Archive for the ‘Protestantismus und Religionismus’ Category

Auf dem Weg zur Entscheidungsgemeinde – Thomas Frings Buch Aus, Amen – Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein

27. März 2017

Als Thomas Frings im Februar 2016 sein Amt als katholischer Pfarrer in der Pfarrei Heilig-Kreuz Münster niederlegte und (vorübergehend?) ins Kloster ging,  erklärte er die Gründe für diesen Schritt in einer öffentlichen Stellungnahme „?Kurskorrektur!„. Das Medienecho war groß, so beispielsweise in DIE WELT und in Christ&WELT/DIE ZEIT. Jetzt hat er in seinem Buch Aus, Amen – Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein noch einmal seinen pastoralen Werdegang und seine Kritik an der Volkskirche entfaltet. Er beschreibt sehr anschaulich und erfahrungsbezogen und weiß dabei Polemik und Beschuldigungen zu vermieden.

Für ihn klaffen Anspruch und Wirklichkeit der Volkskirche immer weiter auseinander. Der Abbauprozess schreitet unaufhaltsam fort und zugleich verdünnen sich das commitment  sowie die Partizipationsfähigkeit der Gläubigen an den Sakramenten. Das Schlüsselbeispiel für ihn ist die Kasualie Erstkommunion. Man spürt bei Frings die Leidenschaft für das Evangelium Jesu Christi. Weil er die Sakramente evangeliumsgemäß ernst nimmt, kann und will er sich nicht in die Rolle eines religiösen Dienstleisters zurücknehmen. Einen zukunftsfähigen Weg sieht er im Modell von „Entscheidungsgemeinden“ an Stelle der territorial gefassten Parochien/Pfarrgemeinden. Hierzu schreibt er:

„Eine Entscheidungs­gemeinde wäre eine Gemeinde, die nicht gegründet wird in bekannten und klar umrissenen Strukturen. Wäre nicht eine, die sich umsieht und es dann ähnlich der Nachbargemeinde macht. Würde nicht noch einmal dasselbe anbieten. Es wäre eine Gemeinde im Werden! Was wachsen könnte, erwächst aus den gestellten Fragen, aus der Sehnsucht. Entscheidend wäre, dass die Antworten nicht vorgegeben, sondern gesucht werden. Das hieße auch, mögliche Antworten werden von de­nen gegeben, die sie gefunden haben und dann auch von ih­nen umgesetzt. […]

Diese Gemeinde steht auf dem Fun­dament der Heiligen Schrift und wer sie sieht, der sieht als ihren Hintergrund den Gott Jesu Christi und die große Ge­meinschaft der katholischen Kirche. Der erste Kontakt und Zuspruch ist bedingungslos. Daraus muss auch keine »Mitgliedschaft« entstehen. Getrost darf man wieder gehen, so wie viele Menschen es nach der Begegnung mit Jesus auch ge­tan haben. Im Evangelium folgen noch lange nicht alle Men­schen Jesus nach, denen er begegnet. Nicht einmal »viele« und schon gar nicht viele, denen er hilft, schließen sich ihm an. Letztlich ist es nur eine kleine Gruppe. Doch alle bekommen seinen Zuspruch. Erst wenn sie ihm folgen wollen, werden sie auch mit seinem besonderen Anspruch konfrontiert. Der Weg der Entscheidungsgemeinde ist keine pastorale Kapitulation und nur etwas für Glaubenslahme. Es ist der Weg, den Jesus selbst gegangen ist und vorgezeichnet hat.

Wer diesen Weg mitgehen und Sakramente empfangen möchte, also selbst Kirche sein und Christus nachfolgen will, der wird mit dem Anspruch des Evangeliums konfrontiert, aber erst dann. Von Kirche etwas wollen wird beantwortet mit Zuspruch, Kirche sein wollen mit Anspruch. Eine lebens­dienliche Religiosität und Pastoral, die aus den Fragen und Bedürfnissen der Menschen wächst. Alltagstaugliche Rituale für die unterschiedlichen Menschen. Traditionen werden nur dann weitergeführt, wenn sie Relevanz für das Leben der Menschen haben. Respekt aus Sicht der Gemeinde davor, wenn Menschen nicht voll mitmachen, und Respekt aus Sicht der Menschen davor, dass nicht jeder alles gleichermaßen be­kommt. Gemeinde ist informativ am Anfang und möchte mit jedem Schritt weiter hinein auch formativ werden für das Le­ben der Menschen. So werden die Getauften auch zu Zeugen.

Jesus ist in seinem Handeln dabei das ideale Vorbild für das Selbstverständnis einer solchen Gemeinde. Mit offenen Augen und Armen ging er durch seine Zeit und Welt und scheute den Kontakt mit niemandem. Wer Heilung brauchte, Hunger hat­te, Hilfe benötigte, der bekam seinen Zuspruch, ohne Wenn und Aber. Der Bedingungslosigkeit seiner Liebe folgt manch­mal die Einladung der Nachfolge. Das hat nichts zu tun mit Beliebigkeit, sondern Entschiedenheit. Nicht mit Indifferenz, sondern Differenz. Wer nicht will, der muss auch nicht. Wer will, der soll auch wirklich wollen. Die Entscheidung formuliert einen Anspruch. Anspruch auf beiden Seiten.“

Was Thomas Frings abgeht ist jeglicher Glaubensheroismus. Er weiß selbst um seine eigenen Zweifel und Anfechtungen, die ihn sympathisch und demütig machen. So endet sein Buch mit besonderen Seligpreisungen:

»Selig sind die Suchenden«

Selig sind die Suchenden, denn sie werden es nicht alleine tun.
Selig sind die Besserwisser, denn sie werden überrascht werden.
Selig sind die Zweifelnden, denn sie werden aufmerksam leben.
Selig sind die Geduldigen, denn ihre Mühe wird belohnt werden.
Selig sind die Kerzen entzünden, denn sie werden dabei an andere Menschen denken.
Selig sind die Stillen, denn ihre Stille wird sich auf andere über­tragen.
Selig sind die Fernstehenden, denn sie werden nicht übersehen werden.
Selig sind die Anspruchsvollen, denn sie werden auf den Anspruch Jesu treffen.
Selig sind die Neugierigen, denn sie werden neue Wege ausfindig machen.
Selig sind die Durstigen, denn sie finden Wasser auch für andere.
Selig sind die Praktiker, denn sie werden Theorien zum Leben erwecken.
Selig sind die Aufmerksamen, denn sie werden an Wegkreuzen ein Gebet sprechen.
Selig sind die Eltern, die ihre Kinder segnen, denn sie werden selbst gesegnet.
Selig sind die Hörenden, denn sie werden etwas läuten hören.
Selig sind die sich bekreuzigen, denn sie werden Gott in sich und der Welt entdecken.
Selig sind die Betenden, denn sie nehmen die Welt mit ins Gebet.
Selig sind die Dankbaren, denn sie sind die aufmerksamer Lebenden.
Selig sind die vor dem Essen beten, denn es wird ihnen besser schmecken.

Frings Buch ist auch für evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer eine Lektüre wert.

Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen …

27. März 2017

„Christliche Werte“ verdanken sich nicht der Bibel, sondern einer gesellschaftlichen Basar-Ethik

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift CA – Confessio Augustana 1/2017 habe ich zur Frage „Wozu ist das Christentum gut?“ unter anderem Folgendes geschrieben:

Aufklärung, Wohlfahrtsstaat und Pluralisierung der Lebensgestaltung scheinen dem Christentum in einer spätmodernen bürgerlichen Gesell­schaft keine besondere gesellschaftliche Relevanz zuzuerkennen. Allenfalls christliche Werte stehen noch im Raum. Für das Zeugnis des Evangeliums bzw. für die Glaubwürdigkeit des Christseins ist es jedoch kontraproduktiv, wenn man kirchlicherseits in und für die Gesell­schaft christliche Werte geltend machen will. Wer von christ­lichen Werten spricht, ist sich in der Regel nicht bewusst, dass sich die Rede von gesellschaft­lichen bzw. sittlichen Werten einer Wertephilosophie aus dem 19. Jahrhundert verdankt. Weder in der Bibel noch bei den Kirchenvätern oder Reforma­toren ist von irgendwelchen ethischen Werten die Rede, mit gutem Grund. Der Wertbegriff hat sei­nen Ursprung in der Ökonomie und steht letztlich für eine Basar-Ethik: Da sich die Dinge unterschiedlich bewerten lassen, muss man um gesell­schaftliche Werte feilschen.

Gottes Gebot als persönliche Verpflichtung

Was für Christen gilt, sind weder subjektive noch kollektive Wertschätzungen, sondern gött­liche Gebote. Mit dem Propheten Micha gesprochen: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Christen brauchen sich nicht auf gesellschaft­liche Werte­diskussionen einlassen. Da man für abstrakte Werte nicht persönlich einstehen kann, ist die Rede von christlichen Werten letztendlich unverantwortlich. Anders verhält es sich hingegen mit Tugenden, die personengebunden sind. Christen wissen für sich selbst, dass die von ihnen gelebten Tugenden auch der Gesellschaft zugutekommen.

Sobald man jedoch von besonderen christlichen Werten in der Gesellschaft spricht, werden sowohl das Evangelium wie auch die Kirche funktionalisiert. Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen, als habe die Gemeinschaft der Gläubigen für eine bürgerliche Gesellschaft als Wertevermittler tätig zu sein. Die Rede von christlichen Werten ist für Christen auf Dauer irreführend. Sie lässt diese sich mit einer scheinbar christlichen Gesellschaft identifizieren, deren „Christlichkeit“ unauf­hörlich abnimmt. Man beklagt einen „Werteverlust“, orakelt über einen gesellschaft­lichen Niedergang und redet in all dem sich selbst die Verheißung des Evangeliums aus: „Wir war­ten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2Petr 3,13).

Christen sind Fremdbürger

Die Ermahnungen im Neuen Testament gelten nicht etwa Menschen, die an Nationalstaaten, nachfolgende Generationen und irdisches Eigentum glau­ben, sondern den „Fremdlingen und Pilgern“ (1Petr 2,11), deren Lebensgeschick durch die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi verbunden ist. „Wir haben hier keine blei­bende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14) So kann der Apostel Paulus die Gemeinde auf das himmlische Bürgerrecht (Phil 3,20) hin herausfordern:

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12,1-2)

Christen sind Fremdbürger, so lautet der Titel eines höchst anregenden Buchs von Stanley Hauerwas und William Willimon, das letztes Jahr auf Deutsch bei Fontis (Basel) erschienen ist. Der Untertitel ist eine richtungsweisende Ansage: „Wie wir wieder werden, wer wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft“. Christen haben nichts zu verlieren, was nicht schon längst in Christus gewonnen ist.

Mein kompletter Artikel „Wozu ist das Christentum gut?“ findet sich hier als pdf.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ (Martin Luther) – Warum „erzliberal“ und „orthodox“ Geschwister im Herrn sind

16. März 2017

Wie geht das zusammen in Sachen Christsein – erzliberal und zugleich orthodox? Vor einem Antwortversuch muss zunächst geklärt werden, was mit „erzliberal“ bzw. „orthodox“ jeweils gemeint ist. Für mich heißt „orthodox“ im Glauben an den dreieinen Gott der einen heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche verbunden zu sein. Schlüsseltext dazu ist das ökumenische Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel:

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater [und dem Sohn] hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Erzliberal“ heißt sich im eigenen Glauben menschlicher Anarchie (= Herrschafts- bzw. Ursprungslosigkeit) verpflichtet zu wissen, d.h. es gibt keine menschliche Autorität, die mir definitiv vorschreiben kann, was ich zu glauben und wie ich mich gottwohlgefällig zu verhalten habe. Jesu eigene Worte begründen diese menschlichen Anarchie in der Kirche: „Ihr wisst, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken sie, und ihre Großen setzen ihre Macht gegen sie ein.Unter euch aber sei es nicht so, sondern: Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,42-45) Eigene Geltungsansprüche auch in Sachen des Glaubens müssen müssen im Hinblick auf andere selbst erlitten werden.

Aber ist das nicht ein Widerspruch: Orthodoxer („rechtgläubiger“) Glaube in und mit der einen heiligen Kirche (una sancta ecclesia), der zugleich sich selbst in evangelischer Freiheit wahrnimmt?

Um diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, gilt es in die Orthodoxie des Glaubens einzusteigen. Was in der Kirche gemeinschaftlich bekannt wird, ist der dreieinige Gott mit seinem schöpferischen, versöhnenden und heiligenden Werk, das mich in der Gemeinschaft der Kirche zum Heil einschließt. Der christliche Glaube vertraut der göttlichen Wirklichkeit zum eigenen Heil und zur Erlösung seiner Schöpfung. Menschliche Worte und menschliches Handeln in der Kirche bezeugen die göttliche Wirklichkeit in Wort und Sakrament und können daher eo ipso keine eigene Autorität für sich beanspruchen. Gehorsam ist immer nur Glaubensgehorsam gegenüber dem Evangelium Jesu Christi, so es in menschlichem Zeugnis und in menschlicher Verkündigung präsentiert wird.

In der kirchlichen Verkündigung geht nicht um eine Weltanschauung oder um ein Lehrgebäude, sondern um das „Geheimnis des Glaubens“, das im Pascha-Mysterium Christi präsent ist. Mit der Akklamation nach den Einsetzungsworten beim Herrenmahl gesprochen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Was durch ihn und mit ihm und in ihm geschah, ist nicht vergangen, sondern für uns wirklich gegenwärtig. Im Glauben an sein Hingabewort (sein Testament) sind wir in die Gegenwart des dreieinigen Gottes hineingenommen und werden damit zu Teilhabern „an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium“ (Epheser 3,6). Diese Verheißung gilt dem letztgültigen göttlichen Zukunftsgeschehen, wie es im Glaubensbekenntnis heißt: „Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“

Wo der christliche Glaube von göttlichem Geschehen eingenommen ist, können sich in der Kirche keine menschlichen Herrschaftsverhältnisse behaupten. Wem in der Kirche das Amt der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung anvertraut ist, tritt nicht in eigener Person und in eigener Sache der Gemeinde gegenüber. Er kann sich nicht über das hinwegsetzen, worauf er sich in seiner Ordination selbst hat verpflichten lassen, nämlich das anvertraute Amt „nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht“.

Die Autorität des Evangeliums und das Lehramt der Heiligen Schrift sind sowohl dem Amtsträger wie auch der Gemeinde vorgegeben und ermöglichen herrschaftsfreie Verhältnisse unter den Kirchengliedern. Nur dort, wo sich der Amtsträger an seine Ordinationsverpflichtung hält, kann und darf er Gehör beanspruchen. Er muss sich in seiner Amtsführung und  Verkündigung auf seine Regelbindung hin befragen lassen. Schließlich weiß die Gemeinde (bzw. kann es nachschlagen), woran er sich zu halten hat und wo sie möglicherweise ihm die Zustimmung verweigern muss. Jedem Gemeindeglied steht es darüber hinaus frei, ob es dem „amtlich“ Gesagten seinen Glauben schenken will. Auch als „freisinniger“ Christ, der eine dezidiert heterodoxe Überzeugung in Sachen Heilsgeschehen hat, lässt man in eigener Gewissensfreiheit das orthodox Gesagte als „spielregelkonform“ in der Kirche gelten. „Das muss er halt so sagen, weil er Pfarrer ist …“

Anders verhält es sich jedoch, wenn ein „freisinniger“ Amtsträger unter dem Anspruch einer „kritischen Vernunft“ heterodox predigt. Diese Heterodoxie verweigert sich nämlich dem göttlichen Pascha-Mysterium, da nicht (neuplatonisch) vernunftfähig. An die Stelle des göttlichen Geschehens, von dem man als Amtsträger im Glauben selbst eingenommen ist, treten eigene weltanschauliche Überzeugungen bzw. eine eigene religiöse Ideologie. Statt sich selbst auf den eigenen Gehorsam gegenüber dem „einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1Korinther 8,6) befragen lassen, tritt der Anspruch eigener, höherer intellektueller Einsichten, die der Gemeinde zuzumuten sind bzw. worüber die Gemeinde aufzuklären ist.

Aber genau da beginnt der „freisinnige“ Klerikalismus: Weil man als studierter und konsistorial examinierter Amtsträger die pastorale „höhere Weihe“ ein für alle Mal erhalten habe, besitzet man als Pfarrer in der verfassten Kirche einen „amtsimmunen“ Status. Mit dem Talar als Amtstracht sichtbar der Gemeinde gegenüber gestellt und mit einem öffentlichen Redemonopol ausgestattet beansprucht man im Namen der eigenen Glaubensfreiheit von der Kanzel autoritativ Glaubensinhalte und Glaubensansichten verkünden, für die man keine Rechenschaft bezüglich des vorgegebenen kirchlichen Lehrkonsenses („Ecclesiae magno consensu apud nos docent …“ – CA 1) ablegen kann und muss. Als Pfarrer hat man per se Autorität und weiß es einfach besser als die Gemeinde. An die Stelle der Autorität des Evangeliums tritt der eigene Habitus, der sich mitunter selbst als autoritär erweist.

Das ist ja die Illusion, dass in der evangelischen Kirche alle gleichermaßen die ganz eigenen Glaubensansichten zum Besten geben dürfen – „wir sind so frei …“ – als wäre Kirche eine religiöse Selbsterfahrungsgruppe im Stuhlkreis mit gestalteter Mitte, wo jeder mit seinen Innerlichkeit und Befindlichkeiten für die anderen vernehmbar zu Wort kommen darf. Die Rede vom Priestertum aller Gläubigen dient in den verfassten Landeskirchen allzu häufig zur Verschleierung asymmetrischer Kommunikationsverhältnisse. Einer tritt von Amts wegen der Gemeinde mit der freien, assertorischen Rede gegenüber, sei es im Gottesdienst auf der Kanzel oder aber in gedruckter Form im Gemeindebrief. Wenn es um Glauben in der Gemeinde geht, hat der Pfarrer mit seiner Amtsautorität in der Öffentlichkeit letztlich das Sagen. (Etwas anderes wäre es, wenn ein Pfarrer öffentlich eigene Glaubenszweifel äußern und damit vor den andern sich selbst um den eigenen Amtsanspruch bringen würde.)

Innerhalb einer verfassten Landeskirche kann die „wahre“ Botschaft des Evangeliums nicht über einen herrschaftsfreien Diskurs zur Geltung gebracht werden. Heterodoxie im pastoral monopolisierten Amt bedeutet, dass eigene Glaubensüberzeugungen eines Amtsträgers unter einem autoritativen Geltungsanspruch den anderen Mitchristen unwidersprüchlich auferlegt werden. Damit werden unter scheinbar liberalen Vorzeichen in der Kirche klerikale Machtverhältnisse begründet, die der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Kirche widersprechen.

Evangelische Freiheit in der Gemeinschaft der Gläubigen nur durch die Orthodoxie der Christus-Verkündigung zu bewahren.

„Es ist kurzum beschlossen, daß außer Christus Gott unbekannt und ungefaßt will sein“ – Martin Luther über die blinde Vernunft

23. Februar 2017
Max Beckmann - Ausschnitt aus dem Triptychon Blinde Kuh (1945)

Max Beckmann – Ausschnitt aus dem Triptychon Blinde Kuh (1945)

Luthers Tischrede Nr. 6539 (aus Johannes Aurifabers Sammlung, Tischreden aus verschiedenen Jahren, WA TR 6, 26,30-28,32) stellt kurz und bündig Martin Luthers Überzeugung dar, warum wir gegenüber Gott mit unserer Vernunft am Ende sind und daher auf Jesus Christus als dem einen Wort zu hören haben:

Gott in seiner Majestät ist menschlicher Vernunft unbegreiflich, darum soll man mit der Vorsehung zufrieden sein und sich nicht darum bekümmern

Menschliche Vernunft und Natur kann Gott in seiner Majestät nicht begreifen, darum sollen wir nicht weiter suchen noch forschen, was Gottes Wille, Wesen und Natur sei, als soweit ers uns befohlen hat. Sein Wort hat er uns gegeben, darin er reichlich offenbart hat, was wir von ihm wissen, halten, glauben und wessen wir uns zu ihm versehen sollen; danach sollen wir uns richten, so können wir nicht irren. Wer aber von Gottes Willen, Natur und Wesen Gedanken hat außer dem Wort, wills mit menschlicher Vernunft und Weisheit aussinnen, der macht sich viel vergebliche Unruhe und Arbeit und fehlt weit; denn die Welt, sagt Paulus, erkennt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht, 1. Kor. 1, 21.

Auch werden die nimmermehr lernen noch erkennen, wie Gott gegen sie gesinnt sei, die sich damit vergeblich bekümmern, ob sie verworfen oder auserwählt seien. Welche nun in diese Gedanken geraten, denen geht ein Feuer im Herzen an, das sie nicht löschen können, so daß ihr Gewissen nicht zufrieden wird, und sie müssen endlich verzweifeln.

Wer nun diesem Unglück und ewiger Gefahr entgehen will, der halte sich an das Wort, so wird er finden, daß unser lieber Gott einen starken festen Grund gemacht und gelegt hat, darauf wir sicher und gewiß fußen mögen, nämlich Jesus Christus, unseren Herrn (1. Kor. 3, 11), durch welchen wir allein, umsonst, durch kein anderes Mittel ins Himmelreich kommen müssen; denn er und sonst niemand ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh. 14, 6).

Sollen wir nun Gott in seinem göttlichen Wesen und wie er gegen uns gesinnt ist, recht und wahrhaftig erkennen, so muß es durch sein Wort geschehen. Und eben darum hat Gott der Vater seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt, daß er Mensch werden sollte, in allen Dingen uns gleich, doch ohne Sünde, unter uns wohnen und des Vaters Herz und Willen uns offenbaren; wie ihn denn der Vater uns zum Lehrer geordnet und gesetzt hat, da er vom Himmel ruft: »Dies ist mein lieber Sohn usw., den sollt ihr hören« (Matth. 17, 5).

Das ist, als wollte er sagen: Es ist vergebens und umsonst, was Menschen sich vornehmen, meine göttliche Majestät zu erforschen; menschliche Vernunft und Weisheit kann mich nicht ergreifen, ich bin ihr viel zu hoch und groß. Nun, ich will mich klein genug machen, daß sie mich ergreifen und fassen kann; ich will ihnen meinen eingeborenen Sohn geben, und so geben, daß er ein Opfer, ja eine Sünde und Fluch für sie werden soll, und soll mir hierin Gehorsam leisten bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Das will ich hernach predigen lassen in aller Welt, und die daran glauben, sollen selig werden. Das meint Paulus, da er sagt 1. Kor. 1, 21: »Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.«

Das heißt ja die göttliche Majestät klein und begreiflich werden, daß nun niemand billig klagen soll noch kann, er wisse nicht, wie er mit Gott daran sei, wessen er sich zu ihm versehen soll. Aber die Welt ist blind und taub, die weder sieht noch hört, was Gott durch seinen Sohn redet und tut, darum wird ers auch von ihnen fordern, 5. Mose 18, 19.

Man kann die schwere Anfechtung von der ewigen Vorsehung oder Auserwählung, die viele Leute hoch betrübt, nirgends besser suchen, ja finden und verstehen als in den Wunden Christi, von welchem der Vater gesagt und uns befohlen hat: »Den sollt ihr hören« (Matth. 17, 5). Der Vater in seiner göttlichen Majestät ist uns zu hoch und groß, daß wir ihn nicht ergreifen können, darum weist er uns den richtigen Weg, auf dem wir gewiß zu ihm kommen können, nämlich Christus, und spricht: Glaubt ihr an den und hängt euch an ihn; so wirds sich fein finden, wer ich bin, was mein Wesen und Wille ist. Das tun aber die Weisen, Mächtigen, Hochgelehrten, Heiligen und der größte Haufe durchaus in aller Welt nicht.

Darum ist und bleibt ihnen Gott unbekannt, ob sie gleich viel Gedanken von ihm haben, disputieren und reden; denn es ist kurzum beschlossen, daß außer Christus Gott unbekannt und ungefaßt will sein.

Willst du nun wissen, warum so wenig selig und so unzählig viel verdammt werden? Das ist die Ursache, daß die Welt nicht hören will, fragt nichts danach, ja verachtet, daß er, der Vater, von ihm zeugt: »Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe« (Matth. 3, 17), so als ob er sagen wollte: Bei ihm allein sollt ihr finden, was und wer ich bin, und was ich haben will, sonst werdet ihrs im Himmel noch auf Erden nicht finden.

Glaubt ihr nun an den Sohn, den ich euch zum Heiland gesandt habe, so will ich Vater sein, und soll gewiß wahr und Amen sein, was dieser Sohn sagt und verheißt, ich will ihn nicht lassen zum Lügner werden (2. Kor. 1, 19, 20).

Daraus folgt gewißlich, daß alle, die sich durch ein anderes Mittel als durch Christus unterstehen und bemühen zu Gott zu kommen (wie Juden, Heiden, Türken, Papisten, falsche Heilige, Ketzer usw.), in greulicher Finsternis und Irrtum wandeln. Und hilft ihnen nicht, daß sie ein ehrbar, strenges Leben äußerlich führen, große Andacht vorgeben, viel tun und leiden, Gott lieben und ehren, wie sie rühmen.

Denn weil sie Christus nicht hören, noch an ihn glauben wollen, ohne welchen niemand Gott kennt, niemand Vergebung der Sünden und Gnade erlangt, niemand zum Vater kommt, so bleiben sie für und für im Zweifel und Unglauben, wissen nicht, wie sie mit Gott daran sind, und müssen endlich in ihren Sünden sterben und verderben. »Denn wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat«, Joh. 5, 23. »Und wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht«, 1. Joh. 2, 23. »Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm«, Joh. 3, 36.

Hier der Text der Tischrede als pdf.

 

Johannes Wirsching – Häresie als Glaubensphänomen

9. Februar 2017
Antonius Eisenhoit - Die Göttin Häresie

Antonius Eisenhoit (1553-1603) – Die Göttin Häresie (Kupferstich)

Lesenswert ist immer noch Johannes Wirschings Buch „Kirche und Pseudokirche. Konturen der Häresie“. Darin entschlüsselt er in feinsinniger Weise die häretische Logik eines ideologischen Protestantismus:

„Christusglaube ist Heilsglaube, Rechtfertigungsglaube und darin der Glaube, der empfängt. Glauben heißt, den Gabecharakter des Heils erkennen und in eins damit die gemeinmenschliche Verlorenheit. Zur Vernunft des Glaubens gehört also die Erkenntnis, daß Heil und Sünder zusammengehören und daß Rechtfertigung immer Rechtferti­gung des Gottlosen bedeutet. Gerade hier aber lehnt sich der Häretiker ein zweites Mal auf. Er nimmt Anstoß an der Recht­fertigung des Sünders, das heißt, er stößt sich daran, daß dem Menschen die Entscheidung über sein Heil und damit über die Vollendung seines Menschseins aus der Hand genommen sein soll. Auch der Häreti­ker sieht die göttliche Gnade am Werk, aber sie ist für ihn gerade darin wirklich, daß sie aus einer ,frem­den‘ Gnade zu seiner eigenen werden und sich völlig dem Be­gnadigten überlassen kann. Erst so werde die Gnade das, was sie ist: das ohne Vorbehalt gewährte, wirklich ,radika­le‘ Geschenk, das es dann ebenso radikal zu leben und durchzu­setzen gilt.

Ein Heil aber, das der Häretiker sich selber nicht mehr ver­mitteln zu lassen braucht, kann er auch nicht anders als unver­mittelt zur Geltung bringen. Im Grunde steht er damit außer­halb der Gemeinschaft des Glaubens, sieht sich jedoch — als der wahre Gläubige — erst recht in ihr, um ihr nunmehr vorzuhalten, wie sie verbessert, überboten und vollendet werden muß. Sowohl die gesamtkirchlich vermittelte Heilserfahrung aller Gläubigen als auch die aktuell vermittelte Heilsverkündigung durch Wort und Sakrament werden dem Häretiker auf diese Weise zu Bedingungen oder doch Möglichkeiten der Selbstvermittlung und sind darin paradigmatisch für den Gläubigen schlechthin, das heißt, sie werden zu Legitimationsformen des Heilszwanges. Das Heil des Menschen ist immer schon vermit­telt, es muß nur noch als solches gelebt und — ethisch, sozial, politisch — durchgesetzt werden. Die hierin durchbre­chende Gewaltsamkeit wird ebensowenig empfunden wie die vollen­dete Umkehrung der Gnade in eine Forderung; das gehört zum Wesen häretischen Heilsverständnisses und erinnert an das Rätsel des sogenannten Stürmerspruches. »Bis jetzt wird das Reich der Himmel mit Gewalt erstrebt, und gewaltsam Rin­gende reißen es an sich« (Mt 11,12).“

Das Unterkapitel „Häresie als Glaubensphänomen“ findet sich hier als pdf.

„Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen das deutsche Volk noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht spricht.“ – Aus einem Schulaufsatz vom 20. November 1933

6. Februar 2017
Schulaufsatz "Luther und Hitler - ein Vergleich" vom 20. November 1933

Schulaufsatz „Luther und Hitler – ein Vergleich“ vom 20. November 1933

Aufschlussreich ist, wie weit ein völkisches Luther-Bild schon 1933 in der deutschen Bevölkerung verbreitet gewesen ist. So stellt sich ein Schulaufsatz vom 20. November 1933 (einen Tag nach dem „Deutschen Luthertag“) der Themen­stellung „Luther und Hitler – Ein Vergleich”. Darin schreibt der jugendliche Verfasser (mit allen orthographischen und stilistischen Eigenheiten):

„Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen das deutsche Volk noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht spricht. Unser großer Reformator wurde am Ausgang des Mittelalter im thüringischen Lande, in dem Städtlein Eisleben geboren. Beide haben vieles gemeinsam. Luther sagt von sich selbst: ‚Mein Vater, Großvater und Ahnherr sind rechte Bauern gewesen.‘ Auch Adolf Hitler stammt aus bäuerlichem Geschlecht. Also mitten aus dem Volke heraus erstanden sie dem Volke. Darum sind sie fest mit ihrer deutschen Heimat verwurzelt. Jedoch auch ihnen blieb der Kampf ums Dasein nicht erspart. Hitler sowohl wie Luther standen noch schwere Kämpfe bevor. Schon als junger Mann verlor Hitler seine Eltern. Trostlos schaute er in die Zukunft. Es kam der Weltkrieg. Während Hitler gaserblindet im Spital, zu Pasewalk lag, mußte er hören, wie man gegen die Armee redete, und die Juden schon ganze Arbeit gemacht hatten. Die Hoffnungslosigkeit schlug ihn vollends nieder. Um diese Zeit war es Hitler zumute, als müsse er hervorspringen, und den deutschen Arbeiter vertreten. Es ist ihm, als ob seine Stunde geschlagen hätte. Mit 30 Jahren erkennt Hitler sein Ziel. ‚Wenn Gott einem Volke helfen will, so hilft er es [!] nicht durch Worte und Bücher, sondern durch einen Mann, der im Volke emporgewachsen ist.‘ Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen die deutsche Geschichte jedes Jahr­hundert nur einen aufweisen kann. Unser Reformator hatte nicht wenigeres zu beste­hen. Was hatte er nicht alles im Kloster erleben müssen! Nur mit dem einen Gedanken beschäftigte er sich Tag und Nacht: ‚Wie werde ich selig?‘ Auch im Kloster erlangte er seiner Seelen Seligkeit nicht. Darum faßte er sich ein Ziel und dieses Ziel hielt er fest, nämlich: der Neubau der Kirche. Beide hatten eine Welt von Feinden. Sie wurden verfolgt und geächtet, verhöhnt und verspottet. Je mehr man sie aber verfolg­te, desto mehr Anhänger bekamen sie. ‚Und wenn die Welt voll Teufel wär,‘ singt Luther in seinem: ‚Ein feste Burg ist unser Gott.‘ Hierdrin kennzeichnet sich der Mut und die Treue Luthers. Furchtlos und beharrlich hielten beide an ihrem Ziele, fest [gestrichen] durch Not und Gefahren hindurch, fest. Luther rechtfertigt sich auf dem Reichstage zu Worms: vor Kaiser und Reich, vor Papst und Kirche. Welch großes Unternehmen! Auch Adolf Hitler fürchtete sich vor Regierung und Festungshaft nicht. Er setzte sein Ziel durch bis zum siegreichen Ende. Was Hitler sich bis jetzt vorgenommen hatt ist ihm gelungen. Es wird ihm auch weiterhin gelingen. Die Weltanschauung Adolf Hitlers führt dahin, daß er eine große Volksgemeinschaft gründen will. Mit Hitler [gestrichen] Luther brach [gestrichen] endete die Zeit des Mittelalters und an ihr setzt sich die Neuzeit. Mit Hitler bricht die alte Weltanschauung, und mit ihm ersteht das dritte Reich. Unser Führer kämpft nicht für sich und seine Ehre, sondern für das deutsche Volk und dessen Ehre.“[1]

[1] Zitiert nach Bernd Sösemann (Hg.), Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur, Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, Bd. 25, Stuttgart 2010, Nr. 1168.

„Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt“ – Von der liberalprotestantischen correctness in Sachen Seelenheil

6. Februar 2017
Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitaler (1530)

Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitalter (1530 – Alte Pinakothek München)

Aufschlussreich ist, was der Historiker Volker Reinhardt im Epilog seines lesenswerten Buchs „Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation“ (CH Beck 2016) in Sachen reformatorische Gegenwartsbedeutung zu schreiben weiß:

„Ist die Vergangenheit, wie sie in diesem Buch geschildert wurde, ebenfalls tot und begraben? Verlautbarungen namhafter Vertreterinnen und Vertreter beider Kirchen legen diese Annahme nahe. Auf der lutherischen Seite ist von dem Prinzip der Rechtfertigung allein durch die Gnade Gottes, sola gratia, der Prädestinationslehre des Kirchengründers, keine Rede mehr. Für heutige Christen ist die Vorstellung, dass der Mensch vor seiner Geburt von Gott zu Heil oder Verdammnis vorherbestimmt sei, unerträglich und gegen jede correctness, also wird diese sperrige Seite ausgeblendet, ja geradezu ins Gegenteil verkehrt: Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt. Die verschiedenen Demokratisierungswellen des 20. und 21. Jahrhunderts haben das Jenseits erreicht und gleich gemacht. Solche Positionen wären selbst einem Erasmus viel zu weit gegangen. Was Luther von diesem lieben, allzu lieben Gott hielt, der nach dem Vorbild eines gütigen menschlichen Erziehers gedacht war, hat er in seiner Kontroverse mit dem großen Humanisten festgehalten: Eine solche süßliche Vermenschlichung entsprang der superbia, der Selbstüberschätzung des Menschen, der es nicht erträgt, sich selbst zu sehen, wie er ist, nämlich eitel und sündhaft. Zusammen mit der Prädestination scheint Luthers Skepsis gegenüber dem Menschen heute beigelegt zu sein. Sein tiefer anthropologischer Pessimismus ist vom heutigen Luthertum, jedenfalls dem europäischen, in sozialpolitischen Aktionismus, in das Streben nach mehr Gerechtigkeit im Diesseits, umgeschlagen. So achtbar diese Bestrebungen auch sind, mit dem historischen Luther haben sie nichts zu tun. Kurfürst Friedrich der Weise fühlte und dachte sozialer als sein Wittenberger Professor.

Auf diese Weise hat sich das heutige Luthertum, ohne es zu wollen (und vielleicht sogar oft, ohne es zu wissen), katholischen Vorstellungen von der Kooperation des Menschen mit der göttlichen Gnade und sogar der Werkgerechtigkeit stillschweigend angenähert. Selbst in Sachen der letzten Dinge scheinen sich die beiden Konfessionen nicht mehr fern zu stehen. Die Hölle stört, darin stimmen Theologinnen und Theologen beider Seiten überein. Ewige Feuerqualen für Missetäter vertragen sich nicht mit den Maßstäben des liberalen Rechtsstaats. Andererseits sollten Menschheitsverbrecher wie Hitler und Stalin auch nicht auf Wolke sieben schweben. Also denkt man sich das Jenseits der Bösen als das große Nichts, das für asiatische Erlösungslehren das größte Glück ist.“

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

Goethe zum Reformationsjubiläum: „Nach und nach werden wir aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen“

30. Januar 2017
Carl Gustav Carus: Allegorie auf Goethes Tod, nach 1832

Carl Gustav Carus –  Allegorie auf Goethes Tod (nach 1832)

So lässt es sich feiern – die Reformation vor 500 Jahren als kulturgeschichtliches Ereignis, in dem sich der aufgeklärt religiöse Mensch auch heute noch sonnen kann. Kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe hat 1832 im letzten der Gespräche mit Eckermann das zur Sprache gebracht:

„Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation im allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind infolge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. Wir haben wieder den Mut, mit festen Füßen auf Gottes Erde zu stehen und uns in unserer gottbegabten Menschennatur zu fühlen. Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, – über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen!

Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen. Sobald sie sich von der immer weiter um sich greifenden großen Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen, müssen sie nach, sie mögen sich stellen, wie sie wollen, und es wird dahin kommen, daß endlich alles nur Eins ist.

Auch das leidige protestantische Sektenwesen wird aufhören, und mit ihm Haß und feindliches Ansehen zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester. Denn sobald man die reine Lehre und Liebe Christi, wie sie ist, wird begriffen und in sich eingelebt haben, so wird man sich als Mensch groß und frei fühlen und auf ein bißchen so oder so im äußeren Kultus nicht mehr sonderlichen Wert legen.

Auch werden wir alle nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen.“

Der „Deutsche Luthertag“ 1933 und die „Schreckenskammer der Luther-Jubiläen“

27. Januar 2017
Gedenkveranstaltung zum

Gedenkveranstaltung zum „Deutschen Luthertag“ am 19. November 1933 im Berliner Lustgarten. Der „Bischof von Brandenburg“, Joachim Hossenfelder (1899-1976) hält die Ansprache auf der Rampe des Berliner Schlosses

In Sachen Reformationsjubiläum 2017 heißt es aufzupassen, dass man Luther und die Reformation nicht für eigenreligiöse und gesellschaftspolitische Anliegen instrumentalisiert. Dazu kann uns der „Deutsche Luthertag“ 1933 zum 450. Geburtstag des Reformators als warnendes Beispiel dienen. Dieses Lutherjubiläum wurde nämlich mit kirchlichem Segen der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft dienstbar gemacht. So erklärte Hermann Wolfgang Beyer (1898-1942), damaliger Professor für Kirchengeschichte in Greifswald: „Das Jahr 1933 ist nicht nur ein Jahr der Erinnerung an ihn [Luther], sondern ein Jahr der Erfüllung dessen, was er gewollt“ hatte. Der Superintendent und Oberpfarrer an die Stadt- und Pfarrkirche St. Marien in Wittenberg Maximilian Meichßner (1875-1954) wusste ebenfalls von einem besonderen Zeitbezug zu reden:

„Es ist eine Fügung Gottes, daß Luthers 450. Geburtstag in eine Zeit fällt, die in der deutschen Geschichte nur mit der Reformationszeit zu vergleichen ist. Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in einer Zeit völkischen Erwachens. Luther steht vor uns als deutscher Mann … Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in den Tagen Adolf Hitlers. Wir haben heute wieder offene Augen bekommen für das, was für ein Volk ein von Gott berufener Führer bedeutet. Es ist eine Fügung Gottes, daß Dr. Martin Luther uns wieder lebendig wird in den Tagen nationaler Erneuerung. Morsches, Faules wird weggerissen. Steine werden getragen zum Neubau des 3. Reiches. Da verstehen wir besser als sonst, was Reformation der Kirche bedeutet …“

D. Wilhelm Fahrenhorst (1873-1941), Bundesdirektor des  „Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“

D. Wilhelm Fahrenhorst (1873-1941)

Noch deutlicher in Sachen „kairotische Heilsgeschichte“ wurde Wilhelm Fahrenhorst, damaliger Bundesdirektor des „Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“ und Planungsbeauftragter für den „Deutschen Luthertag 1933“, als Hauptredner beim „Eislebener Luthersonntag“ am 20. August 1933:

„Und wenn Martin Luther auf seinem Wege dem Führer heute begegnen würde, dem unser Herzen aller dankbar schlagen – tief würde er ihm in die Augen schauen, und beide Hände würde er ihm drücken. ‚Dank dir, du deutscher Mann! Du bist Blut von meinem Blut, Art von meiner Art. Wir beide gehören eng zusammen!‘ Wahrhaftig, sie gehören zusammen, Martin Luther und Adolf Hitler, die Reformation von 1517 und die deutsche Erneuerung von 1933. Die Parallele ist in der Tat überraschend. Damals wie heute die große Not, der das Volk zu erliegen drohte: Dort die große Not von Rom her, äußerlich die Ausplünderung Deutschlands zur Befriedigung immer gesteigerter klerikaler Ansprüche, innerlich die Qualen der Seelen, denen die verderbte Kirche den Frieden Gottes nicht mehr zu geben wusste, es sei denn im Priester- oder Mönchsberuf. Hier die Not von Marxismus und Atheismus her, von Bolschewismus und Internationalismus her, die nicht ohne Mitschuld des Ultramontanismus die deutschen Seelen zu verderben drohten. Damals wie heute sandte Gott einen Retter: Damals den Bergmannssohn von Eisleben, den Volkskanzler des Dritten Reiches heute.  In beiden erstand mit Urkraft die tragende Idee, das ,Selig aus Gnaden‘, die Gewissheit der Frohbotschaft von der Gotteskindschaft aus der erbarmenden Liebe des himmlischen Vaters und das Bild des ,freien Christenmenschen‘ im deutschen Manne Martin Luthers und der geniale Gedanke, dass der Mensch gottgewollt leben müsse aus der blut- und schicksalsmäßigen Bestimmtheit seiner Nation heraus und dass national und sozialistisch keine Gegensätze, sondern zu vereinen seien, in Adolf Hitler. In beiden lebt der unzerstörbare, von keinem Hemmnis und Widerstand zu bezwingende feste Glaube an die Kraft und den Sieg dieser Idee. Das eherne Wormswort Luthers: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! – klingt genauso auch aus Hitlers Kämpfen und Dulden, Ringen und Streiten heraus. Und dieser Glaube findet ein überwältigendes Echo im Volke von 1517 ebenso wie in dem von 1933 und weckt einen Willen zur Hingabe, zur opfernden Gefolgschaft, der unwiderstehlich daherbraust wie der Lenz, alles erfassend, alles mit sich fortreißend, alles besiegend. Luther und Hitler, sie gehören zusammen, und so grüßen wir auch hier den Führer, dankbar und treu.“ (Mitgliederblatt des Evangelischen Bundes 47, 1933, Nr. 5, 4-6)

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Ähnlich schrieb der radikale deutsche Christ Siegfried Leffler (1900-1983), der nach dem Krieg wieder als evangelisch-lutherischer Pfarrer im niederbayerischen Hengersberg amtierte:

„Wie konnten die Deutschen innerlich – erlöst und frei geworden – auch anders als eine Nation bauen, einen preußischen Staat mit seiner strengen Dienst- und Pflichtauffassung, vom großen Kurfürsten über Friedrich den Großen bis zu Stein und Bismarck, ein deutsches Reich germanischer Nation von Bismarck bis zu seinem eigentlichen Schöpfer Adolf Hitler. So können wir uns Adolf Hitler nicht ohne Martin Luther denken. Und umgekehrt hätte Luthers Tat ohne die Erscheinung Adolf Hitlers 400 Jahre später nie ihren vollen Sinn für Deutschland erlangt.“

Symptomatisch war auch der Braunschweiger „Aufruf zum Luthertag“, der neben dem nationalsozialistischen Ministerpräsidenten Dietrich Klagges (1891-1971) auch von dem dreißigjährigen Landesbischof Wilhelm Beye und weiteren fünf Pfarrern unterzeichnet worden ist:

Deutsche Volks- und Glaubensgenossen!

In der Schicksalswende des deutschen Volkes rüsten wir uns zum 19. November, dem 450. Geburtstag Martin Luthers. Der Führer selber hat aufgerufen zum letzten Einsatz für Deutsch­lands Ehre und Freiheit. In diesen schicksalsschweren Tagen begegnen sich Gegenwart und Vergangenheit. Der Reformator der Deutschen und der Kanzler des Volkes reichen einander die Hand. Ihnen beiden geht es um Deutschland. So spricht der Führer: Wir haben nur einen Glauben und der heißt Deutschland. Und es bekennt der Reformator: Für meine Deutschen bin ich geboren, meinen lieben Deutschen will ich dienen.

Es geht um Deutschland und damit um unsere Zukunft. Woher aber strömt uns die Kraft und der Glaube an unser Volk? Gewiss, aus den herrlichen Kräften des menschlichen Geistes und Blutes! Gewiss, aus der jungfräulichen Scholle der deutschen Erde! Was von der Erde gebo­ren wird, ist erhaben und groß, und wir wissen von ihr als einem kostbaren Geschenk unseres Gottes, der uns zum Dienst an ihr und unserem Volk verpflichtet. Größer und wunderbarer als Mensch und Erde ist Gott selbst. Der Glaube an Deutschland muss darum sich gründen im schöpferischen Urgrund alles Seins, in Gott.

Der Reformator wusste um das Geheimnis solchen Glaubens. Um solches Geheimnis weiß auch der Führer. Wissen wir um dieses Geheimnis?

Wir stehen in den Geburtswehen einer neuen Zeit. Deutschland ist erwacht und kämpft um seine Seele. Wer soll in diesem Kampfe Führer sein? Martin Luther oder Lenin? Am Materia­lismus zerbrechen noch immer die Völker. Wer darum sein Volk von ganzem Herzen liebt, muss das Werk des deutschen Reformators ehren, dessen ganzer Kampf der Freiheit deut­schen Wesens und Glaubens galt.

Wir rüsten uns zum Luthertag in der Schicksalswende des deutschen Volkes. Der Führer ruft zum letzten Einsatz für Deutschlands Ehre und Freiheit. Wir stehen in der Entscheidung. Wie soll das Losungswort des neuen Kampfes heißen? Für uns als lutherische Menschen kann es nur lauten: Hie gut deutsch und evangelisch allewege!

Darum schließt die Reihen! Luthers 450. Geburtstag soll eine Bekenntnistag aller Evangeli­schen sein

Für Gott und Volk!

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Ursprünglich war der „Deutsche Luthertag“ auf den 10. November 1933, also den Geburtstag Luthers terminiert. Da jedoch Hitler kurzfristig für den 12. November Reichstagswahlen und eine „Volksabstimmung“ über den Austritt aus dem Völkerbund angesetzt hatte, wurde der Luthertag auf den 19. November verschoben. In welcher Tonlage dieser Luthertag wahrgenommen wurde, dazu schrieb der Kulturjournalist Carl Weichardt (1878-1955) auf der Titelseite der Berliner Morgenpost (aus dem Ullstein-Verlag) vom 19. November 1933:

„Der 10. November, da Martin Luther vor viereinhalb Jahrhunderten zu Eisleben geboren wurde, war der eigentliche Luther-Tag. Deutschland hat seine Gedenkfeier auf den 19. November verlegt. Es kommt auf den Tag nicht an; dieses ganze Jahr ist, zum mindesten für den deutschen Protestanten und für die evangelische Kirche in aller Welt, ein Luther-Jahr. […]

Der Gedanke liegt nahe, und die nicht-lutherische Kritik an der modernen Kultur setzt an diesem Punkte ein, daß die Befreiung der menschlichen Seele am Ende doch, ob gewollt oder ungewollt, zu all den zersetzenden Strömungen geführt habe, unter denen die moderne Zeit gelitten hat und teilweise noch leidet. Wer wollte grade heute die Gefahr einer mißverstandenen Freiheit leugnen! Der Staat bedeutete für Luther die Ordnung Gottes, in der allein die sündige Welt ein halbwegs würdiges Leben führen kann. Im Dienste der Gerechtigkeit darf und soll der Staat auch mit dem Schwerte die Ordnung schützen und den Guten gegen den Bösen verteidigen. Der Christenmensch ist frei im Glauben, in seinem weltlichen Wirken aber soll er ein demütiger Diener des Ganzen sein. Auch der bescheidenste Beruf wird in solchem Sinne Gottesdienst. Unnötig, zu sagen, wie lebendig grade solche Luther-Gedanken seit den jüngsten Tagen wieder im deutschen Menschen leben und wirksam sind.

Wenn einer ein deutscher Mensch war, so Martin Luther. […]

„Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen.“ Einen Dienst von nie zu ermessender Größe hat Luther Deutschland für alle Zeiten geleistet: er hat uns unsere Sprache, die hochdeutsche Einheitssprache geschenkt.“

Hermann Sasse

Hermann Sasse (1895-1976)

Es war Hermann Sasse, außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte in Erlangen und Mitverfasser des Betheler Bekenntnisses (1933 mit Dietrich Bonhoeffer), der für den ideologischen Missbrauch eines kirchlichen Luther-Gedenkens klare Worte fand: „Je mehr die Lehre Luthers aus dem Bewußtsein seiner Kirche schwindet, umso törichter wird der Kultus seiner Person getrieben. Und je mehr man dem evangelischen Volk in schwülstigen, verlogenen Festreden den „Helden von Worms“, den „Landsknecht Gottes“ und wie die übrigen Gestalten und Symbole aus der Schreckenskammer der Luther-Jubiläen heißen, vorsetzte, umso mehr entfremdete es man der Reformation. Die evangelischen Kirchen, die das geduldet und sogar gefördert haben, können sich wirklich über ihr Schicksal nicht beklagen.“ (Was heißt lutherisch, München: Chr. Kaiser Verlag 1934, S. 25f)

Hier mein Text als pdf bzw. die erweiterte Fassung Die »Schreckenskammer der Luther-Jubiläen« aus dem Korrespondenzblatt.