Archive for the ‘Kirchengeschichte’ Category

„Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschränkung zu“

8. März 2017

Die Papst Benedikt XVI. am 25. Mai 2011 geschenkte Tiara

Wer wissen will, was die römisch-katholische Kirche im Unterschied zu anderen Kirchen ausmacht, muss sie als Rechtsgemeinschaft unter der päpstlichen Primatialgewalt verstehen. Wie diese Rechtsgemeinschaft gefasst ist und was sie für den einzelnen Christ austrägt, ist im Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983 definiert. Aufschlussreich ist, was Norbert Lüdecke, katholischer Professor für Kirchenrecht in Bonn, über die päpstliche Primitialgewalt in seinem Lexikonartikel „Papst“ (aus dem Evangelischen Staatslexikon) schreibt:

„Der Papst besitzt die formal so qualifizierte Gewalt in ih­rer ganzen Fülle. Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschrän­kung zu. Die Vollgewalt mit ihren Funktionen der Ge­setzgebung, der Rechtspre­chung und der Verwaltung erstreckt sich auf die Glaubens- und Sitten­lehre wie auf die gesamte kirchliche Rechtsordnung, auf Lehre und Disziplin.

  1. Verkündet der Papst als oberster Hirte und Lehrer aller Gläubigen (ex cathedra) eine offen­barte oder nach seiner Bestimmung eng mit der Offenbarung zusammenhän­gende Glaubens- oder Sittenlehre als endgültig verpflich­tend, kommt ihm Unfehlbarkeit im Lehramt zu. So vorgelegten Dogmen (KKK 88) müssen die Gläubigen unter Strafe vorbehaltlos und unwider­ruflich zustimmen (cc. 750, 1364, 1371 n. 1). Seinen übrigen Lehren und moralischen Urtei­len über menschliche Dinge jedweder Art bzgl. der Grundrechte der Person und des Seelen­heils darf nicht öffentlich widersprochen werden (cc. 752, 1371 n. 1).
  2. Der Papst ist höchster Gesetzgeber. Schranken sind nur das weder änder- noch dispen­sier­bare göttliche Recht (ius divinum) und die anderen lehramtlich festgestell­ten Dog­men. Im Übrigen ist er Herr der Gesetze, kann sie än­dern, aufheben, von ihnen befrei­en (Dispens) oder durch Sonder- oder Ausnahmerechte (Privilegien) ersetzen. Er legt seine Gesetze authentisch aus und ist an sie (nur) mo­ralisch gebunden. Er legt die kirchliche Kompetenzordnung fest. Untergeordnete Gesetzgebung gegen päpstli­che Gesetze ist ungültig (c. 135 § 1).
  3. Der Papst ist oberster Richter (c. 1442). Sein Urteil ist in­appellabel (c. 333 § 3).
  4. Als oberster Inhaber der vollziehenden Gewalt regiert der Papst die gesamte Kirche, fördert ihr Gemeinwohl in höchster Verantwortlichkeit, leitet und überwacht den Vollzug der bestehenden Gesetze. Dazu bedient er sich der römischen Kurie (c. 360). Das kirchliche Leben überwacht er durch Apostolische Gesandte oder andere Beauftragte sowie persönlich, wenn die Diözesanbischö­fe alle fünf Jahre zur Rechen­schaftslegung vor ihm er­scheinen müssen (c. 400). Verwaltungshandeln des Papstes ist nicht rekursfähig (c. 333 § 3).“

Codex Iuris Canonici

Über die Eigenart des Codex Iuris Canonici (CIC) schreibt Lüdecke in seinem diesbezüglichen Lexikonartikel (ebenfalls aus dem Evangelischen Staatslexikon):

„A. Der CIC ist die wichtigste rechtliche Transformation des II. Vatikanischen Konzils. Die vom Initiator gewünschte und vom Erlasser konstatierte Übereinstimmung von Konzil und Codex ist mit der primatialen Promulgation verbindlich beurteilt. Das Konzil kann gegen den CIC nicht angerufen werden.

B. In gewollter Kontinuität zu der neuzeitlich-absolutistische Gesetzgebungstechnik nach­ah­menden erstmaligen Kodifi­kation von 1917 ist der CIC genetisch wie konzeptionell Zeuge und verfeinerter Garant der päpstlichen Zentralge­walt. In der Diktion des zweiten Vatikanums bleibt die Ekklesiologie des ersten bestimmend.

C. Der CIC ist unhintergehbarer Ausdruck des amtlichen Selbstverständ­nisses der römisch-kath. Kirche, als Glaubens- zugleich Rechtsgemeinschaft zu sein.

D. Aufgrund der in kath. Sicht inneren Verbundenheit von Christusbeziehung und Kirch­lich­keit verwirklicht sich Heilsteilhabe durch Rechtsgefolgschaft (cc. 748, 205, 209, 1752). Unter die­sem Vorbehalt und zu diesem Zweck kommen den Gläu­bigen an Pflichten gekoppelte Rechte zur Mitwirkung an der kirchlichen Sendung (cc. 209, 223 § 1) zu. Die Aus­übung der Rechte steht unter hierarchischer Kuratel (c. 223 § 2). Sie sind weder Grund- noch Freiheits­rechte im staatlichen Sinn.

E. Die wahre Gleichheit der Gläubigen meint die gleiche Taufwürde, nicht Gleichberech­ti­gung (c. 208).

F. Das ka­nonische Recht ist konstitutiv staatsanalog-vordemokratisches Recht. Weil auf die Umsetzung des lehrmäßig bestimmten Gemeinwohls, die salus ani­marum, zielend, ist es materiales und zugleich morali­sches, im Gewissen verpflichtendes, auf die ganze Person zugreifendes Recht (cc. 210, 750, 752 f., 1249). Wegen der Letztverantwortung der Hirten für die Ermög­lichung der salus animarum ist es pastorales Recht. Weil es im göttlichen Recht gründet und dessen Schutz vor Missbrauch durch den dominus canonum gläubig dem Heili­gen Geist überlassen wird, ist es geistliches Recht.“

Was eine „korrekte Kanonistik“ (vgl. c. 16 § 1: „Gesetze interpretiert authentisch der Gesetzgeber und derjenige, dem von diesem die Vollmacht zur authentischen Auslegung übertragen worden ist.“) bezüglich des Codex Iuris Canonici zur Darstellung bringen muss, findet sich in Norbert Lüdecke/Georg Bier, Das römisch-katholische Kirchenrecht. Eine Einführung (Stuttgart, Kohlhammer 2012).

Reformation als Apokalypse. Der Lauinger Maler Matthias Gerung hat den Glaubenskampf in Bilder gefasst

23. Januar 2017
Matthias Gerung - Geistliche und weltliche Herrscher sieden im Kessel (zu Offenbarung 9)

Matthias Gerung – Geistliche und weltliche Herrscher sieden im Kessel (zu Offenbarung 9)

Eine der schärfsten bildlichen Abrechnungen mit der römischen Kirche und dem Papsttum während der späteren Reformationszeit stammt aus meinem Heimatdekanat Neu-Ulm. Der Maler und Holzschneider Matthias Gerung (1500-1570) hatte in seiner Werkstatt in Lauingen an der Donau zwischen 1544 bis 1558 27 Holzschnitten zur Apokalypse mit 32 entsprechenden Allegorien zu biblischen Geschichten oder reformatorischen Szenen seiner Gegenwart angefertigt. Nun hat in der aktuellen Ausgabe des Sonntagsblattes. Gemeindeblatt für Augsburg und Schwaben Andreas Jalsovec einen Beitrag über Gerung veröffentlicht.

Der Artikel über Gerung findet sich hier als pdf.

Johann Michael Feneberg in Roland Werner/Johannes Nehlsen, Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen

5. Dezember 2016

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Für das jüngst erschienene Buch „Gesichter und Geschichten der Reformation: 366 Lebensbilder aus allen Epochen“ habe ich zwei Lebensbilder verfasst. Eines davon ist über Johann Michael Feneberg, dem katholischen Pfarrer und Mentor der Allgäuer Erweckungsbewegung, dessen Grab in Vöhringen an der Marienkirche ist:

  1. Johann Michael Feneberg (1751-1812)

„Der Weg zur Gerechtigkeit ist der lebendige Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes: Christus für uns. Und der Weg zur Herrlichkeit ist die treue Anwendung der erlangten göttlichen Kraft, die uns um unseres Glaubens willen geschenkt ist: Christus in uns.“

Auf dem Grabstein von Pfarrer Johann Michael Feneberg in Vöhringen an der Iller steht das Gedicht: «Das Taufbuch nannt ihn Michael, der Freunde Chor Nathanael. Er war’s, ohn alles Falsch und Ziererei, stillsinnig, fromm, gerad und froh dabei, und seinem Christus bis ans Ende treu. Ihm glaubend, scheut er nicht des Tages Jammer, nicht Stelze, nicht des Todes letzte Not, ging, wie in eine andere Kammer, von seinen lieben Freunden fort, und ist nun dort – daheim bei seinem Gott.»

Diese innigen Worte stammen von Fenebergs berühmtem Freund Johann Michael Sailer. Mit der «Stelze» ist die Beinprothese gemeint, die Feneberg seit einem Reitunfall tragen musste, bei dem er 1793 einen Teil seines Beines verloren hatte.

Seine Erweckung verdankte er zwei Mägden, die ihm sein Vetter Martin Boos, ebenfalls ein erweckter katholischer Pfarrer, im Advent 1796 vorgestellt hatte. Die eine, Theresia Erdt, bedrängte ihn mit der Frage, «ob er glaube, dass Christus zu ihm komme und künftig mit ihm den Willen des Vaters tun wolle?». Feneberg machte sein Ja von einem «Zeichen von oben» abhängig: Würde die Magd es wagen, die unüberbrückbare Schranke zwischen Priester und Laien durch einen geschwisterlichen Kuss zu überschreiten? Theresia tat es, und Feneberg sah darin die göttliche Antwort. Von diesem Zeitpunkt an zählte auch er zu den Erweckten.

Feneberg mit Zech (1808)

Seine Pfarrei Seeg wurde zum Zentrum der Allgäuer Erweckungsbewegung. Sie galt jedoch dem bischöflichen Ordinariat in Augsburg als sektiererisch. Man führte 1797 im Pfarrhof eine Hausdurchsuchung durch und beschlagnahmte viele Bücher und handschriftliche Notizen. Feneberg musste vor einer bischöflichen Kommission in Augsburg zwölf Sätzen abschwören und durfte erst dann heimreisen.

Auf Fenebergs Siegel lehnen Gehstock und Prothese am Kreuz. Er hatte in seinem Leben viel zu ertragen. Dennoch blieb er «seinem Christus bis ans Ende treu». Auch evangelische Christen können von einem katholischen Pfarrer lernen, aufzusehen zu Jesus, «dem Anfänger und Vollender des Glaubens» (Hebräer 12,2). (JT)

Apocalypse Now – Matthias Gerung und seine reformatorische Holzschnitte zum Buch der Offenbarung

21. November 2016
Die Zerstörung der altgläubigen Kirche mit Bezug auf die Offenbarung Kapitel 18

Matthias Gerungs Holzschnitt zur Offenbarung Kapitel 18, der die Zerstörung der altgläubigen Kirche zeigt

Das hätte ich nicht gedacht. Eine der schärfsten bildlichen Abrechnungen mit der römischen Kirche und dem Papsttum während der späteren Reformationszeit stammt aus meinem Heimatdekanat Neu-Ulm. Der Maler und Holzschneider Matthias Gerung (1500-1570) hatte in seiner Werkstatt in Lauingen an der Donau zwischen 1544 bis 1558 27 Holzschnitten zur Apokalypse mit 32 entsprechenden Allegorien zu biblischen Geschichten oder reformatorischen Szenen seiner Gegenwart angefertigt.

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Die wahre Kirche Jesu Christi als Schiff, das in der Seeschlacht gegen die Altgläubigen triumphiert (Holzschnitt von 1548)

Angefertigt wurden diese Holzschnitte als Illustrationen zu einem Buchprojekt, der von dem bibliophilen Pfalzgraf Ottheinrich nach dessen Übertritt zum Protestantismus 1542 veranlassten deutschen Übersetzung des antipäpstlichen Apokalypsenkommentars „In Apocalypsin Joannis Apostoli Commentarius“ (Zürich: Froschauer 1539) aus der Feder des Berner Predigers Sebastian Meyer. Von  dem Buchprojekt selbst ist einzig eine Handschrift mit Gerungs Holzschnitten als Codex germ. 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München überliefert (nicht zu verwechseln mit der Ottheinrich-Bibel, für die Gerung ebenfalls Holzschnitte zur Apokalypse 1530/32 angefertigt hatte). Eine erste wissenschaftliche Beschreibung einzelner Holzschnitte (ohne Kenntnis des Buchprojekts) hatte Campbell Dodgson bereits 1908 unter dem Titel „Eine Holzschnittfolge Matthias Gerungs“ im Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen, 29. Band, Seiten 195-216 veröffentlicht.

Zu Gerungs Holzschnittillustrationen schreibt Petra Roettig in ihrer Dissertationsschrift Reformation als Apokalypse – Die Holzschnitte von Matthias Gerung im Codex Germanicus 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Frankfurt am Main: Peter Lang 1991) Folgendes:
„Links auf einer solchen Doppelseite im Codex stehen jeweils die Illustrationen zur Apokalypse, während auf der rechten Seite in den meisten Fällen die gleiche apokalyptische Textstelle in ihrer allegorisch-satirischen Anwendung auf den Papst, die katholische Kirche und die Türken gezeigt wird. Durch diese synoptische Gegenüberstellung gelingt es Gerung nicht nur Meyers Prinzip der doppelten Schriftauslegung als Bildkonzept aufzunehmen. Dem Betrachter wird vielmehr durch die „wechselseitige Erhellung“ von apokalyptischen und satirischen Blättern der im Kommentar vorgegebene Deutungszusammenhang anschaulich erläutert. Als Vorlage für dieses durchaus polemische Illustrationsverfahren dürfte Gerung das „Passional Christi und Antichristi“ gedient haben. Dieses war 1521 unter Luthers Führung mit Illustrationen von Cranach und Texten von Melanchthon und Schwertfeger erschienen. Wie später bei Gerungs Holzschnittfolge sind hier schon jeweils zwei Holzschnitte antithetisch einander gegenübergestellt. Der linke zeigt Szenen aus dem Leben Christi, denen auf der rechten Seite mit polemischer Absicht entsprechende Darstellungen aus dem Leben des Papstes kontrastiert werden. Die Nachfolge Christi durch den Papst erscheint in diesen Bildantithesen als Perversion des christlichen Vorbildes.“ (Seite 51f)

Mit Roettig (S. 238f) ist anzunehmen, dass die theologische Konzeption der Illustrationen dem Übersetzer des Apokalypsenkommentars, Laurentius Agricola (1497-1564) verdankt. Dieser wurde von Pfalzgraf Ottheinrich 1544 als evangelischer Prediger in das Dominikanerinnenkloster Maria Medingen bei Lauingen entsandt. 1557 wurde er von Ottheinrich als Prediger von Lauingen entlassen und ausgewiesen, da er die zwinglische Abendmahlslehre vertrat und wohl kurfürstliche Räte geschmäht hatte.

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Matthias Gerung, Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546 (Öl auf Lindenholz, 1551, Lauingen, Heimathaus)

Dass sich Gerung den politischen Machtverhältnissen malerisch anpassen konnte, zeigt sein Bild Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546, das die Huldigung Kaiser Karl V. in dessen Feldlager durch den Bürgermeister von Lauingen während des Schmalkaldischen Kriegs darstellt.

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Man wird wohl Gerung nicht allzu große evangelische Prinzipientreue unterstellen können, wenn er für den altgläubigen Augsburger Bischof Otto von Waldburg dessen Missale 1555 mit Holzschnitten illustriert hat. Richtig bissig und satirisch wird er jedoch, wenn der Papst mit Schlüssel und Ablassbrief in den Teufelsrachen düsen muss, wo schon Mönche und Nonnen tafeln, und der Teufel dabei selbst auf einem mehrfach gesiegelten Ablassbrief „thront“.

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Matthias Gerung (zugeschrieben), Satire auf den Ablasshandel (kolorierter Holzschnitt um 1535, Kunstsammlungen Veste Coburg)

Dazu schreibt Dr. Johannes Pommeranz, Sammlungsleiter für Handschriften und seltene Drucke am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg:

„Ein besonders drastisches Beispiel für die reformatorische Bildpolemik gegen die Ablasspolitik des Papstes gibt ein Matthias Gerung (um 1500–1570) zugeschriebener Holzschnitt ab, der vor 1536 entstanden sein dürfte. Glaubt man dem Spottblatt, dann ist die Hölle weiblich. Als Teufel in Harpyiengestalt sitzt sie auf einem päpstlichen Ablassbrief. Ein Bein badet in einem Weihwasserkessel, die Rechte hält bettelnd eine Almosenbüchse ausgestreckt. Das Auffälligste aber ist der Rachen, in dem es sich Nonnen wie Mönche gut gehen lassen und der in früheren Abdrucken dem heranfliegenden Papst als Landeplatz diente. Neu an dem Bild ist die Unbekümmertheit seiner Gäste. Der Eingang zur Unterwelt wird zum Esszimmer, das zum fröhlichen Miteinander einlädt. Die drohende Gefahr, zermalmt und somit selbst zu einem leckeren Happen zu werden, nimmt nur der Betrachter des Blatts wahr. Die Bosch’schen Züge der Komposition und deren Verwandtschaft mit Gemälden des Antwerpener Malers Jan Mandyn (1500–1560) blieben nicht unbemerkt.“ (Die Hölle und ihr Rachen. Gedanken zur Alltäglichkeit eines christlichen Bildmotivs, in: Monster: fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik; Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg vom 7. Mai bis 6. September 2015. Nürnberg 2015, S. 378-405, hier 396f)

Weitere Bilder von Matthias Gerung (vor allem Holzschnitte zur Ottheinrich-Bibel) finden sich unter Wikimedia Commons.

Noch umfangreicher ist die Bildersammlung bei Zeno.

„dass dem sola fide der Reformatoren die una ecclesia entspricht“ – Hans Joachim Iwand über die erste EKD-Synode 1948 in Eisenach

21. November 2016

Eisenach: The Luther Memorial

Ende und Anfang. Zur verfassunggebenden Kirchenversammlung in Eisenach

Von Hans Joachim Iwand

Der konfessionelle Separatismus und der Partikularismus der Länder haben sich nach anfänglichen Erfolgen in der Evangelischen Kirche nicht durchsetzen können. Die einheit­liche Repräsentation dieser Kirche für ganz Deutschland ist jetzt gesichert worden. Es fehlt nur noch der Rechtspartner von Staats wegen, der das neue Kirchenrecht anerkennt. Über das Zustandekommen der Einigung berichtet hier der führende Göttinger Theologe Prof. D. Hans Iwand.

Es war nicht das erstemal, daß Eisenach den Männern der Evangelischen Kirche, denen es um die Einheit dieser Kirche ging Gastrecht in seinen Mauern bot. Seitdem auf Anregung des Königs von Württemberg 1846 der Gedanke einer gemeinsamen evangelischen Konferenz von Berlin aufgenommen und in der seit 1852 in regelmäßigen Abständen tagenden, „Deut­schen Evangelischen Kirchenkonferenz“ in die Tat umgesetzt wurde, sind hier sehr nachhal­tige und segensvolle Reformen beraten und in den Landeskirchen durchgesetzt worden, die die Stärkung eines gesamtprotestantischen Bewußtseins zur Folge hatten.

Und doch wird man ohne Übertreibung sagen dürfen, daß die vom 9. bis 13. Juli tagende Kirchenversammlung, auf der die neue Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutsch­land (EKiD) beschlossen wurde, zu den eigenartigsten, vielleicht auch wichtigsten Konferen­zen gehört, die im Laufe eines Jahrhunderts in Eisenach abgehalten worden sind. Die Wart­burg grüßte mahnend und wohl auch etwas sorgenvoll herüber, und die Eisenacher Kirchen­chöre erinnerten alle daran, daß sie sich in der Geburtsstadt des „fünften Evangelisten“, J. S. Bach, befanden. So fehlte es nicht an großen Mahnungen, das Erbe der Reformation zu wahren und der kulturellen Leistung, die von ihr einstmals ausgegangen ist, zu. gedenken.

Diese Mahnung war nötig. Denn daß die Konferenz zustande kam – und noch mehr, daß sie so einmütig endete und die Grundverfassung der mutig angenommen wurde, war ein Wunder. Vielerlei Hindernisse schienen den Zusammentritt dieser langersehnten Kirchenversammlung vereiteln zu wollen. Zuletzt zwang noch die gerade in die geplante Konferenzwoche fallende Währungsreform den Vorsitzenden, Landesbischof D. Wurm, die Konferenz um vierzehn Tage zu verschieben. Um so seltsamer – aber eben doch für den gegenwärtigen Zustand bezeichnend – war es, daß noch kurz, zuvor von einer, sehr prominenten Stelle aus versucht wurde, diese Tagung ganz abzusagen unter ausdrücklichem Hinweis auf die zu erwartende Teilung Deutschlands in zwei Hälften, und die daraus sich ergebenden verfassungsmäßigen Konsequenzen. Wir verraten ebenfalls kein Geheimnis, wenn wir darauf hinweisen, daß es in zwei lutherischen Landeskirchen diesseits der Zonengrenze zu einem öffentlichen Protest gegen das geplante Einigungswerk kam, daß man zudem von bayrischer Seite am liebsten den Namen der Evangelischen Kirche gänzlich vermieden und an die Stelle der Evangelischen Kirche eine lose Föderation von neu konstituierten Konfessionskirchen, einen sogenannten Kirchenbund, gesetzt hätte. Es waren vornehmlich die älteren Kirchenführer, die theologisch und kirchlich noch durch die Kämpfe gegen die Union aus dem vorigen Jahrhundert bestimmt sind, die dieses Ziel mit großer Zähigkeit verfolgten. Demgegenüber standen die Kräfte, die in den Kirchenkämpfen unserer Tage die Einheit der gesamten evangelischen Kirche, bezeugt und erfahren hatten. Es galt, das 19. mit dem 20. Jahrhundert zu versöhnen und die Verfas­sung so zu gestalten, daß die wertvollen Kräfte und Erkenntnisse aus diesen beiden, für die evangelische Christenheit so bedeutungsvollen Epochen zu einem rechten Miteinander ver­bunden würden. Man muß leider sagen, daß drei wertvolle Jahre über diesem Ringen um die verfassungsmäßige Einheit der evangelischen Kirche und deren theologisches Verständnis dahingingen. Es galt, die sachlich begründete Opposition jeweils so zu begrenzen, daß sie den Kontakt mit der anderen Seite nicht verlor. Dazu kam, daß die Männer, die die Reorganisation der Evangelischen Kirche bei der ersten Kirchenversammlung in Treysa im Herbst 1945 in Angriff nahmen, ein fürchterliches Erbe vorfanden. Da waren die Auswirkungen des Müller­schen und später des Kerrlschen Kirchenregiments, die mit ihrer, gelinde gesagt, theologi­schen Grundsatzlosigkeit Geist und Buchstaben der Verfassung gänzlich ruiniert hatten; da war der Gegensatz zwischen den die Kirche in den Notzeiten bezeugenden und verteidigenden Bruderräten und ihres in Dahlem 1934 proklamierten Notrechts und der legalen, aber doch weitgehend staatshörigen Bürokratie; da wären aber auch die neuen aus der Katastrophe des Zusammenbruchs sich ergebenden Aufgaben: drei blühende evangelische Kirchen im Osten waren vernichtet, ihre Gemeinden und Pfarrer als Flüchtlinge in alle Winde zerstreute. Die Zoneneinteilung erschwerte den Zusammenhang der Kirchen. Die Organisation eines moder­nen, schlagfertigen und beweglichen Hilfswerks mußte geschaffen werden, und vor allem mußte der Zusammenhang mit der ökumenischen Bewegung wieder aufgenommen und gekräftigt werden.

Über dem allen erhob sich nun aber eine Frage, die diesen ganzen Prozeß einer Restauration der Evangelischen Kirche in Deutschland verlangsamte und erschwerte: das sogenannte kon­fessionelle Problem. Bayern und Hannover, aber auch Hamburg, Schleswig-Holstein, Braun­schweig, Mecklenburg, Sachsen, Thüringen hatten eine andere Geschichte und darum auch eine andere Vorstellung von der Neuordnung dieser Evangelischen Kirche als die Kirchen der altpreußischen Union, als Rheinland und Westfalen, als Württemberg, Hessen und Baden. Besonders die prononciert lutherischen Kreise, die geistig aus der Erweckungsbewegung der Löhe, Louis Hanns, Hengstenberg und Stahl herkamen und die heute noch in Erlangen ihren theologischen Rückhalt haben, forderten die Wiedergutmachung des 1817 mit der Einführung der Union in Preußen begangenen Unrechts und sahen darin die eigentliche Wurzel für die ein Jahrhundert später eingetretene Katastrophe. Sie hätten am liebsten die Lutherische Kirche deutscher Nation ausgerufen und den Reformierten daneben einen sauber abgegrenzten Platz in dem „Kirchenbund“, den sie planten, gegeben. Ihre Fragestellung war nicht die christlich-existentielle, sondern eher die konfessionell-morphologische. Der politi­sche Zusammenbruch Preußens aber schien einen grundsätzlichen Wandel in der Struktur der evangelischen Chri­stenheit in Deutschland nahezulegen. Daß die altpreußischen Provinzen im Kirchenkampf den schärfsten Widerstand geleistet und die meisten Opfer gebracht hatten, daß die Union Fried­rich Wilhelms III. nicht einfach das Bekenntnis relativieren, sondern das gemeinsame evange­lische Anliegen zur Geltung bringen wollte, daß der Unionismus nicht nur schlechte sondern auch gute Seiten haben konnte, hört man hier nur mit Widerwillen.

Und doch ist es gelungen, diese Gegensätze so zu binden und in ein echtes Miteinander zu verwandeln, daß die Einheit des neuen Verfassungswerkes sich rühmen darf, den gelungenen Versuch einer rechten Ordnung geistiger Gemeinschaft und individueller Freiheit darzustel­len. Es wurde von den Lutheranern nicht verlangt, daß sie ihre Abendmahlsgemeinschaft den Reformierten und Unierten auftäten, und die Lutheraner ihrerseits verzichteten darauf; die Kirchen, in denen diese Abendmahlsgemeinschaft besteht, mit einem Anathema zu belegen. Es zeigte sich dabei, daß vor allem prominente Laien – ungeachtet ihrer konfessionellen Herkunft – die beredetsten Vertreter „einer evangelischen Glaubensgemeinschaft mit Ein­schluß des Abendmahlssakraments waren. Neben ihnen vertrat besonders die Bekennende Kirche diese Forderung, da sie diese Abendmahlsgemeinschaft in den leidvollen Jahren des Kirchenkampfes in Glauben und Liebe oftmals geübt und ihren großen Segen erfahren hatte. Dennoch hat man sich auf der Konferenz damit begnügt, dies denen zu bezeugen, die sehr entschieden dagegen sprachen; das waren vor allem der Erlanger Professor Künneth und der Sekretär des Lutherischen Rates, Oberkirchenrat Kinder aus Bayern.

Man wird also nicht sagen können, daß die Eisenacher Tagung ohne Spannung verlaufen sei. Aber es ist gewiß allen Teilnehmern als ein Zeichen echter Zucht des Geistes erschienen, daß, als die Synode an die Beratung der Vorlage ging, unter der vorbildlichen Leitung des Essener Oberbürgermeisters Dr. Heinemann eine musterhafte Disziplin das Gespräch beherrschte und die beiden Lesungen der 34 Artikel in weniger als zwei Tagen beendet werden konnten. Man wird sagen müssen, daß dies „Parlament ohne Parteien“ – es waren im ganzen 120 Abgeord­nete – dadurch zusammengehalten und zueinander geführt wurde, daß es sich immer wieder, vor und während der Beratung, gemeinsam unter, das Wort Gottes stellte und so an den Einen Herrn und die von ihm gegründete Gemeinschaft der Einen Kirche erinnert wurde.

Die Evangelische Kirche wird sich auf Grund der neuen Verfassung in einer jährlich zusam­mentretenden Synode repräsentieren; auf dieser Synode wird alle sechs Jahre der Rat der Evangelischen Kirche und dessen Vorsitzender gewählt werden; bei dieser Wahl wird die Kirchenführerkonferenz, das zweite, neben der Synode bestehende Organ, mitwirken, aber es wird nicht – wie etwa rein Oberhaus – neben der Synode oder gar ihr übergeordnet an der Leitung der Kirche beteiligt. Die Konfessionellen des 19. Jahrhunderts würden ein solches Prinzip als ein säkular-revolutionäres verurteilt haben. – Stahl nennt in seiner Polemik gegen Bunsen den Synodalismus das Eindringen des contract social in die Kirche, und noch heute gibt es Theologen, die die Synodalisten verdächtigen, zuviel von Rousseau gelernt zu haben – aber wir wissen, daß es hier um etwas ganz anderes geht: darum, daß sich in der Synode die ganze Kirche als Gemeinde unter dem Wort darstellt und in dieser Unterordnung den Weg der Kirche sucht und das Wort der Kirche redet. Das ist der Gewinn und das Erbe jener denkwür­digen Bekenntnissynoden, auf denen der Widerstand der evangelischen Christenheit im Drit­ten Reich Ereignis wurde, in Barmen und in Dahlem. Zwar wird man nicht übersehen dürfen, daß der Landesbischof von Bayern in einer Verlautbarung zu Eisenach noch einmal betont hat, daß von der „Objektseite der Verkündigung her gesehen“ – im Unterschied zu „deren Wirkung“ – keine Einheit innerhalb der Evangelischen-Kirche vorhanden sei, aber er wird mit dieser seiner Auffassung selbst unter den Lutheranern mehr eine besonders gelagerte Gruppe als den common sense der lutherischen Theologie zum Ausdruck bringen. Es ist nun einmal Tatsache, auch die bayrische Landeskirche ist in der Evangelischen Kirche geblieben, und wenn sie auch nicht deren Einheit bekennt, so will sie sie doch nicht leugnen.

Wir sind aus dem Kirchenkampf nicht so herausgekommen, wie wir hineingegangen sind, Wir haben gelernt, daß nicht theologische Auffassungen, sondern christliche Entscheidungen die Kirchengrenzen bilden. Das führt nicht zu einer Nivellierung theologischer Gegensätze, aber zu ihrer Relativierung, indem sie unter echte und letzte Glaubensentscheidungen zu stehen kommen. Vielleicht ist es der Fehler des nachreformatorischen Zeitalters gewesen, daß theo­logische Schulmeinungen zu Kirchengrenzen wurden. Vielleicht könnte auch uns heute diese Gefahr sehr ernst drohen. Demgegenüber hat die Versammlungen Eisenach bezeugt, daß sie das reformatorische Bekenntnis als Weg zur Einheit versteht, daß dem sola fide der Refor­ma­toren die una ecclesia entspricht. Sie hat das bezeugt unmittelbar bevor ihre Abge­ordneten zur Kirchenkonferenz nach Amsterdam gehen. Sie hat diese Einheit aber auch ihrem eigenen Vol­ke bezeugt, als ein Zeichen, daß Ein Gott und Ein Mittler sind, eine Hoffnung und ein Glaube, und daß daran die weltanschaulichen Kämpfe und Machtgebilde, die die Welt in zwei Hälften teilen und diesen Teilungsstrich durch unser Land legen möchten, nicht ändern können.

Nach der mühevollen und oftmals entsagungsreichen Arbeit gab es noch einen guten Ab­schied auf der Wartburg, bei dem der Gardegeneralmajor Kolesnitschenko der ebenso gast­freundliche wie in seinen Ansprachen offenherzige Hausherr war. Die Reden waren da am ernstesten, wo es um den Frieden ging. Zum Frieden hätte die Synode ein entscheidendes Wort gesagt. Hier konnten die Männer, denen das Schicksal des ganzen deutschen Volkes am Herzen lag, die Bitte um Frieden und den Willen zum Frieden einem Manne bezeugen, der maßgeblich dazu mitgewirkt hatte, daß diese Versammlung ungestört und in voller Freiheit tagen konnte.

Daß die Verfassungsanarchie innerhalb der Evangelischen Kirche ihr Ende erreicht hat, könn­te ein bedeutsamer Markstein in der Entwicklung auf. eine neue Gemeinschaft, einen echten Frieden in der Christenheit hin sein. Eine Entwicklung, die als Hoffnung auch in den Worten eines französischen Gastes zum Ausdruck kam. Das kirchliche Notrecht ist beendet. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat eine allseitig anerkannte Rechtsgestalt bekommen.

DIE ZEIT, Nr. 34, 19. August 1948

„Es kommt nur darauf an, dass wir jetzt nicht schweigen“ – Hans Joachim Iwand über die Gründungsversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948

21. November 2016
Gründungsversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948

Gründungsversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948

Einheit der Christenheit. Gedanken zur Weltkirchenkonferenz in Amsterdam

Von Hans Joachim Iwand

Es ist schwer, in wenigen Worten ein Bild von dem zu geben, was sich auf dieser vierzehn­tägigen Konferenz, bei der Begegnung von nicht als 140 Kirchen und mindestens 1400 Dele­gierten, Stellvertretern, Besuchern und Jugenddelegierten ereignet hat. Man wird die Doku­mente abwarten müssen; die in fünf Bänden erscheinen werden und den Arbeitsertrag der Tagung in übersichtlicher Form vor aller Welt darlegen sollen. Man wird abwarten müssen, wie sich die neu geknüpften Verbindungen und die tiefen menschlichen Erlebnisse auswirken werden, die durch diese Tagung selbst gegeben waren, insbesondere die Begegnungen der Menschen, die aus noch immer feindlich oder doch wenigstens mißtrauisch gesinnten Natio­nen hier zusammentrafen, und die nun, auf diesem der weltlichen Ebene enthobenen Boden, ein neues Verhältnis zueinander gewannen. Amsterdam war in vielem eine Aussaat; wir wis­sen noch nicht, ob wir etwas von der Ernte sehen werden. Amsterdam war freilich in anderer Hinsicht eine Station, war selbst Ernte langer, mühsamer und in zähem Glauben verfolgter Arbeit. Was bisher von wenigen vorausschauenden Kirchenführern geplant, was von dem überragenden Generalsekretär des Weltkirchenrates D. Visser ’t Hooft und seinem ausgesuch­ten Genfer Stab in großer Weisheit und nie ermüdender Geduld in die rechten Bahnen gelenkt worden ist – das haben am 23. August die in Amsterdam versammelten Delegierten durch förmlichen Beschluß zur Sache ihrer Kirchen gemacht. Insofern ist Amsterdam eine Station auf dem Wege. Hier ist in Erfüllung gegangen, was Nathan Söderblom 1919, unter dem er­schütternden Eindruck des ersten Weltkrieges und der hier offenbar gewordenen Ohnmacht einer in sich zerrissenen Christenheit, bei der Konferenz in Oud Wassenaar in die Worte faßte: „Ich setze mich ein für einen ökumenischen Rat, der die Christenheit auf geistigem Gebiet vertreten kann“.

So ist in Amsterdam wirklich etwas geschehen, und Samuel McCrea Cavert, Generalsekretär des Federal Council of the Churches of Christ in Amerika, der dieses Ereignis zu würdigen hatte, sagte mit Recht: „Wir treten in ein neues Stadium der ökumenischen Bewegung ein.“ Die Kirchen, die sich hier im ökumenischen Rat zusammengeschlossen haben, verdanken mit Ausnahme der griechisch-orthodoxen ihre besondere Gestalt der Reformation und den aus den englischen Revolutionskirchen des 17. Jahrhunderts hervorgegangenen Denominationen und Freikirchen. In all diesen Kirchen ist das Fragen nach der Einheit der Christenheit aufgebro­chen. Was, sehr zum Unglück Europas, im 17. Jahrhundert nicht gelungen ist, scheint in den großen Katastrophen, in denen die Menschheit heute steht, Ereignis zu werden: Die verschie­densten Kirchen rücken näher aneinander heran, sie reichen sich die Hand, eine der anderen mit der Gabe dienend, die ihr in Sonderheit verliehen ist. Sie alle sehen auf einmal über sich hinaus, sie alle beginnen, den dritten und letzten Artikel des Apostolikums ernster zu nehmen, als es vielleicht seit 400 Jahren geschah: das Glaubensbekenntnis zu der einen, allgemeinen, christliche Kirche.

Damit ist die Frage aufgeworfen, die Laien wie Theologen heute gleichmäßig bewegt, die als die große. Aufgabe der Zukunft vor uns steht, die Frage nach dem spezifischen Wesen dieser Einheit. Sie war Gegenstand der Beratungen der Sektion I, in der hervorragende Vertreter der Kirchen der Alten und der Neuen Welt zusammen berieten. Unter der von der Versammlung besonders anerkannten Leitung des Landesbischofs von Hannover, D. Lilje DD., hat gerade diese Beratung zu sehr beachtlichen Resultaten geführt. Hier trafen sich der Baseler Theologe Karl Barth und die anglikanischen Professoren Ramsay und Dodd, der Vorsitzende des Lu­therischen Weltbundes Prof. Nygren aus Lund und Professor Florowski, der führende Theolo­ge der orthodoxen Kirche aus Paris. Hier galt es, den Standpunkt derer, die die Tradition als wesentlich für die Kontinuität der Kirche ansehen, mit denen zu versöhnen, denen das Ereig­nis der Verkündigung, das Zeugnis, und die Versammlung der Gemeinde als Ausweis der Kir­che gelten. Es gelang, der in der Christenheit selbst herrschenden Sprachenverwirrung zu steuern, indem man – nach einer genialen Formel Karl Barths – nach den Unterschieden in der Einheit und nach der Einheit in den Unterschieden fragte. Damit dürfte vermieden sein, daß die Wahrheitsfrage der Einheit aufgeopfert, aber auch umgekehrt, daß die Einheit über der theologischen Unterscheidung verloren wurde.

Wir tagten, wie Karl Barth in seinem ernüchternden und doch wieder erhebenden Eingangsre­ferat ausführte – hier wirklich das reformatorische Anliegen in imponierender Unbefangenheit vertretend – zwischen Rom und Moskau. Die römisch-katholische Kirche hat die seit der öku­menischen Konferenz von Stockholm geübte Reserve auch heute noch nicht aufgegeben, was aber nicht heißt, daß sie diesem Wachsen der Einheit im protestantischen Raum nicht mit größtem Interesse gegenüberstünde. Daß die Einheit der Kirchen, wie sie in der Konstituie­rung eines ökumenischen Rates zum Ausdruck kommt, anders verstanden ist, als sie in der römischen Kirche gelehrt wird, ist klar. Dort ist sie ein dynamisches, fast könnte man sagen, eschatologisches Ziel, etwas, auf das hin die Kirchen auf dem Wege sind; hier wird sie als Gegebenheit gesetzt. Daß damit nicht das letzte Wort gesprochen ist, daß die Christenheit – erst einmal in Bewegung gesetzt – sich von hüben und drüben grüßen wird, wie dies in so ermutigender Weise auf dem Katholikentag in Mainz neuerdings geschehen ist – ist durch die Entwicklung von Amsterdam nicht etwa ausgeschlossen, sondern vielmehr mit neuer Dring­lichkeit angebahnt. Anders steht die Sache mit Moskau. Hier ging es um die christliche Stel­lungnahme zu den Fragen der Gesellschaftsordnung und der internationalen Beziehungen. Wenn man bedenkt, daß in dem Exekutivkomitee, das sich mit diesen Fragen befaßte, acht Plätze freigelassen wurden für die orthodoxen Kirchen, die nicht gekommen waren, so ersieht man daraus, daß die Problematik hier anders liegt als gegenüber Rom.

Wie grundsätzlich gerade die Fragen der Gesellschaftsordnung, der Beurteilung des Marxis­mus, des Gegensatzes zwischen Ost und West – die jungen Kirchen Asiens und Afrikas spra­chen eine andere Sprache als die die Freiheit des Individuums betonenden westlichen Zivili­sationen – gegeneinander standen, zeigten die hart aufeinander platzenden Referate von John Foster Dulles aus New York und Professor Hromadka aus Prag, der dem Westen das Grablied sang. Foster Dulles mutete in dem, was er zur internationalen Ordnung sagte, an wie einer, der das jus gentium des Hugo Grotius und die Ideen der Kantschen Philosophie vom souveränen Gesetz und der Menschenwürde einem müde und skeptisch gewordenen Europa mahnend vorhielt, während der aufmerksame Hörer bei Hromadkas Rede doch an den tiefen Bruch denken mußte, der im 19. Jahrhundert eintrat, als die dialektische Geschichts- und Gesell­schaftsphilosophie aufkam und jenem Realismus huldigte, den Hegel in den denkwürdigen Satz faßte: Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig. Bei Foster Dulles fehlte die Dialektik, bei Hrodmaka war sie in den Bann blinder Leidenschaft geraten, die wir Deutschen aus leid vollen Erfahrungen kennen – kein Wunder, daß wir erschrocken waren. Aber, was an keiner anderen Stelle so möglich gewesen wäre, hier reich­ten sich beide Redner am Ende die Hand, und der weitere Verlauf der Tagung diente zu nütz­lichen Debatten über das angeschnittene Thema.

Der Mann, dem es gegeben war, in wahrhaft prophetischer Weise – von dem Punkt „außer­halb“ her – die bewegende Dialektik der modernen Gesellschaft und des internationalen, welt­politischen Geschehens vor uns erstehen zu lassen, ohne von ihr überwältigt zu werden, der den eschatologischen Rand der Menschheitsgeschichte aufdeckte, ohne zu verzweifeln, der die Krise der Gesellschaft im Geiste des Täufers radikalisierte – man fühlte die Axt, die den Bäumen, auch denen jenseits des Ozeans, an die Wurzel gelegt ist – war ein amerikanischer Theologe, Reinhold Niebuhr. In dem von vielen Gästen angefüllten Konzertsaal, in dem die Hauptversammlungen stattfanden, am Montag, den 30. August, abends, sprach er als letztes, der vier Redner. Vor ihm hatte Brunner, der bekannte Schweizer Theologe aus Zürich, ein in seiner Art ausgezeichnet abgewogenes Referat gehalten, er hatte die Mitte gesucht zwischen Kapitalismus und Kommunismus, er hatte die Grenzen des Staates im Geiste Wilhelm v. Humboldts sichtbar gemacht, er hatte aufgerufen zur Bildung des kleinen Kreises, in dem die Persönlichkeit wieder zur Geltung kommt. Dann aber kam Niebuhr. Er ging bald ab von dem Manuskript, das wie gewöhnlich jeder Hörer vor sich hatte, er sprach in abgerissenen Sätzen, die wie Kaskaden herunterstürzten, er zitierte die gnadenlosen Mächte dieser Zeit vor das Forum des göttlichen Gerichts und nahm auch die Kirche dabei nicht aus. Er war in diesem Augenblick ein Rhetor, wie ich nur selten einen erlebt habe, das Zeichen einer großen Bewe­gung, ein Interpret dessen, was in der Tiefe des geistigen und religiösen Lebens Amerikas vor sich geht. Ich mußte an die Zeit in Europa vor 20 Jahren denken. Ich fragte mich: Sieht Nie­buhr auch am Horizont der amerikanischen Entwicklung jene Gesichte, die bei uns Männer wie Barth, wie Tillich, wie Scheler, wie Heidegger geschaut, die sie aus der Stille, aus der Sicherheit herausgerissen Und zu – unverstandenen – Mahnern kommender Gerichte gemacht haben? Wird Amerika diese Stimme besser verstehen, als es Europa gegeben war? Wird die Welt, wird die Christenheit in letzter Minute die Mahnung begreifen, die den Schlußstein von Niebuhrs Rede bildete: Lasset uns wirken, solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

Manch einer, der diesen Artikel liest, wird mehr wissen wollen. Er wird etwas wissen wollen von der Beteiligung der von Kirchenpräsident D. Niemöller geführten deutschen Delegation, von der Stellungnahme der Versammlung zu den uns in Deutschland am meisten bedrängen­den Fragen, von unserer Begegnung mit der ausgezeichneten französischen Delegation, von den geistigen und politischen Tendenzen der jungen Kirchen, die besonders in der neu ge­gründeten Kirche Indiens eine sehr beachtliche Stimme gefunden haben. Zu dem allen reicht der Raum nicht aus. Nur einiges sei noch angedeutet. Es darf gesagt werden, daß Martin Nie­möllers Ansprache an die Jugend Hollands, die in deutscher Sprache gehalten wurde, neben seiner Rede auf der Vollversammlung, ein Ereignis war. Es wird weiter gesagt werden dürfen, daß das Elend der deutschen Vertriebenen wohl keinen beredteren Mund finden konnte, als den des Direktors der Flüchtlingsabteilung in Genf, des tatkräftigen Mr. Rees, und keinen besseren Helfer als den edlen Bischof von Chichester, der auch die Versammlung auf seiner Seite hatte, als es galt, die Not der vertriebenen Deutschen der anderer Flüchtlinge gleichzu­stellen und den Grundsatz zur Anerkennung zu bringen, daß Deutschland das Flüchtlingsprob­lem aus eigener Kraft nicht lösen kann, daß hier vielmehr die Weltorganisationen helfen müs­sen.

Das Beste, was die Konferenz zustande gebracht hat, ist ihre Botschaft an die Christenheit. Sie wird bald in aller Hände sein. Für uns Deutsche war die Tagung als ganze aber zugleich das Mitarbeiten und Getragenwerden von einer Bewegung, die mit der Christenheit in Deutsch­land trotz gesperrter Grenzen seit langem verbunden war. Daß wir Grüße und Wünsche vieler Freunde Deutschlands mit heimbrachten, das wir erkennen durften, wieviel gute Menschen Deutschland, dem wahren, dem christlichen, dem sozial fortschrittlichen Deutschland, mit Wort und Tat zu helfen bereit sind – das ließ uns zuversichtlich und getrost aus dem gastli­chen, in diesen Tagen besonders festlich angetanen Holland heimkehren. Wir durften wissen, daß die Grenze um Deutschland in diesen vierzehn Tagen dünner, durchbrochener, feiner geworden ist. Es kommt nur darauf an, daß wir jetzt nicht schweigen, damit die Stimme der Christenheit das übertönt, was sich zwischen den Menschen in der Tiefe und den Gott aller Gnade stellen möchte.

DIE ZEIT, Nr. 38, 16. September 1948

„Ihr habt mit euch den wahren Gott“ – Martin Luther über Weihnachten

14. November 2016
Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Woher kommen die Weihnachtsgeschenke? Für Martin Luther ist es klar – vom Christkind. Aber weshalb gibt es an Weihnachten überhaupt Geschenke? Auch da weiß Luther die Antwort: Weil die Geburt des Gottessohnes im Stall zu Bethlehem das größte Geschenk für die Menschheit ist, ein bleibendes Geschenk, an dem die Kinder durch die Bescherung an Heilig Abend selbst sichtbar Anteil gewinnen sollen.

In seinem Weihnachtslied „Vom Himmel kam der Engel Schar“ von 1543 lässt Luther besingen, was diese Geburt ausmacht: „Des sollt ihr alle fröhlich sein, / dass Gott mit euch ist worden ein. / Er ist geborn euer Fleisch und Blut, / euer Bruder ist das ewig Gut.“ (EG 25,3) Gott wurde wirklich Mensch, „in Windel gewickelt und in einer Krippe“ liegend (Lukas 2,12). Nicht in seiner unermesslichen und unvorstellbaren Größe, sondern in der allermenschlichsten Nähe seines Sohnes Jesus Christus findet sich unser Gottvertrauen: „Was kann euch tun die Sünd und Tod? / Ihr habt mit euch den wahren Gott; / lasst zürnen Teufel und die Höll, / Gotts Sohn ist worden euer Gesell.“ (EG 25,4) Gottes Sohn gesellt sich in Fleisch und Blut zu uns, nimmt unsere Sünde und Gottverlassenheit auf sich und schenkt uns ewiges Leben beim himmlischen Vater.

Wer über die tödliche Beschränkung seines Lebens hinausglauben will, hat sich mit Luther an die Krippe zu Bethlehem zu halten: „Lass weg alle Philosophie und das göttliche Gesetz und tu dich mit Gewalt zur Krippe und zum Schoß der Mutter und ergreife jenes Kind und den Sohn der Jungfrau und siehe hin, wie er geboren wird, an der Mutter Brust trinkt, wie er wächst, unter den Menschen weilt, wie er lehrt, stirbt, aufersteht; sieh ihn aufgenommen über alle Himmel und sieh ihn im Besitz der Allgewalt, so kannst du alle Schrecken zerschlagen, wie die Wolken von der Sonne vertrieben werden, so kannst du alle Irrtümer vermeiden. Dieses Anschauen des Gottessohnes in Niedrigkeit behält dich auf dem richtigen Weg, so dass, wo Christus hingeht, du folgen kannst.“[1]

Wenn wir zum anstehenden Reformationsjubiläum Martin Luther als Neuentdecker des wahren christlichen Glaubens gedenken, ist damit kein selbstbewusster oder eigensinniger Glaube gemeint. Menschlicher Glaube, der bei sich selbst bleibt, ist auch nur ein Götze. Er birgt für unser Leben keine wirkliche Hoffnung. Der wahre Glaube gilt dem menschgewordenen Gotteswort, von dem es heißt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14)

[1] D. Martin Luther Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, hg. v. Hermann Kleinknecht, Göttingen 1980, 38.

Hier der Text als  pdf.

Thomas Kaufmann – „Die Reformation steht noch aus“

10. November 2016
Thomas Kaufmann

Thomas Kaufmann

Der Reformationshistoriker und Theologe Thomas Kaufmann, der jüngst das Buch „Erlöste und Verdammte: Eine Geschichte der Reformation“ veröffentlicht hat, vermag nicht in selbstgefällige Reformationsjubiläumsaufrufe einzustimmen. Für ihn steht vielmehr eine grundsätzliche Kirchenreformation in der Gegenwart an. In einem Interview im Deutschlandfunk zum Reformationstag führt er aus:

„Die Reformation ist in gewisser Weise seit den 1530er Jahren in eine Verstaatlichungsdynamik eingetreten, die das, was in brausender Vielfalt seit 1518/19 greifbar wird, dann kanalisiert hat und auch staatlich instrumentalisiert hat. […] Ich denke, wir müssen heute sehr deutlich über die Institutionalisierungsgestalt von Religion und Christentum nachdenken. Das ist ja doch ein allfälliger Sachverhalt, dass das Thema Religion, das Interesse an Religion allenthalben boomt, dass sich dies aber keineswegs als Bereitschaft des Mittuns in den verfassten Kirchen äußert – jedenfalls in Mitteleuropa. In anderen Weltgegenden ist auch der Protestantismus eine – wenn man so will – global wachsende Religion, die möglicherweise am dynamischsten wachsende Religion überhaupt. Nur in unseren Breiten stagniert sie, beziehungsweise weist Regressionsphänomene auf. Das hat auch mit unserer Institutionalisierungsstruktur zu tun, ich denke auch mit der tief verwurzelten Staatsnähe.“ Demzufolge fordert er „flachere Hierarchien, stärkere Orientierung an theologischen Sachgehalten, eine stärkere Orientierung an den essenziellen Themenbeständen des Christentums, eine weniger starke Orientierung an dem, was gefällt, was als gesellschaftlicher Konsens ohnehin im Raum steht.“

In einem ideaSpektrum-Interview mit Karsten Huhn nimmt er die landeskirchlichen bzw. EKD-Werbekampagnen direkt aufs Korn: „Zumindest in den Werbekampagnen scheint die Rückbindung an die Bibel keine große Rolle zu spielen. Diese selbstgefällige, weichgespülte Sittlichkeit, wie sie die evangelische Kirche repräsentiert, geht mir gewaltig auf die Nerven. Wo bleiben die ernsthaften Themen: die Botschaft von Sünde, Schuld, Tod, Hölle und Gottes Liebe und Gnade?“

Der Text des ideaSpektrum-Interviews „Was feiern wir da eigentlich?“ findet sich hier als pdf.

„Die hohen, unverständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen“ – Martin Luthers Anti-Hermeneutik in seiner Höllenfahrtspredigt

3. November 2016
Höllenfahrt Christi. (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert - Lindenau-Museum Altenburg)

Höllenfahrt Christi (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert – Lindenau-Museum Altenburg)

„Hermeneutik ist die Kunst, aus einem Text herauszukriegen, was nicht drinsteht.“ Odo Marquards bekanntes Diktum verweist auf die platonische Grundlage jeglicher Hermeneutik: Das konkrete Erzählgeschehen wird auf allgemein Gedachtes ideell hintergangen. Nur so kann es der „aufgeklärten“ Vernunft zugemutet werden. Luthers Predigt zur Höllenfahrt und Auferstehung Christi vom 17. April 1533 ist eine radikale Absage an jegliche theologische Hermeneutik. Nur im leiblichen Erzählgeschehen kann die Wirklichkeit des göttlichen Heilshandeln zugesagt werden:

„Dass ich das mit dem Munde ausreden oder mit den Sinnen begreifen sollte, wie es bei Christus in dem Dasein zu­geht, das gar weit über und außer diesem Leben ist, — das werde ich wohl bleiben lassen müssen. Kann ich doch schon das nicht al­les erfassen, was zu diesem Leben, zu Christi Erdendasein, gehört — z. B. wie es dem Herrn Christus im Garten Gethsemane zu Sinn und Mute war, als er reichlich Blut schwitzte —, sondern muss es beim Wort und Glauben bewenden lassen. Ebenso ist es noch viel weniger mit Worten oder Gedanken zu fassen, wie er zur Hölle ge­fahren ist. Viel­mehr weil wir uns ja unsere Gedanken und Vor­stellungsbilder von dem machen müssen, was uns in Worten vorge­tragen wird, und weil wir nichts ohne Bilder denken und verstehen kön­nen, so ist es fein und recht, dass man’s ganz wörtlich auffaßt, so wie man’s malt: daß Christus mit der Fahne hinunterfährt und die Höllenpforten zerbricht und zerstört; die hohen, unver­ständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen. Denn eine solch bildhafte Darstellung zeigt in feiner Weise die Kraft und den Nutzen dieses Artikels, weswegen es geschehen ist und gepredigt und geglaubt wird; nämlich: wie Christus der Hölle Gewalt zerstört und dem Teufel alle seine Macht genommen hat. Wenn ich das habe, so habe ich den rechten Kern und Sinn davon, und soll nicht weiter fragen und klügeln, wie es zugegangen oder möglich sei, geradeso, wie auch bei andern Artikeln des Glaubens­bekenntnisses solches Klügeln und Meistern der Vernunft verboten ist und auch nichts errei­chen kann.“

Hier Luthers Predigt als pdf.

Lob der Historien – Martin Luthers Vorrede zu Historia Galeatii Capellae (1538)

3. November 2016

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In Luthers Vorrede zu Historia Galeatii Capellae skizziert dieser den Nutzen der Geschichtsschreibung, wobei er dem rhetorischen Geschichtenkonzept (an Stelle einer idealistischen Geschichtsidee) folgt. So schreibt er unter anderem:

„Die Historien sind nichts anderes als Anzeigung, Gedächtnis und Hinweis göttli­cher Werke und Urteile, wie er die Welt, besonders die Menschen, erhält, regiert, hindert, fördert, straft und ehrt, je nachdem ein jeder verdient, Böses oder Gutes. Und wenn es auch viele sind, die Gott nicht erkennen noch achten, so müssen sie doch an den Exempeln und Historien stutzig werden und befürchten, daß es ihnen nicht auch so gehe wie dem und dem, wie sie durch die Historien vor Augen gerückt werden. Dadurch werden sie stärker bewegt, als wenn man sie nur mit bloßen Worten des Rechts oder der Lehre abhält und ihnen damit wehrt. So lesen wir denn nicht allein in der heiligen Schrift, sondern auch in den heidnischen Büchern, wie sie der Vorfahren Exempel, Worte und Werke anführen und vor Augen halten, wo sie etwas beim Volk durchsetzen wollen oder wenn sie vorhaben zu lehren, zu ermahnen, zu warnen, abzuschrecken. Darum sind auch die Historienschreiber die allernützlichsten Leute und besten Lehrer, so daß man sie niemals genug ehren, loben oder ihnen Dank sagen kann.“

Die komplette Vorrede findet sich hier als pdf.