Archive for the ‘Protestantismus und Religionismus’ Category

„die mit Ernst Christen sein wollen“ (Martin Luther) und Hauerwas-Willimon „Christen als Fremdbürger“

13. Juli 2017

In seiner Vorrede zur Deutschen Messe von 1526 begründet Martin Luther, warum für ihn die lateinische wie auch die deutsche Messe als öffentlich veranstaltete Gottesdienste angebracht sind:

„Diese zwei Arten des Gottesdienstes müssen wir so vor sich gehen und geschehen lassen, daß sie öffentlich in den Kirchen vor allem Volk gehalten werden. Unter ihm sind viele, die noch nicht glauben oder Christen sind, sondern die meisten stehen da und gaffen, auf daß sie auch etwas Neues sehen, gerade als wenn wir mitten unter den Türken oder Heiden auf einem freien Platz oder Felde Gottesdienst hielten. Denn hier ist noch keine geordnete und feste Versammlung, darinnen man nach dem Evangelium die Christen regieren könnte, sondern (es handelt sich um) eine öffentliche Anreizung zum Glauben und zum Christentum.“

Luther stellt jedoch in den nachfolgenden Absätzen klar, dass der eigentliche evangelische Gottesdienst nicht auf eine öffentliche Anstaltskirche, sondern auf eine örtliche, verbindliche Gemeinschaft ausgerichtet  ist:

„Aber die dritte Weise (des Gottesdienstes), welche die rechte Art der evangelischen Ordnung (an sich) haben sollte, dürfte nicht so öffentlich auf dem Platz unter allerlei Volk geschehen. Sondern diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit der Tat und dem Munde bekennen, müßten sich mit Namen (in eine Liste) einzeichnen und sich etwa in einem Hause für sich allein versammeln zum Gebet, (die Schrift) zu lesen, zu taufen, das Sakrament zu empfangen und andere christliche Werke zu üben. In dieser Ordnung könnte man die, welche sich nicht christlich hielten, kennen, strafen, bessern, ausstoßen oder in den Bann tun nach der Regel Christi Matth. 18, 15 ff. Hier könnte man den Christen auch ein gemeinsames Almosen auferlegen, das man freiwillig gäbe und unter die Armen nach dem Vorbild des Paulus austeilte (2. Kor. 9, 1). Hier bedürfte es nicht vieler und großer Gesänge. Hier könnte man auch Taufe und Sakrament auf eine kurze feine Weise halten und alles aufs Wort und Gebet und die Liebe richten. Hier müßte man einen guten kurzen Unterricht über das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote und das Vaterunser haben. In Kürze: wenn man die Menschen und Personen hätte, die mit Ernst Christen zu sein begehrten, die Ordnungen und Regeln dafür wären bald gemacht.“

Veranstaltete Gottesdienste in einer „Volkskirche“ gelten Luther als Provisorium:

„Aber ich kann und mag eine solche Gemeinde oder Versammlung noch nicht ordnen oder anrichten. Denn ich habe noch nicht die Menschen und Personen dazu, ebenso sehe ich auch nicht viele, die sich dazu drängen. Kommts aber dazu, daß ichs tun muß und dazu gedrängt werde, so daß ichs mit gutem Gewissen nicht lassen kann, so will ich das Meine gerne dazu tun und auf das beste, so ichs vermag, helfen. Bis dahin will ichs bei den angeführten zwei Weisen (des Gottesdienstes) bleiben lassen und öffentlich unter dem Volk solchen Gottesdienst über die Predigt hinaus fördern helfen, um die Jugend zu üben und die andern zum Glauben zu rufen und anzureizen, bis daß sich die Christen, welche das Wort mit Ernst meinen, von selbst finden und auf einer Änderung bestehen (auf daß nicht eine Spaltung draus werde, wenn ichs von mir aus betreiben wollte.“

500 Jahre nach der Reformation muss bei einem sonntäglichen Gottesdienstbesuch von 3 % der Kirchenmitglieder die Anreizung zum Glauben durch öffentliche Gottesdienstveranstaltungen als gescheitert gelten. Nimmt man Luthers Worte ernst, müsste tatsächlich die namentliche Sammlung derjenigen, „die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit der Tat und dem Munde bekennen“, erfolgen. Dazu haben Stanley Hauerwas und William H. Willimon die passende Programmschrift „Christen sind Fremdbürger“ (Resident Aliens) verfasst:

„Im Dämmerlicht dieser mittlerweile erschöpften alten Welt bekommen wir nun die Gelegenheit zu entdecken, was immer schon der Fall war: dass die Kirche, bestehend aus Menschen, die Gott herausgerufen hat, eine soziale Alternative verkörpert, die die Welt von sich aus nicht (er)kennen kann.

Der Schwanengesang der konstantinischen Weltsicht, der zufolge die Kirche die Unterstützung einer «christlichen Kultur» bräuchte, um ihren Nachwuchs entsprechend zu sozialisieren, braucht nicht beklagt werden. Tatsächlich ist das Verblassen dieser Weltsicht eine Chance, die freudig ergriffen werden kann und soll. Der Niedergang der alten konstantinischen Synthese von Kirche und Welt eröffnet uns Christen (in Amerika und anderswo) die Freiheit, unseren Glauben in einer Weise zu leben, die Christsein heute zu einem Abenteuer macht. […]

Pfarrer, die wissen, was in ihren Gemeinden vor sich geht, weil sie ihren Gemeindegliedern gut zuhören, und insbesondere auch jüngeren Eltern unter diesen, werden bemerken, wie diese mit steigender Regelmäßigkeit zu ihren Kindern sagen: «Solch ein Verhalten mag für andere Leute angehen, aber nicht für dich. Du bist anders. Du hast eine andere Geschichte und einen anderen Wertekanon. Du bist ein Christ.»

Wir glauben, dass sich in Anerkennung dieser Realität eine kopernikanische Wende in der Weltsicht von Christen abzeichnet, die das, was es heißt, heute Kirche in der Welt zu sein, auf eine völlig andere Grundlage stellt. Nun werden unsere Kirchen frei, ihre eigenen Wurzeln neu zu begreifen und der Synagoge ähnlicher zu werden – einer Glaubensgemeinschaft, die nicht die Welt darum bittet, zu tun, was nur die Glaubensgemeinschaft selbst tun kann. Was wir einst theologisch gelernt hatten, lernen wir nun auch praktisch:

Christen kommen nicht auf natürliche Weise zur Welt in Orten wie Greenville oder anderswo; sie werden vielmehr erst ins Leben befördert durch eine abenteuerlustige Kirche, die es wieder gelernt hat, die richtigen Fragen zu stellen: Fragen, auf die allein Christus die rechten Antworten bereitstellt.“

Gesinnungsethik als protestantische Selbstrechtfertigungslehre

8. Juli 2017

Maiestas Domini aus der Apsis von San Clemente (Ausschnitt)

Evangelische Rechtfertigungslehre ist ein unverschämtes Glaubensbekenntnis:

„Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Men­schen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, son­dern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Ster­ben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.“

Dieser elend lange Satz aus Martin Luthers Kleinen Katechismus ist der evangelische Schlüs­selsatz. Ohne die Menschwerdung des Gottessohnes, ohne sein stellvertretender Tod am Kreuz und ohne seine Auferstehung von den Toten ist keine Rechtfertigung des Sünders im Gottesgericht zu erhalten.

Unerhört, unglaublich unvernünftig scheint dieses Glaubensbekenntnis zu sein – kein Wun­der, dass eine ganz andere, viel eingängigere Rechtfertigungslehre von Kanzeln, Kathedern und Schreibtischen aus propagiert wird, nämlich die protestantische Gesinnungsethik als „ver­nünftige“ Selbstrechtfertigungslehre.

Das protestantische Verständnis des Evangelisch-Seins hält sich nicht länger an die Glaubens­artikel. Stattdessen spricht sich die eigene Unbestimmtheit als ein „wir sind so frei“ aus: Wer „evangelisch“ ist, muss nicht das glauben oder das tun, was in der römisch-katholischen Kirche gilt. Er ist vielmehr in seinem Gewissen innerlich und äußerlich frei. So hat es ja schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) in seiner Rechts­philosophie gelehrt: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“

Die selbstbestimmte Freiheit kann freilich nicht in einem antagonistischen Naturzustand gehalten sein, sondern bedarf einer subjektiven Gesinnungsgüte. Zur Rechtfertigung der eigenen Freiheit muss das Gewissen der (platonischen) Idee des bedingungslosen Guten verpflichtet sein. Nur wer sich selbst das höchste Gut (summum bonum) denken kann, ist in seiner individuellen Freiheit sich selbst gerechtfertigt.

Was man sich protestantisch scheinbar sparen kann, sind Glaube, Gehorsam, Gottesdienst und Gemeinschaft. Es kommt nicht wirklich auf einen selbst an; allein die „reine“ (und wahre) Gesin­nung zählt. Mit ihr weiß man sich auf der richtigen Seite der Geschichte. Da will man sich auch nicht länger dem hilfsbedürftigen Nächsten zum Knecht machen, wie Luther dies in seiner Freiheitsschrift einfordert, sondern beansprucht für die eige­ne Gesinnungsgüte die staatliche Wohlfahrt, wenn nicht gar den „Westen“ als weltmoralischen Agenten. So lässt der Protestantismus nicht die Stellvertretung Christi, wohl aber die Stellvertretung des Wohlfahrtstaates zur Heilsverwirklichung gelten.

Unbeschadet aller politischen Verwerfungen und Konfliktkonstellationen muss für den ideologischen Protestantis­mus die eigene Gesinnungsethik auf Dauer Recht behalten. Andernfalls wäre man mit der eigenen Selbstrechtfertigung am Ende und müsste schlussendlich doch noch mit dem Apostel Paulus darauf hoffen und glauben, dass Christus auferweckt ist „von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Hier der Text als pdf.

Versprechen, die den Glauben neu herausfordern – Von der Sprachkraft der Dogmen

3. Juli 2017

Henrik Olrik – Bergpredigt (Altarbild Sankt-Matthäus-Kirche in Kopenhagen)

Glaube lässt sich nicht in Dogmen verfestigen“ hat jüngst der evangelische Pfarrer und Lyriker Christian Lehnert in einem Interview für die Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ gesagt. Wie wahr, und doch nicht die ganze Wahrheit. Ein dogmenfreies Christentum kann es nicht geben. Kirche ist weder religiöse Selbst­erfah­rungsgruppe noch gläubiger Lyrikkreis. Wird unter der Signatur „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ der Gottesdienst eröffnet, verbinden sich Verkündigen und Bekennen wie auch Beten, Loben und Danken. Für die Versammlung der Gläubigen bedarf es einer gemeinsamen Sprache, die sie das „Amen“ im Konsens sprechen lässt.

Was in der Kirche über die je eigene religiöse Empfindsamkeit hinaus gemeinschaftlich zur Sprache gebracht wird, basiert auf verbindlichen Regeln. In einem Gottes­dienst lässt sich eben nicht alles Mögliche „undogmatisch“ sagen. Ansonsten zerfiele die Gemeinschaft im ausgesprochenen Dissens gegenüber Gottes Wort. Verkündigte beispielsweise ein Pfarrer in der Osternacht an Stelle des Ostergrußes, Christus sei nicht wirklich auferstanden, wäre die Versammlung in dessen Namen am Ende, es sei denn, ein Gemeinde­glied stünde auf und würde bekennend dagegen halten: „Für mich ist Christus dennoch auferstanden!“

Persönlicher Glaube in seiner je eigenen Vertraulichkeit lässt sich sprachlich nicht regle­men­tieren. Das wollen Dogmen (bzw. die kirchlichen Bekenntnisse) auch gar nicht. Sie gelten viel­mehr als Grammatik zum göttlichen Wortschatz des Glaubens, nämlich der Heiligen Schrift. Dogmen leiten dazu an, Anspruch und Verheißung des drei­einigen Gottes in der Verkündi­gung wie auch im Gebet auf das Amen hin zur Sprache zu bringen. Solche Gram­matikregeln suchen Christen nicht „rechtgläubig“ zu zähmen, sondern ermög­lichen Zusagen und Versprechen, die deren Glauben neu heraus­fordern.

Da mag man in kirchlichen Dogmen Sprachbegrenzungen wahrnehmen, aber gerade deren Befolgung eröffnet in der Verkündigung gewagte „Sprachspiele“, durchaus vergleichbar mit wunderbaren Spielzügen, die die Regeln des International Football Association Board (IFAB) dem Fuß­ballspiel ermög­lichen. Wird hingegen – unter Berufung auf eine historische Vernunftkritik – die dogmati­sche Regelbindung preisgegeben, zeigt sich im kirchlich-pastoralen Reden häufig eine „allgemeinplatzige“ Plastiksprache – seelsorgerlich banal, politisch mitunter selbstgerecht.

Freimütige, verheißungsvolle, herausfordernde Gottesrede, die die menschlichen Rahmungen hoffnungsloser Weltbilder und Weltanschauungen sprengt – sie ist nur orthodox, also in der Bindung an kirchliche Dogmen und unter Verwendung des göttlichen Wortschatzes, also der Bibel zu führen. Dogmen lassen eben keine ideologischen Allgemeinbegriffe zu, sondern provozieren in der Anrede eine Metaphorik, die neu hören und sehen lässt.

Hier der Text als pdf.

„Ich bin so frei …“ – Warum die Ordinationsverpflichtung für die evangelische Lehre unabdingbar ist

25. Juni 2017

  1. „Ich bin bereit, das Amt, das mir anvertraut wird, nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einset­zung gemäß zu verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegen­heit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht.“ Die Ordination ist nicht auf einen persönlichen Habitus bzw. Status eines Ordinierten ausgerichtet, sondern auf den institutionalisierten Dienst am Evangelium in der Kirche (Art. 5 Augs­burger Bekenntnis).
  2. In ihrer kirchlichen Ausrichtung ist die Ordinationsverpflichtung mit dem promissorischen Amtseid für den Staats­dienst vergleichbar: Die Amtsausübung ist nicht nach eigenem Gut­dünken, sondern in Bindung an vorgegebene Regeln und damit „unselbständig“ zu vollziehen. Der Grundartikel der Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern definiert diese Lehrbindung explizit: „Sie hält sich in Lehre und Leben an das evangelisch-lutherische Bekenntnis, wie es insbesondere in der Augsburgischen Konfession von 1530 und im Kleinen Katechismus D. Martin Luthers ausgesprochen worden ist.“
  3. Wer in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern freiwillig ordiniert worden ist, hat damit zuge­sagt, Luthers Auslegung des zweiten Glaubens­artikels aus dessen Kleinen Katechismus für die eigene Verkündigung und Lehre als verbind­lich anzuer­kennen: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich ver­lornen und verdammten Men­schen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heili­gen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleich­wie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewisslich wahr.
  4. „So müssen alle Frommen mit Abraham in die Finsternis des Glaubens hineinschreiten, müssen ihre Vernunft töten und sprechen: Du Vernunft bist töricht, verstehst nicht, was Gottes Sachen sind, daher widerstrebe mir nicht, sondern schweige, maße dir kein Urteil an, sondern höre Gottes Wort und glaube!“ (Martin Luther, Auslegung des Galaterbriefs, 1531) Wer Glaubensartikel aus Vernunftgründen in Abrede zu stellen sucht, ist in der Kirche Jesu Christi fehl am Platz. Die Verheißung des Evangeliums führt über das hoffnungslose „Buch der Natur“ hinaus, ohne dass man in einer Hierarchie platonischer Ideen verortet wird.
  5. Der vorherrschende Historismus in der akademischen Theologie bedient die indirekte Gottesrede. Glaubens­artikel werden einer „geschichtlich“ bedingten Autorenschaft zuge­schrieben und damit in ihrer Geltung relativiert. Wer als ordinierter Amtsträger die Bibel historistisch liest, lässt das allge­meine Lehramt der Heiligen Schrift in der Kirche nicht gelten. Stattdessen setzt die ideologisch motivierte Vernunft eigensinnige Maßstäbe, mit denen man Glaubensartikel „kritisch“ zu eliminieren oder umzuinterpretieren sucht.
  6. Christliche Lehre bietet keine subjektive Weltanschauung, sondern gibt Sprach- und Hand­lungsregeln für die Kirche vor. Die liturgische „Praxisgemeinschaft“ der Gläubigen basiert nicht auf religiösem Bewusstsein, sondern auf einer verbin­denden Sprachlehre.
  7. Wer als Pfarrerin sich alle therapeutische Sprach- und Handlungsfreiheit nimmt, verkennt, dass die verfasste Kirche, der sie dient, keine freireligiöse Vereinigung ist. Sie zeigt ein amtli­ches Gegenüber, das Gemeindegliedern keine freie Wahl lässt.
  8. Evangelische Zusagen von Amts wegen gehen über menschenmögliche Heilsvorstel­lungen hinaus, weil sie das göttliche Handeln in Jesus Christus beanspruchen. Den damit Angespro­chenen steht es frei, dem Evangelium ihren Glauben zu schenken oder nicht. Lehrbindung des Amtes heißt eben nicht Glaubenszwang.
  9. Wer die Preisgabe der Lehrbindung für ordinierte Amtsträger fordert, redet damit einer klerikalen Diktatur das Wort. Verliert amtliches Reden in der Kirche seine Lehrbindung, geschieht die Verkündigung nicht länger an Christi statt. An die Stelle des Evangeliums tritt eine höhere Einsicht in die Idee des Guten bzw. der Gerech­tig­keit, die einen ermächtigt, autoritative Ansprüche an die Gesell­schaft, an den Staat oder gar an den „Westen“ zu stellen.
  10. Ideologisches Reden in der Kirche erweist sich als selbstgerecht. Man stellt sich denkerisch auf die „richtige“ Seite der Geschichte und will darin Recht behalten. Die Ideologin nimmt sich aus dem Gehorsamsanspruch gegenüber Christus heraus und verkennt damit die eigene Rechtfer­tigung als Sünderin im Glauben an den einen Herrn Jesus Christus.
  11. Der gegenwärtige Konflikt in den verfassten Landeskirchen ist kein weltanschaulicher, sondern primär ein ethischer. Entscheidend ist nicht, ob ein Pfarrer wirklich „gläubig“ ist, sondern ob er in seinem Dienst seine Ordinationszusage einhält. Wer als ordinierte Pfarrerin nicht Wort halten kann, vermag nicht Gottes Wort zu verkündigen.
  12. Lehrbindung bedingt keine Sterilität in der Verkündigung. Gerade weil eben nicht alles gesagt sein kann und will, eröffnen sich in dieser grammatikalischen Begrenzung gewagte „Sprachspiele“ im Hinblick auf den göttlichen Wortschatz des Glaubens.
  13. Wer als ordinierter Pfarrer sich professionell im Sinne seiner Ordinationsverpflichtung verhält, lässt die evangelische Freiheitszusage zu Wort kommen: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1)

Zusammenfassung meines Vortrags auf dem Studientag Reformationsjubiläum des Arbeits­kreises Bekennender Christen in Bayern (ABC) am 24. Juni 2017 in Puschendorf.

Hier der Text als pdf.

Was die verfassten Landeskirchen von neuen IFAB Laws of the Game 2017/18 in Sachen Verbindlichkeit des Bekenntnisses lernen können

22. Juni 2017

Ende Mai sind die neuen IFAB Laws of the Game (2017/18) erschienen. In der deutschen Ausgabe wird auf Seite 11 „Die Philosophie und der Geist der Regeln (The philosophy and spirit of the Laws)“ wie folgt beschrieben:

Fußball ist die größte Sportart der Welt. Es wird in jedem Land und in vielen ver­schiedenen Spielklassen gespielt. Die Spielregeln gelten für den gesamten Fußball weltweit, vom Finale der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft bis hin zu einem Spiel zwischen kleinen Kindern in einem abgeschiedenen Dorf.

Dass die gleichen Spielregeln für jedes Spiel in jeder Konföderation, in jedem Land, in jeder Stadt und in jedem Dorf weltweit gelten, ist eine bedeutende Stärke, die es zu bewahren gilt. Es ist auch eine Gelegenheit, die zum Gesamtwohl des Fußballs genutzt werden muss.

Fußball muss Spielregeln haben, mit denen das Spiel „fair“ bleibt, da seine Fairness eine entscheidende Grundlage für die Schönheit dieses „wunderschönen Spiels“ ist. Dies ist eine unerlässliche Eigenschaft des „Spielgeists“. Die besten Spiele sind jene, in denen der Schiedsrichter selten eingreifen muss, weil die Spieler mit Respekt gegenüber dem Gegner, den Spieloffiziellen und den Spielregeln spielen.

Die Integrität der Spielregeln und der Schiedsrichter, die diese anwenden, ist stets zu schützen und zu respektieren. Alle Verantwortlichen, insbesondere Trainer und Spielführer, haben eine klare Verantwortung gegenüber dem Spiel, die Spieloffiziellen und ihre Entscheidungen zu respektieren.

Verbindliche Regel sind im Fußball Anweisungen zu einem regelrechten Spiel. Sie eröffnen die wunderbaren Spielzüge, lassen eine agonale Dramaturgie zur Geltungen kommen. Ohne verbindliche Spielregeln existiert keine fußballerische Kunst eines Ronaldos oder Messis. Die Wahrheit dieser Regeln ist an den Spielvollzug gebunden. Außerhalb des Spielfelds lassen sich Fußballregeln im Hinblick auf Vernünftigkeit nicht objektiv verifizieren. Wer sich nicht mit ihnen identifizieren kann, sie als „dogmatisch“ empfindet, muss nicht in das Spiel einsteigen oder kann jederzeit aussteigen.

Analoges gilt für die evangelische Kirche in ihrer Bekenntnisbindung.

Hermann Lübbe – Das Gesangbuch und die Kontingenzbewältigung

22. Juni 2017

Hermann Lübbes Thema in Sachen Religion ist die Kontingenzbewältung. So beschließt er seinen Vortrag „Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung“ auf der letzten Tagung der Gruppe „Poetik und Hermeneutik„, die vom 19.–24. September 1994 eben zum Thema Kontigenz in Bad Homburg stattfandt, mit einer Reflexion über das Gesangbuch (und bezieht sich dabei auf das Evangelische Kirchengesangbuch – EKG):

Im Bücherregal behauptet das Gesangbuch, durchaus sektoral, seinen Standplatz neben der Fülle übriger nützlicher Hausbücher vom Do-it-Yourself-Ratgeber bis hin zur aktualisierten Anleitung für die Einkommenssteuererklärung. Aber es wäre ersichtlich unsinnig zu sagen, daß, analog zu den übrigen nützlichen Lebensanleitungen, das Gesangbuch auch seinem Gegenstandsbereich nach sektoral begrenzt sei. Durchaus asymmetrisch zu den Beziehungs­verhältnissen zwischen den übrigen Lebenskunden und Lebenshilfen bezieht es sich auf unser Leben integral. Von Gott und Welt ist buchstäblich die Rede, von Geburt und Tod, von Leben und Sterben und von den letzten Dingen am Ende aller Zeiten. Gewiß: Auch zum Thema „Auf Reisen“ finden sich einige Strophen, aber doch nicht von der Art anderer Reiseführer, viel­mehr in Erhebung der Reise, vor der man steht, zur Metapher des Lebens etc. Auch bei „Sturm- und Wassernot“ gibt es etwas zu singen, „Bei reichlicher Ernte“ sowie „Bei sparsa­mer Ernte“. Aber in allen diesen und in vielen weiteren Fällen handelt es sich nicht um sekto­rale Spezifikationen, auf die wir kompetenzdifferenzierend zu antworten hätten. Weder dem Baedeker noch der Feuerwehr wird Konkurrenz gemacht, vielmehr vergegenwärtigt, daß wir in keiner Lebenslage der Bedingungen unseres Daseins mächtig sind, und darauf antworten die fraglichen Lieder dann mit ihrem Dank, ihren Bitten und Klagen.

Der zitierte Lebenslagenkatalog klingt natürlich etwas altväterlich, und in der Tat bezieht er sich auf Texte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Andererseits haben sich natürlich Sturm- und Wassernöte inzwischen nicht erledigt und, nämlich in anderen Weltgegenden, Hungerkata­strophen bewirkende Mißernten ohnehin nicht. Nur sind inzwischen viele andere zivilisations­spezifische Nöte, zumeist als kontingente Nebenwirkungen technisch instrumentierten Han­delns, hinzugekommen. Nichts steht, im Prinzip, entgegen, das bei der jeweils nächsten Gesangbuchrevision zu berücksichtigen, wenn man, auf der anderen Seite, zugleich auch zu berücksichtigen hat, daß die Bemühung, konkret zu sein, bei zunehmender Geschwindigkeit in der Änderung unserer zivilisatorischen Lebenslagen schließlich in einem sinnwidrigen Aktualismus enden müßte, der es, sozusagen auf einem höheren Abstraktionsniveau, als Vor­zug erkennen läßt, sich auf das zu beschränken, was sich glaubensgeschichtlich indifferent zu dem Unterschied verhält, den es macht, ob uns Nöte aus aufgehaltenem Fortschritt oder die kontingenten Nebenfolgenlasten stattfindenden Fortschritts drücken.

Der naive Fromme und der die Vorzüge frommer Naivität reflektierende Intellektuelle erst recht wird vielleicht finden, die vorstehende Art, die Funktion des Gesangbuchs zur Funktion anderer Hausbücher in Beziehung zu setzen, sei eine Art der Beschreibung, die sich auf die Intentionen der Verfasser der Gesangbuchlieder gar nicht einläßt. Immerhin werde, zum Bei­spiel in jenem fraglichen Reiselied, Christus als „der rechte Weg zum Himmel“ bekannt und nicht etwa Kontingenzbewältigungsbeihilfe geleistet.

Dieser Einwand ist aber buchstäblich konfus, das heißt, er konfundiert unterscheidungsbedürf­tige Ebenen der Betrachtung. Die These ist ja nicht, wir fänden im fraglichen Gesangbuch eine Anleitung zum Verständnis der Religion als einer Lebenspraxis, in der wir uns zur Un­verfügbarkeit unserer Daseinskontingenz in ein Verhältnis setzen. Regeln für den Gebrauch des Prädikators „Religion“ sind in keinem Gesangbuch zu finden, und nicht einmal das Wort „Religion“ kommt, wie man erwarten durfte, in einem Gesangbuch vor. Aber was besagt das? Es besagt, daß das Gesangbuch Texte religiöser Literatur enthält und seinem institutionellen Status nach landeskirchenoffiziell ist und eben nicht ein Werk mit Beiträgen zur Religions­theorie.

Wer vom Gesangbuch in intentio directa Gebrauch macht, dankt Gott, bringt Bitten vor ihn, klagt oder singt zum Pfingstfest. Die Auskunft aber, eben darum handele es sich doch – jeden­falls in unserer hiesigen Religion oder Konfession – und nicht um „Kontingenzbewälti­gung durch Anerkennung unserer schlechthinnigen Abhängigkeiten“, macht aus einem Reflexions­verhältnis eine windschiefe Alternative. Geschieht das, mit Blick auf den entsprechend erschlichenen Beifall der Frommen, absichtlich, so handelt es sich dabei um das, was Hegel ,,frommes Aufspreizen mit Christenthum“ nannte.

Das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) gemäß den lutherischen Bekenntnisschriften

20. Juni 2017

Nach CA V geht das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) auf eine besondere Einsetzung Gottes zurück[1]. Seine Funktion in der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente, durch die der Heilige Geist den rechtfertigenden Glauben bewirkt[2]. Ohne diesen heilswirksamen menschlichen Wort­dienst kann sich Kirche nicht konstituieren. Diese konstitutive Wirkung des Predigtamtes beschreibt Luther im Großen Katechismus mit den Worten: „Denn wo man nicht von Christo predigt, da ist kein heili­ger Geist, welcher die christliche Kirche machet, be­rüfet und zusammen bringt, außer welcher niemand zu dem Herrn Christo kommen kann.“(GrKat II,45; BSLK 655) Das ministerium ec­clesiasticum darf jedoch nicht auf ein rechtlich organisiertes Pfarramt reduziert werden. So wird in Tract 25.26 das „Amt des Bekenntnisses (ministerium professionis)“, mit dem Jesus als Christus gepredigt wird (in qua praedicat Jesum esse Christum), nicht auf bestimmte Amtspersonen bezogen.

„Zudem ist der Dienst [der Ver­kündigung] des Neuen Testa­mentes an keine Orte und Perso­nen gebunden wie der Dienst der Leviten, sondern er ist über den ganzen Erdkreis verbreitet und er ist dort, wo Gott seine Gaben gibt, Apostel, Propheten, Hirten und Lehrer (vgl. Eph 4,11). Jener Dienst erhält seinen Wert nicht auf Grund der Autorität irgend­einer Person, sondern auf Grund des von Christus überlieferten Wortes (Porro mi­nisterium Novi Testa­menti non est alligatum locis et personis si­cut ministerium Levi­ticum, sed est dispersum per totum orbem ter­rarum et ibi est, ubi Deus dat dona sua, apostolos, prophetas, pa­stores, doctores (Eph 4,11). Nec valet illud ministerium propter ullius personae autori­tatem, sed propter verbum a Christo tradi­tum).“ (Tract 26; BSLK 479)

Das ministerium verbi erfährt also die Bevollmächtigung nicht in der Autorität von Amtspersonen, sondern in dem von Christus überlieferten Wort. Damit ist eine grundle­gende Differenz zum katholischen Amtsverständnis angezeigt, das die Amtsautorität durch eine sakramentale Ordination an die Amts­person selbst bindet und damit die Amtsperson in Gestalt des Prie­sters bzw. Bischofs über die Gemeinde stellt.

Die grundsätzliche Rückbindung des ministerium ecclesiasticum an das Evangelium wird in CA XXVIII deutlich, wo von der kirchlichen Gewalt der katholischen Diözesanbischöfe die Rede ist. In der Wahrnehmung der kirchlichen Gewalt, die nur Wortdienst (ministe­rium verbi)[3] sein kann (sine vi humana, sed verbo – CA XXVIII,21; BSLK 124[4]), sind die Bischöfe den anderen Amtsträgern gleichge­stellt, da es nach Apol XIV,1 bzw. Tract 61.65 iure divino kein hierarchisch gegliedertes Amt geben kann. Eine Gehorsamspflicht der Gemeinden iure divino besteht gegenüber diesem Wortdienst, da er unter unter dem Dictum Jesu steht: „Wer euch hört, der hört mich.“(Lk 10,16 – CA XXVIII,21.22; BSLK 124). „Weil hier der Inha­ber des Amtes an Christi Stelle steht, darum kann er uneinge­schränkten Gehorsam fordern. Freilich gilt dieser Gehorsam nicht der Person, sondern dem Wort, dem Evangelium.“[5] Umgekehrt ist dort eine Gehorsamsver­weigerung der Gemeinden per mandatum Dei geboten, wo die Amtsträ­ger „etwas gegen das Evangelium lehren oder bestim­men (aliquid contra evangelium docent aut constitu­unt)“(CA XXVIII,23; BSLK 124). Für eine Gehorsamspflicht gegenüber den Amtsträgern auf dem Hintergrund von Lk 10,16 können nicht Men­schensatzungen, sondern allein das Wort Christi geltend gemacht werden.

„Es handelt sich [hier] um keinen freien Befehl (mandatum cum libera), wie sie ihn nennen, sondern um einen geschuldeten, gültigen, besonde­ren Befehl, das heißt um ein Zeugnis, das den Aposteln gegeben wurde, daß wir glauben, sie sprechen von einem fremden Wort (alienum verbum), nicht von einem eigenen Wort (proprium verbum). Denn Christus will uns so viel wie nötig stärken, damit wir wissen würden, daß das überlieferte Wort durch die Menschen wirksam ist und daß man vom Himmel kein anderes Wort erwarten darf (Non est enim mandatum cum libera, ut vocant, sed cautio de rato, de speciali mandato, hoc est, testimonium datum aposto­lis, ut eis de alieno verbo, non de proprio, credamus. Vult enim Christus nos confirmare, quemadmodum opus erat, ut sciremus verbum traditum per homines efficax esse, nec quaerendum esse aliud ver­bum de coelo).“ (Apol XXVIII,18; BSLK 401)

Das Supremat des göttlich eingesetzten ministerium ecclesiasticum bzw. der Kirche (vgl. Tract 11; BSLK 474) über deren Amtsträger verbietet eine Habitualisierung des Amtes in der Person des Amts­trägers[6]. Von daher läßt sich das Institut des ministerium eccle­siasticum als Kommunikations­geschehen innerhalb der Gemeinde (communicatio verbi divini in ecclesia[7]) begreifen, zu dem neben der Person des Predigers die zuhörende Gemeinde unab­dingbar dazu gehört[8]. Ihr obliegt letzt­lich die Unterscheidung, ob das gepre­digte Wort göttliches verbum alienum oder aber verbum proprium des Amtsträgers ist, das keine Geltung beanspruchen darf (vgl. Apol XXVIII,18). Dazu ist der Gemeinde durch die ihr eigene „Fähigkeit, auf Grund des Wortes Gottes [Glaubensfragen] zu beurteilen und zu entscheiden (facultas judicandi et decernendi ex verbo Dei)“(Tract 56; BSLK 488) eine sichere Beurteilungsgrundlage gegeben[9]. Wo das mi­nisterium verbi habitualisiert und damit ohne das Korrektiv der „kritischen“ hörenden Gemeinde (ecclesia audiens) gesehen wird, kann nicht mehr zwi­schen verbum alienum und proprium des Amtsträgers unterschieden werden, so daß er in Person eo ipso als Stellver­treter Christi erscheinen muß[10].

Im Großen Ka­techismus läßt sich belegen, daß das ministerium verbi der gesamten Kirche und nicht nur einem gesonderten Predigtstand gegeben ist. Obwohl Luther dort die heilsnotwendige Bedeu­tung des Predigtamtes in der Auslegung zum dritten Glaubensartikel ausführ­lich entfaltet, läßt er Personen, die mit diesem Predigtamt geson­dert betraut sind, unerwähnt. Stattdessen heißt es: „So bleibt der heilige Geist bei der heiligen Gemeine oder Christen­heit bis auf den jüngsten Tag, dadurch er uns holet, und brauchet sie dazu, das Wort zu fuhren und treiben, dadurch er die Heiligung machet und mehret, daß sie täglich zunehme und stark werden im Glauben und seinen Früchten, so er schaffet.“(GrKat II,53; BSLK 657f)[11] Ebenso wird in Apol VII,20 das Evangelium nicht den Amtsträ­gern, sondern der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanc­torum zugespro­chen: „Und diese Kirche ist eigent­lich »Säule der Wahrheit«. Sie bewahrt nämlich das reine Evangelium und – wie Paulus sagt – den »Grund«, das heißt die wahre Erkenntnis Christi und den Glauben (Et haec ecclesia proprie est columna verita­tis (1 Tim 3,15). Retinet enim purum evangelium et, ut Pau­lus inquit, funda­mentum, hoc est, veram Christi cognitionem et fi­dem (1 Kor 3,11).“(BSLK 238) Schließlich wird nach den Schmalkaldi­schen Artikeln der Dienst des Evangeliums neben Wort­verkündigung, Sakramentsverwaltung und Ausübung der Schlüsselge­walt, die in der Regel den dazu berufenen Amtsträgern vorbehalten sind (vgl. CA XIV) „auch durch die gegenseitige brüderliche Aussprache und Tröstung (per mutuum colloquium et consolationem fratrum)“ gelei­stet (ASm III,4; BSLK 449). Obwohl die berufenen Amtsträger regu­lär die Schlüsselgewalt ausüben, ist nach Tract 24.68 (BSLK 478.491) dennoch die Schlüsselgewalt der ganzen Kirche gegeben und damit a priori nicht auf eine bestimmte Personengruppe von Amts­trägern beschränkt. Grundsätzlich gilt, „dass die Kirche über ihren Dienern stehe (ecclesiam esse su­pra mini­stros)“(Tract 11; BSLK 474).

Der ordo ecclesiasticus

Während das allgemeine Dienstamt von CA V, das unmittelbar auf göttliche Einsetzung zurückzuführen ist, institutionell nicht an der Person eines Amtsträgers festgemacht werden kann, wird in CA XIV für das öffentliche Predigtamt (ministerium verbi publicum) eine Verbindung mit der Person des Amtsträgers festgesetzt: „Niemand darf in der Kirche öffentlich lehren oder die Sakramente verwalten, er sei denn dazu rechtmäßig berufen (Nemo debeat in ecclesia publice docere aut sacramenta administrare nisi rite vocatus).“(CA XIV; BSLK 69) Die Notwendigkeit der Ordination von Amtsträgern für das ministerium verbi publicum besteht nicht nur nach menschlichem Recht (iure humano). Tract 72 zufolge sind die Gemeinden nach göttlichem Recht (iure di­vino) gezwungen, unter Hinzuziehung von eigenen Pastoren Pastoren und Diener zu ordinieren (BSLK 492). So heißt es auch in der Apo­logie: „Denn die Kirche hat den Befehl Gottes, Diener einzusetzen, worüber wir sehr dankbar sein müssen, weil wir wissen, Gott billigt jenes Amt und ist im Amt gegenwärtig (Habet enim ecclesia mandatum de constituendis mini­stris, quod gratissimum esse nobis debet, quod scimus Deum appro­bare ministerium illud et adesse in ministe­rio).“(Apol XIII,12; BSLK 294) „Das göttliche Recht verlangt die Einrichtung eines geordneten öffentlichen Dienstamtes und gebietet der Ekklesia in göttlicher Autorität, dafür die institutionellen Formen zu schaf­fen.“[12] Demgegenüber bestehen die einzelnen Bestim­mungen über das Ordinations- und Berufungsrecht, die Form der Ordination sowie die Organisation des öffentlichen Predigtamtes iure humano und sind da­mit an keine bestimmte Rechtsform gebunden. So hat Luther in den Schmalkaldischen Artikeln den katholischen Diözesanbischöfen „umb der Liebe und Einigkeit willen“ das Recht der Ordination zugebilli­gt, so sie „wollten rechte Bischofe sein und der Kirchen und des Evangelions sich annehmen“, jedoch zugleich festgestellt, daß diese „aber nicht rechte Bischöfe sind aber auch nicht sein wol­len“(ASm III,10; BSLK 457f).

Die Formulierung „rite vocatus“ in CA XIV, für die in der deut­schen Fassung „ordentlicher Beruf“(BSLK 69) steht, kann keine sakramentale Priesterweihe nach kanonischem Recht beinhalten, die dem Amtsträ­ger eine besondere Vollmacht (potestas ordinis) im Sinne einer habituellen geistlichen Qualität verleiht und ihn in einen geistlichen Ordo mit verschie­denen, hierarchisch angelegten Stufen einfügt[13]. Das „königliche Priestertum“ (1 Petr 2,9), das der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanctorum zu eigen ist, ist vielmehr der Ermächti­gungsgrund für die Einsetzung von Amtsträgern (Tract 69, BSLK 491)[14]. Die Ordination des Amtsträgers begründet also nicht dessen Priestertum (sacerdotium), vielmehr ist das sacerdo­tium, das jedem Christen durch die Taufe zugeeignet ist, die geistliche Qualifikation für eine Beauftragung mit dem ministerium verbi publicum[15]. So gilt auch Melanchthons Erwägung in Apol XIII,11 über die Ordination als Sakrament nicht der Person des Amtsträgers, sondern dem göttlich gestifteten ministerium verbi: „Wenn man aber die Prie­sterweihe (ordo) vom Dienst am Worte Gottes (ministerium verbi) her versteht, würden wir die Priesterweihe ohne Umstände als Sakrament bezeichnen. Denn der Dienst am Wort hat Gottes Befehl und er hat herrliche Verheißungen (Si autem ordo de ministerio verbi intelligatur, non gravatim vo­caverimus ordinem sacramentum. Nam ministerium verbi habet man­datum Dei et habet magnificas promis­siones)“(BSLK 293)[16].

Anmerkungen
[1] Vgl. dazu W. Maurer, Pfarrerrecht und Bekenntnis. Über die bekenntnismäßige Grundlage eines Pfarrerrechtes in der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin 1957, 74-78.
[2] Luther geht in den Schmalkaldischen Artikeln so weit, daß er ein Heilshan­deln Gottes an den Menschen außerhalb von äußerlichem Wort und Sakrament bestreitet (ASm III,8; BSLK 456).
[3] „de iure divino haec iurisdictio competit episcopis ut episco­pis, hoc est his, quibus est commissum ministerium verbi et sacra­mentorum“(CA XXVIII,21; BSLK 124).
[4] Vgl. außerdem die Auslegung des Jesuswortes „Weide meine Schafe“ (Joh 21,17) in Tract 30: „Jubet enim pascere, hoc est docere ver­bum seu ecclesiam verbo regere“(BSLK 480).
[5] F. Mildenberger, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart 1983, 105.
[6] Vgl. H. Diem, Theologie als kirchliche Wissenschaft. Handreichung zur Einübung ihrer Probleme, Bd. III: Die Kirche und ihre Praxis, München 1963, 258.
[7] Diese Wendung findet sich weder in den Bekenntnisschriften, noch ist sie terminologisch geprägt. In dem Begriff der communicatio mit der Bedeutung „Austausch“ (vgl. dazu auch die Wendungen communicatio idiomatum aus der Chri­stologie bzw. communicatio in sacris aus dem Kanonischen Recht) läßt sich der notwendige Aspekt der Rezeptionsbedürftigkeit von verbum visibile bzw. invisi­bile (gegen ein ex opere operatu) einschließen.
[8] Ein derartiges kommunikatives Amtsverständnis ist von Diem entwickelt worden, der das ministerium ecclesiasticum vom Vorgang der Verkündigung her versteht, vgl. Diem, Theologie III, 256-314, ähn­lich Mildenberger, Theologie, 103-106. Für dieses Ver­ständnis läßt sich auch CA VII geltend machen, wo das ministerium verbi nicht als Gegenüber zur Gemeinde, sondern als Geschehen (Passivkonstruk­tion!) innerhalb der congregatio bestimmt ist. Selbst wenn man sich diesem kommunikativen Amtsverständnis nicht anschließen kann, dann muß im Kontext der Bekenntnisschriften das ministerium verbi pri­mär funktional statt personal verstanden wer­den. So wird bei­spielsweise in CA XXVIII,19 die pote­stas gladii der Bischöfe, die diesen von den Königen und Kaisern geschenkt worden ist, im Hin­blick auf das ministerium evangelii als alia functio ausgewiesen (BSLK 123). Vgl. H. Fagerberg, Die Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften von 1529 bis 1537, Göttingen 1965, 240-243.
[9] Vgl. Tract 51: „Dann alsbald der Kirchen das rechte Urteil und Erkanntnus genommen ist, kann nicht moglich sein, daß man falscher Lehre oder unrechtem Gottesdienst konnte steurn, und muessen des­halb viele Seelen verloren werden.“ (BSLK 487)
[10] Eine personale Vertretung Christi durch berufene Amtsträger wird in Apol VII,28 (BSLK 240) postuliert: „Nec adimit sacramentis efficaciam, quod per indignos tractantur, quia repraesentant Chri­sti personam propter vocationem ecclesiae, non repraesentant pro­prias personas, ut testatur Christus: Qui vos audit, me audit (Lk 10,16). Cum verbum Christi, cum sacramenta porrigunt, Christi vice (2 Kor 5,20) et loco porrigunt.“ Die personale Vertretung Christi ist also nicht von der Würdigkeit der Amtsträger abhängig (vgl. CA VIII). Sie kann jedoch niemals habitualisiert werden, da sie von der kirchlichen bzw. gemeindlichen Berufung abhängig ist und mit dem Wort Gottes korrespondieren muß: „Impii doctores deserendi sunt, quia hi iam non funguntur persona Chri­sti, sed sunt anti­christi. Et Christus ait: Cavete a pseudoprophetis (Mt 7,15). Et Paulus: Si quis aliud evangelium evangelizaverit, ana­thema sit (Gal 1,9).“ (Apol VII,48; BSLK 246)
[11] In GrKat II,54 (BSLK 658) spricht Luther außerdem von „allen Ämptern der Christenheit“.
[12] Maurer, Pfarrerrecht, 113.
[13] Gegen Lindbeck, Rite vocatus: Der theologische Hintergrund zu CA 14, in: E. Iserloh (Hrsg.), Confessio Augustana und Confutatio. Der Augs­burger Reichstag 1530 und die Einheit der Kirche, RGST 118, Münster 1980, Confessio, 454-466. Nach Apol XIV,1 (BSLK 296) wird das Verständ­nis von CA XIV im Sinne einer ordinatio canonica der Confutatio (zu Recht) zugeschrieben, ohne daß jedoch diesem Ver­ständnis zugestimmt wird. Stattdessen werden die „politia ecclesia­stica et gradus in ecclesia“, die die Vorausset­zung der kanoni­schen Prie­sterweihe bilden, als durch eine humana auctoritas ge­schaffen aus­gewiesen.
[14] Mit diesem Paragraphen des Tractatus greift Melanchthon auf Luthers Vorstel­lung eines allgemeinen Priestertums aller Gläubigen kraft der Taufe zurück, die dieser auf deutsch zuerst in seiner Adelsschrift ausgeführt hat, vgl. WA 6,407f, bzw. StA 2, 99-101.
[15] Vgl. dazu S. Grundmann, Sacerdotium – Ministerium – Ecclesia particularis, in: Ders., Abhandlungen zum Kirchenrecht, hrsg. v. R. Zippe­lius u. a., Köln-Wien 1969, 156-176.150-155, bzw. Maurer, Pfarrer­recht, 68-71.
[16] Die Formulierung „magnificae promissiones“ ist in diesem Kon­text äquivok zu verstehen, da sie sich zum einen auf das ministe­rium verbi als Vorgang, zum anderen auf das Evangelium als Inhalt des ministerium verbi beziehen läßt. Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Prof. Mildenberger.

Hier der Text als pdf.

„Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein“ – Rudolf Bultmann zur theologischen Aufgabe 1933

20. Mai 2017

Nicht nur Karl Barth hatte im Frühsommer 1933 mit seiner Schrift „Theologische Existenz heute!“ zur theologischen Besinnung im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland aufgerufen. Auch Rudolf Bultmann meldete sich zu Beginn seiner Vorlesung im Sommersemester am 2. Mai 1933 mit seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ zu Wort. Darin heißt es unter anderem:

Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein, und er muss seine Positivität gerade in seiner kritischen Haltung bewähren. Wie kann er das? Weil er nicht nur von Sünde, sondern auch von Gnade weiß. Weil er Gott nicht nur als den Richter kennt, sondern auch als den Erlöser, der durch Jesus Christus seine ursprüngliche Schöpfung wiederherstellt. Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet die Vergebung der Sünde durch die Offenbarung der Liebe Gottes, und sie bedeutet deshalb die Befreiung des Menschen zur Liebe.

Nur wer den jenseitigen Gott kennt, der in Christus sein Wort der Liebe in diese Welt hineinspricht, der vermag sich aus der Verstrickung dieser sündigen Welt zu befreien und einen Blick zu gewinnen, für den die Ordnungen der Welt wirklich als Schöp­fungsordnungen erkennbar sind, deren er sich dankbar zu freuen hat, in denen er still zu leiden hat, in denen er als Liebender zu wirken hat. Er hat für solches Wirken den kritischen Blick gewonnen, den kritischen Blick gegenüber den lauten Forderungen des Tages, indem er das Gute und das Böse in ihnen misst an der Frage, ob und wieweit in ihnen das Gebot der Liebe durchgeführt werde. Den kritischen Blick aber auch sich selbst gegenüber, ob sein Tun ein selbstloser Dienst sei.

Solcher kritische Blick wird das Werben und den Kampf für Staat und Volkstum nie zu einem Werben und einem Kampf für Abstrakta werden lassen. Denn wir dürfen uns nicht den Blick dafür verschleiern lassen, dass Staat und Volkstum aus konkreten Menschen bestehen, die unsere Nächsten sind. Volkstum birgt ebenso wie Menschen­tum die Gefahr, aus einem Konkretum zu einem Abstraktum zu werden! Ist unser Kampf für das Ideal des Volkstums der Kampf für ein Abstraktum oder für eine konkrete Realität? Das Kriterium für jeden unter uns ist doch dieses, ob er bei seinem Kampfe wirklich getragen ist von der Liebe, die nicht nur in eine Zukunft blickt, in der sie ihr Ideal verwirklichen will, sondern die auch den konkreten Nächsten sieht, der in der Alltäglichkeit des Lebens gegenwärtig mit uns verbunden ist. Wohl gibt es Härten in jedem Kampf, und es fallen Opfer. Das Recht, Opfer zu fordern und Härte zu üben, hat nur der, der in denen, die getroffen werden, die Nächsten sieht! Er wird die Art und Weise und die Grenze seines Handelns dann finden. Nur der kann seinem Volkstum echt dienen, der durch den Empfang der Liebe Gottes in Christus zur Liebe befreit ist.

Der vollständige Text seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ findet sich hier als pdf.

„Bist du gegenüber dem Wort vom Kreuz abgebrüht“ – Luthers Fragen an uns Theologen (nach Oswald Bayer)

18. Mai 2017

Oswald Bayer bei einem Gastvortrag am Luther Seminary, St. Paul (2011)

Oswald Bayer hat wie kaum ein anderer systematischer Theologe die Gegenwartsrelevanz der Theologie Martin Luthers dargestellt. Zeugnis dafür ist insbesondere sein Buch Martin Luthers Theologie: Eine Vergegenwärtigung. Von ihm stammt der Text „Luthers Fragen“, der es im Hinblick auf das Reformationsjubiäum in sich hat:

Luthers Fragen

Die Einsichten des Reformators müssen von evangelischen Christen immer wieder neu gewonnen werden.

Von Oswald Bayer

Zwar ist der Frage nach Luthers Aktualität im weltgeschichtlichen Horizont gerade aus theo­logischen Gründen größte Aufmerksamkeit zu widmen. Doch kann dies in theologischer Verantwortung nur geschehen, wenn zuvor Klarheit über das „Reformatorische“ gewonnen ist. Diesem ersten Schritt dienen die folgenden Fragen, die mir Luther gestellt hat und die ich ohne ihn in dieser Radikalität und Schärfe wohl kaum gehört hätte. Die Theologie Luthers und der Bekenntnisschriften, zu der ja maßgebende Lutherschriften gehören, stellen diese Fragen jeder und jedem evangelisch Getauften, in besonderer Verantwortung aber denjenigen, die professionell dem göttlichen Wort und damit dem Menschen dienen. Luthers Aktualität und Brisanz erweisen sich in der Antwort, die wir auf diese Fragen geben – Fragen, die eine norma normata einschließen, die freilich immer durch die norma normans, die Bibel als Heilige Schrift, zu prüfen ist (BSLK 769,19-35). Sie dürften zeigen, dass wir Luthers Ein­sichten noch keineswegs eingeholt, geschweige denn überholt haben, ja, dass wir sie weitge­hend verloren haben und in den gegenwärtigen Kontexten neu gewinnen müssen.

  1. Lässt du dich in den Dienst nehmen, im Namen – mithin in der Stellvertretung – des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes angesichts des Letzten Gerichts die Gewissen zu schärfen und zu trösten, also Gesetz und Evangelium zu predigen?

Des Näheren:

  1. Ist Gal 3,13 der Dreh- und Angelpunkt deiner theologischen Orientierung?
  2. Arbeitest du dementsprechend am Begriff der Gewissensfreiheit, die theologisch grund­legend Christusfreiheit ist (Freiheit vom Gesetz, Freiheit in Christus, Freiheit zur Erfüllung des Gesetzes), strikt unterschieden von politischer Gewissensfreiheit, die in den Bereich der iustitia civilis gehört und dort (!) nicht hoch genug geschätzt werden kann.
  3. Bist du gegenüber dem Wort vom Kreuz abgebrüht oder spürst du, dass es „bisher noch niemals und nirgendwo … etwas gleich Furchtbares, Fragendes und Fragwürdiges gegeben hat“ (Nietzsche), so dass seine Ablehnung als Eselei und Skandal (1Kor 1,23) menschlich verständlich, aber eben „satanisch“ (Mk 8,33),
  4. seine Annahme jedoch als Gotteskraft das Wunder des Heiligen Geistes ist?
  5. Lässt du dich in der Christologie konsequent durch die Lehre von der Idiomenkommuni­kation leiten, wonach der ohnmächtige Mensch am Kreuz kein anderer ist als der allmächtige Gott, der Herr der Herrlichkeit (1Kor 2,8)?
  6. Wagst du es, den von dir im Namen Gottes gegebenen Zuspruch der Freiheit als Gottes eigenes Wort zu respektieren und zu lehren, „dass man die Absolution oder Vergebung von dem, der die Beichte hört, als von Gott selbst empfange und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel“ (BSLK 517,13-17)?
  7. Bleibst du dabei, in der Feier des Abendmahls Gottes dem Glauben zuvorkommende Zusage vom nachfolgenden, antwortenden Dankgebet zu unterscheiden (WA 6, 522,30-34 u.ö.), mithin das Abendmahl nicht als ganzes zu einer Eucharistie zu machen und auf diese Weise das Katabatische im Anabatischen untergehen zu lassen?
  8. Ist dir durch und durch bewusst, dass die Predigt des Evangeliums die gleiche Sprachhand­lung ist bzw. sein soll wie Taufe, Absolution und Abendmahl, also nicht informieren, fordern oder darstellen soll, mithin nicht Aussage, Appell oder emotionaler Ausdruck sein kann, son­dern zusagen und geben, geben und nochmals geben soll, Zusage und Gabe ist,
  9. dass nur dann, wenn das Wort als Zusage und Gabe wahrgenommen wird, der Glaube wahrhaft Glaube sein kann?
  10. Gilt als Kriterium für die Gestaltung des Gottesdienstes die „Torgauer Formel“, wonach in ihm nichts anderes geschehen soll, als „dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“ (WA 49, 588,16-18)?
  11. Gilt also als Kriterium die Korrespondenz von Wort und Glaube, weil „Gott mit den Men­schen nie anders zu tun gehabt und zu tun hat als mit im Wort der Zusage und wir unsererseits mit Gott nie anders zu tun haben als im Glauben an das Wort seiner Zusage“ (WA 6, 516,30-32)?
  12. Tröstet dich der – keineswegs zynische, wohl aber demütige – Antidonatismus, dass die Geltung und Wirksamkeit des Wortes Gottes „weder von der Würdigkeit dessen abhängt, der es zudient, noch dessen, der es empfängt und aufnimmt („nec pendere ex dignitate ministri aut sumentis“: BSLK 65,37f)?
  13. Bringst du realistisch, ausdrücklich und eingehend zur Sprache, was der Erfahrung der Zusage Gottes widerspricht, so dass im Gottesdienst und in anderen Formen der Seelsorge der Klage – den Klage- und Rachepsalmen sowie dem Buch Hiob – Raum gegeben wird?
  14. Bist du so ehrlich und redlich, die Anfechtung, wenn sie kommt, nicht zu verkennen und zu verdrängen, sondern sie einzugestehen und – gegen den in die Versuchung führenden Gott (Gen 22,1) zu Gott fliehen (ad deum [revelatum] contra deum [absconditum] confugere: WA 5, 204,26f) – auszuhalten?
  15. Ist deine theologische Existenz durch oratio, meditatio und tentatio bestimmt, also da­durch, daß du, von der Anfechtung getrieben, betend in die Heilige Schrift hineingehst und von ihr ausgelegt wirst, um sie andern Angefochtenen auszulegen, so dass auch sie betend in die Heilige Schrift hineingehen und von ihr ausgelegt werden?
  16. Gehört insbesondere das Psalmengebet zu deinem Alltag?
  17. Ist deine theologische Existenz (s. Frage 16) konstitutiv seelsorglich und also durch das gegenseitige Gespräch und die gegenseitige Stärkung des Lebensmutes (mutuum colloquium et consolatio fratrum [et sororum]: BSLK 449,12f) im Horizont des Letzten Gerichts (s. Frage 1) geprägt?
  18. Ist dir, weil der Glaube durch das Hören kommt, die Freude an der Sprache und die Sorge um sie zur zweiten Natur geworden, so dass dir die Fragen der Bildung und Kultur lebensnot­wendig sind?
  19. Bist du davon durchdrungen, dass die Katholizität der Kirche wesentlich in der Fürbitte „für alle Menschen“ (1Tim 2,1) besteht und es, wenn du mit dem Herzen und dem Mund vor Gott bei den anderen bist, nicht ausbleiben kann, dass du mit den Händen und Füßen vor der Welt bei den anderen, fremden bist – so, dass der Liturgie der Kirche ihre Diakonie ent­spricht?

Oswald Bayer lehrte zuletzt als Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch- theologischen Fakultät. Unter anderem ist er Autor des Buches „Martin Luthers Theologie: Eine Vergegenwärtigung“.

Quelle: theologie, Nr. 19, 1. April 2015, 3f.

Hier die englischsprachige Fassung „Twenty Questions on the Relevance of Luther for Today„.

„Luther kommt für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage“ – Albrecht Beutel über Luthers Freiheitsverständnis

11. Mai 2017

Kurz und knapp beschreibt Albrecht Beutel in seinem Lexikonartikel über Martin Luther (Metzler Philosophen Lexikon), wie Luther Freiheit verstanden wissen will:

Auf dem Höhepunkt seines theologischen Aufbruchs, 1520, hat Martin Luther eine Reihe von – vielfach allgemeinverständlichen – reformatorischen Hauptschriften verfasst, deren bekann­teste und am meisten rezipierte Von der Freiheit eines Christenmenschen handelt. Trotz des Gleichklangs der Vokabeln kommt Luther jedoch für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage. Er selbst wollte nur den paulinischen Ruf der Freiheit erneuern. Darin wird zweierlei deutlich: Die Freiheit, um die es Luther geht, ist nicht als menschliches Vermögen bzw. als ontologische Verfassung gedacht, sondern als eine Freiheit, in die sich der Glaube an Christus versetzt sieht. Und: Nicht eine allgemein menschliche, sondern die christliche Freiheit hat Luther im Blick. Sein Anliegen fasst er in die Doppelthese zusammen: »Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yder­mann unterthan«. Die beiden Sätze beziehen sich asymmetrisch aufeinander. Denn die Reihenfolge von der Freiheit zur Dienstbarkeit ist unumkehrbar. Und während sich das Knecht-Sein auf das Verhältnis zu den anderen Menschen bezieht, gilt das Herr-Sein nur in Bezug auf die Dinge, nicht auf die Men­schen. Die Dialektik von Herr und Knecht ist darum nicht gemeint, ebenso wenig die von Seele und Leib. Vielmehr ist in beiden Sätzen vom gan­zen Menschen die Rede: Zuerst in seinem Verhältnis zu Gott, dann in dem zu den Menschen. Der Glaube, will Luther sagen, befreit den Menschen aus dem Zwang zur Selbstermächtigung, und er macht ihn frei zum Dienst an den Nächsten. Kurz: Er ist frei aus Glauben zur Liebe. Die damit gesetzte Freiheit hat ihren Ort zwischen Gott und Mensch; sie lässt sich nicht zu einem menschlichen Hand­lungsbegriff säkularisieren. Die Freiheit, die Luther meint, ist die Freiheit des Gewissens, nun aber wieder in exklusiv theologischem und darum gerade nicht neuzeitlichem Sinn. Für ihn ist die Gewissensfreiheit nicht Ausdruck der Autonomie des Menschen. Das Gewissen ist darin frei, daß es sich in Gott gebunden und darum den Zumutungen anderer Mächte enthoben weiß.