Archive for the ‘Kirchenreform und Kirchensteuer’ Category

Ich schäme mich des Evangeliums vielleicht doch – die unterschwellige Botschaft von chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017

3. November 2017

Es geht ja ganz einfach: In das Suchfeld „Christus“ eingeben und dann das Heft im pdf-Format elektronisch durchsuchen lassen. Das Ergebnis ist entlarvend: Das Wort „Christus“ erscheint in dem 36seitigen Magazin nur ein einziges Mal. Auf die Interviewfrage „Wie kann die Kirche in Zukunft mehr Leute ansprechen?“ antwortet Julian-Christopher Marx: „Jedenfalls nicht mit einer moralisch belehrenden Haltung, die als von oben herab wahrgenommen wird. Und nicht mit einer theologisch verquasten Sprache, die unversehens von bestimmten Glaubenswahrheiten ausgeht: Jesus Christus, der Erlöser, die Sünde, das ewige Leben …“

Ein 31jähriger Sprecher des Arbeitskreises „Christinnen und Christen in der SPD“ in Berlin kann mit Recht kirchliche Verkündigung kritisch hinterfragen. Aber wenn das die einzige Äußerung über Christus in einer kirchlichen Zeitschrift namens „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ ist und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Heinrich Bedford-Strohm wie auch seine Vorvorgängerin und amtierende Reformationsbotschafterin Dr. Margot Käßmann die Herausgeber sind, dann kann mit der Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland etwas nicht stimmen.

Jeder Automobilkonzern, jeder Getränkehersteller, jedes Naturkosmetikunternehmen nimmt sein Firmenjubiläum zum Anlass, die eigene Produkte sowie die eigene Philosophie öffentlichkeitswirksam vorzustellen. Auch der Evangelischen Kirche in Deutschland wäre dies bei einem 500jährigen Jubiläum in der Öffentlichkeit zugestanden worden. Man hätte also in einem evangelischen Magazin erklären können, warum man sich von der Reformation her „evangelisch“ nennt – was eingedeutscht ja nichts anderes „gutbotschaftlich“ heißt – und was die gute Botschaft von Jesus Christus für die Gegenwart besagt. Weiterhin hätte man aktive Mitglieder aus Kirchengemeinden mit deren eigenen Glauben und deren eigenen Hoffnungen vorstellen können, abgerundet mit einem bischöflichen Erbauungswort.

Bei „chrismon spezial“ geht es ja nicht um eine binnenkirchliche Hochglanzbroschüre, die in Kirchengebäuden und Gemeinderäumlichkeiten stapelweise aufliegt (und meist ungelesen in die nächste Altpapiersammlung verschwindet), sondern um eine kirchliche Zeitschrift, die extra zum 31. Oktober 2017 in einer Auflage von 6,7 Millionen mehr als 70 Tages-, Sonntags- und Wochenzeitungen beigelegt worden ist. Das Heft hat also durchaus Chancen, zur Lektüre auf weniger kirchenaffinen Tischen zumindest beim Bildungsbürgertum zu landen. Welche bessere publizistische Möglichkeit gibt es für die evangelische Kirche, die eigene Botschaft, also das Evangelium anlassbezogen zu Wort kommen zu lassen?

Stattdessen versucht sich chrismon spezial als Image-Magazin. So finden sich Reportagen über „Luther in Italien“ (natürlich mit dem Playmobil-Luther illustriert) bzw. über das Pop-Oratorium „Luther“ neben einem Interview mit dem Schauspieler Joachim Król und dessen Lebens- bzw. Religionseinstellung. Und schließlich darf sich Hans Leyendecker als zukünftiger Präsident des evangelischen Kirchentags über Journalismus, Reformation und Ökumene auslassen. All diese Artikel lassen sich in ähnlicher Weise auch in anderen nichtkirchlichen Magazinen und Zeitungen finden.

Dass Journalisten gerne ihr eigenes Ding machen wollen und sich nicht für eine kirchliche PR-Maßnahme vor den Karren spannen lassen wollen, ist verständlich. Aber wenn nun mal die Zeitschrift weitgehend von Kirchensteuermitteln finanziert und im Auftrag der Kirche herausgegeben ist, haben die verantwortlichen Herausgeber dafür Sorge zu tragen, dass die eigene Botschaft zum Tragen kommt. Schließlich hat ja Bedford-Strohm als EKD-Ratsvorsitzender im Juni 2015 selbst dazu aufgerufen, das Reformationsjubiläum als Christusfest zu feiern. Da darf man nicht einer Redaktion auf den Leim gehen, wenn diese einem das eigene Steckenpferd anbietet – in Gestalt eines gemeinsamen Interviews mit dem oben genannten Julian-Christopher Marx und der Studentin Sofie Mörchen zu Thema „Was wünschen sich junge Leute für die Zukunft von der Politik und von ihrer Kirche“.

Nimmt man „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ als Maßstab kirchenleitenden Handels in der Evangelische Kirche in Deutschland, ergibt sich daraus eine peinliche Botschaft: Man verausgabt sich am eigenen Image, weil man nicht länger Kirche des Worts sein will.

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ – so lautet der Leitvers (nach Römer 1,16) zum Psalm 22, der am Gedenktag der Reformation gottesdienstlich intoniert worden ist. Wir in der Kirche haben wohl alle zu lernen, diesen Lebensleitvers mit dem Brustton der Überzeugung anzustimmen.

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Der Traktat über die Gewalt und den Primat des Papstes – De potestate et primatu papae tractatus (vollständiger Text auf Deutsch)

21. Juni 2017

Der „Traktat über die Gewalt und den Primat des Papstes (De potestate et primatu papae tractatus)“ wurde 1537 auf dem Konvent des Schmalkaldischen Bundes angeregt. Er sollte das Augsburger Bekenntnis von 1530 im Hinblick auf die reformatorische Lehre über den Primatanspruch des Papstes ergänzen. Die Papstfrage war nämlich im Augsburger Bekenntnis mit Rücksicht auf den Kaiser ausgeklammert worden. So wurde der Traktat von Philipp Melanchthon auf Latein verfasst und 1540 in Straßburg anonym veröffentlicht. Erst durch seine Aufnahme in das Konkordienbuch 1580 gilt er als offizielle lutherische Bekenntnisschrift. Man kann ihn als reformatorische Kritik am Papsttum bzw. an der klerikalen Hierarchie der römisch-katholischen Kirche lesen. Aber seine Lehrbestimmungen sind gegenwärtig vor allem innerhalb der verfassten Landeskirchen von grundlegender Bedeutung, so wenn es beispielsweise in Tractatus 67 heißt:

„Wo auch immer Kirche ist, dort ist das Recht, das Evangelium auszurichten. Deshalb muß die Kirche das Recht behalten, Diener [der Kirche] zu berufen, zu wählen und zu ordinieren. Und dieses Recht ist ein der Kirche vorzugsweise gegebenes Geschenk, das keine mensch­liche Autorität der Kirche entreißen kann (ubicunque est ecclesia, ibi est ius administrandi evangelii. Quare necesse est ecclesiam retinere ius vocandi, eligendi et ordinandi ministros. Et hoc ius est donum proprie datum ecclesiae, quod nulla humana autoritas ecclesiae eripere potest)“ (BSLK 491).

Aus der Wendung „wo auch immer Kirche ist (ubicunque est ecclesia)“ wird deutlich, dass das Recht der Evangeliumsverwaltung (ius administrandi evangelii) jeweils der einzelnen Gemeinde gegeben ist und nicht etwa einem verfassten territorialen Kirchentum bzw. einer Kirchenleitung. Wo überall wahre Kirche – also „die Versammlung der Heiligen, in der das Evangelium rein gelehrt wird und die Sakramente recht verwaltet werden (congregatio sanctorum, in qua evangelium recte docetur et recte administrantur sacramenta“ (CA VII; BSLK 61) – sich als dauerhaftes gottesdienstliches Versammlungs- bzw. Interaktionsgeschehen ereignet, befindet sich auch das Berufungs-, Auswahl- und Ordinationsrecht für die eigenen Amtsträger. Die Legitimation zur Ordination wird also nicht mehr in einem iure divino verfassten Bischofs- bzw. Leitungsamt gesehen, sondern in dem Recht der Evangeliumsverwaltung, das das unverbrüchliche Privileg der einzelnen Gemeinde ist. Auszuüben ist das Ordinatiosrecht (ius ordinandi) in den Gemeinden unter der Hinzuziehung von Pastoren (Tractatus 72; BSLK 492).

Hier der vollständige Text der deutschen Fassung (in der Übersetzung von Horst Georg Pöhlmann) als pdf.

Das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) gemäß den lutherischen Bekenntnisschriften

20. Juni 2017

Nach CA V geht das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) auf eine besondere Einsetzung Gottes zurück[1]. Seine Funktion in der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente, durch die der Heilige Geist den rechtfertigenden Glauben bewirkt[2]. Ohne diesen heilswirksamen menschlichen Wort­dienst kann sich Kirche nicht konstituieren. Diese konstitutive Wirkung des Predigtamtes beschreibt Luther im Großen Katechismus mit den Worten: „Denn wo man nicht von Christo predigt, da ist kein heili­ger Geist, welcher die christliche Kirche machet, be­rüfet und zusammen bringt, außer welcher niemand zu dem Herrn Christo kommen kann.“(GrKat II,45; BSLK 655) Das ministerium ec­clesiasticum darf jedoch nicht auf ein rechtlich organisiertes Pfarramt reduziert werden. So wird in Tract 25.26 das „Amt des Bekenntnisses (ministerium professionis)“, mit dem Jesus als Christus gepredigt wird (in qua praedicat Jesum esse Christum), nicht auf bestimmte Amtspersonen bezogen.

„Zudem ist der Dienst [der Ver­kündigung] des Neuen Testa­mentes an keine Orte und Perso­nen gebunden wie der Dienst der Leviten, sondern er ist über den ganzen Erdkreis verbreitet und er ist dort, wo Gott seine Gaben gibt, Apostel, Propheten, Hirten und Lehrer (vgl. Eph 4,11). Jener Dienst erhält seinen Wert nicht auf Grund der Autorität irgend­einer Person, sondern auf Grund des von Christus überlieferten Wortes (Porro mi­nisterium Novi Testa­menti non est alligatum locis et personis si­cut ministerium Levi­ticum, sed est dispersum per totum orbem ter­rarum et ibi est, ubi Deus dat dona sua, apostolos, prophetas, pa­stores, doctores (Eph 4,11). Nec valet illud ministerium propter ullius personae autori­tatem, sed propter verbum a Christo tradi­tum).“ (Tract 26; BSLK 479)

Das ministerium verbi erfährt also die Bevollmächtigung nicht in der Autorität von Amtspersonen, sondern in dem von Christus überlieferten Wort. Damit ist eine grundle­gende Differenz zum katholischen Amtsverständnis angezeigt, das die Amtsautorität durch eine sakramentale Ordination an die Amts­person selbst bindet und damit die Amtsperson in Gestalt des Prie­sters bzw. Bischofs über die Gemeinde stellt.

Die grundsätzliche Rückbindung des ministerium ecclesiasticum an das Evangelium wird in CA XXVIII deutlich, wo von der kirchlichen Gewalt der katholischen Diözesanbischöfe die Rede ist. In der Wahrnehmung der kirchlichen Gewalt, die nur Wortdienst (ministe­rium verbi)[3] sein kann (sine vi humana, sed verbo – CA XXVIII,21; BSLK 124[4]), sind die Bischöfe den anderen Amtsträgern gleichge­stellt, da es nach Apol XIV,1 bzw. Tract 61.65 iure divino kein hierarchisch gegliedertes Amt geben kann. Eine Gehorsamspflicht der Gemeinden iure divino besteht gegenüber diesem Wortdienst, da er unter unter dem Dictum Jesu steht: „Wer euch hört, der hört mich.“(Lk 10,16 – CA XXVIII,21.22; BSLK 124). „Weil hier der Inha­ber des Amtes an Christi Stelle steht, darum kann er uneinge­schränkten Gehorsam fordern. Freilich gilt dieser Gehorsam nicht der Person, sondern dem Wort, dem Evangelium.“[5] Umgekehrt ist dort eine Gehorsamsver­weigerung der Gemeinden per mandatum Dei geboten, wo die Amtsträ­ger „etwas gegen das Evangelium lehren oder bestim­men (aliquid contra evangelium docent aut constitu­unt)“(CA XXVIII,23; BSLK 124). Für eine Gehorsamspflicht gegenüber den Amtsträgern auf dem Hintergrund von Lk 10,16 können nicht Men­schensatzungen, sondern allein das Wort Christi geltend gemacht werden.

„Es handelt sich [hier] um keinen freien Befehl (mandatum cum libera), wie sie ihn nennen, sondern um einen geschuldeten, gültigen, besonde­ren Befehl, das heißt um ein Zeugnis, das den Aposteln gegeben wurde, daß wir glauben, sie sprechen von einem fremden Wort (alienum verbum), nicht von einem eigenen Wort (proprium verbum). Denn Christus will uns so viel wie nötig stärken, damit wir wissen würden, daß das überlieferte Wort durch die Menschen wirksam ist und daß man vom Himmel kein anderes Wort erwarten darf (Non est enim mandatum cum libera, ut vocant, sed cautio de rato, de speciali mandato, hoc est, testimonium datum aposto­lis, ut eis de alieno verbo, non de proprio, credamus. Vult enim Christus nos confirmare, quemadmodum opus erat, ut sciremus verbum traditum per homines efficax esse, nec quaerendum esse aliud ver­bum de coelo).“ (Apol XXVIII,18; BSLK 401)

Das Supremat des göttlich eingesetzten ministerium ecclesiasticum bzw. der Kirche (vgl. Tract 11; BSLK 474) über deren Amtsträger verbietet eine Habitualisierung des Amtes in der Person des Amts­trägers[6]. Von daher läßt sich das Institut des ministerium eccle­siasticum als Kommunikations­geschehen innerhalb der Gemeinde (communicatio verbi divini in ecclesia[7]) begreifen, zu dem neben der Person des Predigers die zuhörende Gemeinde unab­dingbar dazu gehört[8]. Ihr obliegt letzt­lich die Unterscheidung, ob das gepre­digte Wort göttliches verbum alienum oder aber verbum proprium des Amtsträgers ist, das keine Geltung beanspruchen darf (vgl. Apol XXVIII,18). Dazu ist der Gemeinde durch die ihr eigene „Fähigkeit, auf Grund des Wortes Gottes [Glaubensfragen] zu beurteilen und zu entscheiden (facultas judicandi et decernendi ex verbo Dei)“(Tract 56; BSLK 488) eine sichere Beurteilungsgrundlage gegeben[9]. Wo das mi­nisterium verbi habitualisiert und damit ohne das Korrektiv der „kritischen“ hörenden Gemeinde (ecclesia audiens) gesehen wird, kann nicht mehr zwi­schen verbum alienum und proprium des Amtsträgers unterschieden werden, so daß er in Person eo ipso als Stellver­treter Christi erscheinen muß[10].

Im Großen Ka­techismus läßt sich belegen, daß das ministerium verbi der gesamten Kirche und nicht nur einem gesonderten Predigtstand gegeben ist. Obwohl Luther dort die heilsnotwendige Bedeu­tung des Predigtamtes in der Auslegung zum dritten Glaubensartikel ausführ­lich entfaltet, läßt er Personen, die mit diesem Predigtamt geson­dert betraut sind, unerwähnt. Stattdessen heißt es: „So bleibt der heilige Geist bei der heiligen Gemeine oder Christen­heit bis auf den jüngsten Tag, dadurch er uns holet, und brauchet sie dazu, das Wort zu fuhren und treiben, dadurch er die Heiligung machet und mehret, daß sie täglich zunehme und stark werden im Glauben und seinen Früchten, so er schaffet.“(GrKat II,53; BSLK 657f)[11] Ebenso wird in Apol VII,20 das Evangelium nicht den Amtsträ­gern, sondern der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanc­torum zugespro­chen: „Und diese Kirche ist eigent­lich »Säule der Wahrheit«. Sie bewahrt nämlich das reine Evangelium und – wie Paulus sagt – den »Grund«, das heißt die wahre Erkenntnis Christi und den Glauben (Et haec ecclesia proprie est columna verita­tis (1 Tim 3,15). Retinet enim purum evangelium et, ut Pau­lus inquit, funda­mentum, hoc est, veram Christi cognitionem et fi­dem (1 Kor 3,11).“(BSLK 238) Schließlich wird nach den Schmalkaldi­schen Artikeln der Dienst des Evangeliums neben Wort­verkündigung, Sakramentsverwaltung und Ausübung der Schlüsselge­walt, die in der Regel den dazu berufenen Amtsträgern vorbehalten sind (vgl. CA XIV) „auch durch die gegenseitige brüderliche Aussprache und Tröstung (per mutuum colloquium et consolationem fratrum)“ gelei­stet (ASm III,4; BSLK 449). Obwohl die berufenen Amtsträger regu­lär die Schlüsselgewalt ausüben, ist nach Tract 24.68 (BSLK 478.491) dennoch die Schlüsselgewalt der ganzen Kirche gegeben und damit a priori nicht auf eine bestimmte Personengruppe von Amts­trägern beschränkt. Grundsätzlich gilt, „dass die Kirche über ihren Dienern stehe (ecclesiam esse su­pra mini­stros)“(Tract 11; BSLK 474).

Der ordo ecclesiasticus

Während das allgemeine Dienstamt von CA V, das unmittelbar auf göttliche Einsetzung zurückzuführen ist, institutionell nicht an der Person eines Amtsträgers festgemacht werden kann, wird in CA XIV für das öffentliche Predigtamt (ministerium verbi publicum) eine Verbindung mit der Person des Amtsträgers festgesetzt: „Niemand darf in der Kirche öffentlich lehren oder die Sakramente verwalten, er sei denn dazu rechtmäßig berufen (Nemo debeat in ecclesia publice docere aut sacramenta administrare nisi rite vocatus).“(CA XIV; BSLK 69) Die Notwendigkeit der Ordination von Amtsträgern für das ministerium verbi publicum besteht nicht nur nach menschlichem Recht (iure humano). Tract 72 zufolge sind die Gemeinden nach göttlichem Recht (iure di­vino) gezwungen, unter Hinzuziehung von eigenen Pastoren Pastoren und Diener zu ordinieren (BSLK 492). So heißt es auch in der Apo­logie: „Denn die Kirche hat den Befehl Gottes, Diener einzusetzen, worüber wir sehr dankbar sein müssen, weil wir wissen, Gott billigt jenes Amt und ist im Amt gegenwärtig (Habet enim ecclesia mandatum de constituendis mini­stris, quod gratissimum esse nobis debet, quod scimus Deum appro­bare ministerium illud et adesse in ministe­rio).“(Apol XIII,12; BSLK 294) „Das göttliche Recht verlangt die Einrichtung eines geordneten öffentlichen Dienstamtes und gebietet der Ekklesia in göttlicher Autorität, dafür die institutionellen Formen zu schaf­fen.“[12] Demgegenüber bestehen die einzelnen Bestim­mungen über das Ordinations- und Berufungsrecht, die Form der Ordination sowie die Organisation des öffentlichen Predigtamtes iure humano und sind da­mit an keine bestimmte Rechtsform gebunden. So hat Luther in den Schmalkaldischen Artikeln den katholischen Diözesanbischöfen „umb der Liebe und Einigkeit willen“ das Recht der Ordination zugebilli­gt, so sie „wollten rechte Bischofe sein und der Kirchen und des Evangelions sich annehmen“, jedoch zugleich festgestellt, daß diese „aber nicht rechte Bischöfe sind aber auch nicht sein wol­len“(ASm III,10; BSLK 457f).

Die Formulierung „rite vocatus“ in CA XIV, für die in der deut­schen Fassung „ordentlicher Beruf“(BSLK 69) steht, kann keine sakramentale Priesterweihe nach kanonischem Recht beinhalten, die dem Amtsträ­ger eine besondere Vollmacht (potestas ordinis) im Sinne einer habituellen geistlichen Qualität verleiht und ihn in einen geistlichen Ordo mit verschie­denen, hierarchisch angelegten Stufen einfügt[13]. Das „königliche Priestertum“ (1 Petr 2,9), das der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanctorum zu eigen ist, ist vielmehr der Ermächti­gungsgrund für die Einsetzung von Amtsträgern (Tract 69, BSLK 491)[14]. Die Ordination des Amtsträgers begründet also nicht dessen Priestertum (sacerdotium), vielmehr ist das sacerdo­tium, das jedem Christen durch die Taufe zugeeignet ist, die geistliche Qualifikation für eine Beauftragung mit dem ministerium verbi publicum[15]. So gilt auch Melanchthons Erwägung in Apol XIII,11 über die Ordination als Sakrament nicht der Person des Amtsträgers, sondern dem göttlich gestifteten ministerium verbi: „Wenn man aber die Prie­sterweihe (ordo) vom Dienst am Worte Gottes (ministerium verbi) her versteht, würden wir die Priesterweihe ohne Umstände als Sakrament bezeichnen. Denn der Dienst am Wort hat Gottes Befehl und er hat herrliche Verheißungen (Si autem ordo de ministerio verbi intelligatur, non gravatim vo­caverimus ordinem sacramentum. Nam ministerium verbi habet man­datum Dei et habet magnificas promis­siones)“(BSLK 293)[16].

Anmerkungen
[1] Vgl. dazu W. Maurer, Pfarrerrecht und Bekenntnis. Über die bekenntnismäßige Grundlage eines Pfarrerrechtes in der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin 1957, 74-78.
[2] Luther geht in den Schmalkaldischen Artikeln so weit, daß er ein Heilshan­deln Gottes an den Menschen außerhalb von äußerlichem Wort und Sakrament bestreitet (ASm III,8; BSLK 456).
[3] „de iure divino haec iurisdictio competit episcopis ut episco­pis, hoc est his, quibus est commissum ministerium verbi et sacra­mentorum“(CA XXVIII,21; BSLK 124).
[4] Vgl. außerdem die Auslegung des Jesuswortes „Weide meine Schafe“ (Joh 21,17) in Tract 30: „Jubet enim pascere, hoc est docere ver­bum seu ecclesiam verbo regere“(BSLK 480).
[5] F. Mildenberger, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart 1983, 105.
[6] Vgl. H. Diem, Theologie als kirchliche Wissenschaft. Handreichung zur Einübung ihrer Probleme, Bd. III: Die Kirche und ihre Praxis, München 1963, 258.
[7] Diese Wendung findet sich weder in den Bekenntnisschriften, noch ist sie terminologisch geprägt. In dem Begriff der communicatio mit der Bedeutung „Austausch“ (vgl. dazu auch die Wendungen communicatio idiomatum aus der Chri­stologie bzw. communicatio in sacris aus dem Kanonischen Recht) läßt sich der notwendige Aspekt der Rezeptionsbedürftigkeit von verbum visibile bzw. invisi­bile (gegen ein ex opere operatu) einschließen.
[8] Ein derartiges kommunikatives Amtsverständnis ist von Diem entwickelt worden, der das ministerium ecclesiasticum vom Vorgang der Verkündigung her versteht, vgl. Diem, Theologie III, 256-314, ähn­lich Mildenberger, Theologie, 103-106. Für dieses Ver­ständnis läßt sich auch CA VII geltend machen, wo das ministerium verbi nicht als Gegenüber zur Gemeinde, sondern als Geschehen (Passivkonstruk­tion!) innerhalb der congregatio bestimmt ist. Selbst wenn man sich diesem kommunikativen Amtsverständnis nicht anschließen kann, dann muß im Kontext der Bekenntnisschriften das ministerium verbi pri­mär funktional statt personal verstanden wer­den. So wird bei­spielsweise in CA XXVIII,19 die pote­stas gladii der Bischöfe, die diesen von den Königen und Kaisern geschenkt worden ist, im Hin­blick auf das ministerium evangelii als alia functio ausgewiesen (BSLK 123). Vgl. H. Fagerberg, Die Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften von 1529 bis 1537, Göttingen 1965, 240-243.
[9] Vgl. Tract 51: „Dann alsbald der Kirchen das rechte Urteil und Erkanntnus genommen ist, kann nicht moglich sein, daß man falscher Lehre oder unrechtem Gottesdienst konnte steurn, und muessen des­halb viele Seelen verloren werden.“ (BSLK 487)
[10] Eine personale Vertretung Christi durch berufene Amtsträger wird in Apol VII,28 (BSLK 240) postuliert: „Nec adimit sacramentis efficaciam, quod per indignos tractantur, quia repraesentant Chri­sti personam propter vocationem ecclesiae, non repraesentant pro­prias personas, ut testatur Christus: Qui vos audit, me audit (Lk 10,16). Cum verbum Christi, cum sacramenta porrigunt, Christi vice (2 Kor 5,20) et loco porrigunt.“ Die personale Vertretung Christi ist also nicht von der Würdigkeit der Amtsträger abhängig (vgl. CA VIII). Sie kann jedoch niemals habitualisiert werden, da sie von der kirchlichen bzw. gemeindlichen Berufung abhängig ist und mit dem Wort Gottes korrespondieren muß: „Impii doctores deserendi sunt, quia hi iam non funguntur persona Chri­sti, sed sunt anti­christi. Et Christus ait: Cavete a pseudoprophetis (Mt 7,15). Et Paulus: Si quis aliud evangelium evangelizaverit, ana­thema sit (Gal 1,9).“ (Apol VII,48; BSLK 246)
[11] In GrKat II,54 (BSLK 658) spricht Luther außerdem von „allen Ämptern der Christenheit“.
[12] Maurer, Pfarrerrecht, 113.
[13] Gegen Lindbeck, Rite vocatus: Der theologische Hintergrund zu CA 14, in: E. Iserloh (Hrsg.), Confessio Augustana und Confutatio. Der Augs­burger Reichstag 1530 und die Einheit der Kirche, RGST 118, Münster 1980, Confessio, 454-466. Nach Apol XIV,1 (BSLK 296) wird das Verständ­nis von CA XIV im Sinne einer ordinatio canonica der Confutatio (zu Recht) zugeschrieben, ohne daß jedoch diesem Ver­ständnis zugestimmt wird. Stattdessen werden die „politia ecclesia­stica et gradus in ecclesia“, die die Vorausset­zung der kanoni­schen Prie­sterweihe bilden, als durch eine humana auctoritas ge­schaffen aus­gewiesen.
[14] Mit diesem Paragraphen des Tractatus greift Melanchthon auf Luthers Vorstel­lung eines allgemeinen Priestertums aller Gläubigen kraft der Taufe zurück, die dieser auf deutsch zuerst in seiner Adelsschrift ausgeführt hat, vgl. WA 6,407f, bzw. StA 2, 99-101.
[15] Vgl. dazu S. Grundmann, Sacerdotium – Ministerium – Ecclesia particularis, in: Ders., Abhandlungen zum Kirchenrecht, hrsg. v. R. Zippe­lius u. a., Köln-Wien 1969, 156-176.150-155, bzw. Maurer, Pfarrer­recht, 68-71.
[16] Die Formulierung „magnificae promissiones“ ist in diesem Kon­text äquivok zu verstehen, da sie sich zum einen auf das ministe­rium verbi als Vorgang, zum anderen auf das Evangelium als Inhalt des ministerium verbi beziehen läßt. Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Prof. Mildenberger.

Hier der Text als pdf.

„Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschränkung zu“

8. März 2017

Die Papst Benedikt XVI. am 25. Mai 2011 geschenkte Tiara

Wer wissen will, was die römisch-katholische Kirche im Unterschied zu anderen Kirchen ausmacht, muss sie als Rechtsgemeinschaft unter der päpstlichen Primatialgewalt verstehen. Wie diese Rechtsgemeinschaft gefasst ist und was sie für den einzelnen Christ austrägt, ist im Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983 definiert. Aufschlussreich ist, was Norbert Lüdecke, katholischer Professor für Kirchenrecht in Bonn, über die päpstliche Primatialgewalt in seinem Lexikonartikel „Papst“ (aus dem Evangelischen Staatslexikon) schreibt:

„Der Papst besitzt die formal so qualifizierte Gewalt in ih­rer ganzen Fülle. Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschrän­kung zu. Die Vollgewalt mit ihren Funktionen der Ge­setzgebung, der Rechtspre­chung und der Verwaltung erstreckt sich auf die Glaubens- und Sitten­lehre wie auf die gesamte kirchliche Rechtsordnung, auf Lehre und Disziplin.

  1. Verkündet der Papst als oberster Hirte und Lehrer aller Gläubigen (ex cathedra) eine offen­barte oder nach seiner Bestimmung eng mit der Offenbarung zusammenhän­gende Glaubens- oder Sittenlehre als endgültig verpflich­tend, kommt ihm Unfehlbarkeit im Lehramt zu. So vorgelegten Dogmen (KKK 88) müssen die Gläubigen unter Strafe vorbehaltlos und unwider­ruflich zustimmen (cc. 750, 1364, 1371 n. 1). Seinen übrigen Lehren und moralischen Urtei­len über menschliche Dinge jedweder Art bzgl. der Grundrechte der Person und des Seelen­heils darf nicht öffentlich widersprochen werden (cc. 752, 1371 n. 1).
  2. Der Papst ist höchster Gesetzgeber. Schranken sind nur das weder änder- noch dispen­sier­bare göttliche Recht (ius divinum) und die anderen lehramtlich festgestell­ten Dog­men. Im Übrigen ist er Herr der Gesetze, kann sie än­dern, aufheben, von ihnen befrei­en (Dispens) oder durch Sonder- oder Ausnahmerechte (Privilegien) ersetzen. Er legt seine Gesetze authentisch aus und ist an sie (nur) mo­ralisch gebunden. Er legt die kirchliche Kompetenzordnung fest. Untergeordnete Gesetzgebung gegen päpstli­che Gesetze ist ungültig (c. 135 § 1).
  3. Der Papst ist oberster Richter (c. 1442). Sein Urteil ist in­appellabel (c. 333 § 3).
  4. Als oberster Inhaber der vollziehenden Gewalt regiert der Papst die gesamte Kirche, fördert ihr Gemeinwohl in höchster Verantwortlichkeit, leitet und überwacht den Vollzug der bestehenden Gesetze. Dazu bedient er sich der römischen Kurie (c. 360). Das kirchliche Leben überwacht er durch Apostolische Gesandte oder andere Beauftragte sowie persönlich, wenn die Diözesanbischö­fe alle fünf Jahre zur Rechen­schaftslegung vor ihm er­scheinen müssen (c. 400). Verwaltungshandeln des Papstes ist nicht rekursfähig (c. 333 § 3).“

Codex Iuris Canonici

Über die Eigenart des Codex Iuris Canonici (CIC) schreibt Lüdecke in seinem diesbezüglichen Lexikonartikel (ebenfalls aus dem Evangelischen Staatslexikon):

„A. Der CIC ist die wichtigste rechtliche Transformation des II. Vatikanischen Konzils. Die vom Initiator gewünschte und vom Erlasser konstatierte Übereinstimmung von Konzil und Codex ist mit der primatialen Promulgation verbindlich beurteilt. Das Konzil kann gegen den CIC nicht angerufen werden.

B. In gewollter Kontinuität zu der neuzeitlich-absolutistische Gesetzgebungstechnik nach­ah­menden erstmaligen Kodifi­kation von 1917 ist der CIC genetisch wie konzeptionell Zeuge und verfeinerter Garant der päpstlichen Zentralge­walt. In der Diktion des zweiten Vatikanums bleibt die Ekklesiologie des ersten bestimmend.

C. Der CIC ist unhintergehbarer Ausdruck des amtlichen Selbstverständ­nisses der römisch-kath. Kirche, als Glaubens- zugleich Rechtsgemeinschaft zu sein.

D. Aufgrund der in kath. Sicht inneren Verbundenheit von Christusbeziehung und Kirch­lich­keit verwirklicht sich Heilsteilhabe durch Rechtsgefolgschaft (cc. 748, 205, 209, 1752). Unter die­sem Vorbehalt und zu diesem Zweck kommen den Gläu­bigen an Pflichten gekoppelte Rechte zur Mitwirkung an der kirchlichen Sendung (cc. 209, 223 § 1) zu. Die Aus­übung der Rechte steht unter hierarchischer Kuratel (c. 223 § 2). Sie sind weder Grund- noch Freiheits­rechte im staatlichen Sinn.

E. Die wahre Gleichheit der Gläubigen meint die gleiche Taufwürde, nicht Gleichberech­ti­gung (c. 208).

F. Das ka­nonische Recht ist konstitutiv staatsanalog-vordemokratisches Recht. Weil auf die Umsetzung des lehrmäßig bestimmten Gemeinwohls, die salus ani­marum, zielend, ist es materiales und zugleich morali­sches, im Gewissen verpflichtendes, auf die ganze Person zugreifendes Recht (cc. 210, 750, 752 f., 1249). Wegen der Letztverantwortung der Hirten für die Ermög­lichung der salus animarum ist es pastorales Recht. Weil es im göttlichen Recht gründet und dessen Schutz vor Missbrauch durch den dominus canonum gläubig dem Heili­gen Geist überlassen wird, ist es geistliches Recht.“

Was eine „korrekte Kanonistik“ (vgl. c. 16 § 1: „Gesetze interpretiert authentisch der Gesetzgeber und derjenige, dem von diesem die Vollmacht zur authentischen Auslegung übertragen worden ist.“) bezüglich des Codex Iuris Canonici zur Darstellung bringen muss, findet sich in Norbert Lüdecke/Georg Bier, Das römisch-katholische Kirchenrecht. Eine Einführung (Stuttgart, Kohlhammer 2012).

Kirchengebote, Sonntagspflicht und Seelenheil in der römisch-katholischen Kirche

3. März 2017

Kirchengebote

Für die meisten evangelischen Christen dürfte es unbekannt sein, dass in der römisch-katholischen Kirche neben den zehn Geboten auch fünf Kirchengebote verbindlich sind. So findet sich im neuen Gotteslob unter der Nummer 29.7 folgender Text:

„DIE GEBOTE DER KIRCHE

Die Kirchengebote wollen das Wachstum der Gottes- und Nächsten­liebe aller Gläubigen fördern; sie haben verbindlichen Charakter:

  1. Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollst du die Heilige Messe mitfeiern und keine Arbeiten und Tätig­keiten verrichten, welche die Heiligung dieser Tage gefährden!
    In der Freude über die Erlösung feiern Christen die Eucharistie an Sonntagen und Hochfesten, welche die Geheimnisse Christi, der Gottesmutter Maria und der Heiligen entfalten. Diese Tage sollen frei von unnötiger Arbeit bleiben, um Gott im eigenen Leben Raum zu geben.
  2. Empfange wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Ver­söhnung zur Vergebung deiner Sünden!
    Mit dem Bußsakrament geht der in der Taufe begonnene Weg der Umkehr und Hinwendung zu Gott weiter. Die Beichte bereitet zudem auf einen würdigen Empfang der heiligen Kommunion vor.
  3. Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen!
    Der Empfang des Leibes Christi stärkt die Gläubigen, er verbin­det sie mit dem auferstandenen Christus und untereinander. Die heilige Kommunion ist die Nahrung der Christen auf dem Weg zu Gott.
  4. Halte die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage!
    Um Christus in der Vorbereitung auf die hohen Feste zuneh­mend Raum zu geben, gibt es Zeiten der Entsagung und Buße. Aschermittwoch und Karfreitag sind strenge Fast- und Absti­nenztage. Katholische Christen beschränken sich an diesen Tagen auf eine einmalige Sättigung (Fasten) und verzichten auf Fleischspeisen (Abstinenz). Jeder Freitag ist im Gedenken an das Leiden und Sterben des Herrn ein Abstinenztag, an dem Gläubige auf Fleischspeisen verzichten, sich spürbar bei Genussmitteln einschränken und den Nächsten Hilfe leisten.
  5. Steh der Kirche in ihren Erfordernissen bei!
    Die Kirche fordert die Gläubigen auf, durch Mittun und materi­elle Unterstützung den Auftrag des Volkes Gottes mitzutragen.

Da zeigt sich schon in der Einleitung eine gewisse Spannung zwischen individueller Wachstumsförderung in Sachen Gottes- und Nächstenliebe und kirchlicher, mithin korporativer Verbindlichkeit. Was jedoch die Heilsfrage ganz unmittelbar berührt, ist folgender Passus aus dem Katechismus der katholischen Kirche (KKK, Neuübersetzung aufgrund der Editio Typica Latina, 2003) in Sachen Sonntagspflicht:

„Die sonntägliche Eucharistie legt den Grund zum ganzen christlichen Leben und bestätigt es. Deshalb sind die Gläubigen verpflichtet, an den gebotenen Feiertagen an der Eucharistiefeier teilzunehmen, sofern sie nicht durch einen gewichtigen Grund (z. B. wegen Krankheit, Betreuung von Säuglingen) entschuldigt oder durch ihren Pfarrer dispensiert sind (vgl. CIC, can. 1245). Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde.“ (KKK 2181; vgl. KKK 2042)

Was eine schwere Sünde ist, wird in dem Katechismus der katholischen Kirche unter Nr. 1472 erläutert: „Die schwere Sünde beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig. Diese Beraubung heißt ‚die ewige Sündenstrafe‘.“ In Sinne einer letztgültigen Auswirkung wird in der römisch-katholischen Kirche die schwere Sünde auch „Todsünde“ (vgl. 1Joh 5,16f) genannt. Diese ist wie folgt umschrieben:

„Wer sich absichtlich, das heißt mit Wissen und Willen zu etwas entscheidet, das dem göttlichen Gesetz und dem letzten Ziel des Menschen schwer widerspricht, begeht eine Todsünde. Diese zerstört in uns die göttliche Tugend der Liebe, ohne die es keine ewige Seligkeit geben kann. Falls sie nicht bereut wird, zieht sie den ewigen Tod nach sich.“ (KKK 1874)

Unwissenheit können römisch-katholische Christen nicht einfach als Entschuldigungsgrund in Sachen Sonntagspflichtverletzung geltend machen, heißt es doch im Katechismus der katholischen Kirche unter Nr. 1859: „Selbstverschuldete Unwissenheit und Verhärtung des Herzens mindern die Freiwilligkeit der Sünde nicht, sondern steigern sie.“

Eine bewusste und absichtliche Übertretung des Sonntagsgebotes kann nach römisch-katholischer Lehre für katholische Christen die ewige Verdammnis zur Folge haben, so diese Übertretung nicht gebeichtet worden ist. Schließlich heißt es im Katechismus der katholischen Kirche unter Nr. 1493: „Wer mit Gott und der Kirche versöhnt werden will, muss dem Priester alle schweren Sünden beichten, die er noch nicht gebeichtet hat und an die er sich nach einer sorgfäl­tigen Gewissenserforschung erinnert.“

Sobald zwischen der letzten Beichte und dem eigenen Ableben ein bewusster und absichtlicher Verstoß gegen die Sonntagspflicht geschehen ist, wirkt sich dies nach dem Katechismus der katholischen Kirche wie folgt als Todsünde aus: „In Todsünde sterben, ohne diese bereut zu haben und ohne die barmherzige Liebe Gottes anzunehmen, bedeutet, durch eigenen freien Entschluss für immer von ihm getrennt zu bleiben. Diesen Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen nennt man ‚Hölle‘.“ (KKK 1033)

In diesem Sinne kann es in der Rechtsgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche für die meisten katholischen Christen – trotz der Verkündigung des Evangeliums und einem persönlichen Glauben an Jesus Christus – keine Heilsgewissheit geben. Schließlich nehmen nach der letzten Statistik in den Diözesen in Deutschland nur 10,4 % der katholischen Kirchenmitglieder an der Sonntagsmesse teil (DBK, Katholische Kirche in Deutschland – Zahlen und Fakten 2015/2016, Bonn 2016. Seite 47).

Hier mein Text als pdf.

Kirchensteuer in der Kritik

15. Januar 2017
Masaccio - Der Zinsgroschen (Fresko, 1425- 1428 Santa Maria del Carmine)

Masaccio – Der Zinsgroschen (Fresko, 1425-1428, Santa Maria del Carmine)

In der heutigen Ausgabe von SWR2 Glauben ist von Brigitte Lehnhoff unter dem Titel „Kirchensteuer in der Kritik. Eine Bestandsaufnahme“ ein gut recherchierter und angenehm moderierter Beitrag über die Kirchensteuer und alternative Modelle gesendet worden. Darin kommen auch mein Studienkollege Mathias Hartmann, Rektor der Diakonie Neuendettelsau, mit seinen Anfragen an die Zukunft der Kirchensteuer und ich mit meiner biblisch-theologischen Kritik zu Wort. Die evangelische Nachrichtenagentur idea hat daraus eine Meldung gemacht: Ist die Kirchensteuer noch zeitgemäß?

Hier noch einmal meine zwölf Thesen zur Kirchensteuer aus meinem Buch „Rettet die Kirche. Schafft die Kirchensteuer ab„:

  1. Die Kirche bekennt Jesus Christus als ihren Herrn: Ihre Handlungen und Ordnungen müssen sich deshalb an seinem Wort und Werk messen lassen.
  2. Kirche ist kein Volk von Steuerschuldnern, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, die unter und nach dem Evangelium leben.
  3. Kirche lebt nicht von Abgaben der Gläubigen, sondern allein durch die Selbsthingabe Jesu Christi, die wir im Abendmahl empfangen.
  4. Die Lebensbeziehung, die Christus schenkt, befähigt Menschen, ihm auf seinem Weg zu folgen und selbst opferbereit zu werden.
  5. Allein durch freiwillige Gaben können Christen den Auftrag der Kirche unterstützen und daran Anteil gewinnen.
  6. Freiheit und Nächstenliebe sind Grundpfeiler der christlichen Gemeinschaft. Gesetzliche Zwangsverhältnisse lassen sich nicht mit ihnen vereinbaren.
  7. Kirchensteuer ist eine öffentlich-rechtliche Zwangsabgabe, kein freiwilliger Mitgliedsbeitrag. Man kann sich ihr als Kirchenmitglied nicht einfach entziehen.
  8. Die Kirchensteuer steht im klaren Widerspruch zum Evangelium Jesu Christi und zu den evangelischen Lehrbekenntnissen.
  9. Die Tatsache, dass getaufte Christen durch einen Austritt aus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts generell vom Abendmahl ausgeschlossen werden, ist ein Skandal. Die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben wird damit in Frage gestellt.
  10. Der Mammon droht, das Evangelium zu verdrängen: Je größer das Budget der verfassten Kirchen, desto mehr Entscheidungen werden in Abhängigkeit vom Geld getroffen.
  11. Das derzeitige Kirchensteuersystem macht die Landeskirchen zu Anstaltskirchen und versperrt den Weg zum nachhaltigen Gemeindebau und zur Mission.
  12. Ein Ausstieg aus der Kirchensteuerfinanzierung muss stufenweise erfolgen. Sein Ziel ist eine Kirche, die sich aus den freiwilligen Gaben der Gläubigen selbst finanziert und durch Umlagen übergemeindliche Dienste trägt.

„Gehören Sie einer christlichen Konfession an?“ Wie eine Frage auf dem Einwohnermeldeamt reformierte Ungarn und freikirchliche Bulgaren in Deutschland ungewollt zu steuerpflichtigen Mitgliedern einer verfassten Landeskirche werden lässt

13. Januar 2017

kirchensteuer

Mir stellt sich gegenwärtig eine neue Herausforderung in Sachen Kirchensteuer. In unserer Kirchengemeinde sind im letzten Jahr zwei Neuzugänge aus dem Ausland verzeichnet worden – ein ungarischstämmiger Christ aus Rumänien und eine bulgarische Familie. Bislang sind diese in unserem Gemeindeleben nicht präsent. Und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, warum sie Mitglied unserer Kirchengemeinde sein wollen, wenn wir doch keinen fremd­sprachlichen Gottesdienst bzw. keine organisierte diakonische Hilfe für Zuwanderer anbieten.

Meine Vermutung ist, dass bei den nunmehr verstärkt fälligen Neuanmeldungen von südost­europäischen Zuwanderern auf dem Einwohnermeldeamt die Weichenstellung vorgenommen wird. Da wird ja bei Zuzügen aus dem Ausland – die ja noch nicht im bundesdeutschen Meldewesen registriert sind – routinemäßig nach deren Bekenntniszugehörigkeit gefragt wird (wie dies ja von den staatlichen Meldegesetzen verlangt wird). Die betreffenden Personen geben wahrheitsgemäß ihre eigene Glaubensüberzeugung mit „protestantisch“ an und werden mit dieser Auskunft automatisch für die verfasste Landeskirche vereinnahmt – in Unkenntnis der steuerrechtlichen Konsequenzen und in Unkenntnis der jeweiligen besonderen – in unserem Fall evangelisch-lutherischen – Bekenntnisbindung. Denn in ihren Herkunftsländern ist ja – wie weltweit fast überall – Kirchensteuer ein Ding der Unmöglichkeit. Und dass die Angabe „protestantisch“ bzw. „evangelisch“ einen ungarischstämmigen Reformierten oder einen bulgarischen „Freikirchler“ automatisch meldetechnisch zu einem „Lutheraner“ in einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft macht, können diese ja beim besten Willen nicht wissen (das gibt kein Integrationskurs her). Außerdem sind auf dem Einwohnermeldeamt keine „AGBs“ der verfassten Kirchen vorhanden, die die Mitgliedschaftskonsequenzen klar benennen.

Im Unterschied zur staatlichen Rechtsprechung der 60iger Jahre in Sachen innerdeutscher „Möbelwagenkonversion“, wo man u.a. geltend gemacht hat, dass die lutherische, unierten bzw. reformierten Landeskirchen untereinander im Verhältnis einer gebietsteiligen Arbeitsgemeinschaft stehen, wird man dies ja bei Zuzügen aus dem multikonfessionellen Ausland wohl kaum behaupten können. So muss der Eindruck entstehen, dass in rechtlich fragwürdiger Weise Menschen gegen ihren eigenen Willen für eine Religionsgemeinschaft steuerpflichtig vereinnahmt werden. Dass ungarischstämmige bzw. bulgarische Mitchristen ohne Gemeindebezeug irgendein Interesse an einer Mitgliedschaft in einer verfassten Landeskirche haben sollten, ist jedenfalls kaum vorstellbar. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die gegenwärtige Praxis des kirchlichen Meldewesens in Deutschland vor einer europäischen Rechtsprechung Bestand haben dürfte.

Demokratie in der Kirche? Um Himmels willen! – Warum es in den verfassten Landeskirchen nicht zur Abschaffung der Kirchensteuer kommen kann

27. Dezember 2016

kirchensteuer

Die neueste Umfrage in Sachen Kirchensteuer bringt es (mal wieder) ans Licht. Nach einer repräsentativen Umfrage (INSA CONSULERE, Erfurt im Auftrag der BILD-Zeitung) sind fast Zweidrittel der Bundesbürger (65,3 %) gegen die Erhebung von Kirchensteuern unter Mitwirkung des Staates. Nur 16 % sind für die Beibehaltung der bisherigen Praxis. Aufschlussreich ist, dass auch unter den Mitgliedern der evangelischen Landeskirchen eine deutliche Mehrheit gegen die bisherige Praxis ist, nämlich 59,6 %. Bei den Katholiken lehnen sogar 64,9 % der Kirchenmitglieder diese Praxis ab.

Dass wider den Mehrheitswillen der eigenen Mitglieder Kirchensteuer erhoben werden kann, hängt entscheidend davon ab, dass die verfassten Landeskirchen nicht demokratisch verfasst sind. So sind die Verfassungen der evangelischen Landeskirchen nicht vom „eigenen“ Kirchenvolk in demokratischer Weise beschlossen worden. Und auch die Landessynoden als „Kirchenparlamente“, die über die Erhebung von Kirchensteuern beschließen (bzw. längst beschlossen haben), entsprechen weder in der Zusammensetzung noch im Modus der Wahl ihrer Mitglieder den allgemeinen Grundsätzen einer repräsentativen Demokratie. Auch ist – im Unterschied beispielsweise zur Verfassung des Freistaats Bayern – innerhalb der verfassten Landeskirchen keine Volksgesetzgebung mittels eines Kirchenvolksbegehrens bzw. eines Kirchenvolksentscheids möglich.

Was jedoch am schwersten wiegt ist, dass die Erhebung von Kirchensteuern als innerkirchliche Zwangsabgabe dem erklärten Willen des Herrn der Kirche, Jesus Christus, und seinem Evangelium widerspricht.

Thomas Kaufmann – „Die Reformation steht noch aus“

10. November 2016
Thomas Kaufmann

Thomas Kaufmann

Der Reformationshistoriker und Theologe Thomas Kaufmann, der jüngst das Buch „Erlöste und Verdammte: Eine Geschichte der Reformation“ veröffentlicht hat, vermag nicht in selbstgefällige Reformationsjubiläumsaufrufe einzustimmen. Für ihn steht vielmehr eine grundsätzliche Kirchenreformation in der Gegenwart an. In einem Interview im Deutschlandfunk zum Reformationstag führt er aus:

„Die Reformation ist in gewisser Weise seit den 1530er Jahren in eine Verstaatlichungsdynamik eingetreten, die das, was in brausender Vielfalt seit 1518/19 greifbar wird, dann kanalisiert hat und auch staatlich instrumentalisiert hat. […] Ich denke, wir müssen heute sehr deutlich über die Institutionalisierungsgestalt von Religion und Christentum nachdenken. Das ist ja doch ein allfälliger Sachverhalt, dass das Thema Religion, das Interesse an Religion allenthalben boomt, dass sich dies aber keineswegs als Bereitschaft des Mittuns in den verfassten Kirchen äußert – jedenfalls in Mitteleuropa. In anderen Weltgegenden ist auch der Protestantismus eine – wenn man so will – global wachsende Religion, die möglicherweise am dynamischsten wachsende Religion überhaupt. Nur in unseren Breiten stagniert sie, beziehungsweise weist Regressionsphänomene auf. Das hat auch mit unserer Institutionalisierungsstruktur zu tun, ich denke auch mit der tief verwurzelten Staatsnähe.“ Demzufolge fordert er „flachere Hierarchien, stärkere Orientierung an theologischen Sachgehalten, eine stärkere Orientierung an den essenziellen Themenbeständen des Christentums, eine weniger starke Orientierung an dem, was gefällt, was als gesellschaftlicher Konsens ohnehin im Raum steht.“

In einem ideaSpektrum-Interview mit Karsten Huhn nimmt er die landeskirchlichen bzw. EKD-Werbekampagnen direkt aufs Korn: „Zumindest in den Werbekampagnen scheint die Rückbindung an die Bibel keine große Rolle zu spielen. Diese selbstgefällige, weichgespülte Sittlichkeit, wie sie die evangelische Kirche repräsentiert, geht mir gewaltig auf die Nerven. Wo bleiben die ernsthaften Themen: die Botschaft von Sünde, Schuld, Tod, Hölle und Gottes Liebe und Gnade?“

Der Text des ideaSpektrum-Interviews „Was feiern wir da eigentlich?“ findet sich hier als pdf.

Ökumenische Abendmahlsfeier mit Pater Anselm Grün auf dem Schwanbergtag 2016

3. Oktober 2016
Thea Vogt und Anselm Grün bei der Einsetzung des Abendmahls (Quelle: Schwanbergbrief 2/2016)

Thea Vogt und Anselm Grün bei der Einsetzung des Abendmahls (Quelle: Schwanbergbrief 2/2016)

Der diesjährige Schwanbergtag am 26. Juni, der von der evangelischen Communität Casteller Ring verantwortet wird, stand unter dem Thema „damit ihr alle eins seid“. Gastprediger beim Eröffnungsgottesdienst vor der Michaelskirche war Pater Anselm Grün aus Münsterschwarzach.  Und dann wurde beim Abendmahl mit der Aussage „in Christus eins“ Ernst gemacht: Die Schwanbergpfarrerin Thea Vogt und Anselm Grün setzten gemeinsam das Abendmahl ein, so dass es zur ökumenischen Abendmahlsfeier wurde.