Archive for the ‘Predigten’ Category

„Indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche“ – Hans Joachim Iwands Adventspredigt vom 18. Dezember 1943 über Lukas 1,67-79

14. November 2017

Die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 mit der Marienkirche

Im Benedictus, dem Lobgesang des  Zacharias, ist von der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes die Rede, „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f) Hans Joachim Iwand hat darüber am Samstag vor dem 4. Advent, dem 18. Dezember 1943 gepredigt. Da lag die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 in Trümmern. Mit folgenden Worten lässt Iwand den „Aufgang aus der Höhe“ zu Wort kommen:

Meine Freunde, wer nicht jemals schon empfunden hat, daß Gott schweigt, der wird auch nie begreifen, daß er redet. Wer nie darüber fast zerbrochen ist, daß Gott sich von seinem Volk entfernt hat; wer nie darauf gewartet hat, daß ein Frühling einbrechen würde über dem Volk Gottes, dem wird auch nie der Tag kommen, da seine Zuge gelöst wird und er loben kann. Es ist eben nicht so, wie viele meinen, daß das Christentum da sei wie eine unveränderliche, sich nie wandelnde Idee; so wie eine Kir­che aus Stein, die eben steht und darauf wartet, daß die Menschen sie fül­len – so ist Gott nie da. Sondern Gott hat seine Zeiten, da er sein Volk be­sucht, da er uns besonders nahe ist – und da er schweigt. Er hat Zeiten, da seine Worte ver­fälscht werden und seine Wahrheit untergeht; da das ganze christliche Leben nichts ande­res ist als ein leerer äußerer Betrieb. Und er hat Zeiten, da von den Enden der Welt her sein Licht aufblüht, da die Menschen, die in den Banden des Todes wandeln, etwas sehen von dem Auf­gang aus der Höhe. Wir können gar nicht genug darum beten, danach schreien, darum ringen, daß Gott sich uns wieder zeigt; daß das Wort sei­nes Evangeliums, der Geburt seines Sohnes, wieder anfängt zu laufen; daß wirklich etwas geschieht in unserem Volk, unter denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes; daß wir selbst, die wir müde sind, auf einmal etwas spüren von der großen Verheißung: »Die auf den Herrn har­ren, kriegen neue Kraft«; daß sich etwas zeigen möchte von dem Licht, das da leuchtet; daß etwas Unbegreifliches ge­schehen mag, daß auf einmal Menschen da sind, die mitten in der Nacht dieser Tage etwas begreifen von diesem Licht, das in die Welt gekommen ist und da vor uns hintritt, damit alle das Licht des Lebens haben. Meint ihr nicht, daß auch für unsere Zeit so etwas kommen muß, daß all unser Leid im letzten Grunde nur en­den kann im Gebet: »O Heiland, reiß den Himmel auf«; daß einer allein uns befreien kann von den Mächten der Tiefe, unter denen unser ganzes Volk leidet – Gott. Calvin sagt: Die Reformation der Kirche ist so ein Gotteswerk, das kann kein Mensch, das ist so ein Wunder wie die Auferstehung der Toten. Wir können im Advent auch sagen: Das ist so ein großes Wunder wie die Geburt des Herrn. Darauf müssen wir warten. Es nützt nichts, daß das einmal geschehen ist. Gottes Worte wollen immer neue Ge­genwart sein, uns neu gesegnet und zu neuen Menschen machen. Was wird denn da gesche­hen, wo Jesus Christus wahrhaft erkannt und geglaubt wird?

Das sagt Zacharias im zweiten Teil seines Lobgesanges, als er den Blick auf sein Kind richtet: Du wirst ein Diener des Höchsten heißen. Du wirst die Vergebung der Sünden verkündigen, und du wirst darin dem Volk die eine Botschaft bringen: daß alle die Vergebung der Sünden und die Barmherzig­keit Gottes haben. Ist denn das so etwas Großes, Vergebung der Sünden? Meine Freunde, wenn wir das eine begriffen, daß dazu Gott Mensch wer­den mußte; daß dazu dieser Mensch über die Erde gehen und sein Leben für uns hergeben mußte, daß die Welt die Vergebung der Sünden empfängt – dann würden wir wissen, daß das das Große ist. Weil sonst niemand die Sünden vergeben kann, darum kannst du nicht froh werden, darum ängstet dich der Tod, darum verzweifelst du – weil am Ende das eine übrig bleibt: meine eigene Schuld; weil zwischen Gott und uns, zwischen dem Kind und dem Vater die letzten Dinge nicht in Ordnung sind.

Wir können viel tun, um darüber hinweg zu kommen. Wir können leichtsinnig sein oder tapfer; wir können leichtsinnig sein, indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche. Aber wir merken irgendwie, wir sind das alles nur darum, weil wir im Letzten getrieben sind von einer ungelösten Frage. Wir können versuchen, fromm zu sein, uns zwingen zu Gebet und Heilig­keit. Wir werden erleben, daß, je mehr wir das versuchen, wir desto stärker spüren, daß damit in unserem Leben etwas ist, das alle unsere Bemühun­gen verdirbt. Wir werden dann erkennen, daß uns nur der verge­ben kann, vor dem wir schuldig sind; daß darum kein Mensch uns vergeben, uns Frieden schenken kann; daß Gott selber uns besuchen muß von seiner Höhe her; daß er selbst uns die Hand aufs Haupt legen muß; daß er selbst uns an sein Herz ziehen muß; daß er selbst uns, wie der großen Sünderin, das Wort der Vergebung zusprechen muß.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

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„Die Juden haben uns die Türe aufgetan, damit wir Gottes Gnade finden“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Galater 2,16-21

22. September 2017
Rembrandt - Paulus im Gefängnis

Rembrandt – Paulus im Gefängnis (1627, Staatsgalerie Stuttgart)

In seiner eindrücklichen Predigt zu Galater 2,16-21 von 1954 hat Hans Joachim Iwand ganz bewusst Vers 15 „Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden“ mitaufgenommen, um die evangelische Rechtfertigungslehre aus einem antijudaistischen Missverständnis herauszunehmen:

Wissen wir, was ein Jude ist? Menschlich gesehen, ethisch gese­hen ist er sicher das höchste, was die Völkergeschichte kennt. Darum treffen sich auch meist die mensch­lichen Ideale mit dem Judentum. Man könnte meinen, die Heiden außerhalb der Gesetzesfrömmigkeit wären vielleicht dem sola gratia, der Gerechtigkeit aus Glauben näher! Aber nein. Hier redet ein Jude! Die, die das bekennen, die, welche die Rechtfertigung allein aus Glauben gegen alle Werkerei vor der Welt proklamieren, die, welche das Kreuz Christi wirklich begriffen haben, Gottes Gerechtig­keit hier und nirgendsonst gefunden haben – sie sagen: Wir, die wir von Natur Juden sind! Wir legen alles nieder, was unseren Ruhm und unseren Vorzug bedeutet, und verkündigen Jesus, und diesen als den Gekreuzigten! Das sind die Juden! So stehen sie in der Gottesgeschichte, die zugleich Weltgeschichte ist. Die wahren Ju­den! Und wenn wir fast verzweifeln wollen über den Menschen, über den Abgründen und Gegensätzen, die wir zwischen uns auf­richten, und wir stoßen dann auf solche Menschen, dann atmen wir auf. Das ist wirklich das Wunder des Heiligen Geistes, das Wunder der Gnade Gottes an seinem Volk für die Heiden! Sie, die Juden, haben uns die Türe aufgetan, damit wir Gottes Gnade finden. Sie, ausgerechnet sie, die Juden, haben die Welt herausgehoben aus dem Gefängnis der Werkgerechtigkeit, sie haben – durch die Berufung und Gnade Gottes – der Welt das Heil gebracht. Und zwar be­haupten sie etwas Bestimmtes zu wissen und etwas mit Gewißheit zu glauben:

Sie wissen etwas vom Menschen! Sie wissen es aus der Heiligen Schrift des Alten Testamen­tes. «Vor dir ist kein Lebendiger ge­recht!» (Ps 142,3). Die Juden kennen Gottes Gerechtig­keit. «das macht dein Zorn, daß wir so gar aus sind», das wissen sie aus der Schrift. Und daß alles Fleisch wie Gras ist und seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Und darum sagt es der Apostel hier als das [252] Gewisseste und Selbstverständlichste: «Daß aus den Werken des Gesetzes kein Fleisch gerecht gesprochen wird». Sie wissen das, und setzen darum auf diesen Menschen, der Fleisch ist, nicht mehr ihr Vertrauen, ihren Glauben und ihre Gewißheit. Wir sind gläubig geworden an Jesus Christus, sagt Paulus, damit wir aus dem Glau­ben an Christus gerecht erfunden würden! Sie haben die Konse­quenzen gezogen, sie haben das Gebiet verlas­sen, über dem das Gottesgericht steht – den Menschen, der Fleisch ist – und haben sich an Jesus Christus gehalten, damit sie gerettet würden. Sie ha­ben verstanden, wenn Gottes Gerechtigkeit ausholen wird zum Ge­richt, wird keiner ihr entgehen, der seine Lebenswurzeln in seinem eigenen Dasein und Menschsein hat. Sie haben den Schnitt gehört, der von Gott her durch das Gras und all seine Herrlichkeit hin­durchgeht. «Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, hat Gewalt vom lie­ben Gott.» Sie haben gesehen, wohin man treten, nein, wohin man sprin­gen muß, um diesem Gericht zu entgehen. Sie haben alles hin­ter sich gelassen, was Gott rich­ten könnte – ihre eigenen, ihre be­sten Taten, ihr ganzes, ernstes, hingegebenes Leben – und haben sich an den geklammert, den er nicht richten kann. An Jesus! Sie sind mitten in das Ge­richt Gottes hineingetreten, weil sie erkann­ten, daß dies Gericht Rettung ist, Leben, volle, ewige Gerechtigkeit.

Eben damit, daß Paulus das sagt, daß er uns auffordert, unseren Standort dort einzunehmen, wo wir nichts anderes haben als eben Jesus Christus, und auch ihn nicht etwa als einen sieg­reichen Gott, sondern als einen zum Tode verurteilten, gerichteten, für uns ge­troffenen Menschen – eben damit löst er eine Frage aus, die über­all aufbricht, wo immer die Gnade Gottes verkündet wird. Die Frage lautet etwa so: aber dann ist es ja ganz gleich, was wir tun! Ob wir Böses oder Gutes tun – alles ist einerlei. Wenn alle Men­schen doch verloren sind, wenn sogar die Juden nicht besser sind als die Heiden, wenn selbst dieser Unterschied aufge­hoben ist, dann können wir ja im Namen Christi tun, was wir wollen. Christus – ein Freipaß für die Sünde! Das kommt dabei heraus. Bis heute ist das ja der Vorwurf, den die römisch-katholischen Theologen Luther machen. Wir wollen diese Sache nicht zu leicht nehmen. Es gibt in der Tat diesen Abweg. Es gibt nicht nur den Abweg zur Rechten, es [253] gibt auch einen zur Linken. Vielen Menschen ist in der Tat der Protestantismus die Form des christli­chen Ethos, die uns die Gnade billig macht! Aber dabei haben wir Paulus nicht im Bunde. O nein, sagt Paulus. Wenn ihr mich so versteht, wenn das bei eurer Art von Glauben heraus­kommt, dann kann ich nur sagen: Mitnichten! Mit­nichten machen wir Christus zu einem Handlanger des Bösen, der Laxheit, der Sünde. «Wenn ich das, was ich eben aufgelöst habe, wieder aufbaue, dann erweise ich mich ja als im Widerspruch mit mir selbst befindlich.» Sünde ist ja genau das, was uns hindert, daß wir Gott gefallen. Auch in unserem besten Leben. Auch da, wo wir das Gesetz erfüllen nach seinem Tatbestande, aber im Innersten eben doch Rebellen bleiben. Rebellen, die an die Kette gelegt sind, aber eben doch nicht Kinder, nicht solche, die das Gute in der Freiheit tun, nicht solche, die Gott wirklich suchen und seine Ehre. Nicht solche, die mit allen ihren Gesetzesbefolgungen, mit ihrer bürger­lichen oder auch antibürgerlichen Moral Gott meinen – sondern ihre eigene Gerechtigkeit. Dieses ganze Sy­stem, das von seiner nomistischen wie von seiner antinomistischen, seiner bürgerlichen wie seiner revolutionären Seite gottlos ist – das wollte ich aufheben. Das gerade ist ja hier von Gott gerichtet. Mit seinen guten wie mit seinen bösen Exponenten! Mit seinen Tugenden wie mit seinen La­stern! Ich werde doch nicht etwa anfangen, die Sache nun von der anderen Seite her wieder aufzubauen, die ich eben von meiner, von der positiven, von der scheinbar guten Seite her eingerissen habe. Wenn hier die Juden offenbar sind als Sünder, als Verlorene, so bedeutet das etwas ganz anderes, als was ihr nach eurem Verständ­nis außerhalb Christus, ferne vom Kreuz, darunter versteht. Es ist ein helles Licht von draußen über uns alle gefallen und in diesem Lichte haben wir gesehen, daß wir alle gleich sind, Gute und Böse, Juden und Heiden! Daß diese Unterschiede unter uns Bedeutung haben mögen, für die menschliche Gerichtsbarkeit, aber nicht für die göttliche Gerechtigkeit. Wo die erscheint – und sie ist eben erschienen in Jesus Christus – da gibt es keinen Unterschied. Da sind wir allzumal Sünder. Da zeigt sich, daß wir alle vor Gott nicht eines bringen können. Und nun geht Paulus noch einen Schritt weiter und sagt es so hart, wie sonst selten wieder: «Ich bin durch [254] das Gesetz dem Gesetz gestorben. Ich bin mit Christus gekreuzigt.» Es gibt im Christentum einen Punkt, da kann man nicht mehr ob­jektiv reden, da muß man – gerade um der Sache willen – sub­jektiv reden. Da muß man sagen, wie es um uns steht. Und indem Paulus das so sagt, da gibt es ein Echo bei uns allen, da, wo bei uns jene geheimnisvolle Größe sitzt, die wir Ich nennen. Es ist nicht leicht, verständlich zu machen, was Paulus damit meint. Luther hat es einmal sehr schön deutlich zu machen gewußt: wenn das Gesetz kommt, so sagt er, um den Schuldigen zu suchen – er denkt da­bei an jene schweren Stunden, in denen etwa ein Mensch über sein ver­fehltes Leben nachdenkt oder über eine Schuld, die er an ande­ren Menschen auf sich geladen hat oder gar so, daß das Gesetz mich trifft als Gottes Ruf, als seine unerbittliche Abrechnung, dann wer­de ich sagen: NN ist nicht hier! NN ist tot! Hier — in der Mitte meiner selbst, wo du mein Ich vermutest, da lebt Christus! Setze dich mit ihm auseinander. Er deckt mich! Wie es im Psalm heißt: Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht!

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„Vergossenes Blut lässt sich nicht zuschaufeln, es schreit zum Himmel empor“ – Gerhard von Rads Auslegung von 1. Mose 4,1-16 aus seinem Genesis-Kommentar

15. August 2017

Adam und Eva finden den Leichnam Abels (William Blake, ca. 1825).

Meisterlich ist Gerhard von Rads Auslegung von 1. Mose 4,1-16, also der Kain-und-Abel-Geschichte in seinem Genesis-Kommentar, wo er über den Brennpunkt des Geschehens schreibt:

Die Erzählung ist derart knapp und drängt so ungestüm auf die Katastrophe zu, daß sie auch dem notwendigen erklärenden Beiwerk keinen Raum gibt. So erfährt man ja auch nicht, auf welche Weise denn Kain von diesem Urteil Gottes Kenntnis bekommen habe. Da der ganze alte Orient die Annahme oder Ablehnung eines Opfers aus der Opferschau erfuhr, wird man daran zu denken haben. Aber der Zug bleibt ganz unbetont.
[6-7] Ein gewisser Ruhepunkt vor dem Entsetzlichen ist dem Leser erst in dem göttlichen Zuspruch in V. 6 gegönnt. In Kain war heißer Groll aufgestiegen, der ihn (bis ins Körperliche hinein!) entstellt hatte. Er neidet dem Bruder das freundliche Angesicht Gottes (Zimmerli). Auf diese Veränderung seines Wesens und die Gefahr dieser im Her­zen gärenden Sünde redet ihn Gott warnend an. Es ist eine väterliche Rede, die, ehe es zu spät ist, dem Bedrohten einen Rückweg zeigen möchte. (Man sieht, Kain war, wenn auch dieses sein Opfer nicht angenom­men wurde, damit nicht end­gültig verworfen.) Besonders eindringlich ist der Appell an das Einverständnis bei Kain („nicht wahr“!). Gott kann also noch an die bessere Regung im menschlichen Herzen anknüpfen. Leider ist der Satz zum Teil recht dunkel. Das se’et = „Auf­heben“ in V. 7a ist u. E. weder im Sinne von Vergebung noch von der Darbringung oder Annahme des Opfers zu verstehen, sondern man wird es doch auf pānīm (Angesicht) beziehen (im Gegensatz zu dem nāpal [„fallen“] in 6b): „Wenn du gut tust, ist Erhebung“, d. h. kannst du dein Angesicht frei aufheben. In V. 7b nimmt man am besten das letzte t von ḥaṭṭā’t („Sünde“) als Anfangsbuchstaben der folgenden Verbform und liest ḥēṭ’ tirbaṣ („lagert die Sünde“), dann erhält man die zu er-[77]wartende Femininform. Die Vergleichung der Sünde mit einem vor der Tür lagernden Raubtier ist seltsam, ebenso wie der rein bildliche Gebrauch von „Türe“ (Herzenstüre?) in einer so altertümlichen Erzählung. Es bleibt der Verdacht, daß der Sinn der Stelle einmal ein anderer war. Jetzt läßt er sich nur in dieser inner­lichen Bedeu­tung erfassen. Der Weg von der inneren Regung zu der Tat ist nur ein ganz kurzer. Aber der Satz redet nicht eigentlich von einer innerlichen Regung, sondern er zeigt die Sünde als eine objektive Macht, die gleichsam außerhalb und über dem Menschen steht, die gierig von ihm Besitz ergreifen will; er aber soll sie beherrschen und niederhalten. Seine Verantwortlichkeit der Sünde gegenüber ist also keineswegs aufgehoben; im Gegenteil, ihm wird durch diesen letzten Imperativ die ganze Verantwortung aufgebürdet (die letzten Worte am Ende von V. 7 ent­sprechen merkwürdigerweise genau denen von 3,16b, wo sie doch in ganz anderem Zusammenhang gebraucht werden). [8-10] In V. 8 ist das, was Kain zu Abel gesagt hat, weg­gefallen. Eine Reihe alter Textüberlieferungen bringt das Sätzchen: „Laß uns aufs Feld gehen!“, das aber doch wie ein nachträgliches Füllsel klingt. Und nun kommt es zum ersten Mord, – um Gottes willen! Der Satz ist von lapidarer Kürze und Sachlichkeit; aber damit hat der Erzähler dem Grauenvollen den allein an­gemessenen Ausdruck gegeben. Wie in der Sündenfallgeschichte, so ist auch hier Gott sofort nach der Tat zur Stelle. Aber die Frage Gottes an den Menschen lautet jetzt nicht „Wo bist du?“, sondern „Wo ist dein Bruder?“. Die Verantwortung vor Gott ist die Verantwortung für den Bruder; „die Gottesfrage stellt sich jetzt als soziale Frage“ (Vischer). Aber Kain entledigt sich dieser schwersten Frage, die ihm zu einer bekennenden Antwort gnadenhaft Raum bot (Zimmerli), durch einen frechen Witz: Soll ich den Hirten hüten? Er lügt Gott frech ins Angesicht, ist also viel verhärteter als das erste Men­schenpaar. Ein Verhör ist nicht möglich, aber der Erzähler wagt es, in dem Ausruf „Was hast du getan!“ Gottes Entsetzen über diese Tat aufs mensch­lichste zum Ausdruck zu bringen. Und dann erfährt Kain etwas, das er vorher nicht in Rechnung gezogen hat: Die Leiche war wohl verscharrt worden, aber das Blut des Gemordeten hat einen Klageschrei erhoben, und dieser Zeterruf ist sogleich vor Gottes Thron gekommen. ṣā‛aq, e‛āqā’ („schreien“, „Geschrei“) ist das, was das altdeutsche Recht unter dem Zeterruf versteht, die vox oppressorum, der Appell an den Rechtsschutz (1. Mose 18,20; 5. Mose 22,24,27; 2 Kön. 8,3; Hiob 16,18f. Blut und Leben gehören nach alttestamentlicher Anschauung allein Gott; wo gemordet wird, da greift der Mensch in Gottes eigenstes Besitzrecht ein. Leben zu verderben, geht weit über die Zu­ständigkeit des Menschen hinaus. Und vergossenes Blut läßt sich nicht zuschaufeln, es schreit zum Himmel empor und erhebt sofort vor dem Herrn des Lebens seine Klage. Wunderbar ist in diesem Satz jenes dunkle Urgefühl des Schauders vor vergossenem Blut verbunden mit dem reifsten Glauben an Gott als den Beschützer und Wächter über allem Leben.

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„Um Gottes willen wird Abel erschla­gen“ – Predigtmeditation zu 1. Mose 4,1-16 von Gerhard von Rad

14. August 2017

Lovis Corinth – Kain (Ölgemälde, 1917)

Auch in der neuen Perikopenordnung ist für den 13. Sonntag nach Trinitatis in der vierten Reihe 1. Mose 4,1-16, also die Geschichte von Kain und Abel vorgesehen. Dazu hat Gerhard von Rad folgende Predigtmeditation (seinerzeit für den Sonntag Invokavit) verfasst:

Die Erzählung von Kain und Abel handelt vom Menschen schlechthin. Sie wird einmal eine „ätiologische Stammessage“ gewesen sein, ist aber jetzt, wie ihre Stelle im großen Vorbau der jahwistischen Urgeschichte zeigt, ins allgemein Menschliche und Urgeschichtliche ausgewei­tet. (Der Sinn der Namensetymologie in V. 1 bβ ist dunkel.)

Die Menschheit spaltet sich nun auf in einzelne Stände mit verschiedener Lebenshaltung. Diese kulturelle Verschiedenheit reicht aber sehr tief: die beiden Altäre sind ihr beunruhi­gendstes Zeichen. Daß die beiden opfern, darin sieht der Erzähler nichts Besonderes. Ja, auch das hält er für selbstverständlich, daß beide je das Beste ihrer Erträgnisse darbringen zum Leichen dafür, daß sie Gott für den wahren Eigentümer all ihres Be­sitzes halten. Warum Gott das Opfer Kains nicht „angesehen“ habe, wird vom Erzähler in keiner Weise motiviert. Vor Psy­chologisierungen ist zu warnen; der Grund lag schwerlich in der Gesinnung Kains, und wohl auch nicht auf dem Gebiet des Rituellen. (Es sei denn, daß Abels Opfer, weil es ein blu­tiges war, angenommen wurde.) Der Grund für die Entscheidung für Abel ist — entgegen den meisten traditionellen Auslegun­gen! — ganz in die Freiheit der göttlichen Gnade hinaus­zuver­legen. Sie ist von menschlicher Logik aus nicht nachkontrollier­bar, sondern es gilt von ihr der Satz 2.Mos. 33,19 b. Anderer­seits ist zu bedenken, daß Kain damit ja noch nicht in den Grund der Hölle verworfen ist, wie ja auch der folgende gnä­dige Zuspruch Gottes zeigt; aber dieses Opfer hat Gott nicht angenommen. Darüber steigt heißer Groll in Kain auf; — das Böse fängt an, den Menschen bis ins Körperhafte zu entstellen. Kain neidet dem Abel das freundliche Angesicht Gottes (Zim­merli, 1.Mose 1-11; 1. Teil, 268). Um Gottes willen wird Abel erschla­gen. Ist schon der immanente Konkurrenzkampf ein unbarmherziger, so wird der Wider­streit, da, wo es im letzten um die Existenz vor Gott geht, vollends heillos. Davon haben uns die Kirchen- und Weltanschauungskämpfe der letzten Jah­re wieder eine Ahnung gegeben. In politica ira est aliquid hu­mani reliquum … talis furia in politica ira non est … furor pharisaicus est furor plane diabolicus (Luther, W. A. XLII 193).

In dem Wort (göttlicher Seelsorge!) V. 7 kann Gott bei Kain noch an ein Einverständnis an­knüpfen („Ist es nicht also?“). Das schwierige se’et „Aufheben“ ist wohl auf das niedergefal­lene Angesicht zu beziehen = „kannst du es aufheben” d. h. frei blicken. Die Sünde erscheint hier als eine objektive, außer­halb des Menschen befindliche Macht, die raubtierartig von ihm Besitz ergreifen will. Gleichwohl wird Kain die ganze Verant­wortung ihr gegenüber aufge­bürdet. Der Mord führt wie beim ersten Sündenfall sofort Gott auf den Plan. Anders aber als der erste Mensch („wo bist du?“) wird Kain nach seinem Bru­der gefragt. („Die Gottesfrage stellt sich jetzt als die soziale Frage” [Vischer, Jahwe der Gott Kains, 45]). So war dem Kain noch gnadenhaft Raum gegeben zu einer bekennenden Ant­wort (Zimmerli aaO. 273), aber Kain entledigt sich dieser schwersten aller Gottesfragen durch einen zynischen Witz: Soll ich den Hirten hüten?

Soweit ist das Bild des Menschen — zunächst noch einiger­maßen vordergründig — gezeich­net. Nun aber eröffnet die Er­zählung Dimensionen, die Kain nicht in Rechnung gezogen hat. Das Blut des Gemordeten erhebt seinen Klageruf empor zu Gottes Thron (eaḳ ist genau das, was das altdeutsche Recht unter dem „Zeterruf“ verstand, der Appell an den Rechts­schutz; vgl. 2.Kön. 8,3; 5.Mos. 22,24.27). Und Gott ist der Schützer alles Rechts, ihm gehört alles Leben, — ein überaus wichtiger Satz alttestamentlichen Glaubens (1.Mos. 9,6; Ps. 24,1). Kain hat in das Hoheits- und Eigentumsrecht Gottes ein­gegriffen! Und außerdem ist noch etwas Entsetzliches, nie wie­der gut zu Machendes geschehen; etwas, das der antike Mensch viel deutlicher als wir spürte: Die von Gott dem Menschen als mütterliche Lebensgrundlage be­stimmte Erde hatte Bruderblut getrunken! — Hier setzt die Strafe ein: Die Solidarität zwi­schen Menschen und Erde ist nun heillos zerbrochen (die erste Zer­rüttung schon 1.Mos. 3,17 f.). Der Mensch hat jetzt das gottgegebene Heimatrecht auf ihr verwirkt (um dieses „un­stet und flüchtig“ weiß heute die stillste Landgemeinde!). Der Prediger soll sich dieser Tatsa­che stellen und das ihm dazu aufgetragene göttliche Wort dazu ausrichten, um so mehr, da die Erzählung ja selbst eine ausgesprochene „ätiologische“ Zuspitzung hat: woher die Hei­matlo­sigkeit Kains? Aber mit diesem Fluch ver­bindet sich noch etwas viel Schreckliche­res: Seßhaf­tigkeit, Hei­mat auf der Erde vor dem „Angesicht Gottes“ ist für unseren Erzähler der Heilszu­stand schlechthin. Hat Kain das Heimat­recht auf der Erde verloren und ist er von Gott ver­flucht, — so hat er damit Gott, seine Nähe und vor allem seinen Schutz verloren. Darum der Aufschrei Kains (V. 13), der nicht als Ausdruck einer Bußfertigkeit oder einsetzenden Schuld­erkennt­nis zu deuten ist. ‛awon ist hier mit „Strafe“ zu übersetzen. Kain übersieht es sofort: Was vor ihm liegt ist schlechterdings lebensunmöglich, denn ein Leben ohne Gott ist ein Le­ben, das Gott nicht mehr schützt. Auch diese Erkenntnis muß der Mensch heute mit Schmer­zen wieder neu lernen. Kain weiß ja auch ge­nau um das Gesetz, daß vergossenes Blut fort­zeugend Böses gebären muß.

An ihrem Ende aber weist die Geschichte auf ein großes Ge­heimnis. Das letzte Wort in ihr hat ja nicht Kain sondern Gott. War es schon ein Rätsel, daß Kain um seines Mordes willen nicht getötet wurde, so ist es vollends wunderbar, daß der von Gott verfluchte Kain, von Gott doch in ein ganz paradoxes Schutzverhältnis aufgenommen wird. Das Zeichen — wahr­scheinlich war in einer älteren Gestalt der Geschichte an eine Tätowierung gedacht — ist als ein Schutz­zeichen zu verstehen. Auch der von dem Angesicht Gottes weggehende Kain bleibt noch Eigentum Gottes. Das Hoheitsrecht Gottes über Kain ist wunderbarerweise noch nicht erlo­schen. Gott will nicht, daß die von ihm über Kain verhängte Strafe dem Menschen das Recht zu Verwilderung und Blutvergießen gibt. So endet die Kainsgeschichte mit einem verhaltenen Wort von einem göttlichen Gnaden- und Ordnungswillen.

Zum Beginn der Passionszeit ziemt sich ein Wort über den Umfang des vom Menschen ange­richteten Schadens. Der Mensch, der sich dem Kreuz nähert, ist ein Brudermörder von Anfang an. — Der Ausleger mag ruhig auch die kulturgeschichtliche Linie aufzeigen: die Aufglie­derung der Menschheit in verschiedene Lebensstände, die zwei Altäre. Und Kain geht auf dem beschrittenen Weg weiter: Städtegründung, musische Künste; mit der Schmiedekunst tritt das Schwert als bewährtes Werkzeug in den Gesichtskreis; und das Lamechlied feiert ver­zückt die eigne Kraft und die Maßlosigkeit der Rache (1.Mos. 4,17-24).

Die Predigt sollte aber doch um den Vers 10 kreisen: Unaus­denkbar und unsühnbar für alle menschlichen Begriffe ist der Tag und Nacht zu Gott emporklagende Ruf des Blutes unseres Bruders Abel. Von hier aus wären mannigfache und bekannte Mißverständnisse zu zerstreuen: Abelblut, auch das beste und geliebteste, bringt nie Heil vor Gott, sondern mehrt die Last des Fluches. Aber „Christi Blut redet besser denn Abels“ (Hebr. 12,24). So redet die Bibel von zweierlei Blut und seiner Stimme vor Gott: der millionenfach verklagenden und der heilenden des Einen; und eine Invokavitpredigt über 1.Mos. 4 darf — wie aus großer Ferne — auf das Kreuz Christi hinweisen.

Quelle: Gerhard von Rad, Predigtmeditationen, Göttingen 1973, 14-17.

Hier der Text als pdf.

1 Könige 17,1-16 (Elia am Bach Kerit und bei der Witwe zu Sarepta) – eine Predigthilfe von Walter Brueggemann

25. Juli 2017

Raben versorgen Elia (Ikone, Nowgorod, 14. Jh.)

In der revidierten Perikopenordnung ist für den 7. Sonntag nach Trinitatis im fünften Predigtjahr 1Könige 17,1-16 vorgesehen. Da geben die gängigen Kommentarreihen wie ATD oder NEB nicht viel her. Und homiletische Besinnungen fehlen bislang. Was wirklich weiterhilft sind englischsprachige Kommentare, allen voran Walter Brueggemanns Kommentar zu den Königsbüchern (Smyth & Helwys Bible Commentary 8). Brueggemann ist selbst ein begnadeter Prediger und steht als emeritierter Professor für Altes Testament in der Tradition von Gerhard von Rad bzw. von Hans Walter Wolff. Hier sein Kommentar zu 1Könige 17,1-7 bzw. 8-16:

Wilderness Beginnings, 17:1-7

The prophet appears to the king in the narrative unannounced and unexplained. His name, Elijah, means “Yah(weh) is my god (el).” His very existence is as assertion that counters the report of 16:31-33 that situates Ahab amidst other gods. Elijah embodies a summons to Yahwism and a dismissal of all other options. His opening assertion concerning a drought sets the confrontational tone for his entire sojourn in Israel (17:2). The assertion of drought may be understood in two ways. First, drought is widely understood in that ancient world as a divine curse. When God is displeased, rain is withheld. Moreover, the assertion that Yahweh will cause a drought is a deliberate refutation of Baal whom Ahab worships, because Baal, a “fertility god,” is a rainmaker (see 16:31-32). But the prophetic assertion challenges that claim by insisting that rain and drought are completely in the governance of Yahweh, and certainly not in the power of Baal. Thus the announcement of drought is a deeply theological affirmation and polemic.

Second, it is the work of the king to assure fertility (and therefore rain). In that ancient world royal responsibility for rain is not unlike contemporary presidential responsibility for the economy. The measure of an effective king is rain that produces corps. In this simple assertion the capacity to administer rain and therefore life is taken from the king. The king is made a political irrelevance, void of any critical function for society. The king is being robbed of his raison d’etre.

Elijah is a man at the behest of Yahweh’s word. Yahweh commands, Elijah is completely and immediately obedient (17:3-6). He is directed by Yahweh to enter the wilderness, to distance himself from all normal life-support systems, to live in a context of extreme vulnerability, to be deeply at risk. He is east of the Jordan, outside the zone of administered life, beyond the sphere of royal control.

He is immediately obedient. He has no regular food supply. He is at the mercy of the elements. He will eat nothing of the luxury of royal food, but subsists on the lean diet that ravens can fly in, matched by water only from the unreliable wadi. The narrative makes nothing of this food arrangement. Perhaps it is a discipline and a testimony. Perhaps it is an exhibit of his obedience. Perhaps it is a narrative strategy for placing the prophet beyond the reach of the king. The narrator tells us none of that.

All that we are told is that the “wadi dried up” (17:7). Even this primitive arrangement of sustenance failed. The concluding sentence may indicate the extremity of Elijah’s situation, and consequently the extremity of royal Israel. Or the verdict may be a verification of the thesis of v. 1. A drought is declared and now a severe drought is enacted. Elijah speaks the truth! The realm is endangered. Clearly the king is in jeopardy, because he is no reliable provider of well-being. The narrative is so straightforward that we may not easily notice how ominous and how subversive it is. We now follow this power-laden figure who lives completely outside royal categories.

Life for Widow and Orphan, 17:8-16

The second episode begins with equal abruptness (17:8-16). Again Elijah is commanded by “the word of the Lord,” for he is a creature of that word (17:8). He is dispatched by Yahweh to Sidon, a territory outside Israel. This note not only asserts Yahweh’s governance beyond the territory of Israel (more territory than King Ahab administers), but Sidon is the home territory of Jezebel (16:31). It is as though this is a counterthrust on the part of Yahweh against the incursion of Jezebel into Israel. Elijah is sent, moreover, to a nameless widow who functions in the narrative as a cipher for the powerless, uncredentialed, disadvantaged, and hopeless. The prophet asks her for water—his wadi has dried up and he needs water! He asks for bread (bread only for the day), for Yahweh has promised that the widow would feed him (17:10-11; cf. v. 9). Her response to the prophet is a measure of her destitution (17:12). She has neither drink nor food to spare. Indeed, she is starving to death; her statement would seem to suggest a critique of king Ahab, for widows and orphans, poor and needy, are the peculiar charge of the king.

Thus far, our narrative is only setting the stage for the drama in which the prophet takes command of the scene. His work is in two parts. He makes a lordly speech (17:13-14), and then he enacts the wonder he has just announced (17:15-16). The speech is a characteristic speech of promise. It begins with an assurance: “Do not fear.” This “salvation oracle” is a characteristic formula whereby an utterance of powerful presence alters circumstance. It is spoken against death in order to assure life. It is spoken against exile to assure homecoming. It is spoken against despair in order to assure hope. The speech mobilizes the life-giving power of Yahweh. The assurance is followed by a specific promise of meal and oil that reverses the destitution of the widow and her son. In a circumstance of extreme scarcity, the prophet speaks lavish abundance. Elijah is, moreover, as good as his word (17:16). No, he is as good as Yahweh’s word, for it is “the word of the Lord” that vetoes circumstance and guarantees abundant life. Note well, that the narrative does not explain. It has no curiosity about how this has all happened. It is a wonder! It is an act that draws amazement like a magnet. The story keeps being retold, and the astonishment of the act abides from generation to generation, endlessly amazed that God, through this human agent, can override killing scarcity with lavish abundance.

Quelle: Walter Brueggemann, 1&2 Kings: A Commentary (Smyth & Helwys Bible Commentary 8), Smyth & Helwys, Macon, Georgia, pp. 207-211.

„Gott hat dieses ganze zwielichtige Gelände menschlicher Leidenschaften in sein Heilswalten einbezogen“ – Gerhard von Rad zur Josephsgeschichte (1Mose 50,15-21)

4. Juli 2017

Charles Thévenin, Joseph und seine Brüder (1789)

Gerhard von Rad hat eine wunderbare biblische Besinnung zur Josephsgeschichte (1Mose 37-50) geschrieben, die als Vorbereitung zur Predigt über 1Mose 50,15-21 hilfreich ist. So schreibt er:

Mit der zweiten programmatischen Stelle berühren wir den eigentlichen Höhepunkt der Josephsgeschichte. In den Brüdern ist nach dem Tode des Vaters wieder das böse Gewissen aufgestiegen. Der Alte war ihnen Schutz gewe­sen, aber nun — vielleicht hat Joseph seit Jahren auf diesen Augenblick gewartet? Zuerst wagen sie sich gar nicht vor sein Angesicht; darüber ist Joseph tief bekümmert. Als sie dann vor ihm mit ihrer großen Frage erscheinen, da spricht Joseph die gewichtigsten von allen Worten, die in der Ge­schichte gefallen sind:

»Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden.«
(1. Mose 50, 19-20)

Das ist nun — wenn auch in ganz weltlicher Sprache — konzentrierteste Theologie. Joseph spricht zwei Sätze. In dem einen — leider ist er von Luther nicht ganz zutref­fend übersetzt — bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das Verhältnis seiner Brüder zu Gott. Bei dem ersten Satz muß man sich hüten, die verwunderte Frage im Sinn einer sehr allgemeinen frommen Wahrheit mißzuverstehen, also einer demütigen Nichtzuständigkeitserklärung, als habe nicht er in dieser Sache zu richten, sondern Gott. Das wäre freilich für die Brüder ein schlech­ter Trost, wenn Joseph die ganze schwere Sache nur auf eine höhere Instanz abschie­ben wollte. Josephs Meinung ist vielmehr die: Hier, in der wunderbaren Führung des Ganzen, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch das Böse in sein Heilshandeln einbezogen und damit schon eine Rechtfertigung ausgesprochen. Würde Joseph jetzt die Brüder verurteilen, so würde er einen eigenmächtigen Spruch neben den stellen, den Gott in den Ereignissen selbst schon ausgesprochen hat, und damit würde er sich »an die Stelle Got­tes« setzen. Der zweite Satz berührt sich eng mit dem Wort Josephs, das er schon beim Erken­nen gesagt hatte, nur daß er das Rätsel des Ineinanders von göttlichem Führen und menschli­chem Handeln noch schär­fer betont. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in der Hand gehalten. Aber das wird nur behauptet, nicht erklärt; das Wie dieses Ineinanderwirkens bleibt ganz Geheimnis. So stehen sich dieses »ihr gedachtet« und jenes andere »Gott gedachte« letztlich doch sehr spröde gegenüber. So aber haben auch die alten Weisen gelehrt:

»Des Menschen Herz denkt sich seinen Weg aus, aber der Herr lenkt seinen Schritt.«
(Spr. 16, 9)

»Die Schritte des Mannes lenkt der Herr.
Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?«
(Spr. 20, 24)

Dieses Staunen, dieses »Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?«, das steht trotz aller nüchternen Welt­lichkeit hinter der ganzen Josephsgeschichte. Vorhin war davon die Rede, daß das ältere Israel Gottes Wirken in heiligen Kriegen sah, gebunden an die sakralen Institu­tio­nen, an Kultus, heilige Lade oder an das Charisma plötz­lich auftretender Gottesmänner. Nun aber war die Königszeit mit ihrem großen geistigen Umbruch gekommen. Sie hat das, was die alte Zeit glaubte, nicht bestritten, aber das, was ihre Weisen gefesselt hat, war etwas anderes und etwas Neues: es war das verborgene Walten Gottes, das ungesehen alles umgreift, indem es sich die Planungen der Menschenherzen, ohne sie zu hemmen, dienstbar macht.

Seltsamer Wandel unseres Ergebnisses! Am Anfang spra­chen wir von der Penetranz und dem Übergewicht des Menschlichen und des menschlichen Geschehens in der Josephsgeschichte und davon, daß demgegenüber von Gott nur am Rande die Rede sei. Macht man aber mit dem Satz Josephs von dem alles umgreifenden Walten Gottes Ernst, so wird angesichts einer sol­chen Allgenugsamkeit des gött­lichen Waltens doch umgekehrt das Handeln des Menschen fast zur Belanglosigkeit herabgedrückt. Und hier liegt tat­sächlich ein Problem. Ich möchte nicht verschweigen, daß dieses überaus tröstliche Wort Josephs durch sein geradezu schroffes Auseinanderhalten von göttlichem und menschli­chem Tun am Anfang eines theologisch bedenklichen We­ges steht, denn es verweist ja das Handeln Gottes in eine radikale Verbor­genheit, Ferne und Unerkennbarkeit. So­lange der charismatische Deuter da war, wie in der Josephsgeschichte, war keine Gefahr. Aber Josephs Wort umschließt immerhin eine sehr radikale Glaubenserkenntnis; und wie es aussah, wenn der Mensch mit dieser Er­kenntnis als solcher allein gelassen blieb, das zeigt uns das Buch des Predigers Salomo, in dem die Frage: »Wie könnte der Mensch seinen Weg verstehen?« doch schon den Unter­ton der Verzweiflung angenommen hat. Da lesen wir, daß der Mensch Gottes Werk — es ist sein Walten gemeint – von Anfang bis zu Ende nicht fassen kann (Pred. 3, 11). […]

Aber zurück zur Josephsgeschichte! Sahen wir, daß das Handeln des Menschen — ob gut oder böse — in der Josephsgeschichte durch die Übermacht der göttlichen Füh­rung fast zur Belanglosigkeit herabgedrückt ist, so bedeutet das freilich nicht, daß die Frage der Schuld der Brüder ba­gatellisiert wird. Gewiß, an Joseph fesselt uns zunächst die wunderbare Gelassenheit gegenüber der Schuld seiner Brü­der, das Fehlen jedes moralischen Pathos. Nirgends eine Leidenschaft, die Schuld genauer zu bestimmen, oder ein Eifer, sie aufzudecken! Indessen gibt die Erzählung doch auf die Schuldfrage eine ganz klare Antwort. Es ist schon bezeich­nend, daß die Brüder am Ende, da sie Josephs Ver­gebung anrufen, sich auf die Gemeinsam­keit seines und ihres Glaubens berufen.

»Ach, vergib doch deinen Brüdern ihre Missetat und ihre Sünde, daß sie so Böses an dir getan haben. So vergib doch nun den Knechten des Gottes deines Vaters ihre Missetat!«
(1. Mose 50, 17)

Vergebung unter Menschen ist keine rein innermenschliche Regelung, sie reicht in jedem Fall tief hinein in das Ver­hältnis der Menschen zu Gott. Josephs Antwort auf die Bitte der Brüder ist der Satz, daß er jetzt unter keinen Umständen an Stelle Gottes einen anderen Spruch fällen könne. Gott hat dieses ganze zwielichtige Gelände menschlicher Leidenschaften in sein Heilswalten einbezogen, ja, er hat die Brüder selbst zu Empfängern seiner »Errettung«, als Teilhaber des »großen Entrinnens« werden lassen. Darin ist auch seine Vergebung enthalten. Aber wir sollten noch einmal in der fast indirekten Art, wie dies alles zum Ausdruck kommt, wie hier überhaupt von Vergebung ge­sprochen wird, auch in der Vermeidung aller herge­brach­ten, frommen oder kultischen Formeln und Begriffe die merkwürdig weltliche Art dieser Erzählung erkennen. Ohne Frage, in ihrer Zeit war die Josephsgeschichte eine moderne Erzählung, und Joseph war ein moderner Mensch.

Hier der vollständige Text als pdf.

„Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter“ – Predigt über 2. Samuel 22 (bzw. Psalm 18)

28. Mai 2017

Alex Honnold auf dem „Thank God Ledge“

In den USA ist ein Bild aus dem Dokumentarfilm „Alone on the Wall“ von 2009 zur Ikone geworden. Es zeigt den damals 23jährigen Alex Honnold mit dem Rücken zur Felswand auf dem sogenannten „Thank God Ledge“ 45 Meter unterhalb des Gipfels des Half Dome im Yosemite National­park in Kalifornien. Unter ihm liegt die senkrechte, 600 m hohe Nordwestwand aus Granit, die Honnold als erster Kletterer free solo, das heißt im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel in weniger als drei Stunden durchklettert hatte.

Klettern in der Perfektion Honnolds scheint ein wahres Kunstwerk zu sein. Eigenhändig wird im Fels der nächste Griff erreicht, der einen weiter nach oben bringt – Zug um Zug, Schritt für Schritt. Vorsichtig koordinierte Körperbewegungen fügen sich als eingeübte Route zum Gipfel hin zusammen. Die Felswand lässt sich nicht bezwingen oder in den Griff kriegen; man muss vielmehr den eigenen Halt an ihr finden, darauf vertrauen, dass die Wand einen trägt. Der Kletterer lässt sich mit seinem Leben an einem bloßen Felsen festmachen. Darin zeigt sich sein Glaube.

Passend dazu finden sich im 2. Buch Samuel im 22. Kapitel Worte aus dem Munde Davids:

Der HERR ist mein Fels,
meine Festung und mein Erretter,
mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.
Er ist mein Schild, mein starker Helfer,
meine Burg auf unbezwingbarer Höhe.

Er streckte mir seine Hand von oben entgegen
und riss mich aus den tosenden Fluten.
Der HERR gab mir sicheren Halt
und führte mich aus der Not hinaus in die Freiheit.
Er rettete mich. So viel bedeute ich ihm!

Der HERR tat mir Gutes für meine Treue,
meine Rechtschaffenheit hat er belohnt.
Denn stets bin ich dem HERRN gefolgt
und habe meinem Gott nie den Rücken gekehrt.

Der HERR allein ist Gott!
Wer außer ihm ist so stark und unerschütterlich wie ein Fels?
Gott allein ist meine Burg, in der ich Zuflucht finde.
Er ebnet mir meinen Weg.
Er beflügelt meine Schritte,
lässt mich laufen und springen wie ein Hirsch.
Selbst auf steilen Felsen gibt er mir festen Halt.

Der HERR lebt!
Er ist mein schützender Fels – ich preise ihn!
Ihn allein will ich rühmen,
denn er ist mein Gott, mein Fels,
bei dem ich Rettung fand.

Felsenfest steht der Gott für unser Leben ein. Wo Dinge und Beziehungen im Verlauf der Zeit sich ändern, gar vergehen, zeigt ER sich Menschen unveränderlich standhaft. „Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter, mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.

Die Einladung gilt auch uns: Geh mit deinem Leben auf diesen Felsen zu, lass dich mit dem eigenen Leben an ihm festmachen, glaube ihm. Mitunter halten wir Distanz zu Gott, betrachten ihn in der Ferne wie einen majestätischen Berggipfel im Abendrot. Zur hart scheint er unseren Lebensansprüchen zu sein. Weich, anschmiegsam soll er sein, mein Gott für mich, Seelentröster zum Umarmen – der liebe Gott, der nicht wirklich mein Leben bergen und tragen kann.

Alex Honnold beim Rissklettern

Alex Honnold beim Rissklettern

Er ist mein Gott, mein Fels, bei dem ich Rettung fand.“ Um dieser Zusage glauben zu können, braucht es eine menschliche Lebensspur in göttlichen Fels. Einer muss uns vorausgegangen sein – einer, der sich als Mensch ganz und gar auf diesen Fels eingelassen hat, der mit seinem Leben und Sterben uns diesen Fels zu unserem Heil erschlossen hat: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist in der Felsgrotte zu Bethlehem für uns Mensch geworden, hat wider unsere Gottesfremde, nämlich die Sünde, sich auf dem Kreuzfelsen von Golgota hingegeben, wurde im Felsengrab in den Tod eingeschlossen und ist am dritten Tag auferstanden.

Im Brief an die Hebräer heißt es dazu: „Wir haben nun, liebe Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu die Freiheit, ins Heiligtum einzutreten. Diesen Zutritt hat er uns verschafft als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch. Auch haben wir nun einen großen Priester über das Haus Gottes. Lasst uns also hinzutreten mit aufrichtigem Herzen in der Fülle des Glaubens, das Herz gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser. Lasst uns festhalten am unverrückbaren Bekenntnis der Hoffnung, denn treu ist, der die Verheißung gab.“ (Hebr 10,19-23 Zürcher)

So hat Jesus Christus als „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) den Zugang zum himmlischen Vater erschlossen: Aus hartem Fels quillt Liebe uns entgegen, aus todeswundem Gestein blüht uns ewiges Leben. Der Glaube versetzt keine Berge. Im Glauben an Christus folgen unsere Hände vielmehr der Risswunde im Fels, finden darin ihren festen Halt, der uns schlussendlich von uns selbst erlöst.

Hier der Text als pdf.

„Ich habe nichts anderes, was mich getrost machen könnte, als dieses papierene Buch“- Eine Predigt Luthers über die Heilige Schrift

21. Mai 2017

In einer Adventspredigt von 1531 hat Martin Luther mit Bezug auf Römer 15,2-4 über den „Trost der Schrift“ gepredigt und dabei die Bibel seinen Zuhörern als buchstäbliche Christusgegenwart nahe gebracht:

„Gott sagt: ›Diese Schrift da, die du liesest, besteht zwar nur aus Buchstaben, und doch, weil in ihr dieser Mann Jesus Christus geschildert ist, gibt sie dir das Leben.‹ Das sind ganz große Wunder, daß Gott sich so tief herunterläßt und sich in Buchstaben hineinsenkt und sagt: Da hat mich ein Mensch abgemalt; dem Teu­fel zum Trotz sollen diese Buchstaben da die Kraft geben, Menschen zu erlösen. Die Heilige Schrift ist also ein Wahrzeichen, das Gott dahinsetzt; wenn du es an­nimmst, bist du selig, nicht weil die Schrift mit Tinte und Feder geschrieben ist, sondern weil sie auf Christus hinweist. Ebenso ging es Israel in der Wüste; da befahl Gott dem Mose: »Errichte einen Pfahl und bringe eine eherne Schlange daran an; wer von einer Schlange gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.« Was war das? Nur zwei Buchstaben, das Kreuz­holz und die Schlange, ein S und ein C; und doch wurde von Gotts hinzugefügt: »Wer die Schlange anschaut, der soll am Leben bleiben.« Gott sagte also: ›Das Holz und die Schlange will ich haben, und sie sollen solche Kraft besitzen, daß, wer sie anschaut, gerettet werden soll.‹ Ebenso ist es hier. Sein Wille ist droben im Himmel verborgen, und doch sagt er: Diese Schrift habe ich schrei­ben lassen, und wer daran glaubt, den will ich getrost machen. […]

Wenn du tief in die Schrift hinein­schaust, so wirst du Christus und sein Wort darin finden. Es mag dir also das nichtsnutzige, leere und zerbrochene Strohhälmchen vorkommen; aber glaub mir, was für eine große Macht darunter beschlossen ist! Dieses Wort, das ich dir ins Herz gebe, soll dir niemand umstoßen: kein Kaiser, und keine Welt und keine Schätze der Welt, weder Kornsäcke noch Gulden; und es soll ein starker Baum werden, ja ein Fels. Dem wird die Welt sich zwar widersetzen, aber sie wird nichts erreichen. Denn wo die Schrift ist, da ist Gott; denn sie gehört ihm und ist sein Wahrzeichen, und wenn du sie annimmst, hast du Gott angenommen. Was meinst du von ei­nem solchen Nachbarn, der Gott heißt? Was kann da Tod und Welt machen? Laß die Schrift Tinte, Papier und Buchstaben sein! Aber einer ist dabei, der sagt, sie sei sein, und das ist Gott, im Verhältnis zu dem die Welt nur ein Tröpflein am Eimer ist. Vor der Welt ist’s ein schlechter Trost, wenn Paulus zur Geduld mahnt, und es klingt schwächlich, wenn man sagt, man solle einen Spruch aus der Schrift lesen und in die Ohren sagen. Und doch soll einem hier ein solcher Herr begegnen, dem gegenüber die Welt nichts ist. Es liegt alles am Glauben. Wenn du es nach der Vernunft mißt, so klingt es töricht, da ja hier ›Trost geben‹ nicht heißt: einen mit Gut, Ehre, Gulden usw. erfreuen. Allein wag’s und nimm einen Spruch aus der Schrift und halt ihn fest; wie es heißt: »Seid getrost und unver­zagt, alle, die ihr des Herrn harret«.“

Hier die vollständige Predigt als pdf.

„Mein Herr Christus sieht dem Tode zu, wie er mich tötet, und wenn der mich erwürgt hat, so schlafe ich so leise, daß er mich mit einem Wort erwecken kann.“ – Martin Luthers Predigt über Lukas 7,11-17

17. Mai 2017

Auferweckung des Jünglings zu Nain (kolorierter Holzschnitt von Matthias Gerung aus der Ottheinrich-Bibel, 1530-32)

Fast spielerisch nimmt Martin Luther in seiner Predigt über Lk 7,11-17 (Der Jüngling von Nain) sich den Tod zur Brust.  Und er kann Christus seinen Zuhörern auf das Allergewisseste zusprechen:

»Ich sage dir: Stehe auf!« Predigt über Lk 7,11-17

Von Martin Luther

Und es begab sich danach, daß er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und viel Volks. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn war seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr. Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und rührte den Sarg an, und die Träger standen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter. Und es kam sie alle eine Furcht an, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk heimgesucht. Und diese Rede über ihn erscholl in das ganze jüdische Land und in alle umliegenden Länder. (Lukas 7,11-17)

In diesem Evangelium ist vieles enthalten, was gelehrt werden müßte; doch ich will nur die Hauptsache ins Auge fassen. Da ist eine arme Witwe, die ihren Mann und ihren Sohn verloren hat; und das war im Judentum eine besonders schwere Sache für eine Frau, Witwe zu sein und keinen Sohn mehr zu haben. Denn die öf­fentliche obrigkeitliche Ordnung war bei den Juden darauf einge­stellt, daß man rechtsfähige männliches Erben haben sollte. Des­sen muß nun die Frau entbehren; sie bleibt nun eine elende Witwe. Das läßt sie die Sache so ansehn, als habe Gott sie verlassen und sei ihr feind geworden. Da ist ein betrübtes Herz, das leicht an Gott hätte verzweifeln können, da es aussah, als hätte er sie im Stich gelassen, nachdem erst ihr Mann und nun auch noch ihr Sohn ge­storben war. Diese Frau tröstet der Herr, indem er ihr den Sohn wiedergibt, und ihre Freude ist nun zehnmal größer als vorher der Schmerz war; ja es wäre kein Wunder gewesen, wenn sie vor Freu­de gestorben wäre. So wollen wir also lernen, unsern Glauben an dieser Geschichten zu üben, zu stärken und fest zu fassen; und hiezu laßt uns sehen, wie Christus den Tod so ohnmächtig und ver­ächtlich macht. Weil er uns ein solches Bild vom Tod vor Augen stellt, sollen wir vor ihm kein Grauen haben. Er möchte uns gerne ein Herz schaffen, das geduldig seines Weges ginge und des Todes nicht achtete. Das lernen die am meisten, die im Jammer sind wie diese Witwe. Sieh, wie schnell und leicht es zugeht: Der Jüngling ist gestorben, und da ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß er ins leibliche Leben zurückkehren werde; da mußte alle Welt verzagen. Aber nun kommt er, der Christus; er nimmt keine Apothekerarznei; er sagt nur: »Stehe auf!« Also ist vor seinen Augen der Tod wie das Leben; für ihn ist das eine soviel wie das andre, Tod soviel wie Le­ben. Wenn wir tot sind, so sind wir doch nicht tot vor ihm. Denn er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; und diese leben, wie es Matth 22,32 heißt, wo er sagen will: ›Sie sind nicht gestorben, sondern sie leben mir.‹

Daraus sollen wir etwas lernen: nämlich die große Macht, mit der Gott am Jüngsten Tag durch Christus an uns wirken wird. Mit ei­nem einzigen Wort wird er uns aus dem Grabe hervor­ziehen; er wird rufen: ›Doktor Martinus, komm her!‹, und es wird in einem Augenblick geschehen. Darum sollen wir ja nicht daran zwei­feln, daß bei ihm die Macht und der Wille dazu da ist. So hat die­ser tote Jüngling kein Ohr, und doch hört er! Was für eine seltsame Geschichte ist das! Er, der nicht hört, hört; er, der nicht lebt, lebt; der Leichnam ist tot und lebt; es braucht nur ein Wort dazu! Wenn wir also sehen, daß Christus so leicht aus dem Tode reißen kann, und hören, er wolle es tun, und daß es ihn noch dazu jammere, wenn wir vor dem Tode so erschrecken, so sollten wir ein festes Vertrauen zu ihm fassen. Darum gibt er hier ein Beispiel und eine Probe seiner Macht. Er will uns damit sagen: ›Ängstet euch nicht! Was kann euch der Tod tun? Nichts, als daß er euch erschreckt. Aber schaut nicht auf euch, welche Gefühle ihr dabei habt, und laßt euch nicht von eurer Furcht leiten, sondern schaut auf das, was ich kann und will. Ich kann euch nämlich so leicht aufwecken, wie einer einen andern aus dem Bette aufwecken kann, und ich will es auch. Am Wollen und an der Kraft dazu soll es nicht fehlen.‹ So schlafen sie auf dem Kirchhof viel leiser als ich auf dem Bette; denn mich muß man wohl zehnmal rufen, und ich höre es doch nicht. Sie aber wer­den erweckt werden durch ein einziges Wort. Wir schlafen al­so viel fester als die auf dem Kirchhof; denn wenn da der Herr ruft: »Jüngling!« oder: »Lazarus!« oder: »Mägdlein!«, so hören sie es sofort. Vor unsrem Herrgott heißt ihr Zustand also nicht ›Tod‹, sondern nur für uns; vor Gott ist’s ein so leiser Schlaf, daß er nicht leiser sein könnte. Das will er uns einprägen. Denn wir sollen nicht erschrecken, daß wir, wenn die Pest oder der Tod heran­kommt, jammernd zum Tode sagen: ›Was kommst du denn? Du hast scheußliche Zähne, und wahrlich, ich fürchte mich und sterbe nicht gerne.‹ Vielmehr soll ich da nicht auf das hinsehen, was der Tod von sich aus tut, wie er also der Henker das Schwert zückt; sondern ich soll vielmehr an das denken, was unser Herr­gott dazu tun kann und tun will. Er fürchtet ihn nämlich nicht; er fragt nicht nach seinem Zähneknirschen. Sondern er sagt so: ›Tod, ich will dir dein Tod sein, Hölle, ich will deine Pestilenz sein, deine Büchse und Pulverkugel, die dir dein Ende bereiten; ja, ich will deine Hölle sein! Du hast mir die Leute erschreckt, daß sie ungern gestor­ben sind. Hüte dicht! Dafür, daß du getötet hast, werde umgekehrt ich dich töten. Du sagst: Den habe ich gefressen, den Doktor Martinus habe ich umgebracht! Rühme dich nur, Tod! Sie sind mir aber nicht tot, die du mir getötet hast, sondern sie schlafen, und zwar so leise, daß ich sie mit einem Finger wecken kann.‹ Das wird den Tod zornig machen, daß er nicht mehr fertigbringen soll, als einen Menschen schlafen zu legen, so daß, wenn Christus einmal sagen wird: »Kommet, ihr Toten!‹, sie durch seine Stimme aus den Grä­bern hervorgehen werden: die da Gutes getan haben, zum ewi­gen Leben, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes, wie es Joh 5,28f heißt.

So sollen wir’s machen; denn wir haben diesen Trost: die Mönche und die Türken haben ihn nicht. Daher nehmen sie ihre Zuflucht zu den Werken, weil sie aus Christus einen Richter machen. Sie wissen, daß sie sterben müssen und die Hölle vor sich haben. Darum wollen sie Christus mit Gebeten und Messen entgegenlaufen; sie halten ihn für einen Richter, der sagen werde: ›Du hast so viel gebetet, so viel gute Werke getan; komm, du sollst gerettet sein!‹ Auf diese Weise machen sie selber Christus zu einem Richter über die Chri­sten, über ihr Leben; das ist aber der leidige Teufel. Sie machen aus Christus etwas Schlimmeres als aus dem Tod. Daher fürchten sie sich so vor dem Jüngsten Tag, weil sie böse, verzagte Herzen ha­ben. Du aber sollst sagen, Christus sei ein Richter nur über die Un­gläubigen, welche das Wort nicht hören und ihm nicht vertrauen. Ich aber, der ich getauft bin und an Christus glaube, daß er für mich gelitten hat, brauche mich nicht zu fürchten wegen des Gerichtes; denn er sitzt selber beim Vater und ist mein Verteidiger und Bei­stand. Darum wenn er am Jüngsten Tage kommen wird oder wenn du sterben mußt, so denke: ›Mein Herr Christus sieht dem Tode zu, wie er mich tötet, und wenn der mich erwürgt hat, so schlafe ich so leise, daß er mich mit einem Wort erwecken kann.‹ Und der Herr sagt: ›Der Mensch, der da tot ist, der sieht und hört für mich noch gut, obwohl die ganze Welt meint, er sehe und höre nichts.‹ Daraus sollen wir lernen, daß ein Christ sich nicht fürchten soll; denn Christus kommt nicht, um zu richten, sondern er kommt, wie er zum Sohn der Witwe (und zu den andern Glaubenden) kommt: er errettet ihn vom Tode und bewirkt, daß er sich aufrichtet, sieht, hört, spricht, obwohl er doch nicht sah, hörte und sprach. So wird er auch zu uns kommen, die wir glauben. Die andern, die Ungläubigen nämlich, wird er richten. Wir aber sollen das lernen, daß wir nach unsrem Erlöser uns sehnen und je länger, je besser an ihn glau­ben.

Daher sollen wir Christen froh sein, wenn wir vom Jüngsten Tage hören, oder wenn die Pest kommt und unser letztes Stündlein schlägt. Wenn wir aber uns schrecken lassen, so ist es die Schuld des alten Adam, nicht die Christi; denn es ist das Allergewisseste, daß er uns wieder auferwecken will. Wir sollen schlafen, bis er kommt, und an das Gräblein klopft und sagt: ›Doktor Martinus, ste­he auf!‹ Dann werde ich in einem Augenblick aufstehen und werde ewig mit ihm fröhlich sein. So soll also ein Christ ein andres Herz haben als die Mönche und Türken, die so erschrecken, daß sie nicht aus noch ein wissen. Geschieht ihnen recht: denn warum lernen und glauben sie nicht, daß er ein Mann des Helfens ist für die Gläubigen, und ein Richter nur für die Ungläubigen? Für mich ist er ein Arzt, Helfer und Retter; aber für den Papst, für Herzog Georg und die Teufel ist er ein Richter. Denn diese sind des Teufels und des Todes Diener; sie wollen das vornehmen und ausrichten, was der Tod und der Teufel tun sollen. Da ist er der Richter, um den Frommen Frie­den zu schaffen.

Soviel über die Geschichte von jener Witwe. Gott helfe, daß wir den Mann so erkennen lernen, wie ihn uns das Evangelium vor Au­gen malt.

Gehalten am 28. September 1533 (16. Sonntag nach Trinitatis) im eigenen Haus.

Quelle: WA 37,149-151.

Hier die Predigt als pdf.

„Wenn aber der Tröster kommen wird …“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 15,26-27 von 1957

21. April 2017

Hermann Wöhler – Titelblatt zur Folge „Der Paraklet. Sieben Bilder aus den Tagen des Retters und zum Gedächtnis an den frühe Heimgegangenen“ (1919)

Eine ganz starke Predigt hatte Hans Joachim Iwand am Sonntag Exaudi, 2. Juni 1957 beim ersten Gottesdienst in der nach dem Wiederaufbau renovierten und restaurierten Dortmunder Marienkirche gehalten. Es war die Kirche, in der Iwand während des Zweiten Weltkriegs selbst als Pfarrer tätig gewesen ist. Da nimmt er das Kriegsgeschehen mit den Bombardierungen Dortmunds in das eigene Gedächtnis, um schließlich mit Jesu Worten aus dessen Abschiedsrede (Joh 15,26f) das Kommen des Parakleten und dessen Jesus-Zeugnis anzusagen:

Wenn aber der Tröster kommt. Gott erreicht mit seinem Trost alles Leid. Gott reicht in jede Nacht und jede Tiefe, und was wir nicht sehen, das tut er. Es werden so viele unter uns sein, die diese Bilder kennen, die jetzt an ihre Söhne und Töchter den­ken werden, an ihre Eltern und ihren Mann, an viele Freunde, die wir da­mals hier haben sterben sehen. Und jetzt wissen wir, warum Jesus davon redet, daß es noch nicht mit Ostern zuende ist, daß noch etwas Drittes, Großes, etwas Nachösterliches, etwas Pfingstliches groß und hochgemut an uns geschehen wird.

Solange uns nicht um Trost bange ist, wissen wir das nicht. Solange niemand Hunger hat, weiß er nicht, wie Brot mundet. Solange wir gedan­kenlos leben und rasten und schaffen, brauchen wir keinen Tröster; dann braucht der Mensch keinen Tröster. Ich fürchte manchmal, der Tröster, von dem Jesus hier redet, geht schon wieder an vielen vorüber, weil sie sich selbst trösten. Aber an diese Menschen wollen wir jetzt nicht denken, son­dern wir wollen an die denken, die ihn brauchen – wir sollen an uns den­ken, die wir da nun hier zusammen sind, weil wir das brauchen. Wir wollen an dieses neu erstandene Haus denken, das für alle dasein soll, die ihn brauchen, wie es durch Hunderte von Jahren in diesem Haus geschehen ist; die Gott brauchen, weil er allein unser innerster, unser gewaltiger Trö­ster ist. An alle in solcher Not und Verlassenheit bedrängte Menschen wol­len wir denken. Wir wollen selber solche Men­schen sein, weil wir wissen: der Tröster ist nah.

Ich will ihn zu euch senden, heißt es hier. Und das ist der Trost, daß Jesus sagt: Ich und ihr – er unser Herr, der zur Rechten Gottes sitzt; und wir, wir Christenmenschen, die auf Erden wohnen, wir sind doch nicht ferne von­einander. Es geht ein Strahl vom Himmel auf die Erde, wenn auch dieser Strahl lediglich die Herzen der Menschen trifft und unser irdisches Auge ihn nicht sieht; aber er ist da.

Jesus ist nicht aus der Welt gegangen, wie die Heiden meinen, um dro­ben im Licht zu wan­deln, während wir wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, jahrlang ins Ungewisse herab treiben – nein, so ist es nicht. Sondern so wie Gott uns nicht vergessen hat und es darum Weihnachten werden ließ, so hat Jesus sein Volk nicht vergessen und möchte es darum Pfingsten werden lassen auf Erden, möchte den Geist des Trostes zu ihm senden; jenen Geist, der uns die Kraft gibt, unsere Augen empor zu rich­ten:

Trachtet nach dem, was droben ist. Es ist so, als ob eine Hand uns unter das Kinn griffe und unsere Augen emporrichtete, hinweg von alldem, was uns bange macht, und zeigt auf ihn und sagt: Der Tod ist verschlungen in den Sieg; und zeigt auf ihn und sagt: Er ist schon hindurch und ihr werdet auch alle hindurch dringen. Und darum heißt dieser Geist: der Geist der Wahrheit. Das ist die Wahrheit.

Die Wahrheit ist dies: daß der Tod und die Sünde und die Macht und die Gewalt und das Böse und die Grausamkeit und der Schmerz nicht das Letz­te sind, sondern daß das Letzte sein wird: das große Lob Gottes auf unseren Lippen. Er hat alles gut gemacht, wie am ersten Schöp­fungstag. Dann werden wir sein wie die Träumenden und unser Mund wird voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.

Unser Text sagt hier ein merkwürdiges Wort, er sagt: Dieser Geist der Wahrheit wird zeugen von mir. Jesus sagt: Der Geist der Wahrheit zeugt von mir. Ihr müßt euch das so vorstellen: Da wird ein großer Gerichtstag sein, und da werden sie alle antreten, jene Gott feindlichen Mächte und Gewalten. Und da wird der Tod da sein und wird als Zeuge auftreten und sagen: Was wollt ihr noch, seht doch, was alles dahingesunken ist, ich bin der letzte Gott dieser Welt, lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Da wird die Wissenschaft auftreten, und sie wird sagen: Durch mich laufen alle Räder und durch mich habt ihr alle Arbeit und alle Kunst und Herrlichkeit. Gott, das war ein alter König, der ist jetzt abgesetzt. Jetzt setzen wir den Menschen als König ein über die Welt. Und dann wird das Geld auftreten, und das Geld wird sagen: Ihr wißt doch, wie es war, als ich mal nichts mehr galt. Und ihr wißt doch, wie es heute ist, da ich doch wie­der euer Gott geworden bin. Ihr müßt nicht Gott anbeten, sondern den Mammon. Und da ist die Masse, und die Masse wird sagen: Wir haben immer recht, die Mehrheit entscheidet, und die Mehrheit ist gegen die un­sichtbare Welt. Und da ist vielleicht sogar die Kirche da; ich meine die Kirche des Kaiphas und der Hohenpriester; denn die Kir­che hat zwei Sei­ten, und wir haben das selbst erfahren und erlebt in unserer eigenen Le­bens­geschichte, wie die Kirche sozusagen über Jesus selbst zu Gericht saß. Und die Kirche wird sagen: Ich habe recht, aber nicht er. Und da ist der Staat da, und er wird sagen: Ich bin Gottes Stimme, was ich sage, ist gött­liches Gebot, und wer sich dagegen wehrt, der ist ein verlorener Mann.

Da sagt Jesus: Wenn aber der Tröster kommen wird, der wird von mir zeugen. Mitten in dieser großen Ratlosigkeit und Verlassenheit, wenn sie da alle aufmarschieren werden, da wird ein Zeuge auftreten, unmittelbar von Gott; ein Zeuge, gesandt vom Auferstandenen aus der Höhe. Ein Zeu­ge, der wird den Zeugen auf Erden die Zunge lösen. Ein Zeuge, der wird sie alle in die Schranken rufen und fragen: Und du, was kannst du tun? Sieh da, dieses Feld der Leichen; und höre mein ewiges Wort: Wer da glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Ein Zeuge, der wird fragen: Nun, kannst du, Geld, dem Menschen seine Seele erlösen? Seht, wie arm sind die Reichen. Ein Zeuge, der wird sagen: Einer hat euch erkauft mit seinem unschuldi­gen Lei­den und Sterben, nicht mit Silber und Gold. Ein Zeuge, der wird sagen: Was, die Masse? Seht, wie die Massen irren. Denn der Weg ist breit und die Straße ist weit, die zum Verderben führt; aber der Weg ist schmal und die Straße eng, die zum ewigen Leben führt. Und die Kirche? Der Zeu­ge wird auftreten und sagen: Die Gott anbeten, sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten, und alles, was nicht aus diesem Geist geboren ist, das ist von unten und nicht von oben. Und der Staat? Und der Zeuge wird auftreten und sagen: Wo ist dieser Staat hingeraten? Heute muß Pontius Pilatus im Triumphzuge Jesu Christi durch die Welt ziehen; und wo der Name Jesu des Gekreuzigten genannt wird, da wird sein Name mit ge­nannt, weil er gerichtet ist von dem, der der Richter ist der Lebendigen und Toten. Meine Freunde, das heißt: der Tröster kommt. Und ihr werdet und sollt ganz getrost sein.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.