Archive for the ‘Martin Luther und das Reformationsjubiläum’ Category

Doktor Luthers Gespräch mit dem Teufel, Wartburg, 1521 (von Leszek Kolakowski)

25. März 2017

Erhard Schoen – Teufel mit Luther als Sackpfeife (um 1535)

Leszek Kolakowski (1927-2009), der wohl bekannteste polnische Philosoph des 20. Jahrhunderts, hatte trotz kommunistischer Sozialisation immer auch ein Faible für Religionsphilosophie und ein feines Gespür für Ironie gehabt. Nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Polens 1966 und dem Lehrverbot 1968 emigrierte er ins Ausland. Im Frühjahr 1970 erhielt er, unter anderem auf Anregung von Jürgen Habermas, eine Berufung auf den Adorno-Lehrstuhl in Frankfurt a. M. Da die Fachschaft des dortigen Philosophischen Seminars ihm „mangelnde marxistische Linientreue“ vorwarf, nahm er aber stattdessen einen Ruf als Forschungsprofessor am All Souls College in Oxford an, dem er bis zu seinem Tod 2009 angehörte. Sein schlussendliches Urteil über den Marxismus hat immer noch Gültigkeit: „Die Selbstvergötterung des Menschen, welcher der Marxismus philosophischen Ausdruck verlieh, endet wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung. Sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit.“ In seinem Werk „Gespräche mit dem Teufel. Acht Diskurse über das Böse“ lässt er Luther auf der Wartburg ein Streitgespräch mit dem Teufel führen. Da fehlt zwar Jesus Christus, aber dennoch ist dieses Streitgespräch lesenswert, so wenn Kolakowski Luther sagen lässt:

„Was willst du, räudiges Schwein? Wozu bist du hergekommen? Mich zu erschrecken? Ich fürchte dich nicht, du kümmerst mich so wenig wie der Kuhdreck an der fürstlichen Scheune. Oder willst du mich etwa versuchen? Zur Sünde verlocken, mir Zoten ins Ohr flüstern, meine Begehrlichkeit aufstacheln? Du würdest mich wohl am liebsten so zurichten, daß ich dem Knecht eins in die Schnauze gebe, mich wie ein Ferkel besaufe, die Dienstmagd notzüchtige, wie? Und wenn ich dies alles wirklich tun sollte? Nun denkst du gewiß, du hättest mich end­lich unter deinen zottigen Pranken, hättest mir die Kette um den Hals geschlungen und heidi, hinunter zur Hölle! Hoppla, nicht so flink, du bist kein Habicht, ich kein Küken. Sündi­gen kann ich auch ohne dich, alles, wozu ich Lust habe, tu’ ich auch ohne deine Verführungs­kün­ste, du dreckige Bestie, ich kann gewiß auch ohne dich sündigen, was tust du dann? Unser Herrgott wird solcher Lappalien wegen nicht einmal den kleinen Finger rühren. Jaaa, wenn du mich in Verzweiflung stürzen würdest, mich an Gott zweifeln ließest, mit Furcht fülltest, mir Schaden zufügtest – gewiß, ich geb’s zu, dann wäre es dein Spiel, dann hättest du mich wie das Schnitzel in der Pfanne. Versucht nur, du Maulwurf, sieh nur zu, ob du mich, den Doktor Luther, soweit bringen kannst, daß mich Verzweiflung überkommt, daß ich Furcht empfinde oder in Schande falle. Gott ist eine starke Festung, und ich, ich hocke friedlich in ihren Mau­ern, da kannst du machen, was du willst. Die Sünden? Daß ich nicht lache! Nichts als ein Jux für mich, ein Jux auch für Gott, beide lachen wir uns schief und krumm. Ich lebe in Gott, ste­he mit beiden Beinen in ihm, du bringst mich nicht vom Fleck, du nicht, verstanden? Nun, wie steht’s? Hau ab, hast wohl nichts zu tun, wie? Du verlierst Zeit, mach schon, geh zu den Schwachen, der Doktor Luther ist nichts für dich, du hast die Fährte verloren, hau ab, sag’ ich!“

Der vollständige Text findet sich hier als pdf.

Martin-Luther-Kirche ohne Lutherstatue

15. März 2017

Anischt Martin-Luther-Kirche in Vöhringen (Bauplan 1933)

Am 15. Juli 1934 wurde in Vöhringen/Iller das evangelische Kirchengebäude feierlich eingeweiht. Dass das Kirchengebäude durch Beschluss des Kirchenvorstandes „Lutherkirche“ heißen sollte, hängt maßgeblich mit dem Luther-Jubiläum vom November 1933 (450. Geburtstag Martin Luthers) zusammen, wo nationalprotestantische Professoren, nationalsozialistische Politiker und deutsch-christliche Kirchenführer gemeinsam ein völkisches Lutherbild propagiert hatten.

Gipsmodell der Frontansicht der Martin-Luther-Kirche mit der geplanten Lutherstatue

Ein Bauvorhaben kam jedoch nicht zum Abschluss. Über dem Eingangsportal an der Westseite sollte eine zwei Meter hohe Luther-Statue im Mauerwerk verankert werden (ähnlich wie an der Martin-Luther-Kirche in Ulm aus dem Jahr 1928). Der Ulmer Bildhauer (und Holzschnitzer) Gottlieb Kottmann, Vorstand der 1919 gegründeten Ulmer Künstlergilde, hatte dazu ein Gipsmodell der Lutherstatue sowie eine Gipsplatte der Westfront mit der vorgesehenen Statue im Maßstab von 1:50 (datiert auf den 8. Januar 1934) angefertigt.

Gipsmodell einer Lutherstatue für die Martin-Luther-Kirche in Vöhringen

Über den Künstler Gottlieb Kottmann findet sich in einem englischsprachigen Buch folgende Notiz: „Gottlieb Kottmann, an expert woodcarver and a member of the Nazi Brown-Shirted SA, was one of the many Germans enamored by Hitler. In 1933 he presented Hitler with a wood carving of a mare horse with her foal. The mare is a heavily built Belgian work horse. She has a shock of hair over her forehead which uncannily resembles Adolph Hitler. Reputedly, the mare was Hitler.“

Kirchengebote, Sonntagspflicht und Seelenheil in der römisch-katholischen Kirche

3. März 2017

Kirchengebote

Für die meisten evangelischen Christen dürfte es unbekannt sein, dass in der römisch-katholischen Kirche neben den zehn Geboten auch fünf Kirchengebote verbindlich sind. So findet sich im neuen Gotteslob unter der Nummer 29.7 folgender Text:

„DIE GEBOTE DER KIRCHE

Die Kirchengebote wollen das Wachstum der Gottes- und Nächsten­liebe aller Gläubigen fördern; sie haben verbindlichen Charakter:

  1. Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollst du die Heilige Messe mitfeiern und keine Arbeiten und Tätig­keiten verrichten, welche die Heiligung dieser Tage gefährden!
    In der Freude über die Erlösung feiern Christen die Eucharistie an Sonntagen und Hochfesten, welche die Geheimnisse Christi, der Gottesmutter Maria und der Heiligen entfalten. Diese Tage sollen frei von unnötiger Arbeit bleiben, um Gott im eigenen Leben Raum zu geben.
  2. Empfange wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Ver­söhnung zur Vergebung deiner Sünden!
    Mit dem Bußsakrament geht der in der Taufe begonnene Weg der Umkehr und Hinwendung zu Gott weiter. Die Beichte bereitet zudem auf einen würdigen Empfang der heiligen Kommunion vor.
  3. Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen!
    Der Empfang des Leibes Christi stärkt die Gläubigen, er verbin­det sie mit dem auferstandenen Christus und untereinander. Die heilige Kommunion ist die Nahrung der Christen auf dem Weg zu Gott.
  4. Halte die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage!
    Um Christus in der Vorbereitung auf die hohen Feste zuneh­mend Raum zu geben, gibt es Zeiten der Entsagung und Buße. Aschermittwoch und Karfreitag sind strenge Fast- und Absti­nenztage. Katholische Christen beschränken sich an diesen Tagen auf eine einmalige Sättigung (Fasten) und verzichten auf Fleischspeisen (Abstinenz). Jeder Freitag ist im Gedenken an das Leiden und Sterben des Herrn ein Abstinenztag, an dem Gläubige auf Fleischspeisen verzichten, sich spürbar bei Genussmitteln einschränken und den Nächsten Hilfe leisten.
  5. Steh der Kirche in ihren Erfordernissen bei!
    Die Kirche fordert die Gläubigen auf, durch Mittun und materi­elle Unterstützung den Auftrag des Volkes Gottes mitzutragen.

vgl. KKK 2042″

Da zeigt sich schon in der Einleitung eine gewisse Spannung zwischen individueller Wachstumsförderung in Sachen Gottes- und Nächstenliebe und kirchlicher, mithin korporativer Verbindlichkeit. Was jedoch die Heilsfrage ganz unmittelbar berührt, ist folgender Passus aus dem Katechismus der katholischen Kirche (KKK, Neuübersetzung aufgrund der Editio Typica Latina, 2003) in Sachen Sonntagspflicht:

„Die sonntägliche Eucharistie legt den Grund zum ganzen christlichen Leben und bestätigt es. Deshalb sind die Gläubigen verpflichtet, an den gebotenen Feiertagen an der Eucharistiefeier teilzunehmen, sofern sie nicht durch einen gewichtigen Grund (z. B. wegen Krankheit, Betreuung von Säuglingen) entschuldigt oder durch ihren Pfarrer dispensiert sind (vgl. CIC, can. 1245). Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde.“ (KKK 2181)

Was eine schwere Sünde ist, wird in dem Katechismus der katholischen Kirche unter Nr. 1472 erläutert: „Die schwere Sünde beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig. Diese Beraubung heißt ‚die ewige Sündenstrafe‘.“ D.h. eine bewusste und absichtliche Übertretung des Sonntagsgebotes kann nach römisch-katholischer Lehre für katholische Christen die ewige Verdammnis zur Folge haben, so diese Übertretung nicht gebeichtet worden ist. Schließlich heißt es im Katechismus der katholischen Kirche unter Nr. 1493: „Wer mit Gott und der Kirche versöhnt werden will, muss dem Priester alle schweren Sünden beichten, die er noch nicht gebeichtet hat und an die er sich nach einer sorgfäl­tigen Gewissenserforschung erinnert.“

Sobald zwischen der letzten Beichte und dem eigenen Ableben ein bewusster und absichtlicher Verstoß gegen die Sonntagspflicht geschehen ist, wirkt sich dies nach dem Katechismus der katholischen Kirche wie folgt als Todsünde aus: „In Todsünde sterben, ohne diese bereut zu haben und ohne die barmherzige Liebe Gottes anzunehmen, bedeutet, durch eigenen freien Entschluss für immer von ihm getrennt zu bleiben. Diesen Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen nennt man ‚Hölle‘.“ (KKK 1033)

In diesem Sinne kann es in der Rechtsgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche für die meisten Christen – trotz der Verkündigung des Evangeliums und einem persönlichen Glauben an Jesus Christus – keine Heilsgewissheit geben. Schließlich nehmen nach der letzten Statistik in den Diözesen in Deutschland nur 10,4 % der katholischen Kirchenmitglieder an der Sonntagsmesse teil (DBK, Katholische Kirche in Deutschland – Zahlen und Fakten 2015/2016, Bonn 2016. Seite 47).

Hier mein Text als pdf.

Is(s)t uns Luther Wurst?

24. Februar 2017

lutherische

Am Aschermittwoch beginnt die vorösterliche vierzigtägige Fastenzeit. In der Tradition der mittelalterlichen Kirche bedeutet dies die Beschränkung auf eine Mahlzeit am Tag sowie die Abstinenz von Fleischspeisen. Auch heute noch gilt für römisch-katholische Christen das Kirchengebot: „Du sollst die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage halten.“ Für evangelische Christen sind kirchliche Fastengebote nicht nachvollziehbar, auch wenn Fastenaktionen wie „Sieben Wochen ohne“ und eigene Fastenvorhaben geläufig sind. Das hat seinen Grund in der Reformation vor 500 Jahren.

In Zürich begann die Reformation am ersten Sonntag der Fastenzeit 1522 mit einem Wurst­essen. Ehrbare Bürger trafen sich dazu im Haus des Druckers Christoph Froschauer und aßen gemeinsam dünne Scheiben von Rauchwürsten. Mit diesem offensichtlichen Verstoß gegen das Abstinenzgebot sollte evangelische Freiheit wider unbiblische Kirchengebote demon­striert werden. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) veröffentliche kurz darauf seine Predigt „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“. In der Ersten Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523 überzeugte Zwingli mit seiner These „Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.“ Der städtische Rat hob daraufhin die kirchlichen Fasten- und Abstinenzgebote auf. Fortan sollte in Zürich allein die Bibel (in Zwinglis Auslegung) als Grundlage kirchlichen Lebens gelten.

Martin Luther hatte schon im Mai 1520 in seinem Sermon „Von den guten Werken“ darge­legt, wie christliches Fasten zu praktizieren sei:

„Es gibt leider viele blinde Menschen, die ihr Kasteien, es bestehe in Fasten, Wachen oder Arbeiten, nur deshalb üben, weil sie meinen, es seien gute Werke, mit denen sich viele Verdienste erwerben lassen. Deshalb legen sie los und übertreiben es derart, dass sie ihren Leib damit verderben und ihren Kopf verrückt machen. Noch viel blinder sind diejenigen, die das Fasten nicht allein nach der Menge oder Länge bemessen wie diese, sondern auch nach der Speise. Sie halten es für richtig, es sei viel wertvoller, wenn sie auf Fleisch, Eier oder Butter verzichteten. […] Denen geht es weniger um das Fasten als um das Werk an sich. Wenn sie es getan haben, meinen sie, es sei wohlgetan.“

Durch Fasten und Abstinenz können Menschen sich Gott nicht gefällig machen. Ziel eigenen Innehaltens ist nicht Gottwohlgefälligkeit, sondern vielmehr die Einübung in die leibliche Genussfreiheit. Luther gibt dazu folgende Anweisung:

„Darum lasse ich es geschehen, dass sich jedermann Tag, Speise, Menge beim Fasten so auswähle, wie er selbst will, und dass er es nicht unbedacht tut, sondern dabei auf sein Fleisch achtet. Nur so viel, wie dieses Fleisch auch verträgt, lege er sich an Fasten, Wachen und Arbeit auf und nicht mehr […] Denn Maß und Regel beim Fasten, Wachen, Arbeiten soll ja niemand nach der Speise, der Menge oder den Tagen be­messen, sondern nur nach Zu- oder Abnehmen der fleischlichen Lust und dem Mutwillen, um derentwillen allein (bzw. der Ab­tötung und Dämpfung) das Fasten, Wachen, Arbeiten eingesetzt sind. Wo es solche Lust nicht gibt, gilt Essen so viel wie Fasten, Schlafen so viel wie Wachen, Müßigsein so viel wie Arbeiten – eines wäre so gut wie das andere, ohne jeden Unterschied.“

Hier der Text als pdf.

„Es ist kurzum beschlossen, daß außer Christus Gott unbekannt und ungefaßt will sein“ – Martin Luther über die blinde Vernunft

23. Februar 2017
Max Beckmann - Ausschnitt aus dem Triptychon Blinde Kuh (1945)

Max Beckmann – Ausschnitt aus dem Triptychon Blinde Kuh (1945)

Luthers Tischrede Nr. 6539 (aus Johannes Aurifabers Sammlung, Tischreden aus verschiedenen Jahren, WA TR 6, 26,30-28,32) stellt kurz und bündig Martin Luthers Überzeugung dar, warum wir gegenüber Gott mit unserer Vernunft am Ende sind und daher auf Jesus Christus als dem einen Wort zu hören haben:

Gott in seiner Majestät ist menschlicher Vernunft unbegreiflich, darum soll man mit der Vorsehung zufrieden sein und sich nicht darum bekümmern

Menschliche Vernunft und Natur kann Gott in seiner Majestät nicht begreifen, darum sollen wir nicht weiter suchen noch forschen, was Gottes Wille, Wesen und Natur sei, als soweit ers uns befohlen hat. Sein Wort hat er uns gegeben, darin er reichlich offenbart hat, was wir von ihm wissen, halten, glauben und wessen wir uns zu ihm versehen sollen; danach sollen wir uns richten, so können wir nicht irren. Wer aber von Gottes Willen, Natur und Wesen Gedanken hat außer dem Wort, wills mit menschlicher Vernunft und Weisheit aussinnen, der macht sich viel vergebliche Unruhe und Arbeit und fehlt weit; denn die Welt, sagt Paulus, erkennt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht, 1. Kor. 1, 21.

Auch werden die nimmermehr lernen noch erkennen, wie Gott gegen sie gesinnt sei, die sich damit vergeblich bekümmern, ob sie verworfen oder auserwählt seien. Welche nun in diese Gedanken geraten, denen geht ein Feuer im Herzen an, das sie nicht löschen können, so daß ihr Gewissen nicht zufrieden wird, und sie müssen endlich verzweifeln.

Wer nun diesem Unglück und ewiger Gefahr entgehen will, der halte sich an das Wort, so wird er finden, daß unser lieber Gott einen starken festen Grund gemacht und gelegt hat, darauf wir sicher und gewiß fußen mögen, nämlich Jesus Christus, unseren Herrn (1. Kor. 3, 11), durch welchen wir allein, umsonst, durch kein anderes Mittel ins Himmelreich kommen müssen; denn er und sonst niemand ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh. 14, 6).

Sollen wir nun Gott in seinem göttlichen Wesen und wie er gegen uns gesinnt ist, recht und wahrhaftig erkennen, so muß es durch sein Wort geschehen. Und eben darum hat Gott der Vater seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, daß er Mensch werden sollte, in allen Dingen uns gleich, doch ohne Sünde, unter uns wohnen und des Vaters Herz und Willen uns offenbaren; wie ihn denn der Vater uns zum Lehrer geordnet und gesetzt hat, da er vom Himmel ruft: »Dies ist mein lieber Sohn usw., den sollt ihr hören« (Matth. 17, 5).

Das ist, als wollte er sagen: Es ist vergebens und umsonst, was Menschen sich vornehmen, meine göttliche Majestät zu erforschen; menschliche Vernunft und Weisheit kann mich nicht ergreifen, ich bin ihr viel zu hoch und groß. Nun, ich will mich klein genug machen, daß sie mich ergreifen und fassen kann; ich will ihnen meinen eingeborenen Sohn geben, und so geben, daß er ein Opfer, ja eine Sünde und Fluch für sie werden soll, und soll mir hierin Gehorsam leisten bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Das will ich hernach predigen lassen in aller Welt, und die daran glauben, sollen selig werden. Das meint Paulus, da er sagt 1. Kor. 1, 21: »Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.«

Das heißt ja die göttliche Majestät klein und begreiflich werden, daß nun niemand billig klagen soll noch kann, er wisse nicht, wie er mit Gott daran sei, wessen er sich zu ihm versehen soll. Aber die Welt ist blind und taub, die weder sieht noch hört, was Gott durch seinen Sohn redet und tut, darum wird ers auch von ihnen fordern, 5. Mose 18, 19.

Man kann die schwere Anfechtung von der ewigen Vorsehung oder Auserwählung, die viele Leute hoch betrübt, nirgends besser suchen, ja finden und verstehen als in den Wunden Christi, von welchem der Vater gesagt und uns befohlen hat: »Den sollt ihr hören« (Matth. 17, 5). Der Vater in seiner göttlichen Majestät ist uns zu hoch und groß, daß wir ihn nicht ergreifen können, darum weist er uns den richtigen Weg, auf dem wir gewiß zu ihm kommen können, nämlich Christus, und spricht: Glaubt ihr an den und hängt euch an ihn; so wirds sich fein finden, wer ich bin, was mein Wesen und Wille ist. Das tun aber die Weisen, Mächtigen, Hochgelehrten, Heiligen und der größte Haufe durchaus in aller Welt nicht.

Darum ist und bleibt ihnen Gott unbekannt, ob sie gleich viel Gedanken von ihm haben, disputieren und reden; denn es ist kurzum beschlossen, daß außer Christus Gott unbekannt und ungefaßt will sein.

Willst du nun wissen, warum so wenig selig und so unzählig viel verdammt werden? Das ist die Ursache, daß die Welt nicht hören will, fragt nichts danach, ja verachtet, daß er, der Vater, von ihm zeugt: »Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe« (Matth. 3, 17), so als ob er sagen wollte: Bei ihm allein sollt ihr finden, was und wer ich bin, und was ich haben will, sonst werdet ihrs im Himmel noch auf Erden nicht finden.

Glaubt ihr nun an den Sohn, den ich euch zum Heiland gesandt habe, so will ich Vater sein, und soll gewiß wahr und Amen sein, was dieser Sohn sagt und verheißt, ich will ihn nicht lassen zum Lügner werden (2. Kor. 1, 19, 20).

Daraus folgt gewißlich, daß alle, die sich durch ein anderes Mittel als durch Christus unterstehen und bemühen zu Gott zu kommen (wie Juden, Heiden, Türken, Papisten, falsche Heilige, Ketzer usw.), in greulicher Finsternis und Irrtum wandeln. Und hilft ihnen nicht, daß sie ein ehrbar, strenges Leben äußerlich führen, große Andacht vorgeben, viel tun und leiden, Gott lieben und ehren, wie sie rühmen.

Denn weil sie Christus nicht hören, noch an ihn glauben wollen, ohne welchen niemand Gott kennt, niemand Vergebung der Sünden und Gnade erlangt, niemand zum Vater kommt, so bleiben sie für und für im Zweifel und Unglauben, wissen nicht, wie sie mit Gott daran sind, und müssen endlich in ihren Sünden sterben und verderben. »Denn wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat«, Joh. 5, 23. »Und wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht«, 1. Joh. 2, 23. »Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm«, Joh. 3, 36.

Hier der Text der Tischrede als pdf.

 

„Nur wer entscheidet, existiert!“ – Luther-Mund tut neue Weisheit kund

22. Februar 2017

playmobil-winterluther

Winfried  Kretschmann hat sich seiner schon angenommen im Deutschlandfunk in der Reihe „Luther aufs Maul geschaut“: „Nur wer entscheidet, existiert!“  Und auch in einem Nachruf auf den verstorbenen Playmobil-Chef, Horst Brandstätter in der Berliner Zeitung heißt es abschließend: „Es gibt ein Luther-Zitat, das gut zu Brandstätters Leben passt: ‚Nur wer entscheidet, existiert.'“

Nun weiß man ja , dass der Apfelbäumchenendzeitpflanzspruch nicht aus dem Munde Luthers stammt, sondern in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs zum ersten Mal aufgekommen ist (vgl. dazu Martin Schloemann, Luthers Apfelbäumchen?: Ein Kapitel deutscher Mentalitätsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, 2. erweitere Auflage, Berlin 2016). Und auch der Entscheidungsexistenzspruch verdankt sich einem philosophischen Dezisionismus bzw. Existenzialismus des 20. Jahrhunderts. Wer Luthers De servo arbitrio (Von der Unfreiheit des Willens) kennt, weiß, dass die Verherrlichung eigener Entscheidungen nicht aus dem Munde Luthers kommen kann. Aber dafür muss Martin Luther eben herhalten: Für die Selbstbestätigung des protestantischen Bürgertums mit aller selbstbezüglicher Freiheitsliebe.

„Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen das deutsche Volk noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht spricht.“ – Aus einem Schulaufsatz vom 20. November 1933

6. Februar 2017
Schulaufsatz "Luther und Hitler - ein Vergleich" vom 20. November 1933

Schulaufsatz „Luther und Hitler – ein Vergleich“ vom 20. November 1933

Aufschlussreich ist, wie weit ein völkisches Luther-Bild schon 1933 in der deutschen Bevölkerung verbreitet gewesen ist. So stellt sich ein Schulaufsatz vom 20. November 1933 (einen Tag nach dem „Deutschen Luthertag“) der Themen­stellung „Luther und Hitler – Ein Vergleich”. Darin schreibt der jugendliche Verfasser (mit allen orthographischen und stilistischen Eigenheiten):

„Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen das deutsche Volk noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht spricht. Unser großer Reformator wurde am Ausgang des Mittelalter im thüringischen Lande, in dem Städtlein Eisleben geboren. Beide haben vieles gemeinsam. Luther sagt von sich selbst: ‚Mein Vater, Großvater und Ahnherr sind rechte Bauern gewesen.‘ Auch Adolf Hitler stammt aus bäuerlichem Geschlecht. Also mitten aus dem Volke heraus erstanden sie dem Volke. Darum sind sie fest mit ihrer deutschen Heimat verwurzelt. Jedoch auch ihnen blieb der Kampf ums Dasein nicht erspart. Hitler sowohl wie Luther standen noch schwere Kämpfe bevor. Schon als junger Mann verlor Hitler seine Eltern. Trostlos schaute er in die Zukunft. Es kam der Weltkrieg. Während Hitler gaserblindet im Spital, zu Pasewalk lag, mußte er hören, wie man gegen die Armee redete, und die Juden schon ganze Arbeit gemacht hatten. Die Hoffnungslosigkeit schlug ihn vollends nieder. Um diese Zeit war es Hitler zumute, als müsse er hervorspringen, und den deutschen Arbeiter vertreten. Es ist ihm, als ob seine Stunde geschlagen hätte. Mit 30 Jahren erkennt Hitler sein Ziel. ‚Wenn Gott einem Volke helfen will, so hilft er es [!] nicht durch Worte und Bücher, sondern durch einen Mann, der im Volke emporgewachsen ist.‘ Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen die deutsche Geschichte jedes Jahr­hundert nur einen aufweisen kann. Unser Reformator hatte nicht wenigeres zu beste­hen. Was hatte er nicht alles im Kloster erleben müssen! Nur mit dem einen Gedanken beschäftigte er sich Tag und Nacht: ‚Wie werde ich selig?‘ Auch im Kloster erlangte er seiner Seelen Seligkeit nicht. Darum faßte er sich ein Ziel und dieses Ziel hielt er fest, nämlich: der Neubau der Kirche. Beide hatten eine Welt von Feinden. Sie wurden verfolgt und geächtet, verhöhnt und verspottet. Je mehr man sie aber verfolg­te, desto mehr Anhänger bekamen sie. ‚Und wenn die Welt voll Teufel wär,‘ singt Luther in seinem: ‚Ein feste Burg ist unser Gott.‘ Hierdrin kennzeichnet sich der Mut und die Treue Luthers. Furchtlos und beharrlich hielten beide an ihrem Ziele, fest [gestrichen] durch Not und Gefahren hindurch, fest. Luther rechtfertigt sich auf dem Reichstage zu Worms: vor Kaiser und Reich, vor Papst und Kirche. Welch großes Unternehmen! Auch Adolf Hitler fürchtete sich vor Regierung und Festungshaft nicht. Er setzte sein Ziel durch bis zum siegreichen Ende. Was Hitler sich bis jetzt vorgenommen hatt ist ihm gelungen. Es wird ihm auch weiterhin gelingen. Die Weltanschauung Adolf Hitlers führt dahin, daß er eine große Volksgemeinschaft gründen will. Mit Hitler [gestrichen] Luther brach [gestrichen] endete die Zeit des Mittelalters und an ihr setzt sich die Neuzeit. Mit Hitler bricht die alte Weltanschauung, und mit ihm ersteht das dritte Reich. Unser Führer kämpft nicht für sich und seine Ehre, sondern für das deutsche Volk und dessen Ehre.“[1]

[1] Zitiert nach Bernd Sösemann (Hg.), Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur, Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, Bd. 25, Stuttgart 2010, Nr. 1168.

„Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt“ – Von der liberalprotestantischen correctness in Sachen Seelenheil

6. Februar 2017
Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitaler (1530)

Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitalter (1530 – Alte Pinakothek München)

Aufschlussreich ist, was der Historiker Volker Reinhardt im Epilog seines lesenswerten Buchs „Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation“ (CH Beck 2016) in Sachen reformatorische Gegenwartsbedeutung zu schreiben weiß:

„Ist die Vergangenheit, wie sie in diesem Buch geschildert wurde, ebenfalls tot und begraben? Verlautbarungen namhafter Vertreterinnen und Vertreter beider Kirchen legen diese Annahme nahe. Auf der lutherischen Seite ist von dem Prinzip der Rechtfertigung allein durch die Gnade Gottes, sola gratia, der Prädestinationslehre des Kirchengründers, keine Rede mehr. Für heutige Christen ist die Vorstellung, dass der Mensch vor seiner Geburt von Gott zu Heil oder Verdammnis vorherbestimmt sei, unerträglich und gegen jede correctness, also wird diese sperrige Seite ausgeblendet, ja geradezu ins Gegenteil verkehrt: Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt. Die verschiedenen Demokratisierungswellen des 20. und 21. Jahrhunderts haben das Jenseits erreicht und gleich gemacht. Solche Positionen wären selbst einem Erasmus viel zu weit gegangen. Was Luther von diesem lieben, allzu lieben Gott hielt, der nach dem Vorbild eines gütigen menschlichen Erziehers gedacht war, hat er in seiner Kontroverse mit dem großen Humanisten festgehalten: Eine solche süßliche Vermenschlichung entsprang der superbia, der Selbstüberschätzung des Menschen, der es nicht erträgt, sich selbst zu sehen, wie er ist, nämlich eitel und sündhaft. Zusammen mit der Prädestination scheint Luthers Skepsis gegenüber dem Menschen heute beigelegt zu sein. Sein tiefer anthropologischer Pessimismus ist vom heutigen Luthertum, jedenfalls dem europäischen, in sozialpolitischen Aktionismus, in das Streben nach mehr Gerechtigkeit im Diesseits, umgeschlagen. So achtbar diese Bestrebungen auch sind, mit dem historischen Luther haben sie nichts zu tun. Kurfürst Friedrich der Weise fühlte und dachte sozialer als sein Wittenberger Professor.

Auf diese Weise hat sich das heutige Luthertum, ohne es zu wollen (und vielleicht sogar oft, ohne es zu wissen), katholischen Vorstellungen von der Kooperation des Menschen mit der göttlichen Gnade und sogar der Werkgerechtigkeit stillschweigend angenähert. Selbst in Sachen der letzten Dinge scheinen sich die beiden Konfessionen nicht mehr fern zu stehen. Die Hölle stört, darin stimmen Theologinnen und Theologen beider Seiten überein. Ewige Feuerqualen für Missetäter vertragen sich nicht mit den Maßstäben des liberalen Rechtsstaats. Andererseits sollten Menschheitsverbrecher wie Hitler und Stalin auch nicht auf Wolke sieben schweben. Also denkt man sich das Jenseits der Bösen als das große Nichts, das für asiatische Erlösungslehren das größte Glück ist.“

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

Goethe zum Reformationsjubiläum: „Nach und nach werden wir aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen“

30. Januar 2017
Carl Gustav Carus: Allegorie auf Goethes Tod, nach 1832

Carl Gustav Carus –  Allegorie auf Goethes Tod (nach 1832)

So lässt es sich feiern – die Reformation vor 500 Jahren als kulturgeschichtliches Ereignis, in dem sich der aufgeklärt religiöse Mensch auch heute noch sonnen kann. Kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe hat 1832 im letzten der Gespräche mit Eckermann das zur Sprache gebracht:

„Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation im allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind infolge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. Wir haben wieder den Mut, mit festen Füßen auf Gottes Erde zu stehen und uns in unserer gottbegabten Menschennatur zu fühlen. Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, – über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen!

Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen. Sobald sie sich von der immer weiter um sich greifenden großen Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen, müssen sie nach, sie mögen sich stellen, wie sie wollen, und es wird dahin kommen, daß endlich alles nur Eins ist.

Auch das leidige protestantische Sektenwesen wird aufhören, und mit ihm Haß und feindliches Ansehen zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester. Denn sobald man die reine Lehre und Liebe Christi, wie sie ist, wird begriffen und in sich eingelebt haben, so wird man sich als Mensch groß und frei fühlen und auf ein bißchen so oder so im äußeren Kultus nicht mehr sonderlichen Wert legen.

Auch werden wir alle nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen.“