Archive for the ‘Kirchengeschichte’ Category

„Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein“ – Rudolf Bultmann zur theologischen Aufgabe 1933

20. Mai 2017

Nicht nur Karl Barth hatte im Frühsommer 1933 mit seiner Schrift „Theologische Existenz heute!“ zur theologischen Besinnung im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland aufgerufen. Auch Rudolf Bultmann meldete sich zu Beginn seiner Vorlesung im Sommersemester am 2. Mai 1933 mit seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ zu Wort. Darin heißt es unter anderem:

Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein, und er muss seine Positivität gerade in seiner kritischen Haltung bewähren. Wie kann er das? Weil er nicht nur von Sünde, sondern auch von Gnade weiß. Weil er Gott nicht nur als den Richter kennt, sondern auch als den Erlöser, der durch Jesus Christus seine ursprüngliche Schöpfung wiederherstellt. Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet die Vergebung der Sünde durch die Offenbarung der Liebe Gottes, und sie bedeutet deshalb die Befreiung des Menschen zur Liebe.

Nur wer den jenseitigen Gott kennt, der in Christus sein Wort der Liebe in diese Welt hineinspricht, der vermag sich aus der Verstrickung dieser sündigen Welt zu befreien und einen Blick zu gewinnen, für den die Ordnungen der Welt wirklich als Schöp­fungsordnungen erkennbar sind, deren er sich dankbar zu freuen hat, in denen er still zu leiden hat, in denen er als Liebender zu wirken hat. Er hat für solches Wirken den kritischen Blick gewonnen, den kritischen Blick gegenüber den lauten Forderungen des Tages, indem er das Gute und das Böse in ihnen misst an der Frage, ob und wieweit in ihnen das Gebot der Liebe durchgeführt werde. Den kritischen Blick aber auch sich selbst gegenüber, ob sein Tun ein selbstloser Dienst sei.

Solcher kritische Blick wird das Werben und den Kampf für Staat und Volkstum nie zu einem Werben und einem Kampf für Abstrakta werden lassen. Denn wir dürfen uns nicht den Blick dafür verschleiern lassen, dass Staat und Volkstum aus konkreten Menschen bestehen, die unsere Nächsten sind. Volkstum birgt ebenso wie Menschen­tum die Gefahr, aus einem Konkretum zu einem Abstraktum zu werden! Ist unser Kampf für das Ideal des Volkstums der Kampf für ein Abstraktum oder für eine konkrete Realität? Das Kriterium für jeden unter uns ist doch dieses, ob er bei seinem Kampfe wirklich getragen ist von der Liebe, die nicht nur in eine Zukunft blickt, in der sie ihr Ideal verwirklichen will, sondern die auch den konkreten Nächsten sieht, der in der Alltäglichkeit des Lebens gegenwärtig mit uns verbunden ist. Wohl gibt es Härten in jedem Kampf, und es fallen Opfer. Das Recht, Opfer zu fordern und Härte zu üben, hat nur der, der in denen, die getroffen werden, die Nächsten sieht! Er wird die Art und Weise und die Grenze seines Handelns dann finden. Nur der kann seinem Volkstum echt dienen, der durch den Empfang der Liebe Gottes in Christus zur Liebe befreit ist.

Der vollständige Text seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ findet sich hier als pdf.

„Ihr sollt wissen, daß für euch gebetet wird“ – Karl Barth in einer Weihnachstboschaft an das deutsche Volk vom Dezember 1941

16. Mai 2017

Weihnachtsbotschaft an die Christen in Deutschland vom Dezember 1941 (ausgestrahlt über den deutschsprachigen Dienst der BBC London)

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich habe dankbar und freudig Ja gesagt, als man mich bat, euch heute abend zu grüßen. Es muß nun eben von London aus geschehen, in der Kürze von 500 Worten und durch das Mittel einer fremden Stimme. Ihr werdet doch auch so herzlich aufnehmen, was ich euch herzlich sage: daß ich nicht Weihnacht feiern möchte, ohne gerade an euch zu denken: an meine Freunde und Schüler, an die Vielen, mit denen ich einst in Freud und Leid, im Streit und Frieden verbunden war und auch verbunden bleiben werde.

Aber der Gruß, den ich euch sage, soll nicht nur mein persönlicher, sondern ein Gruß aus der ganzen heiligen und allgemeinen Kirche sein. Es ist in den letzten Jahren still geworden zwischen der Kirche in Deutschland und den Kirchen der anderen Länder. Wir wissen nur wenig von euch und ihr wißt nur wenig von uns. Aber nicht wahr: das Wenige genügt. Ihr wißt und wir wissen, daß ein Herr, ein Geist uns vereinigt im gleichen Glauben, in der gleichen Liebe, in der gleichen Hoffnung. Ihr vertraut und wir vertrauen darauf, daß diese feste Stadt Gottes von keiner Zerstörung bedroht ist. Ihr wartet und wir warten auf den Tag, da sie offenbar werden wird unter einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde.

Laßt euch Eines besonders sagen: Ihr seid bei uns nicht vergessen. Wir wissen nicht um Alles, aber um Vieles, was es euch schwer macht, in diesem Jahr fröhlich zu feiern: um die Trauer und Sorge in vielen eurer Familien, um die Bedrängnis, die es euch kostet, das Evangelium zu bekennen, um das Schreckliche, was eure und unsere Brüder und Schwestern aus Israel in Deutschland durchzumachen haben und nicht zuletzt um den Widerstreit der Gedanken, mit dem ihr das heutige Weltgeschehen begleiten müßt. Ihr sollt wissen, daß für euch gebetet wird. Betet ihr auch für uns! Viel besser aber, nicht wahr, als alles, was wir auch jetzt für einander sein und tun können, ist dies, daß der ewige Gott unser aller gedachte und auch heute gedenkt, indem er unser Bruder wurde und ist, um alle unsere Sünde und Schande und den Tod selber von uns hinwegzunehmen und als unser Heiland der rechte Herr und Sieger über alle Reiche, Mächte und Gewalten dieser dunklen Erde zu sein. Das ist unbegreiflich wahr und herrlich über uns Allen und für uns Alle. Das ist die große Verheißung, uns Christen gegeben, aber für die ganze Welt gültig: daß es keine menschliche Lüge, Anmaßung und Unordnung gibt, die nicht in seiner Wahrheit, in seiner Gerechtigkeit und in seinem Frieden ihre Grenze hätte. Das ist unsere große Freiheit, in der Welt – auch in der Welt des politischen Geschehens – darum keine Angst haben zu müssen, weil er sie überwunden hat. Das ist aber auch die große Erinnerung, daß wir unsere christliche Verantwortlichkeit nicht auf das stille Kämmerlein und nicht auf unser Privatleben und nicht auf das Leben der Kirche beschränken können, sondern sie allezeit und überall fröhlich wahrnehmen dürfen. „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ist auf seiner Schulter“. Sie ist, ihm sei Lob und Dank, keine beschränkte, sondern die unbeschränkte Herrschaft! Ich denke jetzt an eines eurer deutschen Weihnachtslieder und seine letzte Strophe soll der rechte eigentliche Gruß sein, mit dem ich euch in dieser Stunde grüße: „Freu dich, du ewigs Himmelreich, freu dich du Reich der Erden Da Gott euch hat gemachet gleich und ein Reich lassen werden. Drum weil du, lieber Jesu Christ, des Reiches ewiger König bist, So wollst du uns vertreten und vor dem Feind erretten“!

„Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten“ – Karl Barth in einem Brief nach Frankreich, 1939

16. Mai 2017

Karl Barth mit Uniform und Gewehr im Militärischen Hilfsdienst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs

In seinem Schreiben an den französischen Pfarrer Charles Westphal vom Dezember 1939 aus Anlass des Beginns des Zweiten Weltkriegs stellt sich Karl Barth entschieden hinter die Westmächte und begründet, warum gegen den nationalsozialistischen Terror ein christlicher Pazifismus fehl am Platz ist:

„Das kann ja keine Frage sein, daß dieser Krieg für uns alle, die Kriegführenden und die „Neutralen“, ein sehr besonderer Krieg ist, daß er ein ganz anderes Gesicht hat als etwa der von 1914 und als die allermeisten Kriege der letzten Jahrhunderte überhaupt. Frankreich und England haben nach langem – nach vielleicht zu langem, aber in Anbetracht der Schrecklich­keit dieser ultimo ratio doch wohlbegründetem Zögern zu den Waffen gegriffen, um der Will­kür des von der gegenwärtigen deutschen Regierung proklamierten und in steigender Rück­sichtslosigkeit angewendeten Faustrechtes ein Ende zu machen. Der Hitlersche Natio­nalsozialismus ist, nachdem er Deutschland selbst zu einer einzigen Stätte des Terrors und der Angst gemacht, in zunehmendem Maß zu einer Bedrohung von ganz Europa gewor­den. Diese Bedrohung hat zu einem Erwachen geführt. Es gibt in der Sünde und Schande des Lebens aller Völker durch Gottes Güte einen Rest von Ordnung und Recht, von freier Menschlichkeit und vor allem und als Sinn von allem andern: von Freiheit zur Verkündigung des Evangeli­ums. Wo Hitler regiert, da ist es auch um diesen Rest getan. Hitler wollte aber nicht nur in Deutschland regieren. Als das so klar wurde, daß es auch die Blinden sahen, da kam es zum Krieg. „Il faut en finir!“ hat Ihr Ministerpräsident in entscheidender Stunde gesagt, und sein englischer Kollege hat das Wort wiederholt. Man darf es ruhig der Verantwortung dieser Staatsmänner überlassen, wie tief die Absicht ihres Entschlusses begründet ist oder auch nicht ist. Sicher ist, daß auch und gerade jeder Christ, der die letzten Jahre mit offenen Augen und Ohren miterlebt hat, zu diesem „Il faut en finir!“ seinerseits Ja und Amen sagen muß. Gewiß hatten und haben Frankreich und England auch ihre sehr imperialistischen Gründe zu diesem Krieg. Das ändert aber nichts daran, daß es vor Gott und den Menschen nicht zu verantworten wäre, wenn der Versuch, mit dieser Sache, mit der Hitlerschen Bedrohung, Schluß zu machen, nicht unternommen würde. Der Krieg war schließlich das einzige Mittel, das zu diesem Zwecke übrig blieb. Frankreich und England mußten ihn unternehmen, weil die Verantwor­tung für die seit 1919 entstandenen europäischen Verhältnisse – weil die Verantwortung auch dafür, daß Hitler möglich wurde – entscheidend bei ihnen liegt. Aber nun sie ihn unternom­men haben, kann man nicht gut leugnen, daß es in diesem Krieg nicht nur um die Sache Frankreichs und Englands, sondern auch um die aller andern Völker – zuletzt sogar um die Sache des deutschen Volkes selber geht. Das ist das Besondere dieses Krieges, daß er aus einer tödlichen Gefährdung aller entstanden ist und zum Schutze aller geführt werden muß. Auch wir „Neutralen“ sind insofern gar nicht neutral, als wir sehr genau wissen, daß die Anstrengungen und Opfer dieses Krieges auch um deswillen nötig sind, was uns zum Leben unentbehrlicher ist als das Leben selber. Unsre französischen und englischen, aber auch unsre deutschen Freunde sollen es ruhig hören, daß wir denen dankbar sind, die es entspre­chend ihrer geschichtlichen Stellung und Verantwortlichkeit übernommen haben, diesen Krieg gegen Hitler zu führen.

Karl Barth bei einer Wehrübung in Uniform während des Zweiten Weltkriegs

Die Kirche Jesu Christi kann und will nicht Krieg führen. Sie kann und will nur beten, glau­ben, hoffen, lieben, das Evangelium verkündigen und hören. Sie weiß, daß das Ereignis, durch das uns armen Menschen wirklich, ewig und göttlich geholfen ist, nach Sach. 4,6 nicht durch Heeresmacht und Gewalt und überhaupt durch keine menschliche Anstrengung und Leistung geschehen ist, geschieht und geschehen wird, sondern durch Gottes Geist. Sie wird also in der Sache Englands und Frankreichs nicht die causa Dei sehen, und sie wird gegen Hitler nicht den Kreuzzug predigen. Der am Kreuz gestorben ist, ist auch für Hitler gestorben und erst recht für alle die verwirrten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig unter seinen Fahnen stehen. Aber eben weil die Kirche weiß um die Rechtfertigung, die wir Menschen uns selber mit keinem Mittel verschaffen können, kann sie im Großen und im Kleinen nicht gleichgültig, nicht „neutral“ sein, wo nach dem Recht gefragt, wo versucht wird, ein bißchen dürftiges menschliches Recht aufzurichten gegen das überströmende, das schreiende Unrecht. Wo es darum geht, da kann die Kirche ihr Zeugnis nicht verweigern: daß es Gottes Gebot ist, daß das geschehe auf Erden, daß Gott eben dazu die Obrigkeit eingesetzt und ihr das Schwert gegeben hat, und daß die Obrigkeit, die das Recht zu schützen versucht, trotz aller Fehler, derer sie sonst schuldig sein mag, sich eben damit als rechte Obrigkeit legitimiert und von jedermann Gehorsam in Anspruch nehmen darf. Es wäre bedauerlich, wenn die christlichen Kirchen, nachdem sie in früheren Kriegen so oft gedankenlos nationalistisch und militaristisch geredet haben, gerade in diesem Krieg gedankenlos neutral und pazifistisch schweigen wollten. Sie sollen heute in aller Bußfertigkeit und Nüchternheit um einen gerechten Frieden beten und in derselben Bußfertigkeit und Nüchternheit allem Volke bezeugen, daß es nötig und der Mühe wert ist, für diesen gerechten Frieden zu streiten und zu leiden. Sie sollen den Völkern der demokratischen Staaten wahrhaftig nicht einreden, daß sie so etwas wie Gottesstreiter seien: sie sollen ihnen aber sagen, daß wir um Gottes willen menschlich sein dürfen und gegen den Einbruch der offenen Unmenschlichkeit mit der Kraft der Verzweiflung uns wehren müssen. Die Kirchen sind es auch den Christen in Deutschland und dem ganzen deutschen Volke schuldig, ihm zu bezeugen: Eure Sache ist nicht gut! Ihr irrt euch! Laßt von diesem Hitler! Hände weg von diesem Krieg, der ganz allein sein Krieg ist! Kehrt um, solange es noch Zeit ist! Warum sind die Vertreter und Organe der ökumenischen Kirchenbewegung in allen diesen Jahren und noch während der fatalen Entwicklung des letzten Sommers und Herbstes so diplomatisch stumm geblieben, als ob es kein prophetisches Amt Jesu Christi und als ob es keinen Wächterdienst der Kirche gäbe? Warum hörte und hört man jetzt nicht ganz selten Stimmen eines eschatologischen Defaitismus, der sich angesichts der Wahrheit, daß die ganze Welt im Argen liegt, fast schadenfroh damit beschäftigt, festzustellen, daß die heute gegen Hitler stehen, ihrerseits auch keine Heiligen sind? Eben die Erkenntnis, daß Gott allein heilig ist, wird uns aus der Pflicht des heute zu leistenden Widerstandes schwerlich entlassen, im Gegenteil! Die Kirche wird in allen Ländern viel zu trösten haben in den dunklen Zeiten, in die wir allem Anschein nach hineingehen. Sie wird aber nur dann wirklich zu trösten ver­mögen, wenn sie jetzt ohne Haß und Pharisäismus und ohne alle Illusionen über die Güte irgendwelcher Menschen auch mahnen, wenn sie jetzt ernst und offen sagen will, daß Wider­stand heute notwendig ist.“

Hier der vollständige Brief als pdf.

Hermann Diem – Wider das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung. Offener Brief an Landesbischof D. Meiser (Osterbotschaft 1943)

13. Mai 2017

Hermannn Diem (1900-1975) als Pfarrer in Ebersbach an der Fils (1935)

Hermann Diem hatte für den Münchener Lemppschen Kreis um Ostern 1943 eine Denkschrift (Osterbotschaft Münchner Laien) entworfen, die als Grundlage für einen öffentlichen Protest der Kirche gegen die Morde an Juden dienen sollte und dazu dem bayerischen Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) vorgelegt wurde. Meiser lehnte deren Veröffentlichung ab, so dass sie vom Schweizer evangelische Pressedienst im Juli 1943 veröffentlicht worden ist. Der Elberfelder Pfarrer Helmut Hesse (1916-1943) übernahm Teile der Denkschrift in seine Predigt bei einem Bekenntnisgottesdienst im Juni 1943 und bezahlte dafür mit seinem Leben: Er wurde mit seinem Vater verhaftet und starb im November 1943 im Konzentrationslager Dachau an Niereninsuffizienz, weil man ihm lebenswichtige Medikamente verweigert hatte. Die Denkschrift ist in ihrer israeltheologischen Diktion und als christliches Zeugnis gegen die nationalsozialistische Judenvernichtung beachtenswert:

Wider das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung. Offener Brief an Landesbischof D. Meiser, 1943

Hochwürdiger Herr Landesbischof!

Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, daß die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt. In der Kirche des Evangeliums sind alle Gemeindeglieder mitverantwortlich für die rechte Ausübung des Predigtamtes. Wir wissen uns deshalb auch für sein Versagen in dieser Sache mitschuldig. Der zur Zeit drohende nächste Schritt: die Einbe­ziehung der sog. „privilegierten“ Juden in diese Verfolgung unter Aufhebung der nach Gottes Gebot gültigen Ehen mag der Kirche die Veranlassung geben, das durch Gottes Wort von ihr geforderte Zeugnis abzulegen gegen diese Verletzung des 5., 6., 7., 8., 9. und 10. Gebotes und damit endlich das zu tun, was sie längst hätte tun müssen.

Was uns treibt, ist zunächst das einfache Gebot der Nächstenliebe, wie es Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ausgelegt und dabei ausdrücklich jede Einschränkung auf den Glaubens-, Rassen- oder Volksgenossen abgewehrt hat. Jeder „Nichtarier“, ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland der „unter die Mörder Gefallene“, und wir sind gefragt, ob wir ihm wie der Priester und Levit, oder wie der Samariter begegnen.

Von dieser Entscheidung kann uns keine „Judenfrage“ entbinden. Vielmehr hat die Kirche bei diesem Anlaß zugleich zu bezeugen, daß die Judenfrage primär eine evangelische und keine politische Frage ist. Das politisch irreguläre und singuläre Dasein und Sosein der Juden hat nach der Heiligen Schrift seinen alleinigen Grund darin, daß dieses Volk von Gott als Werk­zeug seiner Offenbarung in Beschlag genommen ist.

Anfang der von Hermann Diem maschinengeschriebenen Osterdenkschrift (© Landeskirchliches Archiv Stuttgart, D1/108)

Die Kirche hat daher allen Juden unermüdlich zu bezeugen, so wie es die ersten Apostel – nach Golgatha! – getan haben: „Euch zuvör-[109]derst hat Gott auferweckt seinen Knecht Jesus und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, daß ein jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit“ (Acta 3,26). Dieses Zeugnis kann die Kirche nur dann für Israel glaub­würdig ausrichten, wenn sie sich zugleich um den „unter die Mörder gefallenen“ Juden annimmt.

Sie hat dabei insbesondere jenem „christlichen“ Antisemitismus in der Gemeinde selbst zu widerstehen, der das Vorgehen der nichtchristlichen Welt gegen die Juden, bzw. die Passivität der Kirche in dieser Sache mit dem „verdienten“ Fluch über Israel entschuldigt und die Mah­nung des Apostels an uns Heidenchristen vergißt: „Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, daß er vielleicht dich auch nicht verschone“ (Röm 11,20f).

Dem Staat gegenüber hat die Kirche diese heilsgeschichtliche Bedeu­tung Israels zu bezeugen und jedem Versuch, die Judenfrage nach einem selbstgemachten politischen Evangelium zu „lösen“, d. h. das Judentum zu vernichten, aufs äußerste zu widerstehen als einem Versuch, den Gott des 1. Gebotes zu bekämpfen. Die Kirche muß bekennen, daß sie als das wahre Isra­el in Schuld und Verheißung unlösbar mit dem Judentum verknüpft ist. Sie darf nicht länger versuchen, vor dem gegen Israel gerichteten Angriff sich selbst in Sicherheit zu brin­gen. Sie muß vielmehr bezeugen, daß mit Israel sie und ihr Herr Jesus Christus selbst bekämpft wer­den.

Das Zeugnis, das der Kirche durch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter geboten ist, wird also durch die „Judenfrage“ nicht etwa suspendiert. Das Phänomen der Juden, an denen sich die prophetische Weissagung erfüllt, „daß sie sollen zum Fluch, zum Wunder, zum Hohn und zum Spott unter allen Völkern werden“ (Jer 29,18), be­zeugt aller Welt den Gott des 1. Gebotes, der durch sein Handeln an Israel seinen Herrschaftsanspruch an die Völker kundtut. Dieses Phänomen hat die Kirche zu interpretieren. Sie hat also durch ihre Ver­kündigung dafür zu sorgen, daß die Regierenden diesem Zeugnis nicht auszuweichen versuchen durch Beseiti­gung dieses Phänomens. Das tut sie durch die Verkündigung des Evangeliums von dem Gott, der Israel und uns „aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt hat“ (2. Mose 20,2) und trotz aller Untreue der von ihm aus Juden und Heiden Erwählten seinem Bund treu bleibt. Sie bezeugt damit den Regierenden, daß diese allein durch den Glauben an Jesus Christus frei werden können von der Dämonie ihres politischen „Evangeliums“, das sie in ihrer durch kein Gesetz Gottes begrenzten Besessenheit verwirklichen wollen. [110] Die Kirche hat also den Regierenden für ihr Verhalten gegen Israel nicht nur die Gebote der 2. Tafel zu predigen, sondern zugleich zu bezeugen, daß diese Predigt durch das 1. Gebot gefordert ist und daß die Regierenden nur im Gehorsam gegen den Gott des 1. Gebotes ihr Amt recht ausrichten, d. h. das Gesetz recht handhaben können.

Das Zeugnis der Kirche gegen die Judenverfolgung in Deutschland wird so zu einem mit besonderem Gewicht ausgestatteten Sonderfall des der Kirche gebotenen Zeugnisses gegen jede Verletzung der 10 Ge­bote durch die staatliche Obrigkeit. Sie hat im Namen Gottes – also nicht mit politischen Argumenten, wie das ab und zu schon geschehen ist – den Staat davor zu warnen, daß er „den Fremdlingen, Witwen und Waisen keine Gewalt tut“ (Jer 7,6), und ihn zu erinnern an seine Aufgabe einer gerechten Rechtsprechung in einem ordentlichen und öffent­lichen Rechtsverfahren aufgrund humaner Gesetze, an das Gebot der Billigkeit im Strafmaß und im Strafvollzug, an seinen Rechtsschutz für die Unterdrückten, an die Respektierung gewisser „Grundrechte“ seiner Untertanen usw.

Dieses Zeugnis der Kirche muß öffentlich geschehen, sei es in der Predigt, sei es in einem besonderen Wort des bischöflichen Hirten- und Wächteramtes. Nur so kann es seine Aufgabe erfüllen, allen denen, die legislativ oder exekutiv an dieser Verfolgung mitwirken, und zu­gleich den betroffenen Juden und der in ihrem Glauben angefochtenen christ­lichen Gemeinde die schuldige Unterweisung der Gewissen zu geben. Alles, was bisher von der Kirche in Deutschland in dieser Sache getan wurde, kann nicht als ein solches Zeugnis gelten, da es weder öffentlich geschah noch inhaltlich der Aufgabe des Predigtamtes in dieser Sache gerecht wurde.

Wenn wir uns an Sie wenden, hochwürdiger Herr Landesbischof, da­mit Sie das der Kirche gebotene Zeugnis veranlassen, so bitten wir Sie dringend: Sehen Sie in unserem Schritt nicht nur eine jener Mahnungen zu kräftigerem Reden, denen Sie aufgrund der größeren Übersicht, die Sie durch Ihr hohes Amt haben, allerlei Erwägungen der Zweckmäßig­keit eines solchen Schrittes im Blick auf die möglichen Folgen nicht nur für die Kirche, sondern auch für die betroffenen Juden selbst entgegenstellen könnten. Es geht uns nicht um Komparative. Wir meinen auch jene Folgen schon selbst soweit bedacht zu haben, als dies erlaubt und geboten ist. Aber es geht uns um etwas anderes:

Als lutherische Christen wissen wir mit Artikel V des Augsburgischen Glaubensbekennt­nisses, daß wir ohne das Predigtamt der Kirche nie [111] zum Glauben kommen können. Darum treibt uns neben dem Mitleid für die Verfolgten die Angst, das Predigtamt unserer Kirche könne durch sein Schweigen sein Dasein sichern wollen um den Preis, daß es dafür seine Vollmacht und Glaubwürdigkeit zu binden und zu lösen verliert. Und damit wäre alles verloren – mit der Kirche wäre auch unser Volk verloren.

München, an Ostern 1943

Quelle: Hermann Diem, sine vi – sed verbo. Aufsätze, Vorträge, Voten, hrsg. v. Uvo Andreas Wolf, TB 25, München: Chr. Kaiser 1965, 108-111.

Hier Diems Text als pdf.

 

„Am Anfang war das Jubeljahr“ – Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor

5. Mai 2017

Plakat zum Reformationsjubiläum 1917

Die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg hat wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass das sogenannte „Reformationsjubiläum“ das Urjubiläum aller historischen Jubiläen sei. So schreibt sie:

„Erfunden wurde das historische Jubiläum von protestantischen Universitäten, die im 16. Jahrhundert begannen, das Gedächtnis ihrer eigenen Gründung an runden Daten festlich zu begehen. Im Jahr 1617 gelang der bis dahin akademischen und lokalen Praxis der Sprung auf die große gesellschaftliche, ja internationale Bühne: mit dem ersten Zentenarium (Jahrhundertfeier) von Martin Luthers Thesenanschlag von 1517, dessen Bedeutung als Schlüsselereignis der Reformation, ja der von ihr geprägten Geschichte überhaupt damit fixiert war. Im Wettstreit zweier evangelischer Fürsten, der Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz, eines Lutheraners und eines Reformierten, die sich durch eine solche Feier als Anführer der Protestanten im Heiligen Römischen Reich profilieren wollten, wurde der 31. Oktober 1617 oder der Sonntag danach zur 100-Jahr-Feier des Anfangs der Reformation. Es war so eindrücklich, dass das Gedächtnis des Thesenanschlags hinfort an vielen Orten alle 100, alle fünfzig, ja schließlich alle 25 Jahre gefeiert wurde.

Dem Erfolg dieser neuen Form des Feierns und Gedenkens konnte sich auch der konfessionelle Gegner nicht entziehen, ebenso wenig Gruppen, die nicht-kirchlicher Ereignisse gedenken wollten. So wurde das Jubiläum schließlich zu dem allgegenwärtigen Element des kulturellen Lebens, als das wir es kennen. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, der Zeit des Historismus, die das Jubiläum ebenso liebte wie das historische Denkmal, fand man überall in der westlichen Welt immer neue Anlässe für festliches historisches Gedenken, wobei man bevorzugt nun auch biografisches, an den Geburts- und Todestagen bedeutender Männer, gelegentlich auch Frauen, festgemachtes Gedenken pflegte. Freilich war solche Bereicherung und Befestigung des kulturellen Gedächtnisses keine bloße Beschäftigung mit der Vergangenheit. Vielmehr feierte jede Epoche im Spiegel des Vergangenen, was sie an Großem und Bedeutendem auf das gefeierte Vergangene zurückführte – und damit, was sie für groß und bedeutend hielt. So wurden die Jubiläen zu gesellschaftlichen Großereignissen, in denen die jeweiligen Zeiten sich selbst inszenierten und die gefeierten Gegenstände von dort aus immer neu in Szene setzten.“ (Im Anfang war das Reformationsjubiläum. Eine kurze Geschichte von Reformationsfeiern und Lutherbildern, Die politische Meinung, Sonderausgabe 4, 2016)

Man müsste präzisierend ergänzen, dass das 100jährige Jubiläum des Thesenanschlags als Zentenarium wiederum durch die Einführung des „Heiligen Jahres“ (annus sanctus) inspiriert gewesen ist, das Papst Bonifatius VIII. 1300 erstmals für Rompilger ausgerufen hatte. Bei Erfüllung bestimmter Bedingungen wird den Gläubigen einen vollständigen Ablass der zeitlichen Sündenstrafen gewährt. Das „Heilige Jahr“ wiederum greift auf das alttestamentliche Jubeljahr (vgl. 3. Mose 25) zurück und überträgt den Charakter des Erlassjahres alle 7 x 7 Jahre (= 49 Jahre) auf den Ablass der Kirche. Etymologisch steckt im „Jubiläum“ (lat. annus jubilaeus) das hebräische jōbel. Das lateinische jubilum (Jauchzen) bleibt dabei außen vor. Ursprünglich sollte nach 1300 das nächste Jubeljahr mit einem Plenarablass wieder nach 100 Jahren folgen; der Abstand wurde aber von päpstlicher Seite im Laufe der Zeit immer weiter verringert. Schließlich galt seit Paul II. 1470 jedes 25. Jahr als „Jubeljahr“.

So schreibt Thomas Kaufmann in seinem Aufsatz „Reformationsgedenken in der Frühen Neuzeit. Bemerkungen zum 16. bis 18. Jahrhundert“ (ZThK 107, 2010, S. 285f):

„Das heute weithin selbstverständlich verbreitete Phänomen, ein historisches Ereignis gemäß einem bestimmten zeitlichen Intervall erinnernd zu vergegenwärtigen und hinsichtlich seiner Bedeutung für die Gegenwart zu reflektieren, d. h. als historisches Jubiläum zu begehen, entstand in kritischer Anknüpfung an die alttestamentlichen Jobel- und die seit 1300 begegnenden päpstlichen Jubeljahre an den protestantischen Universitäten des 16. Jahrhunderts. Die frühesten Beispiele historischer Jubiläen beziehen sich auf Stiftungsfeiern, wie sie die Universität Tübingen 1578, die Universität Heidelberg aus Anlass ihres 200jährigen Bestehens 1587, die Universität Wittenberg anlässlich ihrer 100-Jahr-Feier 1602 und die Universität Leipzig zum 200. Gründungsjubiläum 1609 begingen. Dass die Verwendung des zeitlichen Intervalls eines Jahrhunderts wesentlich durch die historiographischen Innovationen der zeitgenössischen Kirchengeschichtsschreibung, insbesondere die sogenannten Magdeburger Centurien, inspiriert war, besitzt größte Wahrscheinlichkeit. Das Reformationsjubiläum des Jahres 1617 stellt die erste breitenwirksamere außeruniversitäre Feier eines historischen Jubiläums dar. Dass es zu dieser Jubiläumsfeier von ausstrahlender öffentlicher Wirksamkeit kam, ist einerseits konkreten historischen Umständen geschuldet, basiert andererseits auf einer tiefen Verwurzelung der Reformations- und Luthermemoria in der lutherischen Konfessionskultur des 16. Jahrhunderts.“

Man könnte das als Ironie der Geschichte sehen: Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor (zu den weiteren Kohärenzen von Ablass und Reformation siehe Berndt Hamm, Ablass und Reformation, Tübingen 2016).

„Barmen ist zu einer alten Fahne geworden, die man alle fünf Jahre entrollt“ – Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis

29. April 2017

Nachdem ja die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern nun einen Satz zu Barmen in ihren Grundartikel eingefügt hat („In der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 weiß sie die befreiende und verbindliche Kraft des Evangeliums Jesu Christi aufs Neue bekannt“), die Stimme des Altmeisters Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis:

An Pfarrer Arnold Bittlinger,
Klingenmünster (Pfalz)

Basel, 4. Februar 1964

Sehr geehrter Herr Pfarrer!

Sie waren so freundlich, mich in Ihrem Brief vom 20. Januar zu einem Vortrag im Rahmen der auf den Herbst vorgesehenen Evangelischen Woche einzuladen. [Vorgesehenes Generalthema: «30 Jahre Barmer Bekenntnis». Barth sollte über die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung sprechen.]

Indem ich das in mich gesetzte Vertrauen zu schätzen weiß, muß ich Ihnen doch sagen, daß ich aus äußern und innern Gründen nicht in der Lage bin, Ihrem Wunsche zu entsprechen. [Am Vortag, 3.2.1964, hatte Barth die Einladung, zu demselben Jubiläum einen Artikel zu schreiben, mit ähnlicher Begründung abgelehnt.]

Vorträge dieser Art lagen mir nie so recht, und jetzt bei deutlichem Abnehmen meiner physischen Mobilität erst recht nicht. Es kommt dazu, daß es mich nicht eben freut, daß Barmen, statt daß auf seiner Linie gedacht, geredet, gehandelt und gelebt wird, zu einer alten Fahne geworden ist, die man alle fünf Jahre entrollt, vor den Augen der kaum interessierten Jugend ein bißchen hin und her schwenkt und dann wieder in die Mottenkiste versorgt. Das mag ich nicht unterstützen. Wenn Barmen wieder einmal eine lebendige Sache werden wird, dann werden, ihrerseits in einem ähnlichen Aufbruch begriffen wie wir damals, jüngere Menschen dazu das Wort ergreifen.

Ich bitte Sie herzlich, das freundlich zu verstehen und mich für entschuldigt zu halten.

Mit den besten Grüßen und Wünschen

Ihr Karl Barth
Quelle: Karl Barth, Briefe 1961-1968 (GA V.6).

„Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschränkung zu“

8. März 2017

Die Papst Benedikt XVI. am 25. Mai 2011 geschenkte Tiara

Wer wissen will, was die römisch-katholische Kirche im Unterschied zu anderen Kirchen ausmacht, muss sie als Rechtsgemeinschaft unter der päpstlichen Primatialgewalt verstehen. Wie diese Rechtsgemeinschaft gefasst ist und was sie für den einzelnen Christ austrägt, ist im Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983 definiert. Aufschlussreich ist, was Norbert Lüdecke, katholischer Professor für Kirchenrecht in Bonn, über die päpstliche Primatialgewalt in seinem Lexikonartikel „Papst“ (aus dem Evangelischen Staatslexikon) schreibt:

„Der Papst besitzt die formal so qualifizierte Gewalt in ih­rer ganzen Fülle. Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschrän­kung zu. Die Vollgewalt mit ihren Funktionen der Ge­setzgebung, der Rechtspre­chung und der Verwaltung erstreckt sich auf die Glaubens- und Sitten­lehre wie auf die gesamte kirchliche Rechtsordnung, auf Lehre und Disziplin.

  1. Verkündet der Papst als oberster Hirte und Lehrer aller Gläubigen (ex cathedra) eine offen­barte oder nach seiner Bestimmung eng mit der Offenbarung zusammenhän­gende Glaubens- oder Sittenlehre als endgültig verpflich­tend, kommt ihm Unfehlbarkeit im Lehramt zu. So vorgelegten Dogmen (KKK 88) müssen die Gläubigen unter Strafe vorbehaltlos und unwider­ruflich zustimmen (cc. 750, 1364, 1371 n. 1). Seinen übrigen Lehren und moralischen Urtei­len über menschliche Dinge jedweder Art bzgl. der Grundrechte der Person und des Seelen­heils darf nicht öffentlich widersprochen werden (cc. 752, 1371 n. 1).
  2. Der Papst ist höchster Gesetzgeber. Schranken sind nur das weder änder- noch dispen­sier­bare göttliche Recht (ius divinum) und die anderen lehramtlich festgestell­ten Dog­men. Im Übrigen ist er Herr der Gesetze, kann sie än­dern, aufheben, von ihnen befrei­en (Dispens) oder durch Sonder- oder Ausnahmerechte (Privilegien) ersetzen. Er legt seine Gesetze authentisch aus und ist an sie (nur) mo­ralisch gebunden. Er legt die kirchliche Kompetenzordnung fest. Untergeordnete Gesetzgebung gegen päpstli­che Gesetze ist ungültig (c. 135 § 1).
  3. Der Papst ist oberster Richter (c. 1442). Sein Urteil ist in­appellabel (c. 333 § 3).
  4. Als oberster Inhaber der vollziehenden Gewalt regiert der Papst die gesamte Kirche, fördert ihr Gemeinwohl in höchster Verantwortlichkeit, leitet und überwacht den Vollzug der bestehenden Gesetze. Dazu bedient er sich der römischen Kurie (c. 360). Das kirchliche Leben überwacht er durch Apostolische Gesandte oder andere Beauftragte sowie persönlich, wenn die Diözesanbischö­fe alle fünf Jahre zur Rechen­schaftslegung vor ihm er­scheinen müssen (c. 400). Verwaltungshandeln des Papstes ist nicht rekursfähig (c. 333 § 3).“

Codex Iuris Canonici

Über die Eigenart des Codex Iuris Canonici (CIC) schreibt Lüdecke in seinem diesbezüglichen Lexikonartikel (ebenfalls aus dem Evangelischen Staatslexikon):

„A. Der CIC ist die wichtigste rechtliche Transformation des II. Vatikanischen Konzils. Die vom Initiator gewünschte und vom Erlasser konstatierte Übereinstimmung von Konzil und Codex ist mit der primatialen Promulgation verbindlich beurteilt. Das Konzil kann gegen den CIC nicht angerufen werden.

B. In gewollter Kontinuität zu der neuzeitlich-absolutistische Gesetzgebungstechnik nach­ah­menden erstmaligen Kodifi­kation von 1917 ist der CIC genetisch wie konzeptionell Zeuge und verfeinerter Garant der päpstlichen Zentralge­walt. In der Diktion des zweiten Vatikanums bleibt die Ekklesiologie des ersten bestimmend.

C. Der CIC ist unhintergehbarer Ausdruck des amtlichen Selbstverständ­nisses der römisch-kath. Kirche, als Glaubens- zugleich Rechtsgemeinschaft zu sein.

D. Aufgrund der in kath. Sicht inneren Verbundenheit von Christusbeziehung und Kirch­lich­keit verwirklicht sich Heilsteilhabe durch Rechtsgefolgschaft (cc. 748, 205, 209, 1752). Unter die­sem Vorbehalt und zu diesem Zweck kommen den Gläu­bigen an Pflichten gekoppelte Rechte zur Mitwirkung an der kirchlichen Sendung (cc. 209, 223 § 1) zu. Die Aus­übung der Rechte steht unter hierarchischer Kuratel (c. 223 § 2). Sie sind weder Grund- noch Freiheits­rechte im staatlichen Sinn.

E. Die wahre Gleichheit der Gläubigen meint die gleiche Taufwürde, nicht Gleichberech­ti­gung (c. 208).

F. Das ka­nonische Recht ist konstitutiv staatsanalog-vordemokratisches Recht. Weil auf die Umsetzung des lehrmäßig bestimmten Gemeinwohls, die salus ani­marum, zielend, ist es materiales und zugleich morali­sches, im Gewissen verpflichtendes, auf die ganze Person zugreifendes Recht (cc. 210, 750, 752 f., 1249). Wegen der Letztverantwortung der Hirten für die Ermög­lichung der salus animarum ist es pastorales Recht. Weil es im göttlichen Recht gründet und dessen Schutz vor Missbrauch durch den dominus canonum gläubig dem Heili­gen Geist überlassen wird, ist es geistliches Recht.“

Was eine „korrekte Kanonistik“ (vgl. c. 16 § 1: „Gesetze interpretiert authentisch der Gesetzgeber und derjenige, dem von diesem die Vollmacht zur authentischen Auslegung übertragen worden ist.“) bezüglich des Codex Iuris Canonici zur Darstellung bringen muss, findet sich in Norbert Lüdecke/Georg Bier, Das römisch-katholische Kirchenrecht. Eine Einführung (Stuttgart, Kohlhammer 2012).

Reformation als Apokalypse. Der Lauinger Maler Matthias Gerung hat den Glaubenskampf in Bilder gefasst

23. Januar 2017
Matthias Gerung - Geistliche und weltliche Herrscher sieden im Kessel (zu Offenbarung 9)

Matthias Gerung – Geistliche und weltliche Herrscher sieden im Kessel (zu Offenbarung 9)

Eine der schärfsten bildlichen Abrechnungen mit der römischen Kirche und dem Papsttum während der späteren Reformationszeit stammt aus meinem Heimatdekanat Neu-Ulm. Der Maler und Holzschneider Matthias Gerung (1500-1570) hatte in seiner Werkstatt in Lauingen an der Donau zwischen 1544 bis 1558 27 Holzschnitten zur Apokalypse mit 32 entsprechenden Allegorien zu biblischen Geschichten oder reformatorischen Szenen seiner Gegenwart angefertigt. Nun hat in der aktuellen Ausgabe des Sonntagsblattes. Gemeindeblatt für Augsburg und Schwaben Andreas Jalsovec einen Beitrag über Gerung veröffentlicht.

Der Artikel über Gerung findet sich hier als pdf.

Johann Michael Feneberg in Roland Werner/Johannes Nehlsen, Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen

5. Dezember 2016

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Für das jüngst erschienene Buch „Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen“ habe ich zwei Lebensbilder verfasst. Eines davon ist über Johann Michael Feneberg, dem katholischen Pfarrer und Mentor der Allgäuer Erweckungsbewegung, dessen Grab in Vöhringen an der Marienkirche ist:

  1. Johann Michael Feneberg (1751-1812)

„Der Weg zur Gerechtigkeit ist der lebendige Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes: Christus für uns. Und der Weg zur Herrlichkeit ist die treue Anwendung der erlangten göttlichen Kraft, die uns um unseres Glaubens willen geschenkt ist: Christus in uns.“

Auf dem Grabstein von Pfarrer Johann Michael Feneberg in Vöhringen an der Iller steht das Gedicht: «Das Taufbuch nannt ihn Michael, der Freunde Chor Nathanael. Er war’s, ohn alles Falsch und Ziererei, stillsinnig, fromm, gerad und froh dabei, und seinem Christus bis ans Ende treu. Ihm glaubend, scheut er nicht des Tages Jammer, nicht Stelze, nicht des Todes letzte Not, ging, wie in eine andere Kammer, von seinen lieben Freunden fort, und ist nun dort – daheim bei seinem Gott.»

Diese innigen Worte stammen von Fenebergs berühmtem Freund Johann Michael Sailer. Mit der «Stelze» ist die Beinprothese gemeint, die Feneberg seit einem Reitunfall tragen musste, bei dem er 1793 einen Teil seines Beines verloren hatte.

Seine Erweckung verdankte er zwei Mägden, die ihm sein Vetter Martin Boos, ebenfalls ein erweckter katholischer Pfarrer, im Advent 1796 vorgestellt hatte. Die eine, Theresia Erdt, bedrängte ihn mit der Frage, «ob er glaube, dass Christus zu ihm komme und künftig mit ihm den Willen des Vaters tun wolle?». Feneberg machte sein Ja von einem «Zeichen von oben» abhängig: Würde die Magd es wagen, die unüberbrückbare Schranke zwischen Priester und Laien durch einen geschwisterlichen Kuss zu überschreiten? Theresia tat es, und Feneberg sah darin die göttliche Antwort. Von diesem Zeitpunkt an zählte auch er zu den Erweckten.

Feneberg mit Zech (1808)

Seine Pfarrei Seeg wurde zum Zentrum der Allgäuer Erweckungsbewegung. Sie galt jedoch dem bischöflichen Ordinariat in Augsburg als sektiererisch. Man führte 1797 im Pfarrhof eine Hausdurchsuchung durch und beschlagnahmte viele Bücher und handschriftliche Notizen. Feneberg musste vor einer bischöflichen Kommission in Augsburg zwölf Sätzen abschwören und durfte erst dann heimreisen.

Auf Fenebergs Siegel lehnen Gehstock und Prothese am Kreuz. Er hatte in seinem Leben viel zu ertragen. Dennoch blieb er «seinem Christus bis ans Ende treu». Auch evangelische Christen können von einem katholischen Pfarrer lernen, aufzusehen zu Jesus, «dem Anfänger und Vollender des Glaubens» (Hebräer 12,2). (JT)

Apocalypse Now – Matthias Gerung und seine reformatorische Holzschnitte zum Buch der Offenbarung

21. November 2016
Die Zerstörung der altgläubigen Kirche mit Bezug auf die Offenbarung Kapitel 18

Matthias Gerungs Holzschnitt zur Offenbarung Kapitel 18, der die Zerstörung der altgläubigen Kirche zeigt

Das hätte ich nicht gedacht. Eine der schärfsten bildlichen Abrechnungen mit der römischen Kirche und dem Papsttum während der späteren Reformationszeit stammt aus meinem Heimatdekanat Neu-Ulm. Der Maler und Holzschneider Matthias Gerung (1500-1570) hatte in seiner Werkstatt in Lauingen an der Donau zwischen 1544 bis 1558 27 Holzschnitten zur Apokalypse mit 32 entsprechenden Allegorien zu biblischen Geschichten oder reformatorischen Szenen seiner Gegenwart angefertigt.

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Die wahre Kirche Jesu Christi als Schiff, das in der Seeschlacht gegen die Altgläubigen triumphiert (Holzschnitt von 1548)

Angefertigt wurden diese Holzschnitte als Illustrationen zu einem Buchprojekt, der von dem bibliophilen Pfalzgraf Ottheinrich nach dessen Übertritt zum Protestantismus 1542 veranlassten deutschen Übersetzung des antipäpstlichen Apokalypsenkommentars „In Apocalypsin Joannis Apostoli Commentarius“ (Zürich: Froschauer 1539) aus der Feder des Berner Predigers Sebastian Meyer. Von  dem Buchprojekt selbst ist einzig eine Handschrift mit Gerungs Holzschnitten als Codex germ. 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München überliefert (nicht zu verwechseln mit der Ottheinrich-Bibel, für die Gerung ebenfalls Holzschnitte zur Apokalypse 1530/32 angefertigt hatte). Eine erste wissenschaftliche Beschreibung einzelner Holzschnitte (ohne Kenntnis des Buchprojekts) hatte Campbell Dodgson bereits 1908 unter dem Titel „Eine Holzschnittfolge Matthias Gerungs“ im Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen, 29. Band, Seiten 195-216 veröffentlicht.

Zu Gerungs Holzschnittillustrationen schreibt Petra Roettig in ihrer Dissertationsschrift Reformation als Apokalypse – Die Holzschnitte von Matthias Gerung im Codex Germanicus 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Frankfurt am Main: Peter Lang 1991) Folgendes:
„Links auf einer solchen Doppelseite im Codex stehen jeweils die Illustrationen zur Apokalypse, während auf der rechten Seite in den meisten Fällen die gleiche apokalyptische Textstelle in ihrer allegorisch-satirischen Anwendung auf den Papst, die katholische Kirche und die Türken gezeigt wird. Durch diese synoptische Gegenüberstellung gelingt es Gerung nicht nur Meyers Prinzip der doppelten Schriftauslegung als Bildkonzept aufzunehmen. Dem Betrachter wird vielmehr durch die „wechselseitige Erhellung“ von apokalyptischen und satirischen Blättern der im Kommentar vorgegebene Deutungszusammenhang anschaulich erläutert. Als Vorlage für dieses durchaus polemische Illustrationsverfahren dürfte Gerung das „Passional Christi und Antichristi“ gedient haben. Dieses war 1521 unter Luthers Führung mit Illustrationen von Cranach und Texten von Melanchthon und Schwertfeger erschienen. Wie später bei Gerungs Holzschnittfolge sind hier schon jeweils zwei Holzschnitte antithetisch einander gegenübergestellt. Der linke zeigt Szenen aus dem Leben Christi, denen auf der rechten Seite mit polemischer Absicht entsprechende Darstellungen aus dem Leben des Papstes kontrastiert werden. Die Nachfolge Christi durch den Papst erscheint in diesen Bildantithesen als Perversion des christlichen Vorbildes.“ (Seite 51f)

Mit Roettig (S. 238f) ist anzunehmen, dass die theologische Konzeption der Illustrationen dem Übersetzer des Apokalypsenkommentars, Laurentius Agricola (1497-1564) verdankt. Dieser wurde von Pfalzgraf Ottheinrich 1544 als evangelischer Prediger in das Dominikanerinnenkloster Maria Medingen bei Lauingen entsandt. 1557 wurde er von Ottheinrich als Prediger von Lauingen entlassen und ausgewiesen, da er die zwinglische Abendmahlslehre vertrat und wohl kurfürstliche Räte geschmäht hatte.

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Matthias Gerung, Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546 (Öl auf Lindenholz, 1551, Lauingen, Heimathaus)

Dass sich Gerung den politischen Machtverhältnissen malerisch anpassen konnte, zeigt sein Bild Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546, das die Huldigung Kaiser Karl V. in dessen Feldlager durch den Bürgermeister von Lauingen während des Schmalkaldischen Kriegs darstellt.

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Man wird wohl Gerung nicht allzu große evangelische Prinzipientreue unterstellen können, wenn er für den altgläubigen Augsburger Bischof Otto von Waldburg dessen Missale 1555 mit Holzschnitten illustriert hat. Richtig bissig und satirisch wird er jedoch, wenn der Papst mit Schlüssel und Ablassbrief in den Teufelsrachen düsen muss, wo schon Mönche und Nonnen tafeln, und der Teufel dabei selbst auf einem mehrfach gesiegelten Ablassbrief „thront“.

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Matthias Gerung (zugeschrieben), Satire auf den Ablasshandel (kolorierter Holzschnitt um 1535, Kunstsammlungen Veste Coburg)

Dazu schreibt Dr. Johannes Pommeranz, Sammlungsleiter für Handschriften und seltene Drucke am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg:

„Ein besonders drastisches Beispiel für die reformatorische Bildpolemik gegen die Ablasspolitik des Papstes gibt ein Matthias Gerung (um 1500–1570) zugeschriebener Holzschnitt ab, der vor 1536 entstanden sein dürfte. Glaubt man dem Spottblatt, dann ist die Hölle weiblich. Als Teufel in Harpyiengestalt sitzt sie auf einem päpstlichen Ablassbrief. Ein Bein badet in einem Weihwasserkessel, die Rechte hält bettelnd eine Almosenbüchse ausgestreckt. Das Auffälligste aber ist der Rachen, in dem es sich Nonnen wie Mönche gut gehen lassen und der in früheren Abdrucken dem heranfliegenden Papst als Landeplatz diente. Neu an dem Bild ist die Unbekümmertheit seiner Gäste. Der Eingang zur Unterwelt wird zum Esszimmer, das zum fröhlichen Miteinander einlädt. Die drohende Gefahr, zermalmt und somit selbst zu einem leckeren Happen zu werden, nimmt nur der Betrachter des Blatts wahr. Die Bosch’schen Züge der Komposition und deren Verwandtschaft mit Gemälden des Antwerpener Malers Jan Mandyn (1500–1560) blieben nicht unbemerkt.“ (Die Hölle und ihr Rachen. Gedanken zur Alltäglichkeit eines christlichen Bildmotivs, in: Monster: fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik; Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg vom 7. Mai bis 6. September 2015. Nürnberg 2015, S. 378-405, hier 396f)

Weitere Bilder von Matthias Gerung (vor allem Holzschnitte zur Ottheinrich-Bibel) finden sich unter Wikimedia Commons.

Noch umfangreicher ist die Bildersammlung bei Zeno.