Archive for the ‘Predigten’ Category

Schlüssel des Heils am Kreuz von Golgota (Golgatha)

8. April 2017

Ludlow Massacre Monument (cc Beverly & Pack)

Ganz tief geht es die Stufen hinunter. Warum nur dieser Kellerabgang? Draußen scheint doch die Sonne; angenehm warm ist es. Die Frühlingszeit lässt aufblühen; und auch die Bäume zeigen zartes Grün. Aber er weiß es: Für ihn gibt es jetzt keinen Ausweg, kein Zurück, nur der Abstieg in eine ungeahnte Dunkelheit. Stufe für Stufe entschwindet das Tageslicht, wird das Lachen der Kinder von draußen immer leiser. Nur die Schritte der eigenen Füße auf den steinernen Stufen hallen nach. Diesen Klang nimmt er mit – Schritt für Schritt.

Muss er sich das wirklich antun? Mit jedem weiteren Schritt abwärts nimmt sich die Luft zum Atmen zurück. Immer stickiger wird es, als habe sich hier unten all das über die Jahrhunderte eingelagert, was das Leben ausgedünstet hat, als habe sich aller menschliche Todeshauch da unten gesammelt.

Warum nur dieser Abstieg, bei dem er nicht gewinnen kann, sondern verlieren muss? Die anderen hatten ihn eindringlich davon abgeraten; sie baten, ja bettelten, er solle nicht in diesen Kellerabgang gehen, sich nicht auf diesen unmenschlichen Abstieg einlassen: „Du hast doch selbst gesagt, dass du das nicht überleben wirst. Warum machst Du es trotzdem? Da unter kann dich nur der Tod, dein Tod erwarten.“ Und doch schreitet er weiter – Schritt für Schritt, bis schließlich sein Gang hinfällig wird. Ganz tief unten ist das eigene Leben ausgehaucht. Einer mehr, ein Toter mehr – oder?

Der Gottessohn war es, der an Karfreitag aus freien Stücken in den eigenen Erstickungstod abgestiegen ist. Mit seinem Leben und Sterben hat er sich am Kreuz von Golgota in das Todesschloss gefügt – ohne lichtes Spiel. Wo er sich endgültig hingegeben hatte, hat Christus am eigenen Leib den Machtraum des Todes und der Sünde aufgeschlossen. Unten im Totenreich ist dem Tod das Leben entwunden worden, hat der Gottessohn uns die Ewigkeit erschlossen, lässt uns Gott nicht länger im Tod zugrunde gehen. So tönt der österliche Siegesruf aus der Todeskammer: „Verschlungen ist der Tod in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1Korinther 15,54-57 Zürcher)

Da ist er also, der Schlüssel des Heils am Kreuz von Golgota: Jesus Christus ist für dich gestorben, hat sich mit seinem Leben in deinen Sündentod gefügt, damit dir die Himmelstüre zum dreieinigen Gott erschlossen ist. Siehst du die Türe – offen ist sie für dich. Offen ist sie dort, wo Du Christus wahrnimmst und seinem Wort Glauben schenkst:

Ich bin die Tür.
Wenn jemand durch mich hineingeht,
wird er gerettet werden
und wird ein- und ausgehen
und eine Weide finden.

(Johannes 10,7 Zürcher)

„Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt“ – Hans Joachim Iwand in seiner Palmsonntagpredigt von 1945 (Mt 21,1-9)

7. April 2017

Wilhelm Morgner – Christi Einzug in Jerusalem (Ölgemälde, 1912)

Da war Dortmunds Innenstadt nach den Bombenangriffen am 12. März 1945 völlig zerstört, so dass Iwand diese Predigt wohl am 25. März 1945 in Cappenberg/Westfalen gehalten hatte. Dort hatte er nämlich mit seiner Familie Zuflucht gefunden hatte. So kann Iwand kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs nicht anders als kreuzestheologisch zu predigen:

So wollte Jesus seinen Einzug in die Stadt verstanden wissen, daß mit ihm der Friede einzieht und durch seine Macht die Mauer aufgerichtet werde, an der sich der Ansturm des Krieges und des Blutvergießens bricht. So wollte er und so will er kommen, daß deutlich wird, daß sein Gott, in dessen Na­men er kommt, ein Gott des Friedens ist und nicht ein Gott des Krieges, ein Gott der Liebe und nicht des Hasses. Darum reitet er auf einem Esel ein, sanftmütig, wie unser Text sagt, denn er will herrschen über die Herzen und nicht über die Leiber, er will herrschen ohne Gewalt, er will herrschen, so, daß sich ihm die Herzen zuwenden, ohne Furcht und ohne Schrecken.

Und es muß wohl auch so sein, daß Krieg und Frieden nicht nur äußere Vorgänge sind, son­dern daß in alldem die Saat aufgeht, die in die Herzen der Menschen gesät ist. Der Mensch steht hinter beidem. Auf der einen Seite der Mensch, der keinen Frieden findet, der ruhelose, begehrliche, von Lust und Begierde hin- und hergerissene Mensch, der Mensch, der herrenlos geworden ist und der nun selbst darum den Herrn spielt, der sich frei nennt und doch preisgegeben ist allen Mächten und Gewalten, die nicht aus Gott sind. So wie es einmal in der Bibel heißt: »Die Gottlosen haben keinen Frieden«. Und auf der anderen Seite der Mensch, der in Jesus seinen Herrn findet, der durch den Glauben an ihn mit Gott versöhnte, in Gott zum Frieden gekommene Mensch. In seinem Herzen lebt ein neuer Geist, der auch ihn ergreift und durchwaltet. Und so sammelt sich um Je­sus und das Evangelium von ihm eine neue Menschheit. Es kann gar nicht anders sein, wo er in der Mitte steht, da ist die Burg des Friedens und der Brüderlichkeit, da bricht sich das Kriegsgeschehen und der Haß, da wirkt Gott von innen her. Die Königsherrschaft Jesu bedeutet also, daß das Ge­sicht der Welt sich verändert, daß der Mensch frei wird, frei von den sata­nischen Gewalten, die ihn zum Werk­zeug der Finsternis machen, frei zum Dienste Gottes, so, wie Gott den Menschen gemeint hat, da er ihn schuf.

Aber es gehört zum Glauben dazu, in Jesus den König zu erkennen und anzuerkennen. Wir Menschen neigen alle dazu, uns dem zu beugen, der seine Macht und Autorität durch äußere Kennzeichen erweist. Wir neigen alle dazu, uns eher den Tyrannen zu beugen, als dem, der um unseren frei­en Gehorsam wirbt, wir neigen alle dazu, mehr auf Drohungen zu hören oder auf Versprechungen, und wir verstehen unter Herrschaft nur allzu leicht Gewalt und Macht. So ist es ja auch in der Welt und darum geht die Welt zugrunde. Jesus tut alle diese Kennzei­chen von sich ab, bis heutigen Tages ist er der Niedrige, der Arme, der Sanftmütige, bis heuti­gen Tages weigert er sich, sich und seine Sendung einbeziehen zu lassen in das Trei­ben der Mächtigen und Gewaltigen auf Erden. Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt, damit sie ihn nicht lieben wegen des Glanzes und des Flitters, der nach außen hin scheint, sondern damit sie ihn lieben um der Liebe willen, die ihn selbst in Not und Tod führt. Und darum müssen wir, wenn wir in ihm den König erken­nen wollen, unsere Augen schließen, müssen den Widerspruch ertragen, den seine irdische Erscheinung bietet. Das Kreuz ist in diese irdische Er­scheinung tief eingesenkt, und wohl dem, der sich an diesem Kreuz nicht ärgert, wohl dem, der sich nicht schämt, den seinen König zu nennen, der so arm und gering über die Welt gegangen ist.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„So wie ich mich sehe, bin ich wirklich!“ – Von Selfies und anderen hoffnungslosen Selbstverliebtheiten

3. April 2017

Caravaggio – Narziss (Ölgemälde 1594-1596, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom)

In seinen Metamorphosen erzählt der Dichter Ovid die Geschichte des Jünglings Narziss, der die Liebe einer Frau verschmähte und dafür mit unstillbarer Selbstliebe bestraft wurde. Als er sich selbst im Wasserspiegel einer Quelle sah, verliebte er sich in das eigene Spiegelbild. So musste er fortan vor einem wässrigen Ebenbild sterblich verschmachten, bis er im Tod in eine duftbetörende Narzisse verwandelt wurde.

In heutiger Zeit braucht es weder Wasserquellen noch Standspiegel, um uns selbst in den Blick zu nehmen. Dank Smartphone und Internet kann ich mich jederzeit und allerorts selbst ansehen und mich mit einem Selbstbildnis („Selfie“) anderen mitteilen. Das mag auf Dauer zu einem Irrglauben führen: Ich mache mir von mir selbst mein eigenes Bild. So wie ich mich sehe, bin ich wirklich!

Schlussendlich steht die große Lebensenttäuschung an: Der Tod bereitet der Selbstverliebtheit ein bitteres Ende. Wer nur sich selbst im Blick hat, dem fehlt die liebevolle Aussicht für das Leben.

„Komm, folge mir!“ Mit diesen Worten ruft Jesus Menschen in seine Nachfolge. Verlasse dein Leben, so wie du es für dich selbst siehst. Ja, für unser Leben ist nicht entscheidend, wie wir uns selbst sehen, sondern wie wir bei Gott angesehen sind. Das eigene Ansehen bei Gott ist unsere Lebensaussicht über den Tod hinaus.

Wo Jesus Christus uns als Sünder hingabevoll ansieht, zerbricht unser Selbstbild. Da dringt seine Liebe in unser Leben ein. Und wir nehmen uns in der Liebe für den anderen selbst neu wahr. Der Kirchenvater Augustinus hat dazu ein Lebenswort geprägt: „Soviel in dir die Liebe wächst, soviel wächst die Schönheit in dir. Denn die Liebe ist die Schönheit der Seele.“

Ungenießbar! – „Wer mein Fleisch isst …“ Predigt zu Johannes 6,55-65

26. März 2017

„Abendmahl“ heißt das großflächige Bild (1,60 mal 2 Meter), das der Maler Harald Duwe (1926-1984) 1977/78 gemalt hatte. Es ist seit 1981 als ständige Leihgabe der Familie Fincke an die Evangelische Akademie Tutzing im Foyer des dortigen Schlosses aufgehängt.

Zwölf Männern gruppieren sich um einen gedeckten Tisch. Auf den ersten Blick scheint es ein gemeinsames Abendessen zu sein – mit Weingläsern, Besteck, Brot und einer größeren Schüssel. Bis auf zwei blicken alle auf den Tisch – skeptisch, neugierig, angewidert, ratlos. Das Bild ist überwiegend in Grau und Braun gehalten und wirkt dadurch wie ein altes vergilbtes Familienfoto.

Der Titel „Abendmahl“ verweist auf das letzte gemeinsame Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, obwohl die dargestellten Männer in kein biblisches Jüngerbild passen. Auf dem Bild finden sich nämlich der Künstler selbst mit elf Freunden bzw. Kollegen der Fachhochschule Kiel. Hartmut Duwe steht hinter dem mittigen, unbesetzten Stuhl mit einer Gabel in der Hand, die sich auf die Schüssel hin zu bewegen scheint. Und auch der Auftraggeber des Bildes, Karl Fincke (mit Brille) steht hinter dem Rücken des Künstlers und zeigt mit einer Handgeste – die einen Kreis beschließenden Zeigefinger und Daumen – seine Zustimmung an.

Der leere Stuhl am Tisch ist es, der diesem Tafelbild eine ungeahnte und erschreckende Wendung gibt. Jesu Wort in unserem Ohr: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.  Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ (Johannes 6,53-56)

Der genauere Blick auf die Tafel enthüllt ein schreckliches Geschehen: In ziemlicher Unordnung finden sich auf dem Tisch Gläser, Schüsseln, Teller. Darin die zerstückelten Teile eines Leichnams: die rechte Hand sowie der linke Fuß mit den Wundmalen, ein mit anatomischer Akribie gemaltes Herz. In der Schüssel scheint das Haupt Christi zu liegen. Offensichtlich eine Anspielung auf das Haupt Johannes des Täufers (vgl. Markus 6,24). Dazwischen Brot und Wein, eine geöffnete Ölsardinenbüchse mit zwei langen Kreuzesnägel; und selbst die beiden letzten Buchstaben des Kreuzestitels »RI«, Rex Iudaeorum (König der Juden) tauchen auf. Kein Zweifel, der zuvor auf dem nunmehr leeren Stuhl saß hat sich selbst zum Verzehr preisgegeben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Nein, keine gotteslästerliche, perverse Phantasie eines Künstlers zeigt sich. Hartmut Duwe hat mit seinem Bild „Abendmahl“ vielmehr in drastischer Weise Jesus selbst beim Wort genommen. In Jesu Worte sieht der Künstler selbst den Bezug zu unserer Gegenwart, wenn er schreibt:

Abendmahl zu Jesu Gedächtnis, nicht als Weltflucht. Er begegnet in allen leidenden Menschen, in den Opfern des Machtkampfes, in den Opfern von Ideologien. Und wir haben diese Opfer durch Fahrlässigkeit erst ermöglicht. […] Hätten wir nicht unsere Bedenken, unser Gewissen (christliche Ethik) zugeschüttet, wie sähe dann unsere Welt aus! […] Wir müssen beim Abend¬mahl der Menschen gedenken, die heute verraten, geopfert werden. Die drastische Darstellungsweise soll diese wichtigen Aussagen des christlichen Glaubens bewußt machen. Ich wollte kein Erbauungsbild machen, sondern Betroffenheit hervorrufen. In seinem Opfer für uns erschließt uns Gott eine neue Weise menschlicher Existenz. Durch Ihn erklärt sich Gott mit diesem Leben identisch. Das Abendmahl führt uns in die Nachfolge ein. Brot ist sein Fleisch und Wein ist sein Blut des neuen Testaments. Das sollte betroffen machen. Dürfen wir uns als Christi Nachfolger sehen?“

Wir mögen dies zu tiefst abstoßend und widerlich finden, wie ja auch Jesu Zuhörer, gar seine eigenen Jünger, wenn es bei Johannes heißt: „Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? […] Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6,59-61.66-69)

Du hast Worte des ewigen Lebens, die uns in Fleisch und Blut übergehen – Worte, die verstö­ren, kaum auszuhalten sind, wider unser eigenes Empfinden sind. Wie können uns diese unglaublichen Worte das Heil bringen?

„Christi Leib für dich gegeben“, „Christi Blut für dich vergossen“ – Zusprüche bei unserer Abendmahlsfeier, die ja manchem unter uns aufstoßen. Tun wir Jesus wirklich leiblich essen? Da klingt nach einem abstrusen Kannibalismus, also nach Menschenfresserei (Anthropophagie) und hat immer wieder für Unwillen gesorgt. Und für Juden kommt noch der todeswürdige Verstoß gegen die Tora hinzu, heißt es doch in 3Mose 17:

Und wer vom Haus Israel oder von den Fremdlingen unter euch irgendwelches Blut isst, gegen den will ich mein Antlitz kehren und will ihn aus seinem Volk ausrotten. Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist. Darum habe ich den Israeliten gesagt: Keiner unter euch soll Blut essen, auch kein Fremdling, der unter euch wohnt.“ (vv 10-12)

Im Blut ist das Leben selbst. Es muss zur Sühne auf dem Altar vergossen und damit zu Gott zurückgebracht werden. Es darf niemals selbst genossen werden. Und jetzt sagt uns Jesus: „Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

An diesen Worten scheiden sich die Geister, auch schon in der Zeit der Reformation. Da waren sich Martin Luther und Ulrich Zwingli, der Schweizer Reformator in Sachen der evangelischen Lehre in fast allen Dingen einig. Und doch mussten sie nach einem Streit­gespräch in Marburg 1529 in einem gemeinsamen Schlusskommuniqué festhalten: „Da wir uns aber zu dieser Zeit nicht geeinigt haben, ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi leiblich in Brot und Wein seien, so soll doch ein Teil den anderen gegenüber christliche Liebe, sofern eines jeden Gewissen es immer ertragen kann, erzeigen.“ (Marburger Artikel, Artikel 15)

Im übertragenen Sinne ließe sich das ja verstehen: Brot und Wein symbolisieren Jesu Gegenwart unter uns, sind also als Zeichen zu verstehen, die man sich im eigenen Glauben und nicht etwa durch den eigenen Mund verinnerlicht. Aber leiblich gegenwärtig für den eigenen Verzehr für Gläubige wie auch für Ungläubige (manducatio oralis seu impiorum), so wie dies Martin Luther unerbittlich in seinem Kleinen Katechismus bekannt hat – „Was ist das Sakrament des Altars? Es ist der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.“ – das bleibt für viele undenkbar.

Lasst mich doch noch einmal versuchen Jesu Worte wörtlich zur Geltung zu bringen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Harald Duwe, der Maler des Abendmahlbildes, ist sechs Jahre nach Fertigstellung des Bildes tödlich verunglückt – am Freitag, den 15. Juni 1984 auf der Rückfahrt von der Hochschule in Kiel nach Großensee, seinem Wohnort in der Nähe von Hamburg. Auf der B 404 zwischen Segeberg und Schwarzenbek in Höhe von Tremsbüttel kommt er von Fahrspur ab und reißt den Fahrer des entgegenkommenden Wagens mit in den Tod. Tragischer Tod mit 52 Lebensjahren auf der Höhe der eigenen Schaffenskraft mag es „nachruflich“ heißen. Wir Menschen aus Fleisch und Blut sterben nicht in Gedanken, sondern wirklich an unserem eigenen Leib, mitunter auf erschreckende Weise. Die Gewalt des Todes trifft uns ins eigene Fleisch. Da helfen keine eigenen Gedanken und auch kein Glauben an ein unbestimmtes Weiterleben weiter. Der Tod nimmt sich unser mit Haut und Haar an, lässt unserem sterblichen Leib keine Chance – Aus, Amen.

Zu schnell verabschiedet man sich in Sachen Christentum in ein Jenseits, wo sich alles Verlorene und Vergebliche scheinbar geistig und seelisch zurechtdenken lässt. Aber Jesu Worte lassen keine Ausflüchte zu, sie sind zudringlich für unser eigenes Leben: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. […] Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Im Unterschied zu Lebensmittel, die wir aufessen, deren Energie wir unserem eigenen Körper zuführen, verheißt uns Jesus in seinem Fleisch und Blut etwas ganz anderes – eine bleibende, leibliche Lebensverbindung: „Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Das ist ja gerade das Entscheidende: Wir können Leib und Blut Jesu nicht aufessen und verdauen. Denn dann wäre ja Jesus uns nicht länger gegenwärtig. Beim Abendmahl mit Brot und Wein sagt sich Jesus Christus uns leibhaftig zu: Er verbindet sich mit unserem Leib, nimmt auch unser Leben in Leib und Blut für das ewige Leben bei Gott an. Die göttliche Lebensgemeinschaft ist eben keine Kopfgeburt, die uns in Fleisch und Blut der Vergänglichkeit überlässt.

Kommunion – ihr kennt das Wort, denkt vielleicht an den besonderen Gottesdienst für Neunjährige in der katholischen Kirche, wo diese zum ersten Mal die Hostie empfangen. Aber Kommunion heißt leibliche Gemeinschaft und Teilhabe, so wenn Paulus an die Korinther schreibt: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1Kor 10,16) Das Abendmahl macht uns zu Teilhabern am göttlichen Leben. Nicht in euren eigenen Gedanken seid ihr wirklich bei Gott, sondern am Tisch des Herrn, mit euren eigenen Händen dürft ihr begreifen, in eurem eigenen Mund dürft ihr es schmecken: Jesus Christus mit Leib und Seele für uns hingegeben.

Auf dem Bild „Abendmahl“ schaut der Künstler Harald Duwe dieser Wahrheit ins Auge, führt uns in drastischer Weise an das Geheimnis des Glaubens heran: Christus liefert sich mit Fleisch und Blut uns Menschen aus, damit wir in Fleisch und Blut zum ewigen Leben bei Gott bestimmt sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Literatur: Alexandra Axtmann, Säkularisierte Abendmahlsdarstellungen als Skandal an Beispielen von Harald Duwe und Matthias Koeppel, in: Kunst und Politik. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft, Bd. 14: Kirche und Kunst. Kunstpolitik und Kunstförderung der Kirchen nach 1945, herausgegeben von Regine Hess, Martin Papenbrock und Norbert Schneider, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress 2012, S. 27-41.

Fadenscheiniger Osterglaube in Miao Xiaochuns „Zero Degree Doubt“ und Caravaggios „Der ungläubige Thomas“

9. März 2017

Miao Xiaochun – Zero Degree Doubt (2013) © Miao Xiaochun

Das könnte doch für Ostern eine Predigt mit Bezug auf Johannes 20,24-29 wert sein – das Bild des chinesischen Medienkünstlers Miao Xiaochun mit dem Titel „Zero Degree Doubt“ von 2013. Dieses Bild (Acryl auf Leinen, 150 x 150 cm) wird auf der Kunstausstellung „Luther und die Avantgarde„. Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel vom 19. Mai bis 17. September 2017 in Deutschland zu sehen sein.

Caravaggio – Der ungläubige Thomas

Die Vorlage dazu ist ja ganz offensichtlich Caravaggios Meisterwerk „Der ungläubige Thomas“ (1601/02, Schloss Sanssouci Bildergalerie, Berlin). Da wird hinter 3-D-simulierenden Gitternetzlinien die fingerfertige Berührung in eine Transparenz aufgelöst, die Leiblichkeit und Leben des Auferstandenen nicht länger begreifen können – ein fadenscheiniger Osterglaube also.

„Die Kirche hat sich vor nichts mehr zu fürchten, als vor der Sicherheit“ – Hans Joachim Iwand zum Reformationsjubiläum

20. Februar 2017
Claus Bergen - Havarie (Gouache, um 1920)

Claus Bergen – Havarie (Gouache, um 1920)

In seiner Neujahrsbetrachtung 1959 hat Hans Joachim Iwand der Kirche unter anderem Folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.“ Passende Worte zum Reformationsjubiläum.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

Von Hans Joachim Iwand

2. Korinther 12,10b: Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Das erste, was wir zu diesem Wort des Apostels sagen müs­sen, ist dieses: In ihm ist die ganze Offenbarung Gottes in Jesus Christus beschlossen. Denn Jesus Christus, das ist die Schwach­heit Gottes, das ist die Verborgenheit Gottes unter der alleräußersten, unter der jedes mensch­liche Auge täuschenden, jedes menschliche Denken irreführenden Schwachheit. Wir denken ganz anders. Un­sere Götter sehen anders aus. Die Götter, auf die wir warten, müß­ten anders auftreten. Nicht wie ein Mensch, nicht gehorsam bis zum Tode, nicht dienend, nicht sein Le­ben als Lösegeld gebend, son­dern als Übermenschen, von uns Gefolgschaft fordernd, wie ein Führer, der seine Schar kommandiert —, aber Gottes Gegenwart unter uns hatte und hat ein anderes Gesicht: Ich bin nicht gekom­men, mir dienen zu lassen, sondern daß ich diene. Das ist unser Gott! Und ehe wir ihm dienen, müssen wir ihn uns dienen lassen. Uns dienen mit sei­nem Leiden, uns dienen mit seinem Kreuz. Mit seiner Schwachheit. Denn die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind. Wem Gott nie gedient hat mit seiner Schwachheit, der wird nie wissen, wer Gott ist und was er für uns getan. Wo er für mein irdisches Auge am schwächsten war, da war er am stärk­sten. Da trug er unser aller Schuld, da zerbrach er unser aller Tod. Da geschah es, daß die Riegel unseres Gefängnisses aufgingen und wir heraustraten als die Befreiten. Als die wahrhaft Freien, denen hinfort Tod und Sünde nichts anhaben sol­len. Das ist seine Kraft. Die Kraft Gottes in der Schwachheit des Menschen Jesu.

Wäre es anders, wir würden uns alle um diesen Gott drängen. Wäre seine Kraft nicht verbor­gen unter der Schwachheit, es wäre nicht schwer, an Gott zu glauben. Wir verbergen unsere Schwäche, um Kraft zu heucheln, Gott verbirgt seine Kraft, um sie in der [289] Schwachheit zu offenbaren. Darum verstehen ihn die Großen und Gewaltigen nicht. Darum müssen wir selbst an uns abnehmen und zerbrochen werden, ehe wir ihn begreifen und ergreifen in seiner Schwachheit, in dem Kreuz seines Sohnes, in der Erscheinung des einen Menschen Jesus.

Das Zweite, was wir unter dem Licht unseres Wortes begreifen, sind seine Zeugen, sind die Jünger. Es gehört zu der Herrlichkeit der Bibel, daß uns in ihr Menschen, wirkliche, schwa­che, schwan­kende, zweifelnde Menschen begegnen und daß diese Menschen den­noch Zeugen der Nähe Gottes sein dürfen. Wenn sich der Sturm erhebt, dann meinen die Jünger, sie sinken. Wenn das Wasser ins Schiff dringt, dann schreien die Jünger: Herr hilf, wir verderben. Da sehen wir den Menschen, den schwachen, den zweifelnden Men­schen. Auch der Zeuge in der Nähe Jesu bleibt ein schwacher, ar­mer Mensch. Gerade er. Gerade in der Nähe zu ihm. Wir möchten sie stark sehen, aber wenn der Sturm kommt, zeigt sich, wie schwach sie sind. Ihre Not macht Jesus erwachen. Jesus schläft, und so läßt er das Wasser ins Schiff kommen. Das zerbricht alle ihre Stärke und Sicherheit. Jesus erhebt sich, und das Meer wird stille. Jesus fragt, wo ist euer Glaube — und die Jünger müssen sich schämen. Sie hat­ten ihre Kraft in sich gesucht — aber Jesus, der mit im Schiff war, war ihre Kraft. Denn er ist der Herr, der Wellen und Wind ge­bietet. Glauben wir das noch? Wissen wir das noch? Schreien wir noch zu ihm? Wecken wir ihn noch auf? Das würde wahre Erweckungsbewegung sein. Wir müssen einen wachen Christum haben!

Und das ist das Dritte. Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.

Dies, meine Brüder und Schwestern, wollte ich Euch zum Beginn [290] des Jahres zurufen. Wir meinen so oft, in unserem ruhigen sicheren Westen hätte die Kirche nichts zu fürchten. Aber ist es nicht so, daß die Kirche sich vor nichts mehr fürchten muß, als vor der Sicherheit? Das Wasser muß uns ins Schiff laufen, damit wir schreien. Wir müssen Sturm erfahren, damit wir beten. Wir müssen beten, damit Christus uns helfen, damit Jesus uns Christus sein kann. Heil denen, die so angefochten sind, ihnen ist Christus nahe. Der Apostel sagt: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Auch wir sollen stark sein, mitten in unserer Schwachheit. Wir sollen uns nicht mit unserer Schwachheit beruhigen. Wir sollen nicht daraus etwas ma­chen, was nicht zu ändern ist. Im Kampf mit der Sünde, im Kampf mit der Feigheit. Gott will die Schwachen stärker machen als die, die auf ihre Kraft vertrauen. Er will unsere Kraft sein. Er will, daß die Welt sich irrt, wenn sie meint, wir seien von Gott verlassene Menschen. Er will, daß die Welt erkennt, wer uns treibt und wem sie nicht gewachsen ist.

Neujahrsbetrachtung in: „Die Hilfe, Blätter aus dem Haus der helfenden Hände“, Beienrode im Januar 1959.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 288-290.

Hier die Predigt als pdf.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest“ – Prediger 7,15-18 als Predigtperikope

10. Februar 2017
Pieter Claesz (1597-1660) - Vanitas

Pieter Claesz (1597-1660) – Vanitas

In der Neuordnung der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte der EKD ist für den Sonntag Septuagesimae nunmehr in der sechsten Predigtreihe ein wirklich ungewöhnlicher Text aus dem Prediger (bzw. Kohelet) vorgesehen: „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ (7,15-18). Wer mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Perikopenrevision vertraut ist, weiß, wie der Text aus Erlangen nach Hannover gekommen ist. Friedrich Mildenberger hatte als Professor für Systematische Theologie in Erlangen wiederholt Bezug auf diesen Text genommen, so auch in Band 3 seiner Biblischen Dogmatik (Seite 341f). Hier seine Auslegung der Perikope bei einer gemeindlichen Bibelwoche 1986/87:

Wer es erzwingen will, dem missrät’s (Prediger 7,15-18)

Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Davon war schon die Rede: Recht und Unrecht und Leben und Tod, die lassen sich nicht zusammenbringen. Das gehört zu den schwersten Rätseln, mit denen sich der Prediger herumschlägt – und gewiss nicht nur er. Dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, das muss doch auch heißen: Wer Gutes tut, dem gelingt es im Leben, und wer Böses tut, dem läuft es übel hinaus. So denken wir. Aber was die Erfahrung lehrt, das passt nicht dazu. Es will sich nicht zusammenreimen mit dem, was wir für gut befinden, und haben doch recht damit: Es ist nicht gut, dass dann doch der Gerechte zugrunde geht, und der Gottlose in seiner Bosheit freut sich eines langen und guten Lebens. Wenn Gott gerecht ist, dann darf das nicht sein!

Und was so eine Beobachtung und Frage ist, die wir auch sehr allgemein und bloß in Gedanken erörtern können, das kann einen Menschen dann auch ganz anders auf den Leib rücken. Da hat einer ein rechtes Leben geführt, und hat auch Gott gewiss nicht vergessen. Und dann bricht es über ihn herein: Unglück im Betrieb, oder Krankheit, oder der Tod eines nahen Angehörigen, gar alles dies miteinander: Warum das? Warum muss es gerade mich treffen? Womit habe gerade ich dies alles verdient? Wer kennt diese Frage nicht!

Auch der Prediger kennt diese Frage. Wir wissen, er hat sie hin und her bewegt und nach allen Richtungen gedreht und gewendet, und ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen: Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nicht finden. Gott ist im Himmel und du auf Erden – mehr lässt sich dazu nicht sagen. Und wohl dem, der dabei dann auch bleiben kann: Gott ist im Himmel! Und wirft also sein Gottvertrauen nicht weg, sondern hält es fest, auch wenn er nicht dahinter kommen kann, warum es nun gerade so gut sein soll, wie es gekommen ist. Mehr lässt sich dazu nicht sagen, auch wenn wir gerne gerade hier mehr wissen wollten und uns schwer tun, uns damit zu bescheiden.

Doch eine Folgerung zieht unser Text nun doch aus der Erfahrung, die sich so schlecht mit dem zusammenreimt, was wir für gut und richtig halten: Nicht allzu fromm soll einer sein, und nicht allzu gottlos. Das mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen. Wie kommt der Prediger dazu, gerade diese beiden zusammenzunehmen, den, der es fast schon übertreibt mit seiner Gerechtigkeit und Weisheit, und den anderen, der bloß seine Gottlosigkeit und also Torheit kennt? Sind sie nicht himmelweit voneinander weg?

Sicher sind sie himmelweit voneinander, wenn wir auf das sehen, was jeder über sich selber denkt, der besonders Fromme wie der Gottlose. Aber in einem gehören sie doch ganz nah zusammen: Sie wollen es beide erzwingen, das bessere Leben, das Glück. Dem einen muss es ohne Gott gelingen, und der andere will es gerade mit Gott schaffen. Darin unterscheiden sie sich schon. Aber darin gehören sie zusammen, dass sie es nicht nehmen wollen, wie es kommt. Natürlich kann der Gottlose nicht auf Gott vertrauen, an den er doch nicht glaubt, sondern hält sich an die Meinung: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was herauskommt sieht man! Aber auch der besonders Fromme hat seine Meinung: Übergib dein Leben Jesus, dann wird es dir gelingen, dann wirst du glücklich werden!

Vorsicht! Damit kann sich einer zugrunde richten. So weiß das unser weiser Mann; und der kennt das Leben. Er weiß, dass es da nicht immer so läuft, wie wir das haben wollen. Es glückt nicht immer. Gefährlich sind sie, die Geschichten, die jeder schon einmal gehört hat: Wie Gott, oder wie Jesus seinen Frommen hilft. Im Spätherbst 1945, als es noch gar nichts gegeben hat, habe ich einmal einen Evangelisten gehört: Eigentlich habe er gar nicht zur rechten Zeit da sein können, erzählte er uns. Unterwegs sei ihnen das Benzin ausgegangen. Da habe er sich mit seinem Begleiter an den Straßenrand hingekniet, und sie hätten Jesus um Hilfe gebeten. Noch nicht „Amen“ hätten sie gesagt, da habe ein amerikanischer Jeep gehalten, und der GI habe ihnen aus seinem Reservekanister den Tank gefüllt.

So etwas kann es sicher auch einmal geben, und das imponiert gerade jungen Menschen. Sie wollen es auch erleben, dieses Gelingen, dieses Glück derer, die zu Jesus gehören. Aber dann kommt es anders: Eine Prüfung, ein Examen gelingt nicht. Eine Beziehung zerbricht. Die Gemütskrankheit, die Schwermut oder Depression hört nicht auf, trotz der Entscheidung für Jesus, trotz der Gebete. Es lässt sich nicht erzwingen, was einer gerne hätte, das bessere, das gute Leben. Wie leicht kann es da dann passieren, dass einer sein Vertrauen ganz wegwirft, und im Handumdrehen ist aus dem besonders Frommen ein besonders Gottloser geworden. So kann es leicht kommen. Und das ist gewiss nicht gut. Darum also diese Mahnung, die nur auf den ersten Blick seltsam zu sein scheint.

Der Dichter Eduard Mörike hat das einmal so gesagt, und ist damit nahe bei der Weisheit des Predigers:

Herr, schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Der Prediger Salomo, Erlangen 1988, 91-96.

Hier die Auslegung als pdf.

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

„Weiden ist nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden“ – Martin Luther über das kirchliche Hirtenamt

27. Januar 2017

Was James Rebanks in seinem Buch „The Shepard’s Life“ als Grundregeln seines Schäferberufs benannt hat, lässt sich auch auf das pastorale bzw. bischöfliche Hirtenamt in der Kirche übertragen: „My job is simple: get around the fields and feed and shepherd the different flocks of ewes—dealing with any issues that arise. First rule of shepherding: it’s not about you, it’s about the sheep and the land. Second rule: you can’t win sometimes. Third rule: shut up, and go and do the work.“ Passend dazu hat Martin Luther in seinen Predigtauslegungen zum ersten Petrusbrief von 1523 bezüglich 1.Petrus 5,2 „Weidet die Herde Christi, die euch befohlen ist“ ausgeführt:

„Christus ist der Erzhirte, und er hat unter sich viele Hirten und auch viele Schafe, die hat er seinen Hirten hin und her ausgetan, wie St. Petrus hier schreibt, in vielen Ländern. Was sollen dieselben Hirten tun? Sie sollen die Herde Christi weiden. Das hat der Papst auf sich bezogen und will damit bewähren, daß er Oberherr sei und mit den Schafen umgehen möge, wie er will. Man weiß wohl, was „weiden“ heißt, nämlich daß die Hirten den Schafen Weide geben und Futter vorlegen, auf daß sie fruchtbar werden, dazu daß sie darauf sehen, daß nicht die Wölfe kommen und die Schafe zerreißen. Es heißt nicht „schlachten und würgen“.

Nun sagt St. Petrus nachdrücklich „die Herde Christi“, als sollte er sagen: Denkt nicht, daß die Herde euer ist, ihr seid nur Knechte. … Die Bischöfe sind Knechte Christi, daß sie seine Schafe hüten und ihnen Weide geben. Darum ist „weiden“ nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden, daß sich die Schafe nähren im Evangelium und Gottes Wort. Das ist allein eines Bischofs Amt. …

Ein Prediger muß nicht allein weiden, so, daß er die Schafe unterweist, wie sie rechte Christen sein sollen, sondern auch daneben den Wölfen wehren, daß sie die Schafe nicht angreifen und mit falscher Lehre verfüh­ren und Irrtum einführen, wie denn der Teufel nicht ruht. Nun findet man jetzt viele Leute, die wohl leiden mögen, daß man das Evangelium predige, wenn man nur nicht wider die Wölfe schreit und wider die Prälaten pre-[235]digt. Aber wenn ich schon recht predige und die Schafe wohl weide und lehre, so ist’s dennoch noch nicht genug der Schafe gehütet und sie be­wahrt, daß nicht die Wölfe kommen und sie wieder davon führen. Denn wie ist das ein Bauen, wenn ich Steine auftürme und sehe einem anderen zu, der sie wieder einwirft? Der Wolf kann wohl leiden, daß die Schafe gute Weide haben, er hat sie desto lieber, daß sie feist sind. Aber das kann er nicht leiden, daß die Hunde feindlich bellen. Darum ist es ein großes Ding, wer es zu Herzen nimmt, daß einer recht weide, wie es Gott befoh­len hat. …

Und hier rührt St. Petrus zweierlei Stücke an, die da wohl jemanden möchten abschrecken, dem Volk vorzustehen. Aufs erste findet man et­liche, die da fromm sind und lassen sich auch ungern dazu zwingen, daß sie Prediger sind, denn es ist ein mühsames Amt, daß man überall zusehe, wie die Schafe leben, daß man ihnen helfe und sie aufrichte, da muß man Tag und Nacht aufsehen und wehren, daß nicht die Wölfe einreißen, dazu muß man auch Leib und Leben einsetzen. Darum spricht er: „Ihr sollt’s nicht genötigt tun“. Wahr ist’s, es soll sich niemand selbst unberufen zu dem Amt dringen, aber wenn er berufen und gefordert wird, soll er willig hinangehen und tun, was sein Amt fordert. Denn die es genötigt tun müs­sen und nicht Lust und Liebe dazu haben, die werden’s nicht wohl ausrichten.

Die andern sind noch ärger als diese, die dem Volk vorstehen und darin ihren Gewinn suchen, daß sie ihren Wanst weiden. Diese suchen die Wolle und die Milch von den Schafen, fragen nichts nach der Weide. … Denn wenn der, der da weiden soll, so auf das Gut gerichtet und gewinnsüchtig ist, würde er bald selbst ein Wolf werden. …“

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 5, hrsg. v. Hartmut Günther und Ernst Volk, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983, 234f (WA 12,388-390).

„Lass mich gehen, die Morgenröte bricht an“ – Paul Schempps Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose/Genesis 32,23-32)

20. Januar 2017
Lynd Ward - Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Lynd Ward – Jacob Wrestles with the Angel (1967)

Es ist eine Kunst einen Text aus dem Alten Testament auf Christus hin auszulegen, ohne das Erzählgeschehen in seiner Wörtlichkeit zu übergehen. Paul Schempp hat es in seiner Predigt über Jakobs Kampf bei Pniel (1Mose 32,23-32) meistlich verstanden, selbst in diesen Kampf einzudringen, um die göttliche Verheißung in Christus zur Sprache zu bringen. Seine Predigt kann  in jedem Fall mit Gerhard von Rads Predigt über diesen Kampf  mithalten. Hier ein Auszug:

„Die Kraft Jakobs ist es nicht, der Glaube und das Gebet der Christenheit ist es nicht, was uns den Weg freimachen könnte vor Gott, was uns auch nur eine Stunde vor Verderben und Tod schützen könnte, wenn Gott wider uns ist. Und Gott ist wider uns, so gewiß wir Fleisch sind und sterben müssen, so gewiß das heilige Land nicht der Him­mel und das Reich Gottes ist, so gewiß Jakob einmal nur als Leiche hineinkommen wird, so gewiß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben werden, so gewiß der König der Juden, der Auserwählte Gottes, Jesus Christus, am Kreuz sterben mußte. Jakob ist in die Hände des lebendigen Gottes gefallen, und der Schrecken seines Vaters Isaak — so hat Jakob Gott vor Laban genannt — ist über ihn hergefallen. Was ist mit Jakob, daß dieser Gegner nicht fertig wird mit ihm, daß dieser Schrecken ihn nicht umbringt und dieser Fremde sogar bittet: Laß mich gehen, die Morgen­röte bricht an? Gottes eigenes Wort, das er nicht zurücknimmt, Gottes eigener Segen, von dem er nichts abbricht, Gottes eigene Wahl, die ihn nicht gereut. Gottes eigene Treue, die eben göttlich und darum be­ständig und unveränderlich ist. Das ist Jakobs Kraft, das ist der Kern und auch die Grenze von Gottes Zorn, das ist die himmelhoch er­habene Göttlichkeit Gottes, auch wo er Mensch wird, auch wo er die Widerspenstigkeit und Unverbesserlichkeit des Menschen menschlich angreift und sie überfällt wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Löwe und Bär am Wege, auch wo er sich verhüllt und verbirgt in den dunkel­sten Anfechtungen seiner Zeugen, in den schwärzesten Drohungen seiner Boten und darüber hinaus in all dem, was unser aller Dasein täglich und nächtlich bedroht mit den Schatten des Todes und was unsre Wege und Wünsche, auch die reinsten und frömmsten, versperrt und verriegelt und was unser aller Leben zu einem so verzweifelten Kampf um Möglichkeit, um Zukunft und Hoffnung und Frieden macht“

Die vollständige Predigt findet sich hier als pdf.