerium illud et adesse in ministe­rio).“(Apol XIII,12; BSLK 294) „Das göttliche Recht verlangt die Einrichtung eines geordneten öffentlichen Dienstamtes und gebietet der Ekklesia in göttlicher Autorität, dafür die institutionellen Formen zu schaf­fen.“[12] Demgegenüber bestehen die einzelnen Bestim­mungen über das Ordinations- und Berufungsrecht, die Form der Ordination sowie die Organisation des öffentlichen Predigtamtes iure humano und sind da­mit an keine bestimmte Rechtsform gebunden. So hat Luther in den Schmalkaldischen Artikeln den katholischen Diözesanbischöfen „umb der Liebe und Einigkeit willen“ das Recht der Ordination zugebilli­gt, so sie „wollten rechte Bischofe sein und der Kirchen und des Evangelions sich annehmen“, jedoch zugleich festgestellt, daß diese „aber nicht rechte Bischöfe sind aber auch nicht sein wol­len“(ASm III,10; BSLK 457f).

Die Formulierung „rite vocatus“ in CA XIV, für die in der deut­schen Fassung „ordentlicher Beruf“(BSLK 69) steht, kann keine sakramentale Priesterweihe nach kanonischem Recht beinhalten, die dem Amtsträ­ger eine besondere Vollmacht (potestas ordinis) im Sinne einer habituellen geistlichen Qualität verleiht und ihn in einen geistlichen Ordo mit verschie­denen, hierarchisch angelegten Stufen einfügt[13]. Das „königliche Priestertum“ (1 Petr 2,9), das der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanctorum zu eigen ist, ist vielmehr der Ermächti­gungsgrund für die Einsetzung von Amtsträgern (Tract 69, BSLK 491)[14]. Die Ordination des Amtsträgers begründet also nicht dessen Priestertum (sacerdotium), vielmehr ist das sacerdo­tium, das jedem Christen durch die Taufe zugeeignet ist, die geistliche Qualifikation für eine Beauftragung mit dem ministerium verbi publicum[15]. So gilt auch Melanchthons Erwägung in Apol XIII,11 über die Ordination als Sakrament nicht der Person des Amtsträgers, sondern dem göttlich gestifteten ministerium verbi: „Wenn man aber die Prie­sterweihe (ordo) vom Dienst am Worte Gottes (ministerium verbi) her versteht, würden wir die Priesterweihe ohne Umstände als Sakrament bezeichnen. Denn der Dienst am Wort hat Gottes Befehl und er hat herrliche Verheißungen (Si autem ordo de ministerio verbi intelligatur, non gravatim vo­caverimus ordinem sacramentum. Nam ministerium verbi habet man­datum Dei et habet magnificas promis­siones)“(BSLK 293)[16].

Anmerkungen
[1] Vgl. dazu W. Maurer, Pfarrerrecht und Bekenntnis. Über die bekenntnismäßige Grundlage eines Pfarrerrechtes in der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin 1957, 74-78.
[2] Luther geht in den Schmalkaldischen Artikeln so weit, daß er ein Heilshan­deln Gottes an den Menschen außerhalb von äußerlichem Wort und Sakrament bestreitet (ASm III,8; BSLK 456).
[3] „de iure divino haec iurisdictio competit episcopis ut episco­pis, hoc est his, quibus est commissum ministerium verbi et sacra­mentorum“(CA XXVIII,21; BSLK 124).
[4] Vgl. außerdem die Auslegung des Jesuswortes „Weide meine Schafe“ (Joh 21,17) in Tract 30: „Jubet enim pascere, hoc est docere ver­bum seu ecclesiam verbo regere“(BSLK 480).
[5] F. Mildenberger, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart 1983, 105.
[6] Vgl. H. Diem, Theologie als kirchliche Wissenschaft. Handreichung zur Einübung ihrer Probleme, Bd. III: Die Kirche und ihre Praxis, München 1963, 258.
[7] Diese Wendung findet sich weder in den Bekenntnisschriften, noch ist sie terminologisch geprägt. In dem Begriff der communicatio mit der Bedeutung „Austausch“ (vgl. dazu auch die Wendungen communicatio idiomatum aus der Chri­stologie bzw. communicatio in sacris aus dem Kanonischen Recht) läßt sich der notwendige Aspekt der Rezeptionsbedürftigkeit von verbum visibile bzw. invisi­bile (gegen ein ex opere operatu) einschließen.
[8] Ein derartiges kommunikatives Amtsverständnis ist von Diem entwickelt worden, der das ministerium ecclesiasticum vom Vorgang der Verkündigung her versteht, vgl. Diem, Theologie III, 256-314, ähn­lich Mildenberger, Theologie, 103-106. Für dieses Ver­ständnis läßt sich auch CA VII geltend machen, wo das ministerium verbi nicht als Gegenüber zur Gemeinde, sondern als Geschehen (Passivkonstruk­tion!) innerhalb der congregatio bestimmt ist. Selbst wenn man sich diesem kommunikativen Amtsverständnis nicht anschließen kann, dann muß im Kontext der Bekenntnisschriften das ministerium verbi pri­mär funktional statt personal verstanden wer­den. So wird bei­spielsweise in CA XXVIII,19 die pote­stas gladii der Bischöfe, die diesen von den Königen und Kaisern geschenkt worden ist, im Hin­blick auf das ministerium evangelii als alia functio ausgewiesen (BSLK 123). Vgl. H. Fagerberg, Die Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften von 1529 bis 1537, Göttingen 1965, 240-243.
[9] Vgl. Tract 51: „Dann alsbald der Kirchen das rechte Urteil und Erkanntnus genommen ist, kann nicht moglich sein, daß man falscher Lehre oder unrechtem Gottesdienst konnte steurn, und muessen des­halb viele Seelen verloren werden.“ (BSLK 487)
[10] Eine personale Vertretung Christi durch berufene Amtsträger wird in Apol VII,28 (BSLK 240) postuliert: „Nec adimit sacramentis efficaciam, quod per indignos tractantur, quia repraesentant Chri­sti personam propter vocationem ecclesiae, non repraesentant pro­prias personas, ut testatur Christus: Qui vos audit, me audit (Lk 10,16). Cum verbum Christi, cum sacramenta porrigunt, Christi vice (2 Kor 5,20) et loco porrigunt.“ Die personale Vertretung Christi ist also nicht von der Würdigkeit der Amtsträger abhängig (vgl. CA VIII). Sie kann jedoch niemals habitualisiert werden, da sie von der kirchlichen bzw. gemeindlichen Berufung abhängig ist und mit dem Wort Gottes korrespondieren muß: „Impii doctores deserendi sunt, quia hi iam non funguntur persona Chri­sti, sed sunt anti­christi. Et Christus ait: Cavete a pseudoprophetis (Mt 7,15). Et Paulus: Si quis aliud evangelium evangelizaverit, ana­thema sit (Gal 1,9).“ (Apol VII,48; BSLK 246)
[11] In GrKat II,54 (BSLK 658) spricht Luther außerdem von „allen Ämptern der Christenheit“.
[12] Maurer, Pfarrerrecht, 113.
[13] Gegen Lindbeck, Rite vocatus: Der theologische Hintergrund zu CA 14, in: E. Iserloh (Hrsg.), Confessio Augustana und Confutatio. Der Augs­burger Reichstag 1530 und die Einheit der Kirche, RGST 118, Münster 1980, Confessio, 454-466. Nach Apol XIV,1 (BSLK 296) wird das Verständ­nis von CA XIV im Sinne einer ordinatio canonica der Confutatio (zu Recht) zugeschrieben, ohne daß jedoch diesem Ver­ständnis zugestimmt wird. Stattdessen werden die „politia ecclesia­stica et gradus in ecclesia“, die die Vorausset­zung der kanoni­schen Prie­sterweihe bilden, als durch eine humana auctoritas ge­schaffen aus­gewiesen.
[14] Mit diesem Paragraphen des Tractatus greift Melanchthon auf Luthers Vorstel­lung eines allgemeinen Priestertums aller Gläubigen kraft der Taufe zurück, die dieser auf deutsch zuerst in seiner Adelsschrift ausgeführt hat, vgl. WA 6,407f, bzw. StA 2, 99-101.
[15] Vgl. dazu S. Grundmann, Sacerdotium – Ministerium – Ecclesia particularis, in: Ders., Abhandlungen zum Kirchenrecht, hrsg. v. R. Zippe­lius u. a., Köln-Wien 1969, 156-176.150-155, bzw. Maurer, Pfarrer­recht, 68-71.
[16] Die Formulierung „magnificae promissiones“ ist in diesem Kon­text äquivok zu verstehen, da sie sich zum einen auf das ministe­rium verbi als Vorgang, zum anderen auf das Evangelium als Inhalt des ministerium verbi beziehen läßt. Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Prof. Mildenberger.

Hier der Text als pdf.

Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung (vollständiger Text)

19. Juni 2017

Stufen Urteilsfindung Tödt

Heinz Eduard Tödts „Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung“, zum ersten Mal 1977 in der ZEE 21 (S. 81-93)  erschienen, ist für den evangelischen Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe wie auch für die Beratung in Sachen angewandte Ethik ein kanonischer Text. Dabei wird in der Regel nur das sechsstufige Schema skizzenhaft wiedergegeben. Es lohnt sich den Aufsatz ganz zu lesen, den Tödt mit den Worten beschließt:

„Im Rahmen der Theologie wird eine Theorie sittlicher Urteilsfindung der Klärung dienen, wie Gottes heilsamer Anspruch auf unser Leben den Menschen bis in die Konkretionen seines Sich-Verhaltens zu Mitmensch, Mitwelt und Selbst begleitet und bewegt. Es war die Schwäche evangelischer Theologie und Ethik im 20. Jahrhundert, daß sie entweder Konkretionen scheute, oder doch nicht aufzuweisen vermochte, welche Schritte getan, welche Sachmomente bedacht werden müssen, wenn konkrete Urteile und Entscheidungen zugleich zu Antworten auf Gottes Zuspruch und Anspruch werden sollen. Diesem Defizit evangelischer Ethik entgegenzuwirken dient auch eine Theorie sittlicher Urteilsfindung.“

Hier der vollständige Text Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung als pdf.

„Alle Geschöpfe finden ihren »weiten Raum, in dem keine Bedrängnis mehr ist« (Hiob 36,16) in dem geöffneten ewigen Leben Gottes“ – Jürgen Moltmann zur Trinitätslehre

6. Juni 2017

In der aktuellen Juni-Ausgabe der zeitzeichen findet sich ein längeres Interview, das Reinhard Mawick mit Jürgen Moltmann zur Trinitätslehre geführt hat. Betitelt ist das Interview „Ich lebe in der Trinität“. Was Moltmann damit meint, hat er in seinem Aufsatz „Im Lebensraum des dreieinigen Gottes. Neues trinitarisches Denken“ entfaltet:

Jede Person »bewegt« sich in den beiden anderen. Das ist der Sinn ihrer circumincessio. Also bieten sich die trinitarischen Personen wechselseitig den einladenden Bewegungsraum, in welchem sie ihre ewige Lebendigkeit entfalten können. Es gibt für lebendige Wesen keine personale Freiheit ohne soziale Freiräume. Das gilt im übertragenen Sinn auch für die göttli­chen Personen in ihrer Perichoresis. Sie bewegen sich miteinander und umeinander und ineinander und verändern sich »von Herrlichkeit zu Herrlichkeit«, ohne Vergängliches hinter sich zu lassen. Man kann das mit Kreisbewegungen oder kaleidoskopischen Farbenspielen vergleichen. In ihrer ewigen Beweglichkeit verschmelzen die trinitarischen Personen mit den Spielräumen, die sie einander geben, ohne ineinander aufzugehen. In ihrer circumincessio sind sie Personen und Bewegungsräume zugleich. Im menschlichen Bereich nennt man diese Räume soziale Räume, in denen andere sich bewegen können. In der Übertragung auf die göttliche Ebene wird man von einer Einheit von physischen und moralischen Räumen ausgehen müssen, denn die Perichoresis ist gleichursprünglich wie das Leben der trinitarischen Personen.

Jede Person ek-sistiert außer sich in den beiden anderen. Es ist die Macht der vollkommenen Liebe, die jede Person so sehr aus sich he- rausgehen lässt, dass sie ganz in den anderen präsent ist. Das bedeutet umgekehrt, dass jede trinitarische Person nicht nur Person ist, son­dern zugleich auch Lebensraum für die beiden anderen darstellt. Jede Person macht sich in der Perichoresis »bewohnbar« für die beiden anderen und stellt den weiten Raum und die Woh­nung der beiden anderen bereit. Das ist der Sinn ihrer circuminsessio. Man soll also nicht nur von den drei trinitarischen Personen, sondern muss zugleich auch von den drei trinitarischen Räumen sprechen, in denen sie wechselseitig existieren. Jede Person ist aktiv in den beiden anderen einwohnend und passiv den beiden anderen raumgebend, also sich gebend und die anderen empfangend zugleich. Göttliches Sein ist personales Da-sein, soziales Mit-sein und perichoretisch zu verstehendes In-sein. […]

Sieht man die trinitarische Einheit perichoretisch, dann ist sie keine in sich geschlossene, exklusive Einheit, sondern eine offene, einladende und integrierende Einheit, wie Joh 17,21 Jesus zum Vater für die Jünger betet: »… dass sie auch in uns seien«. Dieser Einwohnung von Menschen in dem dreieinigen Gott entspricht durchaus die umgekehrte Einwohnung des drei­einigen Gottes in Menschen: »Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen« (Joh 14,23). Perichoresis verbindet, wie gesagt, nicht nur Andere der gleichen Art, sondern auch Andere verschiedener Art. Nach der johanneischen Theologie gibt es eine wechselseitige Einwohnung Gottes und der Menschen in der Liebe: »Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm« (1 Joh 4,16). Die letzte eschatologische Aussicht formuliert Paulus als kosmische Schechina Gottes, wenn Gott sein wird »alles in allen« (1 Kor 15,28). Alle Geschöpfe werden dann in der ewigen Gegenwart des dreieinigen Gottes »vergöttlicht«, wie die orthodoxe Theo­logie nach Athanasius sagt, d. h., alle Geschöpfe finden ihren »weiten Raum, in dem keine Bedrängnis mehr ist« (Hiob 36,16) in dem geöffneten ewigen Leben Gottes, und der dreiei­nige Gott kommt in der verklärten neuen Schöpfung zu seiner ewigen Wohnung und Ruhe und zu seiner Seligkeit.

Hier der Text als pdf.

„Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter“ – Predigt über 2. Samuel 22 (bzw. Psalm 18)

28. Mai 2017

Alex Honnold auf dem „Thank God Ledge“

In den USA ist ein Bild aus dem Dokumentarfilm „Alone on the Wall“ von 2009 zur Ikone geworden. Es zeigt den damals 23jährigen Alex Honnold mit dem Rücken zur Felswand auf dem sogenannten „Thank God Ledge“ 45 Meter unterhalb des Gipfels des Half Dome im Yosemite National­park in Kalifornien. Unter ihm liegt die senkrechte, 600 m hohe Nordwestwand aus Granit, die Honnold als erster Kletterer free solo, das heißt im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel in weniger als drei Stunden durchklettert hatte.

Klettern in der Perfektion Honnolds scheint ein wahres Kunstwerk zu sein. Eigenhändig wird im Fels der nächste Griff erreicht, der einen weiter nach oben bringt – Zug um Zug, Schritt für Schritt. Vorsichtig koordinierte Körperbewegungen fügen sich als eingeübte Route zum Gipfel hin zusammen. Die Felswand lässt sich nicht bezwingen oder in den Griff kriegen; man muss vielmehr den eigenen Halt an ihr finden, darauf vertrauen, dass die Wand einen trägt. Der Kletterer lässt sich mit seinem Leben an einem bloßen Felsen festmachen. Darin zeigt sich sein Glaube.

Passend dazu finden sich im 2. Buch Samuel im 22. Kapitel Worte aus dem Munde Davids:

Der HERR ist mein Fels,
meine Festung und mein Erretter,
mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.
Er ist mein Schild, mein starker Helfer,
meine Burg auf unbezwingbarer Höhe.

Er streckte mir seine Hand von oben entgegen
und riss mich aus den tosenden Fluten.
Der HERR gab mir sicheren Halt
und führte mich aus der Not hinaus in die Freiheit.
Er rettete mich. So viel bedeute ich ihm!

Der HERR tat mir Gutes für meine Treue,
meine Rechtschaffenheit hat er belohnt.
Denn stets bin ich dem HERRN gefolgt
und habe meinem Gott nie den Rücken gekehrt.

Der HERR allein ist Gott!
Wer außer ihm ist so stark und unerschütterlich wie ein Fels?
Gott allein ist meine Burg, in der ich Zuflucht finde.
Er ebnet mir meinen Weg.
Er beflügelt meine Schritte,
lässt mich laufen und springen wie ein Hirsch.
Selbst auf steilen Felsen gibt er mir festen Halt.

Der HERR lebt!
Er ist mein schützender Fels – ich preise ihn!
Ihn allein will ich rühmen,
denn er ist mein Gott, mein Fels,
bei dem ich Rettung fand.

Felsenfest steht der Gott für unser Leben ein. Wo Dinge und Beziehungen im Verlauf der Zeit sich ändern, gar vergehen, zeigt ER sich Menschen unveränderlich standhaft. „Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter, mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.

Die Einladung gilt auch uns: Geh mit deinem Leben auf diesen Felsen zu, lass dich mit dem eigenen Leben an ihm festmachen, glaube ihm. Mitunter halten wir Distanz zu Gott, betrachten ihn in der Ferne wie einen majestätischen Berggipfel im Abendrot. Zur hart scheint er unseren Lebensansprüchen zu sein. Weich, anschmiegsam soll er sein, mein Gott für mich, Seelentröster zum Umarmen – der liebe Gott, der nicht wirklich mein Leben bergen und tragen kann.

Alex Honnold beim Rissklettern

Alex Honnold beim Rissklettern

Er ist mein Gott, mein Fels, bei dem ich Rettung fand.“ Um dieser Zusage glauben zu können, braucht es eine menschliche Lebensspur in göttlichen Fels. Einer muss uns vorausgegangen sein – einer, der sich als Mensch ganz und gar auf diesen Fels eingelassen hat, der mit seinem Leben und Sterben uns diesen Fels zu unserem Heil erschlossen hat: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist in der Felsgrotte zu Bethlehem für uns Mensch geworden, hat wider unsere Gottesfremde sich auf dem Kreuzfelsen von Golgota hingegeben, wurde im Felsengrab in den Tod eingeschlossen und ist am dritten Tag auferstanden. So hat er uns den Lebensweg im göttlichen Felsen erschlossen: Aus hartem Fels quillt Liebe uns entgegen, aus Granitgestein blüht uns ewiges Leben. Im Glauben an ihn folgen unsere Hände diesem Felsriss, finden ihren festen Halt, der uns schlussendlich von uns selbst erlöst.

Hier der Text als pdf.

„Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein“ – Rudolf Bultmann zur theologischen Aufgabe 1933

20. Mai 2017

Nicht nur Karl Barth hatte im Frühsommer 1933 mit seiner Schrift „Theologische Existenz heute!“ zur theologischen Besinnung im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland aufgerufen. Auch Rudolf Bultmann meldete sich zu Beginn seiner Vorlesung im Sommersemester am 2. Mai 1933 mit seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ zu Wort. Darin heißt es unter anderem:

Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein, und er muss seine Positivität gerade in seiner kritischen Haltung bewähren. Wie kann er das? Weil er nicht nur von Sünde, sondern auch von Gnade weiß. Weil er Gott nicht nur als den Richter kennt, sondern auch als den Erlöser, der durch Jesus Christus seine ursprüngliche Schöpfung wiederherstellt. Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet die Vergebung der Sünde durch die Offenbarung der Liebe Gottes, und sie bedeutet deshalb die Befreiung des Menschen zur Liebe.

Nur wer den jenseitigen Gott kennt, der in Christus sein Wort der Liebe in diese Welt hineinspricht, der vermag sich aus der Verstrickung dieser sündigen Welt zu befreien und einen Blick zu gewinnen, für den die Ordnungen der Welt wirklich als Schöp­fungsordnungen erkennbar sind, deren er sich dankbar zu freuen hat, in denen er still zu leiden hat, in denen er als Liebender zu wirken hat. Er hat für solches Wirken den kritischen Blick gewonnen, den kritischen Blick gegenüber den lauten Forderungen des Tages, indem er das Gute und das Böse in ihnen misst an der Frage, ob und wieweit in ihnen das Gebot der Liebe durchgeführt werde. Den kritischen Blick aber auch sich selbst gegenüber, ob sein Tun ein selbstloser Dienst sei.

Solcher kritische Blick wird das Werben und den Kampf für Staat und Volkstum nie zu einem Werben und einem Kampf für Abstrakta werden lassen. Denn wir dürfen uns nicht den Blick dafür verschleiern lassen, dass Staat und Volkstum aus konkreten Menschen bestehen, die unsere Nächsten sind. Volkstum birgt ebenso wie Menschen­tum die Gefahr, aus einem Konkretum zu einem Abstraktum zu werden! Ist unser Kampf für das Ideal des Volkstums der Kampf für ein Abstraktum oder für eine konkrete Realität? Das Kriterium für jeden unter uns ist doch dieses, ob er bei seinem Kampfe wirklich getragen ist von der Liebe, die nicht nur in eine Zukunft blickt, in der sie ihr Ideal verwirklichen will, sondern die auch den konkreten Nächsten sieht, der in der Alltäglichkeit des Lebens gegenwärtig mit uns verbunden ist. Wohl gibt es Härten in jedem Kampf, und es fallen Opfer. Das Recht, Opfer zu fordern und Härte zu üben, hat nur der, der in denen, die getroffen werden, die Nächsten sieht! Er wird die Art und Weise und die Grenze seines Handelns dann finden. Nur der kann seinem Volkstum echt dienen, der durch den Empfang der Liebe Gottes in Christus zur Liebe befreit ist.

Der vollständige Text seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ findet sich hier als pdf.

„Nicht nur im Genuss der Ruhe der Nacht erfahren wir den Segen eines Lebens im Glanz der Rechtfertigung“ – Oswald Bayer über Rechtfertigung

18. Mai 2017

Wie lebensnah von der Rechtfertigung des Sünders durch die Zueignung des stellvertretenden Sühnetods Christi im Glauben gesprochen werden kann, zeigt Oswald Bayer in folgendem Text:

Grundworte der Reformation: Rechtfertigung

Von Oswald Bayer

1. Grund und Mitte

Die Predigt der Rechtfertigung des Sünders ist der Grund und die Mitte der Kirche. Diese Predigt faßt sich zusammen in dem Satz: „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4,8 und 16). Gottes Liebe aber wird verharmlost, wenn sein Gericht verschwiegen wird. Es ist eine Riesenschuld der Predigt der Kirche, vom Frieden mit Gott zu reden, ohne deutlich zu machen, dass Feind­schaft und Kampf vorausgehen (Römer 5,10). Die Liebe Gott ist keine Selbstverständ­lichkeit. Denn in seiner Liebe spricht Gott gegen sich selbst, gegen den Gott, der im Gesetz mich verurteilt.

Im Gesetz tritt mir Gott mit unausweichlichen, harten Fragen gegenüber: Adam, Eva! Wo bist du (1. Mose 3,9)? Wo ist dein Bruder (1. Mose 4,9)? Solche Fragen überführen mich. Was mir nicht bewusst ist, meine „unerkannte“ Sünde (Psalm 90,8), kommt ans Licht. Ja, ich wer­de überhaupt erst entdeckt: „Du bist der Mann!“ – des Todes (2. Samuel 12,7 und 5). Das kann ich mir nicht selbst sagen. Das muss mir von außen, von einem anderen gesagt werden. Gleichwohl werde ich so überführt, dass ich, wie David vor Nathan, dem Propheten Gottes, mir selbst das Urteil spreche. Das mir von außen widerfahrende Gesetz überführt mich zugleich von innen heraus.

Anders als im Gesetz, in dem Gott gegen mich spricht, spricht er im Evangelium für mich. Dieses „für mich“ ist Jesus Christus selber, in dem der dreieine Gott sich mit der Taufe und dem Abendmahl sowie mit jeder tauf- und abendmahlsgemäßen Predigt im „leiblichen Wort“ (Augsburger Bekenntnis, Artikel 5) zuspricht und gibt. In solchem Widerfahrnis des Zu­spruchs der Sündenvergebung wird der durch das Gesetz zum Tod verdammte Sünder neu geschaffen. Seine Identität hat er bleibend außerhalb seiner selbst. Er hat sie in einem ande­ren: in dem, der in einem wundersamen Wechsel und Tausch menschlicher Sünde und gött­licher Gerechtigkeit an seine Stelle getreten ist und für ihn spricht. Mit diesem Ereignis des stellvertretenden Sühnetodes Jesu Christi und seiner leiblichen Selbstzueignung in Predigt, Abendmahl und Taufe – „für dich!“ – ist das Kriterium der Wahrheit gegeben, das in der Kirche gilt.

Dieses Kriterium aber verblasst, wenn Gottes Liebe, die dem Sünder gilt, ihre Unerhörtheit verliert und zu etwas Selbstverständlichem wird. Dem entspricht die Verkennung von Gottes Gericht. Verkannt wird zugleich die Erfahrung des Sich-rechtfertigen-Müssens, die jeder täglich macht. Einer klagt den andern an, setzt ihn unter den Druck, sich zu rechtfertigen: seine Existenzberechtigung nachzuweisen und zu zeigen, was er zu leisten imstande ist, was er sich leisten kann, was er aus sich macht, um etwas zu sein und zu gelten und auf diese Weise sich selbst zu rechtfertigen. Auch wo von Gottes Gericht geschwiegen und nur noch diffus allgemein von Gottes Liebe geredet wird, bleiben die Zusammenhänge der Schuldzu­weisung und Anklage bestehen. Sie werden nur anonymer, gestaltloser, unkultivierter, lassen sich jedenfalls nicht mehr in der Sprache der Kirche artikulieren. So ist es auf der einen Seite durch die Schuld auch der Kirche zu dem – an sich richtigen – Satz gekommen „Gott liebt alle“, der in seiner diffusen Allgemeinheit aber eine völlige Verharmlosung der Liebe Gottes darstellt. Auf der anderen Seite bleiben die Rechtfertigungszwänge und Gesetzeserfahrungen des alltäglichen Lebens theologisch unbegriffen.

2. Sein dürfen

Gerade auf diese Rechtfertigungszwänge und Gesetzeserfahrungen des alltäglichen Lebens aber bezieht sich Gottes rechtfertigende Liebe. Sie strahlt überall dort, wo wir von uns selbst Abstand gewinnen – besonders kräftig, wenn wir über uns selbst lachen können. Sie strahlt auch in selbstvergessener Arbeit, in der wir ganz bei der Sache sind, und in einem Gespräch, in dem wir ganz beim andern sind. Sie wirkt nicht zuletzt, wenn es uns gegeben ist, inmitten schreiend unfertiger Arbeit – einzuschlafen, unverdient einzuschlafen, „ohn all mein Ver­dienst und Würdigkeit“. „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt“ – am Schreibtisch etwa – „und esst euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er’s schlafend“ (Psalm 127,2).

Aber nicht nur im Genuss der Ruhe der Nacht erfahren wir den Segen eines Lebens im Glanz der Rechtfertigung, sondern auch im gefeierten Sonntag: wenn wir in unserer durchaus not­wendigen und von Gott gewollten Arbeit innehalten und staunen, dass diese Welt ist – noch ist –, alle Morgen neu, staunen, dass wir sind – noch sind – und es nicht aus ist mit uns, stau­nen darüber, dass wir nicht uns selber ausgeliefert sein müssen.

Unser Herz muss sich nicht verkrampfen und verschließen in seinem Trotz und seiner Verzagtheit. Du darfst vielmehr aus deinem Schneckenhaus herausgehen.

Diesem Ruf, aus uns herauszugehen, folgen wir von selbst, wenn wir auf Gottes Werk der Rechtfertigung schauen: Wir haben uns nicht selber zur Welt gebracht; wir wurden geboren. Wir schaffen die Luft und den Atem nicht, von dem wir leben; Luft und Atem werden uns gewährt – jeden Augenblick neu. Wir leben in einer bereiteten Welt, in gewährter Zeit, wir leben von der Liebe des andern Menschen, die wir nicht verdienen oder gar erzwingen können; sie geschieht, wenn sie geschieht, frei – wie auch die Vergebung, wenn sie geschieht, frei geschieht.

3. Bekehrung zur Welt

Die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben war Luthers entscheidende Entdeckung bei seiner Suche nach dem gnädigen Gott. Doch scheint diese Besonderheit reformatorischer Theologie dem modernen Menschen nicht mehr verständlich zu sein. Luthers Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ scheint niemanden mehr oder nur noch wenige zu berühren. Der moderne Mensch fragt vermeintlich radikaler: „Existiert Gott?“ und glaubt auf der Suche nach Freiheit die Antwort in seinem Selbst zu finden. Er übersieht, dass er gerade dabei immer tiefer in den Zwang der Selbstrechtfertigung gerät.

Er übersieht, dass er in seinem Drang zur Selbstfindung und Selbstgründung scheitert, in einen Abgrund stürzt, weil er sich nicht ergründen kann. Die Verzweiflung bei solcher Höllenfahrt der Selbsterkenntnis deckt sich mit der Erfahrung Luthers vor seinem reformato­rischen Durchbruch.

Dieser Durchbruch ist die Rechtfertigung durch das Wort vom Kreuz, das die Befreiung bringt: Hineingenommen in den wundersamen Wechsel und Tausch, in dem Gott an meine Stelle tritt, bin ich frei, wegzusehen von mir. Ich kann aus dem Zusammenhang der Schuldzu­weisung und Anklage und aus dem Kampf um gegenseitige Anerkennung heraustreten und mich Gott und der ganzen Kreatur zuwenden. Die durch die Rechtfertigung des Sünders geschehende Neuschöpfung betrifft die ganze Schöpfung. Sie stiftet einen neuen Zugang zur Welt, die Bekehrung zur Welt.

Quelle: Evangelische Sammlung in Württemberg, Rundbrief 60, März 2013, Seiten 5-7.

Hier der Text als pdf.

„Gott hat niemals anders mit den Menschen gehandelt als durch das Wort der Verheißung“ Martin Luther über Glaube und Verheißung.

17. Mai 2017

In seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium)“ von 1520 hat Martin Luther zum ersten Mal die Korrelation von Verheißung (promissio) und Glaube (fides) als reformatorisches Proprium ausführlich dargelegt. So schreibt Luther bezüglich dem Abendmahl als Sakrament:

Daraus siehst du, daß zu einer würdigen Feier der Messe nichts anderes als der Glaube gefor­dert wird, der fest auf diese Zusage vertraut und daran glaubt, daß Christus in diesen seinen Worten wahrhaftig spricht, und nicht zweifelt, daß ihm diese unermeßlichen Güter frei ge­schenkt sind. Auf diesen Glauben folgt alsbald von selbst die innigste Bewe­gung des Herzens, durch welche der Geist des Menschen weit und reich gemacht wird – das geschieht durch die Liebe, welche uns durch den Heiligen Geist im Glauben an Christus geschenkt wird. So wird er zu Christus, dem freundlichen und gütigen Testator, hingerissen und ein ganz anderer und neuer Mensch. Denn wer wollte nicht innig weinen, ja vor Freude an Christus fast vergehen, wenn er ohne jeden Zweifel glauben kann, daß diese unschätzbare Verheißung Christi ihm gilt! Wie sollte man einen solchen Wohltäter nicht liebhaben, der dem Unwürdigen, welcher ganz anderes verdient hätte, solchen Reichtum und dieses ewige Erbe, bevor man überhaupt darum bittet, anbietet, zusagt und schenkt?

Denn Gott hat niemals anders – wie ich sagte – mit den Menschen gehandelt und handelt auch nicht anders mit ih­nen als durch das Wort der Verheißung. Wir andererseits können mit Gott niemals anders als durch den Glauben an sein Verheißungswort handeln. Nach Werken fragt er nicht, bedarf ihrer auch nicht. Durch Werke handeln wir vielmehr gegen die Men­schen und mit den Menschen und uns selbst. Aber Gott bedarf dessen, daß er von uns in seinen Zusagen als wahrhaftig geachtet werde und man geduldig seiner har­re und er so in Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt werde. Dadurch geschieht es, daß er seine Ehre in uns behauptetet, wenn wir nicht durch unser Laufen, sondern durch sein Erbarmen, Verheißen und Schenken alles Gute empfangen und haben (Röm 9,16). Siehe, das ist der rechte Gottesdienst und die wahre Gottesverehrung, die wir in der Messe darbringen sollen. Wenn aber die Ver­heißungsworte nicht gelehrt werden, was für eine Übung des Glaubens kann man dann haben? Aber wer hofft ohne Glauben? Wer liebt? Was ist das für ein Gottesdienst ohne Glauben, Hoffnung und Lie­be! Daher ist kein Zweifel, daß heutzutage alle Prie­ster und Mönche samt den Bischöfen und allen ihren Obe­ren Götzendiener sind und wegen solcher Unkenntnis, sol­chen Miß­brauchs und solcher Verspottung der Messe, d. h. des Altarsakraments und der Zusa­ge Gottes in einem höchst gefährlichen Stande leben.

Ein jeder sieht ja leicht ein, daß dieses beides, »Zusage« und »Glaube«, zugleich nötig ist. Denn ohne Zusage und Verheißung kann nichts geglaubt werden. Ohne Glauben aber ist die Verheißung nutzlos, weil sie nur durch den Glauben bestätigt und erfüllt wird. Aus diesem allen wird ebenso leicht jeder einsehen, daß die Messe, da sie nichts anderes als Verheißung ist, allein durch diesen Glauben be­gangen und gefeiert wird.

Hier ein längerer Textauszug als pdf.

„Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten“ – Karl Barth in einem Brief nach Frankreich, 1939

16. Mai 2017

Karl Barth mit Uniform und Gewehr im Militärischen Hilfsdienst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs

In seinem Schreiben an den französischen Pfarrer Charles Westphal vom Dezember 1939 aus Anlass des Beginns des Zweiten Weltkriegs stellt sich Karl Barth entschieden hinter die Westmächte und begründet, warum gegen den nationalsozialistischen Terror ein christlicher Pazifismus fehl am Platz ist:

„Das kann ja keine Frage sein, daß dieser Krieg für uns alle, die Kriegführenden und die „Neutralen“, ein sehr besonderer Krieg ist, daß er ein ganz anderes Gesicht hat als etwa der von 1914 und als die allermeisten Kriege der letzten Jahrhunderte überhaupt. Frankreich und England haben nach langem – nach vielleicht zu langem, aber in Anbetracht der Schrecklich­keit dieser ultimo ratio doch wohlbegründetem Zögern zu den Waffen gegriffen, um der Will­kür des von der gegenwärtigen deutschen Regierung proklamierten und in steigender Rück­sichtslosigkeit angewendeten Faustrechtes ein Ende zu machen. Der Hitlersche Natio­nalsozialismus ist, nachdem er Deutschland selbst zu einer einzigen Stätte des Terrors und der Angst gemacht, in zunehmendem Maß zu einer Bedrohung von ganz Europa gewor­den. Diese Bedrohung hat zu einem Erwachen geführt. Es gibt in der Sünde und Schande des Lebens aller Völker durch Gottes Güte einen Rest von Ordnung und Recht, von freier Menschlichkeit und vor allem und als Sinn von allem andern: von Freiheit zur Verkündigung des Evangeli­ums. Wo Hitler regiert, da ist es auch um diesen Rest getan. Hitler wollte aber nicht nur in Deutschland regieren. Als das so klar wurde, daß es auch die Blinden sahen, da kam es zum Krieg. „Il faut en finir!“ hat Ihr Ministerpräsident in entscheidender Stunde gesagt, und sein englischer Kollege hat das Wort wiederholt. Man darf es ruhig der Verantwortung dieser Staatsmänner überlassen, wie tief die Absicht ihres Entschlusses begründet ist oder auch nicht ist. Sicher ist, daß auch und gerade jeder Christ, der die letzten Jahre mit offenen Augen und Ohren miterlebt hat, zu diesem „Il faut en finir!“ seinerseits Ja und Amen sagen muß. Gewiß hatten und haben Frankreich und England auch ihre sehr imperialistischen Gründe zu diesem Krieg. Das ändert aber nichts daran, daß es vor Gott und den Menschen nicht zu verantworten wäre, wenn der Versuch, mit dieser Sache, mit der Hitlerschen Bedrohung, Schluß zu machen, nicht unternommen würde. Der Krieg war schließlich das einzige Mittel, das zu diesem Zwecke übrig blieb. Frankreich und England mußten ihn unternehmen, weil die Verantwor­tung für die seit 1919 entstandenen europäischen Verhältnisse – weil die Verantwortung auch dafür, daß Hitler möglich wurde – entscheidend bei ihnen liegt. Aber nun sie ihn unternom­men haben, kann man nicht gut leugnen, daß es in diesem Krieg nicht nur um die Sache Frankreichs und Englands, sondern auch um die aller andern Völker – zuletzt sogar um die Sache des deutschen Volkes selber geht. Das ist das Besondere dieses Krieges, daß er aus einer tödlichen Gefährdung aller entstanden ist und zum Schutze aller geführt werden muß. Auch wir „Neutralen“ sind insofern gar nicht neutral, als wir sehr genau wissen, daß die Anstrengungen und Opfer dieses Krieges auch um deswillen nötig sind, was uns zum Leben unentbehrlicher ist als das Leben selber. Unsre französischen und englischen, aber auch unsre deutschen Freunde sollen es ruhig hören, daß wir denen dankbar sind, die es entspre­chend ihrer geschichtlichen Stellung und Verantwortlichkeit übernommen haben, diesen Krieg gegen Hitler zu führen.

Karl Barth bei einer Wehrübung in Uniform während des Zweiten Weltkriegs

Die Kirche Jesu Christi kann und will nicht Krieg führen. Sie kann und will nur beten, glau­ben, hoffen, lieben, das Evangelium verkündigen und hören. Sie weiß, daß das Ereignis, durch das uns armen Menschen wirklich, ewig und göttlich geholfen ist, nach Sach. 4,6 nicht durch Heeresmacht und Gewalt und überhaupt durch keine menschliche Anstrengung und Leistung geschehen ist, geschieht und geschehen wird, sondern durch Gottes Geist. Sie wird also in der Sache Englands und Frankreichs nicht die causa Dei sehen, und sie wird gegen Hitler nicht den Kreuzzug predigen. Der am Kreuz gestorben ist, ist auch für Hitler gestorben und erst recht für alle die verwirrten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig unter seinen Fahnen stehen. Aber eben weil die Kirche weiß um die Rechtfertigung, die wir Menschen uns selber mit keinem Mittel verschaffen können, kann sie im Großen und im Kleinen nicht gleichgültig, nicht „neutral“ sein, wo nach dem Recht gefragt, wo versucht wird, ein bißchen dürftiges menschliches Recht aufzurichten gegen das überströmende, das schreiende Unrecht. Wo es darum geht, da kann die Kirche ihr Zeugnis nicht verweigern: daß es Gottes Gebot ist, daß das geschehe auf Erden, daß Gott eben dazu die Obrigkeit eingesetzt und ihr das Schwert gegeben hat, und daß die Obrigkeit, die das Recht zu schützen versucht, trotz aller Fehler, derer sie sonst schuldig sein mag, sich eben damit als rechte Obrigkeit legitimiert und von jedermann Gehorsam in Anspruch nehmen darf. Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten. Sie sollen heute in aller Bußfertigkeit und Nüchternheit um einen gerechten Frieden beten und in derselben Bußfertigkeit und Nüchternheit allem Volke bezeugen, daß es nötig und der Mühe wert ist, für diesen gerechten Frieden zu streiten und zu leiden. Sie sollen den Völkern der demokratischen Staaten wahrhaftig nicht einreden, daß sie so etwas wie Gottesstreiter seien: sie sollen ihnen aber sagen, daß wir um Gottes willen menschlich sein dürfen und gegen den Einbruch der offenen Unmenschlichkeit mit der Kraft der Verzweiflung uns wehren müssen. Die Kirchen sind es auch den Christen in Deutschland und dem ganzen deutschen Volke schuldig, ihm zu bezeugen: Eure Sache ist nicht gut! Ihr irrt euch! Laßt von diesem Hitler! Hände weg von diesem Krieg, der ganz allein sein Krieg ist! Kehrt um, solange es noch Zeit ist! Warum sind die Vertreter und Organe der ökumenischen Kirchenbewegung in allen diesen Jahren und noch während der fatalen Entwicklung des letzten Sommers und Herbstes so diplomatisch stumm geblieben, als ob es kein prophetisches Amt Jesu Christi und als ob es keinen Wächterdienst der Kirche gäbe? Warum hörte und hört man jetzt nicht ganz selten Stimmen eines eschatologischen Defaitismus, der sich angesichts der Wahrheit, daß die ganze Welt im Argen liegt, fast schadenfroh damit beschäftigt, festzustellen, daß die heute gegen Hitler stehen, ihrerseits auch keine Heiligen sind? Eben die Erkenntnis, daß Gott allein heilig ist, wird uns aus der Pflicht des heute zu leistenden Widerstandes schwerlich entlassen, im Gegenteil! Die Kirche wird in allen Ländern viel zu trösten haben in den dunklen Zeiten, in die wir allem Anschein nach hineingehen. Sie wird aber nur dann wirklich zu trösten ver­mögen, wenn sie jetzt ohne Haß und Pharisäismus und ohne alle Illusionen über die Güte irgendwelcher Menschen auch mahnen, wenn sie jetzt ernst und offen sagen will, daß Wider­stand heute notwendig ist.“

Hier der vollständige Brief als pdf.