Archive for the ‘Predigten’ Category

„Gott hat dieses ganze zwielichtige Gelände menschlicher Leidenschaften in sein Heilswalten einbezogen“ – Gerhard von Rad zur Josephsgeschichte (1Mose 50,15-21)

4. Juli 2017

Charles Thévenin, Joseph und seine Brüder (1789)

Gerhard von Rad hat eine wunderbare biblische Besinnung zur Josephsgeschichte (1Mose 37-50) geschrieben, die als Vorbereitung zur Predigt über 1Mose 50,15-21 hilfreich ist. So schreibt er:

Mit der zweiten programmatischen Stelle berühren wir den eigentlichen Höhepunkt der Josephsgeschichte. In den Brüdern ist nach dem Tode des Vaters wieder das böse Gewissen aufgestiegen. Der Alte war ihnen Schutz gewe­sen, aber nun — vielleicht hat Joseph seit Jahren auf diesen Augenblick gewartet? Zuerst wagen sie sich gar nicht vor sein Angesicht; darüber ist Joseph tief bekümmert. Als sie dann vor ihm mit ihrer großen Frage erscheinen, da spricht Joseph die gewichtigsten von allen Worten, die in der Ge­schichte gefallen sind:

»Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden.«
(1. Mose 50, 19-20)

Das ist nun — wenn auch in ganz weltlicher Sprache — konzentrierteste Theologie. Joseph spricht zwei Sätze. In dem einen — leider ist er von Luther nicht ganz zutref­fend übersetzt — bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das Verhältnis seiner Brüder zu Gott. Bei dem ersten Satz muß man sich hüten, die verwunderte Frage im Sinn einer sehr allgemeinen frommen Wahrheit mißzuverstehen, also einer demütigen Nichtzuständigkeitserklärung, als habe nicht er in dieser Sache zu richten, sondern Gott. Das wäre freilich für die Brüder ein schlech­ter Trost, wenn Joseph die ganze schwere Sache nur auf eine höhere Instanz abschie­ben wollte. Josephs Meinung ist vielmehr die: Hier, in der wunderbaren Führung des Ganzen, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch das Böse in sein Heilshandeln einbezogen und damit schon eine Rechtfertigung ausgesprochen. Würde Joseph jetzt die Brüder verurteilen, so würde er einen eigenmächtigen Spruch neben den stellen, den Gott in den Ereignissen selbst schon ausgesprochen hat, und damit würde er sich »an die Stelle Got­tes« setzen. Der zweite Satz berührt sich eng mit dem Wort Josephs, das er schon beim Erken­nen gesagt hatte, nur daß er das Rätsel des Ineinanders von göttlichem Führen und menschli­chem Handeln noch schär­fer betont. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in der Hand gehalten. Aber das wird nur behauptet, nicht erklärt; das Wie dieses Ineinanderwirkens bleibt ganz Geheimnis. So stehen sich dieses »ihr gedachtet« und jenes andere »Gott gedachte« letztlich doch sehr spröde gegenüber. So aber haben auch die alten Weisen gelehrt:

»Des Menschen Herz denkt sich seinen Weg aus, aber der Herr lenkt seinen Schritt.«
(Spr. 16, 9)

»Die Schritte des Mannes lenkt der Herr.
Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?«
(Spr. 20, 24)

Dieses Staunen, dieses »Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?«, das steht trotz aller nüchternen Welt­lichkeit hinter der ganzen Josephsgeschichte. Vorhin war davon die Rede, daß das ältere Israel Gottes Wirken in heiligen Kriegen sah, gebunden an die sakralen Institu­tio­nen, an Kultus, heilige Lade oder an das Charisma plötz­lich auftretender Gottesmänner. Nun aber war die Königszeit mit ihrem großen geistigen Umbruch gekommen. Sie hat das, was die alte Zeit glaubte, nicht bestritten, aber das, was ihre Weisen gefesselt hat, war etwas anderes und etwas Neues: es war das verborgene Walten Gottes, das ungesehen alles umgreift, indem es sich die Planungen der Menschenherzen, ohne sie zu hemmen, dienstbar macht.

Seltsamer Wandel unseres Ergebnisses! Am Anfang spra­chen wir von der Penetranz und dem Übergewicht des Menschlichen und des menschlichen Geschehens in der Josephsgeschichte und davon, daß demgegenüber von Gott nur am Rande die Rede sei. Macht man aber mit dem Satz Josephs von dem alles umgreifenden Walten Gottes Ernst, so wird angesichts einer sol­chen Allgenugsamkeit des gött­lichen Waltens doch umgekehrt das Handeln des Menschen fast zur Belanglosigkeit herabgedrückt. Und hier liegt tat­sächlich ein Problem. Ich möchte nicht verschweigen, daß dieses überaus tröstliche Wort Josephs durch sein geradezu schroffes Auseinanderhalten von göttlichem und menschli­chem Tun am Anfang eines theologisch bedenklichen We­ges steht, denn es verweist ja das Handeln Gottes in eine radikale Verbor­genheit, Ferne und Unerkennbarkeit. So­lange der charismatische Deuter da war, wie in der Josephsgeschichte, war keine Gefahr. Aber Josephs Wort umschließt immerhin eine sehr radikale Glaubenserkenntnis; und wie es aussah, wenn der Mensch mit dieser Er­kenntnis als solcher allein gelassen blieb, das zeigt uns das Buch des Predigers Salomo, in dem die Frage: »Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?« doch schon den Unter­ton der Verzweiflung angenommen hat. Da lesen wir, daß der Mensch Gottes Werk — es ist sein Walten gemeint – von Anfang bis zu Ende nicht fassen kann (Pred. 3, 11). […]

Aber zurück zur Josephsgeschichte! Sahen wir, daß das Handeln des Menschen — ob gut oder böse — in der Josephsgeschichte durch die Übermacht der göttlichen Füh­rung fast zur Belanglosigkeit herabgedrückt ist, so bedeutet das freilich nicht, daß die Frage der Schuld der Brüder ba­gatellisiert wird. Gewiß, an Joseph fesselt uns zunächst die wunderbare Gelassenheit gegenüber der Schuld seiner Brü­der, das Fehlen jedes moralischen Pathos. Nirgends eine Leidenschaft, die Schuld genauer zu bestimmen, oder ein Eifer, sie aufzudecken! Indessen gibt die Erzählung doch auf die Schuldfrage eine ganz klare Antwort. Es ist schon bezeich­nend, daß die Brüder am Ende, da sie Josephs Ver­gebung anrufen, sich auf die Gemeinsam­keit seines und ihres Glaubens berufen.

»Ach, vergib doch deinen Brüdern ihre Missetat und ihre Sünde, daß sie so Böses an dir getan haben. So vergib doch nun den Knechten des Gottes deines Vaters ihre Missetat!«
(1. Mose 50, 17)

Vergebung unter Menschen ist keine rein innermenschliche Regelung, sie reicht in jedem Fall tief hinein in das Ver­hältnis der Menschen zu Gott. Josephs Antwort auf die Bitte der Brüder ist der Satz, daß er jetzt unter keinen Umständen an Stelle Gottes einen anderen Spruch fällen könne. Gott hat dieses ganze zwielichtige Gelände menschlicher Leidenschaften in sein Heilswalten einbezogen, ja, er hat die Brüder selbst zu Empfängern seiner »Errettung«, als Teilhaber des »großen Entrinnens« werden lassen. Darin ist auch seine Vergebung enthalten. Aber wir sollten noch einmal in der fast indirekten Art, wie dies alles zum Ausdruck kommt, wie hier überhaupt von Vergebung ge­sprochen wird, auch in der Vermeidung aller herge­brach­ten, frommen oder kultischen Formeln und Begriffe die merkwürdig weltliche Art dieser Erzählung erkennen. Ohne Frage, in ihrer Zeit war die Josephsgeschichte eine moderne Erzählung, und Joseph war ein moderner Mensch.

Hier der vollständige Text als pdf.

„Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter“ – Predigt über 2. Samuel 22 (bzw. Psalm 18)

28. Mai 2017

Alex Honnold auf dem „Thank God Ledge“

In den USA ist ein Bild aus dem Dokumentarfilm „Alone on the Wall“ von 2009 zur Ikone geworden. Es zeigt den damals 23jährigen Alex Honnold mit dem Rücken zur Felswand auf dem sogenannten „Thank God Ledge“ 45 Meter unterhalb des Gipfels des Half Dome im Yosemite National­park in Kalifornien. Unter ihm liegt die senkrechte, 600 m hohe Nordwestwand aus Granit, die Honnold als erster Kletterer free solo, das heißt im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel in weniger als drei Stunden durchklettert hatte.

Klettern in der Perfektion Honnolds scheint ein wahres Kunstwerk zu sein. Eigenhändig wird im Fels der nächste Griff erreicht, der einen weiter nach oben bringt – Zug um Zug, Schritt für Schritt. Vorsichtig koordinierte Körperbewegungen fügen sich als eingeübte Route zum Gipfel hin zusammen. Die Felswand lässt sich nicht bezwingen oder in den Griff kriegen; man muss vielmehr den eigenen Halt an ihr finden, darauf vertrauen, dass die Wand einen trägt. Der Kletterer lässt sich mit seinem Leben an einem bloßen Felsen festmachen. Darin zeigt sich sein Glaube.

Passend dazu finden sich im 2. Buch Samuel im 22. Kapitel Worte aus dem Munde Davids:

Der HERR ist mein Fels,
meine Festung und mein Erretter,
mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.
Er ist mein Schild, mein starker Helfer,
meine Burg auf unbezwingbarer Höhe.

Er streckte mir seine Hand von oben entgegen
und riss mich aus den tosenden Fluten.
Der HERR gab mir sicheren Halt
und führte mich aus der Not hinaus in die Freiheit.
Er rettete mich. So viel bedeute ich ihm!

Der HERR tat mir Gutes für meine Treue,
meine Rechtschaffenheit hat er belohnt.
Denn stets bin ich dem HERRN gefolgt
und habe meinem Gott nie den Rücken gekehrt.

Der HERR allein ist Gott!
Wer außer ihm ist so stark und unerschütterlich wie ein Fels?
Gott allein ist meine Burg, in der ich Zuflucht finde.
Er ebnet mir meinen Weg.
Er beflügelt meine Schritte,
lässt mich laufen und springen wie ein Hirsch.
Selbst auf steilen Felsen gibt er mir festen Halt.

Der HERR lebt!
Er ist mein schützender Fels – ich preise ihn!
Ihn allein will ich rühmen,
denn er ist mein Gott, mein Fels,
bei dem ich Rettung fand.

Felsenfest steht der Gott für unser Leben ein. Wo Dinge und Beziehungen im Verlauf der Zeit sich ändern, gar vergehen, zeigt ER sich Menschen unveränderlich standhaft. „Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter, mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.

Die Einladung gilt auch uns: Geh mit deinem Leben auf diesen Felsen zu, lass dich mit dem eigenen Leben an ihm festmachen, glaube ihm. Mitunter halten wir Distanz zu Gott, betrachten ihn in der Ferne wie einen majestätischen Berggipfel im Abendrot. Zur hart scheint er unseren Lebensansprüchen zu sein. Weich, anschmiegsam soll er sein, mein Gott für mich, Seelentröster zum Umarmen – der liebe Gott, der nicht wirklich mein Leben bergen und tragen kann.

Alex Honnold beim Rissklettern

Alex Honnold beim Rissklettern

Er ist mein Gott, mein Fels, bei dem ich Rettung fand.“ Um dieser Zusage glauben zu können, braucht es eine menschliche Lebensspur in göttlichen Fels. Einer muss uns vorausgegangen sein – einer, der sich als Mensch ganz und gar auf diesen Fels eingelassen hat, der mit seinem Leben und Sterben uns diesen Fels zu unserem Heil erschlossen hat: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist in der Felsgrotte zu Bethlehem für uns Mensch geworden, hat wider unsere Gottesfremde, nämlich die Sünde, sich auf dem Kreuzfelsen von Golgota hingegeben, wurde im Felsengrab in den Tod eingeschlossen und ist am dritten Tag auferstanden.

Im Brief an die Hebräer heißt es dazu: „Wir haben nun, liebe Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu die Freiheit, ins Heiligtum einzutreten. Diesen Zutritt hat er uns verschafft als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch. Auch haben wir nun einen großen Priester über das Haus Gottes. Lasst uns also hinzutreten mit aufrichtigem Herzen in der Fülle des Glaubens, das Herz gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser. Lasst uns festhalten am unverrückbaren Bekenntnis der Hoffnung, denn treu ist, der die Verheißung gab.“ (Hebr 10,19-23 Zürcher)

So hat Jesus Christus als „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) den Zugang zum himmlischen Vater erschlossen: Aus hartem Fels quillt Liebe uns entgegen, aus todeswundem Gestein blüht uns ewiges Leben. Der Glaube versetzt keine Berge. Im Glauben an Christus folgen unsere Hände vielmehr der Risswunde im Fels, finden darin ihren festen Halt, der uns schlussendlich von uns selbst erlöst.

Hier der Text als pdf.

„Ich habe nichts anderes, was mich getrost machen könnte, als dieses papierene Buch“- Eine Predigt Luthers über die Heilige Schrift

21. Mai 2017

In einer Adventspredigt von 1531 hat Martin Luther mit Bezug auf Römer 15,2-4 über den „Trost der Schrift“ gepredigt und dabei die Bibel seinen Zuhörern als buchstäbliche Christusgegenwart nahe gebracht:

„Gott sagt: ›Diese Schrift da, die du liesest, besteht zwar nur aus Buchstaben, und doch, weil in ihr dieser Mann Jesus Christus geschildert ist, gibt sie dir das Leben.‹ Das sind ganz große Wunder, daß Gott sich so tief herunterläßt und sich in Buchstaben hineinsenkt und sagt: Da hat mich ein Mensch abgemalt; dem Teu­fel zum Trotz sollen diese Buchstaben da die Kraft geben, Menschen zu erlösen. Die Heilige Schrift ist also ein Wahrzeichen, das Gott dahinsetzt; wenn du es an­nimmst, bist du selig, nicht weil die Schrift mit Tinte und Feder geschrieben ist, sondern weil sie auf Christus hinweist. Ebenso ging es Israel in der Wüste; da befahl Gott dem Mose: »Errichte einen Pfahl und bringe eine eherne Schlange daran an; wer von einer Schlange gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.« Was war das? Nur zwei Buchstaben, das Kreuz­holz und die Schlange, ein S und ein C; und doch wurde von Gotts hinzugefügt: »Wer die Schlange anschaut, der soll am Leben bleiben.« Gott sagte also: ›Das Holz und die Schlange will ich haben, und sie sollen solche Kraft besitzen, daß, wer sie anschaut, gerettet werden soll.‹ Ebenso ist es hier. Sein Wille ist droben im Himmel verborgen, und doch sagt er: Diese Schrift habe ich schrei­ben lassen, und wer daran glaubt, den will ich getrost machen. […]

Wenn du tief in die Schrift hinein­schaust, so wirst du Christus und sein Wort darin finden. Es mag dir also das nichtsnutzige, leere und zerbrochene Strohhälmchen vorkommen; aber glaub mir, was für eine große Macht darunter beschlossen ist! Dieses Wort, das ich dir ins Herz gebe, soll dir niemand umstoßen: kein Kaiser, und keine Welt und keine Schätze der Welt, weder Kornsäcke noch Gulden; und es soll ein starker Baum werden, ja ein Fels. Dem wird die Welt sich zwar widersetzen, aber sie wird nichts erreichen. Denn wo die Schrift ist, da ist Gott; denn sie gehört ihm und ist sein Wahrzeichen, und wenn du sie annimmst, hast du Gott angenommen. Was meinst du von ei­nem solchen Nachbarn, der Gott heißt? Was kann da Tod und Welt machen? Laß die Schrift Tinte, Papier und Buchstaben sein! Aber einer ist dabei, der sagt, sie sei sein, und das ist Gott, im Verhältnis zu dem die Welt nur ein Tröpflein am Eimer ist. Vor der Welt ist’s ein schlechter Trost, wenn Paulus zur Geduld mahnt, und es klingt schwächlich, wenn man sagt, man solle einen Spruch aus der Schrift lesen und in die Ohren sagen. Und doch soll einem hier ein solcher Herr begegnen, dem gegenüber die Welt nichts ist. Es liegt alles am Glauben. Wenn du es nach der Vernunft mißt, so klingt es töricht, da ja hier ›Trost geben‹ nicht heißt: einen mit Gut, Ehre, Gulden usw. erfreuen. Allein wag’s und nimm einen Spruch aus der Schrift und halt ihn fest; wie es heißt: »Seid getrost und unver­zagt, alle, die ihr des Herrn harret«.“

Hier die vollständige Predigt als pdf.

„Mein Herr Christus sieht dem Tode zu, wie er mich tötet, und wenn der mich erwürgt hat, so schlafe ich so leise, daß er mich mit einem Wort erwecken kann.“ – Martin Luthers Predigt über Lukas 7,11-17

17. Mai 2017

Auferweckung des Jünglings zu Nain (kolorierter Holzschnitt von Matthias Gerung aus der Ottheinrich-Bibel, 1530-32)

Fast spielerisch nimmt Martin Luther in seiner Predigt über Lk 7,11-17 (Der Jüngling von Nain) sich den Tod zur Brust.  Und er kann Christus seinen Zuhörern auf das Allergewisseste zusprechen:

»Ich sage dir: Stehe auf!« Predigt über Lk 7,11-17

Von Martin Luther

Und es begab sich danach, daß er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und viel Volks. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn war seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr. Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und rührte den Sarg an, und die Träger standen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter. Und es kam sie alle eine Furcht an, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk heimgesucht. Und diese Rede über ihn erscholl in das ganze jüdische Land und in alle umliegenden Länder. (Lukas 7,11-17)

In diesem Evangelium ist vieles enthalten, was gelehrt werden müßte; doch ich will nur die Hauptsache ins Auge fassen. Da ist eine arme Witwe, die ihren Mann und ihren Sohn verloren hat; und das war im Judentum eine besonders schwere Sache für eine Frau, Witwe zu sein und keinen Sohn mehr zu haben. Denn die öf­fentliche obrigkeitliche Ordnung war bei den Juden darauf einge­stellt, daß man rechtsfähige männliches Erben haben sollte. Des­sen muß nun die Frau entbehren; sie bleibt nun eine elende Witwe. Das läßt sie die Sache so ansehn, als habe Gott sie verlassen und sei ihr feind geworden. Da ist ein betrübtes Herz, das leicht an Gott hätte verzweifeln können, da es aussah, als hätte er sie im Stich gelassen, nachdem erst ihr Mann und nun auch noch ihr Sohn ge­storben war. Diese Frau tröstet der Herr, indem er ihr den Sohn wiedergibt, und ihre Freude ist nun zehnmal größer als vorher der Schmerz war; ja es wäre kein Wunder gewesen, wenn sie vor Freu­de gestorben wäre. So wollen wir also lernen, unsern Glauben an dieser Geschichten zu üben, zu stärken und fest zu fassen; und hiezu laßt uns sehen, wie Christus den Tod so ohnmächtig und ver­ächtlich macht. Weil er uns ein solches Bild vom Tod vor Augen stellt, sollen wir vor ihm kein Grauen haben. Er möchte uns gerne ein Herz schaffen, das geduldig seines Weges ginge und des Todes nicht achtete. Das lernen die am meisten, die im Jammer sind wie diese Witwe. Sieh, wie schnell und leicht es zugeht: Der Jüngling ist gestorben, und da ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß er ins leibliche Leben zurückkehren werde; da mußte alle Welt verzagen. Aber nun kommt er, der Christus; er nimmt keine Apothekerarznei; er sagt nur: »Stehe auf!« Also ist vor seinen Augen der Tod wie das Leben; für ihn ist das eine soviel wie das andre, Tod soviel wie Le­ben. Wenn wir tot sind, so sind wir doch nicht tot vor ihm. Denn er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; und diese leben, wie es Matth 22,32 heißt, wo er sagen will: ›Sie sind nicht gestorben, sondern sie leben mir.‹

Daraus sollen wir etwas lernen: nämlich die große Macht, mit der Gott am Jüngsten Tag durch Christus an uns wirken wird. Mit ei­nem einzigen Wort wird er uns aus dem Grabe hervor­ziehen; er wird rufen: ›Doktor Martinus, komm her!‹, und es wird in einem Augenblick geschehen. Darum sollen wir ja nicht daran zwei­feln, daß bei ihm die Macht und der Wille dazu da ist. So hat die­ser tote Jüngling kein Ohr, und doch hört er! Was für eine seltsame Geschichte ist das! Er, der nicht hört, hört; er, der nicht lebt, lebt; der Leichnam ist tot und lebt; es braucht nur ein Wort dazu! Wenn wir also sehen, daß Christus so leicht aus dem Tode reißen kann, und hören, er wolle es tun, und daß es ihn noch dazu jammere, wenn wir vor dem Tode so erschrecken, so sollten wir ein festes Vertrauen zu ihm fassen. Darum gibt er hier ein Beispiel und eine Probe seiner Macht. Er will uns damit sagen: ›Ängstet euch nicht! Was kann euch der Tod tun? Nichts, als daß er euch erschreckt. Aber schaut nicht auf euch, welche Gefühle ihr dabei habt, und laßt euch nicht von eurer Furcht leiten, sondern schaut auf das, was ich kann und will. Ich kann euch nämlich so leicht aufwecken, wie einer einen andern aus dem Bette aufwecken kann, und ich will es auch. Am Wollen und an der Kraft dazu soll es nicht fehlen.‹ So schlafen sie auf dem Kirchhof viel leiser als ich auf dem Bette; denn mich muß man wohl zehnmal rufen, und ich höre es doch nicht. Sie aber wer­den erweckt werden durch ein einziges Wort. Wir schlafen al­so viel fester als die auf dem Kirchhof; denn wenn da der Herr ruft: »Jüngling!« oder: »Lazarus!« oder: »Mägdlein!«, so hören sie es sofort. Vor unsrem Herrgott heißt ihr Zustand also nicht ›Tod‹, sondern nur für uns; vor Gott ist’s ein so leiser Schlaf, daß er nicht leiser sein könnte. Das will er uns einprägen. Denn wir sollen nicht erschrecken, daß wir, wenn die Pest oder der Tod heran­kommt, jammernd zum Tode sagen: ›Was kommst du denn? Du hast scheußliche Zähne, und wahrlich, ich fürchte mich und sterbe nicht gerne.‹ Vielmehr soll ich da nicht auf das hinsehen, was der Tod von sich aus tut, wie er also der Henker das Schwert zückt; sondern ich soll vielmehr an das denken, was unser Herr­gott dazu tun kann und tun will. Er fürchtet ihn nämlich nicht; er fragt nicht nach seinem Zähneknirschen. Sondern er sagt so: ›Tod, ich will dir dein Tod sein, Hölle, ich will deine Pestilenz sein, deine Büchse und Pulverkugel, die dir dein Ende bereiten; ja, ich will deine Hölle sein! Du hast mir die Leute erschreckt, daß sie ungern gestor­ben sind. Hüte dicht! Dafür, daß du getötet hast, werde umgekehrt ich dich töten. Du sagst: Den habe ich gefressen, den Doktor Martinus habe ich umgebracht! Rühme dich nur, Tod! Sie sind mir aber nicht tot, die du mir getötet hast, sondern sie schlafen, und zwar so leise, daß ich sie mit einem Finger wecken kann.‹ Das wird den Tod zornig machen, daß er nicht mehr fertigbringen soll, als einen Menschen schlafen zu legen, so daß, wenn Christus einmal sagen wird: »Kommet, ihr Toten!‹, sie durch seine Stimme aus den Grä­bern hervorgehen werden: die da Gutes getan haben, zum ewi­gen Leben, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes, wie es Joh 5,28f heißt.

So sollen wir’s machen; denn wir haben diesen Trost: die Mönche und die Türken haben ihn nicht. Daher nehmen sie ihre Zuflucht zu den Werken, weil sie aus Christus einen Richter machen. Sie wissen, daß sie sterben müssen und die Hölle vor sich haben. Darum wollen sie Christus mit Gebeten und Messen entgegenlaufen; sie halten ihn für einen Richter, der sagen werde: ›Du hast so viel gebetet, so viel gute Werke getan; komm, du sollst gerettet sein!‹ Auf diese Weise machen sie selber Christus zu einem Richter über die Chri­sten, über ihr Leben; das ist aber der leidige Teufel. Sie machen aus Christus etwas Schlimmeres als aus dem Tod. Daher fürchten sie sich so vor dem Jüngsten Tag, weil sie böse, verzagte Herzen ha­ben. Du aber sollst sagen, Christus sei ein Richter nur über die Un­gläubigen, welche das Wort nicht hören und ihm nicht vertrauen. Ich aber, der ich getauft bin und an Christus glaube, daß er für mich gelitten hat, brauche mich nicht zu fürchten wegen des Gerichtes; denn er sitzt selber beim Vater und ist mein Verteidiger und Bei­stand. Darum wenn er am Jüngsten Tage kommen wird oder wenn du sterben mußt, so denke: ›Mein Herr Christus sieht dem Tode zu, wie er mich tötet, und wenn der mich erwürgt hat, so schlafe ich so leise, daß er mich mit einem Wort erwecken kann.‹ Und der Herr sagt: ›Der Mensch, der da tot ist, der sieht und hört für mich noch gut, obwohl die ganze Welt meint, er sehe und höre nichts.‹ Daraus sollen wir lernen, daß ein Christ sich nicht fürchten soll; denn Christus kommt nicht, um zu richten, sondern er kommt, wie er zum Sohn der Witwe (und zu den andern Glaubenden) kommt: er errettet ihn vom Tode und bewirkt, daß er sich aufrichtet, sieht, hört, spricht, obwohl er doch nicht sah, hörte und sprach. So wird er auch zu uns kommen, die wir glauben. Die andern, die Ungläubigen nämlich, wird er richten. Wir aber sollen das lernen, daß wir nach unsrem Erlöser uns sehnen und je länger, je besser an ihn glau­ben.

Daher sollen wir Christen froh sein, wenn wir vom Jüngsten Tage hören, oder wenn die Pest kommt und unser letztes Stündlein schlägt. Wenn wir aber uns schrecken lassen, so ist es die Schuld des alten Adam, nicht die Christi; denn es ist das Allergewisseste, daß er uns wieder auferwecken will. Wir sollen schlafen, bis er kommt, und an das Gräblein klopft und sagt: ›Doktor Martinus, ste­he auf!‹ Dann werde ich in einem Augenblick aufstehen und werde ewig mit ihm fröhlich sein. So soll also ein Christ ein andres Herz haben als die Mönche und Türken, die so erschrecken, daß sie nicht aus noch ein wissen. Geschieht ihnen recht: denn warum lernen und glauben sie nicht, daß er ein Mann des Helfens ist für die Gläubigen, und ein Richter nur für die Ungläubigen? Für mich ist er ein Arzt, Helfer und Retter; aber für den Papst, für Herzog Georg und die Teufel ist er ein Richter. Denn diese sind des Teufels und des Todes Diener; sie wollen das vornehmen und ausrichten, was der Tod und der Teufel tun sollen. Da ist er der Richter, um den Frommen Frie­den zu schaffen.

Soviel über die Geschichte von jener Witwe. Gott helfe, daß wir den Mann so erkennen lernen, wie ihn uns das Evangelium vor Au­gen malt.

Gehalten am 28. September 1533 (16. Sonntag nach Trinitatis) im eigenen Haus.

Quelle: WA 37,149-151.

Hier die Predigt als pdf.

„Wenn aber der Tröster kommen wird …“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 15,26-27 von 1957

21. April 2017

Hermann Wöhler – Titelblatt zur Folge „Der Paraklet. Sieben Bilder aus den Tagen des Retters und zum Gedächtnis an den frühe Heimgegangenen“ (1919)

Eine ganz starke Predigt hatte Hans Joachim Iwand am Sonntag Exaudi, 2. Juni 1957 beim ersten Gottesdienst in der nach dem Wiederaufbau renovierten und restaurierten Dortmunder Marienkirche gehalten. Es war die Kirche, in der Iwand während des Zweiten Weltkriegs selbst als Pfarrer tätig gewesen ist. Da nimmt er das Kriegsgeschehen mit den Bombardierungen Dortmunds in das eigene Gedächtnis, um schließlich mit Jesu Worten aus dessen Abschiedsrede (Joh 15,26f) das Kommen des Parakleten und dessen Jesus-Zeugnis anzusagen:

Wenn aber der Tröster kommt. Gott erreicht mit seinem Trost alles Leid. Gott reicht in jede Nacht und jede Tiefe, und was wir nicht sehen, das tut er. Es werden so viele unter uns sein, die diese Bilder kennen, die jetzt an ihre Söhne und Töchter den­ken werden, an ihre Eltern und ihren Mann, an viele Freunde, die wir da­mals hier haben sterben sehen. Und jetzt wissen wir, warum Jesus davon redet, daß es noch nicht mit Ostern zuende ist, daß noch etwas Drittes, Großes, etwas Nachösterliches, etwas Pfingstliches groß und hochgemut an uns geschehen wird.

Solange uns nicht um Trost bange ist, wissen wir das nicht. Solange niemand Hunger hat, weiß er nicht, wie Brot mundet. Solange wir gedan­kenlos leben und rasten und schaffen, brauchen wir keinen Tröster; dann braucht der Mensch keinen Tröster. Ich fürchte manchmal, der Tröster, von dem Jesus hier redet, geht schon wieder an vielen vorüber, weil sie sich selbst trösten. Aber an diese Menschen wollen wir jetzt nicht denken, son­dern wir wollen an die denken, die ihn brauchen – wir sollen an uns den­ken, die wir da nun hier zusammen sind, weil wir das brauchen. Wir wollen an dieses neu erstandene Haus denken, das für alle dasein soll, die ihn brauchen, wie es durch Hunderte von Jahren in diesem Haus geschehen ist; die Gott brauchen, weil er allein unser innerster, unser gewaltiger Trö­ster ist. An alle in solcher Not und Verlassenheit bedrängte Menschen wol­len wir denken. Wir wollen selber solche Men­schen sein, weil wir wissen: der Tröster ist nah.

Ich will ihn zu euch senden, heißt es hier. Und das ist der Trost, daß Jesus sagt: Ich und ihr – er unser Herr, der zur Rechten Gottes sitzt; und wir, wir Christenmenschen, die auf Erden wohnen, wir sind doch nicht ferne von­einander. Es geht ein Strahl vom Himmel auf die Erde, wenn auch dieser Strahl lediglich die Herzen der Menschen trifft und unser irdisches Auge ihn nicht sieht; aber er ist da.

Jesus ist nicht aus der Welt gegangen, wie die Heiden meinen, um dro­ben im Licht zu wan­deln, während wir wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, jahrlang ins Ungewisse herab treiben – nein, so ist es nicht. Sondern so wie Gott uns nicht vergessen hat und es darum Weihnachten werden ließ, so hat Jesus sein Volk nicht vergessen und möchte es darum Pfingsten werden lassen auf Erden, möchte den Geist des Trostes zu ihm senden; jenen Geist, der uns die Kraft gibt, unsere Augen empor zu rich­ten:

Trachtet nach dem, was droben ist. Es ist so, als ob eine Hand uns unter das Kinn griffe und unsere Augen emporrichtete, hinweg von alldem, was uns bange macht, und zeigt auf ihn und sagt: Der Tod ist verschlungen in den Sieg; und zeigt auf ihn und sagt: Er ist schon hindurch und ihr werdet auch alle hindurch dringen. Und darum heißt dieser Geist: der Geist der Wahrheit. Das ist die Wahrheit.

Die Wahrheit ist dies: daß der Tod und die Sünde und die Macht und die Gewalt und das Böse und die Grausamkeit und der Schmerz nicht das Letz­te sind, sondern daß das Letzte sein wird: das große Lob Gottes auf unseren Lippen. Er hat alles gut gemacht, wie am ersten Schöp­fungstag. Dann werden wir sein wie die Träumenden und unser Mund wird voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.

Unser Text sagt hier ein merkwürdiges Wort, er sagt: Dieser Geist der Wahrheit wird zeugen von mir. Jesus sagt: Der Geist der Wahrheit zeugt von mir. Ihr müßt euch das so vorstellen: Da wird ein großer Gerichtstag sein, und da werden sie alle antreten, jene Gott feindlichen Mächte und Gewalten. Und da wird der Tod da sein und wird als Zeuge auftreten und sagen: Was wollt ihr noch, seht doch, was alles dahingesunken ist, ich bin der letzte Gott dieser Welt, lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Da wird die Wissenschaft auftreten, und sie wird sagen: Durch mich laufen alle Räder und durch mich habt ihr alle Arbeit und alle Kunst und Herrlichkeit. Gott, das war ein alter König, der ist jetzt abgesetzt. Jetzt setzen wir den Menschen als König ein über die Welt. Und dann wird das Geld auftreten, und das Geld wird sagen: Ihr wißt doch, wie es war, als ich mal nichts mehr galt. Und ihr wißt doch, wie es heute ist, da ich doch wie­der euer Gott geworden bin. Ihr müßt nicht Gott anbeten, sondern den Mammon. Und da ist die Masse, und die Masse wird sagen: Wir haben immer recht, die Mehrheit entscheidet, und die Mehrheit ist gegen die un­sichtbare Welt. Und da ist vielleicht sogar die Kirche da; ich meine die Kirche des Kaiphas und der Hohenpriester; denn die Kir­che hat zwei Sei­ten, und wir haben das selbst erfahren und erlebt in unserer eigenen Le­bens­geschichte, wie die Kirche sozusagen über Jesus selbst zu Gericht saß. Und die Kirche wird sagen: Ich habe recht, aber nicht er. Und da ist der Staat da, und er wird sagen: Ich bin Gottes Stimme, was ich sage, ist gött­liches Gebot, und wer sich dagegen wehrt, der ist ein verlorener Mann.

Da sagt Jesus: Wenn aber der Tröster kommen wird, der wird von mir zeugen. Mitten in dieser großen Ratlosigkeit und Verlassenheit, wenn sie da alle aufmarschieren werden, da wird ein Zeuge auftreten, unmittelbar von Gott; ein Zeuge, gesandt vom Auferstandenen aus der Höhe. Ein Zeu­ge, der wird den Zeugen auf Erden die Zunge lösen. Ein Zeuge, der wird sie alle in die Schranken rufen und fragen: Und du, was kannst du tun? Sieh da, dieses Feld der Leichen; und höre mein ewiges Wort: Wer da glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Ein Zeuge, der wird fragen: Nun, kannst du, Geld, dem Menschen seine Seele erlösen? Seht, wie arm sind die Reichen. Ein Zeuge, der wird sagen: Einer hat euch erkauft mit seinem unschuldi­gen Lei­den und Sterben, nicht mit Silber und Gold. Ein Zeuge, der wird sagen: Was, die Masse? Seht, wie die Massen irren. Denn der Weg ist breit und die Straße ist weit, die zum Verderben führt; aber der Weg ist schmal und die Straße eng, die zum ewigen Leben führt. Und die Kirche? Der Zeu­ge wird auftreten und sagen: Die Gott anbeten, sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten, und alles, was nicht aus diesem Geist geboren ist, das ist von unten und nicht von oben. Und der Staat? Und der Zeuge wird auftreten und sagen: Wo ist dieser Staat hingeraten? Heute muß Pontius Pilatus im Triumphzuge Jesu Christi durch die Welt ziehen; und wo der Name Jesu des Gekreuzigten genannt wird, da wird sein Name mit ge­nannt, weil er gerichtet ist von dem, der der Richter ist der Lebendigen und Toten. Meine Freunde, das heißt: der Tröster kommt. Und ihr werdet und sollt ganz getrost sein.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Wenn euch der Sohn frei macht …“ – Eine Betrachtung von Hans Joachim Iwand zu Johannes 8,36

20. April 2017

Eine pathetische Freiheitsrede hatte Iwand 1956 gehalten, die zugleich Jesus als Befreier verkündet:

Wenn euch der Sohn frei macht, so werdet ihr in Wahrheit frei sein. (Joh 8,26)

Wir spüren es heute alle, daß der Mensch ohne Freiheit nicht leben kann. Ohne Freiheit kann er höchstens vegetieren, aber er kann nicht Mensch, er kann nicht er selbst sein. Vegetieren, das heißt dann leben wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig lebt, ohne daß es ins Freie schreiten, ohne daß es seine Flügel heben und sich ins Luftmeer schwingen kann. Zwischen dem Ziel, auf das hin ich geschaffen bin, und mir ist ein Gitter, eine Barriere aufgeschich­tet, die ich nicht überschreiten kann. Indem ich daran stoße, spüre ich, daß ich meine Freiheit ver­loren habe. Es wird schon so sein, Freiheit und Schöpfung werden irgendwie zusammen­hän­gen. Wo von Freiheit die Rede ist, da ist es so, daß die letzten und tiefsten Gründe unseres Daseins angerührt sind. Wir wissen uns daran er­innert, wie wir eigentlich gemeint sind, wie wir als Menschen von unserem Ziel, von Gott her bestimmt und geschaffen sind, aber in­dem wir daran erinnert werden, wissen wir doch zugleich, daß da­zwischen etwas geschehen, ein Verlust eingetreten ist, der endgültig ist. Ein Zurück zur Natur, das heißt doch wohl zurück in den Ur­stand der Schöpfung, in ihre Unschuld und Freiheit, kann es nie wieder geben. So ist aus der Natur des Menschen Geschichte ge­worden. Wir haben uns in einer Richtung bewegt, die uns nur im­mer weiter weg führen kann von dieser Freiheit. Eine Umkehr gibt es nicht, mögen wir sie noch so heiß ersehnen, mögen noch so viele Apostel und Propheten der Freiheit auftreten, die das Gegenteil versichern: Unser Gewordensein ist die einzige Wirklichkeit, die es für uns gibt.

II.

Und es sind ja nicht nur die Hindernisse von außen, die uns Not machen, es sind nicht die Verhältnisse, in denen wir uns vorfinden, [265] es ist ja auch nicht nur die Masse und alles, was damit zusammen­hängt, es ist nicht die bedenkliche Majestät dessen, was wir die öffent­liche Meinung nennen, mit der die Mächtigen dieser Welt buh­len müssen, wenn sie ihren Platz behalten wollen, nein, es sind Kräfte und Triebe, die von innen her wirksam werden und von innen her uns in die Tiefe reißen. Es ist so, als ob der Feind ins Innere der Burg sich Ein­gang verschafft hätte, von dort aus die freie Bewegung unser selbst lähmte, gerade die Tapfe­ren, die Star­ken, die durch nichts sonst zu Treffenden von hinten her überfiele. Wir alle haben unsere weiche Stelle, die kennt der Feind, dahin richtet er seine Angriffe. Da sind dann die Unbegreiflichkeiten, die ein Mensch begeht, die ihn zu Fall bringen, die es verhindern, daß sein Fuß das Land der Freiheit, der wirklichen echten Freiheit je betritt. Frei sein, das bedeutet uns, daß wir so sein dürfen, uns so zeigen und entfalten, so in Freude und Leid, so, wenn unser Weg empor geht und so auch, wenn unser Weg bergab geht, wie wir sind, wie wir von Gott her gemeint sind. Anstatt dessen bergen wir uns dann in irgendeiner Gewohnheit, nennen sie Sitte, Ord­nung, Gesetz, und wissen doch ganz genau, daß es Gitterstäbe sind, hinter die wir uns selbst gefangen gesetzt haben, die bürgerliche Gesellschaft nicht anders als die prole­tarische. Was man uns auch immer nennen mag, Beruf oder Familie, Staat oder Gesellschaft, selbst das Einzelgängertum, das einer wählt, um sich nirgends zu binden, alles kann unter der Hand für uns zur Fessel werden, zum Dokument verlorener Freiheit. Wir wissen nur zu genau, auch die, die sich frei dünken, sind’s nicht immer. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. Nein, es ist schon wahr, daß zwischen der Freiheit und uns Menschen ein Graben gezogen ist, ein breiter, garstiger Graben, daß, wer da wollte hinüber kommen, der kann es nicht und kann auch niemand von dort herüber kommen.

III.

Wirklich nicht? Darum geht es bei diesem unserem Text. Wenn es wirklich kein Herüber gäbe, weil es kein Hinüber gibt, dann wäre unser Textwort sinnlos. Aber dann wäre auch die ganze Bibel [266] sinnlos. Dann hätten die recht, die unser spotten, wenn wir an un­seren Ket­ten rütteln und uns dann und wann erheben und das Un­erträgliche unserer ganzen mensch­li­chen Lage empfinden und von uns abzuwerfen suchen. Dann hätten die recht, die hierzu lachen: Rüttelt nur an euren Ketten, sie sind euch viel zu stark; die hat noch keiner zerbro­chen, die goldenen und die eisernen Fesseln, die äußeren und inneren Ketten, die euch binden, könnt ihr nicht zer­brechen, nicht von euch abwerfen. Die hätten dann recht. Aber da­mit, daß wir nicht herüber können, ist noch nicht gesagt, daß da auch niemand von drüben her, aus dem Reiche der Freiheit, aus dem Reiche der ursprünglichen Schöpfung auf unsere Seite treten könnte. Unsere Unmöglichkeiten hier müssen nicht auch seine Be­grenztheiten dort sein. Das ist das Wunderbare an der Heiligen Schrift, daß sie diesen Trugschluß enthüllt, daß Got­tes Wirklich­keit und unsere Wirklichkeit einander jede nach ihrem eigenen Ge­setz gegen­übertreten, daß hier der Spott jener Spötter aufhört, daß hier unsere Sehnsucht nach Freiheit, unser Leiden an unserer Schwachheit ernst genommen wird. Hier weiß man von einem, der den glimmenden Docht nicht löschen und das geknickte Rohr nicht brechen wird. Hier geht ein großes Leuchten, ein Hoffen durch die dunkelsten Verließe und Gefängnisse, in denen die Menschen schmachten, hier weiß man von einem Tag, da die Gefangenen los sein werden, die Blinden sehend, die Gelähmten frei und sicher wandeln werden. Das weiß man. Als die klare, unzweideutige Magna Charta Gottes vom künftigen Tage unserer Befreiung steht die Bibel mitten drin in der Menschheitsgeschichte, als ein großer Trost und eine Verheißung für alle die, denen die Augen aufge­gangen sind für das Unechte und Unfreie ihres Lebens und Wir­kens. Als ob die Bibel uns einschärfen wollte: die auf den Herrn harren, werden doch eines Tages auffahren wie Adler, sie werden doch, nicht in ihrer aber in seiner Kraft laufen und nicht müde werden. Es wird doch einmal die Decke weggenommen von den Völkern und doch werden einmal die Tage kommen, da auch die schwersten und letzten gottlosen Bindun­gen und Ketten, mit denen euch dieses ganze Weltgebäude zwingt und unfrei macht, gebro­chen werden. Auch der Tod wird einmal nicht mehr sein. [267]

IV.

Ich möchte meinen, daß darum die Menschheit immer wieder gezögert hat, die Bibel wegzu­werfen, auch wenn sie sie nicht ver­stand oder wenn sie sich an ihr ärgerte — aber etwas von diesem Geheimnis ließ sie nicht los. Daß hier nicht über das gelacht wird, worüber sonst in der Welt nur ein Hohngelächter zu vernehmen ist, daß es hier nicht heißt: weil wir nicht her­über kommen, kann auch keiner von dort drüben zu uns kommen, weil wir in die Welt der Freiheit nicht einzutreten vermögen, kann auch keiner aus die­ser Welt zu uns kommen und unsere Fesseln lösen. Die Bibel hat unsere letzte Not begriffen, sie hat wirklich verstanden, wie groß der Schaden ist, an dem wir leiden. Die Bibel sagt uns, daß die Rede von der Freiheit nur Sinn hat, wenn es da, in dieser geheim­nisvollen Burg, die wir Gott nennen, eine Zug­brücke gibt, die eines Tages heruntergeht, jenen Graben überbrückt, der da klafft zwi­schen unserer Welt, der Welt des unfreien, gebundenen, vergitter­ten und verlorenen Menschen, mit denen etwas Besonderes gesche­hen ist, die in eine eigenartige Bewegung versetzt sind: Men­schen, die auf diesen Tag warten, Menschen, die immer wieder zu­rückgeworfen wurden, geschlagen und verspottet, weil sie nicht aufhörten, nach drüben auszuspähen, nach der Seite Gottes, nach den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, die darum gegen ihre Zeit, gegen den König, gegen die Hohenpriester, gegen alles, was als Realität galt in Staat und Kirche, Stel­lung nehmen mußten, eben weil sie es wußten, daß die Freiheit kein leerer Wahn ist — solche Menschen machen die Bibel aus. Und die Bibel hat sie uns auf­bewahrt, ihre Klagen und ihre Schwachheiten, ihre Ketten und ihre Wunden, die Bibel hat uns ihr Gedächtnis und ihre Namen aufgehoben, weil sie recht bekommen haben — recht bekommen haben von Gott her und vor Gott, recht bekommen haben, tausend­mal Recht gegen alle ihre Spötter und Feinde, Recht noch im Tode und im Untergang gegen alle, die sich zufriedengaben mit ihren Ordnun­gen, ihren Gesetzen und Gewohnheiten, mit diesem fal­schen Frieden, mit all denen, die nicht mehr rochen, daß der Mensch wo anders her ist, daß diese arme Erde nicht seine Heimat ist. Und [268] der, in dem sie recht bekommen haben, heißt in der Bibel der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil er der ist, der von drüben, aus dem Reiche der Freiheit zu uns kommt, der so, ganz bezie­hungslos und ganz unmittelbar, ganz aus der Ewigkeit in die Zeit tretend unter uns steht. In ihm haben alle die recht bekommen, die je Nein gesagt haben zu den Fesseln und Ketten, in die wir ge­schlagen sind. Alle, die ihre Hoffnung auf Gott und sein Vermögen, seine Freiheit, seine Gegenwart mitten unter uns nicht aufgegeben haben. Das ist der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil alle Ver­heißungen in ihm wahr geworden sind, allen voran die der Freiheit. Sie ist eben doch kein leerer Wahn, sie ist kein Irrlicht, vor dem wir uns hüten, vor dem wir womöglich andere warnen sollten. Es gibt unechte Freiheit. Es gibt viele Ansätze und Aufbrüche, Revolu­tionen und Erhebungen, die die Freiheit proklamieren und sie doch nicht bringen. Das sind alles Griffe von hier nach dort, Signale, Schreie, Akte letzter Not. Gemeint ist in allem dieser Eine, dieser Sein Tag und dieses Sein: Ich aber sage euch! Der auf der anderen Seite steht, versteht, was damit gemeint ist! Er weiß, daß solche Ak­tionen ein Schrei nach ihm sind, nach dem, der Gott und Mensch zugleich ist, nach dem, der dort ist und hier zu uns kommt, nach dem, in dem dort hier ist!

Und seht, das ist Jesus. So will Jesus, daß man ihn sieht. So zeichnet ihn die ganze Bibel, im Alten und im Neuen Testament. Er steigt herab ganz in unsere Tiefe, in diese schmutzige Tie­fe, wo der zähflüssige Strom, den wir fälschlich das Leben nennen und der doch ein Todes­strom ist, die Menschen mit sich fort treibt, er ist herunter gestiegen bis dahin, wo unser Gefängnis ist, er geht hindurch durch all die Kerker und Verließe, wo immer Menschen schmachten. Es gibt ein Eingekerkertsein, das uns gar nicht auffällt. Aber Jesus sieht, wer unfrei ist. Jesus sieht diese unsere ganze, un­sere totale Unfreiheit, unser Unfreisein in unseren Vorurteilen, in unseren Sorgen und in unseren Wünschen, in unserer Gier und in unserer Satt­heit, in unserer Gerechtigkeit und in unseren Über­tretungen. Er sieht wie angeschlossen an lauter Fesseln sich der Mensch dahinbewegt. Wo Jesus kommt, da fallen diese Fesseln. Mag der Palast, in dem wir schmachten, mag die Burg des dunklen [269] und grausamen Herrn, dem wir da alle untertan sein müssen, noch so gut bewacht sein, der Name Jesus bricht alle Schlösser auf. Das liegt daran, daß er der Sohn ist. Gott ist mit ihm.

V.

Aber wie kommt uns Gottes Freiheit nahe? Wenn sie uns in Jesus Christus nahekommt, dann kommt sie uns immer in einer bestimm­ten, in einer von allen anderen Befreiungsaktionen unterschiedenen Weise nahe. «Wen der Sohn freimacht» heißt es, wen also dieser von dort nach hier, aus der Höhe in die Tiefe, aus dem Reich gött­licher Gerechtigkeit in den Bereich menschlicher Ungerechtigkeit, aus dem Leben in die Todeswelt gekommene Sohn freimacht, der ist in Wahrheit frei. Nicht, wer nur die Parole vernimmt: befreit euch! Das ist freilich das letzte, was wir Menschen einander und füreinander tun können, daß wir uns zurufen: Zer­brecht eure Ket­ten! Steht auf und stürzt eure Gewalthaber! Wir kennen das ja zur Genüge. Nicht nur von den großen Momenten der Revolutionen aus und den entscheidenden Augen­blicken der Politik, wenn jemand den Feuerbrand der Freiheit in ein altes Gemäuer wirft, nein, wir kennen diesen Ruf noch von einer ganz anderen Sicht her: wenn wir ihn scheinbar mit göttlicher Autorität an uns herangetragen se­hen: Steh auf und beginne ein neues Leben! Wirf ab, was dich lähmt! Steh auf und nimm deine Lagerstatt und gehe heim! Und wir dann nur hinweisen können auf die schreckliche Tatsache, daß die erste Voraussetzung in diesen star­ken Sätzen fehlt: wenn man blind ist, kann man eben nicht sehen, und wenn man gelähmt ist, kann man sich nicht erheben. Was nützt dann der Ruf zur Frei­heit! Wer kann mich denn sehend machen? Darauf käme es doch wohl an, daß einer da wäre, der mehr kann als nur die Parole aus­geben: Befreiet euch, — der mich frei macht.

Das ist Jesus. Das ist der Sohn. Das ist der für uns alle gestor­bene und auferstandene Herr. Er ist unsere Freiheit. Der Sohn macht frei. Er weiß ganz genau, daß es gerade um jenen ersten Schritt geht: daß es darum geht, daß einer da ist, der mir wieder [270] das Augenlicht schenkt, denn ich bin eben geblendet; daß einer da ist, der mir sagt: Lazarus komm heraus, denn ich liege bei den To­ten und rieche die Verwesung um mich her. Diesen ersten entschei­denden Schritt gerade können wir nicht tun, um den ersten Schritt geht es bei der Freiheit. Der erste Schritt — das ist die Freiheit! Der kann nicht von uns ausgehen, sondern muß auf uns zu getan werden. Es muß unter uns Menschen einer frei sein, damit wir ande­ren alle frei werden. Einer muß der Freie sein unter all den Un­freien, und weil das ist, weil Jesus da ist, Jesus Chri­stus der Sohn des lebendigen Gottes, darum kann aus Sehnsucht Erfüllung wer­den, darum ist der erste Schritt getan, darum können wir auch den zweiten und dritten und alle weiteren tun. Wen der Sohn frei macht, der ist wahrhaftig frei.

Geschrieben 1956.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 264-270.

Hier der Text als pdf.

Theologie der Milch – Zum Sonntag Quasimodogeniti

19. April 2017

Der Name des Sonntags Quasimodogeniti (Osteroktav) leitet sich von der früheren lateinischen Antiphon ab: Quasi modo geniti infantes, Halleluja, rationabile, sine dolo lac concupiscite – auf Deutsch: „Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen (logikon), lauteren (adolon) Milch (gala)“ (1. Petrus 2, 2)

Die Symbolik der Milch hat in der Alten Kirche liturgisch und sakramental eine gewichtige Rolle gespielt, so wenn Clemens von Alexandria in seinem Paidagogos schreibt:

„Ich habe euch in Christus mit einfacher und wahrer und natürlicher Speise, der geistlichen, unterrichtet; denn dies ist das Wesen der lebenspendenden Milch, die aus zärtlich liebenden Brüsten quillt. Somit wäre das Ganze so aufzufassen: Wie die Ammen mit der Milch die neugeborenen Kinder ernähren, so auch ich, indem ich euch mit dem Wort, der Milch Christi, geistliche Speise einflöße. In diesem Sinn ist die vollkommene Milch eine vollkommene Speise und führt zu einer unaufhörlichen Vollendung. Deswegen ist in der Ruhe dies nämliche, „Milch und Honig“, verheißen. Begreiflicherweise verspricht der Herr den Gerechten wieder Milch, damit so deutlich der Logos als beides erwiesen werde, „als A und O, als Anfang und Ende“,  der Logos, der sinnbildlich als Milch bezeichnet wird.“ (Paed I,6,35f – Übersetzung Stählin)

Und im Schlusshymnus des Paidagogos heißt es:

Christus Jesus;
Himmlische Milch,
Die aus süßen Brüsten
Der Braut, den Liebesgaben
Deiner Weisheit,
Entquillt,
Nehmen wir Unmündigen
Mit kindlichem Mund
Als Nahrung zu uns,
Aus der Mutterbrust des Logos,
Mit des Geistes Tau
Lassen wir uns erfüllen
(Paed III,101,3 Z. 41-52)

Eine ähnliche Sprache findet sich der 19. der Oden Salomos:

„Ein Becher Milch ist mir gebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süßigkeit der Güte des Herrn. Der Sohn ist der Becher, und er, der gemolken wurde, der Vater; und es hat ihn gemolken der Heilige Geist, denn seine Brüste waren voll, und es hätte sich nicht  geziemt, daß seine Milch achtlos verschüttet wurde. Der Heilige Geist hat seinen Busen geöffnet und hat die Milch der beiden Brüste des Vaters gemischt und hat die Mischung der Welt gegeben, ohne dass sie es wusste; und die, welche sie empfingen in ihrer Fülle, sind die zur Rechten.“ (19,1-5 – Übersetzung Flemming)

Ja, eine schwülstige Sprache, aber das Symbol der Milch verweist für die „Kinder Gottes“ auf eine nährende und zugleich intime göttliche Lebensbeziehung in Jesus Christus (vgl. Johannes 6,27-58).

„Nimm und trink vom Kelch des Heils“ – Christus in der Kelter (eine Karfreitagspredigt)

14. April 2017

Meester van het Martyrium der Tienduizend – Christus in de wijnpers (Kupferstich handkoloriert, 1463-1467, Rijksmuseum Amsterdam)

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.“ (Johannes 19,33f)

Als es mit dem Leiden Jesu am Kreuz von Golgota sein Ende hatte, fließt Blut – sein Blut. Die Frage stellt sich: Ist Jesus Christus damit zu einem Todesopfer geworden, dessen Blut unschuldig vergossen worden ist? Schnell redet man bei Unfällen oder Gewalttaten von Todesopfern, als wären die Getöteten dem Tod geopfert worden.

Wenn wir an Karfreitag den Kreuzestod Christi in den Blick nehmen, gedenken wir keinem passiven Todesopfer (im Sinne eines victim), sondern unseres Erlösers. In der christlichen Passionsmystik findet sich dazu die bildliche Darstellung „Christus in der Kelter“. Sie nimmt Bezug auf Jesaja 63,3: „Ich trat die Kelter allein (torcular calcavi solus)“. Beim Propheten steht diese Aussage für die vernichtende Handlung im göttlichen Endgericht über die Völker, wenn es heißt:

Wer ist der, der von Edom kommt,
mit rötlichen Kleidern von Bozra,
der so geschmückt ist in seinen Kleidern
und einherschreitet in seiner großen Kraft?
»Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet,
und bin mächtig zu helfen.«
Warum ist denn dein Gewand so rotfarben,
sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?
»Ich trat die Kelter allein,
und niemand unter den Völkern war mit mir.
Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn
und zertreten in meinem Grimm.
Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt,
und ich habe mein ganzes Gewand besudelt.
Denn ich hatte einen Tag der Rache mir vorgenommen;
das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.
Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer,
und ich war bestürzt, dass niemand mir beistand.
Da musste mein Arm mir helfen,
und mein Zorn stand mir bei.
Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn
und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm
und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«

(Jesaja 63,1-6)

Mit diesen prophetischen Worten ist ein grausames Strafgericht über die Sünde der Völker angesagt, bei dem der HERR menschliches Leben wie die Trauben in einer Kelter zertritt und deren Blut in den Ackerboden fließen lässt. Dass die Passionsmystik nun Christus in der Kelter auftreten lässt, verdankt sich einer technischen Innovation. Ursprünglich wurden Weintrauben in der Kelter (von lateinisch calcatorium, deutsch Fußtretung) ausgepresst, indem die Maische mit den Füßen zerstampft wurde. Bei den Römern kamen dann hölzerne Hebelpressen, sogenannte Baumkeltern („Torkel“, lateinisch torcular, „Presse“) zum Einsatz, bei denen eine Platte durch den Hebeldruck eines langen Baumstammes auf die Maische gedrückt wurde.

Christus in der Kelter trägt den Pressbaum (Kelterbalken) als sein Kreuz. So presst er die Weintrauben aus und ist zugleich selbst der Ausgepresste, der dem erdrückenden Gewicht des Baums nichts entgegenzusetzen hat.

Torkel in Nonnenhorn am Bodensee aus dem Jahr 1591

Schon Papst Gregor der Große (590-604) hat sich dieses Sinnbildes Christi angenommen:

„Allein hat er die Kelter getreten,
in der er selbst ausgepresst wurde,
da er das Leiden ertrug und überwand,
bis zum Tode am Kreuz duldend aushielt
und glorreich vom Tode erstand
(Solus enim torcular in quo calcatus est calcavit, qui sua potentia eam quam pertulit passionem vicit. Nam qui usque ad mortem crucis passus est, de morte cum gloria surrexit.)“
(Homiliae in Ezechielem II,1,9 vgl. PL 76, 942B)

Und auch der Mystiker Rupert von Deutz (um 1070-1129) deutet die Kelter auf Selbsthingabe Christi aus:

„Er kelterte, da er sich freiwillig für uns hingab,
er wurde gekeltert wie eine Traube,
da er unter dem Druck des Kreuzes
den Wein von der Hülle des Körpers ausscheiden ließ
und seinen Geist aushauchte“
(In Isaiam 2, 29 – PL 167, 1356)

Das tonnenschwere Gewicht der Sünde lastet auf Christus, erdrückt den Körper, presst ihm sein eigene Leben aus. So vollzieht sein Auftritt in der Kelter nicht das göttliche Zorngericht über die Völker. Gottfeindliches Leben wird durch ihn nicht zertreten. Vielmehr stiftet seine eigene Hingabe Frieden, wie es im Brief an die Kolosser heißt:

Es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (Kol 1,19f)

Was Blut für das menschliche Leben austrägt, stellt die göttliche Anweisung im 3. Buch Mose heraus: „Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“ (17,10)

Auf dem Bildnis „Christus in der Kelter“ findet sich ein Abfluss aus der Kelter, unter den ein Kelch bereitgestellt ist. Dass Jesu Blut vergossen worden ist, ist keine Mordtat, bei dem das Blut vom Ackerboden in den Himmel schreit (vgl. 1Mose 4,10). Vielmehr wird aus dem Unheilsgeschehen am Kreuz von Golgota das Leben neu gewonnen. Christus stellt sich nicht als Todesopfer der Menschheitsgeschichte dar. Im Abendmahl hat er den Leidens- und Todeskelch mit Danksagung in die eigene Hand genommen und ihn seinen Jüngern gereicht: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,27f)

In diesen Kelch hat sich Jesus mit seiner Todesgabe leiblich hineingelegt. Sein Blut, das geflossen ist, gereicht uns zum Heil. Der Tod am Kreuz macht nicht fassungslos, sondern stellt sich als Hingabe gegen unseren eigenen Tod. Er greift unser Leben auf, wo die Sünde es von den göttlichen Wurzeln abgeschnitten hat, wo es im Tod zu Staub verfallen muss.

Wenn wir von diesem „Kelch des Heils“ (Ps 116,13) trinken, schmecken wir den Wein (und nicht etwa Essig). Als Freudenbringer und Gottesgabe ist er zu preisen, so in Psalm 104:

Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz
und sein Antlitz schön werde vom Öl
und das Brot des Menschen Herz stärke

(Ps 104,14f)

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ (Prediger 9,7)

Dein Tun hat Gott schon längst gefallen, wenn Du im Abendmahl den Leidenskelch Jesu als Kelch des Heils in die eigenen Hände nimmst und seinen Worten Glauben schenkst: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedäch­tnis.“ (1Korinther 11,25)

Christus in der Kelter – tonnenschweres Gewicht der Sünde lastet auf ihm, erdrückt sein Leben, presst es ihm aus. Aber seine Hingabe für uns geht nicht verloren, ist im Kelch unter der Kelter gefasst: „Nimm und trink vom Kelch des Heils“ „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

„Diese Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Gekreuzigten“ – Hans Joachim Iwands Predigt über 2. Korinther 5,19-21 an Karfreitag

13. April 2017

Christus in der Kelter

Eine starke Karfreitagspredigt über 2. Korinther 5,19-21 hatte Hans Jochim Iwand am 7. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Diese Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Gekreuzigten. Sie hat hier ihren letzten, ungeheuerlichen Versuch gemacht, Gott, als er mitten unter uns trat, zu beseitigen. Als sich auf einmal alles verwandelte, als verschlossene Quellen neu aufbrachen, als sich die Augen der Blinden öff­neten, als die Aussätzigen rein wurden und die Armen aufhörten, Gott zu fluchen und anfingen, Gott, den Gott, der in Jesus zu ihnen trat, zu lieben, da hat diese Welt ihren letzten Versuch gemacht, Gott los zu werden, und das Kreuz ist das Denkmal dieses letzten, aber gerade darin endgültig ge­scheiterten Versuchs. Um des Kreuzes willen darf es nun wirklich heißen: »Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.«

Es sind zwei Worte, die sich am Anfang unseres Textes besonders auf­fällig und deutlich herausheben: Gott und Welt. Im Griechischen ist es fast noch schärfer ausgedrückt als in dem verlesenen Text, da heißt es: dement­sprechend, daß es Gott war, der in Christus die Welt mit sich versöhnte. Gott ist also nicht etwas hinter dem Ganzen, das Geschehen, um das es geht, wenn wir die Karfreitagsgeschichte hören, ist nicht ein Drama, das sich vor unseren Augen abspielt und hinter dem dann irgendein Gott als Regisseur steht oder von uns dazu zu denken wäre, so wie man sonst das Drama eines Lebens auf die Bühne bringt. Da ist kein Vorhang zwischen dem Kreuz und Gott. Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unendlichen Verborgenheit und Tiefe und hat mitten in dieser Welt, in der wir alle leben, und für diese Welt, die so verloren ist und so seufzt und stöhnt und ächzt unter ihrer eigenen Gottesfeme, gehandelt und er hat das Tor zu sich wieder aufgetan und den großen Versöhnungstag herauf­geführt, auf den sie alle so sehnsüchtig warteten, die Propheten und die Frommen des Alten Testaments, genau so wie wir. Alle warteten darauf und müssen warten, wenn anders uns je einmal deutlich wurde, was Sünde und Schuld und Verfehlung bedeutet. Gott muß mitten unter uns treten. Gott ist es, der in Christus handelt. Gott gehört zu Christus und Christus gehört zu Gott, und es ist eben nicht so, als ob sich in Christus eine beson­dere Tiefe von Welt offenbarte, die Welt in ihrer edelsten und besten Mög­lichkeit, die Welt als die Welt des Menschen und seiner Größe, als ob wir also hier nur etwas sehen und hören könnten, was aus der Welt und ihren eigenen Möglichkeiten heraus denkbar ist. Nein, nicht unsere, sondern Gottes Möglichkeiten werden hier greifbar. Gott greift in Jesus Christus selber ein, er will uns überzeugen, daß er Gedanken des Friedens mit uns hat und nicht des Leides, daß er uns sucht, auch wenn wir nichts mehr von ihm wissen wollen, daß er den Weg weiß, auch wenn wir ihn längst ver­loren, schon längst alle Hoffnung begraben haben, je wieder zurückzufinden. Und ebenso gilt das nach der anderen Seite hin, nach der Seite der Welt hin, man könnte ja meinen, diese Tat Gottes in Jesus Christus habe mit der Welt nichts mehr zu tun, die gelte nur für den Frommen, den Guten und Gerechten, man könnte meinen, und viele glauben das ja, daß nur religiös angelegte Naturen verstehen, worum es in Jesus Christus geht. Aber auch diesen Gedanken müssen wir fahren lassen, wenn wir hören und verstehen wollen, was unser Text uns sagt. Heute geschieht nämlich wirklich, was Jesus Christus in seinen Gleichnissen immer wieder ange­deutet hatte: daß die Türen des königlichen Saales weit offen sind und die Boten ausgesandt werden, alle zu holen, Gute und Böse, die Krüppel und die Lahmen, die Ausgestoßenen und die Entfremdeten, nicht bloß die Idealisten, sondern auch die Materialisten, nicht bloß den Sohn, der im Hause blieb, nein, gerade auch den verlorenen Sohn, der sein Vermögen vertan und sein Leben verwüstet hat, heute sind alle gerufen ohne Unter­schied, heute sind alle geladen zu hören, was hier kundgemacht wird. Das ist Jesus Christus, die offene Tür, durch die wir alle wieder einen Zugang haben von hier nach dort, weil Gott durch diese Tür eingetreten ist, von dort nach hier. Gott und Welt, diese beiden abgrundtiefen Gegensätze be­gegnen sich hier und sie begegnen sich so, daß die Welt mit Gott versöhnt ist. Das ist das Große, was der Karfreitag bezeugt, und wir alle sind immer wieder neu gefragt, ob wir das glauben. Denn es ist so leicht, an Gott zu glauben, wenn man die Augen schließt und die Welt nicht sehen will, die Welt um uns und die Welt in uns, und darum geschieht es dann so oft, daß wir den Glauben verlieren, wenn wir irgendwie genötigt werden, die Au­gen aufzutun und zu sehen, was Welt heißt und bedeutet. Aber dieser welt­abgewandte Glaube ist in Wahrheit nicht der Glaube an den Gott in Chri­stus, es ist nur der Glaube an einen gedachten, eingebildeten, selbst gemachten Menschengott, der Glaube an den Gott der Guten, der Gerech­ten, der Frommen, aber nicht der Glaube, der erst hier geboren wird, hier, wo Gott in Christus mitten unter uns steht, um uns zu vergeben.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Unser Nein muss zum Ja werden“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 13,1-15 an Gründonnerstag

12. April 2017

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde aus Mainz ( 1400 1420 – Germanisches Nationalmuseum Nürnberg )

Eine eindrückliche Predigt über Johannes 13,1-15 hatte Hans Jochim Iwand am 6. April 1950 im „Haus der helfenden Hände“ in Beienrode gehalten:

Gerade darum ist uns Jesus immer wieder so fremd und zwar dieser Je­sus, der nicht gekom­men ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, und der doch ein Herr ist. Wenn wir ihn lieb gewonnen haben, wenn er uns Eindruck gemacht hat mit seinen Worten und Taten, wollen wir ihm dienen. Er soll uns unter keinen Umständen die Füße waschen – das wäre ja die Umkehrung aller Ordnung –, denn damit würde das unter­ste zuoberst gekehrt, die Herren würden Diener sein und die Knechte Her­ren. Ganz unten, wo niemand stehen will, würde der Herr aller Herren ste­hen, und ganz oben, wo niemand hinzukommen glaubte, da würden die Jünger und die Knechte stehen. Gott so tief unten, daß keiner von uns da sein möchte, wo er ist, und der Mensch so hoch oben, daß keiner sich ge­traut, das auch nur zu denken. Aber gerade das ist es, was Jesus Liebe nennt. Dazu kommt er in die Welt, dazu geht er ans Kreuz. Dazu wird er von Gott in Gegensatz gesetzt zu allen irdischen Herren und darin sind alle irdischen Herrschaften durch Jesus zur Ordnung gerufen und gerichtet. Aber merkwürdig, gerade das wollen wir nicht. Petrus ist auch hier wieder so liebenswert, weil er den Mut hat, das auszusprechen. Petrus und Judas stehen dabei in einem offenbaren Kontrast. Judas wird sich die Niedrigkeit dieses Herrn zunutze machen, wird ihn verraten, er wird als erster den Schritt nach draußen tun in die Finsternis, um diesen Jesus, der nicht Kö­nig sein will, wie er es von ihm erhoffte und erträumte, in der Menschen Hände zu übergeben. Er wird das tun, was immer wieder die an Jesus sich ärgernden, an seiner Niedrigkeit irre gewordenen Nach­folger und Jünger getan haben, sie haben ihn verraten. Wenn Judas recht behält, wenn er zum Zuge kommt, dann bekommt Jesus einen Purpurmantel umgehängt und eine Krone wird ihm aufgesetzt. Aber nur um ihn zu verhöhnen, und nur, um ihn zu quälen. Wie oft ist das gesche-hen in der Geschichte der Kirche. Wie oft hat man den Judenkönig preisgegeben an die Mäch­tigen und Gewaltigen dieser Welt, daß sie mit ihm ihr Spiel trieben. Wieviel Glauben ist damit zerstört, wieviel Hoffnung vernichtet. Aber merkwürdig, eines hat man nicht zerstören können, eines hat auch Judas nicht erreicht: er hat das Beispiel nicht zerstören können, das Jesus gegeben hat. Das Bei­spiel des dienenden Herrn wird durch den Verrat des Judas immer klarer, immer eindringlicher, einleuchtender. Auch in seiner Passion, auch unter dem Höhnen der Soldateska, auch vor Kaiphas und Pilatus, auch und vor­nehmlich am Kreuz bleibt Jesus der, der sich niederbeugt, um uns zu die­nen. Ja, jetzt wird überhaupt erst klar, was Jesus mit seiner beispielhaften Tat gemeint hat, jetzt wird klar, wozu wir alle geladen und gerufen sind, daß wir uns nämlich von diesem Herrn dienen lassen. Niemand kann ihm dienen, dem er nicht zuvor gedient hat. Niemand kann ihn einen Herrn heißen, dem er nicht zuvor die Füße gewaschen hat, die staubigen, schmutzigen Füße, an denen die Spuren der mühseligen Erden­wanderung sichtbar sind. Das ist das Wunderbare an dem Bild, das Jesus den Seinen läßt, daß es nie verblaßt, sondern in Not und Verfolgung umso klarer und deutlicher vor unserer Seele steht, sodaß wir allezeit wissen können, was hier den Petrus so blitzartig überfällt, was ihn so entwaffnet hat: daß es unser Heil ist, wenn er uns dient. Ehe wir ihm dienen, muß eine Stunde kommen, da er uns dient und nicht wir ihm: »ohne mich könnt ihr nichts tun«. Das ist das Heil des Menschen, daß Gott sein Diener wird und der Mensch sich gefallen läßt, daß er sein neues Leben, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und Reinheit, das Gotteswerk gelten läßt und alles ihm aus Gnade zuteil wird.

Darum sitzt nicht nur der stumme Judas mit seinen finsteren und bösen Gedanken unter der Schar der Jünger, sondern auch Petrus sitzt hier, Pe­trus, der zuerst Nein sagt und dann Ja. Ein natürliches Nein und ein über­natürliches Ja. Petrus begreift, daß hier etwas Unerhörtes geschieht, etwas, was dem Denken aller Menschen, auch der frommen Menschen zuwider­läuft. Darum sagt Petrus Nein. In alle Ewigkeit nicht sollst du mir die Füße waschen. Aber dann begreift er auf einmal, daß er sich mit diesem Protest um das Heil seines Lebens bringt, und nun sagt er Ja. Offenbar hat unser Evangelist diesen Petrus sehr lieb gehabt, sonst würde er uns dies nicht so ausführlich berichtet haben. Die Bibel liebt die Nein-Sager, die dann doch zum Ja hinfinden. Die Bibel weiß, daß ein solches leidenschaftliches, offe­nes, menschliches Nein schon der Anfang ist vom Ja, sie weiß, daß wir alle, wenn wir auf Jesus stoßen, zunächst gar nicht anders können als Nein sagen. Nein aus dem ganzen Herzen dessen, was wir nun einmal fühlen und denken, wie wir urteilen und glauben. Solange wir noch nicht auf Jesus stoßen, schlummert dieses Nein. Da denken wir uns Gott und seine Herrschaft und sein Reich analog zu dem, was wir sonst glauben und hof­fen. Aber wenn uns dann Gott in Jesus ganz nahe kommt, wenn auf einmal in den leeren Rahmen, den das Wort Gott für uns bedeutet, sein eigenes Bild tritt, wenn er nun doch – und gerade in Jesus – tut und sagt, was gött­lich und eben nicht menschlich ist, dann wacht es auf, dies Nein in uns, das große, schwere Ärgernis, das sich wie ein Klotz an unser Bein hängt und uns hemmt in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth.

Aber unser Nein muß zum Ja werden. Nicht weil wir darin schon das Ja meinten, sondern weil wir dieses Nein nicht mehr ins Leere, in uns selbst hineinsprechen. Jesus läßt unser Nein oft nicht gelten, Jesus macht aus dem Nein ein Ja, gerade dieser uns dienende, sich vor uns nie­derbeugende Jesus. Er öffnet uns die Augen, daß wir uns mit dem Nein selbst im Wege zu unserem Heil stehen. Er läßt uns begreifen – und an diesem Begreifen, an diesem Schritt vom Nein zum Ja hängt eigentlich unser aller Leben, also daran, daß das Ja größer wird und das Nein kleiner, daß das Ja wächst, ganz groß, ganz überwältigend groß, das Ja, sich dienen zu lassen von diesem Jesus, und das Nein immer schwächer und stiller wird, unsere Ver­wunde­rung über das ganz andere an diesem Jesus und seinem Tun, unser Sträuben dagegen, daß er – der Herr Jesus Christus – uns die Füße wäscht.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.