Archive for the ‘NAMENSlehre’ Category

„Die Hoffnung auf das kommende Gottesreich umgreift das, was Christen jetzt leben und glauben dürfen“ – Hans G. Ulrich über die Rede vom „Reich Gottes“

27. Oktober 2017

Mein theologischer Lehrer Hans G. Ulrich wird am 5. November 75 Jahre alt. Bei ihm habe ich evangelische Ethik in göttlicher Verheißung gelernt, die einem religionistischen Autismus biblisch widerspricht. Ein schöner, feinsinnig geschriebener Text ist sein Aufsatz „Gottes Reich – der widerständige Trost seiner Verheißung“ (2005 erschienen in Ernstpeter Maurer, Grundlinien der Dogmatik), in dem es unter anderem heißt:

Die Hoffnung auf das Reich Gottes ist untrennbar verbunden mit Jesus Christus, mit seiner Verkündigung, seinem Wirken, seinem Leben und seiner Passion. Die Hoffnung auf das Reich Gottes bleibt gewie­sen an Jesus, der als der »König der Juden« stirbt, und an den Jesus Christus, der zur Rechten Gottes sitzt und wiederkommt, um »zu rich­ten die Lebenden und die Toten«, wie es im Apostolischen Glaubens­bekenntnis ausgesprochen ist. Die Hoffnung auf Gottes Reich ist in diese Geschichte Jesu Christi aufgehoben. Sie steht gegen die Erwar­tung und Verzweiflung derer, die ihre Geschichte oder die Geschichte der Menschheit mit dem Reich Gottes verbunden sehen wollen. Mit der Verheißung des Reiches Gottes wird nicht der verborgene Sinn der Geschichte oder gar deren Vollendung, sondern eine andere Ge­schich­te präsent: die Geschichte Gottes mit den Menschen, seinen Geschöp­fen, denen er die Treue hält.

In dem Aufeinandertreffen biblischer Zeugnisse ist der Zusammen­hang von Gottes Ver­heißung und Erfüllung angelegt, in dem sich der christliche Glaube und die christliche Hoff­nung bewegen: die Hoffnung auf Gottes Reich ist getragen von der Erfahrung erfüllter Verhei­ßung in dem gekommenen Christus und von dem Glauben an den auf­erstandenen Herrn, dem König – und umgekehrt: die Verheißung end­gültiger Erfüllung in Gottes Reich trägt den Glauben an den gegenwär­tigen Christus. Hier ist der Jesus Christus im Blick, der sich den Armen und Elenden zugewandt hat, der Krankheiten geheilt und Sünden ver­geben hat.

Nicht die vielleicht bange Frage möglicher Perspektiven auf ein künftiges Gottes-Reich ist hier leitend, sondern die überreiche, das ge­genwärtige Leben verändernde Präsenz erfüllter Verheißungen und die ihnen folgende, darin begründete Hoffnung auf weitergehende Erfül­lung, die Gott selbst herbeiführt. Es geht nicht darum, daß etwa eine Kirche, die Christen oder das Christentum Gottes Wirken weiterfüh­ren, sondern es geht darum, daß sich diese Christen und die Gemeinde Jesu Christi ihrer Berufung würdig zeigen (Eph 4,1). Die Verheißung des kommenden Gottesreiches hat ihre Pointe ja gerade darin, daß nicht irgendein Reich in Aus­sicht steht, sondern daß Gott selbst — in der Einheit mit Christus — regiert. Die Hoffnung richtet sich auf den Gott, der schon bekannt und präsent ist, und auf ein Gottes-Reich, das bereits begonnen hat. Sein Fundament ist gelegt.

So kann der christlichen Gemeinde gesagt werden: »Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herr­lichkeit seines Erbes für die Heiligen ist, und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wur­de, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den To­ten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.« (Eph 1,18-23)

Die Hoffnung auf das kommende Gottesreich hat ihre Eigenart und Kraft darin, daß sie in Gottes Verheißung begründet ist und daß Gott selbst die Hoffnung auf sein kommendes Reich herbeigeführt hat. Gott hat die menschlichen Hoffnungen auf sich gezogen und an sich gebun­den. Mit der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich bleibt der christliche Glaube daran ge­wiesen, daß Gott nicht nur irgendwie im Hintergrund gedacht wird, als der Gott, der schließ­lich alles zu­sammenhält oder zum guten Ende führt. Vielmehr ist Gott mit seinem Wirken und Handeln präsent und kommt uns Menschen und dieser Welt mit seiner künftigen Regentschaft entgegen. So ist es nicht mög­lich, die Hoffnung auf das Gottes-Reich zu bewahren ohne die ganze Geschichte der Verheißungen und ihrer Bekräftigung durch Gott, die im Kommen Jesu Christi greifbar nahegerückt ist. Mit der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich ist gegeben, daß unser ganzes gegenwär­tiges menschliches Leben, mit allem, was es trägt und ausmacht, in Gottes regierender Hand ist. So können die Christen singen: »Lobe den Herren, den mächti­gen König der Ehren … Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret … Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar ge­segnet« (EG, 316). Gottes kommendes Reich wird dieses Lob in einer neuen Welt bewahrheiten. Die Hoffnung auf Gottes kommendes Reich ist an diesem Vertrau­en festgemacht, es ist eine erfahrene und begrün­dete Hoffnung (Gerhard Saurer). Mit der Verheißung des kommenden Reiches Gottes findet der Glaube den Gegenhalt, den Trost in Gottes Wirken und Regieren. Dieser Gegenhalt steht allem Vertrösten entge­gen.

Hier der vollständige Text „Gottes Reich – der widerständige Trost seiner Verheißung“ als pdf.

 

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Mit den Staaten sterben auch die Götter – Ernst Troeltsch über JHWH, den Gott Israels

25. Oktober 2017

Die zerbrochene Dagon-Statue im Tempel von Aschdod vor der Bundeslade (1Sam 5,1-5 – Merians Icones Biblicae, Frankfurt 1625-30)

Warum nicht auch einmal ein schönes Zitat des liberalen Religionsphilosophen Ernst Troeltsch (1865-1923) präsentieren, wenn es zum NAMENSgedächtnis passt:

In der Weise der Antike sterben mit den Staaten auch ihre Götter. Nur e i n Gott überdauerte diese Vernichtung und damit schließlich sogar auch die Gottheiten der Vernichter selbst, das ist JHWH, der Gott Israels, und mit ihm Israel selbst als seine Religions- und Kultusgemeinde, die zu einem selbständigen Staate niemals wieder wurde, sondern als Mittelding von Kirche und Volk durch die weitere Geschichte ging.

Glaube und Ethos der hebräischen Propheten (1916), in: Ernst Troeltsch: Gesammelte Schriften, Bd. 4, hrsg. v. Hans Baron, Tübingen: J.C.B. Mohr 1925, S. 39.

„Immer wieder ist von einer Bedrohung der Erwählten die Rede, die von dem erwählenden Gott ausgeht“ – Friedrich Mildenberger über Gottes Heilsplan unter biblischen Vorzeichen

23. September 2017

Pietro Perugino – Moses Rückkehr nach Ägypten und die Beschneidung seines Sohnes Elieser durch Zippora (Fresko 1482 in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan)

In seinem Beitrag zu den von Ernstpeter Maurer herausgegebenen „Grundlinien der Dogmatik“, einer Festgabe aus Anlass des 70. Geburtstags von Gerhard Sauter, schreibt Friedrich Mildenberger über „Gottes Heilsplan – Erwählung und Geschichte“. Es dürfte wohl einer seiner letzten theologischen Artikel gewesen sein. Wie schon in seiner Biblischen Dogmatik kontrastiert Mildenberger in subversiver Weise dogmatisches Denken mit seiner Lektüre biblischer Texte:

Es ist also schon eine ganze Erwählungsgeschichte, die sich in dieser Erwählung des Mose zusammenballt. Aber sie ist nicht nur nach vorne und nach hinten offen, sondern zeigt gerade in der anfänglichen Weigerung des Mose, die erst überwunden werden muß, daß solche Erwählung die Aussonderung zu einem besonderen Dienst ist. Das gilt nicht nur für den er­wählten Befreier Mose. Es gilt auch für das Volk, das er aus der ägyptischen Knechtschaft führen soll. Sie werden Gott dienen auf diesem Berg: so wird es Mose als Zeichen verheißen, das ihm die Sendung durch diesen Gott bestätigt. Das zeigt also schon ei­nen weitgespannten Erzählzusammenhang an, in den diese Erzählung von der Erwählung Moses hineingehört. Und sie hat eine breit ausge­sponnene Vorgeschichte, die Moses Geburt und wunderbare Errettung erzählt und dann begründet, wie Mose als Hirte zum Gottesberg Ho­reb kommt: Er ist Schwiegersohn eines midianitischen Priesters, dessen Schafe er zu weiden hat.

Einzelne Geschichten bleiben also nicht allein. Gewiß lassen sich aus dem uns vorliegenden Erzählzusammenhang einzelne Episoden herausnehmen, und die kritische Exegese sieht hier älteres Erzählgut, das dann in größere Erzählzusammenhänge einbezogen wurde und so schließlich in den uns vorliegenden Text geriet; das auch dort, wo es sich in seinem unmittel­baren Kontext und erst recht im gesamtbiblischen Textzusammenhang fast wie ein Fremdkör­per ausnimmt. Ich denke etwa an die Ätiologie der Beschneidung in 2 Mose 4,24-26. Sie gehört jetzt zum Weg des eben erwählten Mose nach Ägypten, wo er seinen Befreiungsauf­trag ausführen soll. Da ist es der Herr selbst, der [192] den Mose in der Nacht überfällt und ihn töten will. Seine Frau Zippora schafft es, mit der Beschneidung ihres Sohnes den Zorn dieses Gottes oder bösen Dämons zu besänftigen, so daß er von seinem Vorhaben absteht. Das ist seltsam archaisch und paßt weder zu dem Gottesverständnis noch zu dem Erzählfluß, der doch davon redet, wie Mose seiner Beauftragung nachkommt. Aber es gehört anscheinend zur Eigentümlichkeit des biblischen Redens von Erwählung, daß da auch immer wieder von einer Bedrohung der Erwählten die Rede ist, die von dem erwählenden Gott ausgeht.

Sollen wir hier dann doch, im Duktus der strengen Calvinschen Fassung der Prädestinations­lehre, von der Verwerfung reden, die nun einmal der Erwählung korrespondiere: »Die Prae­destination nennen wir das ewige Dekret Gottes, in dem er bei sich beschlossen hatte, was mit jedem Menschen geschehen sollte. Denn nicht alle werden unter der gleichen Bestimmung geschaffen: sondern den Einen wird das ewige Leben, den Anderen die ewige Verdammnis vorherbestimmt Je nach dem Ziel, zu dem jeder bestimmt ist, sagen wir darum, daß er zum Leben oder zum Tod prädestiniert ist« (J. Calvin, Institutio III, c. XXI,5). Dem biblischen Reden, das wir hier im Blick haben, ist das kaum angemessen. Es sind ja gerade die Erwähl­ten, die so auch der Bedrohung durch Gott ausgesetzt sind.

Diese dunkle Seite der Erwählung verkörpert in einer eindringlichen Weise die Erzählung von Jakobs Kampf am Jabbok. Da bleibt ja zunächst offen, wer das ist, der mit Jakob ringt. »Ein Mann«, »jemand«: so heißt es zunächst. Und erst am Schluß der Erzählung in der Anrede des Unbekannten erfahren wir mehr: »… du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen« (1 Mose 32,29). So wird der Name »Israel« gedeutet. Und solche Deutung strahlt vom Stammvater auch auf das Volk aus. Die Nähe des erwählenden Gottes ist nicht nur ein Vorzug. Sie ist im Anspruch des erwählenden Gottes an die Erwählten auch Bedrohung. Am Gottesberg angekommen, setzen sie sich zwar zuerst dem Gott aus, der den Dekalog bekannt macht. Aber das [193] halten sie nicht durch; darum fordern sie dann Mose auf, zu vermitteln zwischen dem erwählenden Gott und den erwählten Menschen.

Gerade hier am Sinai (oder Horeb) ist nicht nur der Ort, wo die Erwählung im Bund, den Gott setzt, feierlich besiegelt wird (vgl. 2 Mose 24), sondern da ist auch der Ort des Bundesbru­ches durch das Volk (2 Mose 32): Als Mose auf den Berg gestiegen ist, wo Gott mit ihm redet, gerät dieses Volk unter Druck. Was ist, wenn er nicht zurückkommt, der gottgesandte Mittler? Sie suchen nach einem handfesten Ersatz für das durch Mose vermittelte Gotteswort. Aaron, der profes¬sionelle Religionsdiener, weiß, was zu machen ist, was die Leute brauchen und wie sie dazu kommen können. Die Geschichte vom goldenen Kalb reflektiert in einer un­nachahmlichen Weise das Dilemma dieser Erwählung Israels und der Erwählten. Sie können nicht zugleich die Erwählung und mit ihr die Verheißungen des erwählenden Gottes haben und doch auch sein, wie Menschen nun einmal sind, gerade auch in ihren religiösen Bedürf­nissen. Das würde ihr Ende als erwähltes Volk bedeuten.

Moses Fürbitte, die dieses Ende noch einmal abwendet, ist einer der theologisch dichtesten Texte der ganzen Bibel (vgl. auch die Parallelüberlieferung in 5 Mose 9,7-21 und Milden­berger 2, 127ff.). Das zeigt sich gerade an der Weise, wie hier mit dem Grundbekenntnis Israels gearbeitet wird. Zuerst ist da in der Gottesrede Mose der, der »sein« Volk aus Ägyp­tenland geführt hat. Dann wird dieses Bekenntnis dem Volk zugedacht, das in seiner Anbe­tung des goldenen Kalbes dieses Bekenntnis ausspricht. »Sie haben … gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat« (v. 8). Danach nimmt Mose in seiner Anrede Gottes dieses Bekenntnis noch einmal auf und gibt es an den richtigen Adressaten: »Ach Herr, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft aus Ägyptenland geführt hast. Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, daß er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden?« (v. 11 f.) Und endlich erinnert er Gott daran, wie sich dieser in [194] seiner Verheißung an die Väter, Abraham, Isaak und Jakob doch schon längst selbst festgelegt habe. »Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte« (v. 14).

Auch der erwählende Gott, nicht nur der erwählte Mensch ist durch diese Erwählung gebun­den! Das schließt hier ein, daß gerade von Gott her die Dauer dieser Erwählung ermöglicht wird. Sicher wird das auch wieder in Frage gestellt. Das kann sogar so geschehen, daß das beson­dere Verhältnis Gottes zum (sündigen) Israel in Frage gestellt wird: »Seid ihr Israeliten mir nicht wie die Mohren?, spricht der Herr. Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir?« So der Prophet Amos (9,7). Oder ich er­innere an das Gerichtswort des Propheten Hosea: »Ich fand Israel wie Trauben in der Wüste und sah eure Väter wie die ersten Feigen am Fei­genbaum; aber hernach gingen sie zum Baal-Peor und gelobten sich dem schändlichen Abgott und wurden so zum Greuel wie ihre Lieb­haber. Darum muß die Herrlichkeit Ephraims wie ein Vogel wegflie­gen, daß sie weder gebä­ren noch tragen noch schwanger werden sollen. Und wenn sie ihre Kinder auch großzögen, will ich sie doch kinderlos machen, so daß kein Mensch mehr da ist. Ja, weh ihnen, wenn ich von ihnen gewichen bin!« (Hos 9,10-12).

Hier der vollständige Text als pdf.

 

Dein NAME zerbricht das Glashaus undurchsichtiger Gedanken

28. August 2017

© Klicker / PIXELIO

Mit meinem Denken stelle ich mich Dir entgegen.
Vernünftig suche ich Dich zu begreifen.
Doch Dein NAME zerbricht das Glashaus undurchsichtiger Gedanken.
Blut an den Händen – es ist nicht meins.

„Die Bibel legt darum so merkwürdiges Gewicht auf die Geschichtlichkeit der von ihr berichte­ten Offenbarung, weil sie unter Offenbarung gerade keine Schöpfung des Menschen versteht“ – Karl Barth über die biblische Geschichte und das historische Urteil

22. Juli 2017

Was Karl Barth  in seiner Prolegomena zur Kirchlichen Dogmatik (KD I/1) in Sache biblische Geschichte und historisches Urteil geschrieben hat, ist für die biblisch-theologische Wahrheitsfrage immer noch relevant:

Die Bibel will, indem sie von Offenbarung berichtet, Geschichte erzählen, d. h. aber sie will nicht berichten über ein allgemein, immer und überall bestehendes oder in Gang befindliches Verhältnis zwischen Gott und Mensch, sondern von einem dort und nur dort, damals und nur damals, zwischen Gott und gewissen ganz bestimmten Menschen sich abspielenden Gesche­hen. Die göttliche Selbstenthüllung, von der sie berichtet, samt der Heiligkeit, die sie Gott bei diesem seinem Tun zuschreibt, sie wird nicht einfach dem Menschen, sondern sie wird diesen und diesen Menschen in ganz bestimmter Situation zuteil. Sie ist je ein ganz besonderes und als solches nicht vergleichbares und nicht wiederholbares Ereignis. Die Bibel als Zeugnis von Gottes Offenbarung hören, heißt unter allen Umständen: durch die Bibel von solcher Ge­schichte hören.

Das Hören solcher Geschichte, wie der, die in der in der Bibel bezeugten Offenbarung Ereig­nis ist, kann selbstverständlich nicht bedeuten: ein solches Geschehen auf Grund eines allgemeinen Begriffs von geschichtlicher Wahrheit für möglich, wahrscheinlich oder auch wirklich halten. Auch Geschichten, die sich zwischen Gott und Menschen ereignet haben, fallen freilich nach ihrer menschlichen Seite, also gerade hinsichtlich der in der Bibel geflis­sentlich betonten Angaben über ihre zeitliche Gestalt, unter diesen allgemeinen Begriff von Geschichte. Sie fallen aber nicht darunter nach ihrer göttlichen Seite. Das „historische Urteil“, das diesen allgemeinen Begriff voraussetzt, kann sich also grundsätzlich nur auf diese zeit­liche Gestalt beziehen. Es kann weder behaupten noch verneinen, daß da und da Gott an den Menschen gehandelt habe. Es müßte ja, um dies zu behaupten oder zu verneinen, seine Vor­aussetzung, jenen allgemeinen Begriff, aufgeben und zum Bekenntnis des Glaubens oder Unglaubens dem biblischen Zeugnis gegenüber werden. Über die besondere Geschichtlichkeit der im biblischen Zeugnis berichteten Geschichte kann es kein wirklich „historisches“ Urteil geben. Das Hören solcher Geschichte wie der, die in der in der Bibel bezeugten Offenbarung Ereignis ist, kann aber auch – und das ist weniger selbstverständlich – nicht abhängig sein von dem „historischen“ Urteil über ihre zeitliche Gestalt. Das Urteil, laut welches eine biblische Geschichte mit Wahrscheinlichkeit als „Geschichte“ im Sinne jenes allgemeinen Begriffs von geschichtlicher Wahrheit zu betrachten wäre, ist nicht notwendig das Urteil des Glaubens gegenüber dem biblischen Zeugnis. Denn dieses Urteil kann gefällt werden, ohne daß jene biblische Geschichte in ihrer Besonderheit, d. h. als Geschichte zwischen Gott und Menschen, verstanden wäre. Wiederum: das Urteil, laut welches eine biblische Geschichte nicht mit Wahrscheinlichkeit als „Geschichte“ im Sinne jenes allgemeinen Begriffs, sondern vielleicht mit Wahrscheinlichkeit im Sinne jenes allgemeinen Begriffs nicht als „Geschichte“ zu be­trachten wäre – dieses Urteil ist nicht notwendig das Urteil des Unglaubens gegenüber dem biblischen Zeugnis; denn ein solches Urteil kann gefällt und jene Geschichte kann dennoch in ihrer Besonderheit, d. h. als Geschichte zwischen Gott und Menschen verstanden werden. Die Frage, die über das Hören oder Nichthören biblischer Geschichte entscheidet, kann nicht sein: die Frage nach ihrer allgemeinen, sie kann nur sein: die Frage nach ihrer besonderen Geschichtlichkeit. […]

Die Bibel legt darum so merkwürdiges Gewicht auf die Geschichtlichkeit der von ihr berichte­ten Offenbarung, weil sie unter Offenbarung gerade keine Schöpfung des Menschen versteht. Sie sagt so nachdrücklich, daß die Offenbarung diesen und diesen Menschen in dieser und dieser Situation zuteil wurde, weil sie sie eben damit beschreibt als ein Menschen Zuteilwer­dendes. Das ist’s, was bei der Anwendung – noch nicht des Begriffs Sage, wohl aber des Begriffs Mythus auf die Bibel übersehen bzw. geleugnet wird. Die in der Bibel bezeugten Offenbarungen wollen nicht sein die naturgemäß besonderen Erscheinungen eines Allgemei­nen, einer Idee, die der Mensch dann gemächlich mit dieser Idee zu vergleichen und in ihrer Besonderheit zu verstehen und zu würdigen in der Lage wäre. […]

Die in der Bibel bezeugte Offenbarung will geschichtliches Ereignis sein, wobei natürlich, wenn wir hier den Begriff der Geschichte zur Erklärung herbeiziehen, nur das das tertium comparationis sein kann, daß es sich in der Offenbarung wie in der Geschichte um ein be­stimmtes, von allen anderen unterschiedenes, also unvergleichliches und unwiederholbares Ereignis handelt. Wollte man das geschichtliche Ereignis mit der Aufklärung etwa selber doch wieder als bloßen Exponenten eines allgemeinen Geschehens, als unter eine Regel fallenden Sonderfall oder als Verwirklichung einer allgemeinen Möglichkeit auffassen, sollte „Ge­schichte“ irgendwie als Rahmen verstanden werden, innerhalb dessen es nun auch so etwas wie Offenbarung gebe, dann müßten wir an dieser Stelle den Begriff der Geschichtlichkeit mit demselben Nachdruck ablehnen wie den des Mythus. „Geschichtlich“ auf „Offenbarung“ bezogen muß vielmehr heißen: Ereignis als Faktum, oberhalb dessen es keine Instanz gibt, von der her es als Faktum und als dieses Faktum einzusehen wäre. So wird Offenbarung nach der Bibel Menschen zuteil, und darum legt die Bibel Nachdruck auf Chronologie, Topogra­phie und gleichzeitige Weltgeschichte, d. h. aber auf die Kontingenz und Einmaligkeit der von ihr berichteten Offenbarungen.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. I/1, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag 41944, 344-348.

Alfons Deissler – Die theologische Botschaft des Jonabuchs (als Vorbereitung zur Predigt über Jona 3,1-10)

24. Juni 2017

Die gesamte Geschichte des Propheten Jona in einem Bild (Holzschnitt aus der Luther-Bibel 1545) – Links am Rand: Gottes Befehl an Jona zur Predigt in Ninive (Jon. 1,1-2). In der Mitte: Jona auf der Flucht vor Gott (Jon. 1,3). Rechts: Die Schiffer werfen das »Gerät« im Sturm über Bord, um das Schiff zu erleichtern (Jon. 1,5); Jona wird ins Meer geworfen, wo ihn der Fisch verschlingt (Jon. 1,15; Jon. 2,1). Links unten am Rand: Der Fisch speit Jona aus (Jon. 2,11). Links oben: Ninive (mit einer großen Kathedralkirche) und die Predigt des Jona (Jon. 3,1 ff.). Im Hintergrund in der Mitte: Jona in der verdorrenden Kürbishütte und Gott in der Wolke (Jon. 4,5-11).

Was „kritische“ Schriftexegese positiv zum Verständnis eines biblischen Buches im Sinne des göttlichen Wortes beitragen kann, zeigt der Kommentar zum Buch Jona (Neue Echter Bibel) aus der Feder des verstorbenen katholischen Professors für alttestamentliche Theologie Alfons Deissler (1914-2005). Als theologische Botschaft dieses Buches fasst er zusammen:

Jona ist durch und durch theozentrisch. Der Hauptakteur ist JHWH selbst, so daß man dem Buch die Überschrift geben könnte: »Die Geschichte JHWHs mit seinem Propheten Jona.« Jona ist dabei ein Partner JHWHs, der dem Ideal eines Propheten nicht entspricht. Er hat nicht nur einige Schwierigkeiten mit seinem Gott wie Mose und vorab Jeremia, sondern er leistet fundamental und durchhaltend Widerstand gegen seinen Sonder­auftrag für Ni­nive. Er will seinem Gott aufzwingen, nur für Israel ein gnädiger und barm­herziger Bundesgott zu sein und über die Israel feindselige Völkerwelt nur als ein strenger Gott der vergeltenden Gerechtigkeit zu walten. Jona ist dabei gewiß auch als Repräsentant bestimmter und vielleicht auch bestimmender Kreise in der nachexilischen JHWH-Gemeinde anzusehen. Gegen solches die JHWH-Offenbarung ver­engendes, ja verstellendes Denken und Wünschen muß der inspirierte Verfasser des Jonabuches aufstehen, und er tut es sichtlich mit Mut und beredter Zunge. Auf ihn und nicht auf Jona kann darum das Michawort (3,8) vom wahren Propheten Anwendung finden.

Das Erwählungsprivileg Israels wird vom Autor des Buches nicht in Frage gestellt, aber daß man es ausspielen könnte gegen die Souverä­nität des Waltens Gottes an den Völkern, wie Jona es tut, wird nicht einmal im Angesicht der »bösesten« aller Städte und Mächte toleriert. Das Jonabuch steht mit dieser Verkündigung vom universalen Heilswillen JHWHs nicht allein. Schon die Vätergeschichte hat in Gen 12,3 den Ausgriff Gottes nach Abraham als Vorgriff auf die Völkerwelt er­klärt. In der Exilszeit haben Deutero-Jesaja und insbesondere die JHWH­-Knecht-Lieder Israel mit einem allumfassenden Heilshorizont konfrontiert. Dem entspricht Mal 1,11; Jes 19,16-25, ein Text aus der Epoche des Jonabuches, verheißt einen gemeinsamen Gottesbund zwischen Ägypten, Assur und Israel. In seiner diese Verkündigung aufnehmenden und in einer »theologia narrativa« entfaltenden Bot­schaft stößt das Buch Jona vor bis zur Grenze und zugleich Erfüllung des JHWH-Israel-Bundes in Jesus, dem Christus, in welchem die be­sondere Heilsgeschichte Gottes mit Israel auf die ganze Menschen­welt hin entgrenzt wird. Unser Buch bereitet die Verkündigung Jesu von der abgründigen Barmherzigkeit des göttlichen Vaters vor, die sich insbesondere an allen Sündern, welche es auch seien, als heil­schaffend erweisen will.

Hier der vollständige Text des Kommentars als pdf.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Warum die Luther-Bibel 2017 einen Glaubensartikel immer noch auslässt und die Schweizer es hinkriegen.

19. Januar 2017

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Auch in der neuen Luther-Bibel 2017 heißt es eingangs des Prologs im Evangelium nach Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1,1) Dieser Vers muss irritieren: Wie kann man mit jemandem zusammen sein, wenn man derselbe ist – das Wort mit Gott und zugleich Gott. Die Ursache für diese Konfusion ist schlicht die Auslassung des bestimmten Artikels in der deutschen Übersetzung. Martin Luther hat – wie so oft – eben nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der lateinischen Vulgata übersetzt (wo es ja keinen bestimmten Artikel gibt): „In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum et Deus erat Verbum.“ Dem griechischen Original zufolge muss die korrekte Übersetzung wie folgt lauten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei dem Gott, und das Wort war Gott.“ Das Objekt „dem Gott” bezieht sich auf den himmlischen Vater, wo hingegen im dritten Satzteil „Gott” als Gattungsname bzw. Prädikatsnomen gilt. Folgerichtig wird das Wort (bzw. der Logos) als göttlich prädiziert, was nichts anderes heißt, als dass es über dieselben Wesenseigenschaften wie der Gott verfügt. Trotz Wesenseinheit ist es jedoch nicht mit dem Vater identisch.

Das Wort ist Gott, ohne damit „der Gott“ (Vater) zu sein. Wenn es in den Formel von Chalcedon heißt, dass Jesus Christus wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch sei, handelt es sich bei diesen beiden artikellosen Prädikaten um Gattungsnamen, die Jesu Wesenseinheit mit dem Vater und uns Menschen aussprechen. Auch die revidierte Einheitsübersetzung verschreibt sich einem subtilen Modalismus, wenn es in ihr – wenigstens in richtigen Reihenfolge – heißt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Die Schweizer hingegen haben vor zehn Jahren in der Zürcher Bibel mit gutem Grund wie folgt übersetzt: „Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.“

Zu Dir redet mein Herz – Martin Bubers NAMENSgebet

17. November 2016
Martin Buber (1878-1965)

Martin Buber (1878-1965)

Ähnlich und doch ganz anders als bei Augustinus zu Beginn seiner Confessiones klingt Martin Bubers NAMENSgebet in seinen „Schriften zum Chassidismus“:

Wieder stand der Jude
mitten in der Nacht an dem offenen Fenster.
Wieder schaute er regungslos ins Dunkel
und war versunken bei den Dingen des Lebens.
Er erwartete nichts und war doch In-Erwarten.
Offenen Herzens war er bei den Geheimnissen.
Da kam ihm die Wortreihe des Psalmes in den Sinn,
die er langsam vor sich hinsprach, leise,
als wolle er das Geborenwerden der einzelnen Worte aus dem eigenen Leibe hören:
Zu. dir. redet. mein. Herz.
nach. dir. sehnt. sich. mein. Gesicht.
nach. deinem. Antlitz. suche. ich.
Dich. DU. bist’s.
Er hielt an, zögerte.
Spreche ich: Du bist? Spreche ich: Du bist’s?

Er hatte die Augen nach innen gerichtet,
auch wenn sie regungslos und weit geöffnet waren.
Spreche ich Du-bist, wo ist mein Bezug?
Spreche ich Du-bist’s, so bin ich drin
und mein Bezug ist festgemacht.
Der NAME kam ihm voraugen: Ich werde dasein.
Es wurde ihm, als legte sich
der ganze frume Leib mit allen seinen Gliedern auf die ganze Wortreihe des NAMENS:
„Ich werde dasein, als der ich dasein werde“.
Und er einte sich mit dem Namen,
der ihm lebendig, der ihm fühlbar, faßbar schien.
Und er erlebte sich geeint, wie eins –
das Geschenk der Einung mit dem NAMEN.

Neues Leben, neue Gemeinschaften – siebte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

12. November 2016
Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Als Lesungen liegen der Predigt Apostelgeschichte 2, 22-39 sowie Matthäus 28,1-10 zugrunde.

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Sterbensergriffen ruft dies der Hauptmann des Hinrichtungskom­mandos aus (Markus 15,39), als er den Menschen Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben sieht: Gottes Sohn – gewesen. „Gewesen“ bedeutet Vergangenheit. All das was Jesus von Nazareth getan und gesagt hat, spricht für ihn als Gottes Sohn. Aber wenn dieser Sohn Gottes getötet und begraben worden ist, kann er als Toter nicht länger gegenwär­tig sein. Was über einen Toten gesagt werden kann, ist nur als Nachruf auf dessen Leben gültig.

Das scheint es gewesen zu sein, dass der „König der Juden“ seiner Macht entblößt am Kreuz qualvoll gestorben ist, dass Gottes Herrschaft über Israel und die Völker im Fels begraben werden muss. Nein, so hätte es keine Kirche und kein Christentum geben können, wenn das Leben Jesu in der Niederlage eines Kreuzestodes verschwunden wäre. Es muss etwas geschehen sein, dass aus Jesu Lebensende am Kreuz von Golgota eine weltweite missionarische Bewegung und Lebensgemeinschaft entstanden ist.

Da muss im Felsengrab vor den Toren Jerusalems mit Jesu Leichnam etwas geschehen sein, was nicht mit den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Physik und der Biologie erklärt werden kann. Jesu Auferstehung von den Toten erschließt sich keiner menschlichen Vernunft. Das wussten die Menschen zur Zeit Jesu genauso wie heute. Und doch hat sich Jesus den Frauen am Grab und seinen Jüngern wirklich gezeigt, so dass die eine Botschaft weltweit ihren Lauf genommen hat: „Christus ist auferstanden von den Toten, er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“ (Ostertroparion in der byzantinischen Liturgie).

So hat man von alters her in der Kirche Jesu Auferstehung von Toten als göttlichen Neuanfang für das menschliche Leben verstanden: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Bevor es aber zum Jüngsten Tag kommt, ist für Christen eine göttliche Sendung angesagt. So verkündet Jesus leibhaftig auferstanden seinen verbliebenen elf Jüngern auf einem Berg in Galiläa: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,18-20)

Gottes Herrschaft wird dort auf der Erde verwirklich, wo Menschen den Heiligen Geist als Angeld bzw. Unterpfand erhalten (Epheser 1,13-14; 2Korinther 1,22), eingedenk der Worte Jesu: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4,24). Dazu hat Jesus vor seiner Himmelfahrt den elf Jüngern die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem verheißen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)

An Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, wird Jesu Vorhersage wahr (Apostelgeschichte 2,1-13). Geistergriffen tritt Petrus in Jerusalem den jüdischen Pilgern in Jerusalem gegenüber und verkündigt ihnen Jesu Geschichte von Kreuz und Auferstehung als göttliche Rettungstat: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.“ (Apostelgeschichte 2,22-24) Petrus fordert seine Zuhörer heraus: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“ (Apostelgeschichte 2,38f) Vor dem Hohen Rat in Jerusalem hat er sich für seine Botschaft zu rechtfertigen: Dieser Jesus von den Oberen der Juden verworfen ist zum Eckstein des Heils geworden: „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. […] Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4,12.20)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Die Botschaft gilt zu aller erst den Juden und wird jedoch von gottesfürchtigen Heiden gehört. Vor allem Saulus, später Paulus genannt, wird ausgehend von der syrischen Stadt Antiochien zum Apostel unter den Heiden in Kleinasien und Griechenland. Dazu berichtet die Apostelgeschichte über dessen drei Missionsreisen (13,1-14,28; 15,36-18,22; 18,23-21,26), bevor sein Lebensweg in der Gefangenschaft in Rom endet. Als Missionar tritt Paulus zuerst in der jüdischen Synagoge vor Ort auf und findet dabei Gehör vor allem bei den gottesfürchtigen Sympathisanten des Judentums. Da stellt sich Judenchristen jedoch die Frage nach der Gemeinschaft: Wenn Heiden Jesus Christus als Herrn bekennen und sich auf dessen Namen taufen lassen, gehören sie dann etwa auch ohne Beschneidung dem besonderen Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk an? Oder müssen sie die göttliche Weisung zur eigenen Beschneidung als Bundeszeichen erfüllen (vgl. 2Mose 12,44.48)?

Die Einheit der Glaubensgemeinschaft von Judenchristen und Heidenchristen steht auf dem Spiel. Kann man gemeinsam das Abendmahl einnehmen und am Tisch des Herrn den Gott Israels im Gebet loben und preisen? Der Apostel Paulus kommt zu dem Schluss, dass die Beschneidung Abrahams und seiner Nachkommen Zeichen der empfangenen Gottesgnade, nicht aber Vorbedingung ist. Nicht durch die Erfüllung von Werken des Gesetzes, sondern durch den Glauben an die Erlösungstat Jesu werden die Menschen – Juden wie Heiden – von dem Gott gerecht gesprochen und in seinen neuen Bund hineingenommen. „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.“ (Römer 3,28-30) „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,26-29) „In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6)

In seinen Briefen hält der Apostel Paulus Kontakt mit den Gemeinden, die von ihm gegründet worden sind. So bringt er das Evangelium Jesu Christi immer wieder zur Sprache und sucht die Lebensform von Christen als Heiligung des eigenen Lebens wie auch des Zusammenlebens mit anderen zu klären. „Ihr wisst, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, einen jeden von euch ermahnt und getröstet und beschworen haben, euer Leben zu führen würdig vor Gott, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit.“ (1Thessalonicher 2,11f)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Neben den 13 Briefen des Paulus finden sich im Neuen Testament auch Briefe, die anderen Apostel zugeschrieben sind, wie die beiden Briefe des Petrus oder aber die drei Briefe des Johannes. Auch hier wird die Christusbotschaft jungen Gemeinden zugesprochen, die in einem heidnischen Umfeld tagtäglich zu bestehen haben. Der anonyme Brief an die Hebräer schließlich zeigt auf, dass Jesus mit seiner Selbsthingabe den priesterlichen Dienst im Tempel wie er in den fünf Büchern Mose als göttliche Weisung vorgeschrieben worden ist, ein für alle Mal erfüllt hat: „Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der Güter bei Gott durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das ist: das nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ (Hebräer 9,11f). Darin ist er „der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat.“ (Hebräer 9,15f) „Wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.“ (Hebräer 9,27f) Dazu steht noch ein letztes Buch aus, die Offenbarung des Johannes. Dieses Buch wird die achte und letzte Predigt bestimmen.

Der Neue Bund der Hingabe – sechste Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

30. Oktober 2016

gruenewald-lamm 

Als Lesungen liegen der Predigt Jeremia 31,31-34 sowie Markus 8,27-33 zugrunde.

Am Anfang seiner Mission steht eine Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,11) Mit diesen Worten tritt Jesus auf die Menschen in seiner Heimatregion Galiläa zu. Aus heutiger Sicht mag dies als religiöse Einladung gelten, die sich Menschen innerlich zu Herzen nehmen sollen. Aber Jesus fordert damit die politischen Machthaber wie auch die religiösen Führer heraus.

Seit Jahrhunderten war das Gottesvolk Israel unter fremder Herrschaft, zunächst waren es die Assyrer, dann die Babylonier, die Perser, die Griechen und schließlich die Römer: Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa und Samaria, Herodes Agripa, Sohn Herodes des Großen, regierte Galiäa und Peräa als römischer Vasall. Gottes Herrschaft ist nahe herbeigekommen. Diese Ansage scheint das Ende der Fremdherrschaft zu bedeuten. Wenn der Gott Israels vom Zion aus regiert, sind ihm alle Völker unterworfen. So wird ja in Psalm 99 gesungen: „Der HERR ist groß in Zion und erhaben über alle Völker.“ (V 2) In Jerusalem wird man auf den Rabbi Jesus aufmerksam und holt Erkundigungen ein: Ist da etwa eine neue Aufstandsbewegung im Entstehen? Was nimmt sich dieser Wanderprophet mit seiner Botschaft heraus? Woher hat er die Autorität?

Vollmächtig redet Jesus, nicht wie die Schriftgelehrten (vgl. Matthäus 7,28). Schließlich sind seine Worte nicht einfach daher gesagt, sie zeigen Wirkung, wenn er Kranke heilt, Blinde sehend macht und Aussätzige reinigt. Was noch mehr herausfordert ist jedoch der Zuspruch zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Markus 2,5) Offensicht­lich übergeht Jesus die Bestimmungen des Gesetzes: Wer aus Versehen gesündigt hat, soll dem Priester im Tempel ein Sündopfer bringen. Nachdem das Opfertier zur Sühne verbrannt worden ist, spricht der Priester die göttliche Vergebung zu (3Mose 4). Wie kann nun ein Rabbi von sich aus ohne priesterliche Mitwirkung Sünden vergeben?

Auf der einen Seite sind Jesu Worte Gnadenworte voller Barmherzigkeit, auf der anderen Seite gehen sie messerscharf unter die Haut, rechnen mit Widersachern gnadenlos ab:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten […] Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23.29.33)

Aus seiner zahlreichen Anhängerschar wählt Jesus zwölf zu besonderen Weggefährten – seine Jünger, auch „Apostel“ genannt – aus, die ihm auf seiner Wanderschaft in Galiläa begleiten. In seiner Nachfolge werden sie in seiner Lehre vom Gottesreich unterwiesen und selbst als Botschafter ausgesandt.

Jesu Botschaft vom Gottesreich, seine Heilungen und Wundertaten werfen die Frage auf: Wer ist er selbst? Was sagen die Leute über ihn? Ein wiedergeborener Elia, Johannes der Täufer, ein weiterer Prophet Israels? Die Antwort des Petrus macht den Unterschied: „Du bist Christus, der Messias, der Gesalbte, Sohn des lebendigen Gottes“. Gott wird sein Reich durch dich, Jesus errichten.

Jesus lässt die Antwort gelten und fügt sofort hinzu, was diese Herrschaft für ihn bedeutet. Derjenige, der in Gottes Namen regiert, muss leiden, wird von den Obersten des eigenen Volkes verworfen und schlussendlich getötet werden. Wer dem Gottgesalbten, dem Messias trotzdem nachfolgt, muss das eigene Kreuz auf sich nehmen. Die Jünger Jesu stehen in dieser Welt nicht auf der Siegerseite, können sich nicht im Machtglanz des Messias sonnen. Wie Jesus selbst haben sie ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Für sie gibt es kein „Bis hierher und nicht weiter“. Aus dem Munde Jesu gesprochen: „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.“ (Markus 8,35)

Wie kann man sich auf solch einen Herrscher einlassen, bei solchen Lebensaussichten. Da nimmt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg, den Tabor, mit, wo er vor ihren Augen verklärt wird. Ihm stehen Mose und Elia zur Seite, das Gesetz und die Propheten sprechen für ihn. Und Gottes Zusage steht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“ (Matthäus 17,5) Wo sein Abstieg von diesem Berg in die Dunkelheit des Todes am Kreuz führt, ist Jesus bereits von Gottes Herrlichkeit eingenommen.

Ein letzter Gang steht für Jesus an, der Marsch auf Jerusalem. Er soll Gottes Herrschaft zur Entscheidung bringen. Das Passafest steht an. Juden kommen als Wallfahrer nach Jerusalem, um dort Israels Befreiungsfest aus der Sklaverei Ägyptens gemeinsam zu feiern. Als Jesus als König nach Jerusalem auf einem Esel – wie beim Propheten Sacharja (9,9) angekündigt  – einreitet, jubelt ihm die Menge zu: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“ (Markus 11,9f)

Dann kommt es zu einer entscheidenden Aktion, die das Fass zum Überlaufen bringt: Der Messias betritt den Tempel und vertreibt die Händler, die Opfertiere verkaufen, sowie die Geldwechsler, die Münzen in opferfähige, weil bildlose Währung umtauschen. Damit setzt er den dortigen Opferdienst vorübergehend außer Kraft. Israel ist im Innersten getroffen. Der Vorwurf steht im Raum: Jesus will den Tempel, das Gotteshaus zerstören. Aber was kann schon an seine Stelle treten? Wo sonst soll der Gott mitten unter seinem Volk gegenwärtig sein? Wie sonst soll er seinem Volk Heil gewähren? Erst nach Ostern, nach Jesu Auferstehung von den Toten wird es für Christen klar: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Korinther 3,16) Gottes Geist wohnt nicht hinter mächtigen Steinquadern des herodianischen Tempels; er lässt sich weder durch Brand- noch durch Schlachtopfer wider die eigene Schuld gewinnen. Versöhnung mit dem lebendigen Gott bedarf einer anderen Hingabe. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45) Ihr selbst sollt euch als lebendige Steine erbauen lassen „zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ (1Petrus 2,5)

Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig.“ (1Korinther 3,17) So weiß es der ehemalige Pharisäer Paulus der Gemeinde in Korinth ins Stammbuch zu schreiben. Kein Wunder, dass bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten der Plan gereift ist, Jesus als Tempelstörer und potentiellen Tempelzerstörer aus der Welt zu schaffen. Wer fundamental in Frage gestellt wird und nichts zu erwidern hat, sucht den Fragesteller zu erledigen. Da unterrichtet Jesus das Volk im Tempel in aller Öffentlichkeit, während seine Tötung schon beschlossene Sache ist. In die eigene Todesahnung wirf er das Gleichnis ein: Israel ist Gottes Weinberg, wie es schon beim Propheten Jesaja besungen worden ist (Jesaja 5). Die Weingärtner, die Oberen des Volkes, verweigern dem göttlichen Weinbergbesitzer die geschuldete Ernteabgabe. Boten werden geschmäht, geschlagen, gar getötet. Als dann der Herr des Weinbergs seinen eigenen Sohn sendet, sehen die Weingärtner die Gelegenheit, durch die Ermordung des Erbens den Weinberg in den eigenen Besitz zu bringen. (Markus 12,1-12) So sieht Jesus selbst seinen Tod auf sich zukommen. Die Oberen des Volkes können sich dem Messias nicht fügen und müssen ihn daher ermorden.

Im Wissen um seine bevorstehende Hinrichtung feiert Jesus mit seinen zwölf Jüngern das Passahmahl und deutet dabei Brot und Wein auf seinen Tod hin:

Als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Markus 14,22-24)

Ungeheuerliches spricht Jesus seinen Jüngern zu: In seinem bevorstehenden Sterben schließt der Gott mit seinem Volk einen neuen Bund, der die Menschen wirklich zu Herzen geht. So hat es ja der HERR beim Prophet Jeremia dies zugesagt:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,33-34)

In diesem Abendmahl werden die Jünger schon jetzt in diesen Gottesbund hineingenommen. Das Gesetz ist für Israel nicht länger Bedingung, die man selbst erfüllen muss. Vielmehr erfüllt Jesus selbst die Forderung des Gottesgesetzes in seiner Hingabe ein für alle Mal. Seine tödliche Hingabe wird nicht mit Schweigen übergangen werden. Vielmehr kommt das Geheimnis des Glaubens für Christen zum Lobruf an den Heiland: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Noch ist es nicht soweit. Nach dem Passahmahl findet sich Jesus mit seinen Jüngern unter freiem Nachthimmel im Garten Gethsemane ein und hadert mit seinem Vater: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14,36) Judas Verrat ist es, dass die Tempelwache Jesus ohne öffentliches Aufsehen zu fassen bekommt. Und es ist die eigene Lebensangst, die Jünger fliehen lässt. Die Nacht vor seinem Tode kennt keine Nachfolger Jesu. Das Verhör vor dem Hohen Rat wird zum Schauprozess: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ fragt Kaiphas, der Hohepriester. Und Jesus antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.“ (Markus 14,62).

Das Urteil gegen den vermeintlich aufständischen König der Juden hat der römische Statthalter Pilatus zu sprechen und vollstrecken zu lassen. Die Wachsoldaten foltern und verspotten Jesus – Travestie von Macht und Ohnmacht. Sein Kreuz zwängen sie Jesus auf zum Gang nach Golgatha. Ans Kreuz genagelt und für den Erstickungstod aufgerichtet betet Jesus für die Übeltäter: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Noch einmal ist er anderen Menschen zugeneigt, so dem Schächer zur Rechten am Kreuz: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43) bevor ihn die Gottesfinsternis in der eigenen Atemnot einholt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 14,34)

„Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt nach. Der Gott sucht seine Geschöpfe, die ihm verlorengegangen sind. Nun ist es seiner eigener Sohn, der sich für die Mitmenschen verloren gegeben hat. Und dieser schreit umgekehrt die Lebensverzweiflung seinem Vater entgegen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Am Kreuz entschwindet Jesus die Gottesgegenwart. Weder sein Vater noch die eigene Gottheit halten ihn am Leben. Sein Sterben führt ihn in die Gottdunkelheit. So wird er uns wirklich zum Begleiter und Erlöser der eigenen Gottesfremde.

Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Gottessieg über die Menschensünde gilt. Letztes Sterbenswort bevor Jesus sein Haupt neigte und den Lebensgeist hingab. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Der Hauptmann des Hinrichtungskommandos ruft es sterbensergriffen aus (Markus 15,39) Und dieser Ruf bleibt kein Nachruf auf einen Toten.

Hier die Predigt als pdf.