Archive for the ‘Predigten’ Category

„Die Kirche hat sich vor nichts mehr zu fürchten, als vor der Sicherheit“ – Hans Joachim Iwand zum Reformationsjubiläum

20. Februar 2017
Claus Bergen - Havarie (Gouache, um 1920)

Claus Bergen – Havarie (Gouache, um 1920)

In seiner Neujahrsbetrachtung 1959 hat Hans Joachim Iwand der Kirche unter anderem Folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.“ Passende Worte zum Reformationsjubiläum.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

Von Hans Joachim Iwand

2. Korinther 12,10b: Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Das erste, was wir zu diesem Wort des Apostels sagen müs­sen, ist dieses: In ihm ist die ganze Offenbarung Gottes in Jesus Christus beschlossen. Denn Jesus Christus, das ist die Schwach­heit Gottes, das ist die Verborgenheit Gottes unter der alleräußersten, unter der jedes mensch­liche Auge täuschenden, jedes menschliche Denken irreführenden Schwachheit. Wir denken ganz anders. Un­sere Götter sehen anders aus. Die Götter, auf die wir warten, müß­ten anders auftreten. Nicht wie ein Mensch, nicht gehorsam bis zum Tode, nicht dienend, nicht sein Le­ben als Lösegeld gebend, son­dern als Übermenschen, von uns Gefolgschaft fordernd, wie ein Führer, der seine Schar kommandiert —, aber Gottes Gegenwart unter uns hatte und hat ein anderes Gesicht: Ich bin nicht gekom­men, mir dienen zu lassen, sondern daß ich diene. Das ist unser Gott! Und ehe wir ihm dienen, müssen wir ihn uns dienen lassen. Uns dienen mit sei­nem Leiden, uns dienen mit seinem Kreuz. Mit seiner Schwachheit. Denn die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind. Wem Gott nie gedient hat mit seiner Schwachheit, der wird nie wissen, wer Gott ist und was er für uns getan. Wo er für mein irdisches Auge am schwächsten war, da war er am stärk­sten. Da trug er unser aller Schuld, da zerbrach er unser aller Tod. Da geschah es, daß die Riegel unseres Gefängnisses aufgingen und wir heraustraten als die Befreiten. Als die wahrhaft Freien, denen hinfort Tod und Sünde nichts anhaben sol­len. Das ist seine Kraft. Die Kraft Gottes in der Schwachheit des Menschen Jesu.

Wäre es anders, wir würden uns alle um diesen Gott drängen. Wäre seine Kraft nicht verbor­gen unter der Schwachheit, es wäre nicht schwer, an Gott zu glauben. Wir verbergen unsere Schwäche, um Kraft zu heucheln, Gott verbirgt seine Kraft, um sie in der [289] Schwachheit zu offenbaren. Darum verstehen ihn die Großen und Gewaltigen nicht. Darum müssen wir selbst an uns abnehmen und zerbrochen werden, ehe wir ihn begreifen und ergreifen in seiner Schwachheit, in dem Kreuz seines Sohnes, in der Erscheinung des einen Menschen Jesus.

Das Zweite, was wir unter dem Licht unseres Wortes begreifen, sind seine Zeugen, sind die Jünger. Es gehört zu der Herrlichkeit der Bibel, daß uns in ihr Menschen, wirkliche, schwa­che, schwan­kende, zweifelnde Menschen begegnen und daß diese Menschen den­noch Zeugen der Nähe Gottes sein dürfen. Wenn sich der Sturm erhebt, dann meinen die Jünger, sie sinken. Wenn das Wasser ins Schiff dringt, dann schreien die Jünger: Herr hilf, wir verderben. Da sehen wir den Menschen, den schwachen, den zweifelnden Men­schen. Auch der Zeuge in der Nähe Jesu bleibt ein schwacher, ar­mer Mensch. Gerade er. Gerade in der Nähe zu ihm. Wir möchten sie stark sehen, aber wenn der Sturm kommt, zeigt sich, wie schwach sie sind. Ihre Not macht Jesus erwachen. Jesus schläft, und so läßt er das Wasser ins Schiff kommen. Das zerbricht alle ihre Stärke und Sicherheit. Jesus erhebt sich, und das Meer wird stille. Jesus fragt, wo ist euer Glaube — und die Jünger müssen sich schämen. Sie hat­ten ihre Kraft in sich gesucht — aber Jesus, der mit im Schiff war, war ihre Kraft. Denn er ist der Herr, der Wellen und Wind ge­bietet. Glauben wir das noch? Wissen wir das noch? Schreien wir noch zu ihm? Wecken wir ihn noch auf? Das würde wahre Erweckungsbewegung sein. Wir müssen einen wachen Christum haben!

Und das ist das Dritte. Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.

Dies, meine Brüder und Schwestern, wollte ich Euch zum Beginn [290] des Jahres zurufen. Wir meinen so oft, in unserem ruhigen sicheren Westen hätte die Kirche nichts zu fürchten. Aber ist es nicht so, daß die Kirche sich vor nichts mehr fürchten muß, als vor der Sicherheit? Das Wasser muß uns ins Schiff laufen, damit wir schreien. Wir müssen Sturm erfahren, damit wir beten. Wir müssen beten, damit Christus uns helfen, damit Jesus uns Christus sein kann. Heil denen, die so angefochten sind, ihnen ist Christus nahe. Der Apostel sagt: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Auch wir sollen stark sein, mitten in unserer Schwachheit. Wir sollen uns nicht mit unserer Schwachheit beruhigen. Wir sollen nicht daraus etwas ma­chen, was nicht zu ändern ist. Im Kampf mit der Sünde, im Kampf mit der Feigheit. Gott will die Schwachen stärker machen als die, die auf ihre Kraft vertrauen. Er will unsere Kraft sein. Er will, daß die Welt sich irrt, wenn sie meint, wir seien von Gott verlassene Menschen. Er will, daß die Welt erkennt, wer uns treibt und wem sie nicht gewachsen ist.

Neujahrsbetrachtung in: „Die Hilfe, Blätter aus dem Haus der helfenden Hände“, Beienrode im Januar 1959.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 288-290.

Hier die Predigt als pdf.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest“ – Prediger 7,15-18 als Predigtperikope

10. Februar 2017
Pieter Claesz (1597-1660) - Vanitas

Pieter Claesz (1597-1660) – Vanitas

In der Neuordnung der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte der EKD ist für den Sonntag Septuagesimae nunmehr in der sechsten Predigtreihe ein wirklich ungewöhnlicher Text aus dem Prediger (bzw. Kohelet) vorgesehen: „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ (7,15-18). Wer mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Perikopenrevision vertraut ist, weiß, wie der Text aus Erlangen nach Hannover gekommen ist. Friedrich Mildenberger hatte als Professor für Systematische Theologie in Erlangen wiederholt Bezug auf diesen Text genommen, so auch in Band 3 seiner Biblischen Dogmatik (Seite 341f). Hier seine Auslegung der Perikope bei einer gemeindlichen Bibelwoche 1986/87:

Wer es erzwingen will, dem missrät’s (Prediger 7,15-18)

Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Davon war schon die Rede: Recht und Unrecht und Leben und Tod, die lassen sich nicht zusammenbringen. Das gehört zu den schwersten Rätseln, mit denen sich der Prediger herumschlägt – und gewiss nicht nur er. Dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, das muss doch auch heißen: Wer Gutes tut, dem gelingt es im Leben, und wer Böses tut, dem läuft es übel hinaus. So denken wir. Aber was die Erfahrung lehrt, das passt nicht dazu. Es will sich nicht zusammenreimen mit dem, was wir für gut befinden, und haben doch recht damit: Es ist nicht gut, dass dann doch der Gerechte zugrunde geht, und der Gottlose in seiner Bosheit freut sich eines langen und guten Lebens. Wenn Gott gerecht ist, dann darf das nicht sein!

Und was so eine Beobachtung und Frage ist, die wir auch sehr allgemein und bloß in Gedanken erörtern können, das kann einen Menschen dann auch ganz anders auf den Leib rücken. Da hat einer ein rechtes Leben geführt, und hat auch Gott gewiss nicht vergessen. Und dann bricht es über ihn herein: Unglück im Betrieb, oder Krankheit, oder der Tod eines nahen Angehörigen, gar alles dies miteinander: Warum das? Warum muss es gerade mich treffen? Womit habe gerade ich dies alles verdient? Wer kennt diese Frage nicht!

Auch der Prediger kennt diese Frage. Wir wissen, er hat sie hin und her bewegt und nach allen Richtungen gedreht und gewendet, und ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen: Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nicht finden. Gott ist im Himmel und du auf Erden – mehr lässt sich dazu nicht sagen. Und wohl dem, der dabei dann auch bleiben kann: Gott ist im Himmel! Und wirft also sein Gottvertrauen nicht weg, sondern hält es fest, auch wenn er nicht dahinter kommen kann, warum es nun gerade so gut sein soll, wie es gekommen ist. Mehr lässt sich dazu nicht sagen, auch wenn wir gerne gerade hier mehr wissen wollten und uns schwer tun, uns damit zu bescheiden.

Doch eine Folgerung zieht unser Text nun doch aus der Erfahrung, die sich so schlecht mit dem zusammenreimt, was wir für gut und richtig halten: Nicht allzu fromm soll einer sein, und nicht allzu gottlos. Das mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen. Wie kommt der Prediger dazu, gerade diese beiden zusammenzunehmen, den, der es fast schon übertreibt mit seiner Gerechtigkeit und Weisheit, und den anderen, der bloß seine Gottlosigkeit und also Torheit kennt? Sind sie nicht himmelweit voneinander weg?

Sicher sind sie himmelweit voneinander, wenn wir auf das sehen, was jeder über sich selber denkt, der besonders Fromme wie der Gottlose. Aber in einem gehören sie doch ganz nah zusammen: Sie wollen es beide erzwingen, das bessere Leben, das Glück. Dem einen muss es ohne Gott gelingen, und der andere will es gerade mit Gott schaffen. Darin unterscheiden sie sich schon. Aber darin gehören sie zusammen, dass sie es nicht nehmen wollen, wie es kommt. Natürlich kann der Gottlose nicht auf Gott vertrauen, an den er doch nicht glaubt, sondern hält sich an die Meinung: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was herauskommt sieht man! Aber auch der besonders Fromme hat seine Meinung: Übergib dein Leben Jesus, dann wird es dir gelingen, dann wirst du glücklich werden!

Vorsicht! Damit kann sich einer zugrunde richten. So weiß das unser weiser Mann; und der kennt das Leben. Er weiß, dass es da nicht immer so läuft, wie wir das haben wollen. Es glückt nicht immer. Gefährlich sind sie, die Geschichten, die jeder schon einmal gehört hat: Wie Gott, oder wie Jesus seinen Frommen hilft. Im Spätherbst 1945, als es noch gar nichts gegeben hat, habe ich einmal einen Evangelisten gehört: Eigentlich habe er gar nicht zur rechten Zeit da sein können, erzählte er uns. Unterwegs sei ihnen das Benzin ausgegangen. Da habe er sich mit seinem Begleiter an den Straßenrand hingekniet, und sie hätten Jesus um Hilfe gebeten. Noch nicht „Amen“ hätten sie gesagt, da habe ein amerikanischer Jeep gehalten, und der GI habe ihnen aus seinem Reservekanister den Tank gefüllt.

So etwas kann es sicher auch einmal geben, und das imponiert gerade jungen Menschen. Sie wollen es auch erleben, dieses Gelingen, dieses Glück derer, die zu Jesus gehören. Aber dann kommt es anders: Eine Prüfung, ein Examen gelingt nicht. Eine Beziehung zerbricht. Die Gemütskrankheit, die Schwermut oder Depression hört nicht auf, trotz der Entscheidung für Jesus, trotz der Gebete. Es lässt sich nicht erzwingen, was einer gerne hätte, das bessere, das gute Leben. Wie leicht kann es da dann passieren, dass einer sein Vertrauen ganz wegwirft, und im Handumdrehen ist aus dem besonders Frommen ein besonders Gottloser geworden. So kann es leicht kommen. Und das ist gewiss nicht gut. Darum also diese Mahnung, die nur auf den ersten Blick seltsam zu sein scheint.

Der Dichter Eduard Mörike hat das einmal so gesagt, und ist damit nahe bei der Weisheit des Predigers:

Herr, schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Der Prediger Salomo, Erlangen 1988, 91-96.

Hier die Auslegung als pdf.

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

„Weiden ist nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden“ – Martin Luther über das kirchliche Hirtenamt

27. Januar 2017

Was James Rebanks in seinem Buch „The Shepard’s Life“ als Grundregeln seines Schäferberufs benannt hat, lässt sich auch auf das pastorale bzw. bischöfliche Hirtenamt in der Kirche übertragen: „My job is simple: get around the fields and feed and shepherd the different flocks of ewes—dealing with any issues that arise. First rule of shepherding: it’s not about you, it’s about the sheep and the land. Second rule: you can’t win sometimes. Third rule: shut up, and go and do the work.“ Passend dazu hat Martin Luther in seinen Predigtauslegungen zum ersten Petrusbrief von 1523 bezüglich 1.Petrus 5,2 „Weidet die Herde Christi, die euch befohlen ist“ ausgeführt:

„Christus ist der Erzhirte, und er hat unter sich viele Hirten und auch viele Schafe, die hat er seinen Hirten hin und her ausgetan, wie St. Petrus hier schreibt, in vielen Ländern. Was sollen dieselben Hirten tun? Sie sollen die Herde Christi weiden. Das hat der Papst auf sich bezogen und will damit bewähren, daß er Oberherr sei und mit den Schafen umgehen möge, wie er will. Man weiß wohl, was „weiden“ heißt, nämlich daß die Hirten den Schafen Weide geben und Futter vorlegen, auf daß sie fruchtbar werden, dazu daß sie darauf sehen, daß nicht die Wölfe kommen und die Schafe zerreißen. Es heißt nicht „schlachten und würgen“.

Nun sagt St. Petrus nachdrücklich „die Herde Christi“, als sollte er sagen: Denkt nicht, daß die Herde euer ist, ihr seid nur Knechte. … Die Bischöfe sind Knechte Christi, daß sie seine Schafe hüten und ihnen Weide geben. Darum ist „weiden“ nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden, daß sich die Schafe nähren im Evangelium und Gottes Wort. Das ist allein eines Bischofs Amt. …

Ein Prediger muß nicht allein weiden, so, daß er die Schafe unterweist, wie sie rechte Christen sein sollen, sondern auch daneben den Wölfen wehren, daß sie die Schafe nicht angreifen und mit falscher Lehre verfüh­ren und Irrtum einführen, wie denn der Teufel nicht ruht. Nun findet man jetzt viele Leute, die wohl leiden mögen, daß man das Evangelium predige, wenn man nur nicht wider die Wölfe schreit und wider die Prälaten pre-[235]digt. Aber wenn ich schon recht predige und die Schafe wohl weide und lehre, so ist’s dennoch noch nicht genug der Schafe gehütet und sie be­wahrt, daß nicht die Wölfe kommen und sie wieder davon führen. Denn wie ist das ein Bauen, wenn ich Steine auftürme und sehe einem anderen zu, der sie wieder einwirft? Der Wolf kann wohl leiden, daß die Schafe gute Weide haben, er hat sie desto lieber, daß sie feist sind. Aber das kann er nicht leiden, daß die Hunde feindlich bellen. Darum ist es ein großes Ding, wer es zu Herzen nimmt, daß einer recht weide, wie es Gott befoh­len hat. …

Und hier rührt St. Petrus zweierlei Stücke an, die da wohl jemanden möchten abschrecken, dem Volk vorzustehen. Aufs erste findet man et­liche, die da fromm sind und lassen sich auch ungern dazu zwingen, daß sie Prediger sind, denn es ist ein mühsames Amt, daß man überall zusehe, wie die Schafe leben, daß man ihnen helfe und sie aufrichte, da muß man Tag und Nacht aufsehen und wehren, daß nicht die Wölfe einreißen, dazu muß man auch Leib und Leben einsetzen. Darum spricht er: „Ihr sollt’s nicht genötigt tun“. Wahr ist’s, es soll sich niemand selbst unberufen zu dem Amt dringen, aber wenn er berufen und gefordert wird, soll er willig hinangehen und tun, was sein Amt fordert. Denn die es genötigt tun müs­sen und nicht Lust und Liebe dazu haben, die werden’s nicht wohl ausrichten.

Die andern sind noch ärger als diese, die dem Volk vorstehen und darin ihren Gewinn suchen, daß sie ihren Wanst weiden. Diese suchen die Wolle und die Milch von den Schafen, fragen nichts nach der Weide. … Denn wenn der, der da weiden soll, so auf das Gut gerichtet und gewinnsüchtig ist, würde er bald selbst ein Wolf werden. …“

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 5, hrsg. v. Hartmut Günther und Ernst Volk, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983, 234f (WA 12,388-390).

„Lass mich gehen, die Morgenröte bricht an“ – Paul Schempps Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose 32,23-32)

20. Januar 2017
Lynd Ward - Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Lynd Ward – Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Es ist eine Kunst einen Text aus dem Alten Testament auf Christus hin auszulegen, ohne das Erzählgeschehen in seiner Wörtlichkeit zu übergehen. Paul Schempp hat es in seiner Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose 32,23-32) meistlich verstanden, selbst in diesen Kampf einzudringen, um die göttliche Verheißung in Christus zur Sprache zu bringen. Seine Predigt kann  in jedem Fall mit Gerhard von Rads Predigt über diesen Kampf  mithalten. Hier ein Auszug:

„Die Kraft Jakobs ist es nicht, der Glaube und das Gebet der Christenheit ist es nicht, was uns den Weg freimachen könnte vor Gott, was uns auch nur eine Stunde vor Verderben und Tod schützen könnte, wenn Gott wider uns ist. Und Gott ist wider uns, so gewiß wir Fleisch sind und sterben müssen, so gewiß das heilige Land nicht der Him­mel und das Reich Gottes ist, so gewiß Jakob einmal nur als Leiche hineinkommen wird, so gewiß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben werden, so gewiß der König der Juden, der Auserwählte Gottes, Jesus Christus, am Kreuz sterben mußte. Jakob ist in die Hände des lebendigen Gottes gefallen, und der Schrecken seines Vaters Isaak — so hat Jakob Gott vor Laban genannt — ist über ihn hergefallen. Was ist mit Jakob, daß dieser Gegner nicht fertig wird mit ihm, daß dieser Schrecken ihn nicht umbringt und dieser Fremde sogar bittet: Laß mich gehen, die Morgen­röte bricht an? Gottes eigenes Wort, das er nicht zurücknimmt, Gottes eigener Segen, von dem er nichts abbricht, Gottes eigene Wahl, die ihn nicht gereut. Gottes eigene Treue, die eben göttlich und darum be­ständig und unveränderlich ist. Das ist Jakobs Kraft, das ist der Kern und auch die Grenze von Gottes Zorn, das ist die himmelhoch er­habene Göttlichkeit Gottes, auch wo er Mensch wird, auch wo er die Widerspenstigkeit und Unverbesserlichkeit des Menschen menschlich angreift und sie überfällt wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Löwe und Bär am Wege, auch wo er sich verhüllt und verbirgt in den dunkel­sten Anfechtungen seiner Zeugen, in den schwärzesten Drohungen seiner Boten und darüber hinaus in all dem, was unser aller Dasein täglich und nächtlich bedroht mit den Schatten des Todes und was unsre Wege und Wünsche, auch die reinsten und frömmsten, versperrt und verriegelt und was unser aller Leben zu einem so verzweifelten Kampf um Möglichkeit, um Zukunft und Hoffnung und Frieden macht“

Die vollständige Predigt findet sich hier als pdf.

„Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft“. Eine Grabrede von Paul Schempp

19. Januar 2017

kleinkind-gestorben

Wie zart und einfühlsam bei dem Tod eines Kleinkindes ohne billigen Trost das Evangelium Jesu Christi unverhofft zugesprochen werden kann, zeigt die folgende Grabrede von Paul Schempp aus dem Jahr 1939, die sich dem Wort aus Matthäus 9,24 stellt:Jesus sprach zu ihnen …: ,Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.‘ Und sie verlachten ihn.

Zwischen tot und lebendig können wir immerhin unterscheiden, und die traurige Gewißheit ist jedenfalls Tatsache geworden: das Mägdlein ist tot. Und weil es so ist, gibt es nur noch die endgültige Trennung: die Versenkung ins Grab, das das irdische Bild des Kindes bis zur Unkenntlichkeit zerstören wird. Im Juni wäre die kleine Ruth zwei Jahre alt geworden, und wer immer Kinder hat oder kennt und gern hat, der weiß, daß an den Kindern dieses Alters immer neue Lebenswunder zu entdecken sind, wie da von der körperlichen Selbständigkeit des Gehens an zu den ersten sprachlichen [129] Leistungen eine Keimzeit geistiger Entfaltung zu beobachten ist, die in ihrer kindlichen Ursprünglichkeit die fröhliche Be­wunderung der Umgebung fast täglich herausfordert. Wir ste­hen alle in tiefer Trauer und mit herzlichem Mitgefühl mit dem Leid der Eltern und Großeltern an diesem Särglein und wissen, daß das Weh nur größer wird, wenn die Erinnernng immer neu das Bild des Kindleins ins Gedächtnis ruft, wie gesund es sich entwickelt hat, wie anmutig es nach dem Äuße­ren, wie regsam und aufgeweckt es nach dem Inneren war, wie lebhaft es zuging beim Spielen. O und dann gibt es ja noch so vielerlei kleine und doch bedeutsame Wesenszüge des besonderen Verhältnisses zum Vater und zur Mutter, zum Bruder und zu den Großeltern, diese und jene einzelne Er­innerung an besondere Umstände und Begebenheiten. Und doch ist alles verdunkelt von den letzten Tagen des Krankseins und des vergeblichen Kampfes gegen den Tod. Wie viele Kin­der haben doch in den letzten Wochen hier die Masern gehabt, und gerade bei diesem einen mußte eine Lungenentzündung mit hohem Fieber dazukommen, die dann auch das Herzlein in Mitleidenschaft zog! Wohl können sich die El­tern mit gutem Gewissen sagen, daß nichts unversucht blieb, um der Krankheit zu begegnen. Aber die unerbittliche Wirk­lichkeit „das Mägdlein ist gestorben“ ist um so schwerer, als noch am letzten Lebenstag eine Besserung deutlich zu erken­nen war.

Es wäre wohl leicht, nun den Eltern zu sagen: „Schickt euch drein. Gott hat das Kindlein genommen und sich gegen ihn wehren und ihn anklagen ist nicht recht; er gibt uns ja doch keine Rechenschaft darüber, warum er die Lebenslose so unbegreiflich verschieden verteilt.“ Aber seht, die bloße Fas­sung und Ergebung ist kein rechter Trost und ist vor allem kein bibli­scher Trost. Es ist gut, wenn man sich fassen und das Verlorene verloren geben kann, aber es ist auch gut, wenn man ungetröstet weinen kann und der Sturzbach des Schmer­zes nun ein­fach über die Seele geht. Wer sich selber eine Ge-[130]rechtigkeit und Güte Gottes ausden­ken wollte, der würde da­bei schon im Gedanken an die riesige Zahl der täglich ster­benden Kinder zuschanden werden. Lieber noch mit dem Schicksal hadern, als sich einer bloß einge­bildeten Allmacht stumpf beugen!

Tot ist das Mägdlein, ein Elternglück zu Ende, die Hoff­nungen zerstört, und keine Teilnahme und keine Tapferkeit hilft darüber hinweg, daß die Stube leer und das Leben, ohne Schuld und Verdienst zu wägen, sein Glück und seine Bitterkeiten verteilt. Nur wer sagen könnte, das Mägdlein sei nicht tot, es schlafe nur, und es sei nicht recht, sich ergeben oder erbittert, tapfer oder verzweifelt mit der Übermacht des To­des abzufinden, nur der könnte wirklich trösten. Aber wer das sagen wollte vor verschlossenem Sarg und offenem Grab, der würde schwerlich Glauben finden, der verdient, nicht ernst genommen zu werden, dem kann man höchstens zubilli­gen, daß er einem frommen Wahn verfallen ist. Wenn damit gesagt sein soll, die Seele des Kindes sei im Himmel, so ist nur die Unbegreiflichkeit des Himmels an die Stelle der Un­begreiflichkeit des irdischen Lebens und Sterbens gesetzt, und der kurze Anfang menschli­chen Daseins ist ein Rätsel, das der Elternschmerz nicht lösen kann.

Aber wir wissen: Jesus hat damals das Wort gesprochen, das in so sichtbarem Widerspruch zur Wirklichkeit stand und Ihm deshalb den Spott der Trauerversammlung eintrug. Der Jesus, der sein Wort dann bestätigt durch den Rückruf des toten Kindes ins Leben. Der Jesus, von dem unser Glaubens­bekenntnis sagt, daß er gestorben und auferstanden sei und lebe und regiere in Ewigkeit; der Jesus, von dem geschrieben steht, daß er dem Tod die Macht genom­men habe. Dieser Je­sus hat von lebendigen Menschen geredet, als er sagte: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“, und hat von einem toten Mädchen geredet, als er sagte: „Das Mägdlein ist nicht ge­storben, sondern es schläft.“ Auf den Namen dieses Jesus habt ihr das Kindlein taufen lassen und damit in den Glauben [131] eingestimmt, daß Er der Herr sei über unser Leben in der sicht­baren und unsichtbaren Welt. Gilt Sein Wort, dann ist sogar diese unsere Weisheit erschüttert, die mit Sicherheit zu wissen meint, wo Tod und wo nur Schlaf festzu­stellen ist. Unsere Augen sehen Tod und Sarg und Grab, Er aber sagt uns: „Es ist nicht der Wille des Vaters, daß eines von diesen Kleinen verloren gehe.“ Er mutet uns zu, die unerbitt­liche Grenzlinie zwischen Leben und Tod nicht da zu sehen wo sie dem menschlichen Auge eben sichtbar ist, sondern in der Tiefe Seiner Verheißung und Seiner Drohung: Tot ist, wer seine Hoffnung auf den Menschen, auf seinen Willen, seine Weis­heit und Zukunftseroberung setzt, wer sich mit dem Herzen an das klammert, was doch keinen Halt bieten kann, wer sein eigener Herr sein will und doch den Tod zum Herrn hat, auch wenn ihm das Glück des Lebens lacht. Lebendig ist, wer Ihn Herr sein läßt und von Ihm Trost und Güte und Selig­keit erwartet mitten in den unberechenbaren Wechselfällen des Lebens. Die Eltern haben mit ihrem Kind ein Stück ihres Lebens verloren. Darum soll das Leid sein Recht haben, und wir andern sollen es mitempfinden. Aber auch über uns wird sich der Sarg schließen, und wir werden dann nicht einmal mit Gewißheit sagen können ob unser längeres Leben für die Ewigkeit mehr Frucht gehabt hat als dieses kurze Leben; wir können dann auch nur Seinem Wort Glauben schenken, das uns sagt, daß, wer an Ihn glaubt, nimmermehr stirbt, und wer sein Leben behalten will, es in Wahrheit verliert. Wir kön­nen es uns nicht selber einreden oder aus eigener Kraft glau­ben, daß das auch von diesem toten Kindlein gilt, was Chri­stus einst so kühn von dem Mädchen in Kapernaum sagte: „Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.“ Aber wir können um den Glauben bitten, daß Gott der Herr Sein Reich weit aufgemacht hat; daß in des Heilands Na­men alle Kinder und auch alle Erwachsenen wie Kindlein zu Ihm kom­men dürfen und wir einmal erfahren, warum der Herr reich und arm macht, den Menschen viel harte Proben schickt und [131] doch hindurchhelfen will zu der Hoffnung, die nicht zuschan­den wird, sondern erfüllt wird, daß uns kein Tod töten kann, sondern Leben und Tod durch Jesus uns zum Besten dienen müssen; daß wir es einmal mit eigenen Augen schauen: Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es hat geschlafen. Amen.

Grabrede zur Bestattung von Ruth, gehalten im Frühjahr 1939 auf dem Friedhof in Iptingen.

Quelle: Paul Schempp, Gottes Wort am Sarge. 30 Grabreden, hg. v. Ernst Bizer, 3.A., München: Chr. Kaiser 1960, 128-132.

Hier die Grabrede als pdf.

„Für uns freut sich der ganze Himmel“ – Paul Schempps Weihnachtspredigt zu Lk 2,1-14 von 1945

11. Januar 2017
Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Eine besonders ansprechende Predigt zu Weihnachten hat Paul Schempp 1945 in der reformierten Gemeinde in Stuttgart gehalten. Er weiß die himmlische Perspektive dem Frieden auf Erden zuzusprechen, wenn er ausführt:

„Da merken wir also: die Freude im Himmel gilt wohl dem Ereignis auf der Erde, der Ge­burt Jesu, aber sie ist darin nun eine wirklich himmlische und göttliche Freude, daß die Engel sich nicht über etwas freuen, das ihnen selber gilt, das ihr eigenes Glück erhöht, son­dern daß sie sich restlos für die Erde freuen, für die Menschen, ganz selbstlos für diese ahnungslose Menschheit, darüber, daß ihr das unendliche, entscheidende, unfaßbare Glück widerfahren ist, in ihrer Heillosigkeit nun einen Heiland zu haben. Seht, das muß man zuerst aus der Weih­nachtsgeschichte merken, daß im Himmel Weihnachten gefeiert worden ist, lang, lang ehe die Menschen sich auch so etwas wie ein fröhliches Weihnachtsfest zurecht gemacht und dann auch recht schön, aber doch auch recht menschlich, gefeiert haben. Für uns freut sich der ganze Himmel, uns gratuliert er sozusagen zu diesem Ereignis und gibt uns die erste Auffor­derung, den Anstoß, wir sollten nun doch auch uns selber freuen über dieses Kind, das dem Volk Israel und (wie dieses Gottesvolk ja von Anfang an durch Gottes Gnade und durch eigene Schuld gerade der Welt gehört) so durch dieses Volk der ganzen Welt als Gottes­geschenk gehört.“

Der vollständige Text der Predigt findet sich hier als pdf.

„Der es mit uns hält“ – Karl Barths Weihnachtspredigt zu Lukas 2,7 von 1958

10. Januar 2017
Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956 (Bundesarchiv, Bild 194-1283-23A / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0)

Karl Barth auf der Jahresversammlung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal, März 1956

Als Gegenstück zu Rudolf Bultmanns „Weihnachtsbesinnung“ von 1953 eine Weihnachtspredigt von Karl Barth zu Lukas 2,7, gehalten am Weihnachtstag 1958 in der Strafanstalt Basel. Ja, Welten liegen dazwischen, wenn Barth verkündet:

„Gott sei Dank, daß es, wenn es jetzt um das Einkehren des Heilandes geht bei uns, auch in unserem Leben noch einen solchen ganz anderen Ort gibt, wo der Heiland nicht erst fragt, nicht nur draußen steht und anklopft, sondern einfach einkehrt, wo er heimlich schon eingekehrt ist und nur darauf wartet, daß wir ihn erkennen und uns seiner Gegenwart freuen. Was ist das für ein Ort in unserem Leben? Denk jetzt nicht an irgend etwas, wie du meinst, Nobles, Schönes oder doch Rechtes in deinem Leben und Tun, in welchem du dich dem Heiland allenfalls empfehlenswert und empfangsbereit darstellen könntest! Nicht so: der Ort, wo der Heiland bei uns einkehrt, hat mit dem Stall von Bethlehem das gemein, daß es da auch gar nicht schön, sondern ziemlich wüst aussieht: gar nicht heimelig, sondern recht unheimlich, gar nicht menschenwürdig, sondern auch ganz in der Nähe der Tiere. Seht, unsere stolzen oder bescheidenen Herbergen und wir als ihre Bewohner – das ist doch nur die Oberfläche unseres Lebens. Es gibt darunter verborgen eine Tiefe, einen Grund, ja einen Abgrund. Und da drunten sind wir Menschen, wir alle ohne Ausnahme, jeder in seiner Weise, nur eben bettelarm dran, nur eben verlorene Sünder, nur eben seufzende Kreaturen, nur eben Sterbende, nur eben Leute, die nicht mehr aus noch ein wissen.

Und eben da kehrt Jesus Christus bei uns ein, mehr noch: da ist er bei uns allen schon eingekehrt. Ja, Gott sei Dank für diesen dunklen Ort, für diese Krippe, für diesen Stall auch in unserem Leben! Da drunten brauchen wir ihn, und eben da kann er auch uns brauchen, Jeden von uns. Da sind wir ihm gerade die Rechten. Da wartet er nur darauf, daß wir ihn sehen, ihn erkennen, an ihn glauben, ihn lieb haben. Da begrüßt er uns. Da bleibt uns schon gar nichts Anderes übrig, als ihn wieder zu begrüßen und willkommen zu heißen. Schämen wir uns nicht, da drunten dem Ochsen und Esel ganz nahe zu sein! Gerade da hält er es ganz fest mit uns allen. An diesem dunklen Ort will und wird er mit uns und dürfen wir mit ihm Abendmahl feiern. Und das ist es ja, was wir nachher mit ihm und miteinander tun dürfen. Amen.“

Hier der vollständige Text der Predigt.

Wie digitale Höhlenmenschen zum wahren Licht kommen. Predigt zum Christfest

23. Dezember 2016
Ikone aus der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale in Moskau, 15. Jahrhundert

Geburt Christi – Ikone aus der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale in Moskau, 15. Jahrhundert

Wir hier sind doch keine Höhlenmenschen. Wir leben in eigenen Häusern oder zumindest auf Miete in den eigenen vier Wänden. Wenn es nicht gerade Winter ist, haben wir es tagsüber fensterlichthell zuhause. Das Feuer qualmt nicht durch unsere Räume, sondern knistert im Kaminofen. Der Rauch zieht geruchsneutral über den Schornstein ab. Die Kleidung ist uns auf den Leib geschnitten, die Haare sind fettfrei gewaschen, die frisierte Haarlänge hat schon längst wieder Ohren- und Nackenfreiheit erreicht, zumindest bei den Männern. Zivilisierte Menschen sind wir, keine neandertaligen Höhlenmenschen.

Und doch, über Höhlenmenschen lassen sich Gleichnisse erzählen, die uns gerade heute angehen. In Dialog Politeía des antiken Philosophen Platon führt Sokrates in eine ganz besondere Lebenssituation ein: Menschen finden sich da in einer unterirdischen Höhle ohne Tageslicht wieder. Sie sind dabei so gefesselt und fixiert, dass sie nur auf die dunkle Höhlenwand vor ihnen schauen können. Hinter ihrem Rücken wird ein Schattenspiel aufge­führt, wo das Feuerlicht vorübergetragene Gegenstände schattenhaft auf die Höhlenwand projiziert. So sehen also die Menschen nicht die materiellen Gegenstände hinter ihnen, sondern nur Schattenbilder vor ihnen. Mangels eigener Vergleichsmöglichkeit müssen sie diese Bilder für allein wirklich halten. Das eigene Leben solchermaßen auf die Höhlenwand fixiert wird ganz und gar zur Kinoveranstaltung: Das eigene Leben bewegt sich nicht, nur die Schattenbilder.

Da führt Sokrates den Gedanken weiter. Wenn einer aus seinen Fesseln frei käme und sich umdrehte, müsste er die vorbeigetragenen Gegenstände hinter ihm erkennen und damit das feuerlichtige Schattenspiel durchschauen. Und wenn er dann noch zum Höhlenausgang aufstiege und schlussendlich mit eigenen Augen das Tageslicht mit der Sonne erblickte, würde er vernünftigerweise einsehen, dass die Sonne selbst die allumfassende, einzigwahre Lichtquelle, die höchste Idee, das wahrlich höchste Gut (summum bonum) wäre. In die Höhle zurückgekehrt könnte er seinen gefesselten Mithöhlenmenschen von den materiellen Dingen hinter ihnen, vom Feuer, vom Weg nach draußen ans Tageslicht und schließlich von der einzig wahren Sonne erzählen. Aber sie würden diesem „Emporkömmling“ nicht glauben und würden weiterhin das Schattenspiel auf der Höhlenwand für die einzige Wirklichkeit nehmen. Wo Menschen in bewegten Schattenbildern gefangen sind, ist ihnen mit Vernunft nicht beizukommen.

Da sind wir nun auch schon in der Gegenwart angelangt. Ihr habt es ja auch bemerkt, wie die Blickwinkel und Blickrichtungen von Menschen sich zunehmend verändern. Wir verlieren mehr und mehr die freie Sicht in die Horizontale, schauen uns immer weniger um. Stattdessen fixiert sich unser Blick schräg nach unten in 25 cm Abstand auf einen handbreiten Bildschirm. Was unser Smartphone an bewegten oder auch unbewegten Bildern zu bieten hat, lässt schwerlich ein Entkommen zu: Alles was ich wissen will, alles was mir wichtig ist, alles worum sich das Leben dreht, taucht auf einem 4,7-Zoll-Bildschirm auf – direkt vor mir.

iphone

Was sich um mich herum bewegt, wer auf mich zukommt, wer mich zu berühren sucht, wer mir etwas zeigen will, kommt nicht länger durch zu mir. Denn alles was ich für meine Sinnesbefriedigung brauche, spielt sich auf diesem kleinen Bildschirm ab und kommt mir zusätzlich über die Earphones zu Gehör.

Was wir uns selbst auf dem Smartphone alles vor Augen führen können ist einfach gigantisch. Im Netz kann uns das Sinnesfutter nie ausgehen. Und wir dürfen dabei scheinbar frei wählen. Was für eine Versuchung für unser Leben – mir fingerfertig selbst diejenigen Bilder zu suchen, die mich einnehmen. Mit unserem Körper bewegen wir uns zwar immer noch im Tageslicht, aber unsere Sinne haben sich von der realen Welt um uns herum verabschiedet. So sind wir dabei digitale Höhlenmenschen zu werden. Die abgeschirmte Bilderwelt wird zur alles bestimmenden Wirklichkeit. Im wahrsten Sinne des Wortes bilden wir uns unser Leben selbst ein. Doch am Ende steht sowohl für digitale wie auch für Platons Höhlenmenschen das gleiche Schicksal: Das „eingebildete“ Leben wird schlussendlich zum Staub werden. Bilderwelten sind trügerisch; sie enthüllen kein ewiges Leben. So sind digitale Bilder weder Lösung noch Erlösung für unser Leben.

Die bleibende Wahrheit unseres Lebens muss anders ans Licht kommen. Und dazu sind wir heute am Heiligen Abend hier in der Kirche am richtigen Ort. Im Weihnachtsevangelium haben wir von der Krippe gehört, in die das Jesuskind gelegt worden ist. Maria und Josef sind anwesend, die Hirten kommen herzu. Nur der Stall fehlt. Im Weihnachtsevangelium ist keine Rede von ihm. Wo Menschen sich auf die Suche nach dem Geburtsort Jesu machen, treffen sie auf eine Höhle. Die Geburtskirche in Bethlehem ist ja über der Geburtsgrotte gebaut. Unterirdisch also ist der Gottessohn zur Welt gekommen. So wird auch heute noch in der orthodoxen Kirche der Geburtsort Jesu ausschließlich als Höhle dargestellt.[1]

geburtsgrotte

Geburtsgrotte in Bethlehem

Der Gottessohn ist in einer judäischen Höhle Mensch geworden, um uns von uns selbst zu erlösen. Mit dieser Aussage gewinnt die Weihnachtsbotschaft eine neue Bedeutung: Wie in einer Höhle ist unser Leben von vergänglichen Schattenbildern eingenommen. Und wir kommen einfach nicht selbst aus trügerischen Bilderwelten raus, können nicht über uns selbst hinausgehen, uns jenseits der Sinneswelt in die göttliche Ewigkeit aufschwingen.

Was auch immer wir uns selbst denken können, was auch immer wir für Vorstellungen vom ewigen Glück haben – all unser Denken, Sehnen, Wünschen bringt uns schlussendlich nicht aus unserer Lebenshöhle heraus. In Gedanken mag man mitunter woanders sein – und doch bleibt unser Menschsein dem Irdischen, gar Unterirdischen verhaftet. Vorübergehende Aufhellungen mögen uns zwar gegönnt sein, wo wir in den sozialen Netzwerken den Like-Button anklicken. Aber für die Erdschwere unseres bebilderten Lebens gibt es keine digitale Himmelfahrt.

Am Heiligen Abend sind keine besonders schönen Bilder angesagt, sondern eine nackte Botschaft: Der Gottessohn ist in die Dunkelheit unseres menschlichen Lebens eingetreten, hat Fleisch und Blut angenommen, um unser irdisches Dasein ins wahre göttliche Licht zu bringen. Unser Leben ist bei Gott nicht zum „eingebildeten“ Höhlendasein bestimmt. Als Gottes Geschöpfe, als seine Ebenbilder sind wir vielmehr von unserer Geburt her angelegt auf Begegnung und Berührung – Berührung, die in Liebe verbindet; die für uns verbindlich wird, die uns keine Wahl mehr lässt, die nicht einfach wie auf einem Smartphone fingerfertig weggewischt werden kann, damit ein neues, vermeintlich attraktiveres Bilderangebot sich vor uns auftut.

Der Gottessohn Mensch geworden berührt uns leiblich. Göttliche Liebe nimmt unser Leben für sich ein. Seine Hingabe für uns in die Krippe zu Bethlehem und am Kreuz von Golgatha geht unter die Haut, reißt uns von uns selbst los, entfesselt uns von selbstverliebten Bilderwelten, nimmt uns mit auf den Weg des Glaubens, dass wir dem einem, dreieinigen Gott unser ewiges Heil zutrauen. Was bei Gott für unser Leben als Ziel vorgesehen ist, wird auf keinem Smartphone enthüllt.

discipleship

Die Zukunft unseres christlicher Glaube wird mit davon abhängen, ob wir Smartphones (und deren zukünftigen Nachfolgegeräte) bewusst und gewollt weglegen können, ob wir neu hinhören können, ob wir hinzukommen können, gerade auch zur Kirche, ob wir uns tatsächlich versammeln können, ob wir uns wirklich vom Weihnachtsevangelium berühren lassen. Jesus Christus, Gottes Sohn Mensch geworden, fordert uns heraus mit unserer Seele, mit unserem Körper und mit unserem Glauben. Im Glauben treten wir vor Jesus und sprechen ihm zu: Du bist mein Heiland, mein Erlöser, mein Befreier, du bist das „wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9), du bist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Dir vertraue ich mich mit meinem Leben an.

Wo uns diese persönliche Begegnung und dieses Gottvertrauen fehlen, wachsen uns die digitalen Bilder immer mehr über den Kopf: Die digitale Lebenshöhle wird immer tiefer, macht uns noch einsamer. Ja, unser Leben ist bei Gott nicht als Höhlenmensch vorgesehen. An Weihnachten dürfen wir gemeinsam singen:

Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dir’s wohlgefallen.

Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht‘,
wie schön sind deine Strahlen!

[1] Vgl. Ernst Benz, Die Höhle in der alten Christenheit und in der östlich-orthodoxen Kirche, Eranos-Jahrbuch 22, Zürich 1954, 365-432, wieder abgedruckt in: Ernst Benz, Urbild und Abbild: Der Mensch und die mythische Welt. Gesammelte Eranos-Beiträge, Leiden: Brill 1974, 1-68.

Hier die Predigt als pdf.

Hans Joachim Iwand – Und Friede auf Erden … Eine Weihnachtsbetrachtung von 1951

20. Dezember 2016
Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Wie  kein anderer verstand es Hans Joachim Iwand, das Weihnachtsevangelium in seinem christologischen Gehalt mit einer politischen Friedensbotschaft zusammenzusprechen, als er 20. Dezember 1951 in der Wochenzeitung DIE ZEIT seine Weihnachtsbetrachtung veröffentlichte. Gerade jetzt nach dem Terroranschlag von Berlin haben seine Worte besondere Bedeutung gewonnen:

Und Friede auf Erden … Eine Weihnachtsbetrachtung

Alle christlichen Feste sind Friedensfeste. Aber Weihnachten ist doch das Fest des Friedens in besonderer Weise. Wo immer in diesen Tagen das uns vertraute Evangelium der Heiligen Nacht verlesen wird, da wird es uns treffen wie zur Beschämung und Hoffnung.

Es gibt ein Bild aus Stalingrad, das einer der dort eingeschlossenen Männer gezeichnet hat und das damals noch herausgelangte als Botschaft des Weihnachtsfestes dieser morituri. Maria mit dem Kind, beide von Licht und Wärme umhüllt, sind die Mitte, die helle Mitte in tiefer Nacht. Der Mann, der das in jenen Tagen zeichnete, hat viel vom Frieden gewußt; er hat offenbar geahnt, daß ein Gleichmaß bestand zwischen dem Kind in der Krippe und dem Erle­ben der Untergehenden. Er hat etwas hineingebracht in sein Bild von Kreuz und Auferste­hung. Der Friede, der mit Jesus Christus unter die Menschen trat, ist unzerstörbar. Und aller Unfriede muß dank einer unbegreiflichen Ordnung selbst dazu dienen, seinen Glanz zu erhö­hen und ihm den Sieg über die Herzen zu verschaffen.

Aber das ist es eigentlich nicht, was mich und viele von denen, die auf der Wende zum neuen Jahre in die Zukunft blicken, heute besonders bewegt. Mich bewegt die quälende Frage, ob es nicht dann und wann sein kann, daß dieser Friede von oben mit dem, was hier unten ge­schieht, Hand in Hand geht. Mich bewegt die Frage, ob es denn erlaubt ist, darüber hinwegzu­lesen, daß es „Friede auf Erden“ sein soll, was hier verheißen wird. In der alten jesaianischen Weissagung von der Geburt des Kindes, die zu den kirchlichen Lesungen des Weihnachts­festes gehört, steht ein Satz, der bei uns meist weggelassen wird, aber der von damals her un­trennbar dazu gehört: „Denn alle Rüstung derer, die mit Ungestüm rüsten, und die blutigen Kleider sollen verbrannt werden und mit Feuer verzehrt werden.“ Dann erst folgt: „Und ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ In unseren Lutherbibeln ist diese Stelle „fettge­druckt“, darum wird der vorangehende Vers so oft überlesen (Jes. 9, Vers 4). Es mag schon richtig gewesen sein, das eine klein und das andere groß zu schreiben; es ist schon ein Unter­schied der Ebenen da, eine spürbare Verschiebung der Gewichte, von der Fülle der Zeit her gesehen. Aber einer hat doch einmal dieses beides ganz eng zusammengerückt. Einer hat den Frieden von oben und den unter den Menschen schauend vorwegzunehmen gewagt! War das nur Irrtum? Haben wir recht daran getan, daß nur den Faden, der die beiden Verheißungen verbindet, ganz durchschnitten, daß wir den Himmel Himmel, und die Erde Erde sein ließen? Kann es dann noch Weihnachten geben, unter solch einem fernen Himmel, auf solch einer hoffnungslos gewordenen Erde?

Die Theologen sind sich in dieser Sache nicht einig. Weit entfernt, einig zu sein, sind wir sogar in Gefahr, darüber in schweren Streit zu geraten. Gut, daß der Evangelist „Friede auf Erden“ schrieb. Das ist nun nicht mehr auszuradieren. Aber wenn heute ein „Narr in Christo“ über dieses Wort käme und versuchte, ernst zu nehmen, was hier steht, würde er nicht bei Christen und Nichtchristen in größte Not geraten? Wenn er bei den Christen zu Rate ginge, würde er hören, daß dies kaum dieser Erde und ihrem gefallenen Menschengeschlecht gilt und daß wir auf einen neuen Himmel und eine neue Erde warten müssen, bis real wird, was hier zu lesen ist. Aber wer einmal die Engel hat singen hören und wer meint, daß diese göttliche Ge­burt, über der ihr Lobgesang nicht verstummen will, kein Phantom und keine Täuschung ist, sondern die Entdeckung und Freilegung alles dessen, was Realität genannt zu werden verdient – der Ursprung, in dem alles, was ist, gründet – der wird sich verwundert fragen müssen, ob es denn angeht, die Realitäten, in denen wir leben, und die Verheißungen, von denen wir leben, so auseinander zu nehmen. Für Kinder, die ihrem Vater aufs Wort glauben, ist beides eins. Was mag passiert sein, daß unsere Theologen daraus zwei Welten gemacht haben? Wie kommt es, daß die sonst so mißtrauischen „Laien“ nichts so schnell und nachhaltig gelernt haben als eben diese Kunst? Läßt es sich denn noch leben in dieser Welt voller Realitäten, voller Zahlen und Fakten, wie in einem stehenden Gewässer, ohne den Springquell echter Bewegung und Wandlung in der Tiefe? Heißt das nicht: ohne Hoffnung leben? Und wie mö­gen sie denn leben in jener anderen Welt, wenn diese nichts ist als ein Spinngewebe bloßer Verheißungen ohne das Werden und die Geburt echter Realität? Verheißungen, die keine Wirklichkeit mehr erzeugen, sind Illusionen. Hindere heißt verspotten. Narren uns hier unsere eigenen Träume? Was ist denn geworden aus der mit der Geburt des Gottessohnes wieder „heil“ gewordenen Welt, die wieder Gottes Welt, wieder Wirklichkeit und Geist in einem ist?

Jene Zeit, da Roger van der Weyden und Altdorfer ihre Bilder von der Geburt des Kindes noch in die uns vertraute Landschaft unseres Lebens setzten, dahin, wo auch unsere Häuser stehen und unser Dasein spielt, diese Zeit wäre für unseren „Narr in Christo“ günstiger gewe­sen. Damals wußte man ja noch nichts von dem, was wir heute Realismus nennen, von diesem Gefängnis, in das wir uns selbst versetzt haben. Aber wie gesagt, das ist lange her.

Wie nun, wenn unser Freund enttäuscht zu den anderen ginge, die ihm das Wort „Friede auf Erden“ gerne abnehmen werden, aber nicht das Wort Kind, über dem es erklingt. Er wird sehen, wie sie alle Anstrengungen machen, den Frieden, den sie „ihren“ Frieden nennen, herunterzuziehen aus dem Himmel ihrer Hoffnungen und Pläne auf diese arme, friedenshung­rige Welt. Das sind Leute, die dem Himmelreich Gewalt antun und es doch nicht an sich reißen.

Was haben wir gemacht – oder was haben wir zugelassen, daß es geschah? Die Gabe und die Verheißung sind auseinandergerissen und darüber droht uns das Wort Friede leer und hohl zu werden, als ob uns die Stimme des großen Gegenspielers Gottes, des Teufels, damit zu äffen suchte. Es ist, wie wenn man ein Bild hätte, ein wundertätiges, ein herrliches Bild, und ein böser Geist nähme es und risse es in zwei Studie, gäbe dem einen diese und dem anderen jene Hälfte und fragte uns dann, ob wir nicht nun zufrieden wären. Dem einen den Himmel, dem anderen die Erde. Suum cuique! So zerrissen ist das Wunder der Heiligen Nacht – wir halten nur die Hälften seiner Wahrheit in unseren Händen. Die halbe Wahrheit aber ist die Lüge. Das ist ihr verführerischer Glanz. Könnten wir nicht den Weg ein Stück zurückgehen, bis dahin, wo diese Wahrheit noch ein Ganzes war? Alle echten Wege des Heils sind Wege der Umkehr.

Denken wir ein paar Jahrzehnte zurück – um nur ein ganz Geringes zu sagen. An dem ersten Kriegsweihnachten 1914 hielt der eben zum Inhaber des Heiligen Stuhles erhobene Papst Benedikt XV. seine Allokation beim Weihnachtsempfang des Kardinalskollegiums. Er sagte damals: „Ach, möchten die brudermordenden Waffen zu Boden fallen! Möchten doch diese mit zuviel Blut befleckten Waffen dahinsinken und die Hände derer, die sie ergreifen mußten, zu den Arbeiten des Gewerbefleißes und des Handels sich zurückwenden, zurück zu den Wer­ken der Kultur und des Friedens! Ach, möchten doch heute wenigstens die Herrscher und die Völker die Engelstimmen vernehmen, die das übermenschliche Geschenk des neugeborenen Königs verkündeten, das Geschenk des Friedens‚ und möchten sie durch Werke der Gerech­tigkeit, des Glaubens und der Milde jenen guten Willen beweisen, der von Gott als Bedingung für den Genuß des Friedens gesetzt ist.“ Wie ein Rufer in der Wüste war jener Mann, der da­mals von sich sagen mußte: „Es scheint uns, als ob der Heilige Geist zu uns sagte: Rufe und lasse nicht ab.“ Bei dem ersten furchtbaren Anlauf des Krieges unter der Völkerfamilie Euro­pas erhob sich dieser Ruf. Vielleicht ermessen wir heute besser als damals, daß er uns allen galt und gilt.

Das Entscheidende ist, daß wir uns das Wort Frieden nicht entleeren lassen, daß wir festhal­ten: Gott hat es über seinen lieben Sohn gesetzt. Einmal wird dies Bild wieder eins sein, einmal werden sich Begriff und Inhalt wieder decken. Wenn wir müde sein werden der halben Wahrheiten und bereit, sie als ganze zu empfangen.

DIE ZEIT, Nr. 51, 20. Dezember 1951.

Hier der Text als pdf.