Archive for the ‘Protestantismus und Religionismus’ Category

Lesslie Newbigin – The Gospel as Public Truth

12. September 2017


Eine der letzten öffentlichen Vorlesungen hielt Lesslie Newbigin am 24. Juni 1997 an der Beeson Divinity School, Samford University, Birmingham, Alabama. Das Thema des anderthalbstündigen Vortrags „The Gospel als Public Truth“. Freie Rede eines 87jährigen, klares Zeugnis. Man kann diesen Vortrag als Newbigins Vermächtnis hören.

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Gott und das schöne, schreckliche Leben – Klaus-Peter Jörns gnostische „Glaubensreformierung“ des Christentums

9. September 2017

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Kurt Flasch und Klaus-Peter Jörns – die Ehrlichkeit zu sich selbst. Weil der vormals katholische Philosophiehistoriker Kurt Flasch die christliche Lehre mit seiner eigenen Weltanschauung nicht länger zusammenbringen konnte, hat er sich vom christlichen Glauben in ehrenwerter Weise verabschiedet und diesen Abschied in seinem Buch „Warum ich kein Christ bin“ redlich begründet. Klaus-Peter Jörns hingegen hat nach seiner Emeritierung als Professor für praktische Theologie mit seinem Buch „Notwendige Abschiede“ eine publizistische Kehrtwende hin zu einer gnostischen Lebensideologie vollzogen, die so ziemlich jeden christlichen Glaubensartikel in Abrede stellt. Da war wohl einer als Gemeindepfarrer und Hochschulprofessor über Jahrzehnte hinweg auf dem falschen Dampfer unterwegs. Ehrlich wäre das Eingeständnis gewesen „Ich habe mich geirrt“. Aber Jörns will wohl seine eigene professionsreligiöse Biographie „retten“, indem er sich einer gnostischen Glaubensreform im Namen des Christentums verschreibt und dazu als Vorsitzender einer „Gesellschaft für eine Glaubensreform“ fungiert. Als könne man Glaube wie eine Plastilinmasse weltanschaulich formen. Was Jörns jüngst in seinem Interview „Gott und das schöne, schreckliche Leben“ in Publik-Forum zum Besten gibt, lässt die Interviewer Hartmut Meesmann und Michael Schrom im Metzschen Sinne die memoria passionis dagegenhalten:

Publik Forum: Wofür brauchen wir überhaupt Gott?

Jörns: Ich bin fasziniert von dem unglaublichen Zusammenspiel aller Elemente des Lebens und dankbar, daran teilzuhaben. Es ist ein glückliches, aber auch erschrecktes Staunen. Denn alles Leben wird auf Kosten anderen Lebens gelebt. Selbst die Erkenntnis, dass das Leben ein großer Transformationsprozess ist, in dem auch das zum Essen getötete Leben nicht verloren geht, sondern zu neuer Lebensenergie wird, tröstet mich nicht über das Töten hinweg. Aber dass es Leben überhaupt gibt, ist das größte Geheimnis. Albert Schweitzer hat das Dilemma, das sich damit verbindet, treffend formuliert: »Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.«

Das würde bedeuten, dass es Erlösung weder gibt noch braucht.

Jörns: Nur in dem Sinn braucht es Erlösung, dass man von sich selbst als gefühltem Zentrum der Welt wegkommt. Es geht darum, die Empathie mit dem Leben zu lernen. Das Leben ist ein Ganzes, und Gott entfaltet sich in der Evolution. Unbegreiflich bleibt, dass das Leben so schön und schrecklich ist, wie es ist.

Nach dem Sinn darf man nichtfragen?

Jörns: Einen für alle und alles zutreffenden Sinn im Leben gibt es nicht. Sinn ist entspre­chend unseren Wahrnehmungsmöglichkeiten immer etwas perspektivisch Begrenztes. Als Geist und Liebe schafft, erhält und wandelt Gott das vielfaltige Beziehungssystem, in dem wir leben und in dem »Sinn« millionenfach variiert.

Ein Atheist würde das Leben vielleicht ähnlich beschreiben, nur Gott weglassen.

Jörns: Denkbar. Für mich hat der Gottes­glaube etwas Einleuchtendes: Das Leben ist aus einer unglaublichen Verdichtung von Quanteninformation entstanden und hat sich entfaltet in einem immer differenzierter werdenden Beziehungssystem. Dass dies alles Zufall gewesen sein soll, mag ich nicht denken. Diese Vorstellung ist mir zu kalt. Denn ich weiß aus Erfah­rung: Geist hellt das Gemüt auf, und Liebe wärmt das Herz. Das ist und hat Sinn.

Viele Theologen halten an der Personalität Gottes fest, weil sie den Gedanken der Gerechtig­keit nicht aufgeben wollen. Das »Letzte Gericht« ist ein Hoffnungsbild für Opfer, dass Mör­der am Ende nicht triumphieren.

Jörns: Die Personalität Gottes ist ein Produkt unserer Wahrnehmungsmuster, die sich an unse­rem Selbstbild orientieren. Übertrügen wir unser Selbstbild auf Gott, müssten wir von einer Menschenebenbildlichkeit Gottes reden. Aus meiner Sicht gibt es kein Weiterleben von Per­sonalität, weil die ja mit der irdischen Existenz und ihrer Leiblichkeit zusammengehört. Mei­ne Hoffnung ist eine andere: Alles, was in einem Leben gedacht, geglaubt, gehofft und geliebt wird, ist Energie, und Energie geht im Kosmos nicht verloren. Jeder Mensch wirkt durch die­se geistigen Kräfte evolutiv-schöpferisch, über seinen Tod hinaus. Ich glaube, dass sich alle Potenzen von Geist und Liebe, die wir in dieses Leben hineingeben, nach allen To­den miteinander verbinden und neue Lebensgestalten schaffen. Aber es gibt keine Hoff­nung auf eine wie auch immer gedachte Gerechtigkeit bei Gott, die etwas Furchtbares »wieder gut« machte. Die einzige Kraft, die mit erlittenem Unrecht leben lässt, ist die Vergebung. Sie kann selbst IS-Terroristen, die zum Morden radikalisiert worden sind, zugestehen, was Jesus seinen Kreuzigern zugestanden hat: »Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun« (Lukas 23, 34).

Ein Trost für Hinterbliebene ist das nicht.

Jörns: Kein Trost – und keine Todesstrafe – kann rückgängig machen, was geschehen ist. Gerechtigkeit in diesem Sinn gibt es auch bei Gott nicht. Aber den Schrei der Verlassenheit und den Schrei, der die Gottesbilder verflucht, die uns vorgaukeln, Gott werde das Böse nicht zulassen, kann und muss es geben. Nur wenn das herausgeschrien werden kann, wird es irgendwann in der Seele Frieden geben, der uns vor einem lebenslangen Trauma bewahrt.

Hier der vollständige Text des Interviews als pdf.

„Der Typus der Kirche ist die überwiegend konservative, relativ weltbejahende, massenbeherrschende und darum ihrem Prinzip nach universale d. h. alles umfassen wollende Organisation. Die Sekten sind dem gegenüber verhältnismäßig kleine Gruppen …“ (Ernst Troeltsch)

27. August 2017

Ernst Troeltsch (1865-1923)

Es ist immer noch interessant zu lesen, wie Ernst Troeltsch in seinem Werk Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (Tübingen: J.C.B. Mohr 1912) zwischen Kirche und Sekten ohne abwertenden Unterton religionssoziologisch zu unterscheiden weiß:

Der Typus der Kirche ist die überwiegend konservative, relativ weltbejahende, massenbeherrschende und darum ihrem Prinzip nach universale d. h. alles umfassen wollende Organisation. Die Sekten sind dem gegenüber verhältnismäßig kleine Gruppen, erstreben eine persönlich-innerliche Durchbildung und eine persönlich-unmittelbare Verknüpfung der Glieder ihres Kreises, sind eben damit von Hause aus auf kleinere Gruppenbildung und auf den Verzicht der Weltgewinnung angewiesen; sie verhalten sich gegen Welt, Staat, Gesellschaft indifferent, duldend oder feindlich, da sie ja nicht diese bewältigen und sich eingliedern, sondern vermei­den und neben sich stehen lassen oder etwa durch ihre eigene Gesellschaft ersetzen wollen. Beide stehen ferner im engen Zusammenhang mit dem tatsächlichen Zustand und Lauf der Gesellschaft. Aber während die voll entwickelte Kirche den Staat und die herrschen­den Schichten sich dienstbar macht und sich eingliedert, zu einem Bestandteil der allgemeinen Ordnung wird und diese von sich aus teils bestimmt teils sichert, damit aber auch von ihnen und ihrer Entwicklung abhängig wird, haben umgekehrt die Sekten die Beziehungen zu den Unterschichten oder doch zu den gegen Staat und Gesellschaft im Gegensatz befindlichen Elementen der Gesellschaft, arbeiten sie von unten herauf und nicht von oben herunter. Damit hängt schließlich auch ihre verschie­denartige Stellung zu der überweltlichen Lebensorientierung des Christentums und zu seiner Askese zusammen. Die Kirche bezieht alle weltliche Ordnung als Mittel und Vorstufe auf den überweltlichen Lebenszweck und gliedert die eigent­liche Askese als ein Moment ihrem Aufbau unter starker kirchlicher Leitung ein. Die Sekten beziehen ihre Gläubigen unmittelbar auf den überweltlichen Lebenszweck, und in ihnen kommt der individualistische, unmittelbar religiös mit Gott verbindende Charakter der Askese zu einer mindestens viel stärkeren und durchgängigeren Entfaltung, neigt der Gegen­satz ge­gen die Welt und ihre Gewalten, unter die nun auch die weltförmige Kirche gehört, zu einer prinzipiellen und allgemeinen Askese. (S. 362)

Zustand oder Geschehen – worin „katholisch“ und „evangelisch“ sich möglicherweise entscheidend unterscheiden (und warum der liberale Protestantismus nicht dem Evangelium, sondern einem selbstbewussten Zustand glaubt)

17. August 2017

Gründonnerstagsabendmahl

Das ist eine Versuchung, den entscheidenden Unterschied zwischen Katholischem und Evangelischen zu markieren. Allzu schnell wird dazu protestantischerseits die individuelle Freiheit beschworen, als habe Martin Luther nie die Unfreiheit des Willes bzw. die Dialektik von Freiheit und Knechtschaft in seiner Freiheitsschrift gelehrt. Nein, man darf nicht das Selbstverständnis eines protestantischen Bürgertums zum Maßstab nehmen, das sich selbstbewusst einem selbstimaginierten Katholizismus überlegen fühlt.

Wenn der wirkliche Unterschied zwischen evangelisch und (römisch-)katholisch benannt sein will, dann nur auf der gemeinsamen Basis, nämlich den altkirchlichen Lehrbekenntnissen, die ja gerade auch für Martin Luther unbedingt gültig sind, so beispielsweise in seiner Schrift „Wider Hans Worst“ von 1541: „Niemand kann das leugnen, dass wir das Apostolische Glaubensbekenntnis, den alten Glauben der alten Kirche, in allen Dingen gleich mit ihr halten, glauben, singen, bekennen, nichts Neues drinnen machen noch zusetzen. Damit gehören wir in die alte Kirche und sind einerlei mit ihr.“ oder aber in „Die drei Symbole oder Bekenntnisse des Glaubens Christi, in der Kirche einträchtiglich gebraucht“ von 1538: „Ich habe in allen Geschichten der ganzen Christenheit erfahren und gemerkt, dass alle diejenigen, die den Hauptartikel von Jesus Christus recht gehabt und gehalten haben, fein und sicher in rechtem christlichen Glauben geblieben sind. Und ob sie sonst daneben geirret oder gesündigt haben, sind sie doch zuletzt erhalten worden. Denn wer hierin recht und fest stehet, dass Jesus Christus rechter Gott und Mensch ist, für uns gestorben und auferstanden, dem fallen alle anderen Glaubensartikel zu und stehen ihm fest bei.

Auf der gemeinsamen Grundlage des altkirchlichen Bekenntnisses kommt es jedoch – ursprünglich beim Beichtinstitut und später als Rechtfertigungslehre gefasst – bezüglich des Menschenheils zur entscheidenden Unterscheidung, nämlich zwischen Zustand und Geschehen. Evangelisch gesprochen ist Heil kein gnadengewirkter menschlicher Zustand, sondern göttliches Geschehen am Menschen. Das Christusgeschehen – die Menschwerdung des Gottessohns, der stellvertretende Sühnetod Jesu am Kreuz und seine leibliche Auferstehung aus dem Grab – wird im Evangelium auf unseren Glauben hin zugesagt, womit dieses Geschehen uns wirklich zum Heil geschieht. Am Kreuz Christi ist es um unserer Sünde vor dem dreieinigen Gott geschehen. Dieses Erlösungsgeschehen kann immer nur als wirksame Verheißung (promissio) auf Glauben hin zugesagt werden, nicht aber zu einem menschlichen Heilszustand entäußert werden. Weder in einer Selbstdiagnose noch in einer pastoralen Heilsdiagnose ist menschliches Seelenheil objektiv festzustellen. Man muss sich vielmehr selbst unter dem Gesetz dem HERR Gott gegenüber verloren geben.

Im Evangelium wird mir das Christusgeschehen performativ neu zugesprochen, und im Altarsakrament werden mir in Brot und Wein Leib und Blut Christi zum Heil gereicht, was wiederum gemeinschaftlich in der Kirche zu geschehen hat. In Fortführung des Geschehensprimats wird denn auch Kirche nicht als Heilsanstalt verstanden, sondern erweist sich im Wort- und Sakramentsgeschehen als leibliche Versammlung (vgl. CA 7).

Wo Heilwerdung – an Stelle einer zu geschehenden Zusage – als operationalisierbarer Trans­formationsprozess im Menschen verstanden wird, ist das Kreuzesgeschehen in eine verheißungslose Vergangenheit zurückgenommen. Es sind menschliche Heilszustände denk- und annehmbar, die das Kreuz Christi als Geschehen in der Vergangenheit auf sich beruhen lassen können. Wer sich im Zustand des eigenen Seelenheils wähnt, lässt das Kreuz Christi hinter sich.

Nimmt man die römisch-katholische Kirche als hierarchisch verfasste Rechtsgemeinschaft mit Sakramentenlehre und kanonischem Recht in den Blick, dann ist eine zustandsorientierte Heilsorganisation trotz christologischer Rückbindung nicht von der Hand zu weisen. So heißt es in der maßgeblichen dogmatischen Konstitution Lumen Gentium des Zweiten Vatikani­schen Konzils:

„Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche … hier auf Erden als sichtbares Gefüge errichtet (constituit) und erhält sie als solches unablässig; durch sie gießt er Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft (societas) aber und der mystische Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei Dinge zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst. … Wie … die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, Ihm unauflöslich geeintes Heilsorgan dient, (so) dient auf eine nicht unähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt zum Wachstum seines Leibes. … Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen, … Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft (societas) gestiftet (constituta) und geordnet (ordinata), ist erhalten in (subsistit in) der katholischen Kirche, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird …“ (LG 8)

Der römisch-katholische Lehren nach ist Kirche kein wortgestiftetes Versammlungsgeschehen, sondern eine hierarchisch geordnete Rechtsgemeinschaft, die den Gläubigen in einer ver­pflichtenden Gefolgschaft sakramental bewirkten Anteil am göttlichen Heil gerichtsbeständig gewähren soll. Noch immer werden in der römisch-katholischen Kirche Unheilszustände lehramtlich definiert, beispielsweise in einer regulierten Sündendiagnostik, wo bezüglich menschlichem (Fehl-)Verhalten festgestellt wird, ob es sich um heilsverlustige schwere Sünde oder aber nur um eine lässliche Sünde handelt. Und entsprechend dazu werden in der Sakramentenlehre operationale Transformationsprozesse lehramtlich vorgeschrieben, die bei den Gläubigen einen Heilszustand bewirken soll, der im Jüngsten Gericht Bestand hat. Die operationale Ausrichtung auf einen endgültigen Zustand des Menschen vor Gott verlangt, dass Zuständigkeiten und Zustandsveränderungsmöglichkeiten (potestas ordinis) definiert und reguliert werden müssen. Der definitive Anspruch, Heilszustände operational zu bewirken, führt freilich dazu, dass damit auch neue Heilsunsicherheit generiert wird, wie sich am Beispiel des Verstoßes gegen die Sonntagspflicht zeigen ließe.

Da ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts mit der liturgischen Wiederentdeckung des Pascha-Mysteriums in der römisch-katholischen Kirche das Christusgeschehen in einer verheißungsvollen Weise neu geltend gemacht worden. Und doch versucht das Lehramt – nicht die liturgische Praxis – dieses Geschehen auf den menschlichen Heilszustand hin zu definieren. Zustände und hierarchische Zuständlichkeiten versprechen objektive Gültigkeit, die Menschen die vermeintliche Sicherheit geben, es richtig gemacht zu haben. Anders die evangelische Lehre. Wirklich (und damit gültig) sind Heilszusage und sakramentales Handeln nicht durch eine statusbezogene Ermächtigung (im Sinne einer potestas ordinis) des jeweilige Sprechers, sondern indem sie evangeliums- bzw. stiftungsgemäß und damit an Christi statt geschehen (vgl. CA 7). Das göttlich gestiftete Predigtamt nach CA 5 fusioniert nicht etwa mit ordinierten Amtsträgern (als deren Status bzw. Habitus), sondern hält die Präsentation des Christusgeschehens im bleibenden Gegenüber zu den Gläubigen.

Da muss schließlich die Zustandsorientierung des liberalen Protestantismus zur Sprache kommen. Dieser will ja gerade nicht das Christusgeschehen für sich selbst geschehen lassen. Stattdessen werden in neuplatonischer Weise aus dem biblisch bezeugten Christusgeschehen höhere, menschheitsbeglückende Güter, Ideale oder Werte abstrahiert, die man sich mit der eigenen Vernunft selbst denken kann. Das Evangelium will man sich in der eigenen Religiosität nicht länger gesagt sein lassen. Stattdessen soll der erhabene Zustand des eigenen religiösen Selbstbewusstseins das eigene Seelenheil ausmachen. Insofern bezeugt dieser Protestantismus nicht das Evangelium Jesu Christi, sondern einen selbstbewussten Zustand: Wir sind so frei, wie wir es uns selbst denken können. Was man damit alles verlorengeben muss, will man vernünftigerweise nicht wahrhaben.

Hier mein Text als pdf.

Die christliche Freiheit ist nicht eine «auch», sondern «nur» bei den Christen anzutreffende Frei­heit – Hans Joachim Iwand über Luthers Freiheitsverständnis

7. August 2017

© Kasina, pixelio (Ausschnitt)

In seiner Bonner Vorlesung zu Luthers Theologie 1956/57 behandelte Hans Joachim Iwand im Zusammenhang der Rechtfertigungslehre Luthers auch die Frage nach der christlichen Freiheit. Seine Ausführungen schließen an Iwands Theologische Einführung in Luthers Schrift De servo arbitrio bzw. an sein Nachwort zur Neuausgabe von Martin Luther, Von der Freiheit eines Christen­menschen aus dem Jahr 1953 an.

Christliche Freiheit nach Martin Luther

Von Hans Joachim Iwand

 

  1. Worin besteht christliche Freiheit?

Die Reformatoren haben sich allesamt, nicht nur Luther, eine bestimmte, auch theologisch [85] genau formulierte Vorstellung von der christ­lichen Freiheit gemacht. Diese ist aber dem modernen Bewußtsein so fremd geworden, daß wir ihre Eigentümlichkeit uns neu werden verdeutlichen müssen. Ich wähle dafür zunächst aus der Schrift: «Urteil über die Mönchsge­lübde. 1521»[1] einen Abschnitt, der die Überschrift hat: «Was christ­liche Freiheit ist»[2]. Hier fällt ein Dreifaches auf. Erstens: Die christliche Freiheit betrifft das Gewissen des homo religiosus, also des Menschen, der an Gott glaubt und unter seinen Geboten lebt. Sie wird nicht etwa außerhalb des Heilswillens Gottes, nicht einfach als Freiheit des homo naturalis entwickelt. Sie ist sozusagen die Frage an den «Christenmen­schen», ob er auch wisse, was seine durch Jesus Christus ihm vermittelte Freiheit sei. Die christliche Freiheit ist nicht eine «auch», sondern «nur» bei den Christen anzutreffende Frei­heit. Daher jener Eingangsspruch zu der Schrift: «Von der Freiheit eines Christenmenschen. 1520»[3]: «Daß wir gründlich mögen erkennen, was ein Christenmensch sei und wie es getan sei um die Freiheit, die ihm Christus erworben und gegeben hat»[4]. Worin besteht denn nun diese Freiheit? Sie besteht in einer Lö­sung der Gewissen, als ob einer kommt — nur ER ist dazu berufen —, der die conscientia zu lösen vermag aus ihrer Bindung an die opera und sie dafür an etwas ganz anderes «bindet», wenn man das noch binden nennt, nämlich an eben dies Sein eigenes opus! Die Bindung, die ich übernehme, ist nichts anderes als die Bindung an die Tat des Befreiers! «Christliche Frei­heit oder Evangelische Freiheit ist also die Freiheit des Gewis­sens, durch die das Gewissen von den Werken befreit wird, nicht daß keine getan werden, sondern daß man sich auf keine verlasse.» Das Gewissen ist keine «Kraft des Han­delns», sondern eine «Kraft des Urteilens». Und nun ist eben dies die Tat Christi, daß er unser Ge­wissen befreit hat, «befreit von den Werken», und zwar dadurch, daß er durch das Evange­lium lehrt (hier wurzelt der reformatori­sche Begriff von «doctrina»!), «auf keine Werke zu vertrauen, sondern [86] allein seine Barm­herzigkeit anzunehmen (praesumere)»[5] — Hier müßte man eine Untersuchung einschieben darüber, inwiefern eigentlich das menschliche Gewissen sich immer auf Werke stützt, inwie­fern also jene «Kraft des Urteilens» sich immer bezieht auf das, was «ich getan habe». Das ist dem Menschen «angeboren», ist seine natürli­che Religion. Keine Aufklärung, kein Leicht­sinn, kein Nietzschesches «Jenseits von Gut und Böse» kann ihn davon befreien. Das Gewis­sen inkliniert von Haus aus auf die opera! Diese Inklination umwandeln, hier eine Wendung herbeiführen, das heißt dem Men­schen die Frei­heit bringen, und zwar Freiheit im spiritualen Sinne: «Also sehen wir, daß an dem Glauben ein Christenmensch genug hat, bedarf keines Werkes, daß er fromm sei. Bedarf er denn keines Werkes mehr, so ist er gewißlich entbunden von allen Geboten und Gesetzen. Ist er entbun­den, so ist er gewißlich frei. Das ist die christ­liche Freiheit, der einzige Glaube, der da macht, nicht daß wir müßig gehen oder übel tun kön­nen, sondern daß wir keines Werkes bedür­fen, zur Frömmigkeit und Seligkeit zu gelan­gen»[6] Gewissen heißt jetzt im höchsten Sinne etwas ganz Neues und Anderes. Es ist das Vermögen, zu «unterscheiden und zu urteilen zwischen den opera Christi und den eigenen». Von ihm gilt: «Christi opera apprehendit» (Es ergreift Christi Werke)[7].

Diese Freiheit ist nun zweitens nicht nur eine dem Menschen gege­bene Möglichkeit, sondern sie ist ein Gebot. «Diese Freiheit ist näm­lich göttlichen Rechtes.»[8] Sie ist die evangelische Freiheit: «Diese hat Gott festgesetzt. Er wird sie weder widerrufen noch kann er gegen sie irgendetwas» (nämlich ein votum!) «annehmen, noch ist es dem Menschen gestattet, sie durch irgendeine kleinste Satzung zu verletzen»[9] Wir sind also nicht nur in unserer eigenen Existenz befreit von allen «opera», das heißt von einer von da ausgehenden Wertung, sondern mit die­ser Freiheit sind zugleich alle Gebote und Satzungen «entrechtet», die Menschen als verbind­lich zum Heil [87] aufgerichtet haben: Menschensatzungen (Mt 15; Mk 7) und die «Elemente der Welt» (Gal 4,3; Kol 2,8). Gott kann diese einmal mit dem Evangelium proklamierte Frei­heit nicht zurücknehmen. Von da aus stürzt Luther das ganze System der «vota» und der «consilia», sie haben jetzt keine Notwendigkeit mehr vor Gott, sie sind lediglich nach dem Nutzen zu beurteilen, den sie für die Erziehung und die Gemeinschaft haben. Der Mensch ist insofern frei, als er — eben dank dieser seiner evangelischen Freiheit — mit den Ordnungen umgehen kann als ihr Herr! «Ich sah Knechte auf Rossen und Fürsten zu Fuß gehen wie Knechte» (Pred 10,7). Es hieße göttliches Recht aufhe­ben, wenn man diese Ordnungen neben dem Evangelium wieder im religiösen Sinne verbindlich machen wollte: «Es ist nicht weniger Sünde, die von Gott gesetzte Freiheit zu verletzen, als gegen irgendein anderes Gebot Gottes zu sündigen»[10].

Nun aber tritt drittens das Merkwürdige hinzu, was nicht zu ent­behren ist, daß diese Freiheit nicht einfach zu säkularisieren ist: «Die evangelische Freiheit herrscht allein in den Dingen, die sich zwischen Gott und dir selbst ereignen, nicht in dem, was zwischen dir und deinem Nächsten geschieht»[11]. Ist hier eine Lücke in der Freiheits­bestimmung der Reformation? Der Nächste will mich nicht so frei stellen wie Gott, «weil dein Nächster nicht dir anbefohlen (zugespro­chen) hat, los und frei zu sein, wie Gott tut»[12].

  1. Willensfreiheit und unfreier Wille

Luther hat schon sehr früh in kühnen Thesen den in der ausgehenden Scholastik besonders hervorgehobenen Begriff der Willensfreiheit (liberum arbitrium) angegriffen und verurteilt. Nicht als ob er nicht mit ihm groß gewor­den wäre. Aber wie auch sonst bei entscheidenden theologischen Grundbegriffen, tritt eines Tages bei Luther hier eine Wendung ein, hinter die er nie mehr zurückgegangen ist. Er gab damit einer Welt-und Lebensauffassung den Ab­schied, die ein in sich geschlossenes Ganzes bildet. Er repa­rierte nicht einen Punkt des alten Systems, um das Übrige bestehen zu lassen bzw. zu erhalten, wie das die Absicht [88] seines späteren Gegners in dieser Sache, des Erasmus von Rotter­dam, war, sondern er erschütterte damit das Fundament, auf dem das bisherige Lehrsystem gründete. Es ist kein Zufall, daß unter den ersten von der römischen Kirche verurteilten Sätzen Luthers Leug­nung der Willens­freiheit war. Und es ist wohl ebenso alles andere als zufällig, daß der humanistische Flügel, der sich um Erasmus bildete und der zunächst der Reformation freundlich gegenüberstand, hier den entscheidenden Punkt der Auseinandersetzung suchte und fand und wir in diesem Streit zwischen Luther und Erasmus bereits die Kräfte der sogenannten Gegenreformation sich erheben sehen. Denn in diesem Kampf um seine Lehre vom «unfreien Willen» stand Lu­ther nicht nur in der Auseinandersetzung mit der Welt von gestern, sondern auch mit der von morgen. Er hat ohne Frage Erasmus weit­hin überinterpretiert, er sah in ihm den Sprecher einer Weltan­schauung, die den Menschen zum «Herrn aller Herren und zum Gott aller Götter» machen würde. Große theologische Entscheidungen stehen immer «zwischen den Zeiten»: sie sind revolutionär und reaktionär zugleich, sie machen damit deutlich, daß es für die Wahr­heit keine Möglichkeit der Tradierbarkeit gibt, daß der Gipfel, auf dem sie sichtbar wird, zu beiden Seiten abfällt und daß die Weise, Wahrheiten in der Höhenluft der Offenbarung «weiterzu­ge­ben», ein geheimnisvoller und im tiefsten kontingenter (zu-fälliger) Prozeß ist. Es ist anders, als man sich das vorstellt, wenn man ein Lehrbuch der Dogmengeschichte in die Hand nimmt, das eher einem Naturkundemuseum ähnelt, wo man Kenntnisse sammelt, aber nicht jenem dogmatischen Geschehen selbst in der offenen Feldschlacht, wo es um Erkenntnis geht. Das eben war Luther geschenkt in seiner immer noch denkwürdigen und aufregenden Auseinan­dersetzung mit dem Haupt der Humanistenschule; und zuweilen hat man den Eindruck, der Reformator habe etwas davon gerochen, daß Erasmus den Nietzsche-Menschen, den Men­schen «jenseits von Gut und Böse», in seinen Lenden trug. Darum sein blitzender Zorn, sein leidenschaft­liches Hindurchstoßen durch alle Vorbauten und Vorwände, bis er den entschei­denden Punkt traf, an dem das Übel sitzt. Er hat alles andere im Sinn, als hier eine Lanze für das «Ich-Du-Verhältnis» zu brechen. Er hat ebensowenig ein Steigbügelhalter für den Deter­mi­nismus sein wollen, wie das den auch ihm freundlich gesonnenen Theologen des 19. Jahr­hunderts erschien, er hätte wohl auch einige Zurückhaltung geübt der Ehre gegenüber, die ihm Arthur Schopen­hauer erwies, als er ihn unter die Zeugen seiner Auffassung von der Willens­unfreiheit reihte[13]. Luthers Lehre vom unfreien Willen (ser­vum arbitrium) ist nicht abzulösen von der Entdeckung der Gnade Gottes in Jesus Christus. Sie ist nur die Freilegung des Zu­gangs zu ihr. Er mußte die Lehre vom freien Willen aus dem Wege räumen, weil sonst das Licht, das von Christus ausging, ihn, den wahren, ganzen Menschen, den verlorenen Men­schen, nicht erreichte. Es ist die Lehre vom unfreien Willen nichts anderes als eben jener klare und reine Spiegel dessen, was Gott in Jesus Christus getan hat. Der freie Wille gehört zu den Lichtern, mit denen sich die gottferne Menschheit die Nacht, in der sie wandelt, ein wenig erhellt. Den unfreien Willen erkennen heißt, daß der Tag angebrochen ist (Röm 13,12) und wir in seinem Lichte sehen, wie es um den Menschen steht, der Tag Jesu Christi in der Bot­schaft seines Evangeliums. Darum, wenn man die Lehre vom unfreien Willen isoliert, wenn man daraus eine dem Determinismus verwandte Theorie macht, dann muß man die innerste Beziehung dieser Erkenntnis auf die Erkennt­nis Gottes lösen, man muß sie aus ihrem theolo­gischen Zusammen­hange herausreißen, wie eine Blume, die man von der Wurzel trennt. Sie wird bald welken.

Um durchzubrechen zur christlichen Freiheit muß die Fiktion der Willensfreiheit weggeräumt werden. Die Willensfreiheit — also die Wahlfreiheit des Menschen zwischen Gut und Böse — ist die Grundtäuschung des Menschen über sich selbst. Der Mensch hat nicht zwei Mög­lichkeiten vor sich, sondern nur eine Wirklichkeit, nämlich die seines unentrinnbaren, fakti­schen, durch nichts rückgängig zu ma­chenden Verlorenseins. Wenn wir also der Gnade Gottes anhängen, wenn wir aus ihr leben, können wir nicht zugleich weiter in der Fik­tion der Wil­lensfreiheit verharren, als läge bei uns die Entschei­dungsfreiheit für oder gegen Gott. Die Entscheidung liegt nicht beim [90] Menschen, sondern sie liegt bei Gott. Sie in Gottes Hand zurückzu­geben, aus dem Traum unserer Möglichkeiten in die Unabänderlich­keit unserer Wirklichkeit hinübertreten, das heißt Abstandnehmen vom freien Willen. Der freie Wille ist ein Prädikat Gottes, sagt Lu­ther gegen Erasmus, es muß Gott restituiert werden. Des Men­schen Wille ist nur dann «frei», wenn er ein von Gott und seiner Verhei­ßung bewegter, von daher in seiner Richtung bestimmter Wille ist. Ein sich selbst bestimmender Wille ist eben schon ein von Gott abge­fallener, ein die Freiheit als Raub an sich reißender Wille. Von daher muß man es vielleicht verstehen, daß Luther einen solchen Willen dann vom Teufel her be­stimmt und gelenkt sein läßt. Das berühmte Bild vom Menschen als Reittier, das bald von Gott, bald vom Teufel geritten wird[14], ist insofern mißverständlich, als es so aussehen könnte, als ob der Wille hier wie da derselbe wäre und bliebe, ledig­lich die Herrschaft wechselte. Das ist nicht gemeint. Sondern der Teufel kann nur den von Gott gelösten, den vermeintlich freien Willen lenken, kann den Mißbrauch der Freiheit zur Sünde vollzie­hen, den ja der Mensch von Haus aus nicht will, aber die Herrschaft Gottes über den Willen ist nicht Strafe und Usurpa­tion, sondern echte Zuordnung, die auch in der Natur des Willens angelegt ist[15].

[1] WA 8, 573-669 (De votis monasticis iudicium. 1521) = BoA 2, 188-298.

[2] WA 8, 606 ff. = BoA 2, 225 ff.

[3] WA 7, 3-38 = BoA 2, 1-27.

[4] WA 7, 20, 25 ff. = BoA 2, 11, 2 ff.

[5] WA 8, 606, 30 ff. = BoA 2, 226, 26 ff.

[6] WA 7, 24, 35 ff. = BoA 2, 14, 38 ff.

[7] WA 8, 607, 4 f. = BoA 2, 227, 2 f.

[8] WA 8, 613, 9 = BoA 2, 234, 10.

[9] WA 8, 613, 9 ff. =.BoA 2, 234, 10 ff.

[10] WA 8, 613, 41 ff. = BoA 2, 235, 12 f.

[11] WA 8, 615, 28 f. = BoA 2, 237,13 f.

[12] WA 8, 615, 36 f. = BoA 2, 237, 23 f.

[13] A. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, I. Bd., Kap. 70, vorletzter Absatz, auch II. Bd., Kap. 48.

[14] Zu dem Bilde vgl. in Luthers Schrift «Vom unfreien Willen» WA 18, 635, 17ff. = BoA 3,126, 23 ff.

[15] Vgl. zu obigen Darlegungen auch die «Theologische Einführung» von H. J. Iwand zu der Ausgabe von M. Luther, Ausgewählte Werke, Ergänzungsreihe, 1. Bd.: «Vom unfreien Willen», hg. v. G. Merz u. übers. v. B. Jordahn, München 1954, S. 253-264.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, hrsg. v. Helmut Gollwitzer, Walter Kreck, Karl Gerhard Steck und Ernst Wolf, Bd. 5: Luthers Theologie, München: Kaiser 21983, 84-90.

Hier Iwands Text als pdf.

„Bedarf es nicht immer der Religion, weil die Erde das Grauen bleibt?“ – Max Horkheimer

4. August 2017

Horkheimer Notizen

In Max Horkheimers postum veröffentlichten Notizen und Dämmerung findet sich folgender Text von 1959/60 in Sachen Aufklärung und Religion (S. 127):

Der Begriff von Göttern oder Gottes, so sagten die Aufklärer der Nationen, diente zur Erklärung des Unerklärten, der Schaffung und der Zusammenhänge in der Natur und der Schicksale der Menschen in der Gesellschaft. Je weiter die Naturerkenntnis fortschreitet und je gerechter und durchsichtiger die Gesellschaft wird, so daß keine gesellschaftlich bedingten Unterschiede, kein gesellschaftlich bedingtes Leid den Finger Gottes als Erklärung fordern, desto weniger werden die Menschen der Religion bedürfen. Erst dann, so konnte man den Aufklärern erwidern, erst wenn die Religion von ihrer ideologischen Funktion befreit ist, wird die Frage nach ihrer Wahrheit unzweideutig zu stellen sein. Aber, so könnten sie erwidern, werden wir dann nicht der Religion bedürfen, weil wir doch sterben müssen und weil die Kreatur, die nichtmenschliche, durch die Natur und vor allem durch die unbarmherzige Menschheit leidet? Bedarf es nicht immer der Religion, weil die Erde, auch wenn die Gesellschaft in Ordnung wäre, das Grauen bleibt?

Und über das Vergessen heißt es auf S. 353f:

Wenn einer ganz tief unten ist, einer Ewigkeit von Qual, die ihm andere Menschen bereiten, ausgesetzt, so hegt er wie ein erlösendes Wunschbild den Gedanken, daß einer komme, der im Licht steht und ihm Wahrheit und Gerechtigkeit widerfahren läßt. Es braucht für ihn nicht einmal zu seinen Lebzeiten zu geschehen und auch nicht zu Lebzeiten derer, die ihn zu Tode foltern, aber einmal, irgendwann einmal, soll doch alles zurechtgerückt werden. Die Lügen, das falsche Bild, das man von ihm in die Welt bringt, ohne daß er sich noch dagegen wehren könnte, sollen einmal vor der Wahrheit vergehen, und sein wirkliches Leben, seine Gedanken und Ziele, ebenso wie das ihm am Ende zugefügte Leid und Unrecht sollen offenbar werden. Bitter ist es, verkannt und im Dunkel zu sterben.

„Die moderne Liberalisierung der Religion führt, wie ich meine, zum Ende der Religion“ – Max Horkheimer

3. August 2017

Das ist eines der großen SPIEGEL-Gespräche, das Georg Wolff und Herbert Gumnior 1970 mit Max Horkheimer unter der Überschrift „Was wir ‚Sinn‘ nennen, wird verschwinden“ geführt haben. Hier ein Auszug:

SPIEGEL: Woher wissen die denkenden Menschen, was gut ist?

HORKHEIMER: Ich habe geschrieben, daß Politik, welche nicht Theologie oder Meta­physik, damit natürlich auch Moral, in sich bewahrt, letzten Endes Geschäft bleibe.

SPIEGEL: Gute, moralische Politik sei also, meinen Sie, nicht ohne Theologie möglich?

HORKHEIMER: Zumindest nicht ohne Gedanken an ein Transzendentes.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

HORKHEIMER: Erst einmal möchte ich über die Kritiker der Theologie sprechen, die Positivisten also, und deutlich machen, daß sich aus der Position des Positivismus keine moralische Politik ableiten läßt. Wissenschaftlich betrachtet, ist Haß bei aller sozial-funktio­nellen Differenz nicht schlechter als Liebe. Es gibt keine wissenschaftliche Begründung, warum ich nicht hassen soll, wenn ich mir dadurch in der Gesellschaft keine Nachteile zuziehe. Alles, was mit Moral zusammenhängt, geht logisch letzten Endes auf Theologie, jedenfalls nicht auf säkulare Gründe zurück, wie sehr man sich auch bemühen mag, die Theologie behutsam zu fassen.

SPIEGEL: Also auf Gott?

HORKHEIMER: Zumindest – darin gehe ich mit Kant und Schopenhauer einig – weiß ich, daß die Welt Erscheinung ist. Wie wir sie kennen, ist sie nicht absolut, sondern Ordnungspro­dukt unserer intellektuellen Funktionen. Jedenfalls ist sie nicht das Letzte.

SPIEGEL: Und was ist das Letzte?

HORKHEIMER: Religion lehrt, daß es einen allmächtigen und allgütigen Gott gibt. Ein kaum glaubhaftes Dogma angesichts des Grauens, das seit Jahrtausenden auf dieser Erde herrscht!

SPIEGEL: Und?

HORKHEIMER: Ich würde sagen, man solle Theologie erneuern. Es ist keine Gewißheit, daß es einen allmächtigen Gott gibt. Ja, wir können es nicht einmal glauben angesichts dieser Welt und ihres Grauens.

SPIEGEL: Was bleibt dann?

HORKHEIMER: Die Sehnsucht.

SPIEGEL: Wonach?

HORKHEIMER: Sehnsucht danach, daß es bei dem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleiben soll. Daß das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge. Diese Sehnsucht gehört zum wirklich denkenden Menschen.

SPIEGEL: Also eine neue Religion?

HORKHEIMER: Nein, wir können nicht eine neue Religion gründen. Mögen die alten Konfessionen weiter existieren und wirken in dem Eingeständnis, daß sie eine Sehnsucht ausdrücken und nicht ein Dogma.

SPIEGEL: Heißt das Liberalisierung der Religion, wie sie heute im Gange ist?

HORKHEIMER: Nicht schlechthin. Die moderne Liberalisierung der Religion führt, wie ich meine, zum Ende der Religion. Unbewußt oder halbbewußt kommt jedermann dabei zur Überzeugung, daß die Liberalisierung der Theologie der gängigen Politik entspricht. Es werden Konzessionen gemacht, Kompromisse geschlossen, es wird mit der Wissenschaft paktiert – als ob Wissenschaft mehr dazu sagen könnte, als daß die Erde ein Mikro-Atom sei, ein Kügelchen mit einem Schimmelüberzug, schwebend im unendlichen Universum.

SPIEGEL: Und was soll Religion zu solcher Erbärmlichkeit des Lebens, zu dem Unrecht, das ihm widerfährt, sagen?

HORKHEIMER: Dem Willen Ausdruck geben, daß dieses Unrecht, daß der eine schuldlos zu Tode gemartert wird, der Henker triumphiert, nicht das letzte Wort sei, vor allem jedoch so handeln, wie es der auf Sehnsucht begründeten Theologie entspricht.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß eine solche Sehnsucht ausreicht, um moralisches Handeln zu ermöglichen, zumal auf einem Feld wie dem der Politik? Vor sechs Jahren haben Sie in einem Aufsatz für Ihren Freund Adorno geschrieben: „Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel.“ Das führt zu der Frage: Wenn es keinen Gott gäbe, und wenn es infolgedessen keinen unbedingten Lebens-Sinn gäbe – worauf sollte sich dann der Moralist in der Politik berufen können?

HORKHEIMER: Auf Gott berufen? Das können wir nicht. Zumindest ist das meine Auffassung: Wir können nicht behaupten, es gäbe einen guten und allmächtigen Gott. Aber Sie haben ganz recht, dann kann man sich also auch nicht auf Gott berufen. Man kann nur handeln mit dem inneren Antrieb, möge es so sein …

SPIEGEL: Möge es so sein, daß es einen guten Gott gibt?

HORKHEIMER: Adorno und ich – wer von uns beiden es zuerst formuliert hat, weiß ich heute nicht mehr -, auf jeden Fall haben wir beide nicht mehr von Gott, sondern von der „Sehnsucht nach dem Anderen“ gesprochen.

SPIEGEL: Diese Behutsamkeit im Umgang mit Gottes Namen ist – wie häufig festgestellt – jüdisches Erbe.

HORKHEIMER: Ja. Und zwar auch in der Weise, daß diese Behutsamkeit in unsere Gesellschaftstheorie, die wir die Kritische nannten, eingegangen ist. „Du sollst Dir kein Bild von Gott machen“, heißt es in der Bibel. Du kannst nicht darstellen, was das absolute Gute ist. Der fromme Jude versucht, das Wort „Gott“ nach Möglichkeit zu vermeiden, ja er schreibt es nicht aus, sondern macht ein Apostroph. So nennt auch die Kritische Theorie das Absolute vorsichtig „das Andere“. Was mich bewegt, ist die theologische Idee angewandt auf eine vernünftige Theorie der Gesellschaft.

Was sind gute Werke (Hans G. Ulrich)

2. August 2017
Brueghel-Umkreis_Werke_der_Barmherzigkeit

Die Werke der Barmherzigkeit, 17. Jh. (Umkreis Brueghels des Jüngeren)

In seinem lesenswerten RGG-Artikel über die guten Werke bezieht Hans G. Ulrich diese auf Gottes Werk und entzieht sie damit der hoffnungslosen Selbstreflexion eines moralischen Subjekts:

Christlich-theologische und philosophische Ethik ist nicht nur als Ethik der Pflichten, der Tugenden oder der Güter, sondern auch als Ethik der guten Werke verstanden worden. Diese ist auch von einer Ethik des guten Lebens oder einer Ethik der ge­rechten Prozeduren zu unterscheiden. Eine Ethik der guten Werke fragt, inwiefern es bestimmte Werke oder Hand­lungen gibt, die im Sinne der moralischen oder sittlichen Existenz des Menschen und des ihm Gebotenen »gut« genannt werden können. Handlungen sind »gut« nicht allein deshalb zu nen­nen, weil sie aus einer guten Absicht oder einem guten Willen hervorgehen, aber ohne eine gute Absicht gibt es auch keine gute Handlung.

In der christlichen Tradition lautet die Regel: Ein guter Mensch bringt gute Werke hervor, gute Werke machen jedoch keinen guten Menschen. Als guten Menschen versteht die christ­liche Tradition den neuen Menschen, der von Gott dazu geschaffen wird, gute Werke zu tun (Eph 2,10). Die guten Werke sind Frucht des Handelns Gottes am Menschen (Gal 5,22). Sie können deshalb nicht dazu dienen, bei Gott ein Verdienst zu erwerben. Diese Ab­grenzung läßt eine Ethik der guten Werke nicht hinter sich, sondern eröffnet erst eine solche. Die Vor­aussetzung dafür, daß ein Werk »gut« genannt werden kann, ist nach Luthers Ausle­gung des ersten Gebotes allein der Glaube, das Vertrauen in Gottes heilschaffendes Handeln, in dem ein Werk geschieht, denn dieses Vertrauen be­gründet, daß ein Werk nicht um des eigenen Nut­zens willen getan wird. So ist der Glaube das erste und einzige gute Werk. Alle anderen Wer­ke können »gut« nur genannt werden, sofern sie befreit von der Sorge um das eigene Heil allein auf das gerichtet sind, was dem Nächsten not tut. Davon bestimmt kann alles, was Menschen – etwa in ihrem Beruf – tun, ein gutes Werk sein.

Was gut ist, kann nicht an einem Zustand der Welt oder des Menschen ermessen werden, weil damit das Gute, das von Gott im Glauben zu erfahren, weiterzugeben und zu bezeugen ist, außer acht gelassen wird. Dem Menschen ist zu tun geboten, was ihm im Vertrauen auf Gottes Werk zu tun bleibt. Dies sind durchaus bestimmte gute Werke. Statt einem allgemeinen Guten dienen zu wollen, ist es geboten, das zu tun und sich davon prägen zu lassen, was im Gebot Gottes (etwa im Dekalog), zusammengefaßt im Gebot der Nächstenliebe, enthalten ist. Dazu gehört, das Gerechte zu tun, Barmherzigkeit zu üben und Frieden zu stiften. Solche guten Werke kennzeichnen die christliche Lebensform, die mit dem Glauben gegeben ist. Diese Lebensform hat die christliche Ethik als sittliche Lebensform zu entfalten und kann sich nicht auf das beschränken, was aufgrund allgemein begründeter Regeln verboten oder zu schützen ist. In diesem Sinne ist die christliche Ethik der guten Werke als Sozialethik zu verstehen. Sie zeigt, wie in allem Tun, im Beruf und in den Institutionen durch die guten Werke die Lebens­form zu bezeugen ist, die aus dem Vertrauen in Gottes Werk her­vorgeht und von ihm geprägt ist.

RGG4, Bd. 3 (2000), Sp. 1345f.

„Mit allem, was not tut für Leib und Leben …“ – Warum die Wohlfahrtsstaatsgläubigkeit keine wirkliche Hoffnung birgt

29. Juli 2017
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Providentia Dei – Die Vorsehung Gottes. (Illustration aus Orbis sensualium pictus von Johann Amos Comenius, 1658)

„Mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väter­licher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit.“ So erklärt Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus Gottes Fürsorge bzw. Vorsehung gegen­über den Menschen und insbesondere den Gläubigen. Menschen verschaffen sich nicht selbst ihre Lebensgrundlage, sondern empfangen das Lebensnotwendige aus Gottes Hand.

 Wohlfahrtsgläubigkeit ersetzt Gottvertrauen

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in den Ländern mit den höchsten sozialstaatlichen Standards wie in Skandinavien, in den Niederlanden, aber auch in Deutschland die gesell­schaftliche Säkularisierung besonders ausgeprägt ist. Es ist nicht einfach nur eine intellek­tuelle „Aufklärung“, sondern die wohlfahrtsstaatliche Versorgung, die den Glauben an die göttliche Fürsorge in Frage stellt: Was wir zu unserem Leben unbedingt benötigen, steht uns von Rechts wegen als staatliche Leistung zu. Allenfalls für Lebenskrisen scheint es ein Gottvertrauen zu brauchen. Der Wohlfahrtsstaat ermöglicht Menschen über ihr eigenes Vermögen hinaus individuelle Lebensentscheidungen zu treffen, deren Kosten sich soziali­sieren lassen. Da die staatlichen Leistungen für den einzelnen auf gesetzlichen Rechtsan­sprüchen basieren, erübrigen sich – im Unterschied zur göttlichen Fürsorge – Dankbarkeit und eigenes Engagement (commitment). Der säkularisierte Vorsehungsglaube kennt gegenüber seinem „Wohltäter“ keinen verpflichtenden Zusatz „für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin“ (Kleine Katechismus). Viel freier glaubt man also ohne göttliche Fürsorge zu sein.

 Die Frage der Zukunft: Warum lässt der Staat das Übel zu?

Aber wird sich dieser säkulare Vorsehungsglaube dauerhaft halten können? Den Nachkriegs­generationen (zumindest in Westdeutschland) scheint der Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaat eine garantierte Selbstverständlichkeit zu sein. Man übersieht mitunter, dass sich dessen Existenz bestimmten kulturellen Bedingungen verdankt, genauer gesagt einer bürgerlichen Industrie­gesellschaft (das lateinische industria bedeutet „Fleiß“ und nicht etwa „Fabrikanlagen“). Diese „Fleißgesellschaft“ ist arbeitsteilig organisiert und dabei auf allgemeine außerhäusliche Erwerbstätigkeit ausgerichtet. Verliert sich die erwerbstätige Integration von Bevölkerungs­teilen, schwindet die gesellschaftliche Solidarität. An ihre Stelle tritt die Segregation, d.h. die Trennung von Bevölkerungsgruppen aus religiösen, ethnischen oder sozialen Gründen, die ein staatlich garantiertes Gemeinwohl hinfällig werden lässt. An Stelle der Theodizee-Frage – „Warum lässt Gott das Übel zu?“ – heißt es dann politisch zu fragen: „Warum lässt der Staat das Übel in unserer Gesellschaft zu?“ bzw. „Warum lässt der ‚Westen‘ das Übel in der Welt zu?“ Vermessene Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Was bleibt sind Resignation und Pessimismus.

Eine Hoffnung, die bleibt

Im Unterschied zum Evangelium birgt der säkularisierte Vorsehungsglaube für Menschen keine bleibende Verheißung. Für uns Christen heißt es immer noch: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2. Petrus 3,13) Als „Weltfremdlinge“ sind wir vom Evangelium herausgefordert: „Jesus hat, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tors gelitten. Lasst uns also vor das Lager hinausziehen zu ihm und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Durch ihn wollen wir Gott allezeit als Opfer ein Lob darbringen, das heißt die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Vergesst nicht, einander Gutes zu tun und an der Gemeinschaft festzuhalten, denn an solchen Opfern findet Gott Gefallen.“ (Hebräer 13,12-16 Zürcher)

„die mit Ernst Christen sein wollen“ (Martin Luther) und Hauerwas-Willimon „Christen als Fremdbürger“

13. Juli 2017

In seiner Vorrede zur Deutschen Messe von 1526 begründet Martin Luther, warum für ihn die lateinische wie auch die deutsche Messe als öffentlich veranstaltete Gottesdienste angebracht sind:

„Diese zwei Arten des Gottesdienstes müssen wir so vor sich gehen und geschehen lassen, daß sie öffentlich in den Kirchen vor allem Volk gehalten werden. Unter ihm sind viele, die noch nicht glauben oder Christen sind, sondern die meisten stehen da und gaffen, auf daß sie auch etwas Neues sehen, gerade als wenn wir mitten unter den Türken oder Heiden auf einem freien Platz oder Felde Gottesdienst hielten. Denn hier ist noch keine geordnete und feste Versammlung, darinnen man nach dem Evangelium die Christen regieren könnte, sondern (es handelt sich um) eine öffentliche Anreizung zum Glauben und zum Christentum.“

Luther stellt jedoch in den nachfolgenden Absätzen klar, dass der eigentliche evangelische Gottesdienst nicht auf eine öffentliche Anstaltskirche, sondern auf eine örtliche, verbindliche Gemeinschaft ausgerichtet  ist:

„Aber die dritte Weise (des Gottesdienstes), welche die rechte Art der evangelischen Ordnung (an sich) haben sollte, dürfte nicht so öffentlich auf dem Platz unter allerlei Volk geschehen. Sondern diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit der Tat und dem Munde bekennen, müßten sich mit Namen (in eine Liste) einzeichnen und sich etwa in einem Hause für sich allein versammeln zum Gebet, (die Schrift) zu lesen, zu taufen, das Sakrament zu empfangen und andere christliche Werke zu üben. In dieser Ordnung könnte man die, welche sich nicht christlich hielten, kennen, strafen, bessern, ausstoßen oder in den Bann tun nach der Regel Christi Matth. 18, 15 ff. Hier könnte man den Christen auch ein gemeinsames Almosen auferlegen, das man freiwillig gäbe und unter die Armen nach dem Vorbild des Paulus austeilte (2. Kor. 9, 1). Hier bedürfte es nicht vieler und großer Gesänge. Hier könnte man auch Taufe und Sakrament auf eine kurze feine Weise halten und alles aufs Wort und Gebet und die Liebe richten. Hier müßte man einen guten kurzen Unterricht über das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote und das Vaterunser haben. In Kürze: wenn man die Menschen und Personen hätte, die mit Ernst Christen zu sein begehrten, die Ordnungen und Regeln dafür wären bald gemacht.“

Veranstaltete Gottesdienste in einer „Volkskirche“ gelten Luther als Provisorium:

„Aber ich kann und mag eine solche Gemeinde oder Versammlung noch nicht ordnen oder anrichten. Denn ich habe noch nicht die Menschen und Personen dazu, ebenso sehe ich auch nicht viele, die sich dazu drängen. Kommts aber dazu, daß ichs tun muß und dazu gedrängt werde, so daß ichs mit gutem Gewissen nicht lassen kann, so will ich das Meine gerne dazu tun und auf das beste, so ichs vermag, helfen. Bis dahin will ichs bei den angeführten zwei Weisen (des Gottesdienstes) bleiben lassen und öffentlich unter dem Volk solchen Gottesdienst über die Predigt hinaus fördern helfen, um die Jugend zu üben und die andern zum Glauben zu rufen und anzureizen, bis daß sich die Christen, welche das Wort mit Ernst meinen, von selbst finden und auf einer Änderung bestehen (auf daß nicht eine Spaltung draus werde, wenn ichs von mir aus betreiben wollte.“

500 Jahre nach der Reformation muss bei einem sonntäglichen Gottesdienstbesuch von 3 % der Kirchenmitglieder die Anreizung zum Glauben durch öffentliche Gottesdienstveranstaltungen als gescheitert gelten. Nimmt man Luthers Worte ernst, müsste tatsächlich die namentliche Sammlung derjenigen, „die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit der Tat und dem Munde bekennen“, erfolgen. Dazu haben Stanley Hauerwas und William H. Willimon die passende Programmschrift „Christen sind Fremdbürger“ (Resident Aliens) verfasst:

„Im Dämmerlicht dieser mittlerweile erschöpften alten Welt bekommen wir nun die Gelegenheit zu entdecken, was immer schon der Fall war: dass die Kirche, bestehend aus Menschen, die Gott herausgerufen hat, eine soziale Alternative verkörpert, die die Welt von sich aus nicht (er)kennen kann.

Der Schwanengesang der konstantinischen Weltsicht, der zufolge die Kirche die Unterstützung einer «christlichen Kultur» bräuchte, um ihren Nachwuchs entsprechend zu sozialisieren, braucht nicht beklagt werden. Tatsächlich ist das Verblassen dieser Weltsicht eine Chance, die freudig ergriffen werden kann und soll. Der Niedergang der alten konstantinischen Synthese von Kirche und Welt eröffnet uns Christen (in Amerika und anderswo) die Freiheit, unseren Glauben in einer Weise zu leben, die Christsein heute zu einem Abenteuer macht. […]

Pfarrer, die wissen, was in ihren Gemeinden vor sich geht, weil sie ihren Gemeindegliedern gut zuhören, und insbesondere auch jüngeren Eltern unter diesen, werden bemerken, wie diese mit steigender Regelmäßigkeit zu ihren Kindern sagen: «Solch ein Verhalten mag für andere Leute angehen, aber nicht für dich. Du bist anders. Du hast eine andere Geschichte und einen anderen Wertekanon. Du bist ein Christ.»

Wir glauben, dass sich in Anerkennung dieser Realität eine kopernikanische Wende in der Weltsicht von Christen abzeichnet, die das, was es heißt, heute Kirche in der Welt zu sein, auf eine völlig andere Grundlage stellt. Nun werden unsere Kirchen frei, ihre eigenen Wurzeln neu zu begreifen und der Synagoge ähnlicher zu werden – einer Glaubensgemeinschaft, die nicht die Welt darum bittet, zu tun, was nur die Glaubensgemeinschaft selbst tun kann. Was wir einst theologisch gelernt hatten, lernen wir nun auch praktisch:

Christen kommen nicht auf natürliche Weise zur Welt in Orten wie Greenville oder anderswo; sie werden vielmehr erst ins Leben befördert durch eine abenteuerlustige Kirche, die es wieder gelernt hat, die richtigen Fragen zu stellen: Fragen, auf die allein Christus die rechten Antworten bereitstellt.“