Archive for the ‘Martin Luther und das Reformationsjubiläum’ Category

Der Traktat über die Gewalt und den Primat des Papstes – De potestate et primatu papae tractatus (vollständiger Text auf Deutsch)

21. Juni 2017

Der „Traktat über die Gewalt und den Primat des Papstes (De potestate et primatu papae tractatus)“ wurde 1537 auf dem Konvent des Schmalkaldischen Bundes angeregt. Er sollte das Augsburger Bekenntnis von 1530 im Hinblick auf die reformatorische Lehre über den Primatanspruch des Papstes ergänzen. Die Papstfrage war nämlich im Augsburger Bekenntnis mit Rücksicht auf den Kaiser ausgeklammert worden. So wurde der Traktat von Philipp Melanchthon auf Latein verfasst und 1540 in Straßburg anonym veröffentlicht. Erst durch seine Aufnahme in das Konkordienbuch 1580 gilt er als offizielle lutherische Bekenntnisschrift. Man kann ihn als reformatorische Kritik am Papsttum bzw. an der klerikalen Hierarchie der römisch-katholischen Kirche lesen. Aber seine Lehrbestimmungen sind gegenwärtig vor allem innerhalb der verfassten Landeskirchen von grundlegender Bedeutung, so wenn es beispielsweise in Tractatus 67 heißt:

„Wo auch immer Kirche ist, dort ist das Recht, das Evangelium auszurichten. Deshalb muß die Kirche das Recht behalten, Diener [der Kirche] zu berufen, zu wählen und zu ordinieren. Und dieses Recht ist ein der Kirche vorzugsweise gegebenes Geschenk, das keine mensch­liche Autorität der Kirche entreißen kann (ubicunque est ecclesia, ibi est ius administrandi evangelii. Quare necesse est ecclesiam retinere ius vocandi, eligendi et ordinandi ministros. Et hoc ius est donum proprie datum ecclesiae, quod nulla humana autoritas ecclesiae eripere potest)“ (BSLK 491).

Aus der Wendung „wo auch immer Kirche ist (ubicunque est ecclesia)“ wird deutlich, dass das Recht der Evangeliumsverwaltung (ius administrandi evangelii) jeweils der einzelnen Gemeinde gegeben ist und nicht etwa einem verfassten territorialen Kirchentum bzw. einer Kirchenleitung. Wo überall wahre Kirche – also „die Versammlung der Heiligen, in der das Evangelium rein gelehrt wird und die Sakramente recht verwaltet werden (congregatio sanctorum, in qua evangelium recte docetur et recte administrantur sacramenta“ (CA VII; BSLK 61) – sich als dauerhaftes gottesdienstliches Versammlungs- bzw. Interaktionsgeschehen ereignet, befindet sich auch das Berufungs-, Auswahl- und Ordinationsrecht für die eigenen Amtsträger. Die Legitimation zur Ordination wird also nicht mehr in einem iure divino verfassten Bischofs- bzw. Leitungsamt gesehen, sondern in dem Recht der Evangeliumsverwaltung, das das unverbrüchliche Privileg der einzelnen Gemeinde ist. Auszuüben ist das Ordinatiosrecht (ius ordinandi) in den Gemeinden unter der Hinzuziehung von Pastoren (Tractatus 72; BSLK 492).

Hier der vollständige Text der deutschen Fassung (in der Übersetzung von Horst Georg Pöhlmann) als pdf.

„Ich habe nichts anderes, was mich getrost machen könnte, als dieses papierene Buch“- Eine Predigt Luthers über die Heilige Schrift

21. Mai 2017

In einer Adventspredigt von 1531 hat Martin Luther mit Bezug auf Römer 15,2-4 über den „Trost der Schrift“ gepredigt und dabei die Bibel seinen Zuhörern als buchstäbliche Christusgegenwart nahe gebracht:

„Gott sagt: ›Diese Schrift da, die du liesest, besteht zwar nur aus Buchstaben, und doch, weil in ihr dieser Mann Jesus Christus geschildert ist, gibt sie dir das Leben.‹ Das sind ganz große Wunder, daß Gott sich so tief herunterläßt und sich in Buchstaben hineinsenkt und sagt: Da hat mich ein Mensch abgemalt; dem Teu­fel zum Trotz sollen diese Buchstaben da die Kraft geben, Menschen zu erlösen. Die Heilige Schrift ist also ein Wahrzeichen, das Gott dahinsetzt; wenn du es an­nimmst, bist du selig, nicht weil die Schrift mit Tinte und Feder geschrieben ist, sondern weil sie auf Christus hinweist. Ebenso ging es Israel in der Wüste; da befahl Gott dem Mose: »Errichte einen Pfahl und bringe eine eherne Schlange daran an; wer von einer Schlange gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.« Was war das? Nur zwei Buchstaben, das Kreuz­holz und die Schlange, ein S und ein C; und doch wurde von Gotts hinzugefügt: »Wer die Schlange anschaut, der soll am Leben bleiben.« Gott sagte also: ›Das Holz und die Schlange will ich haben, und sie sollen solche Kraft besitzen, daß, wer sie anschaut, gerettet werden soll.‹ Ebenso ist es hier. Sein Wille ist droben im Himmel verborgen, und doch sagt er: Diese Schrift habe ich schrei­ben lassen, und wer daran glaubt, den will ich getrost machen. […]

Wenn du tief in die Schrift hinein­schaust, so wirst du Christus und sein Wort darin finden. Es mag dir also das nichtsnutzige, leere und zerbrochene Strohhälmchen vorkommen; aber glaub mir, was für eine große Macht darunter beschlossen ist! Dieses Wort, das ich dir ins Herz gebe, soll dir niemand umstoßen: kein Kaiser, und keine Welt und keine Schätze der Welt, weder Kornsäcke noch Gulden; und es soll ein starker Baum werden, ja ein Fels. Dem wird die Welt sich zwar widersetzen, aber sie wird nichts erreichen. Denn wo die Schrift ist, da ist Gott; denn sie gehört ihm und ist sein Wahrzeichen, und wenn du sie annimmst, hast du Gott angenommen. Was meinst du von ei­nem solchen Nachbarn, der Gott heißt? Was kann da Tod und Welt machen? Laß die Schrift Tinte, Papier und Buchstaben sein! Aber einer ist dabei, der sagt, sie sei sein, und das ist Gott, im Verhältnis zu dem die Welt nur ein Tröpflein am Eimer ist. Vor der Welt ist’s ein schlechter Trost, wenn Paulus zur Geduld mahnt, und es klingt schwächlich, wenn man sagt, man solle einen Spruch aus der Schrift lesen und in die Ohren sagen. Und doch soll einem hier ein solcher Herr begegnen, dem gegenüber die Welt nichts ist. Es liegt alles am Glauben. Wenn du es nach der Vernunft mißt, so klingt es töricht, da ja hier ›Trost geben‹ nicht heißt: einen mit Gut, Ehre, Gulden usw. erfreuen. Allein wag’s und nimm einen Spruch aus der Schrift und halt ihn fest; wie es heißt: »Seid getrost und unver­zagt, alle, die ihr des Herrn harret«.“

Hier die vollständige Predigt als pdf.

„Nicht nur im Genuss der Ruhe der Nacht erfahren wir den Segen eines Lebens im Glanz der Rechtfertigung“ – Oswald Bayer über Rechtfertigung

18. Mai 2017

Wie lebensnah von der Rechtfertigung des Sünders durch die Zueignung des stellvertretenden Sühnetods Christi im Glauben gesprochen werden kann, zeigt Oswald Bayer in folgendem Text:

Grundworte der Reformation: Rechtfertigung

Von Oswald Bayer

1. Grund und Mitte

Die Predigt der Rechtfertigung des Sünders ist der Grund und die Mitte der Kirche. Diese Predigt faßt sich zusammen in dem Satz: „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4,8 und 16). Gottes Liebe aber wird verharmlost, wenn sein Gericht verschwiegen wird. Es ist eine Riesenschuld der Predigt der Kirche, vom Frieden mit Gott zu reden, ohne deutlich zu machen, dass Feind­schaft und Kampf vorausgehen (Römer 5,10). Die Liebe Gott ist keine Selbstverständ­lichkeit. Denn in seiner Liebe spricht Gott gegen sich selbst, gegen den Gott, der im Gesetz mich verurteilt.

Im Gesetz tritt mir Gott mit unausweichlichen, harten Fragen gegenüber: Adam, Eva! Wo bist du (1. Mose 3,9)? Wo ist dein Bruder (1. Mose 4,9)? Solche Fragen überführen mich. Was mir nicht bewusst ist, meine „unerkannte“ Sünde (Psalm 90,8), kommt ans Licht. Ja, ich wer­de überhaupt erst entdeckt: „Du bist der Mann!“ – des Todes (2. Samuel 12,7 und 5). Das kann ich mir nicht selbst sagen. Das muss mir von außen, von einem anderen gesagt werden. Gleichwohl werde ich so überführt, dass ich, wie David vor Nathan, dem Propheten Gottes, mir selbst das Urteil spreche. Das mir von außen widerfahrende Gesetz überführt mich zugleich von innen heraus.

Anders als im Gesetz, in dem Gott gegen mich spricht, spricht er im Evangelium für mich. Dieses „für mich“ ist Jesus Christus selber, in dem der dreieine Gott sich mit der Taufe und dem Abendmahl sowie mit jeder tauf- und abendmahlsgemäßen Predigt im „leiblichen Wort“ (Augsburger Bekenntnis, Artikel 5) zuspricht und gibt. In solchem Widerfahrnis des Zu­spruchs der Sündenvergebung wird der durch das Gesetz zum Tod verdammte Sünder neu geschaffen. Seine Identität hat er bleibend außerhalb seiner selbst. Er hat sie in einem ande­ren: in dem, der in einem wundersamen Wechsel und Tausch menschlicher Sünde und gött­licher Gerechtigkeit an seine Stelle getreten ist und für ihn spricht. Mit diesem Ereignis des stellvertretenden Sühnetodes Jesu Christi und seiner leiblichen Selbstzueignung in Predigt, Abendmahl und Taufe – „für dich!“ – ist das Kriterium der Wahrheit gegeben, das in der Kirche gilt.

Dieses Kriterium aber verblasst, wenn Gottes Liebe, die dem Sünder gilt, ihre Unerhörtheit verliert und zu etwas Selbstverständlichem wird. Dem entspricht die Verkennung von Gottes Gericht. Verkannt wird zugleich die Erfahrung des Sich-rechtfertigen-Müssens, die jeder täglich macht. Einer klagt den andern an, setzt ihn unter den Druck, sich zu rechtfertigen: seine Existenzberechtigung nachzuweisen und zu zeigen, was er zu leisten imstande ist, was er sich leisten kann, was er aus sich macht, um etwas zu sein und zu gelten und auf diese Weise sich selbst zu rechtfertigen. Auch wo von Gottes Gericht geschwiegen und nur noch diffus allgemein von Gottes Liebe geredet wird, bleiben die Zusammenhänge der Schuldzu­weisung und Anklage bestehen. Sie werden nur anonymer, gestaltloser, unkultivierter, lassen sich jedenfalls nicht mehr in der Sprache der Kirche artikulieren. So ist es auf der einen Seite durch die Schuld auch der Kirche zu dem – an sich richtigen – Satz gekommen „Gott liebt alle“, der in seiner diffusen Allgemeinheit aber eine völlige Verharmlosung der Liebe Gottes darstellt. Auf der anderen Seite bleiben die Rechtfertigungszwänge und Gesetzeserfahrungen des alltäglichen Lebens theologisch unbegriffen.

2. Sein dürfen

Gerade auf diese Rechtfertigungszwänge und Gesetzeserfahrungen des alltäglichen Lebens aber bezieht sich Gottes rechtfertigende Liebe. Sie strahlt überall dort, wo wir von uns selbst Abstand gewinnen – besonders kräftig, wenn wir über uns selbst lachen können. Sie strahlt auch in selbstvergessener Arbeit, in der wir ganz bei der Sache sind, und in einem Gespräch, in dem wir ganz beim andern sind. Sie wirkt nicht zuletzt, wenn es uns gegeben ist, inmitten schreiend unfertiger Arbeit – einzuschlafen, unverdient einzuschlafen, „ohn all mein Ver­dienst und Würdigkeit“. „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt“ – am Schreibtisch etwa – „und esst euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er’s schlafend“ (Psalm 127,2).

Aber nicht nur im Genuss der Ruhe der Nacht erfahren wir den Segen eines Lebens im Glanz der Rechtfertigung, sondern auch im gefeierten Sonntag: wenn wir in unserer durchaus not­wendigen und von Gott gewollten Arbeit innehalten und staunen, dass diese Welt ist – noch ist –, alle Morgen neu, staunen, dass wir sind – noch sind – und es nicht aus ist mit uns, stau­nen darüber, dass wir nicht uns selber ausgeliefert sein müssen.

Unser Herz muss sich nicht verkrampfen und verschließen in seinem Trotz und seiner Verzagtheit. Du darfst vielmehr aus deinem Schneckenhaus herausgehen.

Diesem Ruf, aus uns herauszugehen, folgen wir von selbst, wenn wir auf Gottes Werk der Rechtfertigung schauen: Wir haben uns nicht selber zur Welt gebracht; wir wurden geboren. Wir schaffen die Luft und den Atem nicht, von dem wir leben; Luft und Atem werden uns gewährt – jeden Augenblick neu. Wir leben in einer bereiteten Welt, in gewährter Zeit, wir leben von der Liebe des andern Menschen, die wir nicht verdienen oder gar erzwingen können; sie geschieht, wenn sie geschieht, frei – wie auch die Vergebung, wenn sie geschieht, frei geschieht.

3. Bekehrung zur Welt

Die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben war Luthers entscheidende Entdeckung bei seiner Suche nach dem gnädigen Gott. Doch scheint diese Besonderheit reformatorischer Theologie dem modernen Menschen nicht mehr verständlich zu sein. Luthers Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ scheint niemanden mehr oder nur noch wenige zu berühren. Der moderne Mensch fragt vermeintlich radikaler: „Existiert Gott?“ und glaubt auf der Suche nach Freiheit die Antwort in seinem Selbst zu finden. Er übersieht, dass er gerade dabei immer tiefer in den Zwang der Selbstrechtfertigung gerät.

Er übersieht, dass er in seinem Drang zur Selbstfindung und Selbstgründung scheitert, in einen Abgrund stürzt, weil er sich nicht ergründen kann. Die Verzweiflung bei solcher Höllenfahrt der Selbsterkenntnis deckt sich mit der Erfahrung Luthers vor seinem reformato­rischen Durchbruch.

Dieser Durchbruch ist die Rechtfertigung durch das Wort vom Kreuz, das die Befreiung bringt: Hineingenommen in den wundersamen Wechsel und Tausch, in dem Gott an meine Stelle tritt, bin ich frei, wegzusehen von mir. Ich kann aus dem Zusammenhang der Schuldzu­weisung und Anklage und aus dem Kampf um gegenseitige Anerkennung heraustreten und mich Gott und der ganzen Kreatur zuwenden. Die durch die Rechtfertigung des Sünders geschehende Neuschöpfung betrifft die ganze Schöpfung. Sie stiftet einen neuen Zugang zur Welt, die Bekehrung zur Welt.

Quelle: Evangelische Sammlung in Württemberg, Rundbrief 60, März 2013, Seiten 5-7.

Hier der Text als pdf.

„Bist du gegenüber dem Wort vom Kreuz abgebrüht“ – Luthers Fragen an uns Theologen (nach Oswald Bayer)

18. Mai 2017

Oswald Bayer bei einem Gastvortrag am Luther Seminary, St. Paul (2011)

Oswald Bayer hat wie kaum ein anderer systematischer Theologe die Gegenwartsrelevanz der Theologie Martin Luthers dargestellt. Zeugnis dafür ist insbesondere sein Buch Martin Luthers Theologie: Eine Vergegenwärtigung. Von ihm stammt der Text „Luthers Fragen“, der es im Hinblick auf das Reformationsjubiäum in sich hat:

Luthers Fragen

Die Einsichten des Reformators müssen von evangelischen Christen immer wieder neu gewonnen werden.

Von Oswald Bayer

Zwar ist der Frage nach Luthers Aktualität im weltgeschichtlichen Horizont gerade aus theo­logischen Gründen größte Aufmerksamkeit zu widmen. Doch kann dies in theologischer Verantwortung nur geschehen, wenn zuvor Klarheit über das „Reformatorische“ gewonnen ist. Diesem ersten Schritt dienen die folgenden Fragen, die mir Luther gestellt hat und die ich ohne ihn in dieser Radikalität und Schärfe wohl kaum gehört hätte. Die Theologie Luthers und der Bekenntnisschriften, zu der ja maßgebende Lutherschriften gehören, stellen diese Fragen jeder und jedem evangelisch Getauften, in besonderer Verantwortung aber denjenigen, die professionell dem göttlichen Wort und damit dem Menschen dienen. Luthers Aktualität und Brisanz erweisen sich in der Antwort, die wir auf diese Fragen geben – Fragen, die eine norma normata einschließen, die freilich immer durch die norma normans, die Bibel als Heilige Schrift, zu prüfen ist (BSLK 769,19-35). Sie dürften zeigen, dass wir Luthers Ein­sichten noch keineswegs eingeholt, geschweige denn überholt haben, ja, dass wir sie weitge­hend verloren haben und in den gegenwärtigen Kontexten neu gewinnen müssen.

  1. Lässt du dich in den Dienst nehmen, im Namen – mithin in der Stellvertretung – des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes angesichts des Letzten Gerichts die Gewissen zu schärfen und zu trösten, also Gesetz und Evangelium zu predigen?

Des Näheren:

  1. Ist Gal 3,13 der Dreh- und Angelpunkt deiner theologischen Orientierung?
  2. Arbeitest du dementsprechend am Begriff der Gewissensfreiheit, die theologisch grund­legend Christusfreiheit ist (Freiheit vom Gesetz, Freiheit in Christus, Freiheit zur Erfüllung des Gesetzes), strikt unterschieden von politischer Gewissensfreiheit, die in den Bereich der iustitia civilis gehört und dort (!) nicht hoch genug geschätzt werden kann.
  3. Bist du gegenüber dem Wort vom Kreuz abgebrüht oder spürst du, dass es „bisher noch niemals und nirgendwo … etwas gleich Furchtbares, Fragendes und Fragwürdiges gegeben hat“ (Nietzsche), so dass seine Ablehnung als Eselei und Skandal (1Kor 1,23) menschlich verständlich, aber eben „satanisch“ (Mk 8,33),
  4. seine Annahme jedoch als Gotteskraft das Wunder des Heiligen Geistes ist?
  5. Lässt du dich in der Christologie konsequent durch die Lehre von der Idiomenkommuni­kation leiten, wonach der ohnmächtige Mensch am Kreuz kein anderer ist als der allmächtige Gott, der Herr der Herrlichkeit (1Kor 2,8)?
  6. Wagst du es, den von dir im Namen Gottes gegebenen Zuspruch der Freiheit als Gottes eigenes Wort zu respektieren und zu lehren, „dass man die Absolution oder Vergebung von dem, der die Beichte hört, als von Gott selbst empfange und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel“ (BSLK 517,13-17)?
  7. Bleibst du dabei, in der Feier des Abendmahls Gottes dem Glauben zuvorkommende Zusage vom nachfolgenden, antwortenden Dankgebet zu unterscheiden (WA 6, 522,30-34 u.ö.), mithin das Abendmahl nicht als ganzes zu einer Eucharistie zu machen und auf diese Weise das Katabatische im Anabatischen untergehen zu lassen?
  8. Ist dir durch und durch bewusst, dass die Predigt des Evangeliums die gleiche Sprachhand­lung ist bzw. sein soll wie Taufe, Absolution und Abendmahl, also nicht informieren, fordern oder darstellen soll, mithin nicht Aussage, Appell oder emotionaler Ausdruck sein kann, son­dern zusagen und geben, geben und nochmals geben soll, Zusage und Gabe ist,
  9. dass nur dann, wenn das Wort als Zusage und Gabe wahrgenommen wird, der Glaube wahrhaft Glaube sein kann?
  10. Gilt als Kriterium für die Gestaltung des Gottesdienstes die „Torgauer Formel“, wonach in ihm nichts anderes geschehen soll, als „dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“ (WA 49, 588,16-18)?
  11. Gilt also als Kriterium die Korrespondenz von Wort und Glaube, weil „Gott mit den Men­schen nie anders zu tun gehabt und zu tun hat als mit im Wort der Zusage und wir unsererseits mit Gott nie anders zu tun haben als im Glauben an das Wort seiner Zusage“ (WA 6, 516,30-32)?
  12. Tröstet dich der – keineswegs zynische, wohl aber demütige – Antidonatismus, dass die Geltung und Wirksamkeit des Wortes Gottes „weder von der Würdigkeit dessen abhängt, der es zudient, noch dessen, der es empfängt und aufnimmt („nec pendere ex dignitate ministri aut sumentis“: BSLK 65,37f)?
  13. Bringst du realistisch, ausdrücklich und eingehend zur Sprache, was der Erfahrung der Zusage Gottes widerspricht, so dass im Gottesdienst und in anderen Formen der Seelsorge der Klage – den Klage- und Rachepsalmen sowie dem Buch Hiob – Raum gegeben wird?
  14. Bist du so ehrlich und redlich, die Anfechtung, wenn sie kommt, nicht zu verkennen und zu verdrängen, sondern sie einzugestehen und – gegen den in die Versuchung führenden Gott (Gen 22,1) zu Gott fliehen (ad deum [revelatum] contra deum [absconditum] confugere: WA 5, 204,26f) – auszuhalten?
  15. Ist deine theologische Existenz durch oratio, meditatio und tentatio bestimmt, also da­durch, daß du, von der Anfechtung getrieben, betend in die Heilige Schrift hineingehst und von ihr ausgelegt wirst, um sie andern Angefochtenen auszulegen, so dass auch sie betend in die Heilige Schrift hineingehen und von ihr ausgelegt werden?
  16. Gehört insbesondere das Psalmengebet zu deinem Alltag?
  17. Ist deine theologische Existenz (s. Frage 16) konstitutiv seelsorglich und also durch das gegenseitige Gespräch und die gegenseitige Stärkung des Lebensmutes (mutuum colloquium et consolatio fratrum [et sororum]: BSLK 449,12f) im Horizont des Letzten Gerichts (s. Frage 1) geprägt?
  18. Ist dir, weil der Glaube durch das Hören kommt, die Freude an der Sprache und die Sorge um sie zur zweiten Natur geworden, so dass dir die Fragen der Bildung und Kultur lebensnot­wendig sind?
  19. Bist du davon durchdrungen, dass die Katholizität der Kirche wesentlich in der Fürbitte „für alle Menschen“ (1Tim 2,1) besteht und es, wenn du mit dem Herzen und dem Mund vor Gott bei den anderen bist, nicht ausbleiben kann, dass du mit den Händen und Füßen vor der Welt bei den anderen, fremden bist – so, dass der Liturgie der Kirche ihre Diakonie ent­spricht?

Oswald Bayer lehrte zuletzt als Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch- theologischen Fakultät. Unter anderem ist er Autor des Buches „Martin Luthers Theologie: Eine Vergegenwärtigung“.

Quelle: theologie, Nr. 19, 1. April 2015, 3f.

Hier die englischsprachige Fassung „Twenty Questions on the Relevance of Luther for Today„.

„Mein Herr Christus sieht dem Tode zu, wie er mich tötet, und wenn der mich erwürgt hat, so schlafe ich so leise, daß er mich mit einem Wort erwecken kann.“ – Martin Luthers Predigt über Lukas 7,11-17

17. Mai 2017

Auferweckung des Jünglings zu Nain (kolorierter Holzschnitt von Matthias Gerung aus der Ottheinrich-Bibel, 1530-32)

Fast spielerisch nimmt Martin Luther in seiner Predigt über Lk 7,11-17 (Der Jüngling von Nain) sich den Tod zur Brust.  Und er kann Christus seinen Zuhörern auf das Allergewisseste zusprechen:

»Ich sage dir: Stehe auf!« Predigt über Lk 7,11-17

Von Martin Luther

Und es begab sich danach, daß er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und viel Volks. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn war seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr. Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und rührte den Sarg an, und die Träger standen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter. Und es kam sie alle eine Furcht an, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk heimgesucht. Und diese Rede über ihn erscholl in das ganze jüdische Land und in alle umliegenden Länder. (Lukas 7,11-17)

In diesem Evangelium ist vieles enthalten, was gelehrt werden müßte; doch ich will nur die Hauptsache ins Auge fassen. Da ist eine arme Witwe, die ihren Mann und ihren Sohn verloren hat; und das war im Judentum eine besonders schwere Sache für eine Frau, Witwe zu sein und keinen Sohn mehr zu haben. Denn die öf­fentliche obrigkeitliche Ordnung war bei den Juden darauf einge­stellt, daß man rechtsfähige männliches Erben haben sollte. Des­sen muß nun die Frau entbehren; sie bleibt nun eine elende Witwe. Das läßt sie die Sache so ansehn, als habe Gott sie verlassen und sei ihr feind geworden. Da ist ein betrübtes Herz, das leicht an Gott hätte verzweifeln können, da es aussah, als hätte er sie im Stich gelassen, nachdem erst ihr Mann und nun auch noch ihr Sohn ge­storben war. Diese Frau tröstet der Herr, indem er ihr den Sohn wiedergibt, und ihre Freude ist nun zehnmal größer als vorher der Schmerz war; ja es wäre kein Wunder gewesen, wenn sie vor Freu­de gestorben wäre. So wollen wir also lernen, unsern Glauben an dieser Geschichten zu üben, zu stärken und fest zu fassen; und hiezu laßt uns sehen, wie Christus den Tod so ohnmächtig und ver­ächtlich macht. Weil er uns ein solches Bild vom Tod vor Augen stellt, sollen wir vor ihm kein Grauen haben. Er möchte uns gerne ein Herz schaffen, das geduldig seines Weges ginge und des Todes nicht achtete. Das lernen die am meisten, die im Jammer sind wie diese Witwe. Sieh, wie schnell und leicht es zugeht: Der Jüngling ist gestorben, und da ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß er ins leibliche Leben zurückkehren werde; da mußte alle Welt verzagen. Aber nun kommt er, der Christus; er nimmt keine Apothekerarznei; er sagt nur: »Stehe auf!« Also ist vor seinen Augen der Tod wie das Leben; für ihn ist das eine soviel wie das andre, Tod soviel wie Le­ben. Wenn wir tot sind, so sind wir doch nicht tot vor ihm. Denn er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; und diese leben, wie es Matth 22,32 heißt, wo er sagen will: ›Sie sind nicht gestorben, sondern sie leben mir.‹

Daraus sollen wir etwas lernen: nämlich die große Macht, mit der Gott am Jüngsten Tag durch Christus an uns wirken wird. Mit ei­nem einzigen Wort wird er uns aus dem Grabe hervor­ziehen; er wird rufen: ›Doktor Martinus, komm her!‹, und es wird in einem Augenblick geschehen. Darum sollen wir ja nicht daran zwei­feln, daß bei ihm die Macht und der Wille dazu da ist. So hat die­ser tote Jüngling kein Ohr, und doch hört er! Was für eine seltsame Geschichte ist das! Er, der nicht hört, hört; er, der nicht lebt, lebt; der Leichnam ist tot und lebt; es braucht nur ein Wort dazu! Wenn wir also sehen, daß Christus so leicht aus dem Tode reißen kann, und hören, er wolle es tun, und daß es ihn noch dazu jammere, wenn wir vor dem Tode so erschrecken, so sollten wir ein festes Vertrauen zu ihm fassen. Darum gibt er hier ein Beispiel und eine Probe seiner Macht. Er will uns damit sagen: ›Ängstet euch nicht! Was kann euch der Tod tun? Nichts, als daß er euch erschreckt. Aber schaut nicht auf euch, welche Gefühle ihr dabei habt, und laßt euch nicht von eurer Furcht leiten, sondern schaut auf das, was ich kann und will. Ich kann euch nämlich so leicht aufwecken, wie einer einen andern aus dem Bette aufwecken kann, und ich will es auch. Am Wollen und an der Kraft dazu soll es nicht fehlen.‹ So schlafen sie auf dem Kirchhof viel leiser als ich auf dem Bette; denn mich muß man wohl zehnmal rufen, und ich höre es doch nicht. Sie aber wer­den erweckt werden durch ein einziges Wort. Wir schlafen al­so viel fester als die auf dem Kirchhof; denn wenn da der Herr ruft: »Jüngling!« oder: »Lazarus!« oder: »Mägdlein!«, so hören sie es sofort. Vor unsrem Herrgott heißt ihr Zustand also nicht ›Tod‹, sondern nur für uns; vor Gott ist’s ein so leiser Schlaf, daß er nicht leiser sein könnte. Das will er uns einprägen. Denn wir sollen nicht erschrecken, daß wir, wenn die Pest oder der Tod heran­kommt, jammernd zum Tode sagen: ›Was kommst du denn? Du hast scheußliche Zähne, und wahrlich, ich fürchte mich und sterbe nicht gerne.‹ Vielmehr soll ich da nicht auf das hinsehen, was der Tod von sich aus tut, wie er also der Henker das Schwert zückt; sondern ich soll vielmehr an das denken, was unser Herr­gott dazu tun kann und tun will. Er fürchtet ihn nämlich nicht; er fragt nicht nach seinem Zähneknirschen. Sondern er sagt so: ›Tod, ich will dir dein Tod sein, Hölle, ich will deine Pestilenz sein, deine Büchse und Pulverkugel, die dir dein Ende bereiten; ja, ich will deine Hölle sein! Du hast mir die Leute erschreckt, daß sie ungern gestor­ben sind. Hüte dicht! Dafür, daß du getötet hast, werde umgekehrt ich dich töten. Du sagst: Den habe ich gefressen, den Doktor Martinus habe ich umgebracht! Rühme dich nur, Tod! Sie sind mir aber nicht tot, die du mir getötet hast, sondern sie schlafen, und zwar so leise, daß ich sie mit einem Finger wecken kann.‹ Das wird den Tod zornig machen, daß er nicht mehr fertigbringen soll, als einen Menschen schlafen zu legen, so daß, wenn Christus einmal sagen wird: »Kommet, ihr Toten!‹, sie durch seine Stimme aus den Grä­bern hervorgehen werden: die da Gutes getan haben, zum ewi­gen Leben, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes, wie es Joh 5,28f heißt.

So sollen wir’s machen; denn wir haben diesen Trost: die Mönche und die Türken haben ihn nicht. Daher nehmen sie ihre Zuflucht zu den Werken, weil sie aus Christus einen Richter machen. Sie wissen, daß sie sterben müssen und die Hölle vor sich haben. Darum wollen sie Christus mit Gebeten und Messen entgegenlaufen; sie halten ihn für einen Richter, der sagen werde: ›Du hast so viel gebetet, so viel gute Werke getan; komm, du sollst gerettet sein!‹ Auf diese Weise machen sie selber Christus zu einem Richter über die Chri­sten, über ihr Leben; das ist aber der leidige Teufel. Sie machen aus Christus etwas Schlimmeres als aus dem Tod. Daher fürchten sie sich so vor dem Jüngsten Tag, weil sie böse, verzagte Herzen ha­ben. Du aber sollst sagen, Christus sei ein Richter nur über die Un­gläubigen, welche das Wort nicht hören und ihm nicht vertrauen. Ich aber, der ich getauft bin und an Christus glaube, daß er für mich gelitten hat, brauche mich nicht zu fürchten wegen des Gerichtes; denn er sitzt selber beim Vater und ist mein Verteidiger und Bei­stand. Darum wenn er am Jüngsten Tage kommen wird oder wenn du sterben mußt, so denke: ›Mein Herr Christus sieht dem Tode zu, wie er mich tötet, und wenn der mich erwürgt hat, so schlafe ich so leise, daß er mich mit einem Wort erwecken kann.‹ Und der Herr sagt: ›Der Mensch, der da tot ist, der sieht und hört für mich noch gut, obwohl die ganze Welt meint, er sehe und höre nichts.‹ Daraus sollen wir lernen, daß ein Christ sich nicht fürchten soll; denn Christus kommt nicht, um zu richten, sondern er kommt, wie er zum Sohn der Witwe (und zu den andern Glaubenden) kommt: er errettet ihn vom Tode und bewirkt, daß er sich aufrichtet, sieht, hört, spricht, obwohl er doch nicht sah, hörte und sprach. So wird er auch zu uns kommen, die wir glauben. Die andern, die Ungläubigen nämlich, wird er richten. Wir aber sollen das lernen, daß wir nach unsrem Erlöser uns sehnen und je länger, je besser an ihn glau­ben.

Daher sollen wir Christen froh sein, wenn wir vom Jüngsten Tage hören, oder wenn die Pest kommt und unser letztes Stündlein schlägt. Wenn wir aber uns schrecken lassen, so ist es die Schuld des alten Adam, nicht die Christi; denn es ist das Allergewisseste, daß er uns wieder auferwecken will. Wir sollen schlafen, bis er kommt, und an das Gräblein klopft und sagt: ›Doktor Martinus, ste­he auf!‹ Dann werde ich in einem Augenblick aufstehen und werde ewig mit ihm fröhlich sein. So soll also ein Christ ein andres Herz haben als die Mönche und Türken, die so erschrecken, daß sie nicht aus noch ein wissen. Geschieht ihnen recht: denn warum lernen und glauben sie nicht, daß er ein Mann des Helfens ist für die Gläubigen, und ein Richter nur für die Ungläubigen? Für mich ist er ein Arzt, Helfer und Retter; aber für den Papst, für Herzog Georg und die Teufel ist er ein Richter. Denn diese sind des Teufels und des Todes Diener; sie wollen das vornehmen und ausrichten, was der Tod und der Teufel tun sollen. Da ist er der Richter, um den Frommen Frie­den zu schaffen.

Soviel über die Geschichte von jener Witwe. Gott helfe, daß wir den Mann so erkennen lernen, wie ihn uns das Evangelium vor Au­gen malt.

Gehalten am 28. September 1533 (16. Sonntag nach Trinitatis) im eigenen Haus.

Quelle: WA 37,149-151.

Hier die Predigt als pdf.

„Gott hat niemals anders mit den Menschen gehandelt als durch das Wort der Verheißung“ Martin Luther über Glaube und Verheißung.

17. Mai 2017

In seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium)“ von 1520 hat Martin Luther zum ersten Mal die Korrelation von Verheißung (promissio) und Glaube (fides) als reformatorisches Proprium ausführlich dargelegt. So schreibt Luther bezüglich dem Abendmahl als Sakrament:

Daraus siehst du, daß zu einer würdigen Feier der Messe nichts anderes als der Glaube gefor­dert wird, der fest auf diese Zusage vertraut und daran glaubt, daß Christus in diesen seinen Worten wahrhaftig spricht, und nicht zweifelt, daß ihm diese unermeßlichen Güter frei ge­schenkt sind. Auf diesen Glauben folgt alsbald von selbst die innigste Bewe­gung des Herzens, durch welche der Geist des Menschen weit und reich gemacht wird – das geschieht durch die Liebe, welche uns durch den Heiligen Geist im Glauben an Christus geschenkt wird. So wird er zu Christus, dem freundlichen und gütigen Testator, hingerissen und ein ganz anderer und neuer Mensch. Denn wer wollte nicht innig weinen, ja vor Freude an Christus fast vergehen, wenn er ohne jeden Zweifel glauben kann, daß diese unschätzbare Verheißung Christi ihm gilt! Wie sollte man einen solchen Wohltäter nicht liebhaben, der dem Unwürdigen, welcher ganz anderes verdient hätte, solchen Reichtum und dieses ewige Erbe, bevor man überhaupt darum bittet, anbietet, zusagt und schenkt?

Denn Gott hat niemals anders – wie ich sagte – mit den Menschen gehandelt und handelt auch nicht anders mit ih­nen als durch das Wort der Verheißung. Wir andererseits können mit Gott niemals anders als durch den Glauben an sein Verheißungswort handeln. Nach Werken fragt er nicht, bedarf ihrer auch nicht. Durch Werke handeln wir vielmehr gegen die Men­schen und mit den Menschen und uns selbst. Aber Gott bedarf dessen, daß er von uns in seinen Zusagen als wahrhaftig geachtet werde und man geduldig seiner har­re und er so in Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt werde. Dadurch geschieht es, daß er seine Ehre in uns behauptetet, wenn wir nicht durch unser Laufen, sondern durch sein Erbarmen, Verheißen und Schenken alles Gute empfangen und haben (Röm 9,16). Siehe, das ist der rechte Gottesdienst und die wahre Gottesverehrung, die wir in der Messe darbringen sollen. Wenn aber die Ver­heißungsworte nicht gelehrt werden, was für eine Übung des Glaubens kann man dann haben? Aber wer hofft ohne Glauben? Wer liebt? Was ist das für ein Gottesdienst ohne Glauben, Hoffnung und Lie­be! Daher ist kein Zweifel, daß heutzutage alle Prie­ster und Mönche samt den Bischöfen und allen ihren Obe­ren Götzendiener sind und wegen solcher Unkenntnis, sol­chen Miß­brauchs und solcher Verspottung der Messe, d. h. des Altarsakraments und der Zusa­ge Gottes in einem höchst gefährlichen Stande leben.

Ein jeder sieht ja leicht ein, daß dieses beides, »Zusage« und »Glaube«, zugleich nötig ist. Denn ohne Zusage und Verheißung kann nichts geglaubt werden. Ohne Glauben aber ist die Verheißung nutzlos, weil sie nur durch den Glauben bestätigt und erfüllt wird. Aus diesem allen wird ebenso leicht jeder einsehen, daß die Messe, da sie nichts anderes als Verheißung ist, allein durch diesen Glauben be­gangen und gefeiert wird.

Hier ein längerer Textauszug als pdf.

„Luther kommt für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage“ – Albrecht Beutel über Luthers Freiheitsverständnis

11. Mai 2017

Kurz und knapp beschreibt Albrecht Beutel in seinem Lexikonartikel über Martin Luther (Metzler Philosophen Lexikon), wie Luther Freiheit verstanden wissen will:

Auf dem Höhepunkt seines theologischen Aufbruchs, 1520, hat Martin Luther eine Reihe von – vielfach allgemeinverständlichen – reformatorischen Hauptschriften verfasst, deren bekann­teste und am meisten rezipierte Von der Freiheit eines Christenmenschen handelt. Trotz des Gleichklangs der Vokabeln kommt Luther jedoch für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage. Er selbst wollte nur den paulinischen Ruf der Freiheit erneuern. Darin wird zweierlei deutlich: Die Freiheit, um die es Luther geht, ist nicht als menschliches Vermögen bzw. als ontologische Verfassung gedacht, sondern als eine Freiheit, in die sich der Glaube an Christus versetzt sieht. Und: Nicht eine allgemein menschliche, sondern die christliche Freiheit hat Luther im Blick. Sein Anliegen fasst er in die Doppelthese zusammen: »Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yder­mann unterthan«. Die beiden Sätze beziehen sich asymmetrisch aufeinander. Denn die Reihenfolge von der Freiheit zur Dienstbarkeit ist unumkehrbar. Und während sich das Knecht-Sein auf das Verhältnis zu den anderen Menschen bezieht, gilt das Herr-Sein nur in Bezug auf die Dinge, nicht auf die Men­schen. Die Dialektik von Herr und Knecht ist darum nicht gemeint, ebenso wenig die von Seele und Leib. Vielmehr ist in beiden Sätzen vom gan­zen Menschen die Rede: Zuerst in seinem Verhältnis zu Gott, dann in dem zu den Menschen. Der Glaube, will Luther sagen, befreit den Menschen aus dem Zwang zur Selbstermächtigung, und er macht ihn frei zum Dienst an den Nächsten. Kurz: Er ist frei aus Glauben zur Liebe. Die damit gesetzte Freiheit hat ihren Ort zwischen Gott und Mensch; sie lässt sich nicht zu einem menschlichen Hand­lungsbegriff säkularisieren. Die Freiheit, die Luther meint, ist die Freiheit des Gewissens, nun aber wieder in exklusiv theologischem und darum gerade nicht neuzeitlichem Sinn. Für ihn ist die Gewissensfreiheit nicht Ausdruck der Autonomie des Menschen. Das Gewissen ist darin frei, daß es sich in Gott gebunden und darum den Zumutungen anderer Mächte enthoben weiß.

Versinkende Kirche – Novoflot und der wirkliche Luther

10. Mai 2017

„Novoflot-Kirche“ (Foto Falko Siewert)

Da kann man den Kunstatheisten der Opernkompanie Novoflot nur gratulieren, die Ende April schlagzeilenträchtig am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin neben der Volksbühne ein versinkendes Holzkirchengebäude temporär errichtet hatten. Als Motto wurde dazu ein vermeintliches Luther-Zitat ausgegeben: „Wo Gott eine Kapelle baut, da baut der Teufel eine Kirche daneben.“ Im Original (Rörer-Nachschrift der Predigt vom 22.7. 1526 über Mt 7,15-23) heißt es umgekehrt: „Wo Gott eine Kirche baut, da baut der Teufel eine Kapelle daneben.“ (Mühlhaupt, Luthers Evangelien-Auslegung 2, Göttingen 1973, 237)

In Sachen versinkende Kirchtümer ist Luther radikaler, wenn es in seiner Kirchenpostille von 1522 (Epistel zum Stephanstag, Apg 6,8-14) heißt: „Es gibt keine andere Ursache zum Kirchbau als den einen Grund, dass die Christen mögen zusammenzukommen, bitten, die Predigt hören und die Sakramente zu empfangen. Und wo diese Ursache aufhört, sollte man dieselbe Kirche abrechen, wie man das bei allen anderen Häusern tut, die nicht mehr genutzt sind. (Denn keyn ander ursach ist kirchenn zu bawen, ßo yhe eyn ursach ist, denn nur, das die Christen mugen tzusammenkommen, bitten, predigt horen und sacrament empfahen. Und wo diesselb ursach auffhoret, sollt man dieselbe kirche abbrechen, wie man allen anderen hewßern thut, wenn sie nymmer nütz sind).“ (WA 10/I 1, Seite 252)

 

„Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren“ – Was Karl Barth zum Reformationsjubiläum 2017 zu sagen hat

7. Mai 2017

Verpflichtungserklärung für Pfarrer/Mitglieder des Pfarrernotbundes

Karl Barth hatte am 30. Oktober 1933 in Berlin vor Mitgliedern des Pfarrernotbundes einen Vortrag „Reformation als Entscheidung“ gehalten (siehe dazu Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. v. Eberhard Busch, Zürich: TVZ 1998), dessen Ausführungen in Sachen Kirche der Reformation für das Reformationsjubiläum 2017 unverändert gelten:

Es handelt sich in der reformatorischen Lehre von der heiligen Schrift als dem einzigen Zeug­nis wirklicher und maßgeblicher Offenbarung Gottes um die einfache Erkenntnis: Gott ist von uns Menschen da zu finden, wo es ihm gefallen hat, uns zu suchen. Also nicht da, wo wir mei­nen, ihn von uns aus suchen zu können: nicht im Bereich unserer eigenen Möglichkei­ten, ob sie nun Vernunft oder Erfahrung, Natur oder Geschichte, inneres oder äußeres Univer­sum heißen mögen. Nicht da, wo wir in unserer Weisheit über ihn meinen reden zu sollen, sondern da, wo er in seiner Weisheit zu uns geredet hat. Und er hat zu uns geredet, einmal für allemal. Und von diesem Perfektum: Deus dixit zeugt die heilige Schrift und nur sie. Darum kann und darf die Verkündigung der christlichen Kirche in keinem Sinn eine Philosophie, d. h. eine Entwicklung irgend einer selbstgefundenen Welt- und Lebensanschauung sein. Darum ist sie gebunden als Schriftauslegung. Alle andere Lehre hat in der Kirche kein Recht und keine Verheißung. Diese reformatorische Lehre von der heiligen Schrift ist sofort ver­ständlich für den, der versteht: sie redet von der endgültig gefallenen Entscheidung her. Sie sagt, daß, nach­dem Gott uns gesucht hat im Wunder seiner Herablassung in Jesus Christus, dessen Zeugen die Propheten und die Apostel sind, alle unsere Bemühungen, ihn von uns aus zu finden, nicht nur gegenstandslos geworden, sondern als in sich unmöglich hingestellt worden sind. Nach­dem Gott zum Menschen geredet hat, hat der Mensch ganz schlicht keine Zeit mehr, sich selber über Gott unterrichten zu wollen. Von der gefallenen Entscheidung her konnte die Lehre von der heiligen Schrift tatsächlich nicht anders lauten als so, wie sie von den Reforma­toren in großer Härte aber auch in noch größerer Freudigkeit vorgetragen worden ist. Von der gefallenen Entscheidung her konnte und kann eben nach irgend einer natürlichen Theologie auch nicht das geringste Bedürfnis bestehen. […]

Das ist aber der Liberalismus in der Kirche: man wählt den Glauben, aus Gründen, mit Ernst und Überzeugung, aber man wählt ihn als eine seiner eigenen Möglichkeiten. Man bekennt sich zu ihm, aber man will doch die vielen anderen Möglichkeiten neben dem Glauben auch nicht übersehen, die man ja in derselben Freiheit auch wählen könnte. Man hat grundsätzlich doch noch oder doch wieder Zeit für sie. Man will gewiß Gott und nur Gott dienen, aber man will das nun doch wieder von jener höheren Warte aus tun, von der aus gesehen auch der Dienst Mammons eine ernste Möglichkeit ist. Es triumphiert, auch und gerade indem man nun doch Gott dienen will, die eigene Freiheit, in der man grundsätzlich in der Mitte steht. Diese Mitte wird behauptet. Man hat Zeit zum Vergleichen, zum Erwägen, kurz, Zeit für sich selber. Und in diesem grundsätz­lichen Zeit-haben für sich selber und seine eigenen Möglichkeiten will man nun auch den christlichen Glauben verstehen und bekennen, erklären und verkündigen. Das heißt aber: man versteht und bekennt, man erklärt und verkündigt ihn nun in Beziehung zu demjenigen Ver­ständnis seiner selbst und seiner eigenen Möglichkeiten, für das man gerade Zeit hat, m. a. W. das gerade zeitgemäß ist. Man muß ihn verstehen in Beziehung zur Moral, so sagte man einst, dann: in Beziehung zur Vernunft, dann: in Beziehung zur Humanität, dann: in Beziehung zur Kultur und heute bekanntlich: in Beziehung zu Volkstum und Staat. Man hat als Kind dieser oder jener Zeit, als Genosse ihrer Geschichte, ihres Geistes, ihrer besonderen Meinungen und Überzeugungen diese oder jene Bestimmung des Menschen bejaht und ergriffen als die der­zeit allein richtige und der Glaube – nun, der Glaube muß nun unter allen Umständen in Beziehung stehen zu dem so bestimmten Menschen. Sonst würde er ja wohl – und das gehe doch nicht, so meint man jetzt seufzen zu müssen – „im luftleeren Raum“ sich befinden. Daß er in jener Beziehung stehen muß, d. h. daß er unter allen Umständen ein moralischer oder ein vernünftiger oder ein humanitärer oder also heute ein volksmäßiger Glaube sein muß, das ist in aller Stille merkwürdig gewiß und wichtig geworden. Muß man nicht sagen: ebenso gewiß und wichtig wie das andere, daß er Glaube sein muß? Ja, muß man nicht vielleicht sagen: noch viel gewisser und wichtiger als dieses andere? Offen herausgefragt: Was ist in solchen Zeiten sicherer und notwendiger, die Beziehung des Glaubens zur Moral, zur Vernunft, zur Humanität, zur Kultur, zu Volkstum und Staat, kurz, zum Menschen in irgendeiner der Bestimmungen, die er sich selbst gibt – oder der Glaube selber? Das ist jedenfalls sicher, daß alles Interesse, aller Eifer, alle Leidenschaft in solchen Zeiten diesen Beziehungen des Glau­bens gilt, nicht dem Glauben selbst, nicht seinem Bekenntnis. Der Glaube und das Bekenntnis pflegen dann wohl als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden! Es braucht dann nicht einmal so zu sein, daß der Glaube in dieser Gegenüberstellung gleich den Kürzeren zieht. Es braucht nur so zu sein, daß die beiden Notwendigkeiten wie die Balken einer leeren Waage sich im Gleichgewicht gegenüberstehen; der Mensch in seiner Freiheit aber sich selbst als das Zünglein an der Waage verstehen darf. Auch und gerade dann ist der Glaube selbst ein ande­rer geworden. Er ist nun diskutabel geworden wie die anderen Möglichkeiten, für die sich der Mensch entscheiden kann, diskutabel deshalb, weil ja nun die Beziehung zu diesen ande­ren Möglichkeiten, in die man ihn setzen will und damit diese anderen Möglichkeiten selbst seine eigenen Bedingungen werden. Frei ist er nun nicht mehr. Er kann nun nur noch sein, was er vermöge der Freiheit des Menschen und was er in jener Beziehung sein kann. Mag er noch immer ein höchst orthodoxer Glaube sein – es hat schon im 18. Jahrhundert eine pracht­volle Orthodoxie gegeben, die sich in dieser Lage befand – so ist er doch eingesehen von seinem Gegenüber her, gemessen an ihm, verpflichtet, Antwort zu geben auf die Fragen, die ihm von dorther gestellt, Genüge zu tun den Anliegen, die ihm von dorther entgegengebracht werden. Tut er das nicht, erweist er sich nicht als moralisch, als vernünftig, als völkischer Art und Aufgabe entsprechend, dann droht ihm schon heimlich die Kündigung. Er ist nun ein viel­leicht sorgfältig und eifrig gepflegter aber eben doch ein domestizierter, ein gefangener und in fremden Dienst gestellter Glaube geworden. Und das um so mehr, wenn der Mensch in seiner Freiheit sich herausnimmt, jene dem Glauben gegenübergestellten menschlichen Möglichkei­ten ihrerseits mit religiösem Glanz zu umgeben, sie auf eine göttliche Uroffenbarung zurück­zuführen, sie mit der Ordnung der Schöpfung zu identifizieren oder noch höher hinauf: mit dem Gesetz Gottes oder schließlich ganz direkt mit dem heiligen Geist, der ja bekanntlich in uns allen lebe. Ist der Mensch wirklich in der Lage, seine eigene Bestimmung, so wie er sie zu verstehen meint, als Wort Gottes aufzufassen, wie sollte dann das Wort Gottes, das er im Glauben zu vernehmen meint, auf die Länge zu ihm dringen als Gottes Wort, wie sollte es ihm dann auf die Länge etwas anderes sein können als wiederum ein Wort, das er zu sich selber sagt, das er darum gestaltet entsprechend dem, was er sich selber zu sagen hat oder zu sagen wünscht. Er ist ein anderer geworden, dieser Glaube, der sich von Vernunft, von der Kultur, von Volk und Staat her hat Schach bieten lassen, der sich nur noch in diesem Gegen­über vernehmen lassen kann. Er wird sich – von jenem anderen Ursprung her verstanden und bekannt, erklärt und verkündigt – auch beim besten Willen darstellen und erweisen als derje­nige Glaube, in welchem der Mensch Gott und dem Mammon dienen kann und dann auch tatsächlich dienen muß. Die der Reformation entgegengesetzte Richtung ist, wo man sie ein­mal eingeschlagen hat, früher oder später noch immer darin sichtbar geworden, daß man der Reformation im Glauben und im Leben tatsächlich ganz fremd werden mußte. „Fällt der Man­tel, so muß der Herzog nach!“ Hat man jene Richtung einmal verloren, dann wird man auf die Länge auch vergeblich orthodox sein wollen. Wie sollte man dann, um nur die vier erwähnten Punkte nochmals zu nennen, in Sachen der Autorität der heiligen Schrift, in Sachen der Erb­sünde, in Sachen der Rechtfertigung, in Sachen der Prädestination noch so lehren können, wie es die Reformatoren getan haben? Wird man ihre Lehre, die so von ganz anderswoher kam, dann überhaupt noch verstehen können? Wird sie einem nicht notwendig, zuerst heimlich und dann offen, absurd erscheinen müssen? Wird man sie nicht auf der ganzen Linie umbiegen und abschwächen müssen – bis sie ungefähr wieder so lautet, wie sie im Katholizismus, von dem die Reformation ausgegangen war, gelautet hatte und bis heute lautet? Ist die Trennung vom Papsttum dann noch rechtmäßig und notwendig? Wir können nur sagen: Ja, so haben sich die Dinge noch immer abgewickelt, wo man die reformatorische Richtung, die der Frei­heit Gottes genug tun wollte, verloren hatte zugunsten der anderen Richtung, die der Freiheit Gottes und der Freiheit des Menschen miteinander genug tun will, um im Ergebnis allein der Freiheit des Menschen genug zu tun. Es entsteht dann wirklich etwas ganz, ganz anderes: ein anderer Glaube, ein anderer Christus, eine andere Predigt, ein anderer Geist, eine andere Kir­che. Mag man dann streiten darüber, ob man diese andere Kirche lieber als Humanitätskirche oder lieber als Volks- oder Staatskirche aufziehen will, ob sich ihre Predigt besser am einzel­nen oder besser an der Gemeinschaft orientiert. Unnützer Streit! Die Kirche der Reformation wird sie, die nicht aus der Entscheidung für den christlichen Glauben, nicht aus dem Worte Gottes geboren ist, so oder so nicht mehr sein, sondern so oder so eine Kirche der heimlich oder auch offen triumphierenden natürlichen Theologie, des Optimismus, der Werkgerechtig­keit, des menschlichen Übermuts, der nie größer ist als wenn er auch noch religiös wird – eine Parallele zum Papsttum trotz alles antirömischen Geschreis, das man in ihren Hallen da und dort noch immer vernehmen wird.

Karl Barth liest in der von Wilhelm Stapel herausgegebenen Monatszeitschrift „Deutsches Volkstum“, eines der führenden antisemitischen Organe der Weimarer Republik, das schon 1931 auf vermeintlich christlich-protestantischer Grundlage für den Nationalsozialismus eintrat.

Es läßt sich nicht scherzen mit der Reformation. Es ist gewiß angebracht, sich ernstlich zu fragen, ob die Reformatoren mit ihrer Neubegründung der Kirche nicht etwas gewagt haben, was sie nicht hätten wagen sollen, weil die europäische Menschheit diesem Wagnis nicht gewachsen war. Ob sie uns nicht ein Erbe hinterlassen haben, mit dem wir, so wie es ist, nichts anzufangen wissen, weil es eine untragbare Zumutung für uns bedeutet, weil es einen Glauben von uns verlangt, den wir nicht aufbringen können, weil es dem nicht gerecht wird, was nun einmal unser Anliegen ist. So kann man allen Ernstes fragen. Und wer die Dinge so meint sehen zu müssen, der stehe dazu als ein ehrlicher Mann und baue die Kirche statt mit den Reformatoren auf den einen Grund Jesus Christus auf den besseren Grund von Offenba­rung und Vernunft, Glaube und Wissen, Evangelium und Volkstum. Auf die Einheit einer so gebauten Kirche mit der Reformation sollte dann aber ebenso ehrlich verzichtet werden. Der Gemeinsamkeit mit dem römisch-katholischen Denken und Wollen dürfte man sich dann nicht mehr schämen. Und Lutherfeiern – ja, Lutherfeiern würden dann ja wohl besser unterlassen werden.

Können wir sie aber nicht unterlassen, wollen wir dennoch und dennoch evangelische Kirche, Kirche der Reformation sein und bleiben, möchten wir ihr Erbe nicht ausschlagen, möchten wir also auch die Reformation selbst nicht anders haben – wirklich als den heute noch leben­di­gen Anfang unserer Kirche nicht anders haben, als so, wie sie nun einmal war – ja, was wird uns dann übrigbleiben, als uns die Richtung, die sie hatte, fragen zu lassen, wie es denn mit der Richtung steht, die wir haben. Die Reformation als Entscheidung wird dann die evangeli­sche Kirche von heute nach ihrer Entscheidung fragen. Und wenn wir ihrer Frage standhalten, dann wird es ja wohl an den Tag kommen, ob es unter uns auch noch so etwas wie eine gefal­lene Entscheidung gibt und darum dann auch legitimes reformatorisches Bekenntnis, reine reformatorische Lehre – oder eben nur noch die Vermittlung und deshalb kein Recht, sich auf die Reformation zu berufen. Und wenn es dann vielleicht ebenfalls an den Tag kommen soll­te, daß es solche gefallene Entscheidung gerade in der heute in der evangelischen Kirche herr­schenden Bewegung nicht geben, daß diese Bewegung nichts anderes sein sollte als die letzte vitalste vollendete Gestalt der großen neuprotestantischen Untreue gegen die Reformation –nun, dann wüßten wenigstens alle die, die dieser Bewegung nicht verfallen sind, eindeutig, was sie zu tun haben. Was haben sie zu tun? Sie haben, gestärkt durch das, was uns die Refor­mation gerade heute zu sagen hat, Widerstand zu leisten. Im Namen der wahren gegen die in Gestalt dieser Bewegung herrschende falsche evangelische Kirche. Und darin wird dieser Widerstand bestehen, daß sie sich im Unterschied zu der herrschenden Bewegung wieder rücksichtslos und fröhlich, wie es vor vierhundert Jahren geschehen ist, hinter die gefallene Entscheidung stellen. Rücksichtslos sage ich: denn wer dieser Bewegung gegenüber nicht etwas ganz anderes will und darum auch tut als sie, der ist hier unbrauchbar. Zwischen der Entscheidung und der Nicht-Entscheidung kann nicht noch einmal vermittelt werden; zwischen Luther und dem Papst, zwischen Luther und den Schwärmern gab es auch keine Vermittlung. Vermittlung könnte hier nur Übergang zum Feind bedeuten. Und fröhlich ist hier Widerstand zu leisten: hinter der gefallenen Entscheidung zieht man nämlich seine Straße fröhlich, und wenn man einer gegen hundert wäre, fröhlich, weil man seinen Gegner nicht zu fürchten hat. Die Sache der heute herrschenden Bewegung ist keine starke Sache. Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren. Er wird nicht schaffen, was er schaffen möchte.

Hier der vollständige Text des Vortrags als pdf.

„Am Anfang war das Jubeljahr“ – Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor

5. Mai 2017

Plakat zum Reformationsjubiläum 1917

Die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg hat wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass das sogenannte „Reformationsjubiläum“ das Urjubiläum aller historischen Jubiläen sei. So schreibt sie:

„Erfunden wurde das historische Jubiläum von protestantischen Universitäten, die im 16. Jahrhundert begannen, das Gedächtnis ihrer eigenen Gründung an runden Daten festlich zu begehen. Im Jahr 1617 gelang der bis dahin akademischen und lokalen Praxis der Sprung auf die große gesellschaftliche, ja internationale Bühne: mit dem ersten Zentenarium (Jahrhundertfeier) von Martin Luthers Thesenanschlag von 1517, dessen Bedeutung als Schlüsselereignis der Reformation, ja der von ihr geprägten Geschichte überhaupt damit fixiert war. Im Wettstreit zweier evangelischer Fürsten, der Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz, eines Lutheraners und eines Reformierten, die sich durch eine solche Feier als Anführer der Protestanten im Heiligen Römischen Reich profilieren wollten, wurde der 31. Oktober 1617 oder der Sonntag danach zur 100-Jahr-Feier des Anfangs der Reformation. Es war so eindrücklich, dass das Gedächtnis des Thesenanschlags hinfort an vielen Orten alle 100, alle fünfzig, ja schließlich alle 25 Jahre gefeiert wurde.

Dem Erfolg dieser neuen Form des Feierns und Gedenkens konnte sich auch der konfessionelle Gegner nicht entziehen, ebenso wenig Gruppen, die nicht-kirchlicher Ereignisse gedenken wollten. So wurde das Jubiläum schließlich zu dem allgegenwärtigen Element des kulturellen Lebens, als das wir es kennen. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, der Zeit des Historismus, die das Jubiläum ebenso liebte wie das historische Denkmal, fand man überall in der westlichen Welt immer neue Anlässe für festliches historisches Gedenken, wobei man bevorzugt nun auch biografisches, an den Geburts- und Todestagen bedeutender Männer, gelegentlich auch Frauen, festgemachtes Gedenken pflegte. Freilich war solche Bereicherung und Befestigung des kulturellen Gedächtnisses keine bloße Beschäftigung mit der Vergangenheit. Vielmehr feierte jede Epoche im Spiegel des Vergangenen, was sie an Großem und Bedeutendem auf das gefeierte Vergangene zurückführte – und damit, was sie für groß und bedeutend hielt. So wurden die Jubiläen zu gesellschaftlichen Großereignissen, in denen die jeweiligen Zeiten sich selbst inszenierten und die gefeierten Gegenstände von dort aus immer neu in Szene setzten.“ (Im Anfang war das Reformationsjubiläum. Eine kurze Geschichte von Reformationsfeiern und Lutherbildern, Die politische Meinung, Sonderausgabe 4, 2016)

Man müsste präzisierend ergänzen, dass das 100jährige Jubiläum des Thesenanschlags als Zentenarium wiederum durch die Einführung des „Heiligen Jahres“ (annus sanctus) inspiriert gewesen ist, das Papst Bonifatius VIII. 1300 erstmals für Rompilger ausgerufen hatte. Bei Erfüllung bestimmter Bedingungen wird den Gläubigen einen vollständigen Ablass der zeitlichen Sündenstrafen gewährt. Das „Heilige Jahr“ wiederum greift auf das alttestamentliche Jubeljahr (vgl. 3. Mose 25) zurück und überträgt den Charakter des Erlassjahres alle 7 x 7 Jahre (= 49 Jahre) auf den Ablass der Kirche. Etymologisch steckt im „Jubiläum“ (lat. annus jubilaeus) das hebräische jōbel. Das lateinische jubilum (Jauchzen) bleibt dabei außen vor. Ursprünglich sollte nach 1300 das nächste Jubeljahr mit einem Plenarablass wieder nach 100 Jahren folgen; der Abstand wurde aber von päpstlicher Seite im Laufe der Zeit immer weiter verringert. Schließlich galt seit Paul II. 1470 jedes 25. Jahr als „Jubeljahr“.

So schreibt Thomas Kaufmann in seinem Aufsatz „Reformationsgedenken in der Frühen Neuzeit. Bemerkungen zum 16. bis 18. Jahrhundert“ (ZThK 107, 2010, S. 285f):

„Das heute weithin selbstverständlich verbreitete Phänomen, ein historisches Ereignis gemäß einem bestimmten zeitlichen Intervall erinnernd zu vergegenwärtigen und hinsichtlich seiner Bedeutung für die Gegenwart zu reflektieren, d. h. als historisches Jubiläum zu begehen, entstand in kritischer Anknüpfung an die alttestamentlichen Jobel- und die seit 1300 begegnenden päpstlichen Jubeljahre an den protestantischen Universitäten des 16. Jahrhunderts. Die frühesten Beispiele historischer Jubiläen beziehen sich auf Stiftungsfeiern, wie sie die Universität Tübingen 1578, die Universität Heidelberg aus Anlass ihres 200jährigen Bestehens 1587, die Universität Wittenberg anlässlich ihrer 100-Jahr-Feier 1602 und die Universität Leipzig zum 200. Gründungsjubiläum 1609 begingen. Dass die Verwendung des zeitlichen Intervalls eines Jahrhunderts wesentlich durch die historiographischen Innovationen der zeitgenössischen Kirchengeschichtsschreibung, insbesondere die sogenannten Magdeburger Centurien, inspiriert war, besitzt größte Wahrscheinlichkeit. Das Reformationsjubiläum des Jahres 1617 stellt die erste breitenwirksamere außeruniversitäre Feier eines historischen Jubiläums dar. Dass es zu dieser Jubiläumsfeier von ausstrahlender öffentlicher Wirksamkeit kam, ist einerseits konkreten historischen Umständen geschuldet, basiert andererseits auf einer tiefen Verwurzelung der Reformations- und Luthermemoria in der lutherischen Konfessionskultur des 16. Jahrhunderts.“

Man könnte das als Ironie der Geschichte sehen: Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor (zu den weiteren Kohärenzen von Ablass und Reformation siehe Berndt Hamm, Ablass und Reformation, Tübingen 2016).