Archive for the ‘Mission’ Category

Zeitgenössische christliche Kunst aus China

2. März 2017
He Xuming - "Heilige Mauer" (fotografische Installation, 2009)

He Xuming – „Heilige Mauer“ (fotografische Installation, 2009)

Isabel Hess-Friemann hat in ihrem Aufsatz „Evangelization through Art in China: A Protestant Perspective“ eine Reihe von zeitgenössischen christlichen Kunstwerke vorgestellt, unter anderem auch die fotografische Installation „Heilige Mauer“ von He Xuming. Auf dem Bild wird die Große Mauer als Wahrzeichen für Chinas Macht und Stärke (im Hintergrund sichtbar) mit dem leuchtend roten Banner des Evangeliums im Vordergrund kontrastiert, wobei die Bibeln , die auf das Banner gelegt sind,  die wirklichen „Wachtürme“ sind.

Fan Pu - Durch die  Tür eintreten (Scherenschnitt, 2002)

Fan Pu – Durch die Tür eintreten (Scherenschnitt, 2002)

Der Scherenschnitt von Fan Pu „Durch die Tür eintreten“ deutet das Kreuz im chinesischen Kontext aus, was an den traditionellen Holzfenstern sichtbar wird. Der Auferstandene mit seinem Kreuz-gelichteten Schatten eröffnet der geschlossenen Gesellschaft die Lebenstüre und ruft die Menschen, sich zu erheben, ihre Dunkelheit hinter sich zu lassen und ihm zu folgen.

Wei Lin - Gerechtigkeit (Öl- und Acrylmalerei, 2009)

Wei Lin – Gerechtigkeit (Öl- und Acrylmalerei, 2009)

Eindrücklich ist die Gerechtigkeitsansage von Wei Lin. Das geschlachtete Lamm (vgl. Offenbarung 5,12) schwebt über einem Kultgefäß, das üblicherweise in bud­dhistischen oder daoistischen Tempeln für das Ver­brennen von Räucherstäbchen als Opfergaben aufgestellt ist. Die Inschrift auf dem Gefäß lautet „Gott liebt die Menschen auf der Erde“; das Schriftzeichen für „Erde“ ist in der Gestalt der drei Kreuze auf Golgatha gezeichnet. Die himmlische Gerechtigkeit, die sich blut­rot aus dem Opfer des Lammes ergießt, tränkt die ganze Welt.

Wem ich im christlichen Glauben verbunden bin – Erfahrungen aus Hongkong

17. Februar 2017
Die achteckige Kapelle

Die achteckige Kapelle „The Christ Temple“ auf dem Tao Fong Shan in Hongkong

Die Jahre, die ich als Dozent von 2002 bis 2008 am „Lutheran Theological Seminary“ in Hongkong verbracht hatte, waren für mich die aufschlussreichsten in Sachen Christsein. Anders als man es vermuten könnte, kam die Mehrzahl der Theologiestudenten nicht aus einer lutherischen Kirche. Stattdessen waren am Seminar Studenten aus nahezu allen protestantischen Denominationen vertreten, angefangen von Anglikanern, Methodisten, Baptisten, eben auch Lutheranern (in vier verschiedenen Ausprägungen), Reformierte, Unierte, Adventisten, Pfingstkirchlern, die Zugehörigen der „Christian und Missionary Alliance“-Kirche bis hin zu Mitgliedern von Gemeinden ohne denominationeller Verbindung.

Bandbreite christlicher Gottesdienste

Das gottesdienstliche Leben in Hongkong hatte für mich eine bis dato unfassbare Bandbreite, angefangen von liturgisch gepflegten Abendmahlsgottesdiensten in englischsprachigen anglikanischen und lutherischen Kirchen, über Worship-and-Praise-Gottesdienste, Taizé-orientierte Gottesdienste auf dem „Tao Fong Shan“, multinationale Gottesdienste in der „Kowloon Union Church“, predigerzentrierte Gottesdienste in der Southern-Baptist-Gemeinde, pfingstbewegte Gottesdienste mit philippinischen Haushaltshilfen, familienähnliche Gottesdienste in der kantonesischsprachigen „Praise Lutheran Church“ in Mongkok bis hin zu „Wohnzimmergottesdiensten“ mit afrikanischen Asylbewerbern im heruntergekommenen Bürogebäude.

Mit der Zeit bin ich in Sachen Gottesdienste vielsprachig geworden, kann selbst an katholischen Messen eines marianisch geprägten alten Priesters bei uns in Vöhringen innerlich teilnehmen. Da ließe sich die Frage stellen, ob ich in Sachen Gottesdienst und Glaube beliebig geworden bin. Ich würde das verneinen, kann mitunter in Sachen evangelischer Gottesdienst und Glaube messerscharf urteilen. Aber mir ist bewusst geworden, dass all die unterschiedlichen Gottesdienste und Denominationen je eigene Akzentuierungen unseres christlichen Glaubens haben. Man geht mit einem besonderen Anliegen und mit einer eigenen Tradition auf Jesus Christus zu. Mitunter ist es mir dabei nicht möglich, zu einem Predigtwort oder zu einem Gebet „Ja und Amen“ zu sagen. Aber was mich mit meinen Glaubensgeschwistern in Hongkong und in Südostasien verbindet, ist eine gottesdienstliche Ernsthaftigkeit. Wir stellen uns mit unserem eigenen Leben unter den Anspruch des göttlichen Wortes, bekennen Jesus Christus als unseren Herrn und rufen den dreieinigen Gott im Gebet an.

Was die Vernunft nicht gelten lassen will

Wo ich bei anderen Christen wahrnehme, dass sie sich dem göttlichen Anspruch stellen – auch mit ihren eigenen Zweifeln – weiß ich mich ihnen im Glauben verbunden, auch wenn sie Dinge und Regeln geltend machen, die ich für mich nicht anzunehmen weiß. Wirkliche Schwierigkeiten habe ich hingegen mit einer pastoralen Kirchlichkeit, bei der im Namen des christlichen Glaubens religiöse Eigensinnigkeit präsentiert wird. Da zeigt sich ein Habitus intellektueller Überheblichkeit, demzufolge heutzutage nur das zu glauben sei, was die eigene (pastorliche) Vernunft gelten lassen will. Liturgisch endet diese Vernünftigkeit im Gebetsautismus – ein Beten, das den dreieinigen Gott nicht anredet, sondern sich selbst anbetet. Und genau dort muss ich außen vor bleiben.

Warum das „Jünger machen“ für Jesu Missionsbefehl in Matthäus 28,18-20 unabdingbar ist

5. Januar 2017

discipleship

Philologische Erwägungen, mathēteusate in Jesu Missionsbefehl mit „lehret“ zu übersetzen (wie jetzt in der neuen Luther-Bibel 2017 geschehen), überzeugen mich nicht. Ich stehe zur englischsprachigen NRSV, zu Luther 1984 (bzw. 1956), zur Zürcher 2007, zur Elberfelder sowie zur neuen Einheitsübersetzung 2017, wo es heißt: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19a) – mit gutem Grund. „Jünger machen“ mag eine anstößige Wendung sein, aber sie ist im höchsten Maße subversiv. Sie ist antirassistisch, antiklerikal und wehrt intellektueller Überheblichkeit bzw. Bevormundung.

In Jesu Missionsbefehl geht es um einen bestimmten „Jünger-sein“-Status von Menschen in Bezug auf Jesus selbst – in Entsprechung zu den elf Jüngern (mathētai), die auf dem Berg in Galiläa diesen Befehl empfangen haben (v 16). Taufe auf Seinen Namen und Unterweisung in Jesu Sinne sind beides Beziehungsgeschehen, die das „Jünger machen“ und damit die Gleichstellung mit den Jüngern Jesu in die Tat umsetzen. Jesu Gegenwartszusage „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20b) gilt damit sowohl für die elf Jünger auf dem Berg wie auch für die neu hinzugewonnenen Jüngern aus den Völkern.

Unbestimmtes „Lehren“ hingegen würde eine bleibende Diskrepanz zwischen den elf „gelehrten“ Jüngern und den übrigen „belehrten“ Menschen schaffen. So etwas kennt man ja aus der eigenen Schulzeit von manchem (ein-)gebildeten Lehrer, der per se Recht haben muss, um seinen vermeintlich höheren Status gegenüber Schülern zu halten. Da ist man schnell bei Schelskys „Priesterherrschaft der Intellektuellen“: Wir (Theologen, Missionare …) mit unserem umfangreichen historischen und exegetischen Wissen und mit unseren heilvollen religiösen Ideen wissen, was für die anderen gut zu sein hat.

Ein missionarisches Jüngerschaftsverhältnis hingegen nimmt für Christen einen egalitären Charakter an und ist damit gerade nicht hierarchisch bzw. vormundschaftlich bestimmt. Wer selbst Jesu Missionsbefehl gefolgt ist, erfährt im eigenen Lehren, dass die „Belehrten“ einem als Jünger Jesu gleichgestellt sind.

Ist der Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel 2017 falsch wiedergegeben? – Ja, schreibe ich in idea spektrum

4. Januar 2017
Duccio di Buoninsegna, Erscheinung Christi auf den Berg von Galilea ( Altarretabel des Sieneser Doms, 1308-11)

Duccio di Buoninsegna, Erscheinung Christi auf den Berg von Galilea (Altarretabel des Sieneser Doms, 1308-11)

In der aktuellen Ausgabe 1/2017 von idea spektrum habe ich den Pro-Beitrag zur Frage „Ist der Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel 2017 falsch wiedergegeben?“ geschrieben. Während die neue Einheitsübersetzung 2017 bezüglich Mt 28,19 – ähnlich wie die Zürcher Bibel – übersetzt „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ heißt es nunmehr (wieder) in der Luther-Bibel 2017 „Darum gehet hin und lehret alle Völker“.

Der Einwand von Altbischof Kähler „als ob wir Menschen die Macht hätten, alle Völker zu Christen zu machen“ sticht für mich nicht wirklich. Wenn „Jünger machen“ zu macherisch klingen sollte, hätte man ja alternativ übersetzen können: „Darum gehet hin und gewinnet als Jünger alle Völker“ bzw. „Darum gehet hin und weist als Jünger alle Völker ein“.

Kählers zweites Gegenargument verfängt meiner Meinung nach ebenfalls nicht. Das Verb mathēteuō ist alles andere als ein geläufiges griechisches Wort. Der transitive Gebrauch ist christliche Sondersprache und ist in der gesamten antiken Literatur nur viermal belegt. Wenn nun in Walter Bauers Wörterbuch zum Neuen Testament die Bedeutung „belehren“ mit aufgeführt wird, verdankt sich dies eben der vermeintlichen Autorität von Luthers bzw. Hieronymus Übersetzung von Mt 28,19. Aufschlussreich ist, dass in Mt 27,57 sowohl Hieronymus in der Vulgata wie auch Luther bezüglich Josef von Arimathäa die Passivform emathēteutē nicht als „belehrt worden sein“, sondern als „Jünger sein“ (discipulus esse) übersetzt haben. Im Übrigen steht ja im Griechischen das Verb didaskō für „lehren“ (so auch in Mt 28,20).

Was „Jünger machen bzw. gewinnen“ beinhaltet, entfaltet Jesus in der nachfolgenden – eigentlich modal zu übersetzenden – Partizipialkonstruktion, nämlich „taufen“ (v 19b) und „lehren“ (v 20a). Demzufolge übersetzt Fridolin Stier wörtlich: „Geht nun und macht zu Jüngern alle Völker, sie taufend auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sie lehrend, alles zu wahren, was ich euch gewiesen.“ (v 19.20a, ähnlich die englischsprachige NRSV) Luther hingegen muss die durch seine Übersetzung von mathēteusate in Vers 19 entstandene Tautologie „Lehret alle Völker, indem ihr lehrt“ auflösen. Er tut dies dadurch, indem er die Partizipialkonstruktion (anders als Hieronymus) durch zwei Imperative „taufet“ bzw. „lehret“ parataktisch wiedergibt.

Es geht in Jesu Missionsbefehl um einen bestimmten „Jünger-sein“-Status von Menschen in Bezug auf Jesus selbst – in Entsprechung zu den elf Jüngern (mathētai), die auf dem Berg in Galiläa diesen Befehl selbst empfangen haben (v 16). Taufe auf Seinen Namen und Unterweisung in Jesu Sinne sind beides Beziehungsgeschehen, die das „Jünger machen“ in die Tat umsetzen. Jesu Gegenwartszusage „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20b) gilt damit sowohl für die elf Jünger auf dem Berg, wie auch für die neu hinzugewonnenen Jüngern aus den Völkern. Ohne ein „Jünger machen“ würde es hingegen eine bleibende Diskrepanz zwischen den elf „gelehrten“ Jüngern und den übrigen „belehrten“ Menschen geben. So etwas kennt man ja aus der eigenen Schulzeit von manchem (ein-)gebildeten Lehrer, der per se Recht haben muss, um seinen vermeintlich höheren Status gegenüber Schülern zu halten. Ein missionarisches „Jüngerschaftsverhältnis“ hingegen nimmt für Christen einen egalitären Charakter an und ist damit gerade nicht hierarchisch bzw. vormundschaftlich bestimmt.

Hier nun mein eigentlicher Text aus idea spektrum:

Wir sollen andere nicht nur lehren, sondern auch zu Jüngern machen. So lautet der griechische Urtext

In der Lutherbibel von 1984 heißt es in Jesu Missionsbefehl: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“ (Matthäus 28,19) – in Übereinstimmung mit den gängigen Übersetzungen der Gegenwart. Anders dagegen die Lutherbibel 2017: „Darum gehet hin und lehret alle Völker“. Anstelle einer „Jünger-Machung“ tritt ein Lehren. Man kann sich dazu auf Luthers eigene Übersetzung berufen. Aber Luther ist mit seinen Worten nicht dem griechischen Urtext, sondern der lateinischen Vulgata (docete omnes gentes) gefolgt. Das griechische Verb mathēteuō bedeutet mehr als nur Wissenswertes zu „lehren“, sondern bezieht sich auf ein verbindliches Lehr- und Lebensverhältnis, nämlich das zwischen einem Jünger (mathētēs) und seinem Meister.

Was es heißt, als Jünger seinem Meister Jesus nachzufolgen, wird in den Evangelien erzählt: eine hingabevolle Gemeinschaft, die sich ganz auf Jesu Weisung und Lebensweg einlässt. Wenn nun der auferstandene Jesus seine Jünger beauftragt, Völker ebenso als Jünger zu gewinnen, sollen die Menschen in diese verbindliche Nachfolge eintreten. Zu Recht hat die Missionsbewegung im 20. Jahrhundert die grundlegende Bedeutung der biblisch verstandenen Jüngerschaft (Discipleship) wiederentdeckt. Wenn nun in der neuen Lutherbibel die Jünger-Werdung aus dem Missionsbefehl verbannt ist, wird damit – gewollt oder ungewollt – einem individualistischen religiösen Bewusstsein das Wort geredet.

Beworben wird die neue Lutherbibel vollmundig: „Das Original – so zuverlässig wie nie! Vollständig überprüft und durchgehend auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand.“ Schaut man genauer hin, erweist es sich nicht nur bei Jesu Missionsbefehl, dass dieser Anspruch nicht eingehalten wird.

Der Text in seiner Druckfassung zusammen mit dem Contra-Beitrag des früheren thüringischen Landesbischofs Dr. Christoph Kähler findet sich hier als pdf.

Neue Luther-Bibel 2017: Jesu Missionsbefehl ohne Jüngerschaft „Darum gehet hin und lehret alle Völker“

16. Dezember 2016
Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Erstaunen bei den landeskirchlichen Missionswerken: Jesu Missionsbefehl in der neuen Luther-Bibel 2017 kennt keine Jünger mehr. Stattdessen ist doppelte Belehrung angesagt, wenn es heißt: „Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Dass matēteuō nur noch „lehren“ heißen soll, will nicht einleuchten, sprechen doch die einschlägigen Wörterbücher und Kommentare eine andere Sprache. In der Luther-Bibel 1984 bzw. im Luther-NT von 1956 heißt es zu Recht: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker„. Ebenso ist in den Standardübersetzungen der Gegenwart wie Einheitsübersetzung, Elberfelder, Zürcher, Basis-Bibel sowie Gute Nachricht von einem „Jünger-machen“. Warum nun die Änderung?

Die Antwort findet sich bei Luther selbst. In der Luther-Bibel von 1545 heißt es:  18Vnd Jhesus trat zu jnen / redet mit jnen / vnd sprach Mir ist gegeben alle Gewalt im Himel vnd Erden. 19Darumb gehet hin / vnd leret alle Völcker / vnd teuffet sie / im Namen des Vaters / vnd des Sons / vnd des heiligen Geists / 20Vnd leret sie halten alles was ich euch befolhen habe. Vnd sihe / Jch bin bey euch alle tage / bis an der Welt ende. Und auch in der revidierten Luther-Bibel von 1912 steht in Vers 19 „Darum gehet hin und lehret alle Völker„. Nun muss man aber wissen, dass sich Luther (wie im Übrigen auch die englische King James Version) bei seiner Übersetzung nicht an den griechischen Urtext gehalten hat, sondern der lateinischen Vulgata gefolgt ist: „euntes ergo docete omnes gentes“ (ebenso in Apg 14,21). Eine Fehlübersetzung, denn docere (= lehren) beinhaltet eben nicht die persönliche Bindung eines Schülers bzw. Jüngers an seinen Lehrer. Jüngerschaft hingegen bedeutet eine verbindliche Lebensform und ist damit weit mehr als informative Belehrung.

Dass bei der Revision des Neuen Testaments 1956 die „Jüngermachung“ in Vers 19 eingeführt worden ist, hat Luthers Fehlübersetzung korrigiert. Nun aber wird 2017 der Fehler wiederhergestellt. Man wird dafür wohl eine bessere Verständlichkeit geltend machen. Aber das kann nicht wirklich gelten, wenn damit Jesu Anweisung um die maßgebliche Existenzform der Christen in seiner Nachfolge (discipleship) gebracht wird. Sollte die Wendung „Jünger machen“ zu poietisch klingen, könnte man stattdessen auch anders übersetzen: „Darum gehet hin und weist alle Völker als Jünger ein“.

„Ich sehe den Himmel offen“ – Wie Märtyrertum das Kreuz Christi zu erschließen weiß

12. Oktober 2016
Die Steinigung von Stephanus. Fresko von Paolo Uccello. Ca. 1435.

Die Steinigung von Stephanus. Fresko von Paolo Uccello. Ca. 1435.

Wer wissen will, um wen und was es im Christentum wirklich geht, muss das christliche Martyrium und insbesondere den Märtyrertod in den Blick nehmen. Gemeint ist damit das lebensentschiedene (nicht lebensentscheidende) Zeugnis eines Menschen für Jesus Christus. Dieses Zeugnis ist eine glaubensfreie Hingabe des eigenen Lebens, aber kein tödliches Selbstopfer. Christliches Martyrium bewirkt nicht etwas zum eigenen Heil oder zum Heil von anderen, sondern bezeugt umgekehrt das lebensentscheidende Heil in Jesus Christus, nämlich dessen Sieg über Sünde und Tod. Der christliche Märtyrer sucht sich eben nicht zur Verwirklichung einer höheren Sache – sei es ein Lebensideal, eine Religion oder ein Glaube – aktiv aufzuopfern. Vielmehr bezeugt er in passionierter Weise mit seinem eigenen Leben und Sterben, dass Jesus Christus mit seinem Tod am Kreuz und mit seiner Auferstehung aus dem Grab das ewige Leben bei Gott erwirkt hat. Wo sich ein Christ in der Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott selbst wiederfindet, können andere Menschen ihm eben nicht durch Tötung das eigene Leben wirklich nehmen. So hat es ja der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer eindringlich zur Sprache gebracht:

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlacht­schafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,31-39)

Der Märtyrer bekennt sich zur Lebensgemeinschaft mit Christus und erleidet deswegen die eigene Tötung. Sein „Körperbekenntnis“ – eben mehr als nur ein „Lippenbekenntnis“ – vollzieht sich im Heilsraum des Paschamysteriums Christi:

Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.  Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Römer 14,7-9)

Christen haben im Leben und Sterben nichts zu verlieren, was nicht schon Christus für sie auf ewig gewonnen hat.

Man darf jedoch christliches Martyrium nicht heilsindividualistisch reduzieren. Im Buch der Offenbarung wird das Martyrium im Angesicht des geschlachteten Lammes (Offenbarung 5,12) in eine gottesdienstliche Gemeinschaft im Himmel hineingenommen, die für die Zukunft hoffen lässt: Schlussendlich holt göttliches Handeln unter der Signatur des Lammes alles Weltgeschehen ein, richtet vernichtend und errichtet schöpferisch „einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2Petrus 3,13). Christliches Märtyrertum als Blutzeugnis erschließt sich in dieser apokalyptischen Perspektive. So ist es ja schon dem Erzmärtyrer Stephanus vor seiner Steinigung widerfahren: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apostelgeschichte 7,56)

Hier der Text als pdf.

Paul G. Hiebert – The Excluded Middle und die kategorische Trennung von Natur und Moral

6. Oktober 2016
Paul Hiebert - The Flaw of the Excluded Middle

Paul Hiebert – The Flaw of the Excluded Middle

Dass verstorbene Ahnen – nicht etwa nur der verstorbene Ehemann – in einem „wirklichen“ Beziehungsgefüge zu ihren Nachgeborenen stehen, ist für die meisten Europäer eine unglaub­liche Vorstellung. Wenn man umgekehrt laotischen, vietnamesischen oder chinesischen Theo­logiestudierenden in Hongkong mitteilt, dass die meisten Europäer die Existenz unsichtbarer Geister kategorisch ausschließen, erntet man entgeisterte Blicke. In Sachen Weltanschauun­gen scheint es tiefgreifende Unterschiede zwischen den Kulturen zu geben. Euroamerikani­sches Denken unterscheidet im Allgemeinen zwischen Immanenz und Transzendenz einer­seits, Natur (Physik) und Moralität (Ethik) andererseits. Was innerhalb der immanenten Wirk­lichkeit geschieht, lässt sich naturwissenschaftlich beschreiben und technologisch manipulie­ren. Was weder sichtbar noch instrumentell messbar ist, wird entweder als unwirklich angese­hen oder aber einem transzendenten und demzufolge independenten Jenseits zugeschrieben. Wo auf Erden alles scheinbar ganz natürlich zugeht, können sich die sittliche Lebensform und das eigene moralische Tun auf das eigene Leben nicht physiologisch auswirken. Der Einfluss von Moralität auf das Wohlbefinden bleibt auf das eigene Bewusstsein beschränkt. Allenfalls eine postmortale Vergeltung des eigenen Tuns in einem nichttranszendenten „Jenseits“ scheint, wenn auch sehr vage, vorstellbar.

Paul G. Hiebert (1932–2007)

Paul G. Hiebert (1932–2007)

Der amerikanische Missiologe Paul G. Hiebert, der in den sech­ziger Jahren als mennonitischer Missionar in Indien tätig gewesen ist, hat bezüglich der euroamerikanischen Weltanschauung von einem „Makel der ausgeschlossenen Mitte“ (flaw of the excluded middle) gesprochen und damit eine Wirklichkeitsdimension bezeichnet, die zwischen einer empirischen Welt und einem transzendenten Jenseits liegt. Diese in außer­europäischen Kulturen äußerst virulente Sphäre ist von unsichtbaren Mächten und Geistern bevölkert, die sich jedoch auf die irdischen Lebensverhältnisse wahrnehmbar auswirken. Die Interaktion zwischen der sichtbaren Welt und den unsichtbaren Mächten erfolgt außerhalb eines physikalischen Kausalmechanismus in einem organischen Lebenszusammenhang. Man muss sich daher durch richtiges Tun und Verhalten in eine wohlgefällige Beziehung zu ihnen bringen. Wo Menschen, wie im Falle der Ahnenverehrung, auf moralische Weise mit derarti­gen personalen Mächten und Geistern interagieren, beeinflusst die eigene Lebensform das physische Wohlergehen ganz spürbar. Das klassische Beispiel dafür ist die Krankheit, die in der westlichen Kultur auf einen natürlichen Defekt oder Infekt zurückgeführt wird. In anderen Kulturen hingegen wird die Krankheit in einen organischen Zusammenhang mit jener unsicht­baren Sphäre gebracht. Eine „Geisterattacke“, die Seele einer verstorbenen Person, ein Fluch, Zauberei bzw. Hexerei oder eigene moralische Verfehlung wirken sich für den Kranken lebensbedrohlich aus. Um solch eine Bedrohung abzuwenden, ist die richtige Diätetik (Wohl­ergehenslehre) gefordert, wie zum Beispiel die Anrufung einer Gottheit, Fasten, ein apotro­päischer Ritus oder das eigene Sündenbekenntnis. Folgerichtig nehmen auch Christen in Afri­ka oder Asien Krankheit in der Regel in solch einem organischen Zusammenhang wahr und suchen in der christlichen Lehre einen Weg zur Heilung.

Elefantenkrankheit (elephantiasis tropica)

Elefantenkrankheit (elephantiasis tropica)

Im Falle eines schwarzafrikanischen Immigranten in Hongkong, der an der Elephantiasis tropica, einer Erkrankung des Lymphsystems, leidet, sind aus medizinischer Sicht die Larven eines Fadenwurms (Wuchereria malayi oder Wuchereria bancrofti) die Krankheitsursache. Wenn er jedoch auf seinem Krankenbett im Queen Elizabeth Hospital Psalm 38 (Verse 3-8) aus seiner französischsprachigen Taschenbibel betet, bricht er in Tränen aus:

2 HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn,
und züchtige mich nicht in deinem Grimm.
3 Denn deine Pfeile haben mich getroffen,
und deine Hand ist auf mich herabgefahren.
4 Nichts Heiles ist an meinem Fleisch wegen deines Grolls,
nichts Unversehrtes ist an meinen Gebeinen wegen meiner Sünde.
5 Denn meine Vergehen kommen über mein Haupt,
sie erdrücken mich wie eine schwere Last.
6 Meine Wunden stinken
und eitern wegen meiner Torheit.
7 Ich bin verstört, tief gebeugt,
in Trauer verbringe ich den ganzen Tag.
8 Denn meine Lenden sind voller Brand,
und nichts Heiles ist an meinem Fleisch.
9 Kraftlos bin ich und zerschlagen,
in der Qual meines Herzens schreie ich auf.
(Verse 2-9 Zürcher)

Die Worte des Psalmisten sind im Gleichklang mit seinem eigenen Schicksal, das Beine und Genitalien unförmig anschwellen lässt. Obwohl die Krankheitsursache eindeutig ein Mückenstich in Afrika ist, erlebt der Patient seine Erkrankung im Zusammenhang eigener sexualmoralischer Verfehlungen. Frau und Kinder hat er an der Elfenbeinküste zurückgelassen, und drei Jahre allein im ungewissen Wartestand in Hongkong sind keine Einladung zur ehelichen Treue. Sein Körper muss die eigene Untreue allzu offensichtlich büßen.

Quelle: Jochen Teuffel, Mission als Namenszeugnis. Eine Ideologiekritik in Sachen Religion, Tübingen 2009, 26-29.

Hier der Text mit Anmerkungen als pdf.

»Stark und biegsam wie Bambuswälder« – Tobias Brandner zur Situation der Christen in China

4. September 2016
Tobias Brandner

Tobias Brandner

Tobias Brandner lebt und arbeitet seit 1996 im Auftrag der Mission 21 in Hongkong als Gefangenenseelsorger und Universitätslehrer. Er hat über die Jahre hinweg einen profunden Einblick in die chinesische Kultur und in das Leben von Christen in China gewonnen. In einem gut geführten Interview mit Thomas Seiterich in der akutellen Ausgabe von Publik-Forum kommt dies zur Sprache:

»Stark und biegsam wie Bambuswälder«

Nirgendwo wächst die Zahl der engagierten Christen so dynamisch wie in China. Das provo­ziert die Kommunisten. Ein Gespräch mit dem reformierten Theologen Tobias Brandner in Hongkong

Publik-Forum: Wirtschaft, Staat und Gesell­schaft der Volksrepublik China entwickeln sich rasch. Welche Chancen bieten sich dabei für das Christentum?

Tobias Brandner: Während der letzten dreißig Jahre wuchs das Christentum in China jährlich um zehn Prozent. Die Zahl der Christen hat sich vervielfacht, trotz der Repression durch die KP und den atheisti­schen Staat. Und Chinas Kirchen wachsen rapide weiter. 1949, bei Maos Revolution, gab es eine Million Christen. Heute sind es über siebzig Millionen. So eine Dynamik ist einzigartig weltweit. Die jährliche Wachstumsrate der Kirchen entspricht dem jährlichen Wirtschaftswachstum.

Das Christentum ist gegen den Wind ge­wachsen, trotz der harten Repression.

Brandner: Ja, dies ist erstaunlich. Nach drei­ßig Mao-Jahren mit Unterdrückung und Christen­verfolgung war 1982 die Zahl der Christen in China auf drei Millionen ange­stiegen. Eine große Zunahme trotz schärfs­tem Gegenwind. Seither wachsen die Christen schneller als die Bevölkerung. Zehn Jahre Kulturrevolution (1970-1980), das bedeutete: Der Besitz einer Bibel war verboten; die Christen wurden drangsaliert; viele getötet; sämtliche Kirchen waren be­schlagnahmt. Und dennoch wuchsen im Untergrund die Kirchen; sie überlebten nicht nur — sie nahmen zu.

Unterscheidet sich die Lage bei Protestanten und Katholiken?

Brandner: Die evangelischen Kirchen wach­sen deutlich rascher als die katholische. Der Grund liegt im unterschiedlichen Profil: Anstößig sind nicht die Protestanten mit ihren unauffälligen Gemeinden und Hauskirchen, sondern die Katholiken, weil sie infolge ihrer Treue und Loyalität zum Papst im fernen Rom von der antireligiösen Propaganda leichter als landfremdes, unpa­triotisches Pack anzuprangern sind.

Wie unterscheiden sich die Profile der Kon­fessionen in China?

Brandner: Die Katholiken leiden unter der Wachstumsbremse, dass sie bei der Eucha­ristie auf ihre zölibatären Priester angewie­sen sind — von denen gibt es nur wenige. Der Protestan­tismus in China ist flexibler und selbstbestimmter. Seine Kirchen hän­gen nicht von Priestern ab, die für die Poli­zei leicht identifizierbar sind. Sie sind häu­fig von Laien geleitet und dyna­misch; nichts ist für die Ewigkeit gebaut. Diese biegsame Bambusstruktur macht sie weni­ger auffällig und greifbar für staatliche Re­pression. Die Katholiken dagegen leben zu­meist in festen Pfarreistrukturen. Diese sind vom Staat leicht störbar.

Wann im Leben wird man in China Christ?

Brandner: Die meisten meiner Theologiestudierenden sind Späteinsteiger. Das ist für China typisch: In dem schnell wachsen­den Christentum finden viele Menschen als Erwachsene zur Kirche. Sie tun dies aufgrund einer Entscheidung. Bei den Pro­testanten kann man dann häufig noch nach einer kurzen Ausbildung Pastor oder Gemeindeleiterin werden, das sind dann die Second Career Pastors. Die meisten evan­gelischen Geistlichen in China haben — wie Paulus oder Petrus – bereits ein Berufsle­ben hinter sich. Anders ist die Lage bei den Katholiken, denn der Weg ins Priesteramt setzt Ehelosigkeit und eine langjährige Ausbildung voraus. Diese hohen Hürden schließen die Späteinsteiger de facto aus.

Was ist das Besondere an den Christen in China?

Brandner: Diese gut siebzig Millionen Menschen, die fünf Prozent der Bevölkerung ausma­chen, sind keine lauen Gewohnheits-, sondern bewusste Entscheidungschristen. Viele erlebten wegen ihres Glauben schon Nachteile oder Bedrängnis — dennoch bleiben sie dabei. Hiervon können viele der Laien und Geistlichen beredt erzählen. Christsein setzt im kommunistischen China einen bewussten Akt der Dissidenz voraus. Aufstiegschancen und Vorteile in der roten, autoritär-kapitalistischen Gesellschaft gibt es für die Christen nicht. Wer mitmacht, macht trotzdem mit. Ein Christ im Westen ist zumeist ein Christ und zugleich noch vieles andere. In China dagegen bedeutet der Glaube ein klares Identitätsmerkmal. Chinas Christen sind in der Kirche aktiv und politisch sturmerprobt. Solch einen Schatz an engagiertem, gegen den atheistischen Staat bewährtem Christentum haben die Kirchen auf der Erde in dieser großen Zahl nur einmal — in China.

Doch die Christen sind nur fünf Prozent.

Brandner: In der chinesischen Gesellschaft, die unter Sinnleere und einem entfesselten Materialismus leidet, bedeuten fünf Prozent Christen, die Werte wie Nächstenliebe leben und unbeirrbar den herrschaftskritischen Ein-Gott-Glauben leben, eine Macht. Da nichtchristliche Chinesen den Partei- und Staatschef ähnlich wie einen Gott oder Kaiser verehren, sind die Christen für die Herrscher in Peking unangenehm.

Wie geht die Entwicklung weiter?

Brandner: Es ist spannend, denn aktuell ist das Kirchenwachstum dabei, das Wachstum und die Mitgliederzahl der herrschenden KP zu überholen. Das sorgt für nervöse Unruhe in den Abteilungen der Parteileitung, deren Aufgabe es ist, Christen zu überwachen: Wird nicht von der KP autoritär eingegriffen, überflügelt die Zahl der Christen die Anzahl der kommunis­ti­schen Parteimitglieder. Es dämmert den Überwachern der Christen, dass die KP von geringe­rer motivationaler Qualität ist als das chinesische Christentum. Denn der KP tritt man in der Regel bei auf der Suche nach Profit und Aufstieg. Christ dagegen wird man in China aus Glaubensüberzeugung.

Und die geistige Auseinandersetze zwischen Christen und Kommunisten?

Brandner: Zum Wettbewerb der Zahl tritt der geistige Kampf. Der rote Mythos erscheint vielen Chinesen knapp siebzig Jahre nach der Revolution leer und ver­braucht. Der Daseins­kampf ist hart. Armut und Verelendung auf dem Land sind be­drückend. Die Einsamkeit im Alter und die Enge in den staatlich befohlenen Ein-Kind-Familien sind weit verbreitet. Kon­sum tröstet nur wenig. — Die Christen da­gegen verfügen über große Erzählungen, die in China völlig unverbraucht sind und leuchten: Zum Beispiel das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder die Bergpre­digt in einer erkalteten Welt des Egoismus. Barmherzigkeit und Nächstenliebe wurden in der Kulturrevolution gezielt zerstört.

Gibt es Beispiele für ähnliche Entwicklun­gen des Christentums wie China?

Brandner: Ja, Südkorea. Auch dort wurde die christliche Mission zeitweise unterdrückt. Aus eigener Kraft — wie in China — wuchsen die koreanischen Kirchen zu einer großen Kraft in der Gesellschaft. Rund dreißig Pro­zent der Koreaner sind Christen. Umge­rechnet auf China wären dies 400 Millionen Christen. In Zukunft könnte China zu dem Land mit den meisten Christen werden. Li­beral im westlichen Sinne wird die Mehr­zahl dieser Christen nicht sein, sondern eher konservativ. Dies würde dann vermutlich im weltweiten Gespräch unter den Kirchen neue Fragen und Fronten aufwerfen.

Wir sprachen von Wachstum, von Zahlen und Macht — doch wie sieht Mission in Chi­na konkret aus?

Brandner: Nehmen wir als Beispiel die südchinesische 10-Millionen-Stadt Wenzhou. Der britische Historiker Niall Ferguson nennt sie »das chinesische Jerusalem«, da es so viele christliche Unternehmer in der Boomtown Wenzhou gebe. Tatsächlich bildet Wenzhou einen christlichen Hotspot, denn etwa 15 Prozent der Bürger be­kennen sich als Christen. Die Entrepreneurs, die Unternehmer aus Wenzhou, sind als Schuh- und Konsumwarenprodu­zenten in ganz China unterwegs. Und nach den Verhandlungen holen viele dieser Unter­nehmer die Bibel heraus und werben bei ihren Geschäftspartnern für den Glauben. Ich finde diese Mission der Geschäftsrei­senden faszinierend. Denn ganz ähnlich wurde das junge Christentum in seinen ersten Jahrhunderten im Imperium Romanum verbreitet.

Die neu errichtete Sanjiang-Kirche in Wenzhou wurde im Mai 2014 von der Provinzregierung wegen Verstoßes gegen die Baugenehmigung abgerissen.

Die neu errichtete Sanjiang-Kirche in Wenzhou wurde im Mai 2014 von der Provinzregierung wegen Verstoßes gegen die Baugenehmigung abgerissen.

Und wie reagiert der Staat?

Brandner: Als Ziao Ba Lung, ein Provinzkaiser, der KP-Chef der Provinz Zhejiang, sich über die Kreuze und Kirchen ärgerte, startete er 2013 eine Kampagne gegen Christen. Viele Kreuze wurden demontiert, manche Kirchen abgerissen. Doch es han­delt sich um dosierte Gewalt, denn Chris­ten werden nicht verletzt oder getötet. Die KP hat aus Fehlern gelernt. Sie strebt Kon­trolle durch Einschüchterung an.

Sie sind reformierter Theologe. Wie sieht das Leben in den evangelischen Gemeinden aus?

Brandner: Die Kirche ist kongregationalistisch, das bedeutet, das Gewicht liegt stark bei den Gemeinden. Die Gemeinde ist »It Za Rén«, die »Familie Gottes«. In einer rasenden Wettbe­werbswelt ist die Wärme der Gemeinde für die Leute wichtig. Die Gemeinden sind nach außen eher unpoli­tisch, doch was sie an Nächstenliebe leben, ist in China höchst politisch. Jesus ist »Je­su Gó«, »der ältere Bruder«. Die vom Staat mit Zwang durchgeführte Ein-Kind-Poli­tik verletzte den starken, familiären Ge­meinsinn der Chinesen. Da es in der politischen Realität keinen älteren Bruder ge­ben darf, wird Jesus zum geliebten »älteren Bruder«.

Wer leitet die evangelischen Gemeinden?

Brandner: Meist ältere Mütter und Omas. Es sind wunderbare Frauen, in der Regel über fünf­zig, Chinesinnen mit Lebenser­fahrung und Warmherzigkeit. Oft sorgen sie für das Enkel­kind, während die Eltern in einer fernen Stadt das Geld verdienen. Diese Frauen geben den Glauben weiter. Als Gemeindeleiterin haben sie meist eini­ge freiwillige Mitarbeiterinnen. Die Predi­ger­innen haben einen dreimonatigen bis dreijährigen theologischen Crashkurs ab­solviert. Die Seelsorge- und Besuchsarbeit wird zu neun Zehnteln von Frauen geleis­tet. Auf diese Weise wächst die »Familie Je­su«, die Gemeinde. Drei Viertel aller evan­gelischen Gemeindeglieder sind Frauen.

Tobias Brandner, geboren 1965 in der Schweiz, arbeitet als reformierter Pfarrer und Gefängnisseelsorger seit 1996 in Hongkong. Er ist Pro­fessor für Kirchengeschichte und Missionswissenschaft am Chung Chi College.

Das Gespräch führte Thomas Seiterich.

Quelle: Publik-Forum, Nr. 16, 26. August 2016, 30f.

Sudeep Chakravarti – Highway 39. Reportagen aus Indiens aufständischem Nordosten

17. August 2016

Highway 39

Da ich familiär mit Nordostindien und insbesondere mit Nagaland verbunden bin, bin ich bei Sudeeps Chakravartis Reportage über Indiens Nordosten hellhörig geworden. Entlang des Highways 39 von Numaligarh am südlichen Ufer des Brahmaputra in Assam bis nach Moreh in Manipur führt er in die komplexe Realität eines weitgehend unbekannten bewaffneten Konflikts zwischen indigenen Ethnien, der indischen Zentralregierung und rivalisierenden Rebellenbewegungen ein. Chakravarti – selbst in Kalkutta geboren – nimmt Partei für die einheimische Bevölkerung und verschweigt nicht die grausamen neokolonialen Verbrechen, die der indische Staat vor allem in den 50iger und 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter den Naga begangen hat – weitgehend unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit.

Der Autor gibt selbst Rechenschaft darüber, warum er dieses Buch geschrieben hat:

Ein englischsprachiger Auszug aus seinem Buch findet sich hier: „Sticky rice and fried pork in Hebron: Lunch and conversation in a Naga rebel camp„.

Eine kurze Einführung in die gegenwärtige politische Situation Nordostindiens hat Chakravarti unter dem Titel „Rebellische Region“ letztes Jahr in den „welt-sichten“ veröffentlicht.

Aktuelle englischsprachige Online-Artikel von Chakrvarti über Nordostindien sind hier aufgelistet.

Evangelischer Gehorsam

10. Juni 2016
Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße - Altargemälde ( 1400 / 1420 ) aus Mainz.

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde ( 1400 / 1420 ) aus Mainz.

Gehorchen kommt von Hören

Auch wenn man es nicht gerne hören mag; das Bekenntnis „Jesus Christus ist Herr“ impliziert Glaubensgehorsam (hypakoē pisteōs – vgl. Röm 1,5; 16,26). Ohne solchen Gehorsam bleibt dieses Kyrios-Bekenntnis ungehörig, oder wie Dietrich Bonhoeffer es apodiktisch ausgesprochen hat: „Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“[1] Christinnen und Christen sind diejenigen, die dem Herrn Jesus Christus zugehörig sind und ihm daher gehorchen. Um freilich gängigen Assoziationen wie „blinder Gehorsam“ oder „Kadavergehorsam“ zu entgehen, ist es angebracht, die „akustische“ Etymologie von „Gehorsam“ zu berücksichtigen: Wer gehorcht, horcht bzw. hört auf jemanden, was weit mehr ist als einem Befehl zu folgen. In der hebräisch- bzw. griechischsprachigen Bibel wird nicht zwischen „hören“ und „gehorchen“ semantisch differenziert. Ebenso folgt die lateinische Vulgata der „akustischen“ Tradition, wenn sie das griechische Verb akouein generell mit audire (hören) wiedergibt.[2]

Hören und Gehorchen sind ein Beziehungsgeschehen, in dem jemand sich akustisch auf den Anspruch eines anderen ausrichtet, so wie dies in der hebräischen Interjektion hinneni („hier bin ich“ – vgl. Gen 22,1.11) zum Ausdruck kommt. Wer einem Anspruch gehorcht, vertraut sich dem anderen an. Nirgends besser als im sogenannten šemă‘ jiśrā’el kommt dies zur Sprache: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (Dtn 6,4f.) Auf den Herrn hören heißt nichts anderes als von dessen Erwählung eingenommen zu sein. Von solch einem kommunikativen Anspruchsgehorsam ist ein Befehlsgehorsam zu unterscheiden, wo auf Grundlage eines externen Statusrahmens ein rangmäßig „Untergebener“ (subiectum) dem Befehl eines Superiors bedingungslos zu folgen hat (vgl. Mt 8,5).[3] Befehle richten sich nicht auf eine Beziehung aus, sondern nehmen Menschen mitunter gewaltsam für eine ihnen fremde Agenda ein. Wegen einer „höheren Sache“ hat man zu folgen, auch wenn dies das eigene Leben kosten mag. Zur Aufrechterhaltung der Befehlsstruktur müssen Befehlsverweigerung und Befehlsentzug konsequent bestraft werden.

Feldherrnhügel

Gehorsam in Gemeinschaft

Das Beziehungsfeld des christlichen Gehorsams ist einer mitunter lebenszerstörerischen Befehlsmilitanz diametral entgegengesetzt. Es geht nicht um eine „höhere Sache“, die menschliches Leben als Manövriermasse zu verzwecken sucht. Der Sohn des Gottes hat vielmehr unser sterbliches Leben in leiblicher Knechtsgestalt angenommen, damit wir in die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott aufgenommen werden, oder wie der Kirchenvater Athanasius über den Logos zu sagen weiß: „Er hat sich vermenschlicht, damit wir vergöttlicht werden.“[4] Wo der Sohn das menschliche Leben leiblich angenommen und von Sünde und Tod erlöst hat, dürfen sich Christen im Gehorsam vorbehaltslos seinem Wort anvertrauen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Joh 11,25f.)

Da es Jesus Christus selbst ist, der sich dem menschlichen Leben unterworfen hat, müssen sich Christen seiner Herrschaft eben nicht befehlsgemäß unterwerfen. Mit solch einem unterwerfungsfreien Gehorsam wird das christliche Leben nicht für eine „höhere Sache“ instrumentalisiert; vielmehr wird das eigene Leben in das Pascha-Mysterium hineingenommen und zu seiner Fülle gebracht. Sollte sich dennoch jemand dem Anspruchsgehorsam verweigern, kann es innerhalb der Kirche keine herrschaftliche Gehorsamserzwingung geben. Vielmehr wird der jeweilige Ungehorsam als selbstgewählter Beziehungsentzug angenommen und in der kirchlichen Exkommunikation – die keine Bestrafung sein kann – bestätigt (vgl. Mt 18,15-20).[5]

Toni Zenz - Der Hörende  (1957), Pax-Christi-Kirche, Essen

Toni Zenz – Der Hörende (1957), Pax-Christi-Kirche, Essen

Anspruchsgehorsam statt Befehlsgehorsam

Dass christlicher Anspruchsgehorsam weithin als klerikaler Befehlsgehorsam missverstanden worden ist, dürfte neben dem neuplatonisch inspirierten Hierarchiebegriff Pseudo-Dionysius Areopagitas[6] wohl auch auf das koinobitische Mönchtum zurückzuführen sein, wo der Befehlsgehorsam neben Armut und Keuschheit als einer der drei „evangelischen Räte“ in das Ordensgelübde hineingenommen worden ist.[7] Der unbedingte Gehorsam (obedientia) gegenüber dem Abt bzw. Prior wird zur wesentlichen Grundlage eines monastischen Gemeinschaftslebens, das die selbstgewählte aszetische Einsamkeit (monachos) in einem regulierten Zusammenleben (koinos bios) aufrechtzuerhalten sucht. So heißt es schon im fünften Kapitel der Benediktinerregel über den Gehorsam:

„Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern. Er ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht. Wegen des heiligen Dienstes, den sie gelobt haben, oder aus Furcht vor der Hölle und wegen der Herrlichkeit des ewigen Lebens darf es für sie nach einem Befehl des Oberen kein Zögern geben, sondern sie erfüllen den Auftrag sofort, als käme er von dem Gott. Von ihnen sagt der Herr: „Aufs erste Hören hin gehorcht er mir.“ Und ebenso sagt er den Lehrern: „Wer euch hört, hört mich.“ Daher verlassen Mönche sofort, was ihnen gerade wichtig ist, und geben den Eigenwillen auf.“[8]

Im monastischen Kontext wird der Gehorsam letztlich aus der Wortbindung und damit aus dem Annahmeanspruch Christi herausgenommen und in eine verdienstliche Tugend der willentlichen Unterordnung umgeformt, die sich nicht zuletzt am antiken Militärwesen orientiert.[9] Solch monastische Militanz bildet denn auch die Grundlage für Ignatius von Loyolas „Kadavergehorsam“:

„Wir bedenken, daß alle, die unter dem Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung durch den Obern so tragen und lenken lassen müssen, als wären sie ein Leichnam, der sich nach überallhin versetzen und in jeder Weise behandeln läßt, oder als wären sie ein Greisenstab, der in der Hand dessen, der ihn führt und sich seiner bedienen will, überall und zu jeder gewünschten Sache dient.“[10]

Carl Heinrich Bloch - Die Bergpredigt (ca. 1890)

Carl Heinrich Bloch – Die Bergpredigt (ca. 1890)

Autorität der Hingabe

So sehr die kulturellen Leistungen, die aus dem monastischen Befehlsgehorsam resultierten – die Jesuitenmission in Asien eingeschlossen – beindrucken, es ist dieser Befehlsgehorsam, der in der Vergangenheit vor allem in der Westkirche den Anspruchsgehorsam gegenüber Christus entstellt und damit diskreditiert hat. Allzu leicht kann man sich in der eigenen Gehorsamsverweigerung auf persönliche Freiheitsrechte berufen und damit das Verständnis anderer finden.

In der Tat kann es keinen christlichen Gehorsam an sich gegenüber Amtspersonen in der Kirche geben, sondern nur ein Gehorchen gegenüber dem von ihnen bezeugten Wort Christi.[11] Wo jedoch im Namen einer „protestantischen Freiheit“ der Gehorsam gegenüber dem göttlichen verbum externum grundsätzlich in Abrede gestellt ist, tritt die selbstbestimmte Subjektivität ein, die der Begriffsetymologie zufolge nichts anderes als eine selbstbezügliche Unterwürfigkeit (subiectum) ist. Wer Christus nicht gehorcht, der doch das eigene Leben in Knechtsgestalt angenommen hat, realisiert damit nicht etwa Freiheit, sondern bleibt in seiner Subjektivität sich selbst unterworfen. Er zeigt sich als ein Mensch, der nach Luther „so in sich selbst verkrümmt [ist], dass er nicht nur die leiblichen, sondern auch die geistlichen Güter auf sich selbst hinbiegt und in allem sich selber sucht.“[12] Solchermaßen von sich selbst eingenommen, verbleibt man in der autistischen „Knechtschaft der Vergänglichkeit“, die der „herrlichen Freiheit der Kinder des Gottes“ diametral entgegensteht (Röm 8,21).

Freiheit der Kinder Gottes

Eine als Selbstbezüglichkeit bzw. Unabhängigkeit gedachte Freiheit[13] ist keine wirkliche Freiheit, sondern die unbewusste Affirmation der eigenen Vergänglichkeit, die in absoluter Namenlosigkeit endet, so wie es der Psalmist zur Sprache zu bringen weiß: „Ich liege unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, derer du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand geschieden sind.“ (Ps 88,6). Die Freiheit der Kinder des Gottes hingegen ist eine in der göttlichen Anerkennung des eigenen Namens empfangene Freiheit propter Christum (vgl. Jes 43,1; Joh 8,31-36), die den Menschen eben nicht in die letztendlich tödliche „Selbständigkeit“ entlässt.

Da das ewige Leben als Neuschöpfung nicht in der eigenen Selbständigkeit, sondern allein in Christus zu finden ist (vgl. 2Kor 5,17; Röm 6,23), kann man dem Gehorsamsanspruch des Evangeliums nicht entgehen. Damit jedoch solch evangelischer Gehorsam nicht als Befehlsgehorsam missverstanden wird – wie etwa als einer der „evangelischen Räte“ im Hinblick auf einen status perfectionis –, darf das Evangelium anderen Menschen nicht auferlegt werden, sondern ist ihnen vielmehr anzudienen.

Anmerkungen
[1] Nachfolge, München 111976, 35.
[2] Es sind hingegen Luthers Übersetzung bzw. die King James Version, wo schāma‘ bzw. akoúō je nach Kontext in nicht immer stringenter Weise entweder mit „hören“ (to hear) oder aber „gehorchen“ (to obey) übersetzt werden.
[3] Konsequenterweise gibt es auch innerhalb tribaler Gesellschaft, die auf rollenbestimmten Verwandtschaftsbeziehungen beruht, keine Befehle, wohl aber Gehorsam. Wenn Max Weber im Rahmen einer Soziologie der Herrschaft den Gehorsamsbegriff aufnimmt, versteht er ihn ausschließlich als Befehlsgehorsam. Vgl. Ders., Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 51972, 28, 122f., 541-545.
[4] De Incarnatione 54 (PG 25,192 B). Ähnlich bereits Irenäus von Lyon, Adversus haereses III,19,1.
[5] In den Kirchen der anabaptistischen Tradition wie den Mennoniten hat der „Bann“ bzw. die „Meidung“ (shunning) – wie in Artikel 2 des Schleitheimer Bekenntnisses (1527) festgesetzt – eine fundamentale Bedeutung für die kirchliche Identitätswahrung. Vgl. T. Miller, Shunning, in: W.C. Roof (Hg.), Contemporary American Religion 2, New York 1999, 676-677.
[6] Maßgeblich hierzu De caelesti hierarchia bzw. De ecclesiastica hierarchia. Vgl. dazu W.-M. Stock, Theurgisches Denken. Zur Kirchlichen Hierarchie des Dionysius Areopagita, Berlin u.a. 2008, 76-86.
[7] Vgl. dazu S. Barret/G. Melville (Hg.), Oboedientia. Zu Formen und Grenzen von Macht und Unterordnung im mittelalterlichen Religiosentum, Münster u.a. 2005.
[8] Zitiert nach: Die Benediktusregel (lateinisch/deutsch), hg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron 1992, 95. Siehe dazu T.K. Fischedick, Das Gehorsamsverständnis der Regula Benedicti. Der Gehorsam als Grundlage für ein exemplarisch christliches Gemeinschaftsleben, St. Ottilien 1993.
[9] Vgl. Regula Benedicti, prol. 3 u. 40; cap. 1,2. Es wäre freilich grundverkehrt, den Befehlsgehorsam im Zentrum des gegenwärtigen benediktinischen Mönchtums zu sehen. Da es in der monastischen Lebensform eben nicht um einen heilsrelevanten status perfectionis geht, gibt es keine höhere Sache, die eine monastische Militanz erfordert. Man wird umgekehrt sagen können, dass es gerade das benediktinische Mönchtum ist, das mit seiner besonderen liturgischen Regelbindung der evangelischen Freiheit Raum zu geben weiß.
[10] Die Satzungen der Gesellschaft Jesu (1559), übers. v. M. Schoenenberger und R. Stalder, in: H.U. von Balthasar (Hg.), Die großen Ordensregeln, Leipzig 21981, 413-518, 477f. Im Übrigen ist anzumerken, dass das Bild des „Kadavergehorsams“ auf Franz von Assisi zurückgeht, wenn dieser einem seiner Brüder den „vollkommenen und höchsten Gehorsam“ mit folgenden Worten erklärt: „Nimm einen entseelten Leib und lege ihn hin, wohin Du magst: Du wirst sehen, dass er mit keiner Bewegung widerstrebt, seine Lage nicht ändert und sich nicht beschwert, wenn Du ihn liegen lässest […]. Das ist der wahrhaftige Gehorsam, der nicht urteilt, weshalb man ihn bewege.“ (Speculum Perfectionis seu S. Francisci Assisiensis legenda antiquissima, hg. v. P. Sabatier, Paris 1899, pars IV, cap. 48, S. 83f.)
[11] Vgl. CA 28,20-28 (BSLK 123,22-125,2) bzw. Apol 28,17-21 (BSLK 401,18-402,38). Für eine evangelische Amtstheologie, die das ministerium ecclesiasticum zu Recht vom Vorgang der Verkündigung her versteht, siehe F. Mildenberger, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart u.a. 1983, 103-106.
[12] WA 56, 356,5f. (zu Röm 8,3): „hominem […] incurvatum in se adeo, ut non tantum corporalia, sed et spiritualia bona sibi inflectat et se in omnibus quaerat.” Ähnlich WA 56, 258,27f. (zu Röm 3,21) bzw. 304,25-305,6 (zu Röm 5,4). Vgl. O. Bayer, Martin Luthers Theologie, Tübingen 32007, 164-166.
[13] Ein solches Freiheitsverständnis hat seinen Ursprung in der griechischen Idee der autarkeia (Selbständigkeit), die nach Aristoteles ein Merkmal der Eudämonie ist. Siehe Ders., Nikomachische Ethik I,5 (1097b 1ff.); bzw. X,7 (1177b 16-25).