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„Unser Glaube beginnt in der Nacht, die die Nacht des Kreuzes, der Verlassenheit, der Anfechtung ist“ – Hans Joachim Iwand über das Kreuz Christi

25. April 2017

In seiner Bonner Christologie-Vorlesung zu Tod und Auferstehung von 1959 hat Hans Joachim Iwand in wenigen Worten eine theologia crucis skizziert, die unter die Haut geht:

Das Kreuz

Von Hans Joachim Iwand

Wahrscheinlich haben wir in unserer neueren Theologie das, was das Wort vom Kreuz eigentlich bedeutet – und bedeutet hat –, kaum erfaßt, geschweige denn ausgeschöpft. Es ist eine unerhörte Sache, es ist ohne Beispiel. Was uns heute dazu aus der Religionsgeschichte beigebracht wird von dem Sterben der »göttlichen Menschen«, hat mit dem hier Gemeinten nichts zu tun. Das sind nur Vergleiche, die sich auf der religionsgeschichtlichen Ebene abspielen. Solche Parallelen können uns höchstens davor warnen, aus dem Sterben Jesu so etwas wie einen Mythos zu machen, in den wir uns dann versenken. Es gibt das. Es gibt das »Weinen über ihn«, aber das ist diesem Gange Jesu zum Kreuz nicht angemessen: »Weint vielmehr über euch« (vgl. Lk 23,27f)!

Unter den Modernen kommt wahrscheinlich Bultmann der Sache näher als andere. Er hält noch an dem Paradox fest, daß im Kreuz Gott sich im Widerspruch zu sich selbst, zu seinem eigenen Begriff, offenbart. Aber die Tiefe der Theologie des Kreuzes (theologia crucis) wie die Reformation, insbesondere Luther sie in seiner großen Zeit erreichte, gewinnt er nicht. Wie sollte er auch? Man darf nicht vergessen: Die hohe Zeit der Reformation Luthers, also die Jahre der Entscheidung, erfolgte auf dem Hintergrund der neu entdeckten, ei­gentlich erst seit der »Heidelberger Disputation« (1518) so entdeckten Theologie des Kreuzes (theologia crucis). Ist es nicht seltsam, sich diese Theologie gerade hinter dem Luther von Worms zu denken: »Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge beim richtigen Namen«! Es ist offen­sichtlich der neue Realismus, die Überwindung der Illusionen der Theologie der Herrlichkeit (theologia gloriae), was ihn stark macht. Bultmann ist dem Geheimnis dieser Theolo­gie des Kreuzes oft sehr nahe, gerade da, wo er sagt, daß das Kreuz die Auferstehung schon in sich schließt, aber er fügt zu dem Wort vom Kreuz noch etwas hinzu: die Interpretation, die Geschichte. Er müßte das Kreuz und die Geschichte in eins zusammenfallen lassen; sie sind in Wirk­lichkeit eins. Man darf das Kreuz nicht von der Geschichte her verste­hen wollen. Es geht hier wirklich um das »allein aus Glauben« (sola fide), nicht um Glauben und Verstehen, sondern um Glauben und Nicht-Verstehen! Das Kreuz ist das ganz und gar Inkommensurable in der Offenbarung Gottes. Uns ist es viel zu sehr gewohnt, wir sto­ßen uns kaum noch daran. Wir haben das Ärgernis des Kreuzes mit Rosen umkränzt. Wir haben eine Heilstheorie daraus gemacht. Aber das ist nicht das Kreuz. Das ist nicht die in ihm wohnende, die in es von Gott hineingelegte Härte.

Hegel hat das Kreuz definiert: »Gott ist tot.« Er hat wahrscheinlich damit richtig gesehen, daß hier die Nacht der wirklichen, der letzten und undeutbaren Gottesfeme vor uns steht, daß wir dem Logos des Kreuzes gegenüber auf das »allein aus Glauben« (sola fide) angewiesen sind, angewiesen wie nirgends sonst in der Welt. Hier sind keine Werke Gottes (opera Dei), die auf ihn, den ewigen Schöpfer und seine Weisheit, verweisen. Hier zerbricht der Schöp­fungsglaube, aus dem alles Heiden­tum gekommen ist. Hier wird diese ganze Philosophie und Weisheit der Narrheit überführt. Hier ist Gott Nicht-Gott. Hier triumphieren der Tod, der Feind, die Nicht-Kirche, der Unrechtsstaat, die Lästerer, die Soldaten – hier triumphiert der Satan über Gott.

Unser Glaube beginnt genau da, wo die Atheisten meinen, daß unser Glaube zu Ende sein müsse. Unser Glaube beginnt in jener Härte und Nacht, die die Nacht des Kreuzes, der Verlassenheit, der Anfechtung ist, des Zweifels an allem, was es gibt. Wirklich: was es gibt! Unser Glaube muß dort geboren werden, wo alle Gegebenhei­ten ihn verlassen. Er muß geboren werden aus dem Nichts, muß die­ses Nichts schmecken und zu schmecken bekom­men, wie sich das kein Philosoph des Nihilismus vorstellen kann. Denn diese behan­deln den Nihilismus immer noch als Kraft der Neugeburt, als revolu­tionäre Sprungfeder, als Abbau bis auf den Grund, damit man neu anfangen könne. Aber das Kreuz ist mehr. Das Kreuz ist das Offen­kundig-Machen unserer objektiven Gottlosigkeit, unserer grenzen­losen Verlassen­heit. Das Kreuz sagt uns, daß wir erst in diese Tiefe der Nacht hineingehen müssen, daß ohne diesen Preis, ohne diese Wüste, ohne diese Entbehrung allen Trostes und aller Gewißheit, eben kein Mensch wirklich Gott findet. Mit dem Kreuz ist der Traum einer Weltherrschaft Gottes in irdischem Sinne für immer begraben. Mit dem Kreuz ist die sichtbare Gestalt des Fromm-Seins, des Mit-Gott-Seins, ist dieser ganze christliche Heilsoptimismus zerbrochen und sind Abraham und Jakob, sind die Psalmisten und Hiob, sind Jere­mia und der zweite Jesaja gerechtfertigt. Das Kreuz ist mehr als ein Ereignis im Leben Jesu, das von Paulus theologisch interpretiert worden wäre. Die Theologie des Kreuzes (theologia crucis) hat es nicht mit Paulus, sondern mit Gott zu tun, und Paulus war der erste, der sich der damit gestellten Aufgabe unterzogen hat. Er ist darin unser Vorbild geworden. Wir haben uns die Härte des Kreuzes, der Offenbarung Gottes im Kreuz Jesu Christi, dadurch erträglich ge­macht, daß wir es in seiner Notwendigkeit für den Heilsprozeß ver­stehen lernten.

Hier liegt eine der wesentlichen Schwächen in der sonst so großarti­gen neuen Fassung der Genugtuung (satisfactio), wie sie uns Anselm in »Cur Deus homo?« bietet. Dort wird der Tod des Sohnes Gottes als notwendig eingesehen, nicht von der menschlichen Heilsbedürftig­keit her, sondern höher: von der Ordnung (ordo) Gottes her. Dadurch verliert das Kreuz den Charakter der Kontingenz, des Unbegreiflichen. Es ist sehr schwer, dies beides miteinander zu vereinigen: auf der einen Seite die Erkenntnis, daß Christus sterben mußte (vgl. Lk 24,26), auf der die ganze Satisfaktionslehre und unser Verstehen (intelligere) dessen, was wir glauben, aufruhen und auf der anderen Seite die harte Wirklichkeit des verborgenen Gottes (deus absconditus) im Kreuz. Auch die Alte Kir­che hat die Härte des Kreuzes nicht völlig zum Ausdruck gebracht, weil sie den Tod Jesu providentiell schon unter dem Gesichtspunkt sieht, daß der Satan, indem er sich an diesem Menschen vergreift, auf den er kein Recht hat, sein Reich verliert und der Tod nicht mehr in seiner Macht [409] ist. Erst die Reformation tritt ganz ein in die Härte der Theologie des Kreuzes (theologia crucis), in das Dunkel der Nacht, in die Weglosigkeit dieses Glaubens. Hier lernt man glauben! Gewiß, das Kreuz ist auch der Grund und die Ausrichtung des rechtfertigenden Glaubens. Aber hier spricht die Schrift lieber vom Tode Jesu Christi und vom Lösegeld. In der Kreuzestheologie (theologia crucis) aber ist das Kreuz die Schule des Glaubens. Was der Glaube sieht, ist das Gegenteil dessen, was das Auge sieht. Das Mittelalter und der Idealismus haben das anders gefaßt: Sicht­bare und unsichtbare Welt sind hier in einem System einander zugeord­net. Man steigt von dem einen auf zu dem anderen oder steigt von dem einen herab und hinunter in das andere. Glauben heißt dann, mit der unsichtbaren Welt Gottes rechnen, heißt dann auch in der Auferstehung einen Einbruch dieser oberen Welt in unsere Welt sehen. Das ist alles noch idealistisch. In der Theologie des Kreuzes (theologia crucis) heißt Glauben: in diesem Gekreuzigten den Herrn sehen, in dem Verworfenen den Erwählten, in dem zu den Toten Gerechneten den ewig Lebenden; in der Schmach die Ehre, in der Ausgestoßenheit das Heil finden, über­haupt in diesen Gegensätzen die Wirklichkeit Gottes erfassen. Hier ge­schieht etwas durch den Glauben! Er konstatiert nicht nur, was ist, er entdeckt, was nicht ist.

Abschließende Thesen:

  1. Das Kreuz ist die Offenbarung des Gegensatzes und damit das Ende aller natürlichen Theo­logie. In der Begegnung zwischen Gott und Mensch zeigt sich, daß beide nicht in einer Welt zusammenleben können. Hier wird deutlich, daß wir Feinde des »nahen« Gottes sind.
  2. Das Kreuz heißt aber, daß sich Gott in den Gegensatz selbst hin­einstellt, der zwischen ihm und uns besteht. Er übernimmt ihn als seine Last, sein Schicksal. Das ist der tiefere Sinn dessen, daß die Sünde von ihm getragen wird. Wir tragen sie nicht. Wir werfen sie von uns auf ihn. Das Totschlagen der Propheten ist die Vorgeschichte des Kreuzes.
  3. Das Kreuz ist im höchsten Sinne Gericht. Hier tritt Gott als Richter auf. Das ist zwar nicht dem Augenschein zu entnehmen, aber das sagt die Schrift. Diese Größe »Schrift« ist hier nicht einfach zu eliminieren. Es gibt keinen Erfahrungsbeweis für diesen Sachverhalt. Daß Gott Jesus ansah wie die Sünde selbst, ist tiefste Tiefe der Deutung. Sie ist Gottes eigene Deutung.
  4. Im Kreuz als Gericht wird erst offenkundig, daß nur Gott die Sün­de aufzuheben vermag. Hier wird deutlich, wie weit die Sünde reicht, daß sie bis in die tiefsten Tiefen der Gottheit reicht, daß sie dort ver­nichtet, dort für uns – um unsretwillen! – überwunden werden muß, [410] daß es keinen anderen Weg gibt, ihrer ledig zu werden, als diesen hier von Gott selbst beschrittenen Weg. Die Sünde ist ein Unendliches (infinitum). Sie meint Gott – und kann nur von Gott bedeckt, vernichtet, aufgehoben werden. Der Gekreuzigte ist das Bedecken der Sünde, ihr endgültiges Nicht-Sein.
  5. Der Gekreuzigte ist aber zugleich eine Anklage an uns wider das Nebeneinander von Fröm­migkeit und Gottlosigkeit, er ist die Aufdeckung dessen, daß man Gott totschlagen kann und dabei sich noch auf das Gesetz beruft (Stephanusrede Apg 7).
  6. Der Gekreuzigte ist unsere, der »Berufenen« Rettung (soteria)! Man muß offenbar berufen sein. Das kann man nicht aus eigener Kraft erlan­gen, daß uns der Gekreuzigte das Heil ist, daß wir hier die Versöhnung Gottes mit uns und unsere Versöhnung mit Gott finden. Das ist noch mehr als ein bloßes Außerhalb unserer selbst (extra nos). Hier sieht man, wer der ist, der außerhalb unserer selbst steht (extra nos, i. e. in Christo).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 2: Christologie. Die Umkehrung des Menschen zur Menschlichkeit, hrsg. v. Eberhard Lempp und Edgar Thadigsmann, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 1999, Seiten 406-410.

Hier der Text als pdf.

„Wenn aber der Tröster kommen wird …“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 15,26-27 von 1957

21. April 2017

Hermann Wöhler – Titelblatt zur Folge „Der Paraklet. Sieben Bilder aus den Tagen des Retters und zum Gedächtnis an den frühe Heimgegangenen“ (1919)

Eine ganz starke Predigt hatte Hans Joachim Iwand am Sonntag Exaudi, 2. Juni 1957 beim ersten Gottesdienst in der nach dem Wiederaufbau renovierten und restaurierten Dortmunder Marienkirche gehalten. Es war die Kirche, in der Iwand während des Zweiten Weltkriegs selbst als Pfarrer tätig gewesen ist. Da nimmt er das Kriegsgeschehen mit den Bombardierungen Dortmunds in das eigene Gedächtnis, um schließlich mit Jesu Worten aus dessen Abschiedsrede (Joh 15,26f) das Kommen des Parakleten und dessen Jesus-Zeugnis anzusagen:

Wenn aber der Tröster kommt. Gott erreicht mit seinem Trost alles Leid. Gott reicht in jede Nacht und jede Tiefe, und was wir nicht sehen, das tut er. Es werden so viele unter uns sein, die diese Bilder kennen, die jetzt an ihre Söhne und Töchter den­ken werden, an ihre Eltern und ihren Mann, an viele Freunde, die wir da­mals hier haben sterben sehen. Und jetzt wissen wir, warum Jesus davon redet, daß es noch nicht mit Ostern zuende ist, daß noch etwas Drittes, Großes, etwas Nachösterliches, etwas Pfingstliches groß und hochgemut an uns geschehen wird.

Solange uns nicht um Trost bange ist, wissen wir das nicht. Solange niemand Hunger hat, weiß er nicht, wie Brot mundet. Solange wir gedan­kenlos leben und rasten und schaffen, brauchen wir keinen Tröster; dann braucht der Mensch keinen Tröster. Ich fürchte manchmal, der Tröster, von dem Jesus hier redet, geht schon wieder an vielen vorüber, weil sie sich selbst trösten. Aber an diese Menschen wollen wir jetzt nicht denken, son­dern wir wollen an die denken, die ihn brauchen – wir sollen an uns den­ken, die wir da nun hier zusammen sind, weil wir das brauchen. Wir wollen an dieses neu erstandene Haus denken, das für alle dasein soll, die ihn brauchen, wie es durch Hunderte von Jahren in diesem Haus geschehen ist; die Gott brauchen, weil er allein unser innerster, unser gewaltiger Trö­ster ist. An alle in solcher Not und Verlassenheit bedrängte Menschen wol­len wir denken. Wir wollen selber solche Men­schen sein, weil wir wissen: der Tröster ist nah.

Ich will ihn zu euch senden, heißt es hier. Und das ist der Trost, daß Jesus sagt: Ich und ihr – er unser Herr, der zur Rechten Gottes sitzt; und wir, wir Christenmenschen, die auf Erden wohnen, wir sind doch nicht ferne von­einander. Es geht ein Strahl vom Himmel auf die Erde, wenn auch dieser Strahl lediglich die Herzen der Menschen trifft und unser irdisches Auge ihn nicht sieht; aber er ist da.

Jesus ist nicht aus der Welt gegangen, wie die Heiden meinen, um dro­ben im Licht zu wan­deln, während wir wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, jahrlang ins Ungewisse herab treiben – nein, so ist es nicht. Sondern so wie Gott uns nicht vergessen hat und es darum Weihnachten werden ließ, so hat Jesus sein Volk nicht vergessen und möchte es darum Pfingsten werden lassen auf Erden, möchte den Geist des Trostes zu ihm senden; jenen Geist, der uns die Kraft gibt, unsere Augen empor zu rich­ten:

Trachtet nach dem, was droben ist. Es ist so, als ob eine Hand uns unter das Kinn griffe und unsere Augen emporrichtete, hinweg von alldem, was uns bange macht, und zeigt auf ihn und sagt: Der Tod ist verschlungen in den Sieg; und zeigt auf ihn und sagt: Er ist schon hindurch und ihr werdet auch alle hindurch dringen. Und darum heißt dieser Geist: der Geist der Wahrheit. Das ist die Wahrheit.

Die Wahrheit ist dies: daß der Tod und die Sünde und die Macht und die Gewalt und das Böse und die Grausamkeit und der Schmerz nicht das Letz­te sind, sondern daß das Letzte sein wird: das große Lob Gottes auf unseren Lippen. Er hat alles gut gemacht, wie am ersten Schöp­fungstag. Dann werden wir sein wie die Träumenden und unser Mund wird voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.

Unser Text sagt hier ein merkwürdiges Wort, er sagt: Dieser Geist der Wahrheit wird zeugen von mir. Jesus sagt: Der Geist der Wahrheit zeugt von mir. Ihr müßt euch das so vorstellen: Da wird ein großer Gerichtstag sein, und da werden sie alle antreten, jene Gott feindlichen Mächte und Gewalten. Und da wird der Tod da sein und wird als Zeuge auftreten und sagen: Was wollt ihr noch, seht doch, was alles dahingesunken ist, ich bin der letzte Gott dieser Welt, lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Da wird die Wissenschaft auftreten, und sie wird sagen: Durch mich laufen alle Räder und durch mich habt ihr alle Arbeit und alle Kunst und Herrlichkeit. Gott, das war ein alter König, der ist jetzt abgesetzt. Jetzt setzen wir den Menschen als König ein über die Welt. Und dann wird das Geld auftreten, und das Geld wird sagen: Ihr wißt doch, wie es war, als ich mal nichts mehr galt. Und ihr wißt doch, wie es heute ist, da ich doch wie­der euer Gott geworden bin. Ihr müßt nicht Gott anbeten, sondern den Mammon. Und da ist die Masse, und die Masse wird sagen: Wir haben immer recht, die Mehrheit entscheidet, und die Mehrheit ist gegen die un­sichtbare Welt. Und da ist vielleicht sogar die Kirche da; ich meine die Kirche des Kaiphas und der Hohenpriester; denn die Kir­che hat zwei Sei­ten, und wir haben das selbst erfahren und erlebt in unserer eigenen Le­bens­geschichte, wie die Kirche sozusagen über Jesus selbst zu Gericht saß. Und die Kirche wird sagen: Ich habe recht, aber nicht er. Und da ist der Staat da, und er wird sagen: Ich bin Gottes Stimme, was ich sage, ist gött­liches Gebot, und wer sich dagegen wehrt, der ist ein verlorener Mann.

Da sagt Jesus: Wenn aber der Tröster kommen wird, der wird von mir zeugen. Mitten in dieser großen Ratlosigkeit und Verlassenheit, wenn sie da alle aufmarschieren werden, da wird ein Zeuge auftreten, unmittelbar von Gott; ein Zeuge, gesandt vom Auferstandenen aus der Höhe. Ein Zeu­ge, der wird den Zeugen auf Erden die Zunge lösen. Ein Zeuge, der wird sie alle in die Schranken rufen und fragen: Und du, was kannst du tun? Sieh da, dieses Feld der Leichen; und höre mein ewiges Wort: Wer da glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Ein Zeuge, der wird fragen: Nun, kannst du, Geld, dem Menschen seine Seele erlösen? Seht, wie arm sind die Reichen. Ein Zeuge, der wird sagen: Einer hat euch erkauft mit seinem unschuldi­gen Lei­den und Sterben, nicht mit Silber und Gold. Ein Zeuge, der wird sagen: Was, die Masse? Seht, wie die Massen irren. Denn der Weg ist breit und die Straße ist weit, die zum Verderben führt; aber der Weg ist schmal und die Straße eng, die zum ewigen Leben führt. Und die Kirche? Der Zeu­ge wird auftreten und sagen: Die Gott anbeten, sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten, und alles, was nicht aus diesem Geist geboren ist, das ist von unten und nicht von oben. Und der Staat? Und der Zeuge wird auftreten und sagen: Wo ist dieser Staat hingeraten? Heute muß Pontius Pilatus im Triumphzuge Jesu Christi durch die Welt ziehen; und wo der Name Jesu des Gekreuzigten genannt wird, da wird sein Name mit ge­nannt, weil er gerichtet ist von dem, der der Richter ist der Lebendigen und Toten. Meine Freunde, das heißt: der Tröster kommt. Und ihr werdet und sollt ganz getrost sein.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Wenn euch der Sohn frei macht …“ – Eine Betrachtung von Hans Joachim Iwand zu Johannes 8,36

20. April 2017

Eine pathetische Freiheitsrede hatte Iwand 1956 gehalten, die zugleich Jesus als Befreier verkündet:

Wenn euch der Sohn frei macht, so werdet ihr in Wahrheit frei sein. (Joh 8,26)

Wir spüren es heute alle, daß der Mensch ohne Freiheit nicht leben kann. Ohne Freiheit kann er höchstens vegetieren, aber er kann nicht Mensch, er kann nicht er selbst sein. Vegetieren, das heißt dann leben wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig lebt, ohne daß es ins Freie schreiten, ohne daß es seine Flügel heben und sich ins Luftmeer schwingen kann. Zwischen dem Ziel, auf das hin ich geschaffen bin, und mir ist ein Gitter, eine Barriere aufgeschich­tet, die ich nicht überschreiten kann. Indem ich daran stoße, spüre ich, daß ich meine Freiheit ver­loren habe. Es wird schon so sein, Freiheit und Schöpfung werden irgendwie zusammen­hän­gen. Wo von Freiheit die Rede ist, da ist es so, daß die letzten und tiefsten Gründe unseres Daseins angerührt sind. Wir wissen uns daran er­innert, wie wir eigentlich gemeint sind, wie wir als Menschen von unserem Ziel, von Gott her bestimmt und geschaffen sind, aber in­dem wir daran erinnert werden, wissen wir doch zugleich, daß da­zwischen etwas geschehen, ein Verlust eingetreten ist, der endgültig ist. Ein Zurück zur Natur, das heißt doch wohl zurück in den Ur­stand der Schöpfung, in ihre Unschuld und Freiheit, kann es nie wieder geben. So ist aus der Natur des Menschen Geschichte ge­worden. Wir haben uns in einer Richtung bewegt, die uns nur im­mer weiter weg führen kann von dieser Freiheit. Eine Umkehr gibt es nicht, mögen wir sie noch so heiß ersehnen, mögen noch so viele Apostel und Propheten der Freiheit auftreten, die das Gegenteil versichern: Unser Gewordensein ist die einzige Wirklichkeit, die es für uns gibt.

II.

Und es sind ja nicht nur die Hindernisse von außen, die uns Not machen, es sind nicht die Verhältnisse, in denen wir uns vorfinden, [265] es ist ja auch nicht nur die Masse und alles, was damit zusammen­hängt, es ist nicht die bedenkliche Majestät dessen, was wir die öffent­liche Meinung nennen, mit der die Mächtigen dieser Welt buh­len müssen, wenn sie ihren Platz behalten wollen, nein, es sind Kräfte und Triebe, die von innen her wirksam werden und von innen her uns in die Tiefe reißen. Es ist so, als ob der Feind ins Innere der Burg sich Ein­gang verschafft hätte, von dort aus die freie Bewegung unser selbst lähmte, gerade die Tapfe­ren, die Star­ken, die durch nichts sonst zu Treffenden von hinten her überfiele. Wir alle haben unsere weiche Stelle, die kennt der Feind, dahin richtet er seine Angriffe. Da sind dann die Unbegreiflichkeiten, die ein Mensch begeht, die ihn zu Fall bringen, die es verhindern, daß sein Fuß das Land der Freiheit, der wirklichen echten Freiheit je betritt. Frei sein, das bedeutet uns, daß wir so sein dürfen, uns so zeigen und entfalten, so in Freude und Leid, so, wenn unser Weg empor geht und so auch, wenn unser Weg bergab geht, wie wir sind, wie wir von Gott her gemeint sind. Anstatt dessen bergen wir uns dann in irgendeiner Gewohnheit, nennen sie Sitte, Ord­nung, Gesetz, und wissen doch ganz genau, daß es Gitterstäbe sind, hinter die wir uns selbst gefangen gesetzt haben, die bürgerliche Gesellschaft nicht anders als die prole­tarische. Was man uns auch immer nennen mag, Beruf oder Familie, Staat oder Gesellschaft, selbst das Einzelgängertum, das einer wählt, um sich nirgends zu binden, alles kann unter der Hand für uns zur Fessel werden, zum Dokument verlorener Freiheit. Wir wissen nur zu genau, auch die, die sich frei dünken, sind’s nicht immer. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. Nein, es ist schon wahr, daß zwischen der Freiheit und uns Menschen ein Graben gezogen ist, ein breiter, garstiger Graben, daß, wer da wollte hinüber kommen, der kann es nicht und kann auch niemand von dort herüber kommen.

III.

Wirklich nicht? Darum geht es bei diesem unserem Text. Wenn es wirklich kein Herüber gäbe, weil es kein Hinüber gibt, dann wäre unser Textwort sinnlos. Aber dann wäre auch die ganze Bibel [266] sinnlos. Dann hätten die recht, die unser spotten, wenn wir an un­seren Ket­ten rütteln und uns dann und wann erheben und das Un­erträgliche unserer ganzen mensch­li­chen Lage empfinden und von uns abzuwerfen suchen. Dann hätten die recht, die hierzu lachen: Rüttelt nur an euren Ketten, sie sind euch viel zu stark; die hat noch keiner zerbro­chen, die goldenen und die eisernen Fesseln, die äußeren und inneren Ketten, die euch binden, könnt ihr nicht zer­brechen, nicht von euch abwerfen. Die hätten dann recht. Aber da­mit, daß wir nicht herüber können, ist noch nicht gesagt, daß da auch niemand von drüben her, aus dem Reiche der Freiheit, aus dem Reiche der ursprünglichen Schöpfung auf unsere Seite treten könnte. Unsere Unmöglichkeiten hier müssen nicht auch seine Be­grenztheiten dort sein. Das ist das Wunderbare an der Heiligen Schrift, daß sie diesen Trugschluß enthüllt, daß Got­tes Wirklich­keit und unsere Wirklichkeit einander jede nach ihrem eigenen Ge­setz gegen­übertreten, daß hier der Spott jener Spötter aufhört, daß hier unsere Sehnsucht nach Freiheit, unser Leiden an unserer Schwachheit ernst genommen wird. Hier weiß man von einem, der den glimmenden Docht nicht löschen und das geknickte Rohr nicht brechen wird. Hier geht ein großes Leuchten, ein Hoffen durch die dunkelsten Verließe und Gefängnisse, in denen die Menschen schmachten, hier weiß man von einem Tag, da die Gefangenen los sein werden, die Blinden sehend, die Gelähmten frei und sicher wandeln werden. Das weiß man. Als die klare, unzweideutige Magna Charta Gottes vom künftigen Tage unserer Befreiung steht die Bibel mitten drin in der Menschheitsgeschichte, als ein großer Trost und eine Verheißung für alle die, denen die Augen aufge­gangen sind für das Unechte und Unfreie ihres Lebens und Wir­kens. Als ob die Bibel uns einschärfen wollte: die auf den Herrn harren, werden doch eines Tages auffahren wie Adler, sie werden doch, nicht in ihrer aber in seiner Kraft laufen und nicht müde werden. Es wird doch einmal die Decke weggenommen von den Völkern und doch werden einmal die Tage kommen, da auch die schwersten und letzten gottlosen Bindun­gen und Ketten, mit denen euch dieses ganze Weltgebäude zwingt und unfrei macht, gebro­chen werden. Auch der Tod wird einmal nicht mehr sein. [267]

IV.

Ich möchte meinen, daß darum die Menschheit immer wieder gezögert hat, die Bibel wegzu­werfen, auch wenn sie sie nicht ver­stand oder wenn sie sich an ihr ärgerte — aber etwas von diesem Geheimnis ließ sie nicht los. Daß hier nicht über das gelacht wird, worüber sonst in der Welt nur ein Hohngelächter zu vernehmen ist, daß es hier nicht heißt: weil wir nicht her­über kommen, kann auch keiner von dort drüben zu uns kommen, weil wir in die Welt der Freiheit nicht einzutreten vermögen, kann auch keiner aus die­ser Welt zu uns kommen und unsere Fesseln lösen. Die Bibel hat unsere letzte Not begriffen, sie hat wirklich verstanden, wie groß der Schaden ist, an dem wir leiden. Die Bibel sagt uns, daß die Rede von der Freiheit nur Sinn hat, wenn es da, in dieser geheim­nisvollen Burg, die wir Gott nennen, eine Zug­brücke gibt, die eines Tages heruntergeht, jenen Graben überbrückt, der da klafft zwi­schen unserer Welt, der Welt des unfreien, gebundenen, vergitter­ten und verlorenen Menschen, mit denen etwas Besonderes gesche­hen ist, die in eine eigenartige Bewegung versetzt sind: Men­schen, die auf diesen Tag warten, Menschen, die immer wieder zu­rückgeworfen wurden, geschlagen und verspottet, weil sie nicht aufhörten, nach drüben auszuspähen, nach der Seite Gottes, nach den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, die darum gegen ihre Zeit, gegen den König, gegen die Hohenpriester, gegen alles, was als Realität galt in Staat und Kirche, Stel­lung nehmen mußten, eben weil sie es wußten, daß die Freiheit kein leerer Wahn ist — solche Menschen machen die Bibel aus. Und die Bibel hat sie uns auf­bewahrt, ihre Klagen und ihre Schwachheiten, ihre Ketten und ihre Wunden, die Bibel hat uns ihr Gedächtnis und ihre Namen aufgehoben, weil sie recht bekommen haben — recht bekommen haben von Gott her und vor Gott, recht bekommen haben, tausend­mal Recht gegen alle ihre Spötter und Feinde, Recht noch im Tode und im Untergang gegen alle, die sich zufriedengaben mit ihren Ordnun­gen, ihren Gesetzen und Gewohnheiten, mit diesem fal­schen Frieden, mit all denen, die nicht mehr rochen, daß der Mensch wo anders her ist, daß diese arme Erde nicht seine Heimat ist. Und [268] der, in dem sie recht bekommen haben, heißt in der Bibel der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil er der ist, der von drüben, aus dem Reiche der Freiheit zu uns kommt, der so, ganz bezie­hungslos und ganz unmittelbar, ganz aus der Ewigkeit in die Zeit tretend unter uns steht. In ihm haben alle die recht bekommen, die je Nein gesagt haben zu den Fesseln und Ketten, in die wir ge­schlagen sind. Alle, die ihre Hoffnung auf Gott und sein Vermögen, seine Freiheit, seine Gegenwart mitten unter uns nicht aufgegeben haben. Das ist der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil alle Ver­heißungen in ihm wahr geworden sind, allen voran die der Freiheit. Sie ist eben doch kein leerer Wahn, sie ist kein Irrlicht, vor dem wir uns hüten, vor dem wir womöglich andere warnen sollten. Es gibt unechte Freiheit. Es gibt viele Ansätze und Aufbrüche, Revolu­tionen und Erhebungen, die die Freiheit proklamieren und sie doch nicht bringen. Das sind alles Griffe von hier nach dort, Signale, Schreie, Akte letzter Not. Gemeint ist in allem dieser Eine, dieser Sein Tag und dieses Sein: Ich aber sage euch! Der auf der anderen Seite steht, versteht, was damit gemeint ist! Er weiß, daß solche Ak­tionen ein Schrei nach ihm sind, nach dem, der Gott und Mensch zugleich ist, nach dem, der dort ist und hier zu uns kommt, nach dem, in dem dort hier ist!

Und seht, das ist Jesus. So will Jesus, daß man ihn sieht. So zeichnet ihn die ganze Bibel, im Alten und im Neuen Testament. Er steigt herab ganz in unsere Tiefe, in diese schmutzige Tie­fe, wo der zähflüssige Strom, den wir fälschlich das Leben nennen und der doch ein Todes­strom ist, die Menschen mit sich fort treibt, er ist herunter gestiegen bis dahin, wo unser Gefängnis ist, er geht hindurch durch all die Kerker und Verließe, wo immer Menschen schmachten. Es gibt ein Eingekerkertsein, das uns gar nicht auffällt. Aber Jesus sieht, wer unfrei ist. Jesus sieht diese unsere ganze, un­sere totale Unfreiheit, unser Unfreisein in unseren Vorurteilen, in unseren Sorgen und in unseren Wünschen, in unserer Gier und in unserer Satt­heit, in unserer Gerechtigkeit und in unseren Über­tretungen. Er sieht wie angeschlossen an lauter Fesseln sich der Mensch dahinbewegt. Wo Jesus kommt, da fallen diese Fesseln. Mag der Palast, in dem wir schmachten, mag die Burg des dunklen [269] und grausamen Herrn, dem wir da alle untertan sein müssen, noch so gut bewacht sein, der Name Jesus bricht alle Schlösser auf. Das liegt daran, daß er der Sohn ist. Gott ist mit ihm.

V.

Aber wie kommt uns Gottes Freiheit nahe? Wenn sie uns in Jesus Christus nahekommt, dann kommt sie uns immer in einer bestimm­ten, in einer von allen anderen Befreiungsaktionen unterschiedenen Weise nahe. «Wen der Sohn freimacht» heißt es, wen also dieser von dort nach hier, aus der Höhe in die Tiefe, aus dem Reich gött­licher Gerechtigkeit in den Bereich menschlicher Ungerechtigkeit, aus dem Leben in die Todeswelt gekommene Sohn freimacht, der ist in Wahrheit frei. Nicht, wer nur die Parole vernimmt: befreit euch! Das ist freilich das letzte, was wir Menschen einander und füreinander tun können, daß wir uns zurufen: Zer­brecht eure Ket­ten! Steht auf und stürzt eure Gewalthaber! Wir kennen das ja zur Genüge. Nicht nur von den großen Momenten der Revolutionen aus und den entscheidenden Augen­blicken der Politik, wenn jemand den Feuerbrand der Freiheit in ein altes Gemäuer wirft, nein, wir kennen diesen Ruf noch von einer ganz anderen Sicht her: wenn wir ihn scheinbar mit göttlicher Autorität an uns herangetragen se­hen: Steh auf und beginne ein neues Leben! Wirf ab, was dich lähmt! Steh auf und nimm deine Lagerstatt und gehe heim! Und wir dann nur hinweisen können auf die schreckliche Tatsache, daß die erste Voraussetzung in diesen star­ken Sätzen fehlt: wenn man blind ist, kann man eben nicht sehen, und wenn man gelähmt ist, kann man sich nicht erheben. Was nützt dann der Ruf zur Frei­heit! Wer kann mich denn sehend machen? Darauf käme es doch wohl an, daß einer da wäre, der mehr kann als nur die Parole aus­geben: Befreiet euch, — der mich frei macht.

Das ist Jesus. Das ist der Sohn. Das ist der für uns alle gestor­bene und auferstandene Herr. Er ist unsere Freiheit. Der Sohn macht frei. Er weiß ganz genau, daß es gerade um jenen ersten Schritt geht: daß es darum geht, daß einer da ist, der mir wieder [270] das Augenlicht schenkt, denn ich bin eben geblendet; daß einer da ist, der mir sagt: Lazarus komm heraus, denn ich liege bei den To­ten und rieche die Verwesung um mich her. Diesen ersten entschei­denden Schritt gerade können wir nicht tun, um den ersten Schritt geht es bei der Freiheit. Der erste Schritt — das ist die Freiheit! Der kann nicht von uns ausgehen, sondern muß auf uns zu getan werden. Es muß unter uns Menschen einer frei sein, damit wir ande­ren alle frei werden. Einer muß der Freie sein unter all den Un­freien, und weil das ist, weil Jesus da ist, Jesus Chri­stus der Sohn des lebendigen Gottes, darum kann aus Sehnsucht Erfüllung wer­den, darum ist der erste Schritt getan, darum können wir auch den zweiten und dritten und alle weiteren tun. Wen der Sohn frei macht, der ist wahrhaftig frei.

Geschrieben 1956.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 264-270.

Hier der Text als pdf.

„Diese Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Gekreuzigten“ – Hans Joachim Iwands Predigt über 2. Korinther 5,19-21 an Karfreitag

13. April 2017

Christus in der Kelter

Eine starke Karfreitagspredigt über 2. Korinther 5,19-21 hatte Hans Jochim Iwand am 7. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Diese Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Gekreuzigten. Sie hat hier ihren letzten, ungeheuerlichen Versuch gemacht, Gott, als er mitten unter uns trat, zu beseitigen. Als sich auf einmal alles verwandelte, als verschlossene Quellen neu aufbrachen, als sich die Augen der Blinden öff­neten, als die Aussätzigen rein wurden und die Armen aufhörten, Gott zu fluchen und anfingen, Gott, den Gott, der in Jesus zu ihnen trat, zu lieben, da hat diese Welt ihren letzten Versuch gemacht, Gott los zu werden, und das Kreuz ist das Denkmal dieses letzten, aber gerade darin endgültig ge­scheiterten Versuchs. Um des Kreuzes willen darf es nun wirklich heißen: »Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.«

Es sind zwei Worte, die sich am Anfang unseres Textes besonders auf­fällig und deutlich herausheben: Gott und Welt. Im Griechischen ist es fast noch schärfer ausgedrückt als in dem verlesenen Text, da heißt es: dement­sprechend, daß es Gott war, der in Christus die Welt mit sich versöhnte. Gott ist also nicht etwas hinter dem Ganzen, das Geschehen, um das es geht, wenn wir die Karfreitagsgeschichte hören, ist nicht ein Drama, das sich vor unseren Augen abspielt und hinter dem dann irgendein Gott als Regisseur steht oder von uns dazu zu denken wäre, so wie man sonst das Drama eines Lebens auf die Bühne bringt. Da ist kein Vorhang zwischen dem Kreuz und Gott. Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unendlichen Verborgenheit und Tiefe und hat mitten in dieser Welt, in der wir alle leben, und für diese Welt, die so verloren ist und so seufzt und stöhnt und ächzt unter ihrer eigenen Gottesfeme, gehandelt und er hat das Tor zu sich wieder aufgetan und den großen Versöhnungstag herauf­geführt, auf den sie alle so sehnsüchtig warteten, die Propheten und die Frommen des Alten Testaments, genau so wie wir. Alle warteten darauf und müssen warten, wenn anders uns je einmal deutlich wurde, was Sünde und Schuld und Verfehlung bedeutet. Gott muß mitten unter uns treten. Gott ist es, der in Christus handelt. Gott gehört zu Christus und Christus gehört zu Gott, und es ist eben nicht so, als ob sich in Christus eine beson­dere Tiefe von Welt offenbarte, die Welt in ihrer edelsten und besten Mög­lichkeit, die Welt als die Welt des Menschen und seiner Größe, als ob wir also hier nur etwas sehen und hören könnten, was aus der Welt und ihren eigenen Möglichkeiten heraus denkbar ist. Nein, nicht unsere, sondern Gottes Möglichkeiten werden hier greifbar. Gott greift in Jesus Christus selber ein, er will uns überzeugen, daß er Gedanken des Friedens mit uns hat und nicht des Leides, daß er uns sucht, auch wenn wir nichts mehr von ihm wissen wollen, daß er den Weg weiß, auch wenn wir ihn längst ver­loren, schon längst alle Hoffnung begraben haben, je wieder zurückzufinden. Und ebenso gilt das nach der anderen Seite hin, nach der Seite der Welt hin, man könnte ja meinen, diese Tat Gottes in Jesus Christus habe mit der Welt nichts mehr zu tun, die gelte nur für den Frommen, den Guten und Gerechten, man könnte meinen, und viele glauben das ja, daß nur religiös angelegte Naturen verstehen, worum es in Jesus Christus geht. Aber auch diesen Gedanken müssen wir fahren lassen, wenn wir hören und verstehen wollen, was unser Text uns sagt. Heute geschieht nämlich wirklich, was Jesus Christus in seinen Gleichnissen immer wieder ange­deutet hatte: daß die Türen des königlichen Saales weit offen sind und die Boten ausgesandt werden, alle zu holen, Gute und Böse, die Krüppel und die Lahmen, die Ausgestoßenen und die Entfremdeten, nicht bloß die Idealisten, sondern auch die Materialisten, nicht bloß den Sohn, der im Hause blieb, nein, gerade auch den verlorenen Sohn, der sein Vermögen vertan und sein Leben verwüstet hat, heute sind alle gerufen ohne Unter­schied, heute sind alle geladen zu hören, was hier kundgemacht wird. Das ist Jesus Christus, die offene Tür, durch die wir alle wieder einen Zugang haben von hier nach dort, weil Gott durch diese Tür eingetreten ist, von dort nach hier. Gott und Welt, diese beiden abgrundtiefen Gegensätze be­gegnen sich hier und sie begegnen sich so, daß die Welt mit Gott versöhnt ist. Das ist das Große, was der Karfreitag bezeugt, und wir alle sind immer wieder neu gefragt, ob wir das glauben. Denn es ist so leicht, an Gott zu glauben, wenn man die Augen schließt und die Welt nicht sehen will, die Welt um uns und die Welt in uns, und darum geschieht es dann so oft, daß wir den Glauben verlieren, wenn wir irgendwie genötigt werden, die Au­gen aufzutun und zu sehen, was Welt heißt und bedeutet. Aber dieser welt­abgewandte Glaube ist in Wahrheit nicht der Glaube an den Gott in Chri­stus, es ist nur der Glaube an einen gedachten, eingebildeten, selbst gemachten Menschengott, der Glaube an den Gott der Guten, der Gerech­ten, der Frommen, aber nicht der Glaube, der erst hier geboren wird, hier, wo Gott in Christus mitten unter uns steht, um uns zu vergeben.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Unser Nein muss zum Ja werden“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 13,1-15 an Gründonnerstag

12. April 2017

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde aus Mainz ( 1400 1420 – Germanisches Nationalmuseum Nürnberg )

Eine eindrückliche Predigt über Johannes 13,1-15 hatte Hans Jochim Iwand am 6. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Gerade darum ist uns Jesus immer wieder so fremd und zwar dieser Je­sus, der nicht gekom­men ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, und der doch ein Herr ist. Wenn wir ihn lieb gewonnen haben, wenn er uns Eindruck gemacht hat mit seinen Worten und Taten, wollen wir ihm dienen. Er soll uns unter keinen Umständen die Füße waschen – das wäre ja die Umkehrung aller Ordnung –, denn damit würde das unter­ste zuoberst gekehrt, die Herren würden Diener sein und die Knechte Her­ren. Ganz unten, wo niemand stehen will, würde der Herr aller Herren ste­hen, und ganz oben, wo niemand hinzukommen glaubte, da würden die Jünger und die Knechte stehen. Gott so tief unten, daß keiner von uns da sein möchte, wo er ist, und der Mensch so hoch oben, daß keiner sich ge­traut, das auch nur zu denken. Aber gerade das ist es, was Jesus Liebe nennt. Dazu kommt er in die Welt, dazu geht er ans Kreuz. Dazu wird er von Gott in Gegensatz gesetzt zu allen irdischen Herren und darin sind alle irdischen Herrschaften durch Jesus zur Ordnung gerufen und gerichtet. Aber merkwürdig, gerade das wollen wir nicht. Petrus ist auch hier wieder so liebenswert, weil er den Mut hat, das auszusprechen. Petrus und Judas stehen dabei in einem offenbaren Kontrast. Judas wird sich die Niedrigkeit dieses Herrn zunutze machen, wird ihn verraten, er wird als erster den Schritt nach draußen tun in die Finsternis, um diesen Jesus, der nicht Kö­nig sein will, wie er es von ihm erhoffte und erträumte, in der Menschen Hände zu übergeben. Er wird das tun, was immer wieder die an Jesus sich ärgernden, an seiner Niedrigkeit irre gewordenen Nach­folger und Jünger getan haben, sie haben ihn verraten. Wenn Judas recht behält, wenn er zum Zuge kommt, dann bekommt Jesus einen Purpurmantel umgehängt und eine Krone wird ihm aufgesetzt. Aber nur um ihn zu verhöhnen, und nur, um ihn zu quälen. Wie oft ist das gesche-hen in der Geschichte der Kirche. Wie oft hat man den Judenkönig preisgegeben an die Mäch­tigen und Gewaltigen dieser Welt, daß sie mit ihm ihr Spiel trieben. Wieviel Glauben ist damit zerstört, wieviel Hoffnung vernichtet. Aber merkwürdig, eines hat man nicht zerstören können, eines hat auch Judas nicht erreicht: er hat das Beispiel nicht zerstören können, das Jesus gegeben hat. Das Bei­spiel des dienenden Herrn wird durch den Verrat des Judas immer klarer, immer eindringlicher, einleuchtender. Auch in seiner Passion, auch unter dem Höhnen der Soldateska, auch vor Kaiphas und Pilatus, auch und vor­nehmlich am Kreuz bleibt Jesus der, der sich niederbeugt, um uns zu die­nen. Ja, jetzt wird überhaupt erst klar, was Jesus mit seiner beispielhaften Tat gemeint hat, jetzt wird klar, wozu wir alle geladen und gerufen sind, daß wir uns nämlich von diesem Herrn dienen lassen. Niemand kann ihm dienen, dem er nicht zuvor gedient hat. Niemand kann ihn einen Herrn heißen, dem er nicht zuvor die Füße gewaschen hat, die staubigen, schmutzigen Füße, an denen die Spuren der mühseligen Erden­wanderung sichtbar sind. Das ist das Wunderbare an dem Bild, das Jesus den Seinen läßt, daß es nie verblaßt, sondern in Not und Verfolgung umso klarer und deutlicher vor unserer Seele steht, sodaß wir allezeit wissen können, was hier den Petrus so blitzartig überfällt, was ihn so entwaffnet hat: daß es unser Heil ist, wenn er uns dient. Ehe wir ihm dienen, muß eine Stunde kommen, da er uns dient und nicht wir ihm: »ohne mich könnt ihr nichts tun«. Das ist das Heil des Menschen, daß Gott sein Diener wird und der Mensch sich gefallen läßt, daß er sein neues Leben, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und Reinheit, das Gotteswerk gelten läßt und alles ihm aus Gnade zuteil wird.

Darum sitzt nicht nur der stumme Judas mit seinen finsteren und bösen Gedanken unter der Schar der Jünger, sondern auch Petrus sitzt hier, Pe­trus, der zuerst Nein sagt und dann Ja. Ein natürliches Nein und ein über­natürliches Ja. Petrus begreift, daß hier etwas Unerhörtes geschieht, etwas, was dem Denken aller Menschen, auch der frommen Menschen zuwider­läuft. Darum sagt Petrus Nein. In alle Ewigkeit nicht sollst du mir die Füße waschen. Aber dann begreift er auf einmal, daß er sich mit diesem Protest um das Heil seines Lebens bringt, und nun sagt er Ja. Offenbar hat unser Evangelist diesen Petrus sehr lieb gehabt, sonst würde er uns dies nicht so ausführlich berichtet haben. Die Bibel liebt die Nein-Sager, die dann doch zum Ja hinfinden. Die Bibel weiß, daß ein solches leidenschaftliches, offe­nes, menschliches Nein schon der Anfang ist vom Ja, sie weiß, daß wir alle, wenn wir auf Jesus stoßen, zunächst gar nicht anders können als Nein sagen. Nein aus dem ganzen Herzen dessen, was wir nun einmal fühlen und denken, wie wir urteilen und glauben. Solange wir noch nicht auf Jesus stoßen, schlummert dieses Nein. Da denken wir uns Gott und seine Herrschaft und sein Reich analog zu dem, was wir sonst glauben und hof­fen. Aber wenn uns dann Gott in Jesus ganz nahe kommt, wenn auf einmal in den leeren Rahmen, den das Wort Gott für uns bedeutet, sein eigenes Bild tritt, wenn er nun doch – und gerade in Jesus – tut und sagt, was gött­lich und eben nicht menschlich ist, dann wacht es auf, dies Nein in uns, das große, schwere Ärgernis, das sich wie ein Klotz an unser Bein hängt und uns hemmt in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth.

Aber unser Nein muß zum Ja werden. Nicht weil wir darin schon das Ja meinten, sondern weil wir dieses Nein nicht mehr ins Leere, in uns selbst hineinsprechen. Jesus läßt unser Nein oft nicht gelten, Jesus macht aus dem Nein ein Ja, gerade dieser uns dienende, sich vor uns nie­derbeugende Jesus. Er öffnet uns die Augen, daß wir uns mit dem Nein selbst im Wege zu unserem Heil stehen. Er läßt uns begreifen – und an diesem Begreifen, an diesem Schritt vom Nein zum Ja hängt eigentlich unser aller Leben, also daran, daß das Ja größer wird und das Nein kleiner, daß das Ja wächst, ganz groß, ganz überwältigend groß, das Ja, sich dienen zu lassen von diesem Jesus, und das Nein immer schwächer und stiller wird, unsere Ver­wunde­rung über das ganz andere an diesem Jesus und seinem Tun, unser Sträuben dagegen, daß er – der Herr Jesus Christus – uns die Füße wäscht.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt“ – Hans Joachim Iwand in seiner Palmsonntagpredigt von 1945 (Mt 21,1-9)

7. April 2017

Wilhelm Morgner – Christi Einzug in Jerusalem (Ölgemälde, 1912)

Da war Dortmunds Innenstadt nach den Bombenangriffen am 12. März 1945 völlig zerstört, so dass Iwand diese Predigt wohl am 25. März 1945 in Cappenberg/Westfalen gehalten hatte. Dort hatte er nämlich mit seiner Familie Zuflucht gefunden hatte. So kann Iwand kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs nicht anders als kreuzestheologisch zu predigen:

So wollte Jesus seinen Einzug in die Stadt verstanden wissen, daß mit ihm der Friede einzieht und durch seine Macht die Mauer aufgerichtet werde, an der sich der Ansturm des Krieges und des Blutvergießens bricht. So wollte er und so will er kommen, daß deutlich wird, daß sein Gott, in dessen Na­men er kommt, ein Gott des Friedens ist und nicht ein Gott des Krieges, ein Gott der Liebe und nicht des Hasses. Darum reitet er auf einem Esel ein, sanftmütig, wie unser Text sagt, denn er will herrschen über die Herzen und nicht über die Leiber, er will herrschen ohne Gewalt, er will herrschen, so, daß sich ihm die Herzen zuwenden, ohne Furcht und ohne Schrecken.

Und es muß wohl auch so sein, daß Krieg und Frieden nicht nur äußere Vorgänge sind, son­dern daß in alldem die Saat aufgeht, die in die Herzen der Menschen gesät ist. Der Mensch steht hinter beidem. Auf der einen Seite der Mensch, der keinen Frieden findet, der ruhelose, begehrliche, von Lust und Begierde hin- und hergerissene Mensch, der Mensch, der herrenlos geworden ist und der nun selbst darum den Herrn spielt, der sich frei nennt und doch preisgegeben ist allen Mächten und Gewalten, die nicht aus Gott sind. So wie es einmal in der Bibel heißt: »Die Gottlosen haben keinen Frieden«. Und auf der anderen Seite der Mensch, der in Jesus seinen Herrn findet, der durch den Glauben an ihn mit Gott versöhnte, in Gott zum Frieden gekommene Mensch. In seinem Herzen lebt ein neuer Geist, der auch ihn ergreift und durchwaltet. Und so sammelt sich um Je­sus und das Evangelium von ihm eine neue Menschheit. Es kann gar nicht anders sein, wo er in der Mitte steht, da ist die Burg des Friedens und der Brüderlichkeit, da bricht sich das Kriegsgeschehen und der Haß, da wirkt Gott von innen her. Die Königsherrschaft Jesu bedeutet also, daß das Ge­sicht der Welt sich verändert, daß der Mensch frei wird, frei von den sata­nischen Gewalten, die ihn zum Werk­zeug der Finsternis machen, frei zum Dienste Gottes, so, wie Gott den Menschen gemeint hat, da er ihn schuf.

Aber es gehört zum Glauben dazu, in Jesus den König zu erkennen und anzuerkennen. Wir Menschen neigen alle dazu, uns dem zu beugen, der seine Macht und Autorität durch äußere Kennzeichen erweist. Wir neigen alle dazu, uns eher den Tyrannen zu beugen, als dem, der um unseren frei­en Gehorsam wirbt, wir neigen alle dazu, mehr auf Drohungen zu hören oder auf Versprechungen, und wir verstehen unter Herrschaft nur allzu leicht Gewalt und Macht. So ist es ja auch in der Welt und darum geht die Welt zugrunde. Jesus tut alle diese Kennzei­chen von sich ab, bis heutigen Tages ist er der Niedrige, der Arme, der Sanftmütige, bis heuti­gen Tages weigert er sich, sich und seine Sendung einbeziehen zu lassen in das Trei­ben der Mächtigen und Gewaltigen auf Erden. Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt, damit sie ihn nicht lieben wegen des Glanzes und des Flitters, der nach außen hin scheint, sondern damit sie ihn lieben um der Liebe willen, die ihn selbst in Not und Tod führt. Und darum müssen wir, wenn wir in ihm den König erken­nen wollen, unsere Augen schließen, müssen den Widerspruch ertragen, den seine irdische Erscheinung bietet. Das Kreuz ist in diese irdische Er­scheinung tief eingesenkt, und wohl dem, der sich an diesem Kreuz nicht ärgert, wohl dem, der sich nicht schämt, den seinen König zu nennen, der so arm und gering über die Welt gegangen ist.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Die Kirche hat sich vor nichts mehr zu fürchten, als vor der Sicherheit“ – Hans Joachim Iwand zum Reformationsjubiläum

20. Februar 2017
Claus Bergen - Havarie (Gouache, um 1920)

Claus Bergen – Havarie (Gouache, um 1920)

In seiner Neujahrsbetrachtung 1959 hat Hans Joachim Iwand der Kirche unter anderem Folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.“ Passende Worte zum Reformationsjubiläum.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

Von Hans Joachim Iwand

2. Korinther 12,10b: Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Das erste, was wir zu diesem Wort des Apostels sagen müs­sen, ist dieses: In ihm ist die ganze Offenbarung Gottes in Jesus Christus beschlossen. Denn Jesus Christus, das ist die Schwach­heit Gottes, das ist die Verborgenheit Gottes unter der alleräußersten, unter der jedes mensch­liche Auge täuschenden, jedes menschliche Denken irreführenden Schwachheit. Wir denken ganz anders. Un­sere Götter sehen anders aus. Die Götter, auf die wir warten, müß­ten anders auftreten. Nicht wie ein Mensch, nicht gehorsam bis zum Tode, nicht dienend, nicht sein Le­ben als Lösegeld gebend, son­dern als Übermenschen, von uns Gefolgschaft fordernd, wie ein Führer, der seine Schar kommandiert —, aber Gottes Gegenwart unter uns hatte und hat ein anderes Gesicht: Ich bin nicht gekom­men, mir dienen zu lassen, sondern daß ich diene. Das ist unser Gott! Und ehe wir ihm dienen, müssen wir ihn uns dienen lassen. Uns dienen mit sei­nem Leiden, uns dienen mit seinem Kreuz. Mit seiner Schwachheit. Denn die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind. Wem Gott nie gedient hat mit seiner Schwachheit, der wird nie wissen, wer Gott ist und was er für uns getan. Wo er für mein irdisches Auge am schwächsten war, da war er am stärk­sten. Da trug er unser aller Schuld, da zerbrach er unser aller Tod. Da geschah es, daß die Riegel unseres Gefängnisses aufgingen und wir heraustraten als die Befreiten. Als die wahrhaft Freien, denen hinfort Tod und Sünde nichts anhaben sol­len. Das ist seine Kraft. Die Kraft Gottes in der Schwachheit des Menschen Jesu.

Wäre es anders, wir würden uns alle um diesen Gott drängen. Wäre seine Kraft nicht verbor­gen unter der Schwachheit, es wäre nicht schwer, an Gott zu glauben. Wir verbergen unsere Schwäche, um Kraft zu heucheln, Gott verbirgt seine Kraft, um sie in der [289] Schwachheit zu offenbaren. Darum verstehen ihn die Großen und Gewaltigen nicht. Darum müssen wir selbst an uns abnehmen und zerbrochen werden, ehe wir ihn begreifen und ergreifen in seiner Schwachheit, in dem Kreuz seines Sohnes, in der Erscheinung des einen Menschen Jesus.

Das Zweite, was wir unter dem Licht unseres Wortes begreifen, sind seine Zeugen, sind die Jünger. Es gehört zu der Herrlichkeit der Bibel, daß uns in ihr Menschen, wirkliche, schwa­che, schwan­kende, zweifelnde Menschen begegnen und daß diese Menschen den­noch Zeugen der Nähe Gottes sein dürfen. Wenn sich der Sturm erhebt, dann meinen die Jünger, sie sinken. Wenn das Wasser ins Schiff dringt, dann schreien die Jünger: Herr hilf, wir verderben. Da sehen wir den Menschen, den schwachen, den zweifelnden Men­schen. Auch der Zeuge in der Nähe Jesu bleibt ein schwacher, ar­mer Mensch. Gerade er. Gerade in der Nähe zu ihm. Wir möchten sie stark sehen, aber wenn der Sturm kommt, zeigt sich, wie schwach sie sind. Ihre Not macht Jesus erwachen. Jesus schläft, und so läßt er das Wasser ins Schiff kommen. Das zerbricht alle ihre Stärke und Sicherheit. Jesus erhebt sich, und das Meer wird stille. Jesus fragt, wo ist euer Glaube — und die Jünger müssen sich schämen. Sie hat­ten ihre Kraft in sich gesucht — aber Jesus, der mit im Schiff war, war ihre Kraft. Denn er ist der Herr, der Wellen und Wind ge­bietet. Glauben wir das noch? Wissen wir das noch? Schreien wir noch zu ihm? Wecken wir ihn noch auf? Das würde wahre Erweckungsbewegung sein. Wir müssen einen wachen Christum haben!

Und das ist das Dritte. Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.

Dies, meine Brüder und Schwestern, wollte ich Euch zum Beginn [290] des Jahres zurufen. Wir meinen so oft, in unserem ruhigen sicheren Westen hätte die Kirche nichts zu fürchten. Aber ist es nicht so, daß die Kirche sich vor nichts mehr fürchten muß, als vor der Sicherheit? Das Wasser muß uns ins Schiff laufen, damit wir schreien. Wir müssen Sturm erfahren, damit wir beten. Wir müssen beten, damit Christus uns helfen, damit Jesus uns Christus sein kann. Heil denen, die so angefochten sind, ihnen ist Christus nahe. Der Apostel sagt: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Auch wir sollen stark sein, mitten in unserer Schwachheit. Wir sollen uns nicht mit unserer Schwachheit beruhigen. Wir sollen nicht daraus etwas ma­chen, was nicht zu ändern ist. Im Kampf mit der Sünde, im Kampf mit der Feigheit. Gott will die Schwachen stärker machen als die, die auf ihre Kraft vertrauen. Er will unsere Kraft sein. Er will, daß die Welt sich irrt, wenn sie meint, wir seien von Gott verlassene Menschen. Er will, daß die Welt erkennt, wer uns treibt und wem sie nicht gewachsen ist.

Neujahrsbetrachtung in: „Die Hilfe, Blätter aus dem Haus der helfenden Hände“, Beienrode im Januar 1959.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 288-290.

Hier die Predigt als pdf.

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

Warum Martin Luther kein Mystiker ist

4. Januar 2017

mystik

Man mag sich bei Martin Luther – wie Volker Leppin in seinem Buch „Die fremde Reformation – Luthers mystische Wurzeln“ – auf die mystische Spurensuche begeben und kann dabei fündig werden. Schließlich ist ja das erste Buch, das Luther 1516 zum Druck gebracht hat, die Theologia deutsch, eine deutschsprachige mystische Schrift des 14. Jahrhunderts. Aber dennoch vermag sich seine theologia crucis in keine mystische Einung fügen. So schreibt Martin Luther in seiner Auslegung zu Psalm 4 (aus den Operationes in Psalmos):

„Was ist nämlich der Glaube anderes als jene Bewegung des Herzens, die ‹credere› (glauben) genannt wird, Hoffnung anderes als die Bewegung, die ‹sperare› (hoffen), Caritas anderes als die Bewegung, die ‹lieben› (diligere) genannt wird? Ich halte das für menschliche Trugbilder, Zustand und Akt zu unterscheiden, besonders bei den göttlichen Tugenden, in denen nichts anderes ist als: Leiden, Mitgerissenwerden, Bewegung, wodurch die Seele (anima) durch das Wort Gottes bewegt, geformt, gereinigt, geprägt wird, so dass überhaupt die Aufgabe dieser Tugenden nichts anderes ist als die Reinigung des Palmbaumes, wie Christus sagt [vgl. Joh 15,2 nach der Vulgata], wodurch der gereinigte Baum mehr Frucht bringen solle […] Es ist wohl ein steiler und enger Weg, alles Sichtbare zurückzulassen, alles Sinnliche abzulegen, aus allen Gewohnheiten herauszutreten — und zuletzt dies: Sterben und in die Hölle fahren […] Dies nennen die mystischen Theologen: ins Dunkel gehen, über das Sein und Nicht-Sein hinaussteigen. Wahrlich, ich weiß nicht, ob sie sich wirklich selbst verstehen, wenn sie das, was sie sagen, bestimmten erregten Akten [des Glaubens] zuschreiben. Richtiger wäre es, wenn sie daran glaubten, dass die Leiden des Kreuzes, des Todes und der Hölle damit bezeichnet werden. Das KREUZ allein ist unsere Theologie.“ (WA 5, 176, 9-33, Übers. Hans Joachim Iwand)

Hans Joachim Iwand über Holls „Gewissensreligion“ als protestantische Selbstrechtfertigungslehre

4. Januar 2017

gewissen

Eine treffende Analyse der protestantischen Selbstrechtfertigungs­lehre bietet Hans Joachim Iwand in seiner Darstellung von Karl Holls  „Gewissensreligion“, wenn er schreibt:

„Hier haben wir das normale Gewissensverständnis vor uns. Das Gewissen eröffnet dem Menschen eine Ordnung, die über ihm steht, ein Sollen, unter dem er steht. Dieses Sollen empfindet der religiöse Mensch als Gott, als von Gott inspi­riert. Es ist sozusagen seine erste Begegnung mit Gott. Und wenn dann bei dieser Begegnung sich ein bestimmtes Schuldgefühl ein­stellt, dann wendet er sich Christus zu, der dieses Schuldbewußtsein für mich deckt oder ausgleicht. Das ist die Linie, auf die die theolo­gische Generation von heute — weithin jedenfalls — eingeschwenkt ist. […] Der Mensch, der dabei herauskommt, ist dann nichts anderes als der verinnerlichte, der radikalisierte, verabsolutierte Gesetzesmensch. Es ist der durch sein inneres Sollen geprägte Gesetzesmensch, der permanent aber hinzufügt, er könne dieses Sollen nicht erfüllen — und deshalb brauche er Christus.“

Hans Joachim Iwand, Luthers Theologie, hg. v.  Johann Haar, Nachgelassene Werke 5, München: Christian Kaiser 1974, S. 177.