Archive for the ‘Predigten’ Category

Gemeinsam auf dem Teppich bleiben – warum unser Glaube das „Wir“ braucht

15. Januar 2018

Jeder hat seinen eigenen Glauben – wie wahr, und doch nicht die letzte Wahrheit. Andernfalls könnte man sich die Gemeinschaft der Glaubenden und damit auch die Kirchengemeinde schenken. Wer den eigenen Glauben für sich behalten will, tut schwer daran, diesen Glauben sich selbst zu erhalten. Dem privaten Glauben fehlt nämlich die Resonanz – der Rückhalt im Glauben der anderen. Ein stummer Glaube ist die Ansammlung eigener Gedanken, die sich mit der Zeit von selbst erübrigen.

So wirbt der Apostel Paulus für das „Wir“ des Glaubens: „In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. In der Hingabe zögern wir nicht, im Geist brennen wir, dem Herrn dienen wir. In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest.“ (Römer 12,10-12 Zürcher Bibel) Im Glauben an Christus haben wir gemeinsam Hoffnung und sind im Gebet miteinander verbunden.

Um es mit einem Bild zu veranschaulichen: Mitgeteilter Glaube ist wie ein Faden, der in einen gemeinsamen Teppich eingewebt oder eingeknüpft worden ist. Da mag mein Glaube mir selbst nicht besonders fest erscheinen. Aber wenn ein (noch so) dünner Glaubensfaden im gemeinsamen Glaubensteppich anknüpft, bestärkt er den Glauben anderer und wird umgekehrt von deren Glauben aufrecht gehalten. So verdichtet und vergewissert sich unser Glaube in Gottesdiensten, im Gebet füreinander sowie in Gesprächen. Selbst Zweifel lässt sich in der Gemeinschaft des Glaubens heilsam zur Sprache bringen.

Das „Wir“ in der Kirche mag manchem vereinnahmend klingen. Wenn jedoch Worte und Blicke des Glaubens andere Menschen miteinbeziehen, werden diese damit nicht auf die eigene Seite gezogen. Der Glaubensteppich ist groß genug, dass in der Gemeinschaft auch gegenseitig Abstand gewahrt werden kann. Nur so kann ja der Teppich ein filigranes und farbenreiches Glaubensmuster erhalten.

In der Kirchengemeinde bleiben wir im Glauben an Jesus Christus gemeinsam auf dem Teppich. Schließlich hält sich unser Glaube nicht an einem fliegenden Teppich aus 1001 Nacht fest. „Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus“ heißt es beim Apostel Paulus (1Korinther 3,11). Unser Glaubensteppich mit all seiner Vielfalt gründet auf dem, was Jesus Christus mit seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung für unser Heil gewirkt hat. Und es ist der Heilige Geist, der uns über uns selbst hinaushebt und unserem Glauben Flügel verleiht – damit wir mit unserem Leben in der Gemeinschaft des dreieinen Gottes ankommen.

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„In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest“ – Wie die Zürcher Bibel Römer 12,9-16 als Wirklichkeitszusage übersetzt

13. Januar 2018

Christus der Weinstock (Joh 15,1-8)

Das sind ja die Entdeckungen, die eine andere Übersetzung bescheren können. „Klassisch“ wird nach Martin Luther Römer 12,9-13 imperativisch im Sinne der Paränese übersetzt, so beispielsweise in Vers 11: „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“ Nun handelt es sich jedoch im griechischen Text (bzw. in der lateinischen Vulgata) um eine Partizipialreihung, wo weder Person noch Modus bestimmt sind. Wenn der definite Bezug im Kontext gesucht wird, kommt man schließlich zu Römer 12,5f mit einer finiten Verbform: „so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist„. In der Zürcher Bibel von 2007 wird – meiner Ansicht nach zurecht – die Partizipialreihung indikativisch mit einem „Wir“ übersetzt:

9 Die Liebe sei ohne Heuchelei!
Das Böse wollen wir verabscheuen,
dem Guten hangen wir an.
10 In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan,
in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor.
11 In der Hingabe zögern wir nicht,
im Geist brennen wir,
dem Herrn dienen wir.
12 In der Hoffnung freuen wir uns,
in der Bedrängnis üben wir Geduld,
am Gebet halten wir fest.
13 Um die Nöte der Heiligen kümmern wir uns,
von der Gastfreundschaft lassen wir nicht ab.

In der Gemeinschaft des einen Leibs in Christus werden die Gnadengaben uns allen wirklich (das „Geistbrennen“ in Vers 11 kann ja nicht befohlen werden). Der Geist vereinnahmt uns, so dass ein Gemeinschaftsleben eben nicht erst „individualethisch“ verwirklicht werden muss.

„Der Götzendienst überschattet das ganze Leben“- Hans Joachim Iwands Predigt über das Erste Gebot (2. Mose/Exodus 20,2-3) im Juni 1942

11. Januar 2018

„Lichtdom“ beim Reichsparteitag der NSDAP 1936 in Nürnberg

Dass das erste Gebot eine eminent politische Bedeutung hat, zeigt Hans Joachim Iwand in seiner Predigt am 13. Juni 1942 im Wochenschlussgottesdienst in der St.-Marien-Kirche in Dortmund. So führt er aus:

Es hat in der Tat niemals an Verführern gefehlt, Gott und die Götzen in ein und demselben Tempel unterzubringen, sie ein und derselben Anbetung teilhaft werden zu lassen. Nein, wahrhaftig, an diesen Versuchern hat es nicht gefehlt und wird es nicht fehlen. Schon Aaron, dieser typische Vertreter des geschmeidigen Christen­tums, versteht diese Sprache zu reden: das Volk sei nun einmal böse, darum müsse man ihm solch ein Zeichen geben, in dem es Gott erlebt. Und während der eine, Mose, im heiligen Zorn die Tafeln des Gesetzes zerbricht, gibt sein priesterlicher Bruder dem Tanz ums goldene Kalb die religiöse Weihe! Ist dieser Stier, dies geheimnisvoll aufregende Lied der Lebenskraft, nicht viel passen­der, die Religiosität des Volkes zu entflammen, ihm neuen Mut und Enthusiasmus einzuhauchen — als jene Worte, die Mose aus der Wolke heimbringt? Das ist die sehr beredte, an uns gestellte Frage: Religion oder Offenbarung des lebendigen Gottes — Volksreligion oder Gehorsam gegen den leben­digen Gott! Volk und Kir­che stehen sich hier leidenschaftlich gegenüber, aber Mose nennt das, was das Volk unter Aarons Leitung tut, «Sünde» und vollzieht die Entscheidung «Her zu mir, wer zum Herrn gehört!». Da ist auf einmal das erste Gebot wieder da, da als Entschei­dung, als Prü­fung, als Ernüchterung in diesem Taumel der Begeisterung. Und im­mer wieder wird es so sein: Mose contra Aaron, Elias gegen die Baalspfaffen — einer gegen die vielen, aber doch der eine mit Gott, der eine, der mit Gott das Feld behauptet: denn «wenn sie auch wider dich streiten, sollen sie dennoch nicht wider dich siegen. Denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette» (Jer 1,19).

Darum geht es im Gottesdienst der Kirche: was bestimmt diesen Gottesdienst? Was heißt überhaupt: Gottesdienst, heißt das, daß hier irgendein mehr oder weniger bestimmtes reli­giöses Gefühl der Menschen zur Darstellung kommt — oder heißt es, daß hier Menschen unter Gottes Wort, unter sein geschriebenes und vergebendes Wort treten? Ist die Wurzel des Gottesdienstes die Religion, also etwas, das mit dem Menschen, seinem Gefühl und seiner Weltdeutung gegeben ist — oder heißt es, daß Gott sich hier offenbart, daß Er redet und wir hören, Er gebietet und wir aufgerufen sind zu gehorchen? Religion — was kann das alles bedeuten? Wandeln sich nicht die Religionen? Und mit ihnen die Zeichen und Symbole? Ste­hen nicht viele Religionen und damit auch viele Götzen neben­einander, arische, indoger­mani­sche, romanische und was man nur will? Und dazwischen soll dann auch der christliche Gott stehen? In diesem Göttertempel? Dieser Gott will eben wieder frei werden, frei aus der Ver­mischung und Gleichmachung mit all den Göttern um ihn her, gehört werden als der, der als der eine „Ich“ zum Men­schen sagt: «Du» — du sollst! Er will vernommen werden in seiner Gnade: Ich bin dein — dein Gott! Und darum auch wieder in sei­nem: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! Wollten wir das hören? Wollten wir uns neu entscheiden: Her zu mir, wer zum Herrn gehört? Haben wir uns entschieden für Mose gegen Aaron? Für den, der sein Gesetz offenbarte gegen den Tanz um das gol­dene Kalb? Oder meinen wir, beide auf einem Altar nebeneinander unterbringen zu können, auf demselben Altar, wo das Bild des Gekreuzigten steht, wo die Schrift als Wort Gottes liegt, solch ein Götterbild — und wenn es geschehen wäre? Darum der Kampf in der Kirche. Darum — mit demselben Recht und in demselben Sinn, wie Jesus im Tempel die Krämer vertrieb; denn dieser Gott will nicht, daß die Menschen mit ihm feilschen — er will allein, daß sie ihn hören! Und darum geht es auch allein, daß die Kirche, klein oder groß, hell oder zerbrochen, in alter oder neuer Form — wie­der das werde, wozu sie da ist: der Tempel Gottes, der Ort, da seine — nicht der fremden Götter Ehre wohnt. Das sollten wir wissen, wir, die wir in ihr leben — das sollte aber auch die Welt da draußen wissen; denn gerade um sie geht es, darum, daß unser Gottesdienst wirklich wieder Gott groß werden lasse, daß mitten in ihr Gott wohne, der sie lieb hat, so lieb, wie die Götzen gerade sich an ihr versündigen. Es liegt eine furchtbare Nemesis über die­sem Götzen­dienst der Menschen, eine Nemesis, die wenige durchschauen. Denn das erste Gebot bleibt das erste Gebot — und wer dem ersten Gebot widerstrebt, wird alle anderen auflösen müssen: es ist nicht gleich für die Menschheit, wen sie anbetet, der Götzendienst überschattet das ganze Leben und die geistige Sünde gegen Gott wird offenbar in der Krankheit am Körper des ganzen Volkes.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Und Gott befahl im Traum …“ Wenn Träume nicht nur Schäume sind

8. Januar 2018

Jede Nacht ist bei uns Kopfkino angesagt. Die meisten Träume schaffen es nicht in unser Gedächtnis, aber manche Klarträume haben es dafür in sich. Gut, wenn wir eigene Träume beachten, können diese uns doch göttlich berühren. So heißt es im Buch Hiob: „Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett, da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende und von ihm die Hoffart tilge.“ (33,15-17) Wo im Schlaf das eigene Bewusstsein nicht länger in Kontrolle ist, treten mitunter unangenehme Wahrheiten an einen heran und veranlassen Lebensänderungen.

Dennoch bleibt die Frage, ob der jeweilige Traum nicht doch nur selbst erträumt worden ist. Schließlich heißt im Buch Jesus Sirach: „Wer sich auf Träume verlässt, der greift nach dem Schatten und will den Wind haschen. Das eine ist wie das andere: Träume sind wie Bilder im Spiegel. […] Träume haben viele Menschen betrogen, und gescheitert sind, die darauf hofften.“ (34,2-3.7]

Wir mögen auf Ermutigung für eigene Lebenspläne aus sein – Gott auf meiner Seite, der mir zusagt, dass ich es schaffen werde. Gerne reden wir von Lebensträumen, aber deren Verwirk­lichung kann unser Leben nicht dauerhaft erfüllen. Es gibt immer ein unerfülltes Danach. Wenn uns Gott im Traum etwas zu sagen hat, will er damit unser Leben zu ihm führen. So hat es einst Jakob in seinem Traum von der Himmelsleiter erfahren: „Hier ist die Haus Gottes und das Tor zum Himmel!“ (Gen 28,17)

Es hilft, wenn wir Träume in unser eigenes Gebet hineinnehmen. Ich vertraue Gott meinen Traum an, damit sein Licht auf das fällt, was mir der Traum aufgedeckt hat. So bitte ich Gott, mir zu sagen, was der Traum für mich zu bedeuten hat. Und schließlich sind eigene Träume immer wieder neu von der Heiligen Schrift her zu beurteilen, ob sie mit Gottes Wort zusammenstimmen. Mancher Traum im Leben verwelkt wie eine Blume, „aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jes 40,8)

„Nein müssen wir sagen in diesen Tagen zu den Terroristen … “ Rolf Hanuschs Predigt über Matthäus 22,1-13 während des Deutschen Herbsts 1977

27. Dezember 2017

Rolf Hanusch

Meine erste Erinnerung an Rolf Hanusch ist Anfang Januar 1982 in Rummelsberg bei meinem ersten Landesjugendkonvent der Evangelischen Jugend in Bayern, wo wir gemeinsam am Bahnhof Ochenbruck auf den Bus warteten, er im Alter meiner Mutter, ich noch 17. Bis 1990 besuchte er als Leiter des Studienzentrums Josefstal regelmäßig die Landesjugendkonvente. Als Leiter der Evangelischen Akademie zu Berlin ist Rolf Hanusch im Februar 2003 verstorben und in seiner Heimatstadt Nördlingen beigesetzt worden. Robert Leicht hatte ihm damals einen trefflichen Nachruf „Ein Mann von Seelenruhe“ geschrieben. Aus Hanuschs Zeit als Studentenpfarrer stammt eine Predigt vom 23. Oktober 1977, die Matthäus 22,1-13 in den Deutschen Herbst spricht:

Da will einer feiern, ist bereit, etwas herzu­geben, will andere beschenken; aber die, die was haben, die Besitzenden, die Geschäfts­leute haben dafür nichts übrig, sie können nur noch haben, nicht mehr sein. Sie sind die Bösen. Andere aber, die, die nichts haben, die auf der Straße sitzen, die können feiern, sich freuen, Mensch sein. Die sind gut. Das Himmelreich wird mit ihnen verglichen. So werden wir alle dereinst in dem neuen Himmel und auf der neuen Erde zusammenleben, neue Menschen sein.

Wir kennen solche Geschichten. Für viele, zumal von den Jüngeren, die in den letzten zehn Jahren sich gesellschaftlich engagieren und lange nicht merkten, daß sie durch die Art ihres Engagement aus der Gesellschaft auszogen, war ein solches Schwarz-Weiß­Denken notwen­dig: Wir stehen auf der richtigen Seite, die Herrschenden, die anderen sind falsch und schlecht. Verfolgt man die Schriften derer, die heute Terroristen genannt werden und von denen drei in diesen Tagen zu Tode kamen, so weicht anfänglich differenzierte Gesellschafts­analyse mehr und mehr militärischem Freund-Feind-Denken. Der Staat und dahinter das Kapital sind die Feinde, und zuletzt werden bestimmte Personen, deren Namen wir alle inzwischen kennen, zu ganz persönlichen Feinden, die man nur noch umbringen muß.

Verrückt und bedrohlich ist aber nun zugleich, daß sich eben dasselbe Denken nur mit ausge­wechselten Feindbildern, als Weiß-Schwarz-, anstelle von Schwarz-Weiß-Denken, in diesen Tagen sprunghaft: ausbreitet. Wir, die Mächtigen, samt allen anständigen Bürgern, sind die Guten, wir bekämpfen und jagen alle Bösen, die Terroristen, ihre Helfershelfer und Sympa­thisanten, und im Zweifelsfall gehört jeder dazu, der nicht ganz auf unserem Stand­punkt auch wirklich steht.

Die Zuspitzung der Ereignisse, die immer bedrückenderen Grausamkeiten, die immer größere Zahl der Toten und der Geiseln und die gewaltige Reaktion vom Staat darauf scheinen nur ein solches Denken zuzulassen. Es ist wohl Schutz vor eigenem Denken, eigener Stellungnahme als Mensch, der Menschen gegenüber, zumal wenn sie Schmerzen haben und sterben, doch auch ganz anderes empfinden kann.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst“ – Hans Joachim Iwands Besinnung zur Weihnachtsgeschichte (Lk 2,8-14) von 1939

15. Dezember 2017

Jules Bastien-Lepage – The Annunciation to the Shepherds (1875, National Gallery of Victoria, Melbourne)

Da war Hans Joachim Iwand schon Pfarrer an der Marienkirche in Dortmund, als er 1939 für das Evangelischen Volksblatts für die Ostmark eine Besinnung zur Weihnachtsgeschichte schrieb. Großartig ist es, wie Iwand in der Verkündigung an die Hirten das Evangelium aufzeigt:

Nun seht, so wie der Glanz Gottes die Hirten in dieser Wundernacht um­fing, so umfängt er jeden, dem das Heil widerfährt: als unbegreifliche, überwältigende, unbegründete Gnade. Darum fürchten wir uns – aber Gott sagt: Fürchtet euch nicht! Warum denn nicht? Darum nicht, und zwar ein­zig und allein darum nicht, weil der Heiland geboren ist, der Retter, der Erlöser der Welt. Die Gegenwart Gottes, die uns umfängt, heißt Vergebung, Erlösung, heißt Freundlichkeit und Menschlichkeit. Das Licht, das die Nacht in den Tag wandelt, ist der helle Schein der großen Barmherzigkeit Gottes, der mitten hineinleuchtet in das Dunkel der Welt. Das allein hilft, das hören und das glauben; denn alles andere, was wir oder andere uns sagen, um unser erschrockenes Herz zu beschwichtigen, hilft da nicht. Wir haben Grund genug, uns zu fürchten, wenn wir auf einmal in die Ge­genwart Gottes gestellt werden. Es gibt nur eines, den Menschen dann frei zu machen von der Furcht, sein Herz und Gewissen froh zu machen, das ist diese Kunde: Der Heiland ist geboren. Darum, willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst. Er, Gott selber, legt seinen eingeborenen Sohn in die armselige Hütte der Welt, damit wir in ihm das allzeit gültige Pfand seiner Liebe hätten. Wenn das geschieht, wenn die Gnade Gottes größer wird als die Furcht, wenn uns dies Kind lehrt, wieder zu Gott Vater zu sa­gen – dann, ja dann ist das Wunder der Heiligen Nacht auch bei uns und an uns geschehen.

Es ist seltsam: was die Hirten lernten in dieser einzigen Nacht, lernt mancher sein Leben lang nicht. Er lernt es nicht, trotz Kirchengehen und Bibellesen. Es muß nämlich noch mehr hinzu­kommen, damit wir das ler­nen. Es muß mit der Geburt des Kindes auch in uns der Mensch geboren werden, der wieder glauben, hoffen und anbeten kann. Wie geschieht das? Wenn wir hören, wie die Hirten hörten, und glauben, was die Hirten glaub­ten: Euch ist heute der Hei­land geboren! Auf das Heute kommt es an und auf das Euch kommt es an. Wie es an einer anderen Stelle heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht.« Heute – das heißt: So, wie du bist, so hat dich Gott lieb. Mitten in deine Lage, mitten in deine Not, mitten in deine Bedrängnis sendet er dir den Christus, den Er­löser. Wie mag unser Heute aussehen – das Heute des Kriegsjahres 1939? Gott allein weiß, wie vielfältig sein Gesicht ist. Aber seine Herrlichkeit ist nicht gebunden an Raum und Stätte. Er legt sein Kind in die Hände derer, die heute an unsren Grenzen die Wacht halten, er läßt das »Stille Nacht, Heilige Nacht« erklingen mitten im Kriegsgetümmel, er eint die Herzen derer, die heute getrennt sind, in die­ser Freude und in dieser Gewißheit: Uns ist heute der Heiland geboren. Vom Himmel her kam die Botschaft der Heiligen Nacht; so weit der Himmel reicht, läuft sie auch heute durch die weite, wüste Welt:

Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volke widerfahren soll.
Denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr …

Hier der vollständige Text als pdf.

„Arm ist die Krippe, aber reich ist der Schatz in dieser Krippe“ – eine Weihnachtspredigt über Kolosser 2,3 von Helmut Tacke (London 1985)

27. November 2017

Helmut Tacke (1928-1988)

Über die Weihnachtspredigt Helmut Tackes, gehalten 1985 in London, schreibt Christian Möller zu Recht: „Die Weihnachtspredigt über Kolosser 2,3 scheint mir ein treffliches Beispiel für den seelsorgerlichen Prediger Helmut Tacke zu sein, der um das innere Mitgehen der Gemeinde gleichsam wirbt und dabei der erste Hörer seiner eigenen Predigt ist. Diese Predigt ist ganz und gar dialogisch angelegt, sowohl in äußerer wie noch mehr in innerer Hinsicht. Leidenschaftlich wirbt der Prediger um das Mitgehen und um die innere Zustimmung der Gemeinde zu einer Verborgenheit, die uns zum Heil geschieht. Ganz persönlich spricht Tacke die Menschen an: »Erlauben Sie mir ein persönliches Wort. Als Pastor und als Prediger ist genau dies das Problem meines Berufes. Ich muß predigen von einer Wirklichkeit, die verborgene Wirklichkeit ist.« Er redet den Menschen nicht aus dem Herzen, sondern zum Herzen von einer Wirklichkeit, die gerade um des Menschen willen außerhalb seiner selbst bleiben muß, in Christus. Gerade so kommt Christus den Menschen zugute, wenn er »extra nos pro nobis« zum Heil des Menschen wird.“

In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (Kolosser 2,3)

Ich möchte versuchen, Sie heute Abend für diesen Satz zu gewinnen. Denn dies ist der Zu­gang zu Weihnachten. So große Dinge dürfen wir von diesem Kind in der Krippe sagen. In Ihm finden wir alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß hier in diesen Worten die Geschichte Jesu Christi so hell, so umfassend und bedeutungsvoll zur Sprache kommt, wie nur selten im Neuen Testament. Jesus steht nicht im Gegensatz zu menschlicher Weisheit und Erkenntnis. Sondern bei Ihm kommt alle Weisheit und Erkenntnis zum Ziel. Es ist sehr bemerkenswert, daß dieses Kind von Bethlehem mit aller ernsthaften Weisheit und Erkenntnis im Bunde steht. Keine Rede davon, daß der Glaube an Jesus, wie einige sagen, blind mache etwa für die Kunst oder für die Wissenschaft. Wenn Weisheit und Erkenntnis, so wie unser Schriftwort davon redet, für alles einsteht, was uns geistig und seelisch bewegt, dann kann man nur sagen, daß Jesus damit nicht konkurriert, sondern damit im Bunde steht. Bei ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Das Jesuskind ist ein reiches Kind. Arm ist die Krippe, aber reich ist der Schatz in dieser Krippe. Ein Schatz, der alle Weisheit und Erkenntnis umfaßt. Meist wird die Armut Jesu betont. Aber heute geht es um seinen Reichtum. Ich habe allen Grund, mich zu einer kühnen Interpretation aufzuschwingen und zu sagen: Alles Denken und Forschen der Menschheit ist christuszentriert. Alle Wissenschaft sammelt sich bei ihm. Die Griechen sagen: Dieses Kind ist zugleich der Kosmokrator, der Mittelpunkt der Welt. Weihnachten, Passion, Ostern und Wiederkunft Christi – das ist die Kette des Lebens. Das ist die welterhaltende und welterlö­sende Kraft. ›Das ewge Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein.‹ Bei ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis versammelt. Diese Schatzkammer ist ohne Gren­zen. Zu Bethlehem wird der geboren, in dem sich alle irdische und überirdische Weisheit erfüllt. Und wer ihn, den Christus der Welt erkennt, der ist auf geheimnisvolle Weise verbun­den mit allen, die gar nicht anders leben können, als auf der Suche nach Weisheit und Er­kenntnis. Ich leide darunter, daß wir Christen unseren Herrn so oft zu einem engen und mora­lischen Kirchenchristus machen. Als sei er gekommen, um eine Sekte zu gründen. Aber in Wirklichkeit ist er ein Weltchristus. Die Kirche ist eigentlich nur dafür da, um das der Welt zu sagen. Das Licht der Welt, das in ihm erschienen ist, hat es nicht nötig, alle anderen Lichter auszulöschen, sondern dieses Licht der Welt verkündet sich mit unseren Lichtern. Z. B.: das Licht der Freude. Unsere Freude ist auch seine Freude. Oder die Sehnsucht. Er verachtet sie nicht, sondern unsere Sehnsucht, unsere Lebenssehnsucht wird aufgenommen von seiner Menschenliebe. Oder der Friede, privat und politisch, Ziel unserer Sehnsucht. Auch unsere Friedenssehnsucht bringt uns zu ihm. Oder die Weisheit und Erkenntnis, daß wir vergänglich sind, daß wir sterben müssen. Auch das führt uns zu ihm. Oder unsere Hoffnung auf das Blei­bende. Daß wir – trotz des Todes, nicht vergehen, sondern bleiben möchten, in Ewigkeit blei­ben möchten, – auch damit sind wir bei ihm in guten Händen. Denn unsere Bleibe ist nicht bei uns, sondern bei ihm.

Alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Ich kann nicht ermessen, was das alles umfaßt. Aber mit der Geburt dieses Einen ist alles in Bewegung geraten. Ich liebe das englische Wort ›involved‹, weil es so gut das System der Beziehungen beleuchtet. Also: In diese Christusge­schichte von Bethlehem ist die Geschichte aller Jahrhunderte und aller Generationen »invol­ved«.

›Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis sind verborgen in ihm.‹ Wieso eigentlich ver­borgen? Liebe Gemeinde, sollten Sie diese Frage haben, und ich hoffe es fest, dann möchte ich mir eine besondere Mühe geben, um Ihnen zu antworten: Wer das Kind in der Krippe ansah wie die Hirten oder später die Weisen aus dem Morgenland, der sah ein Kind, dessen Unterschied zu anderen Kindern höchstens darin zu sehen war, daß dieses Kind kein Bett, sondern eine Futterkrippe hatte. Kein Leinen, sondern Stroh. Ein Armeleute-Kind. Daß in der Krippe von Bethlehem die Schätze der Weisheit und der Erkenntnis lagen, konnte niemand sehen. Darum sagt unser Wort: sie sind verborgen, diese Schätze. Ich glaube, daß der ganze Reichtum dieses Kindes und des späteren Mannes Jesus von Nazareth für menschliche Augen verborgen war. Die ganze Geschichte Gottes auf Erden – sie ist als Heilsgeschichte eine ver­borgene Geschichte.

Erlauben Sie mir ein persönliches Wort. Als Pastor und als Prediger ist genau dies das Prob­lem meines Berufes. Ich muß predigen von einer Wirklichkeit, die verborgene Wirklichkeit ist. Ich muß zum Glauben aufrufen, aber ich kann dem Glauben keine Beweise liefern. Und das ist schwer. Eine Wirklichkeit zu predigen, die noch nicht vor aller Augen ist. Einen Herrn zu predigen, den die anderen für verschollen halten. Eine Erlösung zu predigen, die andere Menschen für unmöglich halten. Aber so ist das eben. Der christliche Glaube hat es zu tun mit einer Wirklichkeit, die noch verborgen ist. Die Erlösung der Welt – noch verborgen. Der Sinn meines Lebens – noch verborgen. Aber verborgen ›in Ihm‹. Vielleicht sollte man den christli­chen Glauben ganz einfach so beschreiben: Wir suchen, wie alle Menschen, nach den verbor­genen Schätzen, der Erkenntnis, aber wir suchen sie bei Ihm. Auch die Christen sind Suchen­de und nicht Habende. Es ist ganz gut, daß diese Schätze noch verborgen sind. Das schließt den Hochmut aus. Weil noch keiner von uns am Ziel ist, sind wir alle unterwegs. Wir mitein­ander. Aber die Weihnachtsbotschaft ruft uns auf seinen Weg. Uns miteinander. Der Sinn unseres Lebens liegt bei Ihm. Die Erlösung der Welt liegt bei ihm.

Im übrigen denke ich, geht es Ihnen wie mir: Die in Christus verborgenen Schätze sind mir lieber als die schillernden religiösen Perlen, die auf der Straße liegen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unsrem Herrn.

In Ergänzung das Porträt über Helmut Tacke geschrieben von Christa Lauther und Christian Möller aus: Christian Möller (Hg.), Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Band 3 (Göttingen 1996) als pdf.

„Mir geschehe, wie du gesagt hast“ – Was Himmelswesen uns Erdlingen zu sagen haben

26. November 2017

Meister von Seitenstetten – Mariä Verkündigung (um 1490)

„Send Me an Angel“ sangen die Scorpions 1990: „Hier bin ich; wirst du mir einen Engel schicken? Hier bin ich – im Land des Morgensterns!“ Engel haben bei uns einen guten Klang, versprechen sie doch göttliche Nähe und Zuwendung. Das wollen wir für uns und unsere Kinder– Schutz und Bewahrung, Ermutigung und Ermächtigung. Wer göttliche Kräfte auf seiner Seite weiß, dem scheint es nicht an Selbstbewusstsein zu mangeln. So fahren denn auch die Scorpions gesanglich fort: „Finde die Tür zum versprochenen Land / Glaube nur an dich selbst / Höre auf die Stimme tief in dir / Es sind die Rufe deines Herzens.“

Ganz anders zeigt der Gottesbote Gabriel der Jungfrau Maria in Nazareth: „Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“ Gottes Wort füllt den eigenen Leib, bringt sich als König zur Welt. „Wie soll das zugehen?“ Einwand einer sichtlich überforderten Frau. Der Engel fährt fort: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten […] denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Daraufhin spricht Maria die entscheidenden Worte ihres Lebens: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Nicht die Botschaften, die unseren eigenen Lebenswünschen entsprechen, gelten auf Ewigkeit. Es sind vielmehr diejenigen, in die sich Gott selbst hineinlegt. So kehrt sich Maria in ihrem Lobgesang Gott zu: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands.“ Martin Luther weiß diese Worte zu würdigen: „Dieser Satz sprudelt hervor aus innerster Betroffenheit und überschwänglicher Freude, die sie in ihrer Seele ergriffen haben. Darum sagt sie: ‚Meine Seele erhebt Gott…‘, als wollte sie sagen: Mein Leben und alle meine Sinne schweben in Gottes Liebe, Lob und Freude, und das so sehr, daß ich mehr erhoben werde, als daß ich mich selber zu Gottes Lob erhöbe.“

„Indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche“ – Hans Joachim Iwands Adventspredigt vom 18. Dezember 1943 über Lukas 1,67-79

14. November 2017

Die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 mit der Marienkirche

Im Benedictus, dem Lobgesang des  Zacharias, ist von der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes die Rede, „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f) Hans Joachim Iwand hat darüber am Samstag vor dem 4. Advent, dem 18. Dezember 1943 gepredigt. Da lag die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 in Trümmern. Mit folgenden Worten lässt Iwand den „Aufgang aus der Höhe“ zu Wort kommen:

Meine Freunde, wer nicht jemals schon empfunden hat, daß Gott schweigt, der wird auch nie begreifen, daß er redet. Wer nie darüber fast zerbrochen ist, daß Gott sich von seinem Volk entfernt hat; wer nie darauf gewartet hat, daß ein Frühling einbrechen würde über dem Volk Gottes, dem wird auch nie der Tag kommen, da seine Zuge gelöst wird und er loben kann. Es ist eben nicht so, wie viele meinen, daß das Christentum da sei wie eine unveränderliche, sich nie wandelnde Idee; so wie eine Kir­che aus Stein, die eben steht und darauf wartet, daß die Menschen sie fül­len – so ist Gott nie da. Sondern Gott hat seine Zeiten, da er sein Volk be­sucht, da er uns besonders nahe ist – und da er schweigt. Er hat Zeiten, da seine Worte ver­fälscht werden und seine Wahrheit untergeht; da das ganze christliche Leben nichts ande­res ist als ein leerer äußerer Betrieb. Und er hat Zeiten, da von den Enden der Welt her sein Licht aufblüht, da die Menschen, die in den Banden des Todes wandeln, etwas sehen von dem Auf­gang aus der Höhe. Wir können gar nicht genug darum beten, danach schreien, darum ringen, daß Gott sich uns wieder zeigt; daß das Wort sei­nes Evangeliums, der Geburt seines Sohnes, wieder anfängt zu laufen; daß wirklich etwas geschieht in unserem Volk, unter denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes; daß wir selbst, die wir müde sind, auf einmal etwas spüren von der großen Verheißung: »Die auf den Herrn har­ren, kriegen neue Kraft«; daß sich etwas zeigen möchte von dem Licht, das da leuchtet; daß etwas Unbegreifliches ge­schehen mag, daß auf einmal Menschen da sind, die mitten in der Nacht dieser Tage etwas begreifen von diesem Licht, das in die Welt gekommen ist und da vor uns hintritt, damit alle das Licht des Lebens haben. Meint ihr nicht, daß auch für unsere Zeit so etwas kommen muß, daß all unser Leid im letzten Grunde nur en­den kann im Gebet: »O Heiland, reiß den Himmel auf«; daß einer allein uns befreien kann von den Mächten der Tiefe, unter denen unser ganzes Volk leidet – Gott. Calvin sagt: Die Reformation der Kirche ist so ein Gotteswerk, das kann kein Mensch, das ist so ein Wunder wie die Auferstehung der Toten. Wir können im Advent auch sagen: Das ist so ein großes Wunder wie die Geburt des Herrn. Darauf müssen wir warten. Es nützt nichts, daß das einmal geschehen ist. Gottes Worte wollen immer neue Ge­genwart sein, uns neu gesegnet und zu neuen Menschen machen. Was wird denn da gesche­hen, wo Jesus Christus wahrhaft erkannt und geglaubt wird?

Das sagt Zacharias im zweiten Teil seines Lobgesanges, als er den Blick auf sein Kind richtet: Du wirst ein Diener des Höchsten heißen. Du wirst die Vergebung der Sünden verkündigen, und du wirst darin dem Volk die eine Botschaft bringen: daß alle die Vergebung der Sünden und die Barmherzig­keit Gottes haben. Ist denn das so etwas Großes, Vergebung der Sünden? Meine Freunde, wenn wir das eine begriffen, daß dazu Gott Mensch wer­den mußte; daß dazu dieser Mensch über die Erde gehen und sein Leben für uns hergeben mußte, daß die Welt die Vergebung der Sünden empfängt – dann würden wir wissen, daß das das Große ist. Weil sonst niemand die Sünden vergeben kann, darum kannst du nicht froh werden, darum ängstet dich der Tod, darum verzweifelst du – weil am Ende das eine übrig bleibt: meine eigene Schuld; weil zwischen Gott und uns, zwischen dem Kind und dem Vater die letzten Dinge nicht in Ordnung sind.

Wir können viel tun, um darüber hinweg zu kommen. Wir können leichtsinnig sein oder tapfer; wir können leichtsinnig sein, indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche. Aber wir merken irgendwie, wir sind das alles nur darum, weil wir im Letzten getrieben sind von einer ungelösten Frage. Wir können versuchen, fromm zu sein, uns zwingen zu Gebet und Heilig­keit. Wir werden erleben, daß, je mehr wir das versuchen, wir desto stärker spüren, daß damit in unserem Leben etwas ist, das alle unsere Bemühun­gen verdirbt. Wir werden dann erkennen, daß uns nur der verge­ben kann, vor dem wir schuldig sind; daß darum kein Mensch uns vergeben, uns Frieden schenken kann; daß Gott selber uns besuchen muß von seiner Höhe her; daß er selbst uns die Hand aufs Haupt legen muß; daß er selbst uns an sein Herz ziehen muß; daß er selbst uns, wie der großen Sünderin, das Wort der Vergebung zusprechen muß.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Die Juden haben uns die Türe aufgetan, damit wir Gottes Gnade finden“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Galater 2,16-21

22. September 2017
Rembrandt - Paulus im Gefängnis

Rembrandt – Paulus im Gefängnis (1627, Staatsgalerie Stuttgart)

In seiner eindrücklichen Predigt zu Galater 2,16-21 von 1954 hat Hans Joachim Iwand ganz bewusst Vers 15 „Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden“ mitaufgenommen, um die evangelische Rechtfertigungslehre aus einem antijudaistischen Missverständnis herauszunehmen:

Wissen wir, was ein Jude ist? Menschlich gesehen, ethisch gese­hen ist er sicher das höchste, was die Völkergeschichte kennt. Darum treffen sich auch meist die mensch­lichen Ideale mit dem Judentum. Man könnte meinen, die Heiden außerhalb der Gesetzesfrömmigkeit wären vielleicht dem sola gratia, der Gerechtigkeit aus Glauben näher! Aber nein. Hier redet ein Jude! Die, die das bekennen, die, welche die Rechtfertigung allein aus Glauben gegen alle Werkerei vor der Welt proklamieren, die, welche das Kreuz Christi wirklich begriffen haben, Gottes Gerechtig­keit hier und nirgendsonst gefunden haben – sie sagen: Wir, die wir von Natur Juden sind! Wir legen alles nieder, was unseren Ruhm und unseren Vorzug bedeutet, und verkündigen Jesus, und diesen als den Gekreuzigten! Das sind die Juden! So stehen sie in der Gottesgeschichte, die zugleich Weltgeschichte ist. Die wahren Ju­den! Und wenn wir fast verzweifeln wollen über den Menschen, über den Abgründen und Gegensätzen, die wir zwischen uns auf­richten, und wir stoßen dann auf solche Menschen, dann atmen wir auf. Das ist wirklich das Wunder des Heiligen Geistes, das Wunder der Gnade Gottes an seinem Volk für die Heiden! Sie, die Juden, haben uns die Türe aufgetan, damit wir Gottes Gnade finden. Sie, ausgerechnet sie, die Juden, haben die Welt herausgehoben aus dem Gefängnis der Werkgerechtigkeit, sie haben – durch die Berufung und Gnade Gottes – der Welt das Heil gebracht. Und zwar be­haupten sie etwas Bestimmtes zu wissen und etwas mit Gewißheit zu glauben:

Sie wissen etwas vom Menschen! Sie wissen es aus der Heiligen Schrift des Alten Testamen­tes. «Vor dir ist kein Lebendiger ge­recht!» (Ps 142,3). Die Juden kennen Gottes Gerechtig­keit. «das macht dein Zorn, daß wir so gar aus sind», das wissen sie aus der Schrift. Und daß alles Fleisch wie Gras ist und seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Und darum sagt es der Apostel hier als das [252] Gewisseste und Selbstverständlichste: «Daß aus den Werken des Gesetzes kein Fleisch gerecht gesprochen wird». Sie wissen das, und setzen darum auf diesen Menschen, der Fleisch ist, nicht mehr ihr Vertrauen, ihren Glauben und ihre Gewißheit. Wir sind gläubig geworden an Jesus Christus, sagt Paulus, damit wir aus dem Glau­ben an Christus gerecht erfunden würden! Sie haben die Konse­quenzen gezogen, sie haben das Gebiet verlas­sen, über dem das Gottesgericht steht – den Menschen, der Fleisch ist – und haben sich an Jesus Christus gehalten, damit sie gerettet würden. Sie ha­ben verstanden, wenn Gottes Gerechtigkeit ausholen wird zum Ge­richt, wird keiner ihr entgehen, der seine Lebenswurzeln in seinem eigenen Dasein und Menschsein hat. Sie haben den Schnitt gehört, der von Gott her durch das Gras und all seine Herrlichkeit hin­durchgeht. «Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, hat Gewalt vom lie­ben Gott.» Sie haben gesehen, wohin man treten, nein, wohin man sprin­gen muß, um diesem Gericht zu entgehen. Sie haben alles hin­ter sich gelassen, was Gott rich­ten könnte – ihre eigenen, ihre be­sten Taten, ihr ganzes, ernstes, hingegebenes Leben – und haben sich an den geklammert, den er nicht richten kann. An Jesus! Sie sind mitten in das Ge­richt Gottes hineingetreten, weil sie erkann­ten, daß dies Gericht Rettung ist, Leben, volle, ewige Gerechtigkeit.

Eben damit, daß Paulus das sagt, daß er uns auffordert, unseren Standort dort einzunehmen, wo wir nichts anderes haben als eben Jesus Christus, und auch ihn nicht etwa als einen sieg­reichen Gott, sondern als einen zum Tode verurteilten, gerichteten, für uns ge­troffenen Menschen – eben damit löst er eine Frage aus, die über­all aufbricht, wo immer die Gnade Gottes verkündet wird. Die Frage lautet etwa so: aber dann ist es ja ganz gleich, was wir tun! Ob wir Böses oder Gutes tun – alles ist einerlei. Wenn alle Men­schen doch verloren sind, wenn sogar die Juden nicht besser sind als die Heiden, wenn selbst dieser Unterschied aufge­hoben ist, dann können wir ja im Namen Christi tun, was wir wollen. Christus – ein Freipaß für die Sünde! Das kommt dabei heraus. Bis heute ist das ja der Vorwurf, den die römisch-katholischen Theologen Luther machen. Wir wollen diese Sache nicht zu leicht nehmen. Es gibt in der Tat diesen Abweg. Es gibt nicht nur den Abweg zur Rechten, es [253] gibt auch einen zur Linken. Vielen Menschen ist in der Tat der Protestantismus die Form des christli­chen Ethos, die uns die Gnade billig macht! Aber dabei haben wir Paulus nicht im Bunde. O nein, sagt Paulus. Wenn ihr mich so versteht, wenn das bei eurer Art von Glauben heraus­kommt, dann kann ich nur sagen: Mitnichten! Mit­nichten machen wir Christus zu einem Handlanger des Bösen, der Laxheit, der Sünde. «Wenn ich das, was ich eben aufgelöst habe, wieder aufbaue, dann erweise ich mich ja als im Widerspruch mit mir selbst befindlich.» Sünde ist ja genau das, was uns hindert, daß wir Gott gefallen. Auch in unserem besten Leben. Auch da, wo wir das Gesetz erfüllen nach seinem Tatbestande, aber im Innersten eben doch Rebellen bleiben. Rebellen, die an die Kette gelegt sind, aber eben doch nicht Kinder, nicht solche, die das Gute in der Freiheit tun, nicht solche, die Gott wirklich suchen und seine Ehre. Nicht solche, die mit allen ihren Gesetzesbefolgungen, mit ihrer bürger­lichen oder auch antibürgerlichen Moral Gott meinen – sondern ihre eigene Gerechtigkeit. Dieses ganze Sy­stem, das von seiner nomistischen wie von seiner antinomistischen, seiner bürgerlichen wie seiner revolutionären Seite gottlos ist – das wollte ich aufheben. Das gerade ist ja hier von Gott gerichtet. Mit seinen guten wie mit seinen bösen Exponenten! Mit seinen Tugenden wie mit seinen La­stern! Ich werde doch nicht etwa anfangen, die Sache nun von der anderen Seite her wieder aufzubauen, die ich eben von meiner, von der positiven, von der scheinbar guten Seite her eingerissen habe. Wenn hier die Juden offenbar sind als Sünder, als Verlorene, so bedeutet das etwas ganz anderes, als was ihr nach eurem Verständ­nis außerhalb Christus, ferne vom Kreuz, darunter versteht. Es ist ein helles Licht von draußen über uns alle gefallen und in diesem Lichte haben wir gesehen, daß wir alle gleich sind, Gute und Böse, Juden und Heiden! Daß diese Unterschiede unter uns Bedeutung haben mögen, für die menschliche Gerichtsbarkeit, aber nicht für die göttliche Gerechtigkeit. Wo die erscheint – und sie ist eben erschienen in Jesus Christus – da gibt es keinen Unterschied. Da sind wir allzumal Sünder. Da zeigt sich, daß wir alle vor Gott nicht eines bringen können. Und nun geht Paulus noch einen Schritt weiter und sagt es so hart, wie sonst selten wieder: «Ich bin durch [254] das Gesetz dem Gesetz gestorben. Ich bin mit Christus gekreuzigt.» Es gibt im Christentum einen Punkt, da kann man nicht mehr ob­jektiv reden, da muß man – gerade um der Sache willen – sub­jektiv reden. Da muß man sagen, wie es um uns steht. Und indem Paulus das so sagt, da gibt es ein Echo bei uns allen, da, wo bei uns jene geheimnisvolle Größe sitzt, die wir Ich nennen. Es ist nicht leicht, verständlich zu machen, was Paulus damit meint. Luther hat es einmal sehr schön deutlich zu machen gewußt: wenn das Gesetz kommt, so sagt er, um den Schuldigen zu suchen – er denkt da­bei an jene schweren Stunden, in denen etwa ein Mensch über sein ver­fehltes Leben nachdenkt oder über eine Schuld, die er an ande­ren Menschen auf sich geladen hat oder gar so, daß das Gesetz mich trifft als Gottes Ruf, als seine unerbittliche Abrechnung, dann wer­de ich sagen: NN ist nicht hier! NN ist tot! Hier — in der Mitte meiner selbst, wo du mein Ich vermutest, da lebt Christus! Setze dich mit ihm auseinander. Er deckt mich! Wie es im Psalm heißt: Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht!

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.