Archive for the ‘Ethik des Evangeliums’ Category

Is(s)t uns Luther Wurst?

24. Februar 2017

lutherische

Am Aschermittwoch beginnt die vorösterliche vierzigtägige Fastenzeit. In der Tradition der mittelalterlichen Kirche bedeutet dies die Beschränkung auf eine Mahlzeit am Tag sowie die Abstinenz von Fleischspeisen. Auch heute noch gilt für römisch-katholische Christen das Kirchengebot: „Du sollst die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage halten.“ Für evangelische Christen sind kirchliche Fastengebote nicht nachvollziehbar, auch wenn Fastenaktionen wie „Sieben Wochen ohne“ und eigene Fastenvorhaben geläufig sind. Das hat seinen Grund in der Reformation vor 500 Jahren.

In Zürich begann die Reformation am ersten Sonntag der Fastenzeit 1522 mit einem Wurst­essen. Ehrbare Bürger trafen sich dazu im Haus des Druckers Christoph Froschauer und aßen gemeinsam dünne Scheiben von Rauchwürsten. Mit diesem offensichtlichen Verstoß gegen das Abstinenzgebot sollte evangelische Freiheit wider unbiblische Kirchengebote demon­striert werden. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) veröffentliche kurz darauf seine Predigt „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“. In der Ersten Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523 überzeugte Zwingli mit seiner These „Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.“ Der städtische Rat hob daraufhin die kirchlichen Fasten- und Abstinenzgebote auf. Fortan sollte in Zürich allein die Bibel (in Zwinglis Auslegung) als Grundlage kirchlichen Lebens gelten.

Martin Luther hatte schon im Mai 1520 in seinem Sermon „Von den guten Werken“ darge­legt, wie christliches Fasten zu praktizieren sei:

„Es gibt leider viele blinde Menschen, die ihr Kasteien, es bestehe in Fasten, Wachen oder Arbeiten, nur deshalb üben, weil sie meinen, es seien gute Werke, mit denen sich viele Verdienste erwerben lassen. Deshalb legen sie los und übertreiben es derart, dass sie ihren Leib damit verderben und ihren Kopf verrückt machen. Noch viel blinder sind diejenigen, die das Fasten nicht allein nach der Menge oder Länge bemessen wie diese, sondern auch nach der Speise. Sie halten es für richtig, es sei viel wertvoller, wenn sie auf Fleisch, Eier oder Butter verzichteten. […] Denen geht es weniger um das Fasten als um das Werk an sich. Wenn sie es getan haben, meinen sie, es sei wohlgetan.“

Durch Fasten und Abstinenz können Menschen sich Gott nicht gefällig machen. Ziel eigenen Innehaltens ist nicht Gottwohlgefälligkeit, sondern vielmehr die Einübung in die leibliche Genussfreiheit. Luther gibt dazu folgende Anweisung:

„Darum lasse ich es geschehen, dass sich jedermann Tag, Speise, Menge beim Fasten so auswähle, wie er selbst will, und dass er es nicht unbedacht tut, sondern dabei auf sein Fleisch achtet. Nur so viel, wie dieses Fleisch auch verträgt, lege er sich an Fasten, Wachen und Arbeit auf und nicht mehr […] Denn Maß und Regel beim Fasten, Wachen, Arbeiten soll ja niemand nach der Speise, der Menge oder den Tagen be­messen, sondern nur nach Zu- oder Abnehmen der fleischlichen Lust und dem Mutwillen, um derentwillen allein (bzw. der Ab­tötung und Dämpfung) das Fasten, Wachen, Arbeiten eingesetzt sind. Wo es solche Lust nicht gibt, gilt Essen so viel wie Fasten, Schlafen so viel wie Wachen, Müßigsein so viel wie Arbeiten – eines wäre so gut wie das andere, ohne jeden Unterschied.“

Hier der Text als pdf.

„Die Kirche hat sich vor nichts mehr zu fürchten, als vor der Sicherheit“ – Hans Joachim Iwand zum Reformationsjubiläum

20. Februar 2017
Claus Bergen - Havarie (Gouache, um 1920)

Claus Bergen – Havarie (Gouache, um 1920)

In seiner Neujahrsbetrachtung 1959 hat Hans Joachim Iwand der Kirche unter anderem Folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.“ Passende Worte zum Reformationsjubiläum.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

Von Hans Joachim Iwand

2. Korinther 12,10b: Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Das erste, was wir zu diesem Wort des Apostels sagen müs­sen, ist dieses: In ihm ist die ganze Offenbarung Gottes in Jesus Christus beschlossen. Denn Jesus Christus, das ist die Schwach­heit Gottes, das ist die Verborgenheit Gottes unter der alleräußersten, unter der jedes mensch­liche Auge täuschenden, jedes menschliche Denken irreführenden Schwachheit. Wir denken ganz anders. Un­sere Götter sehen anders aus. Die Götter, auf die wir warten, müß­ten anders auftreten. Nicht wie ein Mensch, nicht gehorsam bis zum Tode, nicht dienend, nicht sein Le­ben als Lösegeld gebend, son­dern als Übermenschen, von uns Gefolgschaft fordernd, wie ein Führer, der seine Schar kommandiert —, aber Gottes Gegenwart unter uns hatte und hat ein anderes Gesicht: Ich bin nicht gekom­men, mir dienen zu lassen, sondern daß ich diene. Das ist unser Gott! Und ehe wir ihm dienen, müssen wir ihn uns dienen lassen. Uns dienen mit sei­nem Leiden, uns dienen mit seinem Kreuz. Mit seiner Schwachheit. Denn die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind. Wem Gott nie gedient hat mit seiner Schwachheit, der wird nie wissen, wer Gott ist und was er für uns getan. Wo er für mein irdisches Auge am schwächsten war, da war er am stärk­sten. Da trug er unser aller Schuld, da zerbrach er unser aller Tod. Da geschah es, daß die Riegel unseres Gefängnisses aufgingen und wir heraustraten als die Befreiten. Als die wahrhaft Freien, denen hinfort Tod und Sünde nichts anhaben sol­len. Das ist seine Kraft. Die Kraft Gottes in der Schwachheit des Menschen Jesu.

Wäre es anders, wir würden uns alle um diesen Gott drängen. Wäre seine Kraft nicht verbor­gen unter der Schwachheit, es wäre nicht schwer, an Gott zu glauben. Wir verbergen unsere Schwäche, um Kraft zu heucheln, Gott verbirgt seine Kraft, um sie in der [289] Schwachheit zu offenbaren. Darum verstehen ihn die Großen und Gewaltigen nicht. Darum müssen wir selbst an uns abnehmen und zerbrochen werden, ehe wir ihn begreifen und ergreifen in seiner Schwachheit, in dem Kreuz seines Sohnes, in der Erscheinung des einen Menschen Jesus.

Das Zweite, was wir unter dem Licht unseres Wortes begreifen, sind seine Zeugen, sind die Jünger. Es gehört zu der Herrlichkeit der Bibel, daß uns in ihr Menschen, wirkliche, schwa­che, schwan­kende, zweifelnde Menschen begegnen und daß diese Menschen den­noch Zeugen der Nähe Gottes sein dürfen. Wenn sich der Sturm erhebt, dann meinen die Jünger, sie sinken. Wenn das Wasser ins Schiff dringt, dann schreien die Jünger: Herr hilf, wir verderben. Da sehen wir den Menschen, den schwachen, den zweifelnden Men­schen. Auch der Zeuge in der Nähe Jesu bleibt ein schwacher, ar­mer Mensch. Gerade er. Gerade in der Nähe zu ihm. Wir möchten sie stark sehen, aber wenn der Sturm kommt, zeigt sich, wie schwach sie sind. Ihre Not macht Jesus erwachen. Jesus schläft, und so läßt er das Wasser ins Schiff kommen. Das zerbricht alle ihre Stärke und Sicherheit. Jesus erhebt sich, und das Meer wird stille. Jesus fragt, wo ist euer Glaube — und die Jünger müssen sich schämen. Sie hat­ten ihre Kraft in sich gesucht — aber Jesus, der mit im Schiff war, war ihre Kraft. Denn er ist der Herr, der Wellen und Wind ge­bietet. Glauben wir das noch? Wissen wir das noch? Schreien wir noch zu ihm? Wecken wir ihn noch auf? Das würde wahre Erweckungsbewegung sein. Wir müssen einen wachen Christum haben!

Und das ist das Dritte. Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.

Dies, meine Brüder und Schwestern, wollte ich Euch zum Beginn [290] des Jahres zurufen. Wir meinen so oft, in unserem ruhigen sicheren Westen hätte die Kirche nichts zu fürchten. Aber ist es nicht so, daß die Kirche sich vor nichts mehr fürchten muß, als vor der Sicherheit? Das Wasser muß uns ins Schiff laufen, damit wir schreien. Wir müssen Sturm erfahren, damit wir beten. Wir müssen beten, damit Christus uns helfen, damit Jesus uns Christus sein kann. Heil denen, die so angefochten sind, ihnen ist Christus nahe. Der Apostel sagt: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Auch wir sollen stark sein, mitten in unserer Schwachheit. Wir sollen uns nicht mit unserer Schwachheit beruhigen. Wir sollen nicht daraus etwas ma­chen, was nicht zu ändern ist. Im Kampf mit der Sünde, im Kampf mit der Feigheit. Gott will die Schwachen stärker machen als die, die auf ihre Kraft vertrauen. Er will unsere Kraft sein. Er will, daß die Welt sich irrt, wenn sie meint, wir seien von Gott verlassene Menschen. Er will, daß die Welt erkennt, wer uns treibt und wem sie nicht gewachsen ist.

Neujahrsbetrachtung in: „Die Hilfe, Blätter aus dem Haus der helfenden Hände“, Beienrode im Januar 1959.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 288-290.

Hier die Predigt als pdf.

Wem ich im christlichen Glauben verbunden bin – Erfahrungen aus Hongkong

17. Februar 2017
Die achteckige Kapelle

Die achteckige Kapelle „The Christ Temple“ auf dem Tao Fong Shan in Hongkong

Die Jahre, die ich als Dozent von 2002 bis 2008 am „Lutheran Theological Seminary“ in Hongkong verbracht hatte, waren für mich die aufschlussreichsten in Sachen Christsein. Anders als man es vermuten könnte, kam die Mehrzahl der Theologiestudenten nicht aus einer lutherischen Kirche. Stattdessen waren am Seminar Studenten aus nahezu allen protestantischen Denominationen vertreten, angefangen von Anglikanern, Methodisten, Baptisten, eben auch Lutheranern (in vier verschiedenen Ausprägungen), Reformierte, Unierte, Adventisten, Pfingstkirchlern, die Zugehörigen der „Christian und Missionary Alliance“-Kirche bis hin zu Mitgliedern von Gemeinden ohne denominationeller Verbindung.

Bandbreite christlicher Gottesdienste

Das gottesdienstliche Leben in Hongkong hatte für mich eine bis dato unfassbare Bandbreite, angefangen von liturgisch gepflegten Abendmahlsgottesdiensten in englischsprachigen anglikanischen und lutherischen Kirchen, über Worship-and-Praise-Gottesdienste, Taizé-orientierte Gottesdienste auf dem „Tao Fong Shan“, multinationale Gottesdienste in der „Kowloon Union Church“, predigerzentrierte Gottesdienste in der Southern-Baptist-Gemeinde, pfingstbewegte Gottesdienste mit philippinischen Haushaltshilfen, familienähnliche Gottesdienste in der kantonesischsprachigen „Praise Lutheran Church“ in Mongkok bis hin zu „Wohnzimmergottesdiensten“ mit afrikanischen Asylbewerbern im heruntergekommenen Bürogebäude.

Mit der Zeit bin ich in Sachen Gottesdienste vielsprachig geworden, kann selbst an katholischen Messen eines marianisch geprägten alten Priesters bei uns in Vöhringen innerlich teilnehmen. Da ließe sich die Frage stellen, ob ich in Sachen Gottesdienst und Glaube beliebig geworden bin. Ich würde das verneinen, kann mitunter in Sachen evangelischer Gottesdienst und Glaube messerscharf urteilen. Aber mir ist bewusst geworden, dass all die unterschiedlichen Gottesdienste und Denominationen je eigene Akzentuierungen unseres christlichen Glaubens haben. Man geht mit einem besonderen Anliegen und mit einer eigenen Tradition auf Jesus Christus zu. Mitunter ist es mir dabei nicht möglich, zu einem Predigtwort oder zu einem Gebet „Ja und Amen“ zu sagen. Aber was mich mit meinen Glaubensgeschwistern in Hongkong und in Südostasien verbindet, ist eine gottesdienstliche Ernsthaftigkeit. Wir stellen uns mit unserem eigenen Leben unter den Anspruch des göttlichen Wortes, bekennen Jesus Christus als unseren Herrn und rufen den dreieinigen Gott im Gebet an.

Was die Vernunft nicht gelten lassen will

Wo ich bei anderen Christen wahrnehme, dass sie sich dem göttlichen Anspruch stellen – auch mit ihren eigenen Zweifeln – weiß ich mich ihnen im Glauben verbunden, auch wenn sie Dinge und Regeln geltend machen, die ich für mich nicht anzunehmen weiß. Wirkliche Schwierigkeiten habe ich hingegen mit einer pastoralen Kirchlichkeit, bei der im Namen des christlichen Glaubens religiöse Eigensinnigkeit präsentiert wird. Da zeigt sich ein Habitus intellektueller Überheblichkeit, demzufolge heutzutage nur das zu glauben sei, was die eigene (pastorliche) Vernunft gelten lassen will. Liturgisch endet diese Vernünftigkeit im Gebetsautismus – ein Beten, das den dreieinigen Gott nicht anredet, sondern sich selbst anbetet. Und genau dort muss ich außen vor bleiben.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest“ – Prediger 7,15-18 als Predigtperikope

10. Februar 2017
Pieter Claesz (1597-1660) - Vanitas

Pieter Claesz (1597-1660) – Vanitas

In der Neuordnung der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte der EKD ist für den Sonntag Septuagesimae nunmehr in der sechsten Predigtreihe ein wirklich ungewöhnlicher Text aus dem Prediger (bzw. Kohelet) vorgesehen: „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ (7,15-18). Wer mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Perikopenrevision vertraut ist, weiß, wie der Text aus Erlangen nach Hannover gekommen ist. Friedrich Mildenberger hatte als Professor für Systematische Theologie in Erlangen wiederholt Bezug auf diesen Text genommen, so auch in Band 3 seiner Biblischen Dogmatik (Seite 341f). Hier seine Auslegung der Perikope bei einer gemeindlichen Bibelwoche 1986/87:

Wer es erzwingen will, dem missrät’s (Prediger 7,15-18)

Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Davon war schon die Rede: Recht und Unrecht und Leben und Tod, die lassen sich nicht zusammenbringen. Das gehört zu den schwersten Rätseln, mit denen sich der Prediger herumschlägt – und gewiss nicht nur er. Dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, das muss doch auch heißen: Wer Gutes tut, dem gelingt es im Leben, und wer Böses tut, dem läuft es übel hinaus. So denken wir. Aber was die Erfahrung lehrt, das passt nicht dazu. Es will sich nicht zusammenreimen mit dem, was wir für gut befinden, und haben doch recht damit: Es ist nicht gut, dass dann doch der Gerechte zugrunde geht, und der Gottlose in seiner Bosheit freut sich eines langen und guten Lebens. Wenn Gott gerecht ist, dann darf das nicht sein!

Und was so eine Beobachtung und Frage ist, die wir auch sehr allgemein und bloß in Gedanken erörtern können, das kann einen Menschen dann auch ganz anders auf den Leib rücken. Da hat einer ein rechtes Leben geführt, und hat auch Gott gewiss nicht vergessen. Und dann bricht es über ihn herein: Unglück im Betrieb, oder Krankheit, oder der Tod eines nahen Angehörigen, gar alles dies miteinander: Warum das? Warum muss es gerade mich treffen? Womit habe gerade ich dies alles verdient? Wer kennt diese Frage nicht!

Auch der Prediger kennt diese Frage. Wir wissen, er hat sie hin und her bewegt und nach allen Richtungen gedreht und gewendet, und ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen: Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nicht finden. Gott ist im Himmel und du auf Erden – mehr lässt sich dazu nicht sagen. Und wohl dem, der dabei dann auch bleiben kann: Gott ist im Himmel! Und wirft also sein Gottvertrauen nicht weg, sondern hält es fest, auch wenn er nicht dahinter kommen kann, warum es nun gerade so gut sein soll, wie es gekommen ist. Mehr lässt sich dazu nicht sagen, auch wenn wir gerne gerade hier mehr wissen wollten und uns schwer tun, uns damit zu bescheiden.

Doch eine Folgerung zieht unser Text nun doch aus der Erfahrung, die sich so schlecht mit dem zusammenreimt, was wir für gut und richtig halten: Nicht allzu fromm soll einer sein, und nicht allzu gottlos. Das mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen. Wie kommt der Prediger dazu, gerade diese beiden zusammenzunehmen, den, der es fast schon übertreibt mit seiner Gerechtigkeit und Weisheit, und den anderen, der bloß seine Gottlosigkeit und also Torheit kennt? Sind sie nicht himmelweit voneinander weg?

Sicher sind sie himmelweit voneinander, wenn wir auf das sehen, was jeder über sich selber denkt, der besonders Fromme wie der Gottlose. Aber in einem gehören sie doch ganz nah zusammen: Sie wollen es beide erzwingen, das bessere Leben, das Glück. Dem einen muss es ohne Gott gelingen, und der andere will es gerade mit Gott schaffen. Darin unterscheiden sie sich schon. Aber darin gehören sie zusammen, dass sie es nicht nehmen wollen, wie es kommt. Natürlich kann der Gottlose nicht auf Gott vertrauen, an den er doch nicht glaubt, sondern hält sich an die Meinung: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was herauskommt sieht man! Aber auch der besonders Fromme hat seine Meinung: Übergib dein Leben Jesus, dann wird es dir gelingen, dann wirst du glücklich werden!

Vorsicht! Damit kann sich einer zugrunde richten. So weiß das unser weiser Mann; und der kennt das Leben. Er weiß, dass es da nicht immer so läuft, wie wir das haben wollen. Es glückt nicht immer. Gefährlich sind sie, die Geschichten, die jeder schon einmal gehört hat: Wie Gott, oder wie Jesus seinen Frommen hilft. Im Spätherbst 1945, als es noch gar nichts gegeben hat, habe ich einmal einen Evangelisten gehört: Eigentlich habe er gar nicht zur rechten Zeit da sein können, erzählte er uns. Unterwegs sei ihnen das Benzin ausgegangen. Da habe er sich mit seinem Begleiter an den Straßenrand hingekniet, und sie hätten Jesus um Hilfe gebeten. Noch nicht „Amen“ hätten sie gesagt, da habe ein amerikanischer Jeep gehalten, und der GI habe ihnen aus seinem Reservekanister den Tank gefüllt.

So etwas kann es sicher auch einmal geben, und das imponiert gerade jungen Menschen. Sie wollen es auch erleben, dieses Gelingen, dieses Glück derer, die zu Jesus gehören. Aber dann kommt es anders: Eine Prüfung, ein Examen gelingt nicht. Eine Beziehung zerbricht. Die Gemütskrankheit, die Schwermut oder Depression hört nicht auf, trotz der Entscheidung für Jesus, trotz der Gebete. Es lässt sich nicht erzwingen, was einer gerne hätte, das bessere, das gute Leben. Wie leicht kann es da dann passieren, dass einer sein Vertrauen ganz wegwirft, und im Handumdrehen ist aus dem besonders Frommen ein besonders Gottloser geworden. So kann es leicht kommen. Und das ist gewiss nicht gut. Darum also diese Mahnung, die nur auf den ersten Blick seltsam zu sein scheint.

Der Dichter Eduard Mörike hat das einmal so gesagt, und ist damit nahe bei der Weisheit des Predigers:

Herr, schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Der Prediger Salomo, Erlangen 1988, 91-96.

Hier die Auslegung als pdf.

Johannes Wirsching – Häresie als Glaubensphänomen

9. Februar 2017
Antonius Eisenhoit - Die Göttin Häresie

Antonius Eisenhoit (1553-1603) – Die Göttin Häresie (Kupferstich)

Lesenswert ist immer noch Johannes Wirschings Buch „Kirche und Pseudokirche. Konturen der Häresie“. Darin entschlüsselt er in feinsinniger Weise die häretische Logik eines ideologischen Protestantismus:

„Christusglaube ist Heilsglaube, Rechtfertigungsglaube und darin der Glaube, der empfängt. Glauben heißt, den Gabecharakter des Heils erkennen und in eins damit die gemeinmenschliche Verlorenheit. Zur Vernunft des Glaubens gehört also die Erkenntnis, daß Heil und Sünder zusammengehören und daß Rechtfertigung immer Rechtferti­gung des Gottlosen bedeutet. Gerade hier aber lehnt sich der Häretiker ein zweites Mal auf. Er nimmt Anstoß an der Recht­fertigung des Sünders, das heißt, er stößt sich daran, daß dem Menschen die Entscheidung über sein Heil und damit über die Vollendung seines Menschseins aus der Hand genommen sein soll. Auch der Häreti­ker sieht die göttliche Gnade am Werk, aber sie ist für ihn gerade darin wirklich, daß sie aus einer ,frem­den‘ Gnade zu seiner eigenen werden und sich völlig dem Be­gnadigten überlassen kann. Erst so werde die Gnade das, was sie ist: das ohne Vorbehalt gewährte, wirklich ,radika­le‘ Geschenk, das es dann ebenso radikal zu leben und durchzu­setzen gilt.

Ein Heil aber, das der Häretiker sich selber nicht mehr ver­mitteln zu lassen braucht, kann er auch nicht anders als unver­mittelt zur Geltung bringen. Im Grunde steht er damit außer­halb der Gemeinschaft des Glaubens, sieht sich jedoch — als der wahre Gläubige — erst recht in ihr, um ihr nunmehr vorzuhalten, wie sie verbessert, überboten und vollendet werden muß. Sowohl die gesamtkirchlich vermittelte Heilserfahrung aller Gläubigen als auch die aktuell vermittelte Heilsverkündigung durch Wort und Sakrament werden dem Häretiker auf diese Weise zu Bedingungen oder doch Möglichkeiten der Selbstvermittlung und sind darin paradigmatisch für den Gläubigen schlechthin, das heißt, sie werden zu Legitimationsformen des Heilszwanges. Das Heil des Menschen ist immer schon vermit­telt, es muß nur noch als solches gelebt und — ethisch, sozial, politisch — durchgesetzt werden. Die hierin durchbre­chende Gewaltsamkeit wird ebensowenig empfunden wie die vollen­dete Umkehrung der Gnade in eine Forderung; das gehört zum Wesen häretischen Heilsverständnisses und erinnert an das Rätsel des sogenannten Stürmerspruches. »Bis jetzt wird das Reich der Himmel mit Gewalt erstrebt, und gewaltsam Rin­gende reißen es an sich« (Mt 11,12).“

Das Unterkapitel „Häresie als Glaubensphänomen“ findet sich hier als pdf.

Kleider machen Leute – Vom Christusgewand

8. Februar 2017
Leonardo da Vinci - Gewandstudie für eine knieende Figur

Leonardo da Vinci – Gewandstudie für eine knieende Figur

An Fasching ist es offensichtlich: Kleider machen Leute. Wer verkleidet oder gar maskiert auftritt, ist jemand anderes. In unserer Kleidung steckt mehr als nur Leibesbedeckung oder Wärmeschutz. Mit meiner Bekleidung zeige ich vielmehr an, welches Ansehen ich habe oder aber wie ich von meinen Mitmenschen gesehen werden will. Mitunter gibt es den besorgten Spiegelblick: Wie stehe ich vor Arbeitskolleginnen, dem Chef, den Kunden, den Freundinnen oder dem Ehepartner dar? Mancher Blick scheint trotz unserer Kleidung uns bloßzustellen.

Für Christen gilt es eine besondere Lebenszusage: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Galater 3,27) Christus ist uns als „Taufkleid“ auf den Leib geschnitten. Eine seltsame Vorstellung, und doch lebenstiefe Wahrheit: Sein Leben legt sich um unser Leben – ein unsichtbares Gnadengewand auf unserer Haut, das uns nicht bloßstellt. Mit dieser Kleidung muss ich mich vor niemandem schämen.

Tag für Tag heißt es, dieses Kleid bewusst anzuziehen, um als Christ unseren Mitmenschen gegenüberzutreten. Das Christusgewand prägt uns so wohl innerlich wie auch äußerlich. Dazu schreibt der Apostel Paulus: „Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun die entsprechende »Kleidung« an: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.“ (Kolosser 3,12) Kein nacktes „ich“ mit all seinen Stimmungen und Launen, sondern herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld hüllen mich ein und wirken zugleich auf Menschen um mich herum.

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

Gebet zum Anziehen der eigenen Kleidung (Einkleidungsgebet)

5. Februar 2017

 

kleider-auf-bugeln

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

Blaise Pascal – Gebet zu Gott um den rechten Gebrauch der Krankheit (Pensées)

5. Februar 2017

blaise-pascal

Kann man wirklich so gottergeben beten, wie Blaise Pascal (1623-1662) es in seinem“Gebet zu Gott um den rechten Gebrauch der Krankheit“ aus seinen Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets geschrieben hat? Die chronischen Schmerzen scheint er ja wirklich gehabt zu haben:

Zu wem soll ich rufen, Herr,
zu wem meine Zuflucht nehmen,
wenn nicht zu dir?

Alles, was nicht Gott ist,
kann meine Hoffnung nicht erfüllen.
Gott selbst verlange und suche ich;
an dich allein, mein Gott, wende ich mich,
um dich zu erlangen.

Du allein hast meine Seele erschaffen können,
du allein kannst sie aufs neue erschaffen;
du allein hast ihr dein Bildnis einprägen können,
du allein kannst sie umprägen
und ihr dein ausgelöschtes Antlitz
wieder eindrücken,
welches ist Jesus Christus,
mein Heiland, der dein Bild ist
und das Zeichen deines Wesens.

Vater im Himmel,
ich bitte weder um Gesundheit
noch um Krankheit,
weder um Leben noch um Tod,
sondern darum, dass du über meine Gesundheit
und meine Krankheit,
über mein Leben und meinen Tod verfügst
zu deiner Ehre und meinem Heil.

Du allein weißt, was mir dienlich ist.
Du allein bist der Herr,
tue, was du willst.
Gib mir, nimm mir,
aber mache meinen Willen dem deinen gleich.

So gib denn, Herr,
dass ich, wie ich auch sei,
mich in deinen Willen einordne;
und dass ich als Kranker
dich verherrliche in meinen Leiden.
Vereinige mich mit dir;
erfülle mich mit dir und deinem heiligen Geiste.

Gehe ein in mein Herz und in meine Seele,
um meine Leiden darin zu tragen,
damit ich, ganz erfüllt von dir,
nicht mehr selbst es bin, der lebt und leidet,
sondern damit du es bist,
der lebt und leidet in mir,
o mein Heiland!

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

Wilhelm Vischer – Die Kirche und die Juden (Urfassung für das Betheler Bekenntnis von 1933)

28. Januar 2017
Wilhelm Eduard Vischer (1895-1988)

Wilhelm Eduard Vischer (1895-1988)

Ein theologische interessantes Dokument zum Verhältnis von Kirche und Judentum sind Wilhelm Vischers zehn Thesen, die dieser im Sommer 1933 als Kapitelvorlage „Die Kirche und die Juden“ für das sogenannte „Betheler Bekenntnis“ verfasst hatte. Sie wurden von Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse für die vom 15. August bis Anfang Sep­tember 1933 auf dem Lindenhof in Bethel tagende Textkommission redigiert, bevor dann eine – wohl im Sinne Friedrich von Bodelschwinghs d. J. – korrigierte Endfassung im November 1933 von Martin Niemöller veröffentlicht wurde. Diese Endfassung fand jedoch nicht länger die Zustimmung von Vischer. Dazu hat Hans Prolingheuer dargestellt, wie Vischers zehn Thesen redaktionell sukzessive „entschärft“ worden sind.

  1. Wir glauben und bekennen, daß Gott unter allen Völkern der Erde Israel auserwählt hat zu seinem Volke, allein in der Kraft seines Wortes und um seiner Barmherzigkeit willen, keines­wegs auf grund eines natürlichen Vorzugs (2.Mose 19,5; 5. Mose 7,7-11).
  2. Der Hoherat und das Volk der Juden haben den durch das Gesetz und die Propheten ver­heißenen Christus Jesus verworfen nach der Schrift. Sie wollten einen nationalen Messias, der sie politisch befreien und ihnen die Weltherrschaft bringen sollte. Das war und tat der Chri­stus Jesus nicht. Er starb durch sie und für sie.
  3. Durch die Kreuzigung und Auferweckung des Christus Jesus ist der Zaun zwischen den Juden und den Heiden abgebrochen (Epheser 2). An die Stelle des alttestamentlichen Bundes­volkes tritt nicht eine andere Nation, sondern die christliche Kirche aus und in allen Völkern.
    Wir verwerfen jeden Versuch, in irgendeinem Sinne die Sendung des deutschen oder eines an­deren Volkes mit dem heilsgeschichtlichen Auftrag Israels zu vergleichen oder zu verwech­seln.
  4. Es kann nie und nimmer Auftrag eines Volkes oder einer Regierung sein, „an den Juden den Mord von Golgatha zu rächen“, „Mein ist die Rache, spricht der Herr“ (5. Mose 32,25; Heb. 10,30).
  5. Gott preist seine Treue dadurch überschwenglich, daß er Israel nach dem Fleisch, aus wel­chem Christus nach dem Fleisch hergekommen ist, trotz aller Untreue auch nach der Kreuzi­gung des Christus noch die Treue hält. Er will die Erlösung der Welt, die er mit dem Heraus­rufen Israels angefangen hat, mit den Juden auch vollenden (Röm. 9-11). Darum bewahrt er von Israel nach dem Fleisch einen heiligen Rest, der weder durch Emanzipation noch durch Assimilation in einer anderen Nation aufgehen, noch durch zionistische Bestrebungen eine Nation unter den Nationen werden, noch durch pharaonische Maßnahmen ausgerottet werden kann. Dieser heilige Rest trägt den character indelebilis des auserwählten Volkes, der nicht zu verwechseln ist mit ‚dem gelben Fleck auf schwarzem Grund‘, durch den die Völkischen die Juden brandmarken wollen.[1]
    Wir verwerfen jeden Versuch, das Wunder dieser besonderen Treue Gottes gegenüber Israel nach dem Fleisch als einen Beweis für die religiöse Bedeutung des jüdischen oder eines ande­ren Volkstums zu mißbrauchen.
  1. Die Kirche hat von ihrem Herrn den Auftrag empfangen, die Juden zur Umkehr zu rufen und die Glaubenden auf den Namen Jesu Christi zu taufen zur Vergebung der Sünden (Matth. 10,5ff.; Ap. Gesch. 2,38ff., 3,12-26). Eine Judenmission, die aus kulturellen Erwägungen oder unter politischem Drucke sich weigert, überhaupt noch Judentaufen zu vollziehen, verweigert ihrem Herrn den Gehorsam.
  2. Der gekreuzigte Christus ist den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit (1. Kor. 1,22ff.). Er entspricht dem religiösen Ideal der jüdischen Seele ebensowenig wie dem religiö-sen Ideal der deutschen Seele. Auch einem Juden kann nicht Fleisch und Blut den Glauben an ihn geben, sondern allein der Vater im Himmel durch seinen Geist (Matth. 16,17). Die Be­hauptung, der Glaube des Judenchristen sei im Unterschied von dem des Heidenchristen blut­gebunden, verwerfen wir als judaistische Schwärmerei.
  3. Die Gemeinschaft der zur Kirche Gehörigen wird nicht durch das Blut und also auch nicht durch die Rasse, sondern durch den heiligen Geist und die Taufe bestimmt. Wenn die deut­sche evangelische Kirche die Judenchristen ausschließen oder als Christen zweiter Klasse behandeln würde, würde sie aufgehört haben, christliche Kirche zu sein (Barth).[2]
  4. Wir lehnen die Bildung judenchristlicher Gemeinden ab. Denn die falsche Voraussetzung dafür ist, entweder daß die ‚deutsche Reichskirche die Kirche der Christen arischer Rasse‘ sei; oder daß das Besondere der Judenchristen auf der gleichen Ebene liege wie z.B. die geschicht­lich bedingte Besonderheit der französischen Refugiantengemeinden in Deutschland; oder daß die Christen aus dem Judentum ein ihrer Art gemäßes Christentum entwickeln müßten. Das Besondere des Judenchristen ist nicht in seiner Rasse oder Art oder Geschichte begründet, sondern allein in der Treue Gottes gegenüber Israel nach dem Fleisch (auf die in These 5 hin­ge­wiesen ist). Dadurch, daß der Judenchrist gerade nicht in irgendeiner gesetzlichen Weise besonders gestellt wird in der Kirche, ist er in ihr ein lebendiges Denkmal der Treue Gottes und ein Zeichen dafür, daß der Zaun zwischen Juden und Heiden niedergelegt ist, und der Christusglaube nicht in der Richtung auf eine Nationalreligion verfälscht werden darf. Die aus dem deutschen Volkstum stammenden Christen müssen eher sich selbst der Verfolgung aus­setzen, als die durch Wort und Sakrament gestiftete Bruderschaft mit dem Judenchristen frei­willig oder gezwungen auch nur in einer einzigen Beziehung preisgeben. Die Judenchri­sten müssen zu allen Ämtern der Kirche den gleichen Zutritt haben wie die anderen. Wenn das Studentenrecht oder irgendein der Kirche fremdes Recht den Judenchristen das theologi­sche Studium unmöglich macht, dann muß die Kirche dagegen protestieren und den Juden­christen einen anderen Weg zum Pfarramt auftun.
  5. „Gott, der die Welt gemacht hat, hat von Einem Blut alle Völker abstammen und sie auf dem ganzen Erdboden wohnen lassen und hat zum voraus die Zeiten und die Grenzen ihres Wohnens bestimmt, damit sie den Herrn suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten. Jetzt aber stellt er durch die Botschaft des Evangeliums jedes Volk und jeden Ein­zelnen in das Gericht vor den Einen Mann, durch den er beschlossen hat, den ganzen Erdkreis zu richten“ (Ap. Gesch.17). Dem deutschen Volke das Evangelium von Jesus Christus zu ver­kündigen, zum Gericht und zur Rettung durch den Einen Mann, ist die Aufgabe der evangeli­schen Kirche in Deutschland: nicht aber ein artgemäßes deutsches Christentum auszubilden.

Wilhelm Vischers „Urfassung“ befindet sich im Karl-Barth-Archiv Basel. Der Wortlaut wird zitiert nach Ernst Busch, „Die Kirche und die Juden“ – Der Beitrag Wilhelm Vischers zum „sogenannten Betheler Bekenntnis“, in: M.L. Frettlöh/H.P. Lichtenberger (Hg.), Gott wahr nehmen. Festschrift für Christian Link zum 65. Geburtstag, Neukirchen-Vluyn 2003, 41-52.

[1] Vischer nimmt bezüglich dem „heiligen Rest“ Israels bzw. dem „Wunder der Treue Gottes gegenüber Israel“ Formulierungen aus dem 17. Leitsatz der „72 Leitsätze zur judenchristlichen Frage“ von Hans Ehrenberg auf.

[2] These 8 stammt als wörtliches Zitat aus: Karl Barth, Theologische Existenz heute!, München: Chr. Kaiser 1933, S. 24ff.

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