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Hans Joachim Iwand – Und Friede auf Erden … Eine Weihnachtsbetrachtung von 1951

20. Dezember 2016
Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Albrecht Altdorfer, Geburt Christi (1507, Kunsthalle Bremen)

Wie  kein anderer verstand es Hans Joachim Iwand, das Weihnachtsevangelium in seinem christologischen Gehalt mit einer politischen Friedensbotschaft zusammenzusprechen, als er 20. Dezember 1951 in der Wochenzeitung DIE ZEIT seine Weihnachtsbetrachtung veröffentlichte. Gerade jetzt nach dem Terroranschlag von Berlin haben seine Worte besondere Bedeutung gewonnen:

Und Friede auf Erden … Eine Weihnachtsbetrachtung

Alle christlichen Feste sind Friedensfeste. Aber Weihnachten ist doch das Fest des Friedens in besonderer Weise. Wo immer in diesen Tagen das uns vertraute Evangelium der Heiligen Nacht verlesen wird, da wird es uns treffen wie zur Beschämung und Hoffnung.

Es gibt ein Bild aus Stalingrad, das einer der dort eingeschlossenen Männer gezeichnet hat und das damals noch herausgelangte als Botschaft des Weihnachtsfestes dieser morituri. Maria mit dem Kind, beide von Licht und Wärme umhüllt, sind die Mitte, die helle Mitte in tiefer Nacht. Der Mann, der das in jenen Tagen zeichnete, hat viel vom Frieden gewußt; er hat offenbar geahnt, daß ein Gleichmaß bestand zwischen dem Kind in der Krippe und dem Erle­ben der Untergehenden. Er hat etwas hineingebracht in sein Bild von Kreuz und Auferste­hung. Der Friede, der mit Jesus Christus unter die Menschen trat, ist unzerstörbar. Und aller Unfriede muß dank einer unbegreiflichen Ordnung selbst dazu dienen, seinen Glanz zu erhö­hen und ihm den Sieg über die Herzen zu verschaffen.

Aber das ist es eigentlich nicht, was mich und viele von denen, die auf der Wende zum neuen Jahre in die Zukunft blicken, heute besonders bewegt. Mich bewegt die quälende Frage, ob es nicht dann und wann sein kann, daß dieser Friede von oben mit dem, was hier unten ge­schieht, Hand in Hand geht. Mich bewegt die Frage, ob es denn erlaubt ist, darüber hinwegzu­lesen, daß es „Friede auf Erden“ sein soll, was hier verheißen wird. In der alten jesaianischen Weissagung von der Geburt des Kindes, die zu den kirchlichen Lesungen des Weihnachts­festes gehört, steht ein Satz, der bei uns meist weggelassen wird, aber der von damals her un­trennbar dazu gehört: „Denn alle Rüstung derer, die mit Ungestüm rüsten, und die blutigen Kleider sollen verbrannt werden und mit Feuer verzehrt werden.“ Dann erst folgt: „Und ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ In unseren Lutherbibeln ist diese Stelle „fettge­druckt“, darum wird der vorangehende Vers so oft überlesen (Jes. 9, Vers 4). Es mag schon richtig gewesen sein, das eine klein und das andere groß zu schreiben; es ist schon ein Unter­schied der Ebenen da, eine spürbare Verschiebung der Gewichte, von der Fülle der Zeit her gesehen. Aber einer hat doch einmal dieses beides ganz eng zusammengerückt. Einer hat den Frieden von oben und den unter den Menschen schauend vorwegzunehmen gewagt! War das nur Irrtum? Haben wir recht daran getan, daß nur den Faden, der die beiden Verheißungen verbindet, ganz durchschnitten, daß wir den Himmel Himmel, und die Erde Erde sein ließen? Kann es dann noch Weihnachten geben, unter solch einem fernen Himmel, auf solch einer hoffnungslos gewordenen Erde?

Die Theologen sind sich in dieser Sache nicht einig. Weit entfernt, einig zu sein, sind wir sogar in Gefahr, darüber in schweren Streit zu geraten. Gut, daß der Evangelist „Friede auf Erden“ schrieb. Das ist nun nicht mehr auszuradieren. Aber wenn heute ein „Narr in Christo“ über dieses Wort käme und versuchte, ernst zu nehmen, was hier steht, würde er nicht bei Christen und Nichtchristen in größte Not geraten? Wenn er bei den Christen zu Rate ginge, würde er hören, daß dies kaum dieser Erde und ihrem gefallenen Menschengeschlecht gilt und daß wir auf einen neuen Himmel und eine neue Erde warten müssen, bis real wird, was hier zu lesen ist. Aber wer einmal die Engel hat singen hören und wer meint, daß diese göttliche Ge­burt, über der ihr Lobgesang nicht verstummen will, kein Phantom und keine Täuschung ist, sondern die Entdeckung und Freilegung alles dessen, was Realität genannt zu werden verdient – der Ursprung, in dem alles, was ist, gründet – der wird sich verwundert fragen müssen, ob es denn angeht, die Realitäten, in denen wir leben, und die Verheißungen, von denen wir leben, so auseinander zu nehmen. Für Kinder, die ihrem Vater aufs Wort glauben, ist beides eins. Was mag passiert sein, daß unsere Theologen daraus zwei Welten gemacht haben? Wie kommt es, daß die sonst so mißtrauischen „Laien“ nichts so schnell und nachhaltig gelernt haben als eben diese Kunst? Läßt es sich denn noch leben in dieser Welt voller Realitäten, voller Zahlen und Fakten, wie in einem stehenden Gewässer, ohne den Springquell echter Bewegung und Wandlung in der Tiefe? Heißt das nicht: ohne Hoffnung leben? Und wie mö­gen sie denn leben in jener anderen Welt, wenn diese nichts ist als ein Spinngewebe bloßer Verheißungen ohne das Werden und die Geburt echter Realität? Verheißungen, die keine Wirklichkeit mehr erzeugen, sind Illusionen. Hindere heißt verspotten. Narren uns hier unsere eigenen Träume? Was ist denn geworden aus der mit der Geburt des Gottessohnes wieder „heil“ gewordenen Welt, die wieder Gottes Welt, wieder Wirklichkeit und Geist in einem ist?

Jene Zeit, da Roger van der Weyden und Altdorfer ihre Bilder von der Geburt des Kindes noch in die uns vertraute Landschaft unseres Lebens setzten, dahin, wo auch unsere Häuser stehen und unser Dasein spielt, diese Zeit wäre für unseren „Narr in Christo“ günstiger gewe­sen. Damals wußte man ja noch nichts von dem, was wir heute Realismus nennen, von diesem Gefängnis, in das wir uns selbst versetzt haben. Aber wie gesagt, das ist lange her.

Wie nun, wenn unser Freund enttäuscht zu den anderen ginge, die ihm das Wort „Friede auf Erden“ gerne abnehmen werden, aber nicht das Wort Kind, über dem es erklingt. Er wird sehen, wie sie alle Anstrengungen machen, den Frieden, den sie „ihren“ Frieden nennen, herunterzuziehen aus dem Himmel ihrer Hoffnungen und Pläne auf diese arme, friedenshung­rige Welt. Das sind Leute, die dem Himmelreich Gewalt antun und es doch nicht an sich reißen.

Was haben wir gemacht – oder was haben wir zugelassen, daß es geschah? Die Gabe und die Verheißung sind auseinandergerissen und darüber droht uns das Wort Friede leer und hohl zu werden, als ob uns die Stimme des großen Gegenspielers Gottes, des Teufels, damit zu äffen suchte. Es ist, wie wenn man ein Bild hätte, ein wundertätiges, ein herrliches Bild, und ein böser Geist nähme es und risse es in zwei Studie, gäbe dem einen diese und dem anderen jene Hälfte und fragte uns dann, ob wir nicht nun zufrieden wären. Dem einen den Himmel, dem anderen die Erde. Suum cuique! So zerrissen ist das Wunder der Heiligen Nacht – wir halten nur die Hälften seiner Wahrheit in unseren Händen. Die halbe Wahrheit aber ist die Lüge. Das ist ihr verführerischer Glanz. Könnten wir nicht den Weg ein Stück zurückgehen, bis dahin, wo diese Wahrheit noch ein Ganzes war? Alle echten Wege des Heils sind Wege der Umkehr.

Denken wir ein paar Jahrzehnte zurück – um nur ein ganz Geringes zu sagen. An dem ersten Kriegsweihnachten 1914 hielt der eben zum Inhaber des Heiligen Stuhles erhobene Papst Benedikt XV. seine Allokation beim Weihnachtsempfang des Kardinalskollegiums. Er sagte damals: „Ach, möchten die brudermordenden Waffen zu Boden fallen! Möchten doch diese mit zuviel Blut befleckten Waffen dahinsinken und die Hände derer, die sie ergreifen mußten, zu den Arbeiten des Gewerbefleißes und des Handels sich zurückwenden, zurück zu den Wer­ken der Kultur und des Friedens! Ach, möchten doch heute wenigstens die Herrscher und die Völker die Engelstimmen vernehmen, die das übermenschliche Geschenk des neugeborenen Königs verkündeten, das Geschenk des Friedens‚ und möchten sie durch Werke der Gerech­tigkeit, des Glaubens und der Milde jenen guten Willen beweisen, der von Gott als Bedingung für den Genuß des Friedens gesetzt ist.“ Wie ein Rufer in der Wüste war jener Mann, der da­mals von sich sagen mußte: „Es scheint uns, als ob der Heilige Geist zu uns sagte: Rufe und lasse nicht ab.“ Bei dem ersten furchtbaren Anlauf des Krieges unter der Völkerfamilie Euro­pas erhob sich dieser Ruf. Vielleicht ermessen wir heute besser als damals, daß er uns allen galt und gilt.

Das Entscheidende ist, daß wir uns das Wort Frieden nicht entleeren lassen, daß wir festhal­ten: Gott hat es über seinen lieben Sohn gesetzt. Einmal wird dies Bild wieder eins sein, einmal werden sich Begriff und Inhalt wieder decken. Wenn wir müde sein werden der halben Wahrheiten und bereit, sie als ganze zu empfangen.

DIE ZEIT, Nr. 51, 20. Dezember 1951.

Hier der Text als pdf.

„Ein jeder muss ein Stück vom heiligen Kreuz tragen“ – Luthers Sermon vom Leiden und Kreuz

7. Dezember 2016

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Sermon vom Leiden und Kreuz (1530)

Von Martin Luther

Liebe Freunde, ihr wißt, daß man in dieser Zeit die Passionsgeschichte Christi zu predigen pflegt. So zweifle ich auch nicht daran, daß ihr oft gehört haben werdet, was es für eine Pas­sion und was es für ein Leiden gewesen ist, auch wozu sie Gott der Vater verordnet hat. Er hat nämlich dadurch nicht dem leidenden Christus helfen wollen, denn Christus bedurfte solchen Leidens gar nicht. Wir aber und das ganze mensch­liche Geschlecht bedurften solchen Lei­dens, daß es also ein Geschenk sein soll und uns aus lauter Gnade und Barmher­zigkeit darge­geben und geschenkt ist. Von diesem Stück wol­len wir jetzt nicht handeln, denn ich habe sonst oft davon ge­sprochen. Weil aber viele irrende Wanderprediger wieder und wieder auf­tauchen, welche das Evangelium nur schänden und uns beschuldigen, wir wüßten nichts mehr zu lehren und zu predigen als nur vom Glauben und ließen die Lehre von den guten Werken und dem heiligen Kreuz und Leiden hinten­anstehen. Auch sagen sie weiterhin, sie hätten den rechten Geist, der sie treibt, solches zu lehren. Darum wollen wir jetzt allein von dem Beispiel dieser Passion her sagen, was für ein Kreuz wir tragen und erleiden, auch wie wir dasselbe tragen und erleiden sollen.

Darum gilt es als erstes zu merken, daß Christus mit seinem Leiden [29] uns nicht nur (aus der Bedrohung) vom Teufel, von Tod und Sünden (heraus)geholfen hat, sondern daß sein Lei­den auch ein Beispiel ist, dem wir in unserem Leiden nachfol­gen sollen. Und obwohl unser Leiden und unser Kreuz nicht in dem Sinn aufgewertet werden sollen, als wollten wir dadurch selig werden oder das Geringste damit verdienen, sollen wir dennoch Christus im Leiden nachfol­gen, daß wir ihm gleichför­mig werden. Denn Gott hat es so beschlossen, daß wir nicht nur an den gekreuzigten Christus glauben, sondern auch mit ihm gekreuzigt werden und leiden sol­len, wie er es ja an vielen Stellen in den Evangelien klar anzeigt. „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt“, spricht er, „und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert“ (Matth. 10,38). Ebenso: ,,Weil sie den Hausvater Beelze­bub heißen, um wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen?“ (Matth. 10,25) Darum muß ein jeder ein Stück vom heiligen Kreuz tragen, und es kann auch nicht anders sein. Paulus sagt auch: „Ich erfülle an meinem Fleisch, was noch am Leiden Christi mangelt“ (Kol. 1,24), als wollte er sagen: „Seine ganze Christenheit ist noch nicht voll bereitet.“ Wir müs­sen auch darin nachfolgen, daß nichts an dem Leiden Christi feh­le noch ihm abgehe, sondern daß es alles zusammenkom­me. Folglich muß ein jeder Christ für sich bedenken, daß das Kreuz nicht ausbleiben wird.

Es soll und muß aber ein solches Kreuz und Leiden sein, das einen Namen hat und wirklich drückt und weh tut, wie es eine große Gefahr für Gut und Ehre, für Leib und Leben sein kann. Ein solches Leiden fühlt man wohl und es drückt; denn es wäre sonst kein Leiden, wenn es nicht sehr weh täte.

Darüber hinaus soll es ein solches Leiden sein, das wir uns nicht selbst erwählt haben, wie es nämlich bei den Geistern in den neuen Abspaltungen geschieht, die sich selbst ein eigenes Leiden erwählen. Es soll ein solches Leiden sein, welches uns der Teufel oder die Welt zu­schickt, dessen wir gern, wo es nur möglich wäre, enthoben sein wollten. Und dann ist es nö­tig, daß man fest bleibt und sich so hineinschickt, wie ich zuvor ge­sagt habe, nämlich im Wissen, daß wir leiden müssen, damit wir Christus gleichförmig werden, daß es auch nicht anders sein kann und darf, denn ein jeder muß sein Kreuz und Leiden haben. Wenn man das weiß, dann ist es desto sanfter und er­träglicher, und man kann sich trösten, indem man sagt: „Wohlan, will ich ein Christ sein, so muß ich auch die Farbe des Hofstaates tragen. Der liebe Christus gibt kein anderes Ge­wand aus an seinem Hof: es muß gelitten sein.“ Dies können die anderen nicht tun, die sich ihr eigenes Kreuz erwählen, son­dern sie werden unwillig darüber und wehren sich mit der Faust. Das ist dann ein hübsches und löbliches Leiden, und dennoch meinen sie, uns Schuld geben zu dürfen, [30] als lehr­ten wir nicht recht vom Leiden und sie könnten es allein. Wir aber lehren so, daß niemand sich selbst ein Kreuz oder Leiden auflegen oder erwählen soll, sondern wenn es daherkommt, daß wir es dann geduldig tragen und erdul­den.

Aber sie irren nicht nur in dem Stück, daß sie ein erwähltes Kreuz haben, sondern auch in dem, daß sie ihr Leiden so sehr aufwerten und ihm ein großes Verdienst beimessen, damit aber Gott lästern, weil es nicht ein rechtes, sondern ein (nach Selbstruhm) stinkendes und ein selbsterwähltes Leiden ist. Wir aber sagen so, daß wir mit unserem Leiden nichts verdienen und es nicht in schöne „Monstranzen“ fassen, wie sie ihres fassen. Es ist an dem genug, daß wir wissen, daß es Gott wohl­gefällt, daß wir leiden, damit wir auf diese Weise Christus gleich­förmig werden, wie ich bereits gesagt habe. So sehen wir, daß ebendieselben, die soviel vom Leiden und Kreuz rüh­men und lehren, das wenigste vom Kreuz und von Christus wis­sen, weil sie ihr eigenes Leiden zum Verdienst machen. (Mein) Lieber! Es ist nicht eine solche Sache damit, es wird auch nie­mand dazu gedrungen oder gezwungen: Willst du also nicht umsonst und ohne Verdienst leiden, so kannst du es sein las­sen und also Christus verleugnen. Der Weg geht vor die Türe hinaus. Allein, das mußt du wissen: Wenn du nicht leiden willst, wirst du auch nicht zum Hofstaat (Christi) gehören. So kannst du nun tun, was du von beiden willst: leiden oder Christus ver­leugnen.

Willst du leiden, wohlan, so ist der Schatz und Trost, der dir verheißen und geschenkt wird, so groß, daß du gerechterweise gern und mit Freuden leiden solltest, nämlich weil Christus dir so vollständig samt seinem Leiden geschenkt und zu eigen ge­geben wird. Wenn du nun das so glauben kannst, darfst du frei auch in der größten Angst und Not sagen: „Wenn ich auch lange leide, was ist das denn im Vergleich mit einem solchen Schatz, den mir mein Gott zu eigen gegeben hat, damit ich ewig mit ihm leben soll!“ Siehe, so würde das Leiden süß und leicht werden und nicht mehr ein ewiges Leiden sein, sondern nur etwas Geringfügiges, das eine kleine Zeit währt und bald wieder vergeht, wie Paulus und Petrus, auch Christus selbst im Evangelium sagen (vgl. 2. Kor. 4,17; 1. Petr. 1,6; Joh. 16,16 ff.). Sie sehen nämlich das große, überschwengliche Geschenk an, daß Christus mit seinem Leiden und Verdienst ganz und gar unser geworden ist. Nun ist das Leiden Christi so mächtig und stark, daß es Himmel und Erde füllt und die Gewalt und Macht des Teufels und der Hölle, des Todes und der Sünde zerreißt. Wenn du nun einen solchen Schatz gegen deine Anfechtung und Leiden hältst, wird es dir gegenüber solchem Gut als ein geringer Schaden vorkommen, wenn du ein wenig von deinem Besitz, der Ehre, Gesundheit, ja [31] dein Weib und Kind, deinen eigenen Leib und dein Leben verlierst. Willst du aber einen sol­chen großen Schatz nicht achten und nichts darum leiden, wohlan, so fahre nur immer hin und laß es: Wer nicht glaubt, dem wird auch nichts von solchen unaussprechlichen Gütern und Gaben zuteil.

Weiter soll sich ein jeder Christ so verhalten und gewiß sein, daß solches Leiden ihm zum Besten dienen wird. Denn auch Christus will uns um seines Wortes willen nicht nur solches Lei­den tragen helfen, sondern es auch zum Besten kehren und wenden. Dadurch nun soll es uns wiederum lieblicher und leichter werden, solches Kreuz zu tragen, indem unser lieber Gott uns soviel Gewürz und Labwasser in unsere Herzen geben will, daß wir alle unsere Anfechtung und unser Kreuz tragen können. So sagt auch der Apostel Paulus 1. Kor. 10,13: „Gott ist getreu und läßt uns nicht mehr anfechten, als wir er­tragen können. Ja, er schafft auch mit derAnfechtung ein Her­auskommen, so daß wir es ertragen können.“ Das ist aber wahr: Wenn das Leiden und die Anfechtungen am größten sind, dann bedrängen und be­drük-ken sie uns derartig, daß man denkt, man kann nicht mehr, man müsse untergehen. Aber wenn du dann an Christus denken kannst, wird der treue Gott kommen und dir helfen, wie er von Anbeginn der Welt an den Seinen geholfen hat. Denn es ist ja ebenderselbe Gott, der im­mer gewesen ist. So ist es eben auch ein und dieselbe Ursache, um derentwegen wir leiden und um derentwegen alle Heiligen von Anbeginn an gelitten haben. Die ganze Welt muß uns ja das Zeugnis geben, daß wir nicht um öffentlicher Schande und Laster willen leiden, wegen Ehe­bruch, Hurerei, Mord usw. Son­dern darum leiden wir, weil wir bei dem Wort Gottes blei­ben, dasselbe predigen, hören, lernen und verbreiten. Solange das nun die Ursache unseres Leidens ist, so laß es nur immer ge­schehen. Wir haben dieselben Verheißungen und Ursachen zu lei­den, die alle Heiligen immer und immer gehabt haben. So können wir uns nun wohl auch der­selben Verheißungen trö­sten und uns an sie in unserem Leiden und unserer Trübsal halten, wie es denn (jetzt auch) sehr nötig ist.

Darum sollen wir uns nun so in unserem Leiden verhalten, daß wir zuerst und am allermeisten auf die Verheißungen sehen, nach denen unser Kreuz und unsere Anfechtung uns zum Besten gewendet werden sollen, dahin, wohin wir es nie­mals hätten wünschen noch denken können. Und das ist es eben, was den Unterschied zwischen den Leiden und Anfech­tungen der Chri­sten und denen aller anderen Menschen aus­macht. Denn andere Leute haben auch ihre An­fechtungen, ihr Kreuz und Unglück, obwohl sie eine Zeitlang im Rosengarten sitzen und ihr Glück [32] und Gut ganz nach ihrem Willen ge­brauchen. Wenn sie aber in Anfechtung und Leiden kommen, so können sie sich nicht trösten; denn sie haben die gewaltigen Verheißun­gen und die Zuversicht zu Gott nicht, die die Christen haben. Sie können sich nicht damit trö­sten, daß ihnen Gott die Anfechtung tragen helfen will und noch viel weniger können sie sich vor ihm dessen versichert wissen, daß ihnen solche An­fechtung und Leiden zum Besten gera­ten soll. So geschieht es denn, wie wir sehen, daß sie auch in geringen Anfechtungen nicht bestehen können; wenn sie aber große, starke Anfechtun­gen überfallen, verzweifeln sie ganz, bringen sich selbst um oder wollen sonst aus der Haut fahren, weil ihnen die ganze Welt zu eng wird. Derart können sie kein Maß halten weder im Glück noch im Unglück: Geht es ihnen wohl, so sind sie die frevelhaftesten, trotzigsten und hochmütigsten Leute, die man finden kann. Geht es ihnen übel, so sind sie gänzlich zerschla­gen und verzagt, mehr als eine Frau. Wie man es ja sieht: Die jetzt so aufbegehren, pochen und trotzen, waren während des Bau­ernaufruhrs so verzagt, daß sie nicht wußten, wo sie blei­ben sollten. Es muß so gehen, wenn man die Verheißungen und Gottes Wort nicht hat. Aber die Christen haben auch im höch­sten Leiden und Unglück ihren Trost.

Damit man aber solches desto besser verstehen kann, will ich ein Beispiel erzählen, in dem ihr deutlich die Leiden der Chri­sten abgemalt und entworfen sehen könnt. Ihr wißt wohl alle, wie man Christophorus hin und wieder malt. Ihr sollt aber nicht denken, daß je ein Mann gewesen ist, der so geheißen oder das wirklich getan hat, was man von Christophorus erzählt. Wer viel­mehr diese Legende oder Fabel aufgeschrieben hat, der ist ohne Zweifel ein feiner und ver­nünftiger Mann gewesen. Er hat dem einfältigen Volk ein solches Bild vormalen wollen, damit sie ein Beispiel und Ebenbild des christlichen Lebens hätten, wie dasselbe eingerichtet und geordnet sein soll; und er hat es deutlich getroffen und abgemalt. Ein Christ ist nämlich wie ein großer Riese, hat große, starke Beine und Arme, ganz so wie man denn den Christo­phorus malt. Er trägt auch eine solche Last, welche die ganze Welt nicht, kein Kaiser, König noch Fürst, tragen könnte. Daher heißt auch ein jeder Christ Christophorus, das ist ein Chri­stusträger, weil er den Glauben annimmt.

Wie geht es aber damit zu? Wenn man den Glauben an­nimmt, so denkt keiner, daß es eine schwierige Sache darum sei. Christus scheint einem ein kleines Kindlein zu sein, das hübsch und wohlgestaltet ist und leicht zu tragen, wie es dem Christophorus geschah. Das Evangeli­um läßt sich nämlich zuerst [33] so ansehen, als sei es eine feine, liebliche, freund­liche und kindliche Lehre. So erlebten wir es auch selbst am An­fang (mit der reformatorischen Verkün­digung). Als sie begann, kam jedermann zum Evangelium und wollte auch evangelisch sein. Da war ein solches Verlangen und ein Durst danach, daß kein Backofen so hitzig ist, wie es die Leute damals waren. Aber wie ging es weiter? Es ging eben zu wie mit dem Christo­pho­rus. Der erfuhr nicht eher, wie schwer das Kindlein ist, bis er in das Wasser kam, dorthin wo es am tiefsten ist.

Genauso ging es mit dem Evangelium: Als es sich ausbreitete, kamen die Wellen daher. Papst, Bischöfe, Fürsten und deren tobende Gefolgschaft widersetzten sich. Da fühlte man zum erstenmal, wie das Kindlein so schwer zu tragen ist. Denn das Wasser kommt dem guten Christophorus ja so nahe, daß er fast dadurch ertrinkt. Wie ihr seht, geht es jetzt auch so zu. Auf seiten jener, die dem Wort entgegenstehen, ist soviel an Praktiken, Erfindungen, Trug und List, alles mit dem Ziel, daß sie uns im Wasser ersäufen möchten. Da ist solches Drohen und Schrecken, daß wir uns zu Tode fürchten müßten, wenn wir dem nicht einen anderen Trost entgegenzusetzen hätten. Wohlan, wer den Christus, das liebe Kindlein, auf sich geladen hat, der muß ihn entweder ganz hinüber durch das Wasser hin­durchtragen oder ertrinken. Da gibt es kein Mittelding. Ertrinken ist nicht gut; darum wollen wir mit dem Christus durch das Wasser hindurch, wenn es gleich noch einmal so aussehen möchte, als müßten wir darin ertrinken. Wir haben ja die Verhei­ßung: Wer Christus hat, sich auf ihn verläßt und glaubt, der kann frei mit David sagen, Ps. 27,3: „Ob sich auch ein Heer ge­gen mich legt, soll mein Herz sich doch nicht fürchten. Ob sich auch Streit gegen mich erhebt, will ich mich darauf verlas­sen.“ Laß sie (gegen uns) aufbegehren und pochen, drohen und schrecken, wie sie wollen, wäre das Wasser auch noch so tief, so wollen wir dennoch mit Christus hindurch.

Auf die gleiche Weise geht es in allen anderen Stücken zu: Wenn es beginnt, so will es zu schwer werden, es sei Sünde, Teufel, Tod oder Hölle oder auch unser eigenes Gewissen. Was soll man aber dagegen tun? Wo sollen wir hinlaufen und wie uns schützen? Es läßt sich von uns aus nicht anders ansehen, als wolle es ganz und gar zu Boden gehen und fallen. Aber auf der Seite drüben (nämlich der Gegner des Evangeliums) sind sie sicher und stolz, meinen, sie haben es schon geschafft. Ich sehe es auch wohl, daß der liebe Christophorus sinkt. Dennoch kommt er heraus; denn er hat einen Baum, an dem hält er sich fest; Dieser Baum ist die Ver­heißung, daß Christus mit unserem Leiden etwas Besonderes tun will. „In der Welt“, spricht er (Joh. 16,33), „werdet ihr Zwang und Trübsal haben, aber in mir werdet ihr Frieden ha­ben.“ Ebenso Paulus (1. Kor. 10,13): „Wir haben einen treuen Gott, der uns aus der Anfech­tung hilft, daß wir es [34] ertragen können.“ Diese Sprüche sind Stäbe, ja Bäume, an denen man sich festhalten kann und das Wasser brausen und rauschen läßt, wie es will.

Demnach haben sie uns mit dem Christophorus ein Beispiel und Bild vormalen wollen, um uns in unserem Leiden zu stärken und uns zu lehren, daß das Verzagen und der Schrecken nicht so groß sind wie der Trost und die Verheißung. Wir sollen also wissen, daß wir in die­sem Leben keine Ruhe haben werden, wenn wir Christus tragen, sondern in der Anfech­tung unsere Augen von dem gegenwärtigen Leiden weg zu dem Trost und der Verheißung hinwen­den sollen. Dann werden wir erfahren, daß es wahr ist, was Christus sagt: „In mir wer­det ihr Frieden haben.“ Das ist nämlich der Christen Kunst, die wir alle zu ler­nen haben, daß wir auf das Wort sehen und alle vorhandenen und beschwerenden Nöte und Leiden weit aus den Augen tun. Das Fleisch aber kann solche Kunst überhaupt nicht, es sieht nicht weiter als auf das gegenwärtige Leiden. Das ist ja auch eine Wesensart des Teufels, daß er das Wort weit aus den Augen rückt, so daß man nun nicht mehr sieht als nur die Not, welche vorhanden ist. So tut er ja jetzt auch mit uns und wollte gern, daß wir das Wort ganz verleugneten und ver­gäßen und allein auf die Gefahr blickten, die uns vom Papst und den Tür­ken am Hals hängt. Wenn ihm das Spiel gelänge, so ersäufte er uns in der Not, weil wir nichts als solches Sausen und Brau­sen sehen. Aber das soll nicht sein. Denn es geht so zu: Will einer ein Christ sein und sich nur nach dem richten, was er sieht, hört und fühlt, verliert er Christus bald. Nur das Lei­den und Kreuz, sosehr du immer kannst, aus dem Herzen und dem Sinn geschlagen! Sonst, wenn man es zu lange bedenkt, wird das Übel ärger. Bist du in Anfechtung und Leiden, so sprich: „Dies Kreuz habe ich mir ja nicht selbst erwählt und zugerichtet. Es ist die Schuld des lieben Wortes Gottes, daß ich solches leide und daß ich doch auch Christus habe und leh­re. So laß es in Gottes Namen immer gehen! Ich will es den walten und aus­fechten lassen, der mir solches Leiden längst vorhergesagt, und mir seine göttliche, gnädige Hilfe verheißen hat.“

Wenn du dich derart in die Schrift hineinbegibst, so wirst du Trost fühlen, und deine ganze Sache, die du sonst mit keinem Entschluß, auf keine Art und Weise steuern kannst wird besser werden. Ein Kaufmann kann es sich doch so einrichten, daß er, um Geld und Gut zu gewin­nen, von Haus und Hof, Frau und Kind fortzieht und – um des schnöden Gewinnes willen – Leib und Leben wagt, und doch hat er keine sichere Verheißung oder Zusage, daß er gesund wieder zu Frau und Kind heimkommen wird. Dennoch ist er so tollkühn und verwegen und wagt sich frei hinaus in solche Gefahr ohne alle Verheißung. Kann ein Kaufmann nun solches um Geldes und Gutes willen tun: Pfui uns, daß wir ein [35] geringes Kreuz nicht tragen und dennoch Christen sein wollen. Und wir haben noch dazu den Baum in unseren Fäusten, an dem wir uns gegen die Wellen festhalten können, nämlich das Wort und die starken, feinen Verheißun­gen, daß wir niemals von den Wasserwogen ersäuft werden sollen.

Ebenso tut auch ein Reiter: Der begibt sich in den Krieg, wo so viele Hellebarden und Büch­sen auf ihn gerichtet sind. Er hat auch keine Verheißung, deren er sich trösten könnte, als nur seinen tollen Sinn. Dennoch geht er hinein, wo doch dieses ganze Leben nichts anderes ist als ein hartes Leben und Lei­den. Ebenso tun auch die Papisten: Die lassen es sich keine Mühe noch Arbeit gereuen, nur damit sie ihren Greuel und ihre Abgötterei wieder aufrichten. Wie­viel Pläne haben sie nur seit der Zeit, als das Evangelium seinen Lauf begonnen hat, gefaßt und tun es wieder und wieder noch heutigen Tages, fassen einen Plan nach dem anderen. Die­se alle sind nicht aufgegan­gen und zu Asche geworden, auch jetzt. Dennoch bilden sie sich ein und sind sich dessen so sicher, daß sie es hinaus­posaunen und das Wort Gottes unterdrücken; so ergehen sie sich in ihrer bloßen Tollkühnheit.

Können nun Kaufleute, Reiter, Papisten und solche Gesellen einen solchen Mut schöpfen, daß sie sich solche Gefahren, Mühen und Arbeit aufladen und sie erleiden, sollten wir uns ja mit Recht schämen, daß wir uns gegen Leiden und Kreuz sperren. Wir wissen doch erstens, daß es Gott so verordnet hat, daß wir leiden sollen und daß es nicht anders sein kann. Zum anderen kennen wir unsere Verheißung und Zusage auch. Obgleich wir nicht so gute Christen sind, wie. wir es wohl sein sollten, und zaghaft und schwach sowohl im Leben wie im Glauben sind, will Gott dennoch sein Wort verteidigen, nur darum, weil es sein Wort ist. Deshalb kön­nen wir also mit Recht trotzen und sagen: Wenn gleich 10 Päpste oder tür­kische Kaiser da wären, so will ich sehen, ob sie alle zusam­men den Mann, der da Christus heißt, schlagen werden. Das können sie wohl tun, daß sie ein Spiel zurüsten, das nach ihrem Kopf gespielt wird, aber dem Wort Gottes werden sie keinen Abbruch tun; dieses soll und wird geschehen, obgleich wir schwach im Glauben sind.

Das ist nun die rechte Kunst, daß wir derart im Leiden und Kreuz auf das Wort und die tröst­liche Zusage sehen und ihm Glauben schenken. Er spricht ja: „In mir werdet ihr Frieden haben, aber in der Welt Trübsale“ (Joh. 16,33), als wollte er sagen: Gefahr und Schrecken werden euch gewiß unter die Augen kommen, wenn ihr euch meines Wortes annehmen wer­det. Laßt sie nur kommen, solches wird euch um meinetwillen begegnen und widerfahren. So seid nun getrost! [36] Ich will euch nicht verlassen, ich will bei euch sein und euch helfen. Es sei nun die Anfechtung so groß, wie sie immer wolle, sie wird dir gering und leicht werden, wenn du für dich solche Gedanken aus dem Wort Gottes schöpfen kannst. Darum soll sich auch ein jeder Christ so zurüsten, daß er sich in der Anfechtung mit den feinen tröstlichen Zusagen schützen und bewahren kann, die. uns Christus, unser lieber Herr, hinterlassen hat wenn wir um seines Wortes willen leiden. Tut man es aber nicht und läßt die tröstlichen Sprü­che fahren, wenn das Kreuz kommt, so wird es uns genauso gehen wie der Eva im Para­dies. Die hatte Got­tes Gebot. Mit diesem sollte sie des Teufels Eingebung und An­reiz zu­rückschla­gen. Aber was tat sie? Sie läßt das Wort fahren und bekümmert sich um die Gedan­ken, was es für ein feiner Apfel. sei, es wäre an dem geringen Ding nicht viel gelegen. So ging sie ihren Weg dahin, und wenn man das Wort fahrenläßt, kann es nicht anders zugehen. Wenn wir aber bei dem Wort bleiben und uns daran halten, werden wir gewiß erfahren, daß wir fein heraus­kommen und siegen werden. Siehe, diese zwei Stücke lehren wir, wenn wir von dem Leiden und Kreuz predigen. Und wer uns die Schuld gibt, als lehrten wir gar nichts vom Kreuz, der tut uns Unrecht. Das tun wir aber allerdings nicht, daß wir unser Leiden zum Ver­dienst gegen­über Gott machen. Nein, weit, weit hinweg damit! Dasselbe hat Christus allein getan und sonst niemand. Dem soll auch allein die Ehre gebühren.

Drittens wollen wir auch sehen, warum unser Herrgott uns solches Leiden zuschickt. Dieses nun ist hier die Ursache: Er will uns seinem lieben Sohn in der Weise gieichförmig machen, daß wir ihm hier im Leiden und dort in jenem Leben in der Ehre und Herrlichkeit gleich wer­den, gemäß seinem Wort: „Mußte nicht Christus leiden und so zur Herrlichkeit ein­gehen?“ (Luk. 24,26.) Dieses aber kann Gott mit uns nur durch Leiden und Anfechtungen erreichen, die er uns durch den Teu­fel und böse Leute zuschickt.

Die andere Ursache ist die: Auch wenn Gott uns nicht angrei­fen und plagen wollte, will es doch der Teufel tun. Er kann Got­tes Wort nicht ertragen; er ist ja überhaupt von Natur aus so boshaft und giftig, daß er nichts Gutes leiden kann. Es ist ihm leid, daß ein Apfel auf einem Baum wächst; es tut ihm weh und verdrießt ihn, daß du einen gesunden Finger hast. Wenn er es tun könnte, so zerrisse er alles, was da ist, und würfe es durch­einander. Aber keinem Ding ist er so feind wie dem lieben Wort, und das darum: Er kann sich hinter jedem Geschöpf ver­bergen, nur das Wort deckt ihn auf, daß er sich nicht verbergen kann, [37] und zeigt jeder­mann, wie schwarz er ist. Da wehrt und sperrt er sich und bindet die Fürsten und Bischöfe aneinan­der und meint sich dadurch wieder zu verstecken. Aber es hilft nichts: das Wort zieht ihn dennoch ans Licht. Darum ruht er auch nicht, und weil ihn das Evangelium nicht leiden will, will er es auch wiederum nicht leiden. Da hebt es sich denn auf. Und wenn uns unser lieber Gott nicht durch seine Engel schützte und wir des Teufels List, Anschläge und Trug sehen könnten, müßte ein jeder allein von dem Anblick sterben, so viele Ge­schütze und Büchsen hat der Teufel auf uns gerichtet. Aber Gott wehrt ihnen, daß sie nicht treffen.

So kommen die zwei Helden zusammen. Ein jeder tut, so­viel ihm möglich ist. Der Teufel braut immer ein Unglück über das andere zusammen; denn er ist ein mächtiger, boshafter und unruhiger Geist. So ist es denn Zeit, daß die Ehre un­seres lieben Gottes auch hervorbricht. Denn das Wort, das wir ins Feld führen, ist ja ein schwaches, elendes Wort, und wir, die es haben und treiben, sind auch schwache und elende Menschen und tragen den Schatz in irde­nen Gefäßen, wie Paulus sagt (2. Kor. 4,7), die man leicht zerschlagen und zer­brechen kann. Darum läßt sich der böse Geist durch keine Mühe verdrießen und schlägt getrost danach, ver­sucht, ob er das Töpflein zerschlagen könnte. Es steht ihm ja so unter der Nase, daß er es nicht ertragen kann. Da heißt es erst recht, das kleine Fünklein mit Wasser und Feuer zu löschen und zu dämpfen. Da sieht unser Herrgott eine Weile zu und steckt uns zwischen Tür und Angel, damit wir aus unserer eigenen Erfahrung lernen, daß das kleine, schwache, elende Wort stär­ker ist als der Teufel und die Pforten der Hölle. Das Schloß sollen sie ruhig stürmen, der Teufel mit seinem Anhang. Aber laß sie nur stürmen, sie sollen dabei etwas finden, was ihnen den Schweiß heraustreiben soll, und es dennoch nicht gewin­nen; denn das Wort ist ein Fels, wie Christus es nennt, der nicht zu erstürmen ist. So laßt uns erleiden, was auf uns zu­kommt! So können wir erfahren, daß uns Gott beistehen, uns gegen diesen Feind und allen seinen Anhang schützen und schirmen will.

Zum dritten ist es auch sehr notwendig, daß wir nicht nur deshalb leiden, damit Gott seine Eh­re, Macht und Stärke gegen den Teufel beweise, sondern auch darum, weil uns der vortreff­liche Schatz, den wir haben, wenn er ohne Not und Leiden bleibt, nur schnarchend und sicher macht. Wir sehen es ja, und es ist leider allzusehr verbreitet, daß jetzt viele das heilige Evan­gelium so mißbrauchen, daß es eine Sünde und Schande ist, nämlich derart, als wären sie durch das Evangelium von allem so befreit, als ob sie nichts mehr tun, geben oder leiden sollten. Solcher Bosheit kann unser Gott nur durch das Kreuz steuern. Er muß [38] uns also üben und antreiben, daß der Leiden mehr werden und die Anfechtungen zunehmen und stär­ker werden und wir so den Heiland in uns bringen. Sowenig wir also des Essens und Trinkens entbehren können, sowenig können wir derAnfechtung und des Leidens entbehren. Darum müssen wir notwendig vom Teufel durch Verfolgung oder sonst einen heim­lichen Pfahl, der uns durch das Herz dringt, geplagt werden, wie Paulus auch klagt (2. Kor. 12,7). Weil es aber nun besser ist, daß man ein Kreuz hat, als daß man ohne Kreuz ist, soll sich nie­mand davor entsetzen oder erschrecken. Du hast ja eine gute, starke Verheißung, deren du dich trösten kannst, und das Evan­gelium kann auch nicht anders ans Licht kommen als durch und im Leiden und Kreuz.

Zum letzten: Der Christen Leiden ist deshalb edler und köst­licher als aller anderen Menschen Leiden, weil Christus sie in das Leiden gesteckt hat und so auch alle Leiden seiner Chri­sten geheiligt hat. Sind wir denn nicht arme, tolle Leute? Wir sind nach Rom, Trier und an andere Orte gelaufen, um die Heiligtümer aufzusuchen. Warum lassen wir uns nicht auch das Kreuz und das Leiden lieb sein, welches Christus viel näher gewesen ist und ihn näher berührt hat als irgendein Kleid am Leibe? Es hat ihm nicht allein den Leib, sondern das Herz be­rührt. So ist nun durch das Leiden Christi auch das Leiden aller seiner Heiligen ganz zum Heiligtum geworden; denn es ist mit dem Leiden Christi verbunden. Deswegen sollen wir alles Leiden nicht anders annehmen denn als Heiligtum; denn es ist wahrhaftig ein Heiligtum.

Weil wir aber jetzt wissen, daß es Gott so wohlgefällt, daß wir leiden sollen und Gottes Ehre sich in unserem Leiden erweist und sichtbar wird, und zwar besser als in irgend etwas an­de­rem, und weil wir solche Leute sind, die ohne Leiden im Wort und Glauben nicht bestehen können, und dennoch daneben die edle, teure Verheißung haben, daß unser Kreuz, wenn es uns von Gott zugeschickt ist, nichts Schlechtes, sondern ein durch und durch köstliches und edles Heiligtum ist, warum wollen wir uns dann weigern zu leiden? Wer nicht leiden will, der fahre hin und sei ein Junker. Wir predigen solches nur den Willigen, die wirklich Christen sein wollen. Die anderen werden es doch nicht fertigbringen (bereitwillig zu leiden). Haben wir doch so­viel Trost und Verheißung, daß Gott uns nicht im Leiden steckenlassen, sondern heraushelfen will, wenn auch alle Men­schen daran verzweifelten! Darum, obgleich es weh tut: Wohl­an, du mußt doch irgend etwas leiden; es kann ja nicht immer gleich zugehen! Es ist ebenso gut, ja tausendmal besser, um unseres Christus willen zu leiden, der uns Trost und Hilfe im Leiden zugesagt hat, als um des Teufels willen zu leiden und ohne Trost und Hilfe zu verzagen und zu verderben. [39]

Siehe, auf diese Weise lehren wir vom Kreuz, und ihr sollt euch auch daran gewöhnen, daß ihr fleißig das Leiden Christi von allen anderen Leiden unterscheidet. Jenes ist ein himm­lisches, unseres ein irdisches Leiden. Sein Leiden tut alles, un­seres tut nichts, als daß wir Christus gleichförmig werden. Das Leiden Christi ist also ein Herrenleiden, unseres ein Knechts­leiden. Diejenigen, die anders davon lehren, die wissen weder, was Christi Leiden noch was unser Leiden ist. Was ist die Ursache dafür? Die Vernunft kann nicht anders. Sie möchte gern mit ihrem Leiden wie mit allen anderen Werken hofieren, damit sie etwas verdient. Das sei für dieses Mal genug von dem Beispiel der Passion und von unserem Leiden geredet. Gott gebe, daß wir es recht fassen und lernen. Amen.

Gehalten am Karsamstag, 16. April 1530 auf der Veste Coburg.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, hg. v. Horst Beintker, Helmar Junghans und Hubert Kirchner, Band 1: Die Botschaft des Kreuzes, bearbeitet von Horst Beintker, Berlin 1981, 198-210 (WA 32,28-39).

Hier die Predigt als pdf.

„Seht auf und erhebt eure Häupter“ – Predigt zu Lukas 21,25-33 mit Bezug auf Richard Oelze, „Erwartung“

4. Dezember 2016

Was braut sich da zusammen? Kopferhoben starrt eine Gruppe Menschen hinauf zum düsteren Himmelgebräu. Was in der Luft zu liegen scheint, ist es gar eine Menschheitskatastrophe?

Der surrealistische Maler und Bauhausschüler Richard Oelze (1900-1980) hatte das Bild 1935/36 in seinem Pariser Atelier gemalt. Es hängt im Museum of Modern Art in New York und trägt den bezeichnenden Titel „Erwartung“. Im Hinblick auf den Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde diesem Bild im Nachhinein eine epochale Bedeutung zuerkannt. So lohnt sich also ein genaueres Hinsehen.

Eine Menge von Menschen hat sich an einem unbewohnten, unwirtlichen Ort versammelt; Ihre Kleidung wirkt deplatziert: breitkrempige Hüte, Melone, Trenchcoats und Pelzmäntel sind eher am Boulevard Saint-Denis in Paris zu erwarten. Vor ihnen – in der rechten Bildhälfte – versperrt eine bizarre, frostbeladene Baumgruppe die Sicht in die Tiefe. Am linken unteren Bildrand erscheinen undefinierbare Pflanzen wie versteinerte Gnome.

Unheimliche Stille beherrscht die Szene – wie vor einem schweren Unwetter. Und Menschen stehen da, als gälte gerade ihnen Jesu Wort:

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,25-28)

An dem gespenstisch dunklen Himmel zeigt sich eine Wolkenformation wie geschlossene Lippen – unheilvolles Schweigen, das sich dem Betrachter entgegenwirft. Wenn das Furchtbare sichtbar wäre, wäre es zum Davonlaufen, aber unsichtbares Unheil eröffnet keinen Ausweg. Die Menschen, die solchermaßen gefangen sind, zeigen uns meist den Rücken. Und wer sich von diesem kalyptischen Naturschauspiel abwendet, lässt nur in ein gesichtsloses Gesicht blicken.

In Franz Kafkas Tagebucheintrag vom 15. März 1914 finden sich die Worte: „Nichts als ein Erwarten, ewige Hilflosigkeit.“ Anders als die Verzweiflung oder die Trauer hat die Hilflosigkeit kein Gesicht. Wo wir die Menschen so in den Blick nehmen, können wir selbst nicht Anteil an ihnen gewinnen.

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

Mitunter zeigt sich auch bei uns dieses dumpfe Gefühl: Irgendwann kommt auf uns zu, was sich auftürmt, einbricht, eindringt  und über die eigenen Kräfte geht – Unheil, das sich nicht bannen lässt. Was genau es ist, wie es kommt, was es zur Folge hat – wir wissen es nicht, schauen ins Ungewisse, doch dieses rückt uns immer näher. Alles Mögliche stellen wir uns im eigenen Kopfkino vor, sind von uns selbst eingenommen, gelähmt, verunsichert, verängstigt, niedergedrückt. So zeigt sich unser Leben wenn wir unseren eigenen Zukunftsbefürchtungen überlassen bleiben.

Kosmische Katastrophen sind in Jesu Namen angesagt; und doch steht für uns nicht die Vernichtung an. Dass unser Leben und Erbe ausgelöscht wird, kommt nicht aus seinem Mund:

Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Zuletzt ist er am Zug: Der Menschensohn kommt in seine unendliche Gegenwart, lässt der Sünde kein Leben. Er kommt mit seiner Macht, die dem Tod keine Chance gibt. Er richtet seine Herrschaft auf, die den Gottesfeinden keine Wirklichkeit mehr lässt. Sein Lebenswort durchdringt diese dunkle Zukunftswand. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Das bedrückende Wolkengebräu, undurchdringlich ist es für unsere Augen. Und doch dringt unser Gebet in Jesu Namen durch die Wolkenwand der Angst hindurch:

Du, HERR, „schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? […] Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! […] Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen. […] Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“ (Jesaja 63,15-64,3)

Hier die Predigt als pdf.

Brigitte Gensch hat eine lesenswerte Predigt zu Lukas 21,25-33 mit gleichem Bildbezug online veröffentlicht.

„Advent schafft neue Menschen“ (Dietrich Bonhoeffer)

24. November 2016

In Dietrich Bonhoeffers Londoner Predigt vom 3. Dezember 1933 über Lukas 21,28 „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ finden sich folgende Worte zum Advent:

Ihr wißt alle, was ein Grubenunglück ist. Wir haben in der letzten Woche immer wieder davon in den Zeitungen lesen müssen. Über den Männern, die täglich in den tiefen Schächten der Erde einfahren müssen, um ihre Arbeit zu tun, schwebt die fortwährende Gefahr, daß eines Tages einer der Gänge einstürzt, daß eine unterirdische Explosion sie verschüttet. […] Und wenn nun dann auf einmal ein leises Geräusch sich vernehmen läßt, wie ein Klopfen, ein Hämmern, ein Brechen von Steinen, und […] – dann auf einmal richtet sich der schon Verzagte hoch auf, sein Herz möchte ihm springen vor Spannung und vor Warten und er schreit aus Leibeskräften: Hier bin ich, kommt durch zu mir und helft mir – ich komme nicht durch, ich kann mir nicht helfen, aber ich warte, ich warte, ich halte durch bis ihr kommt. Kommt nur bald … […] So steht es ja mit dem Herannahen Gottes zum Menschen, mit dem Kommen der Erlösung, mit der Ankunft Christi … sehet auf und erhebet eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung naht. […]

Nicht an die Satten, die Zufriedenen, sondern an die Hungernden und Dürstenden richtet sich dies Wort des Advent. Bei ihnen klopft er an, mächtig und eindringlich. […]

Was wollen wir dann von Weihnachten … ein bißchen Sentimentalität, ein bißchen innere Erhebung, … ein bißchen Stimmung – wenn aber da etwas ist, das davon wissen will, das sich an diesem Wort entzündet, wenn da etwas in uns diesem Wort glaubt, – […] dann wird Weihnachten kommen und wir sind bereit – Gott kommt zu uns, zu dir und mir, Christ, der Retter ist da. […]

Und daß nun ein solches wahrhaftes Adventsgeschehen etwas anderes schafft als eine ängstliche, kleinliche, gedrückte, schwächliche Christlichkeit, die wir immer wieder wahrnehmen und die uns das Christentum selbst immer wieder verächtlich machen will, das wird aus den zwei gewaltigen Aufforderungen klar, die unseren Text einleiten. Sehet auf, erhebet eure Häupter. Advent schafft Menschen, neue Menschen. Neue Menschen sollen auch wir im Advent werden. Sehet auf, ihr, deren Blick unverwandt auf diese Erde gerichtet ist, die gebannt sind von den kleinen Geschehnissen und Veränderungen auf der Oberfläche dieser Erde, sehet auf, die ihr euch vom Himmel enttäuscht abgewendet habt, zu diesen Worten, sehet auf, ihr, deren Augen von Tränen schwer sind und dem nachweinen, das die Erde uns gnadenlos entrissen hat, sehet auf, ihr, deren Blick schuldbeladen sich nicht erheben kann – sehet auf, eure Erlösung naht. Es geschieht noch etwas anderes, als was ihr täglich seht, etwas viel Wichtigeres, etwas unendlich viel Größeres und Mächtigeres – nehmt es nur wahr, seid auf der Wacht, wartet noch einen kurzen Augenblick, wartet und es wird etwas ganz Neues über euch hereinbrechen. Gott wird kommen, Jesus kommt und wird von euch Besitz nehmen und ihr werdet erlöste Menschen sein. Sehet auf, steht auf der Wacht, die Augen auf, wartet, wartet der herannahenden Erlösung entgegen. […]

Und nun fragen wir nochmal: Hören wir nun, wie es klopft und treibt und vorwärtskämpft, wie da etwas in uns aufspringen will, sich auftun, frei werden dem Christus entgegen? […] Kann der verschüttete Bergmann auf etwas anderes achten, als auf dies Hämmern und Klopfen der Retter? Kann und darf uns noch etwas anderes wichtig sein, als eben auf dieses selbe Hämmern und Klopfen Jesu Christi in unserem Leben zu achten. Kann es uns in allem was geschieht um etwas anderes gehen als um das Lauschen und Aufhören, um das Zittern und Sichausstrecken nach ihm. Es ist etwas am Werk, auch in uns. Daß wir’s doch nicht zuschütteten, daß wir doch auftäten dem, der da kommen will. Mitten im Winter hat Luther einmal, als er an Advent über unseren Text predigte, gerufen: »Der Sommer ist nahe, die Bäume wollen hervor. Es ist Frühlingszeit.« Wer Ohren hat zu hören, der hört. Amen.

Quelle: DBW 13, London 1933–1935, S. 332-337.

Zu guter Letzt bis in alle Ewigkeit – achte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“

21. November 2016
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Das Lamm mit den 144.000 (Offb 14 – Luther-Bibel 1545)

Das wird auf Ewigkeit geschehen mit unseren Verstorbenen und mit uns Lebenden – zu guter Letzt oder schlimmstenfalls? Heute ist ja die letzte Predigt aus unserer achtteiligen Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“ angesagt. In dieser Reihe geht es ja darum, den roten Faden durch Gottes Geschichte mit den Menschen von Anfang bis Ende zu finden. All das, was in der Bibel gesagt ist und erzählt wird, steht in einem Zusammenhang von einem göttlichen Anfang und einem göttlichen Ende, der mit Alpha und Omega signiert ist. So sagt es Christus dem Seher Johannes ganz am Ende der Bibel im Buch der Offenbarung im 22. Kapitel zu: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Vers 13). Eine Zusage, die es in sich hat, die sich sogar hier in unserer Martin-Luther-Kirche in dem runden Glasfenster ganz oben in der Chorwand findet. Die griechischen Christus-Initialen „Chi“ und „Rho“ sind durch Alpha und Omega gerahmt – sein Wahrzeichen steht für und über uns wider hoffnungsloses Unwissen. Bei Gott bleibt weder mein Lebensende noch das Ende der Welt offen. Wie alles ausgeht ist für uns in Jesus Christus vorbestimmt.

Schon unser Lebensanfang in Fleisch und Blut ist kein Zufall, keine Laune der Natur, sondern von Gott selbst ausersehen. Ebenso führt unser Lebensende bei Gott in kein Nichts. Der Gott lässt unser Todesschicksal nicht offen, sondern bestimmt schlussendlich, was mit uns im Tod zu geschehen hat. Für das A und O unseres Menschseins finden wir in der Bibel den roten Faden, der sich durch den Gottesbund mit Israel sowie durch den neuen Bund in Jesus Christus zieht. Für den „bündigen“ Glaubensweg, der auch uns in die Gegenwart Gottes führt, begegnet uns in den Geschichten der Bibel eine ganze Wolke von Zeugen (Hebräer 12,1).

Ja, wir können uns manche Dinge nach den Tod vorstellen, gar ein seelisches Weiterleben an einem anderen Ort, aber unsere menschlichen Vorstellungen von einem Weiterleben „danach“ kennt kein letztes Lebensziel. „Fortsetzung folgt“ heißt es stattdessen. Ein x-beliebiges Leben irgendwann angefangen verliert sich irgendwo in der Ewigkeit. Dass wir überhaupt leben, verdankt sich dem Wunder unserer eigenen Geburt. Unser Leben ist nicht von Anfang an selbstverständlich. Das Recht zu leben hat niemand vor seiner eigenen Zeugung und Geburt gehabt. Wenn wir uns wundern, warum ausgerechnet wir geboren wurden, dürfen wir uns auch über die göttliche Schöpfung von Himmel und Erde mit der Erschaffung des Menschen Adam („Erdling“) wundern.

Zwischen dem göttlichen Wunder unserer Erschaffung und dem göttlichen Ziel unseres Lebens erstreckt sich unser irdisches Leben, das mitunter angefochten wird. Ereignisse, Einsichten, Erfahrungen, die über unseren Glauben hinausgehen, wollen uns unserer göttlichen Bestimmung irre machen – das kann ich nicht länger glauben, dem kann ich nicht länger glauben. Dass wir hier keinen Schlussstrich unter unseren christlichen Glauben ziehen, dazu hilft uns das letzte biblische Buch, die Offenbarung.

Johannes, ein frühchristlicher Prophet, ist wohl von römischen Behörden auf die Kykladen-Insel Patmos verbannt worden. Der Kaiserkult im Osten des römischen Reiches scheint die christlichen Gemeinden in Kleinasien zu bedrängen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen, um die Verehrung des Kaisers als „Herr und Gott“ als das Imperium einende Ideologie allgemein durchzusetzen. Wo sich Christen der Teilnahme an diesem Kult verweigern, stehen Zwangsmaßnahmen und Verfolgung an. Was für Lebensaussichten für Christen, die als steuerpflichtige Bürger unter staatlicher Herrschaft in Frieden leben wollen. So sind sie doch von den Aposteln ermahnt worden: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.“ (1Petrus 2,13f)

Wie soll das für Christen gehen – einer staatlichen Obrigkeit gehorchen, die zugleich einem den Glauben an Jesus Christus als den einen Herren nehmen will? Die waffengestählte Macht des römischen Reiches scheint stärker und damit wirksamer als Gottes Wort zu sein. Wer an seinem Glauben festhalten will, sieht sein Leben bedroht. Wider tödliche Lebensaussichten wird Johannes vom Gottesgeist ergriffen und dem Irdischen entrückt. Eine Tür im Himmel tut sich ihm auf zur Gottesschau: „Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer. Und der da saß, war anzusehen wie der Stein Jaspis und der Sarder; und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Thron waren vierundzwanzig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen.“ (Offenbarung 4,2-4)

Ja, im Himmel, von Gottes Gegenwart aus betrachtet, sieht die Zukunft ganz anders aus, als Menschen sie befürchten müssen: Was auch immer auf Erden geschieht, entgeht nicht Gottes überirdischer Macht. Beweis dafür ist Jesus Christus, der Gottessohn. Als Gottes Lamm selbst aufgeopfert und doch lebendig hält er vor dem Gottesthron die Schlüssel der menschlichen Schicksals. Seine Zusage gilt über alle Zeiten hinweg: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,17f) Alle Lebensmacht ist und bleibt bei dem dreieinigen Gott. So können wir in das himmlische Gotteslob einstimmen: „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4,11).

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Matthias Gerung – Engel halten die vier Winde / Die Versiegelung der 144000, Offb 7,1-8 (aus der Ottheinrich-Bibel, 1530-32)

Im Himmel wird es für Johannes sichtbar: Die Menschen, die trotz eigener Zweifel, trotz eigener Schuld, trotz eigenem Leiden, trotz Bedrückung und Verfolgung bei ihrem Glauben an Jesus Christus geblieben sind, diese Menschen finden sich bei Gott wieder. So heißt es im siebten Kapitel der Offenbarung:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (7,9-17)

Himmlische Aussichten für irdisches Leben nach dem Tod: Aus großer Trübsal kommend finden Menschen die große Heilung bei ihrem Gott, sind zu ihm heimgegangen: „Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! […] Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Ja im Himmel nach dem Tod mögen die Dinge bei Gott für uns ganz anders aussehen, als jetzt auf der Erde. Aber das wäre das große Missverständnis, wenn der Himmel sich nur als Hintertüre der irdischen Schöpfung auftäte, gleichsam als Notausgang für das menschliche Leben auf der Erde. Schließlich sieht Johannes im Himmel, wie das Gotteslamm, also Jesus Christus selbst, die Versiegelung der irdischen Zukunft löst: Durch sieben Siegel hindurch, mittels sieben Posaunen und aus sieben Schalen bricht göttliche Macht in die Welt ein, ringt die gottwidrigen Kräfte und die gottlose Herrschaft auf der Erde nieder. Erschütternd für Menschen, die Gott nicht wahrhaben wollen, erniedrigend für Herrscher und Despoten, erlösend für Geknechtete und Gequälte.

Und dann ganz zum Schluss, nachdem Weltreiche, Weltherrschaften, Ideologien, Teufel und Tod vernichtet worden sind und das Weltgericht mit der ewigen Verdammnis vollzogen worden ist, wird die himmlische Vision neu geerdet:

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Das neue Jerusalem (Luther-Bibel 1545)

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“ (Offenbarung 21,1-8)

So finden Himmel und Erde zueinander. Menschen, die mit ihrem Christusglauben Gott treu gewesen sind, werden von ihrem Schöpfer tröstlich berührt. Was verloren gegangen ist, richtet der Gott im Pascha-Mysterium seines Sohnes Jesus Christus wieder auf. Leiden und Schmerzen des Gottesvolkes wirken nicht länger nach. So findet das Drama des Menschen mit seinem Gott, das im Garten Eden seinen Anfang nahm, sein Ende. In der himmlischen Gnadengegenwart Gottes ist das Gottfremde eines eigenmächtigen Selbstanspruches „Sein wie Gott“ (1Mose 3,5) überwunden. Kein Tod reißt mehr die Lebensverbindungen auseinander. Gottes Erwählung führt zum Ziel, die Seinen gehen in Christus nicht verloren. Das Lied des Lammes erklingt aus unserem Mund:

Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.
Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen
und anbeten vor dir,
denn deine Urteile sind offenbar geworden.

(Offenbarung 15,3-4)

Hier die Predigt als pdf.

Hans Joachim Iwand – Er ist wahrhaftig auferstanden (Osterwort von 1950)

21. November 2016
Rogier van der Weyden - Das Jüngste Gericht (Mittelbild des Polyptychon)

Rogier van der Weyden – Das Jüngste Gericht (Mittelbild des Polyptychon)

Er ist wahrhaftig auferstanden

Von Hans Joachim Iwand

Was sind eigentlich die Kirchen? Ich meine, sie sind eine Möglichkeit – und sie sind eine Wirklichkeit. Aber ihre Möglichkeit ist weit über ihre Wirklichkeit hinaus. Was würde ge­schehen, wenn die Möglichkeit die Wirklichkeit sprengen, wenn die eine die andere, wie damals an Ostern, in einem gewaltigen Beben aufheben würde? Denn daß die Möglichkeit die Wirklichkeit der Kirche so kritisch und so verheißungsvoll zugleich überragt, das liegt an der Auferstehung Jesu von den Toten. Sie ist das Unfaßlichste, das sich denken läßt, sie sprengt die Regeln und Gesetze dieses Aeons, denn diese Gesetze sind von der Voraussetzung her entworfen, daß der Tod die absolute Konstante ist, so absolut, wie die eiserne Tür eines Ker­kers für die Gefangenen. Hin und wieder erinnert sich noch der oder jener, daß das Leben anders gemeint gewesen sein muß – Plato war einer von denen, die das mit unverwischbaren Lettern an die kahlen Wände unserer Kerkermauern eingeritzt haben – aber dann fallen wir wieder zurück, matt, resigniert, bereit, das als Wirklichkeit anzuerkennen, was sich als solche ausgibt. Es ist ein merkwürdiges Triumvirat, das diese sogenannte Wirklichkeit beherrscht und ihre Unabänderlichkeit garantiert: das Gesetz, mit seinen beiden großen Trabanten Wis­senschaft und Staat, die Sünde (ich weiß, das Wort paßt nicht mehr hinein in die Hexenküche der Moderne): „den Bösen sind wir los, die Bösen sind geblieben“, und der Tod, „der letzte Feind“, wie er in der Sprache der Bibel genannt wird. Auferstehung heißt nun nicht etwa, daß es einem gelungen wäre, aus dem großen Totenhaus – genannt Welt – zu entspringen und sich dem Zugriff seiner Häscher zu entziehen. Wenn mit Ostern nur das gemeint wäre, so wäre die Kunde von der Auferstehung in der Tat ein Märchen oder ein Mythus, eine Sache, die uns sehr wenig anginge und über die die Weisen vom Areopag mit Recht spotten könnten. Nein, die Botschaft von Ostern, mit der die Christenheit dereinst ihren Weg in die Welt antrat, war die unerhörte Behauptung, daß mit der Auferstehung Jesu das Grundgefüge dieser sogenann­ten Wirklichkeit aufgehoben, daß es eben damit als Nicht-Wirklichkeit erwiesen ist. Daß also ein Riß durch dieses ganze Gemäuer von Welt läuft, der alle Tyrannen erzittern und alle Ge­fangenen aufatmen läßt. Der Tod ist doch nicht das Letzte, sondern das Leben, die Menschen sind doch nicht versklavt an das Böse, sondern zur Freiheit berufen, das Gesetz ist doch nicht das eigentliche Weltgeheimnis, sondern das Wunder und die Gnade. Das bedeutete damals und das sollte auch heute die Botschaft des Auferstandenen bedeuten.

Jener eiserne Vorhang, der mit der Auferstehung Jesu fiel, ist ja der Hintergrund für alle ande­ren Grenzen, Kerker und Vorhänge, die Menschen den Menschen setzen, um sich gegenseitig in Angst vor dem Tode zu halten. Daß dieser Vorhang gefallen ist, das meinten die ersten Jün­ger, wenn sie vor aller Welt proklamierten: Jesus ist der Herr! Sie hatten eins vor uns voraus! sie waren die Augenzeugen! Sie hätten lügen müssen, wenn sie geschwiegen hätten. Aber nun liegt es offen zu Tage, das Geheimnis, das für die Herren der Finsternis so peinlich und für die Armen, Leidenden, Erniedrigten und Beleidigten so triumphal ist: Vexillae regis prodeunt! „die königlichen Fahnen wehn“.

Und noch einmal fragen wir, was sind eigentlich die Kirchen? Was heißt es, daß sich sogar in den großen und modernen Städten in ihnen noch die Menschen sammeln, um anzubeten, zu hören und zu bekennen, um im Zeichen des Gekreuzigten und Auferstandenen das Heilige Mahl zu feiern? Daß das heute noch ebenso in Moskau wie in Paris, in Berlin, in Rom wie in New York geschieht? Aber noch viel wunderbarer ist es vielleicht, zu hören, daß es auch in den verlassenen und versunkenen Dörfern geschieht, wo kein Geistlicher mehr ist, wo sie sich sammeln ohne Ornat und ohne Schmuck und Gepränge, in den Zonen des Schweigens, in den Lagern der Verschleppten, in den Zellen der Gefangenen und Totgesagten. Und vielleicht ist das Geschehen in jenen vergessenen Winkeln der Erde der Möglichkeit, der großen wunder­baren Möglichkeit der Kirche naher als eine glanzvolle Wirklichkeit, die immer etwas von der bedenklichen Situation des Tempels in Jerusalem an sich hat. Nun jedenfalls, es könnte sein, daß die Möglichkeiten Gottes Macht gewännen über unsere Wirklichkeiten, – das heißt doch Ostern, und das ist doch unsere letzte, aber keineswegs trügerische Hoffnung. In dieser Hoff­nung wird und muß geschehen, was jetzt im deutschen Raum durch die Organe der evange­lischen Kirche in Berlin geschehen soll: dort soll, zwei Wochen nach Ostern, symbolisch im Osten Berlins, weder dem Westen noch dem Osten hörig, in der Freiheit von Ostern und in der Hoffnung auf ein „Sprachenwunder“, so daß auch unsere heutigen Parther, Meder und Elamiter etwas begreifen von Gott und seinen Taten – die Generalsynode der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Wort zum Frieden sprechen. Gott muß Zeugen haben in der Welt.

Gewiß, das ist ein Schritt über die Wirklichkeit der Kirche hinaus, ein Griff nach ihrer letzten, aber auch ihrer wahren Möglichkeit. Aber es ist Zeit, daß die Kirchen in der Welt wieder be­greifen, daß sie nicht von der Welt sind. Wenn sie schweigen, werden die Steine reden. Man mag das für phantastisch halten, – aber man glaube mir, wir halten das darum für phanta­stisch, weil wir alle mehr oder weniger fürchten, daß Nietzsche recht haben könnte mit seinem Satz: Gott ist tot. Immerhin, es könnte sein, daß es dem, der den Mut hätte, zu sprechen, ähn­lich ginge wie jenem Priester, der es wagte, sich in einer öffentlichen Versammlung zum Wort zu melden. Es war in einer großen Stadt, so hat man mir berichtet, es war zudem in einem Lande, das mehr als alle anderen noch etwas bewahrt hatte von der ursprünglichen österlichen Freude und Gewißheit, so daß sich dort zum Osterfest die Menschen wie in den ältesten Ta­gen der Christenheit mit dem Gruße „Christus ist auferstanden“ grüßten. In jener Stadt nun gab in einer großen Versammlung der Redner, ein hoher Funktionär, die Diskussion frei, zwar nur fünf Minuten Redezeit, aber immerhin, man konnte widersprechen. Es meldete sich der erwähnte Priester; man hatte Zweifel, ob er nicht zu lange reden würde. Aber er versicherte, er würde es kurz machen, ganz kurz. Nun, er trat aufs Podium und grüßte die Menge; Christus ist auferstanden! Und alles Volk erhob sich und antwortete: Er ist wahrhaftig auferstanden! Der Priester ging herunter von der Bühne, verneigte sich vor dem Redner, er hatte nichts mehr zu sagen.

DIE ZEIT, Nr. 14, 6. April 1950.

Hier der Text als pdf.

Neues Leben, neue Gemeinschaften – siebte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

12. November 2016
Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Als Lesungen liegen der Predigt Apostelgeschichte 2, 22-39 sowie Matthäus 28,1-10 zugrunde.

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Sterbensergriffen ruft dies der Hauptmann des Hinrichtungskom­mandos aus (Markus 15,39), als er den Menschen Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben sieht: Gottes Sohn – gewesen. „Gewesen“ bedeutet Vergangenheit. All das was Jesus von Nazareth getan und gesagt hat, spricht für ihn als Gottes Sohn. Aber wenn dieser Sohn Gottes getötet und begraben worden ist, kann er als Toter nicht länger gegenwär­tig sein. Was über einen Toten gesagt werden kann, ist nur als Nachruf auf dessen Leben gültig.

Das scheint es gewesen zu sein, dass der „König der Juden“ seiner Macht entblößt am Kreuz qualvoll gestorben ist, dass Gottes Herrschaft über Israel und die Völker im Fels begraben werden muss. Nein, so hätte es keine Kirche und kein Christentum geben können, wenn das Leben Jesu in der Niederlage eines Kreuzestodes verschwunden wäre. Es muss etwas geschehen sein, dass aus Jesu Lebensende am Kreuz von Golgota eine weltweite missionarische Bewegung und Lebensgemeinschaft entstanden ist.

Da muss im Felsengrab vor den Toren Jerusalems mit Jesu Leichnam etwas geschehen sein, was nicht mit den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Physik und der Biologie erklärt werden kann. Jesu Auferstehung von den Toten erschließt sich keiner menschlichen Vernunft. Das wussten die Menschen zur Zeit Jesu genauso wie heute. Und doch hat sich Jesus den Frauen am Grab und seinen Jüngern wirklich gezeigt, so dass die eine Botschaft weltweit ihren Lauf genommen hat: „Christus ist auferstanden von den Toten, er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“ (Ostertroparion in der byzantinischen Liturgie).

So hat man von alters her in der Kirche Jesu Auferstehung von Toten als göttlichen Neuanfang für das menschliche Leben verstanden: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Bevor es aber zum Jüngsten Tag kommt, ist für Christen eine göttliche Sendung angesagt. So verkündet Jesus leibhaftig auferstanden seinen verbliebenen elf Jüngern auf einem Berg in Galiläa: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,18-20)

Gottes Herrschaft wird dort auf der Erde verwirklich, wo Menschen den Heiligen Geist als Angeld bzw. Unterpfand erhalten (Epheser 1,13-14; 2Korinther 1,22), eingedenk der Worte Jesu: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4,24). Dazu hat Jesus vor seiner Himmelfahrt den elf Jüngern die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem verheißen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)

An Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, wird Jesu Vorhersage wahr (Apostelgeschichte 2,1-13). Geistergriffen tritt Petrus in Jerusalem den jüdischen Pilgern in Jerusalem gegenüber und verkündigt ihnen Jesu Geschichte von Kreuz und Auferstehung als göttliche Rettungstat: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.“ (Apostelgeschichte 2,22-24) Petrus fordert seine Zuhörer heraus: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“ (Apostelgeschichte 2,38f) Vor dem Hohen Rat in Jerusalem hat er sich für seine Botschaft zu rechtfertigen: Dieser Jesus von den Oberen der Juden verworfen ist zum Eckstein des Heils geworden: „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. […] Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4,12.20)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Die Botschaft gilt zu aller erst den Juden und wird jedoch von gottesfürchtigen Heiden gehört. Vor allem Saulus, später Paulus genannt, wird ausgehend von der syrischen Stadt Antiochien zum Apostel unter den Heiden in Kleinasien und Griechenland. Dazu berichtet die Apostelgeschichte über dessen drei Missionsreisen (13,1-14,28; 15,36-18,22; 18,23-21,26), bevor sein Lebensweg in der Gefangenschaft in Rom endet. Als Missionar tritt Paulus zuerst in der jüdischen Synagoge vor Ort auf und findet dabei Gehör vor allem bei den gottesfürchtigen Sympathisanten des Judentums. Da stellt sich Judenchristen jedoch die Frage nach der Gemeinschaft: Wenn Heiden Jesus Christus als Herrn bekennen und sich auf dessen Namen taufen lassen, gehören sie dann etwa auch ohne Beschneidung dem besonderen Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk an? Oder müssen sie die göttliche Weisung zur eigenen Beschneidung als Bundeszeichen erfüllen (vgl. 2Mose 12,44.48)?

Die Einheit der Glaubensgemeinschaft von Judenchristen und Heidenchristen steht auf dem Spiel. Kann man gemeinsam das Abendmahl einnehmen und am Tisch des Herrn den Gott Israels im Gebet loben und preisen? Der Apostel Paulus kommt zu dem Schluss, dass die Beschneidung Abrahams und seiner Nachkommen Zeichen der empfangenen Gottesgnade, nicht aber Vorbedingung ist. Nicht durch die Erfüllung von Werken des Gesetzes, sondern durch den Glauben an die Erlösungstat Jesu werden die Menschen – Juden wie Heiden – von dem Gott gerecht gesprochen und in seinen neuen Bund hineingenommen. „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.“ (Römer 3,28-30) „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,26-29) „In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6)

In seinen Briefen hält der Apostel Paulus Kontakt mit den Gemeinden, die von ihm gegründet worden sind. So bringt er das Evangelium Jesu Christi immer wieder zur Sprache und sucht die Lebensform von Christen als Heiligung des eigenen Lebens wie auch des Zusammenlebens mit anderen zu klären. „Ihr wisst, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, einen jeden von euch ermahnt und getröstet und beschworen haben, euer Leben zu führen würdig vor Gott, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit.“ (1Thessalonicher 2,11f)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Neben den 13 Briefen des Paulus finden sich im Neuen Testament auch Briefe, die anderen Apostel zugeschrieben sind, wie die beiden Briefe des Petrus oder aber die drei Briefe des Johannes. Auch hier wird die Christusbotschaft jungen Gemeinden zugesprochen, die in einem heidnischen Umfeld tagtäglich zu bestehen haben. Der anonyme Brief an die Hebräer schließlich zeigt auf, dass Jesus mit seiner Selbsthingabe den priesterlichen Dienst im Tempel wie er in den fünf Büchern Mose als göttliche Weisung vorgeschrieben worden ist, ein für alle Mal erfüllt hat: „Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der Güter bei Gott durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das ist: das nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ (Hebräer 9,11f). Darin ist er „der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat.“ (Hebräer 9,15f) „Wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.“ (Hebräer 9,27f) Dazu steht noch ein letztes Buch aus, die Offenbarung des Johannes. Dieses Buch wird die achte und letzte Predigt bestimmen.

Wie an einer Drachenschnur … – warum ein freier Glaube einen festen Halt braucht

6. November 2016

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Was für einen Anblick bieten farbige Drachen am Himmel, wenn sie ruhig im Wind stehen oder aber ihre Bahnen und Kreise durch die Lüfte ziehen. Als Himmelsstürmer sind sie uns Sinnbild der Freiheit, über alles Erdschwere und Einengende erhaben. Dabei können sie nur deshalb in den Himmel steigen und im Wind stehen, weil sie von einer angespannten Schnur gehalten werden. Reißt diese Verbindung ab, müssen Drachen unweigerlich zu Boden stürzen.

So lässt sich menschliche Freiheit neu verstehen: Auch sie braucht einen festen Bezug und eine Ausrichtung, damit sie sich dauerhaft halten kann. Völlig losgelöst – also absolut und unverbindlich – verliert sich menschliche Freiheit. Ohne festen Lebensbezug enden wir in einer tödlichen Isolation.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater (5,1). Damit redet er nicht menschlicher Unverbindlichkeit das Wort, sondern spricht die Befreiung von Abhängigkeiten an, die uns gefangen nehmen. Zu dieser Freiheit sind wir mit unserem Glauben herausgefordert. Wir sollen uns an Jesus Christus als Erlöser festmachen, sagt dieser doch von sich selbst: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,14f) und: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,31) Erhöht am Kreuz von Golgota erlöst er uns von der Todesmacht der Sünde und eröffnet uns einen Lebensraum von der Erde bis in den Himmel, spannt unser Leben von der Geburt durch den Tod in die Ewigkeit bei Gott aus.

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Da kann dann ein Drache am Himmel mit seiner Kreuzgestalt zum Sinnbild Jesu Christi werden, heißt es doch im Brief an die Hebräer: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (12,2) Wo wir uns im Glauben in Jesu Nachfolge einreihen, wird unser Leben in aller Freiheit in Gottes Himmelreich getragen.

Martin Luther „Wer voll wie ein Schwein und täglich ein Trunkenbold ist, der wird weder zum Beten noch zu anderen christlichen Dingen nützlich sein“ – Ermahnung zu Nüchternheit und Mäßigung

30. Oktober 2016
Völlerei (aus Hieronymus Boschs Gemälde

Völlerei (aus Hieronymus Boschs Gemälde „Die Sieben Todsünden“)

Da redet Martin Luther dem Volk nicht nach dem Mund, wenn er in seiner Predigt über 1. Petrus 4,8 ff am 18. Mai 1539 (Exaudi) mit deftigen Worten zu Nüchternheit und Mäßigung aufruft:

„Die Christen müssen, damit ihr Herz stets zu Gott hin gerich­tet sein kann, in zweifacher Hinsicht zugerüstet werden: im Festhalten an seinem Wort und mit anhaltendem Seufzen ein ewiges „Vaterunser“ beten können. Dies lehren ihn zwar schon Anfechtung und Not, womit er fortwährend von Teufel, Welt und Fleisch bedrängt wird. Trotzdem muß er, weil der Feind keinen Augenblick schläft noch ruht, ohne zu wanken an der Spitze stehen, wachen und aufmerksam sein.

Dazu gehört nun, wie Petrus hier sagt, daß ein Christ ein Mensch sei, der auch im Essen und Trinken seinen Leib an­gemessen versorge und nüchtern halte, ihn also nicht mit unmäßigem Fressen und anderem Überflüssigem belade und zu Schaden kommen lasse. Das bewirkt, daß er tüchtig, klug und fähig zum Beten wird. Denn wer nicht danach strebt, daß er nüchtern und mäßig seinen Dienst oder sein Amt ausübt, son­dern voll wie ein Schwein und täglich ein Trunkenbold ist, der wird weder zum Beten noch zu anderen christlichen Dingen nützlich sein, ja, er taugt dann überhaupt zu keiner Sache. Hier täte uns zuchtlosen Deutschen wohl eine besondere Predigt und Ermahnung gegen unser Schlemmen, Fressen und Saufen not. Aber woher wollten wir denn die Predigt nehmen, die so kraftvoll und mächtig wäre, um unserem schändlichen, schwei­nischen Leben und Saufteufel zu wehren? Leider ist doch ge­genwärtig alles restlos durch einen Wolkenbruch und eine Sintflut dieser Art eingestürzt und überschwemmt. Und jeden Tag dringt es mehr und mehr in alle Stände ein, in die höchsten und in die niedrigsten, so daß das ganze Predigen und Ermahnen viel zu schwach ist — fast gar nicht der Rede wert. Es ist offen­sichtlich umsonst und wird nicht gehört, sondern wird ver­achtet und verlacht. Daß am Ende der Weltzeit so etwas herr­schen würde, das hatten die Apostel und Christus ja schon vor­ausgesagt. Deshalb hat er die Christen dazu aufgefordert, sich davor zu hüten, ihre Herzen nicht mit Fressen und Saufen und den Sorgen dieses Lebens zu beschweren, damit sie der Jüngste Tag nicht schnell und plötzlich — wie ein Fallstrick — überrasche.

Gerechterweise sollten besonders wir Deutschen, weil Gott uns in jüngster Zeit aus großen Gnaden das Licht des Evan­geliums so reichlich geschenkt hat, uns — ihm zu Ehren und Dank — in diesem Teil bessern, damit wir nicht über die anderen Sünden hinaus auch noch durch dieses Laster Gottes Zorn und Strafe auf uns häufen. Denn das ist gewiß, daß aus einem wüsten Lebenswandel nichts anderes folgen kann als falsche Sicherheit und Gottesverachtung, ja, daß die Menschen, die sich wie die Schweine in ständiger Fresserei ergehen, gleich­sam tot und begraben sind und keine Furcht vor Gott haben, noch sich um göttliche Dinge kümmern können.

Und wenn überhaupt nichts helfen will, so sollte uns wenig­stens die Schande berühren, die uns dazu in anderen Ländern anhaftet. Gerade der bewußten Angelegenheit wegen haben andere Nationen — besonders Italien — eine große Überheblich­keit und Feindseligkeit gegen uns. Sie nennen uns die „vollen Deutschen“. Denn daß sie mehr taugen, findet sich bei jenen, weil sie nicht derartig trunkene, volle Leute sind.“

Hier Luthers vollständige Predigt als pdf.

Der Neue Bund der Hingabe – sechste Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

30. Oktober 2016

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Als Lesungen liegen der Predigt Jeremia 31,31-34 sowie Markus 8,27-33 zugrunde.

Am Anfang seiner Mission steht eine Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,11) Mit diesen Worten tritt Jesus auf die Menschen in seiner Heimatregion Galiläa zu. Aus heutiger Sicht mag dies als religiöse Einladung gelten, die sich Menschen innerlich zu Herzen nehmen sollen. Aber Jesus fordert damit die politischen Machthaber wie auch die religiösen Führer heraus.

Seit Jahrhunderten war das Gottesvolk Israel unter fremder Herrschaft, zunächst waren es die Assyrer, dann die Babylonier, die Perser, die Griechen und schließlich die Römer: Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa und Samaria, Herodes Agripa, Sohn Herodes des Großen, regierte Galiäa und Peräa als römischer Vasall. Gottes Herrschaft ist nahe herbeigekommen. Diese Ansage scheint das Ende der Fremdherrschaft zu bedeuten. Wenn der Gott Israels vom Zion aus regiert, sind ihm alle Völker unterworfen. So wird ja in Psalm 99 gesungen: „Der HERR ist groß in Zion und erhaben über alle Völker.“ (V 2) In Jerusalem wird man auf den Rabbi Jesus aufmerksam und holt Erkundigungen ein: Ist da etwa eine neue Aufstandsbewegung im Entstehen? Was nimmt sich dieser Wanderprophet mit seiner Botschaft heraus? Woher hat er die Autorität?

Vollmächtig redet Jesus, nicht wie die Schriftgelehrten (vgl. Matthäus 7,28). Schließlich sind seine Worte nicht einfach daher gesagt, sie zeigen Wirkung, wenn er Kranke heilt, Blinde sehend macht und Aussätzige reinigt. Was noch mehr herausfordert ist jedoch der Zuspruch zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Markus 2,5) Offensicht­lich übergeht Jesus die Bestimmungen des Gesetzes: Wer aus Versehen gesündigt hat, soll dem Priester im Tempel ein Sündopfer bringen. Nachdem das Opfertier zur Sühne verbrannt worden ist, spricht der Priester die göttliche Vergebung zu (3Mose 4). Wie kann nun ein Rabbi von sich aus ohne priesterliche Mitwirkung Sünden vergeben?

Auf der einen Seite sind Jesu Worte Gnadenworte voller Barmherzigkeit, auf der anderen Seite gehen sie messerscharf unter die Haut, rechnen mit Widersachern gnadenlos ab:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten […] Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23.29.33)

Aus seiner zahlreichen Anhängerschar wählt Jesus zwölf zu besonderen Weggefährten – seine Jünger, auch „Apostel“ genannt – aus, die ihm auf seiner Wanderschaft in Galiläa begleiten. In seiner Nachfolge werden sie in seiner Lehre vom Gottesreich unterwiesen und selbst als Botschafter ausgesandt.

Jesu Botschaft vom Gottesreich, seine Heilungen und Wundertaten werfen die Frage auf: Wer ist er selbst? Was sagen die Leute über ihn? Ein wiedergeborener Elia, Johannes der Täufer, ein weiterer Prophet Israels? Die Antwort des Petrus macht den Unterschied: „Du bist Christus, der Messias, der Gesalbte, Sohn des lebendigen Gottes“. Gott wird sein Reich durch dich, Jesus errichten.

Jesus lässt die Antwort gelten und fügt sofort hinzu, was diese Herrschaft für ihn bedeutet. Derjenige, der in Gottes Namen regiert, muss leiden, wird von den Obersten des eigenen Volkes verworfen und schlussendlich getötet werden. Wer dem Gottgesalbten, dem Messias trotzdem nachfolgt, muss das eigene Kreuz auf sich nehmen. Die Jünger Jesu stehen in dieser Welt nicht auf der Siegerseite, können sich nicht im Machtglanz des Messias sonnen. Wie Jesus selbst haben sie ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Für sie gibt es kein „Bis hierher und nicht weiter“. Aus dem Munde Jesu gesprochen: „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.“ (Markus 8,35)

Wie kann man sich auf solch einen Herrscher einlassen, bei solchen Lebensaussichten. Da nimmt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg, den Tabor, mit, wo er vor ihren Augen verklärt wird. Ihm stehen Mose und Elia zur Seite, das Gesetz und die Propheten sprechen für ihn. Und Gottes Zusage steht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“ (Matthäus 17,5) Wo sein Abstieg von diesem Berg in die Dunkelheit des Todes am Kreuz führt, ist Jesus bereits von Gottes Herrlichkeit eingenommen.

Ein letzter Gang steht für Jesus an, der Marsch auf Jerusalem. Er soll Gottes Herrschaft zur Entscheidung bringen. Das Passafest steht an. Juden kommen als Wallfahrer nach Jerusalem, um dort Israels Befreiungsfest aus der Sklaverei Ägyptens gemeinsam zu feiern. Als Jesus als König nach Jerusalem auf einem Esel – wie beim Propheten Sacharja (9,9) angekündigt  – einreitet, jubelt ihm die Menge zu: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“ (Markus 11,9f)

Dann kommt es zu einer entscheidenden Aktion, die das Fass zum Überlaufen bringt: Der Messias betritt den Tempel und vertreibt die Händler, die Opfertiere verkaufen, sowie die Geldwechsler, die Münzen in opferfähige, weil bildlose Währung umtauschen. Damit setzt er den dortigen Opferdienst vorübergehend außer Kraft. Israel ist im Innersten getroffen. Der Vorwurf steht im Raum: Jesus will den Tempel, das Gotteshaus zerstören. Aber was kann schon an seine Stelle treten? Wo sonst soll der Gott mitten unter seinem Volk gegenwärtig sein? Wie sonst soll er seinem Volk Heil gewähren? Erst nach Ostern, nach Jesu Auferstehung von den Toten wird es für Christen klar: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Korinther 3,16) Gottes Geist wohnt nicht hinter mächtigen Steinquadern des herodianischen Tempels; er lässt sich weder durch Brand- noch durch Schlachtopfer wider die eigene Schuld gewinnen. Versöhnung mit dem lebendigen Gott bedarf einer anderen Hingabe. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45) Ihr selbst sollt euch als lebendige Steine erbauen lassen „zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ (1Petrus 2,5)

Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig.“ (1Korinther 3,17) So weiß es der ehemalige Pharisäer Paulus der Gemeinde in Korinth ins Stammbuch zu schreiben. Kein Wunder, dass bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten der Plan gereift ist, Jesus als Tempelstörer und potentiellen Tempelzerstörer aus der Welt zu schaffen. Wer fundamental in Frage gestellt wird und nichts zu erwidern hat, sucht den Fragesteller zu erledigen. Da unterrichtet Jesus das Volk im Tempel in aller Öffentlichkeit, während seine Tötung schon beschlossene Sache ist. In die eigene Todesahnung wirf er das Gleichnis ein: Israel ist Gottes Weinberg, wie es schon beim Propheten Jesaja besungen worden ist (Jesaja 5). Die Weingärtner, die Oberen des Volkes, verweigern dem göttlichen Weinbergbesitzer die geschuldete Ernteabgabe. Boten werden geschmäht, geschlagen, gar getötet. Als dann der Herr des Weinbergs seinen eigenen Sohn sendet, sehen die Weingärtner die Gelegenheit, durch die Ermordung des Erbens den Weinberg in den eigenen Besitz zu bringen. (Markus 12,1-12) So sieht Jesus selbst seinen Tod auf sich zukommen. Die Oberen des Volkes können sich dem Messias nicht fügen und müssen ihn daher ermorden.

Im Wissen um seine bevorstehende Hinrichtung feiert Jesus mit seinen zwölf Jüngern das Passahmahl und deutet dabei Brot und Wein auf seinen Tod hin:

Als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Markus 14,22-24)

Ungeheuerliches spricht Jesus seinen Jüngern zu: In seinem bevorstehenden Sterben schließt der Gott mit seinem Volk einen neuen Bund, der die Menschen wirklich zu Herzen geht. So hat es ja der HERR beim Prophet Jeremia dies zugesagt:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,33-34)

In diesem Abendmahl werden die Jünger schon jetzt in diesen Gottesbund hineingenommen. Das Gesetz ist für Israel nicht länger Bedingung, die man selbst erfüllen muss. Vielmehr erfüllt Jesus selbst die Forderung des Gottesgesetzes in seiner Hingabe ein für alle Mal. Seine tödliche Hingabe wird nicht mit Schweigen übergangen werden. Vielmehr kommt das Geheimnis des Glaubens für Christen zum Lobruf an den Heiland: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Noch ist es nicht soweit. Nach dem Passahmahl findet sich Jesus mit seinen Jüngern unter freiem Nachthimmel im Garten Gethsemane ein und hadert mit seinem Vater: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14,36) Judas Verrat ist es, dass die Tempelwache Jesus ohne öffentliches Aufsehen zu fassen bekommt. Und es ist die eigene Lebensangst, die Jünger fliehen lässt. Die Nacht vor seinem Tode kennt keine Nachfolger Jesu. Das Verhör vor dem Hohen Rat wird zum Schauprozess: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ fragt Kaiphas, der Hohepriester. Und Jesus antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.“ (Markus 14,62).

Das Urteil gegen den vermeintlich aufständischen König der Juden hat der römische Statthalter Pilatus zu sprechen und vollstrecken zu lassen. Die Wachsoldaten foltern und verspotten Jesus – Travestie von Macht und Ohnmacht. Sein Kreuz zwängen sie Jesus auf zum Gang nach Golgatha. Ans Kreuz genagelt und für den Erstickungstod aufgerichtet betet Jesus für die Übeltäter: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Noch einmal ist er anderen Menschen zugeneigt, so dem Schächer zur Rechten am Kreuz: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43) bevor ihn die Gottesfinsternis in der eigenen Atemnot einholt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 14,34)

„Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt nach. Der Gott sucht seine Geschöpfe, die ihm verlorengegangen sind. Nun ist es seiner eigener Sohn, der sich für die Mitmenschen verloren gegeben hat. Und dieser schreit umgekehrt die Lebensverzweiflung seinem Vater entgegen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Am Kreuz entschwindet Jesus die Gottesgegenwart. Weder sein Vater noch die eigene Gottheit halten ihn am Leben. Sein Sterben führt ihn in die Gottdunkelheit. So wird er uns wirklich zum Begleiter und Erlöser der eigenen Gottesfremde.

Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Gottessieg über die Menschensünde gilt. Letztes Sterbenswort bevor Jesus sein Haupt neigte und den Lebensgeist hingab. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Der Hauptmann des Hinrichtungskommandos ruft es sterbensergriffen aus (Markus 15,39) Und dieser Ruf bleibt kein Nachruf auf einen Toten.

Hier die Predigt als pdf.