Archive for the ‘NAMENSlehre’ Category

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Warum die Luther-Bibel 2017 einen Glaubensartikel immer noch auslässt und die Schweizer es hinkriegen.

19. Januar 2017

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Auch in der neuen Luther-Bibel 2017 heißt es eingangs des Prologs im Evangelium nach Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1,1) Dieser Vers muss irritieren: Wie kann man mit jemandem zusammen sein, wenn man derselbe ist – das Wort mit Gott und zugleich Gott. Die Ursache für diese Konfusion ist schlicht die Auslassung des bestimmten Artikels in der deutschen Übersetzung. Martin Luther hat – wie so oft – eben nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der lateinischen Vulgata übersetzt (wo es ja keinen bestimmten Artikel gibt): „In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum et Deus erat Verbum.“ Dem griechischen Original zufolge muss die korrekte Übersetzung wie folgt lauten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei dem Gott, und das Wort war Gott.“ Das Objekt „dem Gott” bezieht sich auf den himmlischen Vater, wo hingegen im dritten Satzteil „Gott” als Gattungsname bzw. Prädikatsnomen gilt. Folgerichtig wird das Wort (bzw. der Logos) als göttlich prädiziert, was nichts anderes heißt, als dass es über dieselben Wesenseigenschaften wie der Gott verfügt. Trotz Wesenseinheit ist es jedoch nicht mit dem Vater identisch.

Das Wort ist Gott, ohne damit „der Gott“ (Vater) zu sein. Wenn es in den Formel von Chalcedon heißt, dass Jesus Christus wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch sei, handelt es sich bei diesen beiden artikellosen Prädikaten um Gattungsnamen, die Jesu Wesenseinheit mit dem Vater und uns Menschen aussprechen. Auch die revidierte Einheitsübersetzung verschreibt sich einem subtilen Modalismus, wenn es in ihr – wenigstens in richtigen Reihenfolge – heißt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Die Schweizer hingegen haben vor zehn Jahren in der Zürcher Bibel mit gutem Grund wie folgt übersetzt: „Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.“

Zu Dir redet mein Herz – Martin Bubers NAMENSgebet

17. November 2016
Martin Buber (1878-1965)

Martin Buber (1878-1965)

Ähnlich und doch ganz anders als bei Augustinus zu Beginn seiner Confessiones klingt Martin Bubers NAMENSgebet in seinen „Schriften zum Chassidismus“:

Wieder stand der Jude
mitten in der Nacht an dem offenen Fenster.
Wieder schaute er regungslos ins Dunkel
und war versunken bei den Dingen des Lebens.
Er erwartete nichts und war doch In-Erwarten.
Offenen Herzens war er bei den Geheimnissen.
Da kam ihm die Wortreihe des Psalmes in den Sinn,
die er langsam vor sich hinsprach, leise,
als wolle er das Geborenwerden der einzelnen Worte aus dem eigenen Leibe hören:
Zu. dir. redet. mein. Herz.
nach. dir. sehnt. sich. mein. Gesicht.
nach. deinem. Antlitz. suche. ich.
Dich. DU. bist’s.
Er hielt an, zögerte.
Spreche ich: Du bist? Spreche ich: Du bist’s?

Er hatte die Augen nach innen gerichtet,
auch wenn sie regungslos und weit geöffnet waren.
Spreche ich Du-bist, wo ist mein Bezug?
Spreche ich Du-bist’s, so bin ich drin
und mein Bezug ist festgemacht.
Der NAME kam ihm voraugen: Ich werde dasein.
Es wurde ihm, als legte sich
der ganze frume Leib mit allen seinen Gliedern auf die ganze Wortreihe des NAMENS:
„Ich werde dasein, als der ich dasein werde“.
Und er einte sich mit dem Namen,
der ihm lebendig, der ihm fühlbar, faßbar schien.
Und er erlebte sich geeint, wie eins –
das Geschenk der Einung mit dem NAMEN.

Neues Leben, neue Gemeinschaften – siebte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

12. November 2016
Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Als Lesungen liegen der Predigt Apostelgeschichte 2, 22-39 sowie Matthäus 28,1-10 zugrunde.

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Sterbensergriffen ruft dies der Hauptmann des Hinrichtungskom­mandos aus (Markus 15,39), als er den Menschen Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben sieht: Gottes Sohn – gewesen. „Gewesen“ bedeutet Vergangenheit. All das was Jesus von Nazareth getan und gesagt hat, spricht für ihn als Gottes Sohn. Aber wenn dieser Sohn Gottes getötet und begraben worden ist, kann er als Toter nicht länger gegenwär­tig sein. Was über einen Toten gesagt werden kann, ist nur als Nachruf auf dessen Leben gültig.

Das scheint es gewesen zu sein, dass der „König der Juden“ seiner Macht entblößt am Kreuz qualvoll gestorben ist, dass Gottes Herrschaft über Israel und die Völker im Fels begraben werden muss. Nein, so hätte es keine Kirche und kein Christentum geben können, wenn das Leben Jesu in der Niederlage eines Kreuzestodes verschwunden wäre. Es muss etwas geschehen sein, dass aus Jesu Lebensende am Kreuz von Golgota eine weltweite missionarische Bewegung und Lebensgemeinschaft entstanden ist.

Da muss im Felsengrab vor den Toren Jerusalems mit Jesu Leichnam etwas geschehen sein, was nicht mit den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Physik und der Biologie erklärt werden kann. Jesu Auferstehung von den Toten erschließt sich keiner menschlichen Vernunft. Das wussten die Menschen zur Zeit Jesu genauso wie heute. Und doch hat sich Jesus den Frauen am Grab und seinen Jüngern wirklich gezeigt, so dass die eine Botschaft weltweit ihren Lauf genommen hat: „Christus ist auferstanden von den Toten, er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“ (Ostertroparion in der byzantinischen Liturgie).

So hat man von alters her in der Kirche Jesu Auferstehung von Toten als göttlichen Neuanfang für das menschliche Leben verstanden: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Bevor es aber zum Jüngsten Tag kommt, ist für Christen eine göttliche Sendung angesagt. So verkündet Jesus leibhaftig auferstanden seinen verbliebenen elf Jüngern auf einem Berg in Galiläa: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,18-20)

Gottes Herrschaft wird dort auf der Erde verwirklich, wo Menschen den Heiligen Geist als Angeld bzw. Unterpfand erhalten (Epheser 1,13-14; 2Korinther 1,22), eingedenk der Worte Jesu: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4,24). Dazu hat Jesus vor seiner Himmelfahrt den elf Jüngern die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem verheißen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)

An Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, wird Jesu Vorhersage wahr (Apostelgeschichte 2,1-13). Geistergriffen tritt Petrus in Jerusalem den jüdischen Pilgern in Jerusalem gegenüber und verkündigt ihnen Jesu Geschichte von Kreuz und Auferstehung als göttliche Rettungstat: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.“ (Apostelgeschichte 2,22-24) Petrus fordert seine Zuhörer heraus: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“ (Apostelgeschichte 2,38f) Vor dem Hohen Rat in Jerusalem hat er sich für seine Botschaft zu rechtfertigen: Dieser Jesus von den Oberen der Juden verworfen ist zum Eckstein des Heils geworden: „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. […] Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4,12.20)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Die Botschaft gilt zu aller erst den Juden und wird jedoch von gottesfürchtigen Heiden gehört. Vor allem Saulus, später Paulus genannt, wird ausgehend von der syrischen Stadt Antiochien zum Apostel unter den Heiden in Kleinasien und Griechenland. Dazu berichtet die Apostelgeschichte über dessen drei Missionsreisen (13,1-14,28; 15,36-18,22; 18,23-21,26), bevor sein Lebensweg in der Gefangenschaft in Rom endet. Als Missionar tritt Paulus zuerst in der jüdischen Synagoge vor Ort auf und findet dabei Gehör vor allem bei den gottesfürchtigen Sympathisanten des Judentums. Da stellt sich Judenchristen jedoch die Frage nach der Gemeinschaft: Wenn Heiden Jesus Christus als Herrn bekennen und sich auf dessen Namen taufen lassen, gehören sie dann etwa auch ohne Beschneidung dem besonderen Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk an? Oder müssen sie die göttliche Weisung zur eigenen Beschneidung als Bundeszeichen erfüllen (vgl. 2Mose 12,44.48)?

Die Einheit der Glaubensgemeinschaft von Judenchristen und Heidenchristen steht auf dem Spiel. Kann man gemeinsam das Abendmahl einnehmen und am Tisch des Herrn den Gott Israels im Gebet loben und preisen? Der Apostel Paulus kommt zu dem Schluss, dass die Beschneidung Abrahams und seiner Nachkommen Zeichen der empfangenen Gottesgnade, nicht aber Vorbedingung ist. Nicht durch die Erfüllung von Werken des Gesetzes, sondern durch den Glauben an die Erlösungstat Jesu werden die Menschen – Juden wie Heiden – von dem Gott gerecht gesprochen und in seinen neuen Bund hineingenommen. „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.“ (Römer 3,28-30) „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,26-29) „In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6)

In seinen Briefen hält der Apostel Paulus Kontakt mit den Gemeinden, die von ihm gegründet worden sind. So bringt er das Evangelium Jesu Christi immer wieder zur Sprache und sucht die Lebensform von Christen als Heiligung des eigenen Lebens wie auch des Zusammenlebens mit anderen zu klären. „Ihr wisst, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, einen jeden von euch ermahnt und getröstet und beschworen haben, euer Leben zu führen würdig vor Gott, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit.“ (1Thessalonicher 2,11f)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Neben den 13 Briefen des Paulus finden sich im Neuen Testament auch Briefe, die anderen Apostel zugeschrieben sind, wie die beiden Briefe des Petrus oder aber die drei Briefe des Johannes. Auch hier wird die Christusbotschaft jungen Gemeinden zugesprochen, die in einem heidnischen Umfeld tagtäglich zu bestehen haben. Der anonyme Brief an die Hebräer schließlich zeigt auf, dass Jesus mit seiner Selbsthingabe den priesterlichen Dienst im Tempel wie er in den fünf Büchern Mose als göttliche Weisung vorgeschrieben worden ist, ein für alle Mal erfüllt hat: „Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der Güter bei Gott durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das ist: das nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ (Hebräer 9,11f). Darin ist er „der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat.“ (Hebräer 9,15f) „Wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.“ (Hebräer 9,27f) Dazu steht noch ein letztes Buch aus, die Offenbarung des Johannes. Dieses Buch wird die achte und letzte Predigt bestimmen.

Der Neue Bund der Hingabe – sechste Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

30. Oktober 2016

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Als Lesungen liegen der Predigt Jeremia 31,31-34 sowie Markus 8,27-33 zugrunde.

Am Anfang seiner Mission steht eine Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,11) Mit diesen Worten tritt Jesus auf die Menschen in seiner Heimatregion Galiläa zu. Aus heutiger Sicht mag dies als religiöse Einladung gelten, die sich Menschen innerlich zu Herzen nehmen sollen. Aber Jesus fordert damit die politischen Machthaber wie auch die religiösen Führer heraus.

Seit Jahrhunderten war das Gottesvolk Israel unter fremder Herrschaft, zunächst waren es die Assyrer, dann die Babylonier, die Perser, die Griechen und schließlich die Römer: Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa und Samaria, Herodes Agripa, Sohn Herodes des Großen, regierte Galiäa und Peräa als römischer Vasall. Gottes Herrschaft ist nahe herbeigekommen. Diese Ansage scheint das Ende der Fremdherrschaft zu bedeuten. Wenn der Gott Israels vom Zion aus regiert, sind ihm alle Völker unterworfen. So wird ja in Psalm 99 gesungen: „Der HERR ist groß in Zion und erhaben über alle Völker.“ (V 2) In Jerusalem wird man auf den Rabbi Jesus aufmerksam und holt Erkundigungen ein: Ist da etwa eine neue Aufstandsbewegung im Entstehen? Was nimmt sich dieser Wanderprophet mit seiner Botschaft heraus? Woher hat er die Autorität?

Vollmächtig redet Jesus, nicht wie die Schriftgelehrten (vgl. Matthäus 7,28). Schließlich sind seine Worte nicht einfach daher gesagt, sie zeigen Wirkung, wenn er Kranke heilt, Blinde sehend macht und Aussätzige reinigt. Was noch mehr herausfordert ist jedoch der Zuspruch zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Markus 2,5) Offensicht­lich übergeht Jesus die Bestimmungen des Gesetzes: Wer aus Versehen gesündigt hat, soll dem Priester im Tempel ein Sündopfer bringen. Nachdem das Opfertier zur Sühne verbrannt worden ist, spricht der Priester die göttliche Vergebung zu (3Mose 4). Wie kann nun ein Rabbi von sich aus ohne priesterliche Mitwirkung Sünden vergeben?

Auf der einen Seite sind Jesu Worte Gnadenworte voller Barmherzigkeit, auf der anderen Seite gehen sie messerscharf unter die Haut, rechnen mit Widersachern gnadenlos ab:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten […] Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23.29.33)

Aus seiner zahlreichen Anhängerschar wählt Jesus zwölf zu besonderen Weggefährten – seine Jünger, auch „Apostel“ genannt – aus, die ihm auf seiner Wanderschaft in Galiläa begleiten. In seiner Nachfolge werden sie in seiner Lehre vom Gottesreich unterwiesen und selbst als Botschafter ausgesandt.

Jesu Botschaft vom Gottesreich, seine Heilungen und Wundertaten werfen die Frage auf: Wer ist er selbst? Was sagen die Leute über ihn? Ein wiedergeborener Elia, Johannes der Täufer, ein weiterer Prophet Israels? Die Antwort des Petrus macht den Unterschied: „Du bist Christus, der Messias, der Gesalbte, Sohn des lebendigen Gottes“. Gott wird sein Reich durch dich, Jesus errichten.

Jesus lässt die Antwort gelten und fügt sofort hinzu, was diese Herrschaft für ihn bedeutet. Derjenige, der in Gottes Namen regiert, muss leiden, wird von den Obersten des eigenen Volkes verworfen und schlussendlich getötet werden. Wer dem Gottgesalbten, dem Messias trotzdem nachfolgt, muss das eigene Kreuz auf sich nehmen. Die Jünger Jesu stehen in dieser Welt nicht auf der Siegerseite, können sich nicht im Machtglanz des Messias sonnen. Wie Jesus selbst haben sie ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Für sie gibt es kein „Bis hierher und nicht weiter“. Aus dem Munde Jesu gesprochen: „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.“ (Markus 8,35)

Wie kann man sich auf solch einen Herrscher einlassen, bei solchen Lebensaussichten. Da nimmt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg, den Tabor, mit, wo er vor ihren Augen verklärt wird. Ihm stehen Mose und Elia zur Seite, das Gesetz und die Propheten sprechen für ihn. Und Gottes Zusage steht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“ (Matthäus 17,5) Wo sein Abstieg von diesem Berg in die Dunkelheit des Todes am Kreuz führt, ist Jesus bereits von Gottes Herrlichkeit eingenommen.

Ein letzter Gang steht für Jesus an, der Marsch auf Jerusalem. Er soll Gottes Herrschaft zur Entscheidung bringen. Das Passafest steht an. Juden kommen als Wallfahrer nach Jerusalem, um dort Israels Befreiungsfest aus der Sklaverei Ägyptens gemeinsam zu feiern. Als Jesus als König nach Jerusalem auf einem Esel – wie beim Propheten Sacharja (9,9) angekündigt  – einreitet, jubelt ihm die Menge zu: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“ (Markus 11,9f)

Dann kommt es zu einer entscheidenden Aktion, die das Fass zum Überlaufen bringt: Der Messias betritt den Tempel und vertreibt die Händler, die Opfertiere verkaufen, sowie die Geldwechsler, die Münzen in opferfähige, weil bildlose Währung umtauschen. Damit setzt er den dortigen Opferdienst vorübergehend außer Kraft. Israel ist im Innersten getroffen. Der Vorwurf steht im Raum: Jesus will den Tempel, das Gotteshaus zerstören. Aber was kann schon an seine Stelle treten? Wo sonst soll der Gott mitten unter seinem Volk gegenwärtig sein? Wie sonst soll er seinem Volk Heil gewähren? Erst nach Ostern, nach Jesu Auferstehung von den Toten wird es für Christen klar: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Korinther 3,16) Gottes Geist wohnt nicht hinter mächtigen Steinquadern des herodianischen Tempels; er lässt sich weder durch Brand- noch durch Schlachtopfer wider die eigene Schuld gewinnen. Versöhnung mit dem lebendigen Gott bedarf einer anderen Hingabe. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45) Ihr selbst sollt euch als lebendige Steine erbauen lassen „zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ (1Petrus 2,5)

Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig.“ (1Korinther 3,17) So weiß es der ehemalige Pharisäer Paulus der Gemeinde in Korinth ins Stammbuch zu schreiben. Kein Wunder, dass bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten der Plan gereift ist, Jesus als Tempelstörer und potentiellen Tempelzerstörer aus der Welt zu schaffen. Wer fundamental in Frage gestellt wird und nichts zu erwidern hat, sucht den Fragesteller zu erledigen. Da unterrichtet Jesus das Volk im Tempel in aller Öffentlichkeit, während seine Tötung schon beschlossene Sache ist. In die eigene Todesahnung wirf er das Gleichnis ein: Israel ist Gottes Weinberg, wie es schon beim Propheten Jesaja besungen worden ist (Jesaja 5). Die Weingärtner, die Oberen des Volkes, verweigern dem göttlichen Weinbergbesitzer die geschuldete Ernteabgabe. Boten werden geschmäht, geschlagen, gar getötet. Als dann der Herr des Weinbergs seinen eigenen Sohn sendet, sehen die Weingärtner die Gelegenheit, durch die Ermordung des Erbens den Weinberg in den eigenen Besitz zu bringen. (Markus 12,1-12) So sieht Jesus selbst seinen Tod auf sich zukommen. Die Oberen des Volkes können sich dem Messias nicht fügen und müssen ihn daher ermorden.

Im Wissen um seine bevorstehende Hinrichtung feiert Jesus mit seinen zwölf Jüngern das Passahmahl und deutet dabei Brot und Wein auf seinen Tod hin:

Als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Markus 14,22-24)

Ungeheuerliches spricht Jesus seinen Jüngern zu: In seinem bevorstehenden Sterben schließt der Gott mit seinem Volk einen neuen Bund, der die Menschen wirklich zu Herzen geht. So hat es ja der HERR beim Prophet Jeremia dies zugesagt:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,33-34)

In diesem Abendmahl werden die Jünger schon jetzt in diesen Gottesbund hineingenommen. Das Gesetz ist für Israel nicht länger Bedingung, die man selbst erfüllen muss. Vielmehr erfüllt Jesus selbst die Forderung des Gottesgesetzes in seiner Hingabe ein für alle Mal. Seine tödliche Hingabe wird nicht mit Schweigen übergangen werden. Vielmehr kommt das Geheimnis des Glaubens für Christen zum Lobruf an den Heiland: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Noch ist es nicht soweit. Nach dem Passahmahl findet sich Jesus mit seinen Jüngern unter freiem Nachthimmel im Garten Gethsemane ein und hadert mit seinem Vater: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14,36) Judas Verrat ist es, dass die Tempelwache Jesus ohne öffentliches Aufsehen zu fassen bekommt. Und es ist die eigene Lebensangst, die Jünger fliehen lässt. Die Nacht vor seinem Tode kennt keine Nachfolger Jesu. Das Verhör vor dem Hohen Rat wird zum Schauprozess: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ fragt Kaiphas, der Hohepriester. Und Jesus antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.“ (Markus 14,62).

Das Urteil gegen den vermeintlich aufständischen König der Juden hat der römische Statthalter Pilatus zu sprechen und vollstrecken zu lassen. Die Wachsoldaten foltern und verspotten Jesus – Travestie von Macht und Ohnmacht. Sein Kreuz zwängen sie Jesus auf zum Gang nach Golgatha. Ans Kreuz genagelt und für den Erstickungstod aufgerichtet betet Jesus für die Übeltäter: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Noch einmal ist er anderen Menschen zugeneigt, so dem Schächer zur Rechten am Kreuz: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43) bevor ihn die Gottesfinsternis in der eigenen Atemnot einholt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 14,34)

„Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt nach. Der Gott sucht seine Geschöpfe, die ihm verlorengegangen sind. Nun ist es seiner eigener Sohn, der sich für die Mitmenschen verloren gegeben hat. Und dieser schreit umgekehrt die Lebensverzweiflung seinem Vater entgegen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Am Kreuz entschwindet Jesus die Gottesgegenwart. Weder sein Vater noch die eigene Gottheit halten ihn am Leben. Sein Sterben führt ihn in die Gottdunkelheit. So wird er uns wirklich zum Begleiter und Erlöser der eigenen Gottesfremde.

Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Gottessieg über die Menschensünde gilt. Letztes Sterbenswort bevor Jesus sein Haupt neigte und den Lebensgeist hingab. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Der Hauptmann des Hinrichtungskommandos ruft es sterbensergriffen aus (Markus 15,39) Und dieser Ruf bleibt kein Nachruf auf einen Toten.

Hier die Predigt als pdf.

Bedford-Strohms Vorwort zur neuen Luther-Bibel – Ist die Bibel etwa eine Kraftquelle des Glaubens?

17. Oktober 2016

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Die neue „Luther-Bibel“ kommt morgen auf den Markt. Ihr hat Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutsch­land, ein Vorwort mitgegeben (1985 war es der damalige Vorsitzende der Deutschen Bibel­gesell­schaft D. Eduard Lohse, der der Fassung von 1984 eine „Vorrede zur Heiligen Schrift“ beisteuerte). Wer Bedford-Strohms Vorwort aufmerksam liest (es findet sich auch in der neuen Altarbibel), wird selbst feststellen, wie problematisch es ist, in und für die Kirche die Bibel kulturgeschichtlich anzupreisen, sie durch „Glaubenserfah­rungen“ verifizieren zu wollen, sowie zwischen Altem und Neuem Testament religionsgeschichtlich unterscheiden zu wollen. Bedford-Strohms Vorwort vermag jedenfalls nicht das sola scriptura bzw. das alleinige Lehramt der Heiligen Schrift in der evangelischen Kirche zur Geltung zu bringen:

DIE BIBEL
NACH MARTIN LUTHERS ÜBERSETZUNG
LUTHERBIBEL REVIDIERT 2017
MIT APOKRYPHEN
DEUTSCHE BIBELGESELLSCHAFT

VORWORT

Sie halten ein Stück Menschheitsgeschichte in der Hand. Die Texte, die Sie hier finden, sind in einem Zeitraum von etwa 1000 Jahren entstanden: Erzählungen vom Werden der Welt, von der Geschichte Gottes mit den Menschen und von den Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Gesetzestexte und Lieder. Gebete und Liebesgedichte. Briefe und Predigten. Reden und Visionen von einer neuen Welt.

Das Wort »Bibel« stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Buch«. Die Bibel ist das »Buch der Bücher«, eine ganze Bibliothek. Und die Bibel ist ein Buch für alle Menschen. Sie bringt ihnen die Botschaft von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Kein anderes Buch wird von so vielen Menschen gelesen wie die Bibel. Und keines ist in so viele Sprachen übersetzt worden und wird auch heute noch immer weiter übersetzt.

Mit der Bibel halten Sie das Buch in den Händen, das uns Christen heilig ist. Wir lesen darin und hören Gott selbst, wie er zu uns redet und uns mit seinem Wort leitet und hilft. Durch die Zeiten hindurch haben viele die Erfahrung gemacht: Auf sein Wort kann ich mich verlassen.

Im ersten Teil der Bibel, dem Alten Testament, steht die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel im Mittelpunkt. Von dieser Geschichte wird erzählt, die Botschaft der Propheten wird verkündigt, und in den Psalmen hören wir Klage und Lob der Lieder und Gebete.

Im zweiten Hauptteil, dem Neuen Testament, geht es um Jesus Christus. Die vier Evangelien erzählen von seinem Wirken, seinem Leiden, Sterben und Auferstehen. Die Botschaft von ihm wird durch die ersten Christen verbreitet. Davon erfahren wir besonders durch die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus und anderer Apostel.

Zwischen diesen beiden Teilen stehen in allen historischen Ausgaben der Lutherbibel die Apokryphen. Diese Schriften sind in der Zeit zwischen Altem und Neuem Testament entstanden. Für die Kirchen der Reformation gehören sie nicht in gleicher Weise zur Bibel wie das Alte und Neue Testament. Aber sie stehen den biblischen Texten nahe und sind deshalb »nützlich und gut zu lesen« (Martin Luther). Sie finden sich deshalb auch in den meisten Ausgaben mit dem aktuellen Text.

Mit der Lutherbibel halten Sie die Bibelausgabe in den Händen, die in der evangelischen Kirche eine ganz besondere Bedeutung gewonnen hat. 1521/22 hatte Luther auf der Wartburg zunächst das Neue Testament übersetzt. 1534 lag die vollständige Bibel vor. Und bis zu seinem Lebensende im Jahr 1546 hat Luther mit seinen Mitarbeitern stets weiter an der Übersetzung gearbeitet. Durch Luthers Bibelübersetzung konnten die Menschen in Deutschland die Bibel als Kraftquelle für ihren Glauben entdecken.

Bis heute ist die Lutherbibel in ihrer Sprachkraft unübertroffen. Und von Anfang an war sie ein Bestseller. Das Neue Testament, das im September 1522 gedruckt wurde, war so schnell ausverkauft, dass schon im Dezember des gleichen Jahres eine zweite Auflage erschien. Seither prägt die Lutherbibel unser geistliches Leben, und seitdem entfaltet sie immer wieder neu ihre Wirkung auf unsere Sprache und unsere Kultur.

Damit die Bibel Martin Luthers nicht zum sprachlichen Museumsstück wird, hat die evangelische Kirche sie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mehrfach revidiert, um sie der sprachlichen Entwicklung und dem Stand der Wissenschaft anzupassen. Dies geschah für das Alte Testament zuletzt 1964, für die Apokryphen 1970 und für das Neue Testament 1984. Seither ist die Bibelwissenschaft nicht stehen geblieben; man denke nur an die Auswertung der Funde der Bibelhandschriften von Qumran. Deshalb hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland 2010 beschlossen, die Lutherbibel vor dem Reformationsjubiläum noch einmal gründlich durchzusehen:

  • Die gesamte Übersetzung wurde anhand der hebräischen und griechischen Ausgangs­texte überprüft und korrigiert, wo dies aus heutiger wissenschaftlicher Sicht zwingend erforderlich war.
  • Bei früheren Revisionen wurden teilweise auch unnötige Veränderungen vorgenom­men. Hier konnte die Revision zum vertrauten Luthertext zurückkehren, sodass die Lutherbibel 2017 wieder »mehr Luther« enthält.
  • Ganz behutsam wurden jene Stellen verändert, die heute unverständlich oder missver­ständlich sind.
  • Für die Apokryphen hatten Luther und sein Team keine guten Ausgangstexte zur Ver­fügung. Sie wurden auf der Grundlage der heutigen griechischen Ausgaben komplett neu bearbeitet. Dabei wurde auch deren Verszählung übernommen, die heute bei Bibelübersetzungen allgemein verwendet wird.

Der Text der revidierten Lutherbibel 2017 überzeugt nun gleichermaßen durch Vertrautheit und Verlässlichkeit. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat ihn allen Gliedkirchen und Gemeinden zur Verwendung empfohlen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in der Bibel Worte und Erzählungen finden, die Sie anziehen, die Ihre Neugier wecken und die Ihnen hilfreich sind zum Leben.

Landesbischof
Dr. Heinrich Bedford-Strohm
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Kritisches zu Bedford-Strohms Vorrede hat Prof. em. Dr. Hans G. Ulrich anzumerken.

NAMENSgebet

10. Oktober 2016
Tetragramm-Sonne in der Ulrika-Eleonore-Kirche in Söderhamn (Schweden)

Tetragramm-Sonne in der Ulrika-Eleonore-Kirche in Söderhamn (Schweden)

HERR, Du,
mein Gott, Vater im Himmel,
Hinneni – da bin ich.
Du kennst mich bei meinem Namen;
Dir bin ich nicht egal,
wenn ich mit meinem Leben vor Dir stehe.
In Deinem Sohn Jesus Christus hast Du mich bereits umarmt.
Und doch geschehen Dinge um mich herum,
die ich mit Deinem Namen nicht zusammenbringen kann –
Leid, Gewalt, Verlorenheit, Einsamkeit,
Trauer, Tod, Schmerzen.
Nimm Dich dem an,
was unsere eigenen Möglichkeiten übersteigt.
Wer kann retten, wenn nicht Du.
Sende Deinen Geist in dunkle Räume des Todes und der Sünde,
um Deines Namens willen.
Dein Reich komme.
Das bitte ich Dich durch Jesus Christus, Deinen lieben Sohn,
der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert,
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

 

Richter, Könige und Propheten – dritte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

26. September 2016
Juan Montero de Rojas -  Die Durchquerung des Jordans mit der Bundeslade (1667, Prado)

Juan Montero de Rojas – Die Durchquerung des Jordans mit der Bundeslade (1667, Prado)

Die Lesungen zur Predigt sind 1Könige 8,54-63 sowie Matthäus 23,37-24,2 entnommen.

Gottes Heil kommt nicht einfach aus himmlischen Regen, der sich beliebig über das Land verteilt. Ja, der himmlische Vater „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,45) Aber diejenigen, deren Leben diesem Gott wirklich verbunden ist, also seine Kinder, die hat er selbst erwählt. Schon vor Urzeiten schon hat seine Erwählung begonnen. Dem Erzvater Abraham hat er als Berufung kundgetan:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose 12,1-3)

Israel, Nachfahren des Stammvaters Abraham, ist Gottes erwählte Volk. Er hat esdurch Mose aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit entführt. Am Horeb, dem Gottesberg im Sinai zeigt sich der Gott seinem Volk, schließt mit ihm einen Bund und weist sie mit seinen Zehn Geboten in diesen Bund ein:

Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2Mose 20,5f)

40 Jahre lang hat sich Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste in diesem Bund zu bewähren. Mose muss immer wieder mit Ungehorsam und Unglauben seines Volks ringen. Wüstenzeit bedarf eines ganz besonderen Vertrauens, ist doch die Fülle des Lebens mit all seinen Gütern nicht zuhanden. Vom himmlischen Manna leben zu müssen ist auf Dauer kein Festschmaus. Rebellion, Götzendienst, Bundesbruch – die Wüstenzeit lässt das Volk immer wieder irrewerden. Und doch trägt Gottes Geduld und Treue sie durch. Eine neue Generation erreicht schließlich das Land Kanaan – „Land, darin Milch und Honig fließt“ – das von Gott zugelobte Land. Bei Jericho geht Israel über den Jordan (Josua 3 und 4) und wird Kanaan mit Waffengewalt erobern.

Das Land ist unser – so könnte es heißen –, es ist unser eigener Lebensraum. Nomaden suchen nach guten Weideplätzen für ihre Herden. Ortsansässige Siedler hingegen schauen darauf, was das eigene Land hergibt und versichern sich dazu der Gunst göttlicher Mächte. Man verehrt lokale Gottheiten in Gestalt von Metall- und Tonfiguren oder holzgeschnitzten Stelen, erhofft sich daraus eigenen Segen und Fruchtbarkeit. Figürlich betrachtete Götter scheinen den eigenen Lebensbedürfnissen viel näher zu als der Gott, dessen Angesicht für Menschen nicht zu ergründen ist. So verliert sich auf eigenem Grund und Boden der Glauben an den Gott, der Israel aus der Knechtschaft Ägyptens errettet hat.

Wo das gelobte Land in den eigenen Lebensraum anverwandelt wird, gibt es andere Völker, die Israel diesen Lebensraum streitig machen. Kanaaniter, Midianiter, Moabiter, Amoniter und Philister werden zur Bedrohung. Wo Israel in der Not sich auf seinen Gott besinnt und ihn anruft, erwächst ihnen geistbegabte Richter, die den Gegner mit Waffengewalt zu besiegen wissen. Und doch scheint es Israel an einer beständigen Herrschaft zu fehlen, „jeder tat, was ihn recht dünkte“ (Richter 17,6; 21,25). Da wird der Ruf laut: „Ein König soll über uns sein, dass wir auch seien wie alle Heiden, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe!“ (1Samuel 8,19f)

Der Prophet Samuel wird in Saul vom Stamm Benjamin fündig und salbt ihn zum König über Israel. Aber dessen Herrschaft zeigt die Doppelgesichtigkeit. Da kann ein einzelner Herrscher Recht und Ordnung zum allgemeinen Wohl der Untertanen durchsetzen und doch auch eigenmächtige Interessen verfolgen, die sein Regieren korrumpieren. Getrieben von maßloser Eifersucht und Verfolgungswahn endet sein Königtum in einer tödlichen Niederlage in einer Schlacht gegen die Philister. Seinem Nachfolger David vom Stamm Juda scheint eine bessere, gottwohlgefällige Regentschaft verheißen zu sein, gar eine eigene Dynastie (vgl. 2Samuel 7), aber der eigene Sohn und Nachfolger Salomo zeigt sich bei aller Weisheit als orientalischer Potentat, dessen Prachtbauten dem eigenen Volk Frondienste abverlangt (1Könige 5,27). Einst ist man der Sklaverei Ägyptens entkommen; nun muss man dem Herrscher aus dem eigenen Volk Knechtsdienste leisten.

Und doch in der Residenzstadt Jerusalem auf dem Zion setzt Salomo das Vorhaben seines Vaters um. Er baut dem HERR Gott einen Tempel mit dem Allerheiligsten, wo die Bundeslade unter großformatigen Cheruben (1König 6,23-30) als leerer Thron aufgestellt wird – Gottes namentliche Gegenwart hat seinen einmaligen Ort auf dem Zion. Er lässt sich ins Gebet nehmen, wie Salomo es selbst bei der Einweihung des Tempels tut:

Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir:  Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“ (1Könige 8,27-30)

Giuseppe Bonito - Salomons Tempelweihegebet (1750)

Giuseppe Bonito – Salomos Tempelweihegebet (1750)

Salomos Hingabe freilich ist nur halbherzig. Frauenliebe übertrifft die Gottesliebe. Im königlichen Harem leben fremdstämmige Frauen, die ihre eigenen Götter mitbringen (vgl. 1Könige 11). Das eigene Reich ist für die Nachkommen nicht zu halten. Es kommt nach Salomos Tod zur Teilung zwischen Israel als Nordreich mit der Hauptstadt Samaria und Juda als Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Man bekriegt sich untereinander, stürzt Könige, wehrt sich gegen Nachbarkönigtümer, opfert erfolgsversprechenden Göttern wie dem Baal, bis schließlich Salmanassar, König von Assyrien, Samaria und damit das Nordreich erobert. Die dortige Bevölkerung wird nach Mesopotamien verschleppt, wo sich deren Lebensspur verliert.

Im Südreich hingegen wechseln sich gute und ungute Könige aus der Dynastie Davids ab. Vereinzelt kommt es zu Reformversuchen – so unter Hiskia und Josia –, die den Gehorsam des Volks gegenüber Gott wiederherstellen wollen. Aber königliche Macht- und Bündnispolitik versagt schlussendlich. Die nächste altorientalische Supermacht Babylon erobert Jerusalem, um einen abtrünnigen Vasallen zu bestrafen. Könige werden von Nebukadnezar ausgetauscht. Beim erneuten Vasallenabfall wird Jerusalem zum zweiten Male erobert und zerstört. Die Oberschicht führt man in die Verbannung nach Babel. Somit ist die Geschichte Judas wie auch Israels als selbständige Königtümer bzw. Staaten zu Ende.

Dass die Geschichte Israels als Gottesvolk dennoch nicht zu Ende ist, verdankt sich seinen Propheten – Elia, Elisa, Amos, Hosea, Micha, Jesaja und anderen. Diese haben über all die Regentschaften hinweg Gottes Wort an Israel und Juda ausgerichtet; sie haben immer wieder an Gottes Bund erinnert, den Götzendienst gebrandmarkt und vor selbstherrlicher Bündnispolitik gewarnt. Nein, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist kein staatstragender Gott. Für ihn gilt keine Staatsraison, sondern ungeteilte Hingabe:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6,6)

Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wird als Gericht über die Wohlhabenden ausgesprochen:

Weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.“ (Amos 5,11-12)

Was Assyrien und Babylon Israel und Juda angetan haben, mag machtpolitisch das staatliche Ende sein, sie vollziehen vielmehr im Auftrag Gottes am Volk Israel das Gericht über deren Sünde und Ungehorsam. Nicht Gott ist entmächtigt worden, sondern menschlicher Eigenmächtigkeit ist ein Ende bereitet worden. So hat er sich selbst gegenüber Mose auf dem Sinai ausgerufen:

HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“ (2Mose 34,6f)

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Vincent van Gogh – Stilleben mit Bibel (1885)

Wo aber in Gottes Namen das Gericht über die Sünde vollzogen worden ist, fängt die Zukunft seines Heils neu an. Aus dem Gericht erwächst die göttliche Gnade. Uns Christen wird Frohbotschaft der Gnade, also das Evangelium aus dem Kreuz Jesu Christi heraus zugesprochen.

„Erwählt durch Gott“ – zweite Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

11. September 2016
Abraham als der Empfangende (Wiener Genesis, 6. Jh.)

Abraham als der Empfangende (Wiener Genesis, 6. Jh.)

Die Lesungen zur Predigt sind 5Mose 7,6-11 bzw. Lukas 3,7-14.

In der biblischen Urgeschichte wird erzählt, wie uns Menschen die göttliche Schöpfung abhandengekommen ist. Am sechsten Tag der Schöpfung – nachdem die Landtiere und der Mensch geschaffen worden sind – heißt es abschließend: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose 1,31) Das Gottesurteil über seine Schöpfung gilt, aber die Menschen, Mann und Frau, Adam und Eva wollen selbst beurteilen, was gut und böse ist, essen vom Baum der Erkenntnis und verlieren damit vor Gott ihre Unschuld. Und wir als deren Nachfahren folgen ihnen immer noch. Wir meinen ja selbst zu wissen, was für uns gut ist. Jeder soll so leben, wie er es für sich selbst richtig findet. Da leben wir nicht länger im Garten Eden bzw. im Paradies, und doch scheint die Frucht vom Baum der Erkenntnis immer noch unseren Geschmack zu treffen. Das Gute selbst in die Hand nehmen und für sich behalten – so entfremden sich Geschöpfe von ihrem Schöpfer und gehen eigene Weg.

Was uns gemeinsam an göttlicher Güte zugesprochen ist, können wir miteinander teilen. Aber wo Menschen das Gute für sich selbst bestimmen und behalten wollen, suchen sie sich voneinander zu unterscheiden. Wessen Güte sich dem eigenen Urteil verdankt, kann nicht länger freigiebig geteilt werden. So fehlt es an Verbindendem und Gemeinsamen, wenn Menschen mit ihren eigenen Gütern für sich leben wollen. Ruinös ragt der Turm von Babel in den Himmel, aber seine Bauleute sind über den ganzen Erdboden verstreut. Jeder lebt für sich, als Volk, als Familie oder als Individuum. Mit den Urteilen über die anderen grenzt man sich ab, hält den Fremdgeschiedenen auf Distanz. Jede Begegnung, jede zwischenmenschliche Beziehung steht fortan unter einer Vertrauensfrage: „Kann ich dir wirklich vertrauen bei dem, was mich selbst angeht?“ „Lässt Du mich mit meinen Gütern leben?“ Wo zwischenmenschliches Vertrauen verlorengegangen ist, müssen wir alles Gute für uns selbst behalten wollen. Man wird sich selbst zum Nächsten und hält sich am eigenen Grund und Boden und an Abgrenzungen fest. So denken und handeln wir in je eigenen Lebensräumen und können darin keinen Bezug zum Schöpfer finden. Am Ende steht eine gottlose Welt fest. Es scheint, dass auch Gott seine Schöpfung verloren hat.

Nach der Urgeschichte wird nun in 1Mose 12 ein Neuanfang der Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt. Sie beginnt mit einer göttlichen Berufung. Unter all den Völkern auf der Erde ergeht der Ruf an einen Menschen, „Abraham“ sein Name, auf Deutsch „Vater der Völker“. Dieser Abraham lebt in Haran am Nordrand der fruchtbaren mesopotamischen Ebene in der heutigen Türkei nahe an der Grenze zu Syrien. Er scheint ein wohlhabender Viehzüchter mit großen Herden zu sein. Da trifft ihn ein göttlicher Aufruf mitten in seinem eigenen Lebensraum:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (1Mose 12,1-2)

Warum Gott ausgerechnet Abraham – damals noch „Abram“ gerufen – erwählte, wissen wir nicht. Aber was diese Erwählung für das Leben Abrahams bedeutete, wird in den folgenden Kapiteln erzählt. Ohne Widerspruch und ohne Rückfrage bricht Abraham mit seiner Frau und dem Neffen Lot auf. Eine unstete Wanderschaft beginnt. Vor ihm ein unbekanntes Land Kanaan und ein göttliches Versprechen: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose 12,3) Zurück bleiben alle Sicherheiten und Gewohnheiten. Er vertraut dem ihm unbekannten Gott, lässt sich auf dessen Zusage ein und wird darin zum Hoffenden. Im Brief an die Hebräer wird sein Glaube herausgestellt:

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ (Hebräer 11,8-10)

In Kanaan leben Abraham und seine Nachkommen als Viehnomaden in Zelten. Und als in der dritten Generation eine Hungersnot ausbricht, werden sie nach Ägypten und dessen Kornkammern getrieben. Pharao mit seiner Militärmacht versklavt die Flüchtlinge, zwingt sie zum Frondienst für den Städtebau von Pitom und Ramses. Zum Schluss vergreifen sich die Ägypter an den männlichen Neugeborenen und töten sie. Doch einer der Neugeborenen mit dem Namen Mose entkommt in einem Papyruskorb im Schilf versteckt dem Todesschicksal und wird von der Tochter des Pharao aufgezogen. Er ist von Gott ausersehen, die Israeliten aus der Sklaverei herauszuführen.

Mose vor dem brennenden Dornbusch (Mosaik in San Vitale in Ravenna; 6. Jh.)

Mose vor dem brennenden Dornbusch (Mosaik in San Vitale in Ravenna; 6. Jh.)

Doch der Lebensweg Moses scheint in ganze andere Richtungen zu führen, zunächst in den Palast den Pharaos und damit in die Kultur Ägyptens. Dort, wo er sich zu seinem Volk halten will und einen prügelnden Sklavenaufseher totschlägt, kann er seinem Volk keinen Dienst tun, muss nach Midian fliehen und heiratet in die Sippe des Priesters Jitro ein. Aber der Gott vergisst nicht sein Versprechen, das er dem Stammvater Abraham gegeben hatte. Als Mose eines Tages Jitros Schafe am Berg Horeb auf dem Sinai weidet, kommt es zur lebensentscheidenden Begegnung. Aus dem brennenden Dornbusch trifft ihn die göttliche Stimme:

Mose, Moses, […] ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. […] Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter […]. Ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ (2Mose 3,4.6-8.10)

Ungläubig wendet Mose ein: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?“ (2Mose 3,13) Woher soll ein Niemand nur die Autorität hernehmen, um ein ganzes Volk in die Freiheit zu führen?

Da sagt sich Gott mit seinem eigenen Namen Mose zu: „Ich werde sein, der ich sein werde. […] So sollst du zu den Israeliten sagen: HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.“ (2Mose 3,13-15)

Der Name dieses Gottes – für uns unaussprechliche vier Buchstaben, das sogenannte Tetragramm JHWH – ist Machtname, dessen sich kein Mensch für eigene Zwecke bemächtigen kann. Die Macht dieses Namens zeigt sich in zehn gottgewirkten Plagen, die den mächtigen Pharao schließlich in die Knie zwingen. Nach der Tötung des eigenen Erstgeborenen muss Pharao das Volk Israel unter Moses Führung ziehen lassen. Durch das Schilfmeer hindurch führt der Auszug aus Ägypten in den Sinai. Wo es in der Steinwüste an Lebensmitteln und Wasser fehlt, murrt das Volk und droht Mose den Rückzug nach Ägypten an. Besser als Sklaven leben als in der Wüste zu sterben heißt es. Aber der Gott lässt sein Volk nicht zugrunde gehen, versorgt es mit Wachteln und Manna von Himmel und lässt den Stab des Mose Felsquellen aufschlagen. Schließlich gelangen die Israeliten zum Gottesberg, dem Sinai, wo sie ihrem Befreier, dem Gott mit dem unaussprechlichen Namen JHWH, begegnen:

Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2Mose 19-4-6)

Israel ist kein vogelfreies Flüchtlingsheer, das sich einen neuen Lebensraum suchen muss, sondern Gottes auserwähltes Volk. Der Gott will es am Berg Sinai in einen persönlichen Bund hineinnehmen. Dazu verkündet er Israel die zehn Gebote und stellt sich selbst als erstes vor:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2Mose 20,2-6)

Gott gibt Mose am Gottesberg die Zehn Gebote (Mosaik in der Kirche des Katharinenklosters auf dem Sinai; 6. Jh.).

Gott gibt Mose am Gottesberg die Zehn Gebote (Mosaik in der Kirche des Katharinenklosters auf dem Sinai; 6. Jh.)

Israel ist Gottes besonderes Volk, das er in einen innigen Bund hineingenommen hat. Zehn Gebote gelten diesem Volk, wollen es in dem Bund mit dem lebendigen Gott halten. In der alleinigen Anbetung Gottes, im Loben, im Danken, selbst in der Klage, und im mitmenschlichen Verhalten, im Tun und im Lassen, zeigt es sich, ob Israel seinem Gott die Treue hält. Mit gutem Grund zitiert Jesus selbst als höchstes Gebot:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Markus 12,29-31)

Wer Gottes Weisungen gehorcht, lebt vor Gott auf Rufweite und findet seinen Segen. So lädt Psalm 1 ein:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen /
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.

(Psalm 1,1-3)

Wer hingegen selbst entscheiden will, was für ihn gut ist, muss für sich selbst leben und sterben. Das Gottesvolk Israel lebt nicht aus eigener Entscheidung, weiß sich nicht selbst von anderen Völkern zu unterscheiden. Was zählt ist, dass der Gott es ausgesondert und von all den anderen Völkern unterschieden hat – als sein Eigentum, als „Königreich von Priestern“ und als „Licht der Völker“ (Jesaja 49,6). Schließlich steht ja schon Abrahams Erwählung unter der göttlichen Zusage: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose 12,3) Was der Gott zu unserem Heil vorsieht, dürfen wir im Gottesbund mit Israel erkennen.

Ernst Bloch über die Offenbarung des Namens JHWH an Mose

7. September 2016

Ernst Bloch im Juli 1970, Foto: Manfred Grohe

Da mögen die religionsgeschichtlichen Urteile nicht länger wissenschaftlich haltbar sein. Und doch ist es immer noch lesenswert, was Ernst Bloch im amerikanischen Exil in seinem Magnum Opus „Das Prinzip der Hoffnung“ (1938-1947) über JHWH als Exodus-Gott geschrieben hatte:

Moses oder das Bewußtsein der Utopie in der Religion, der Religion in der Utopie

Von Ernst Bloch

Viel hat sich in der Schrift angehäuft, das preßt und sich ducken läßt. Aber genau das ist das Hinzugefügte, das einem unzufriedenen, dauernd schöpferischen Glauben Aufgelegte. Die Kinder Israel selber warfen ein Joch ab, und sie folgten dem nach, der zum Pharao sagte: »Laß mein Volk ziehen.« Das Gesetz womit die ersten Rabbiner um 450 V. Chr., nach der Rückkehr aus dem persischen Exil, ein Volk absonderten und zusammenhielten, gehört nicht zum Mosesimpuls. Noch weniger gehört der hoch thronende Herrgott dazu, dessen Kult die Israeliten in Kanaan übernommen hatten und der Baal ist. Es ist der gleiche Baal, dessen Religion, nach dem Rezept jeder Herrenklasse, dem Volk erhalten bleiben muß. Samt der Trivialität und phrasenhaften Herkömmlichkeit, womit die Freunde Hiobs, diese Urbilder aller Opiumpfaffen, ihre Art Gottvertrauen spenden. Der Exodusgott ist anders beschaffen, hat bei den Propheten seine Herren- und Opiumfeindschaft bewährt. Er ist vor allem aber nicht statisch beschaffen, wie alle heidnischen Götter bisher. Denn der Jahwe Mosis gibt von sich, gleich am Anfang, eine Definition, eine immer wieder atemraubende, die jede Statik sinnlos macht: «Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde« (2. Mos. 3,14). Zum Unter­schied von den Gesetzes- und den Baal-Interpolationen ist es hier gleichgültig, wie spät eine solche hochmessianische Definition in den ursprünglichen Text eingesetzt worden ist. Denn so kompliziert sie sprachlich wie gedanklich dreinsieht, sie entspringt ihrem Sinn nach kei­nem Priesterkodex, sondern dem ursprünglichen Exodusgeist selbst. Eh’je ascher eh’je, Ich werde sein, der ich sein werde, ist ein Name, der trotz seiner Mehrdeutigkeit und Interpoliert­heit die Intention Mosis verrät, nicht überdeckt. Mehrdeutig ist die Selbstbezeichnung Jahwes, weil das dem eh’je zugrunde liegende Verb haja sowohl Sein wie Werden bedeuten kann, interpoliert ist sie, weil erst späte Theologie ein solches Rätselwort an Stelle des Wortes Jahwe setzen konnte, das auszusprechen verboten worden war. Trotzdem ist die Zufügung hier autochthon, nämlich Auslegung einer realen Intention, der gleichen, die den Lokalgott des Sinai ins Futurum Kanaan, als in seine ferne Heimat, sich bewegen ließ. Um die Einzig­artigkeit dieser Stelle zu ermessen, vergleiche man eine andere Interpretation, vielmehr den späten Kommentar zu einem anderen Gottesnamen, dem Apollos. Plutarch überliefert (De EI apud Delphos, Moralia III), daß über dem Tor des delphischen Apollotempels das Zeichen EI eingemeißelt war; er versucht an den zwei Buchstaben zahlenmystische Deutung, kommt aber zuletzt zu dem Ergebnis, das EI bedeute grammatisch und metaphysisch das gleiche, nämlich: Du bist, im Sinne zeitlos unveränderlicher Gottexistenz. Eh’je ascher eh’je dagegen stellt bereits an die Schwelle der Jahwe-Erscheinung einen Gott vom Ende der Tage, mit Futurum als Seinsbeschaffenheit …

Der vollständige Text findet sich hier als pdf.

Gerhard von Rad – Die biblische Schöpfungsgeschichte

1. September 2016
Das Paradies (aus der Luther-Bibel von 1534)

Das Paradies (aus der Luther-Bibel von 1534)

Hier ein weiterer Text von Gerhard von Rad (1901-1971), der es meisterhaft versteht, die biblische Schöpfungsgeschichte unserem aufklärungsgeprüften Glauben näher zu bringen:

Die biblische Schöpfungsgeschichte

Von Gerhard von Rad

Lange Jahrhunderte hindurch war der biblische Schöp­fungsbericht für die ganze Christenheit absolute Autorität, sowohl für ihren Glauben wie auch für ihr Wissen. Man hat weder daran gezweifelt, daß Gott die Welt geschaffen habe und daß er sie seitdem in seinen allmächtigen Hän­den halte, noch daran, daß er sie so geschaffen habe, wie es im 1. Buch Mose geschildert ist. Dieses bedingungslose Ver­trauen — wie gesagt, auch in die naturwissenschaftliche Zuver­lässigkeit des Schöpfungsberichtes — ist nun freilich seit dem Beginn der Neuzeit einer im­mer tieferen Zerset­zung anheimgefallen. Herder hat das Alte Testament ja noch für die älteste Urkunde des Menschengeschlechts ge­halten, aber der veränderte Gesichtspunkt ist doch un­ver­­kennbar: Die Schöpfungsgeschichte ist eben eine Urkunde des Menschen­ge­schlechts. Nie­mand hat sie in seiner Zeit höher gepriesen als Herder, aber sie ist eine mensch­liche Urkun­de, der andere, ähnliche gegenüberstehen. Den Tief­punkt in diesem Vertrauens­schwund der Schöp­fungsge­schichte gegenüber bezeichnete dann der Babel-Bibelstreit am Anfang unseres Jahrhunderts, in dem der Berliner Assyriologe Friedrich Delitzsch die Priori­tät und den un­bedingten qualitativen Vorrang der babylonischen Schöpfungsmythen gegen­über dem bibli­chen Schöpfungsbericht verfochten hat. Das Alte Testament war eben völlig in die große Zahl der religionsgeschichtlichen Dokumente einge­ordnet, und es war dann eigent­lich nur mehr eine Frage des [109] literarischen, ästhetischen und religiösen Geschmacks, von welcher Urkunde man sich persönlich mehr ansprechen ließ. Im Grund distanzierte man sich als aufgeklärter Eu­ropäer von allen.

Diesem kurzen Aufsatz kann es natürlich nicht gelingen, alle Fragen, besonders die Glaubens­fragen zu klären. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn er zu einem besseren Verständnis des 1. Kapitels der Bibel etwas beitragen könnte und wenn es ihm gelänge, in Kürze darzutun, wie wir heute diesen Text wissenschaftlich und theologisch sehen. Da wäre nun zuerst zu bedenken, daß dieser Text nicht nur für sich allein steht, daß er also kein in sich abgeschlosse­nes Dokument ist, das ganz für sich erklärt werden könnte; nein, der Schöpfungsbericht ist ja nur der Anfang eines riesigen Buches. Dieses Buch ist ein Geschichtsbuch; es be­ginnt bei der Weltschöpfung und führt über die Geschichte der Erzväter hin zur Volkwerdung Israels; es verweilt lange bei den Ereignissen am Berge Sinai und endet mit der Einwanderung Israels in das verheißene Land Kanaan. In der Wissenschaft nennt man es Hexateuch, denn es um­spannt die Geschichtserzählung der fünf Bücher Mose und des Buches Josua. Wir dürfen uns dabei natürlich nicht ein Buch im modernen Sinne vorstellen, mit einem Verfasser und einem Erscheinungsjahr. An diesem Buch hat Israel vier Jahrhunderte geschrieben. Aber trotzdem ist dieses Buch doch kein Korallenriff von planlos zusammengewachsener Literatur, es hat viel­mehr eine klare Disposition und auch eine spannende Handlung. Es will dartun, wie Israel ge­worden ist, wie Gott seine Geschichte gelenkt hat und was er für universale Pläne mit ihm hatte. Aber nun kommt das Merkwürdige: Dieses Buch, diese große Ätiologie Israels, fängt nicht erst bei Abraham an, dem ersten Ahnherrn der Frühzeit, wie man das doch erwarten möchte, sondern bei der Weltschöpfung. Darin liegt zweifellos ein ungeheurer Anspruch: Um von Israel recht reden zu können, um Israel recht verstehen zu können, dazu muß man schon bei der Weltschöpfung beginnen, denn Israel hat in den Weltgedanken Gottes seinen Platz. Deshalb also ist im 1. Buch [110] Mose von der Schöpfung die Rede. Nicht aus einem sozu­sagen neutralen wissenschaftlichen Interesse an der Frage der Weltentstehung heraus, so wie etwa die altgriechische Naturphilosophie nach einem letzten Prinzip geforscht hat, von dem aus diese Welt zu begreifen sei, sondern deshalb, weil hier eine Geschichte anhob, eine Ge­schichte zwischen Gott und den Menschen, in der Israel eine zentrale Stellung bekommen sollte. Das ist also der Sinn des Anfangs der Bibel: Man versteht Israel, seinen Glauben und seinen Got­tesdienst nicht richtig, wenn man das alles nicht vor dem Hintergrund der Welt­schöpfung Gottes sieht. Erst dann ist all das, was dieses Buch von Israel aussagt, ins rechte Maß gerückt.

Mit alledem wollte ich nur den Punkt aufzeigen, wo in Israel das Interesse an der Schöpfung entstand. Es klingt paradox, aber es ist zutreffend: Nicht um der Natur willen und ihrer Prob­leme, sondern um der Geschichte willen hat sich Israel für die Schöpfung interessiert.

Wenn wir uns nun dem alten, so unendlich oft ausgelegten Text und einigen Einzelheiten zuwenden, so wollen wir mit einer Vorerwägung beginnen: Wie mag er entstanden sein? Es spricht alles dagegen, daß so ein Kapitel wie der biblische Schöpfungsbericht einmal im Geist eines einzelnen Menschen Gestalt gewonnen haben und eines Tages von ihm niedergeschrie­ben worden sein könnte. Aussagen über Gott und Welt, über Gott und Mensch von solcher Breite und einem solchen Geltungsanspruch entstammten im Al­tertum nicht der Erleuchtung eines Einzelnen, sie konnten ja auch nach der Anschauung der Alten in dem Anspruch, in dem sie auftraten, niemals von einem Einzelnen verant­wortet werden. Sie waren Lehre, und das heißt: sie waren Priesterüberlieferung. Lehre: das heißt weiter, sie wurden von den Priestern aufs sorgfältigste bedacht, sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben und immer mehr ausgereinigt von allem, was dem Glauben Israels nicht ganz gemäß war. So kann man sagen: An diesem Ka­pitel hat das theologische und kosmologische Denken Israels Jahr­hunderte gearbeitet. Demgemäß ist auch die [111] Sprache dieses Schöpfungsberichtes von einer ungeheuren Dichtigkeit und höchster Präzision. Alles, was hier gesagt ist, will genau so, wie es dasteht, gelten; nichts ist symbo­lisch oder bildlich umzudeuten. Die Sprache ist wirk­lich wissenschaftlich (wenn auch nicht im modernen Sinn des Wortes), das heißt, sie hat sich jedes Schmuckes, jeder dich­terischen Bewegtheit entäußert und ist sachlich bis zur Mo­notonie — freilich einer Monotonie und einer Konzentra­tion, die nun auch wieder monumental wirkt. Das empfin­det jeder, der nur den Anfang laut liest: » Im Anfang schuf Gott den. Himmel und die Erde. Die Erde war aber wüste und öde, Finsternis lag auf der Urflut, und ein Gottessturm schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht.«

Man muß versuchen, den ersten Sätzen gegenüber einmal alle Vertrautheit abzutun, um ihre Großartigkeit neu zu sehen. Versuchen wir einmal, ihnen beizukommen, indem wir feststel­len, was sie nicht aussagen. Die Mehrzahl aller Schöpfungsmythen der Völker versteht den Schöpfungsvorgang als einen schöpferischen Kampf mythisch-personifizierter Urkräfte, meist zweier Urprinzipien, eines lichten, guten und eines dunklen, bösen. Statt dessen ist hier von dem Gott die Rede, der vor aller Welt war und der die Welt aus der Freiheit seines Willens geschaffen hat und der deshalb auch ihr Herr ist. Dieses Schaffen geschieht durch das bloße schöpferische Wort. Lassen Sie mich wieder zu­erst erklären, was damit nicht gemeint, welche Vorstellung damit abgewehrt ist. Fast alle Schöpfungstheorien in den Religionen sind emana­tistisch, das heißt sie verstehen die Welt doch nicht ganz streng als Schöpfung der Gottheit, sondern mehr als einen Ausfluß, eine Ausströmung ihres Wesens. Damit verwischt sich aber die Grenze zwischen Gott und Welt; die Welt wird in einem gewissen Sinn zu einer anderen Erscheinungsform, zu einer Selbstdarstellung der Gottheit. Wenn dagegen Israel sagte, daß Gott die Welt durch sein Wort geschaffen habe, so ist damit nicht nur die vollendete Mühe­losigkeit der Schöpfung, sondern auch ein absoluter seinsmäßiger Abstand zwischen Schöpfer und Ge-[112]schöpf ausgesprochen. Die Welt hat nicht als eine Ausströ­mung der Gottheit teil am göttlichen Wesen, sondern sie ist Geschöpf und hat als solches ihre eigene Herrlichkeit. Die­ser erste Satz ist gewissermaßen die Summe des ganzen Schöpfungsberichtes; er wird in den folgenden Versen schrittweise entfaltet.

Da hat es nun oft Verwunderung erregt, daß der Schöp­fungsbericht in seinem zweiten Satz auf das Chaotische, also auf den Zustand des Vorgeschaffenen zu sprechen kommt. Dieses Chaoti­sche wird als wäßrig, finster und abgründig definiert. Was aber hat es für einen Sinn, das Chao­tische so umständlich zu bestimmen, nachdem vorher schon von der Schöpfung die Rede war? Fällt der Schöp­fungsbericht in dem 2. Vers nicht hinter die grandiose Po­sition zurück, die schon der Vers 1 in einem steilen Auf­schwung bezogen hatte? Aber die Sache ist wohl so zu er­klären, daß der Begriff der Schöpfung, so wie es der Bericht will, gar nicht richtig gefaßt, gedacht werden kann, wenn er nicht von dem Chaotischen, dem vorweltlich Ungestalte­ten abgehoben wird. Das Chaotische ist ja eine Urerfahrung des Menschen. Täglich begegnen wir ihm und erschrecken vor ihm, denn alles Geschaffene ist vom Chaotischen bedroht, alles Geschaffene kann jeden Augenblick in den Abgrund des Gestaltlosen zurückfallen. Das also heißt Schöpfung — sagt unser Schöpfungsbericht —: nicht nur, daß Gott am Anfang diese Welt ins Dasein gerufen hat, sondern daß er fortdauernd alles Geschaffene über dem Abgrund des Gestaltlosen hält und trägt, von dem es in jeder Sekunde bedroht wird. Man darf sich von der stei­nernen Unbewegtheit der äußeren, sprachlichen Darstel­lung nicht täuschen lassen. Die Sachen, von denen die Rede ist, sind voll gewaltiger innerer Spannungen. Denken wir nur an die Erschaffung von Tag und Nacht, die jetzt folgt. Gott hat das Licht in das nächtliche, ab­gründige Chaos hin­eingegeben. Aus dem dadurch entstandenen unbeschreibli­chen Gemenge — wir müssen das alles ganz realistisch ver­stehen! — hebt Gott die Lichtelemente heraus und schafft den Tag. Die Nacht ist ihrer Herkunft nach etwas ganz [113] anderes; sie ist gewisser­maßen ein Überbleibsel des Chaosdunkels, aber nun in eine heilsame schöpferische Ordnung einbezogen. Auch das ist eine menschliche Urerfahrung: in jeder Nacht bricht etwas von der absoluten, von der Chaosfinsternis über die Erde herein, jede Nacht löst ja die Konturen des Geschaffenen wieder ins Gestaltlose auf. Und jeder Morgen ist eine Art Neuschöpfung, inso­fern sein Licht das Geschaffene aus dem formlosen Dunkel wieder heraus­hebt. Der unver­bildete Mensch begegnet der Nacht mit Grauen; sie ist eine Bedrohung der Schöpfung und auch seiner persönlichen Existenz. Um dieses Bangen vor der Nacht wissen noch unsere alten kirchlichen Abendlieder.

Im Folgenden (Vers 6-10) tritt die Verschiedenheit von unseren naturwissenschaftlichen Vor­stellungen besonders stark zutage. Der ganze alte Orient hielt nämlich das Him­melsgewölbe, das über der Erdscheibe steht, für einen mas­siven Himmelskörper, also für eine riesige stabile Himmelsglocke. Unser Wort »Firmament«, also »das Feste«, kommt noch davon her. Luther spricht in seiner Überset­zung von »der Feste«. Mit der Erdscheibe und über ihr die­ser Him­melsglocke ist das Weltgebäude sozusagen im Roh­bau fertig. Nun folgt die Erschaffung der Pflanzenwelt (Vers 11-13). Aber der Schöpfungsbericht lautet hier an­ders. Nicht »Gott sprach: Es sollen Pflanzen werden«, son­dern »Die Erde lasse aufgehen junges Grün«. Hier ist also die Erde zu einer selbständigen Mitbeteiligung an dem Werk der Schöpfung aufgerufen und ermächtigt. Der Be­griff der natura, also der selbsttätig schöpferischen Natur taucht hier auf. Er ist allerdings durch die vorausgegangene göttliche Beauftragung und Ermächtigung auch wieder stark eingegrenzt. Tatsächlich haben ja die Pflanzen ihre Unmittelbarkeit allein zur Erde; aus ihr sprießen sie auf und auf sie fallen sie wieder zurück.

Daß die Erschaffung der Gestirne der der Pflanzen erst nachfolgt, will sich wieder unserem Weltbild gar nicht ein­fügen (Vers 14-19). Der Text scheint an ein Urlicht zu denken, das zunächst auch jenseits des Lichtes der Him­melskörper vorhanden war; tatsächlich erfolgte ja die Er[114]schaffung des Lichtes lange vor der der Gestirne. Aber ab­gesehen von dieser Spezialfrage gehört der Abschnitt von der Gestirnschöpfung zum Erstaunlichsten in unserem Schöpfungsbericht. Man muß bedenken, daß er einer Zeit und einer Umwelt entstammt, die völlig dem Gestirnkult ergeben war, die also die Gestirne unmittelbar für gött­liche Wesen hielt. Und nun lasse man die kühle Nüchtern­heit auf sich wirken, mit der hier von den Gestir­nen als Geschöpfen und Himmelskörpern gesprochen ist: »Und Gott sprach: Es sollen Lichter werden an der Feste des Him­mels, zu scheiden zwischen Tag und Nacht; sie sollen als Zei­chen dienen und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren.« Man höre, wie den Gestir­nen hier im Weltgefüge eine dienende Funktion zuerkannt wird. Auch in diesen Sätzen, die so ruhig hingeschrieben sind, lebt ein gewaltiges, antimythisches Pathos.

Darauf folgt der Bericht von der Erschaffung der Fische, der Vögel und der Landtiere. Wir wenden uns aber gleich dem zu, was von Anfang an das Ziel und der Höhepunkt in der gan­zen Schöpfungsgeschichte war, der Erschaffung des Menschen (Vers 26-30). Hier kann man nun beson­ders deutlich sehen, wie gering alles eigentlich naturwissen­schaftliche Interesse bei dieser Schöpfungsgeschichte ist; es geht in ihr nicht um ein Verständnis der Natur an sich, son­dern von Mal zu Mal geht es um ihr Verhältnis zu Gott, also um Glaubensfragen. Es ist eigentlich nicht schwer zu sehen, wie stark diese Schöpfungsgeschichte ein Bekenntnis ist, trotz ihrer so verhaltenen Sprache. Sagte ich, es geht um das Verhältnis der Dinge zu Gott, so wird sofort deutlich, daß da im einzelnen sehr markante Unterschiede gemacht werden. Am fernsten steht Gott die Dimension des Chaoti­schen; von der schöpfungsmäßigen Unterschie­denheit von Tag und Nacht haben wir auch schon gesprochen, und auch davon, daß die Pflan­zen eigentlich ihre Unmittelbarkeit zur Erde haben. Dasselbe gilt auch von den Tieren. Sie aber sind in einem entscheidenden Punkt über die Pflanzen hin­ausgehoben, denn Gott hat sie gesegnet, das heißt er hat ihnen die Fruchtbarkeit zur selbständigen Fortzeugung ge-[115]ge­ben. So ergibt sich also eine aufsteigende Linie; an der Spitze der ganzen Pyramide steht der Mensch, denn er allein von allen Geschöpfen ist ganz unmittelbar zu Gott. Allein seiner Er­chaffung ist ein feierlicher Entschluß im göttlichen Herzen vorausgegangen: »Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde«. So verdankt allein der Mensch sein Dasein einer Selbstentschließung in der Tiefe des göttlichen Herzens. Außerdem hat Gott bei seiner Er­schaffung das Modell aus der oberen Welt genommen, er hat ihn gottesbildlich erschaffen. Ja, er hat ihn zu seinem eige­nen Statthalter auf Erden eingesetzt; er soll in seinem Herr­schen Gottes Herrschaftsanspruch auf Erden vertreten. Alle Gottesbezogenheit der Welt ist also in ihm zusammengefaßt. In ihm hat die Welt ihre direkteste Verbindung zu Gott, kein Geschöpf ist unmittelbarer zu Gott als er. Vor Gott ist er die Mitte und das Ziel der Schöpfung. Nicht wahr, das sind keine naturwissenschaftlichen Aussagen, das sind Glaubensbekenntnisse von höchster Dichtigkeit!

Merkwürdigerweise schließt dieser Schöpfungsbericht nun aber doch nicht mit der Erschaf­fung des Menschen. An sei­nem Ende kehrt er nämlich wieder zu Gott zurück und rührt an eines der innersten Geheimnisse des Schöpfers und seiner Schöpfung — an die Ruhe Gottes. Diese Ruhe ist nun freilich keineswegs eine sozusagen private, innergöttliche Angelegenheit, sondern unser Text versteht sie als eine der Welt zugekehrte Seite Gottes. Gott hat — so ist gesagt — diese Ruhe gesegnet. Es ist also von ihr gespro­chen wie von etwas Drittem zwi­schen Gott und Welt. Man hat öfters gesagt, dieser Passus handle von der Einsetzung des Sabbats. Das ist aber so nicht richtig, denn hier ist von einer Ruhe die Rede, die lange vorhan­den war, ehe der Mensch geheißen war, sie wahrzunehmen und sein Leben an sie zu binden. Schon bei der Schöpfung hat Gott diese Welt auf Ruhe hin angelegt. Auch diese Aussage ist, wie alles in diesem Kapitel, höchst konzentriert formuliert und nicht zum erbaulichen Lesen sondern als eine Essenz theo­logischer Lehre niedergeschrieben. Gerade dieser Satz, daß der Schöpfer die Welt auf Ruhe hin angelegt hat, daß über [116] ihr seit der Schöpfung eine Verheißung der Ruhe liegt, wäre nun erst nach den verschiedensten Seiten hin zu inter­pretieren.

Wir können aber solchen Gedanken hier nicht nachhängen, sondern müssen uns nun zum Schluß noch einmal dem Schöpfungsbericht im ganzen zuwenden. Er ist, so sahen wir, ein durch und durch theologisches Dokument. Er redet nicht von der Welt an sich und ihren natürlichen Pro­blemen, sondern von Gott: Gott schuf, Gott sprach, Gott sah, Gott schied, Gott setzte, Gott vollendete, Gott segnete. Hier geht es also um Credenda, um Glaubensdinge. Vor allem bedenke man das abrundende, abschließende Fazit: »Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.« Dieses »sehr gut« könnte man für uns noch verständlicher mit »ganz vollkommen« übersetzen. Das will sagen: Alles war genau so ins Dasein getreten, wie Gott es sich ausgedacht hatte. Was das betrifft, haftete der Schöp­fung keinerlei Unvollkommenheit an. Von Gott ist kein Böses in sie gelegt worden. Man erwäge, was das heißt: Dieses Urteil ist in unserer Welt gesprochen, in einer Welt der vielfältigsten Rätsel und Mißklänge. In dieser Hinsicht kann über die Absicht der biblischen Schöpfungs­geschichte kein Zweifel aufkommen; sie will theologische Lehre sein. Andererseits kommt in dem Kapitel nun aber auch nicht wenig Naturwissenschaftliches zur Sprache. Es wäre un­billig zu bestreiten, daß auch die Alten eine Wissenschaft hatten, daß sie sich ernsthaft um ein Ver­ständnis des Weltganzen und seiner Teile bemüht haben und daß sie dabei zu ganz bestimm­ten Erkenntnissen und Unterscheidungen gekommen sind. In der Klassifizierung der Pflanzen zum Beispiel in solche, die unmittelbar Samen werfen, und in solche, die Früchte bringen, in denen der Same enthalten ist, oder in der Klassifizierung der Tiere oder in der urzeit­lichen Chronologie folgt der Schöpfungsbericht einfach der Wissenschaft seiner Zeit. Die Christen­heit hat es unter schweren Erschütterungen ihres Glaubens lernen müssen, daß dieses Weltbild ganz veraltet ist.

Wenn sich der Schöpfungsbericht darauf beschränkt hätte, [117] zu sagen, daß Gott am An­fang die Welt geschaffen habe, wenn er sich mit dem Bekenntnis des ersten Verses begnügt hätte, dann wären uns in diesem Punkt alle Anfechtungen erspart geblieben. Aber sowie der Glaube zu Einzelaus­sagen über das Verhältnis Gottes zu den Geschöpfen über­geht und zu Einzelbestimmungen, die das Verhältnis der Geschöpfe zueinander betreffen, so muß er da und dort von den Dingen eben so reden, wie er sie in seiner Zeit natur­wissenschaftlich sieht. Auch uns würde es ebenso gehen; auch wir müssen unseren Glauben unter gelegentlicher Zu­hilfenahme unserer heutigen Naturerkenntnis aussprechen. Also darüber, daß das Weltbild von 1. Mose 1 nach seiner naturwissenschaftlichen Seite hin nicht mehr das unsere ist, sind die Akten geschlossen. Das freilich ist gelegentlich doch vermerkt worden, daß sich dieser Schöpfungsbericht trotz­dem mit gewissen Erkenntnissen der neueren Naturwissen­schaft zu berühren scheint, so vor allem in dem sukzessiven Nacheinander von Pflanzen, Tieren und Mensch. Nun, es ist schon möglich, daß jene alte Naturwissenschaft schon in gewissen Er­kenntnissen stand, zu denen unsere rationale Naturwissenschaft auf ganz anderem Wege gelangt ist. Man muß ja bedenken, daß jene Alten ihr Wissen von der Welt ganz anders einge­bracht haben, denn sie bedien­ten sich beim Anschauen der Natur nicht nur des reinen Ver­standes sondern in gewissem Sinn einer »Schau«; sie waren also im Besitz eines Sinnesappa­rates und verfügten über meditative Möglichkeiten, die vielleicht unserer durch­rationalisierten Geistigkeit in gewissen Punkten überlegen waren. Indessen, so interessant solche Feststellun­gen sein mögen, so wäre es doch töricht, mit solchen Argumenten den biblischen Schöpfungs­bericht hinsichtlich seiner natur­wissenschaftlichen Erkenntnisse retten zu wollen. Er ist nach seiner naturwissenschaftlichen Seite hin schlechter­dings veraltet. Trotzdem zeigt er uns gera­de, was das Ver­hältnis des Glaubens zur Naturwissenschaft betrifft, etwas sehr Wichtiges: Man kann ihn nämlich doch nicht einfach dadurch modernisieren, daß man an die Stelle der alten, überholten die neuzeitlichen Naturerkenntnisse einsetzt. [118] Das hängt damit zusam­men, daß hier in einer einzigartigen Weise theologisches und naturwissenschaftliches Erken­nen spannungslos ineinander ruhen. Die beiden Aussagenreihen, die theologischen und die naturwissenschaftlichen, ge­hen nicht nur einander parallel, sondern sie verschlingen sich derart, daß man eigentlich an keiner Stelle sagen kann, ein Satz sei nur naturwissenschaftlich (und deshalb für uns abgetan) oder nur theologisch (und deshalb den Glauben noch ange­hend). Die Theologie hatte eben in der damaligen Naturerkenntnis ein Instrument gefunden, dessen sie sich zur Entfaltung der Glaubensinhalte ohne weiteres bedie­nen konnte. Man konnte von einer und derselben Sache theologisch oder naturwissenschaftlich reden. Und gerade das fällt uns heute so schwer, weil die heutige Naturwissen­schaft nicht mehr offen ist nach der Welt des Glaubens hin und weil sie ihre Erkenntnisse auf Grund eines verborge­nen Dogmatismus vielfach so formuliert, daß damit einer Glaubensaussage über denselben Gegen­stand der Raum verstellt wird. Hinsichtlich seiner Naturerkenntnis hat, so sagten wir, unser Schöpfungsbericht teil an den allgemeinen Vorstellungen des alten Orients. Was aber seinen spezifi­schen Gehalt betrifft, so ist er doch von den Schöpfungsmythen seiner Umwelt weit abzurücken. Die Gemeinsam­keit mit den Mythen der benachbarten Völker geht kaum über einige wenige kosmologische Grundvorstellungen und -begriffe hinaus; wobei aber entschei­dend ist, daß diese Begriffe — etwa tehom für das Chaosmeer — im biblischen Schöpfungs­bericht ihres mythischen Gehaltes entkleidet worden sind und nurmehr als priesterlich-kosmo­logische Fachausdrücke verwendet werden. Wir sahen es zu An­fang: Unser Schöpfungs­be­richt ist ja nur der Anfang eines Geschichtswerkes. Mit der Weltschöpfung wird hier also der Plan der Geschichte aufgerissen und zwar einer Ge­schichte, in der in steigendem Maße Heils­setzungen Gottes offenbar werden. Die überschwenglichen Hymnen des Psalters stehen in völligem Einklang mit dieser so viel spröde­ren Priesterlehre, wenn sie die Weltschöpfung als die erste Heilstat Gottes preisen.

Vortrag im Süddeutschen Rundfunk, Sendereihe »Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie«. Zuerst veröffentlicht in: Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie, Kröners Taschenausgabe Band 230, 1955, S. 25-37, A. Kröner Verlag Stuttgart.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 108-118.

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