Archive for the ‘Protestantismus und Religionismus’ Category

„Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein“ – Rudolf Bultmann zur theologischen Aufgabe 1933

20. Mai 2017

Nicht nur Karl Barth hatte im Frühsommer 1933 mit seiner Schrift „Theologische Existenz heute!“ zur theologischen Besinnung im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland aufgerufen. Auch Rudolf Bultmann meldete sich zu Beginn seiner Vorlesung im Sommersemester am 2. Mai 1933 mit seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ zu Wort. Darin heißt es unter anderem:

Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein, und er muss seine Positivität gerade in seiner kritischen Haltung bewähren. Wie kann er das? Weil er nicht nur von Sünde, sondern auch von Gnade weiß. Weil er Gott nicht nur als den Richter kennt, sondern auch als den Erlöser, der durch Jesus Christus seine ursprüngliche Schöpfung wiederherstellt. Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet die Vergebung der Sünde durch die Offenbarung der Liebe Gottes, und sie bedeutet deshalb die Befreiung des Menschen zur Liebe.

Nur wer den jenseitigen Gott kennt, der in Christus sein Wort der Liebe in diese Welt hineinspricht, der vermag sich aus der Verstrickung dieser sündigen Welt zu befreien und einen Blick zu gewinnen, für den die Ordnungen der Welt wirklich als Schöp­fungsordnungen erkennbar sind, deren er sich dankbar zu freuen hat, in denen er still zu leiden hat, in denen er als Liebender zu wirken hat. Er hat für solches Wirken den kritischen Blick gewonnen, den kritischen Blick gegenüber den lauten Forderungen des Tages, indem er das Gute und das Böse in ihnen misst an der Frage, ob und wieweit in ihnen das Gebot der Liebe durchgeführt werde. Den kritischen Blick aber auch sich selbst gegenüber, ob sein Tun ein selbstloser Dienst sei.

Solcher kritische Blick wird das Werben und den Kampf für Staat und Volkstum nie zu einem Werben und einem Kampf für Abstrakta werden lassen. Denn wir dürfen uns nicht den Blick dafür verschleiern lassen, dass Staat und Volkstum aus konkreten Menschen bestehen, die unsere Nächsten sind. Volkstum birgt ebenso wie Menschen­tum die Gefahr, aus einem Konkretum zu einem Abstraktum zu werden! Ist unser Kampf für das Ideal des Volkstums der Kampf für ein Abstraktum oder für eine konkrete Realität? Das Kriterium für jeden unter uns ist doch dieses, ob er bei seinem Kampfe wirklich getragen ist von der Liebe, die nicht nur in eine Zukunft blickt, in der sie ihr Ideal verwirklichen will, sondern die auch den konkreten Nächsten sieht, der in der Alltäglichkeit des Lebens gegenwärtig mit uns verbunden ist. Wohl gibt es Härten in jedem Kampf, und es fallen Opfer. Das Recht, Opfer zu fordern und Härte zu üben, hat nur der, der in denen, die getroffen werden, die Nächsten sieht! Er wird die Art und Weise und die Grenze seines Handelns dann finden. Nur der kann seinem Volkstum echt dienen, der durch den Empfang der Liebe Gottes in Christus zur Liebe befreit ist.

Der vollständige Text seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ findet sich hier als pdf.

„Bist du gegenüber dem Wort vom Kreuz abgebrüht“ – Luthers Fragen an uns Theologen (nach Oswald Bayer)

18. Mai 2017

Oswald Bayer bei einem Gastvortrag am Luther Seminary, St. Paul (2011)

Oswald Bayer hat wie kaum ein anderer systematischer Theologe die Gegenwartsrelevanz der Theologie Martin Luthers dargestellt. Zeugnis dafür ist insbesondere sein Buch Martin Luthers Theologie: Eine Vergegenwärtigung. Von ihm stammt der Text „Luthers Fragen“, der es im Hinblick auf das Reformationsjubiäum in sich hat:

Luthers Fragen

Die Einsichten des Reformators müssen von evangelischen Christen immer wieder neu gewonnen werden.

Von Oswald Bayer

Zwar ist der Frage nach Luthers Aktualität im weltgeschichtlichen Horizont gerade aus theo­logischen Gründen größte Aufmerksamkeit zu widmen. Doch kann dies in theologischer Verantwortung nur geschehen, wenn zuvor Klarheit über das „Reformatorische“ gewonnen ist. Diesem ersten Schritt dienen die folgenden Fragen, die mir Luther gestellt hat und die ich ohne ihn in dieser Radikalität und Schärfe wohl kaum gehört hätte. Die Theologie Luthers und der Bekenntnisschriften, zu der ja maßgebende Lutherschriften gehören, stellen diese Fragen jeder und jedem evangelisch Getauften, in besonderer Verantwortung aber denjenigen, die professionell dem göttlichen Wort und damit dem Menschen dienen. Luthers Aktualität und Brisanz erweisen sich in der Antwort, die wir auf diese Fragen geben – Fragen, die eine norma normata einschließen, die freilich immer durch die norma normans, die Bibel als Heilige Schrift, zu prüfen ist (BSLK 769,19-35). Sie dürften zeigen, dass wir Luthers Ein­sichten noch keineswegs eingeholt, geschweige denn überholt haben, ja, dass wir sie weitge­hend verloren haben und in den gegenwärtigen Kontexten neu gewinnen müssen.

  1. Lässt du dich in den Dienst nehmen, im Namen – mithin in der Stellvertretung – des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes angesichts des Letzten Gerichts die Gewissen zu schärfen und zu trösten, also Gesetz und Evangelium zu predigen?

Des Näheren:

  1. Ist Gal 3,13 der Dreh- und Angelpunkt deiner theologischen Orientierung?
  2. Arbeitest du dementsprechend am Begriff der Gewissensfreiheit, die theologisch grund­legend Christusfreiheit ist (Freiheit vom Gesetz, Freiheit in Christus, Freiheit zur Erfüllung des Gesetzes), strikt unterschieden von politischer Gewissensfreiheit, die in den Bereich der iustitia civilis gehört und dort (!) nicht hoch genug geschätzt werden kann.
  3. Bist du gegenüber dem Wort vom Kreuz abgebrüht oder spürst du, dass es „bisher noch niemals und nirgendwo … etwas gleich Furchtbares, Fragendes und Fragwürdiges gegeben hat“ (Nietzsche), so dass seine Ablehnung als Eselei und Skandal (1Kor 1,23) menschlich verständlich, aber eben „satanisch“ (Mk 8,33),
  4. seine Annahme jedoch als Gotteskraft das Wunder des Heiligen Geistes ist?
  5. Lässt du dich in der Christologie konsequent durch die Lehre von der Idiomenkommuni­kation leiten, wonach der ohnmächtige Mensch am Kreuz kein anderer ist als der allmächtige Gott, der Herr der Herrlichkeit (1Kor 2,8)?
  6. Wagst du es, den von dir im Namen Gottes gegebenen Zuspruch der Freiheit als Gottes eigenes Wort zu respektieren und zu lehren, „dass man die Absolution oder Vergebung von dem, der die Beichte hört, als von Gott selbst empfange und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel“ (BSLK 517,13-17)?
  7. Bleibst du dabei, in der Feier des Abendmahls Gottes dem Glauben zuvorkommende Zusage vom nachfolgenden, antwortenden Dankgebet zu unterscheiden (WA 6, 522,30-34 u.ö.), mithin das Abendmahl nicht als ganzes zu einer Eucharistie zu machen und auf diese Weise das Katabatische im Anabatischen untergehen zu lassen?
  8. Ist dir durch und durch bewusst, dass die Predigt des Evangeliums die gleiche Sprachhand­lung ist bzw. sein soll wie Taufe, Absolution und Abendmahl, also nicht informieren, fordern oder darstellen soll, mithin nicht Aussage, Appell oder emotionaler Ausdruck sein kann, son­dern zusagen und geben, geben und nochmals geben soll, Zusage und Gabe ist,
  9. dass nur dann, wenn das Wort als Zusage und Gabe wahrgenommen wird, der Glaube wahrhaft Glaube sein kann?
  10. Gilt als Kriterium für die Gestaltung des Gottesdienstes die „Torgauer Formel“, wonach in ihm nichts anderes geschehen soll, als „dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“ (WA 49, 588,16-18)?
  11. Gilt also als Kriterium die Korrespondenz von Wort und Glaube, weil „Gott mit den Men­schen nie anders zu tun gehabt und zu tun hat als mit im Wort der Zusage und wir unsererseits mit Gott nie anders zu tun haben als im Glauben an das Wort seiner Zusage“ (WA 6, 516,30-32)?
  12. Tröstet dich der – keineswegs zynische, wohl aber demütige – Antidonatismus, dass die Geltung und Wirksamkeit des Wortes Gottes „weder von der Würdigkeit dessen abhängt, der es zudient, noch dessen, der es empfängt und aufnimmt („nec pendere ex dignitate ministri aut sumentis“: BSLK 65,37f)?
  13. Bringst du realistisch, ausdrücklich und eingehend zur Sprache, was der Erfahrung der Zusage Gottes widerspricht, so dass im Gottesdienst und in anderen Formen der Seelsorge der Klage – den Klage- und Rachepsalmen sowie dem Buch Hiob – Raum gegeben wird?
  14. Bist du so ehrlich und redlich, die Anfechtung, wenn sie kommt, nicht zu verkennen und zu verdrängen, sondern sie einzugestehen und – gegen den in die Versuchung führenden Gott (Gen 22,1) zu Gott fliehen (ad deum [revelatum] contra deum [absconditum] confugere: WA 5, 204,26f) – auszuhalten?
  15. Ist deine theologische Existenz durch oratio, meditatio und tentatio bestimmt, also da­durch, daß du, von der Anfechtung getrieben, betend in die Heilige Schrift hineingehst und von ihr ausgelegt wirst, um sie andern Angefochtenen auszulegen, so dass auch sie betend in die Heilige Schrift hineingehen und von ihr ausgelegt werden?
  16. Gehört insbesondere das Psalmengebet zu deinem Alltag?
  17. Ist deine theologische Existenz (s. Frage 16) konstitutiv seelsorglich und also durch das gegenseitige Gespräch und die gegenseitige Stärkung des Lebensmutes (mutuum colloquium et consolatio fratrum [et sororum]: BSLK 449,12f) im Horizont des Letzten Gerichts (s. Frage 1) geprägt?
  18. Ist dir, weil der Glaube durch das Hören kommt, die Freude an der Sprache und die Sorge um sie zur zweiten Natur geworden, so dass dir die Fragen der Bildung und Kultur lebensnot­wendig sind?
  19. Bist du davon durchdrungen, dass die Katholizität der Kirche wesentlich in der Fürbitte „für alle Menschen“ (1Tim 2,1) besteht und es, wenn du mit dem Herzen und dem Mund vor Gott bei den anderen bist, nicht ausbleiben kann, dass du mit den Händen und Füßen vor der Welt bei den anderen, fremden bist – so, dass der Liturgie der Kirche ihre Diakonie ent­spricht?

Oswald Bayer lehrte zuletzt als Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch- theologischen Fakultät. Unter anderem ist er Autor des Buches „Martin Luthers Theologie: Eine Vergegenwärtigung“.

Quelle: theologie, Nr. 19, 1. April 2015, 3f.

Hier die englischsprachige Fassung „Twenty Questions on the Relevance of Luther for Today„.

„Luther kommt für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage“ – Albrecht Beutel über Luthers Freiheitsverständnis

11. Mai 2017

Kurz und knapp beschreibt Albrecht Beutel in seinem Lexikonartikel über Martin Luther (Metzler Philosophen Lexikon), wie Luther Freiheit verstanden wissen will:

Auf dem Höhepunkt seines theologischen Aufbruchs, 1520, hat Martin Luther eine Reihe von – vielfach allgemeinverständlichen – reformatorischen Hauptschriften verfasst, deren bekann­teste und am meisten rezipierte Von der Freiheit eines Christenmenschen handelt. Trotz des Gleichklangs der Vokabeln kommt Luther jedoch für die Vaterschaft des neuzeitlichen Frei­heitsgedankens kaum ernstlich in Frage. Er selbst wollte nur den paulinischen Ruf der Freiheit erneuern. Darin wird zweierlei deutlich: Die Freiheit, um die es Luther geht, ist nicht als menschliches Vermögen bzw. als ontologische Verfassung gedacht, sondern als eine Freiheit, in die sich der Glaube an Christus versetzt sieht. Und: Nicht eine allgemein menschliche, sondern die christliche Freiheit hat Luther im Blick. Sein Anliegen fasst er in die Doppelthese zusammen: »Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yder­mann unterthan«. Die beiden Sätze beziehen sich asymmetrisch aufeinander. Denn die Reihenfolge von der Freiheit zur Dienstbarkeit ist unumkehrbar. Und während sich das Knecht-Sein auf das Verhältnis zu den anderen Menschen bezieht, gilt das Herr-Sein nur in Bezug auf die Dinge, nicht auf die Men­schen. Die Dialektik von Herr und Knecht ist darum nicht gemeint, ebenso wenig die von Seele und Leib. Vielmehr ist in beiden Sätzen vom gan­zen Menschen die Rede: Zuerst in seinem Verhältnis zu Gott, dann in dem zu den Menschen. Der Glaube, will Luther sagen, befreit den Menschen aus dem Zwang zur Selbstermächtigung, und er macht ihn frei zum Dienst an den Nächsten. Kurz: Er ist frei aus Glauben zur Liebe. Die damit gesetzte Freiheit hat ihren Ort zwischen Gott und Mensch; sie lässt sich nicht zu einem menschlichen Hand­lungsbegriff säkularisieren. Die Freiheit, die Luther meint, ist die Freiheit des Gewissens, nun aber wieder in exklusiv theologischem und darum gerade nicht neuzeitlichem Sinn. Für ihn ist die Gewissensfreiheit nicht Ausdruck der Autonomie des Menschen. Das Gewissen ist darin frei, daß es sich in Gott gebunden und darum den Zumutungen anderer Mächte enthoben weiß.

„Am Christentum ist das Interessanteste seine Ohnmacht“ – Franz Overbeck über das Religionsproblem der Gegenwart

10. Mai 2017

Franz Overbeck (1837-1905)

In dem aus Karteizetteln Franz Overbecks von Carl Albrecht Bernoulli ausgewählten und herausgegebenen Nachlaßband „Christentum und Kultur“ (1919) findet sich ein Abschnitt „Das Religionsproblem der Gegenwart“, der mit folgenden Worten beschlossen ist:

„Am Christentum ist das Interessanteste seine Ohnmacht, die Tatsache, daß es die Welt nicht beherrschen kann.
Das Christentum will uns Menschen helfen und verdient schon darum unsern Haß nicht, auch wenn es das Vermögen dazu, uns zu helfen, nicht hätte. Dieses Vermögen aber hat es ohne Zweifel nicht, und wäre es auch nur aus dem Grunde, weil es uns allen Ernstes auf die Letzten Dinge, d. h. über uns selbst hinaus verweist und damit nur Todesweisheit ist.
Um an das Christentum zu glauben, wissen wir zuviel davon, und um im Sinne der Kirche davon zu wissen, beruht zuviel davon nur auf Glauben.“

Der vollständige Text dieses Abschnitts findet sich hier als pdf.

 

Versinkende Kirche – Novoflot und der wirkliche Luther

10. Mai 2017

„Novoflot-Kirche“ (Foto Falko Siewert)

Da kann man den Kunstatheisten der Opernkompanie Novoflot nur gratulieren, die Ende April schlagzeilenträchtig am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin neben der Volksbühne ein versinkendes Holzkirchengebäude temporär errichtet hatten. Als Motto wurde dazu ein vermeintliches Luther-Zitat ausgegeben: „Wo Gott eine Kapelle baut, da baut der Teufel eine Kirche daneben.“ Im Original (Rörer-Nachschrift der Predigt vom 22.7. 1526 über Mt 7,15-23) heißt es umgekehrt: „Wo Gott eine Kirche baut, da baut der Teufel eine Kapelle daneben.“ (Mühlhaupt, Luthers Evangelien-Auslegung 2, Göttingen 1973, 237)

In Sachen versinkende Kirchtümer ist Luther radikaler, wenn es in seiner Kirchenpostille von 1522 (Epistel zum Stephanstag, Apg 6,8-14) heißt: „Es gibt keine andere Ursache zum Kirchbau als den einen Grund, dass die Christen mögen zusammenzukommen, bitten, die Predigt hören und die Sakramente zu empfangen. Und wo diese Ursache aufhört, sollte man dieselbe Kirche abrechen, wie man das bei allen anderen Häusern tut, die nicht mehr genutzt sind. (Denn keyn ander ursach ist kirchenn zu bawen, ßo yhe eyn ursach ist, denn nur, das die Christen mugen tzusammenkommen, bitten, predigt horen und sacrament empfahen. Und wo diesselb ursach auffhoret, sollt man dieselbe kirche abbrechen, wie man allen anderen hewßern thut, wenn sie nymmer nütz sind).“ (WA 10/I 1, Seite 252)

 

„Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren“ – Was Karl Barth zum Reformationsjubiläum 2017 zu sagen hat

7. Mai 2017

Verpflichtungserklärung für Pfarrer/Mitglieder des Pfarrernotbundes

Karl Barth hatte am 30. Oktober 1933 in Berlin vor Mitgliedern des Pfarrernotbundes einen Vortrag „Reformation als Entscheidung“ gehalten (siehe dazu Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. v. Eberhard Busch, Zürich: TVZ 1998), dessen Ausführungen in Sachen Kirche der Reformation für das Reformationsjubiläum 2017 unverändert gelten:

Es handelt sich in der reformatorischen Lehre von der heiligen Schrift als dem einzigen Zeug­nis wirklicher und maßgeblicher Offenbarung Gottes um die einfache Erkenntnis: Gott ist von uns Menschen da zu finden, wo es ihm gefallen hat, uns zu suchen. Also nicht da, wo wir mei­nen, ihn von uns aus suchen zu können: nicht im Bereich unserer eigenen Möglichkei­ten, ob sie nun Vernunft oder Erfahrung, Natur oder Geschichte, inneres oder äußeres Univer­sum heißen mögen. Nicht da, wo wir in unserer Weisheit über ihn meinen reden zu sollen, sondern da, wo er in seiner Weisheit zu uns geredet hat. Und er hat zu uns geredet, einmal für allemal. Und von diesem Perfektum: Deus dixit zeugt die heilige Schrift und nur sie. Darum kann und darf die Verkündigung der christlichen Kirche in keinem Sinn eine Philosophie, d. h. eine Entwicklung irgend einer selbstgefundenen Welt- und Lebensanschauung sein. Darum ist sie gebunden als Schriftauslegung. Alle andere Lehre hat in der Kirche kein Recht und keine Verheißung. Diese reformatorische Lehre von der heiligen Schrift ist sofort ver­ständlich für den, der versteht: sie redet von der endgültig gefallenen Entscheidung her. Sie sagt, daß, nach­dem Gott uns gesucht hat im Wunder seiner Herablassung in Jesus Christus, dessen Zeugen die Propheten und die Apostel sind, alle unsere Bemühungen, ihn von uns aus zu finden, nicht nur gegenstandslos geworden, sondern als in sich unmöglich hingestellt worden sind. Nach­dem Gott zum Menschen geredet hat, hat der Mensch ganz schlicht keine Zeit mehr, sich selber über Gott unterrichten zu wollen. Von der gefallenen Entscheidung her konnte die Lehre von der heiligen Schrift tatsächlich nicht anders lauten als so, wie sie von den Reforma­toren in großer Härte aber auch in noch größerer Freudigkeit vorgetragen worden ist. Von der gefallenen Entscheidung her konnte und kann eben nach irgend einer natürlichen Theologie auch nicht das geringste Bedürfnis bestehen. […]

Das ist aber der Liberalismus in der Kirche: man wählt den Glauben, aus Gründen, mit Ernst und Überzeugung, aber man wählt ihn als eine seiner eigenen Möglichkeiten. Man bekennt sich zu ihm, aber man will doch die vielen anderen Möglichkeiten neben dem Glauben auch nicht übersehen, die man ja in derselben Freiheit auch wählen könnte. Man hat grundsätzlich doch noch oder doch wieder Zeit für sie. Man will gewiß Gott und nur Gott dienen, aber man will das nun doch wieder von jener höheren Warte aus tun, von der aus gesehen auch der Dienst Mammons eine ernste Möglichkeit ist. Es triumphiert, auch und gerade indem man nun doch Gott dienen will, die eigene Freiheit, in der man grundsätzlich in der Mitte steht. Diese Mitte wird behauptet. Man hat Zeit zum Vergleichen, zum Erwägen, kurz, Zeit für sich selber. Und in diesem grundsätz­lichen Zeit-haben für sich selber und seine eigenen Möglichkeiten will man nun auch den christlichen Glauben verstehen und bekennen, erklären und verkündigen. Das heißt aber: man versteht und bekennt, man erklärt und verkündigt ihn nun in Beziehung zu demjenigen Ver­ständnis seiner selbst und seiner eigenen Möglichkeiten, für das man gerade Zeit hat, m. a. W. das gerade zeitgemäß ist. Man muß ihn verstehen in Beziehung zur Moral, so sagte man einst, dann: in Beziehung zur Vernunft, dann: in Beziehung zur Humanität, dann: in Beziehung zur Kultur und heute bekanntlich: in Beziehung zu Volkstum und Staat. Man hat als Kind dieser oder jener Zeit, als Genosse ihrer Geschichte, ihres Geistes, ihrer besonderen Meinungen und Überzeugungen diese oder jene Bestimmung des Menschen bejaht und ergriffen als die der­zeit allein richtige und der Glaube – nun, der Glaube muß nun unter allen Umständen in Beziehung stehen zu dem so bestimmten Menschen. Sonst würde er ja wohl – und das gehe doch nicht, so meint man jetzt seufzen zu müssen – „im luftleeren Raum“ sich befinden. Daß er in jener Beziehung stehen muß, d. h. daß er unter allen Umständen ein moralischer oder ein vernünftiger oder ein humanitärer oder also heute ein volksmäßiger Glaube sein muß, das ist in aller Stille merkwürdig gewiß und wichtig geworden. Muß man nicht sagen: ebenso gewiß und wichtig wie das andere, daß er Glaube sein muß? Ja, muß man nicht vielleicht sagen: noch viel gewisser und wichtiger als dieses andere? Offen herausgefragt: Was ist in solchen Zeiten sicherer und notwendiger, die Beziehung des Glaubens zur Moral, zur Vernunft, zur Humanität, zur Kultur, zu Volkstum und Staat, kurz, zum Menschen in irgendeiner der Bestimmungen, die er sich selbst gibt – oder der Glaube selber? Das ist jedenfalls sicher, daß alles Interesse, aller Eifer, alle Leidenschaft in solchen Zeiten diesen Beziehungen des Glau­bens gilt, nicht dem Glauben selbst, nicht seinem Bekenntnis. Der Glaube und das Bekenntnis pflegen dann wohl als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden! Es braucht dann nicht einmal so zu sein, daß der Glaube in dieser Gegenüberstellung gleich den Kürzeren zieht. Es braucht nur so zu sein, daß die beiden Notwendigkeiten wie die Balken einer leeren Waage sich im Gleichgewicht gegenüberstehen; der Mensch in seiner Freiheit aber sich selbst als das Zünglein an der Waage verstehen darf. Auch und gerade dann ist der Glaube selbst ein ande­rer geworden. Er ist nun diskutabel geworden wie die anderen Möglichkeiten, für die sich der Mensch entscheiden kann, diskutabel deshalb, weil ja nun die Beziehung zu diesen ande­ren Möglichkeiten, in die man ihn setzen will und damit diese anderen Möglichkeiten selbst seine eigenen Bedingungen werden. Frei ist er nun nicht mehr. Er kann nun nur noch sein, was er vermöge der Freiheit des Menschen und was er in jener Beziehung sein kann. Mag er noch immer ein höchst orthodoxer Glaube sein – es hat schon im 18. Jahrhundert eine pracht­volle Orthodoxie gegeben, die sich in dieser Lage befand – so ist er doch eingesehen von seinem Gegenüber her, gemessen an ihm, verpflichtet, Antwort zu geben auf die Fragen, die ihm von dorther gestellt, Genüge zu tun den Anliegen, die ihm von dorther entgegengebracht werden. Tut er das nicht, erweist er sich nicht als moralisch, als vernünftig, als völkischer Art und Aufgabe entsprechend, dann droht ihm schon heimlich die Kündigung. Er ist nun ein viel­leicht sorgfältig und eifrig gepflegter aber eben doch ein domestizierter, ein gefangener und in fremden Dienst gestellter Glaube geworden. Und das um so mehr, wenn der Mensch in seiner Freiheit sich herausnimmt, jene dem Glauben gegenübergestellten menschlichen Möglichkei­ten ihrerseits mit religiösem Glanz zu umgeben, sie auf eine göttliche Uroffenbarung zurück­zuführen, sie mit der Ordnung der Schöpfung zu identifizieren oder noch höher hinauf: mit dem Gesetz Gottes oder schließlich ganz direkt mit dem heiligen Geist, der ja bekanntlich in uns allen lebe. Ist der Mensch wirklich in der Lage, seine eigene Bestimmung, so wie er sie zu verstehen meint, als Wort Gottes aufzufassen, wie sollte dann das Wort Gottes, das er im Glauben zu vernehmen meint, auf die Länge zu ihm dringen als Gottes Wort, wie sollte es ihm dann auf die Länge etwas anderes sein können als wiederum ein Wort, das er zu sich selber sagt, das er darum gestaltet entsprechend dem, was er sich selber zu sagen hat oder zu sagen wünscht. Er ist ein anderer geworden, dieser Glaube, der sich von Vernunft, von der Kultur, von Volk und Staat her hat Schach bieten lassen, der sich nur noch in diesem Gegen­über vernehmen lassen kann. Er wird sich – von jenem anderen Ursprung her verstanden und bekannt, erklärt und verkündigt – auch beim besten Willen darstellen und erweisen als derje­nige Glaube, in welchem der Mensch Gott und dem Mammon dienen kann und dann auch tatsächlich dienen muß. Die der Reformation entgegengesetzte Richtung ist, wo man sie ein­mal eingeschlagen hat, früher oder später noch immer darin sichtbar geworden, daß man der Reformation im Glauben und im Leben tatsächlich ganz fremd werden mußte. „Fällt der Man­tel, so muß der Herzog nach!“ Hat man jene Richtung einmal verloren, dann wird man auf die Länge auch vergeblich orthodox sein wollen. Wie sollte man dann, um nur die vier erwähnten Punkte nochmals zu nennen, in Sachen der Autorität der heiligen Schrift, in Sachen der Erb­sünde, in Sachen der Rechtfertigung, in Sachen der Prädestination noch so lehren können, wie es die Reformatoren getan haben? Wird man ihre Lehre, die so von ganz anderswoher kam, dann überhaupt noch verstehen können? Wird sie einem nicht notwendig, zuerst heimlich und dann offen, absurd erscheinen müssen? Wird man sie nicht auf der ganzen Linie umbiegen und abschwächen müssen – bis sie ungefähr wieder so lautet, wie sie im Katholizismus, von dem die Reformation ausgegangen war, gelautet hatte und bis heute lautet? Ist die Trennung vom Papsttum dann noch rechtmäßig und notwendig? Wir können nur sagen: Ja, so haben sich die Dinge noch immer abgewickelt, wo man die reformatorische Richtung, die der Frei­heit Gottes genug tun wollte, verloren hatte zugunsten der anderen Richtung, die der Freiheit Gottes und der Freiheit des Menschen miteinander genug tun will, um im Ergebnis allein der Freiheit des Menschen genug zu tun. Es entsteht dann wirklich etwas ganz, ganz anderes: ein anderer Glaube, ein anderer Christus, eine andere Predigt, ein anderer Geist, eine andere Kir­che. Mag man dann streiten darüber, ob man diese andere Kirche lieber als Humanitätskirche oder lieber als Volks- oder Staatskirche aufziehen will, ob sich ihre Predigt besser am einzel­nen oder besser an der Gemeinschaft orientiert. Unnützer Streit! Die Kirche der Reformation wird sie, die nicht aus der Entscheidung für den christlichen Glauben, nicht aus dem Worte Gottes geboren ist, so oder so nicht mehr sein, sondern so oder so eine Kirche der heimlich oder auch offen triumphierenden natürlichen Theologie, des Optimismus, der Werkgerechtig­keit, des menschlichen Übermuts, der nie größer ist als wenn er auch noch religiös wird – eine Parallele zum Papsttum trotz alles antirömischen Geschreis, das man in ihren Hallen da und dort noch immer vernehmen wird.

Karl Barth liest in der von Wilhelm Stapel herausgegebenen Monatszeitschrift „Deutsches Volkstum“, eines der führenden antisemitischen Organe der Weimarer Republik, das schon 1931 auf vermeintlich christlich-protestantischer Grundlage für den Nationalsozialismus eintrat.

Es läßt sich nicht scherzen mit der Reformation. Es ist gewiß angebracht, sich ernstlich zu fragen, ob die Reformatoren mit ihrer Neubegründung der Kirche nicht etwas gewagt haben, was sie nicht hätten wagen sollen, weil die europäische Menschheit diesem Wagnis nicht gewachsen war. Ob sie uns nicht ein Erbe hinterlassen haben, mit dem wir, so wie es ist, nichts anzufangen wissen, weil es eine untragbare Zumutung für uns bedeutet, weil es einen Glauben von uns verlangt, den wir nicht aufbringen können, weil es dem nicht gerecht wird, was nun einmal unser Anliegen ist. So kann man allen Ernstes fragen. Und wer die Dinge so meint sehen zu müssen, der stehe dazu als ein ehrlicher Mann und baue die Kirche statt mit den Reformatoren auf den einen Grund Jesus Christus auf den besseren Grund von Offenba­rung und Vernunft, Glaube und Wissen, Evangelium und Volkstum. Auf die Einheit einer so gebauten Kirche mit der Reformation sollte dann aber ebenso ehrlich verzichtet werden. Der Gemeinsamkeit mit dem römisch-katholischen Denken und Wollen dürfte man sich dann nicht mehr schämen. Und Lutherfeiern – ja, Lutherfeiern würden dann ja wohl besser unterlassen werden.

Können wir sie aber nicht unterlassen, wollen wir dennoch und dennoch evangelische Kirche, Kirche der Reformation sein und bleiben, möchten wir ihr Erbe nicht ausschlagen, möchten wir also auch die Reformation selbst nicht anders haben – wirklich als den heute noch leben­di­gen Anfang unserer Kirche nicht anders haben, als so, wie sie nun einmal war – ja, was wird uns dann übrigbleiben, als uns die Richtung, die sie hatte, fragen zu lassen, wie es denn mit der Richtung steht, die wir haben. Die Reformation als Entscheidung wird dann die evangeli­sche Kirche von heute nach ihrer Entscheidung fragen. Und wenn wir ihrer Frage standhalten, dann wird es ja wohl an den Tag kommen, ob es unter uns auch noch so etwas wie eine gefal­lene Entscheidung gibt und darum dann auch legitimes reformatorisches Bekenntnis, reine reformatorische Lehre – oder eben nur noch die Vermittlung und deshalb kein Recht, sich auf die Reformation zu berufen. Und wenn es dann vielleicht ebenfalls an den Tag kommen soll­te, daß es solche gefallene Entscheidung gerade in der heute in der evangelischen Kirche herr­schenden Bewegung nicht geben, daß diese Bewegung nichts anderes sein sollte als die letzte vitalste vollendete Gestalt der großen neuprotestantischen Untreue gegen die Reformation –nun, dann wüßten wenigstens alle die, die dieser Bewegung nicht verfallen sind, eindeutig, was sie zu tun haben. Was haben sie zu tun? Sie haben, gestärkt durch das, was uns die Refor­mation gerade heute zu sagen hat, Widerstand zu leisten. Im Namen der wahren gegen die in Gestalt dieser Bewegung herrschende falsche evangelische Kirche. Und darin wird dieser Widerstand bestehen, daß sie sich im Unterschied zu der herrschenden Bewegung wieder rücksichtslos und fröhlich, wie es vor vierhundert Jahren geschehen ist, hinter die gefallene Entscheidung stellen. Rücksichtslos sage ich: denn wer dieser Bewegung gegenüber nicht etwas ganz anderes will und darum auch tut als sie, der ist hier unbrauchbar. Zwischen der Entscheidung und der Nicht-Entscheidung kann nicht noch einmal vermittelt werden; zwischen Luther und dem Papst, zwischen Luther und den Schwärmern gab es auch keine Vermittlung. Vermittlung könnte hier nur Übergang zum Feind bedeuten. Und fröhlich ist hier Widerstand zu leisten: hinter der gefallenen Entscheidung zieht man nämlich seine Straße fröhlich, und wenn man einer gegen hundert wäre, fröhlich, weil man seinen Gegner nicht zu fürchten hat. Die Sache der heute herrschenden Bewegung ist keine starke Sache. Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren. Er wird nicht schaffen, was er schaffen möchte.

Hier der vollständige Text des Vortrags als pdf.

„Man kann die Theologen die Figaros des Christentums nennen“ – Franz Overbeck über einen Berufsstand

7. Mai 2017

Franz Overbeck (1837-1905), theologischer Außenseiter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hat seinen Berufsstand wie folgt charakterisiert:

Wozu sind Theologen überhaupt gut? Zu Lehrern der Moral taugen sie auf jeden Fall nicht. Zu Lehrern der Religion freilich nicht mehr. Offenbar dazu, um zwischen Moral und Religion zu vermitteln. Zu dieser Vermittlung drängen sie sich, was denn noch ihr bester Titel auf ein Bürgerrecht im Zwischenreich zwischen Religion und Moral sein mag, so zweifelhaft er ist. Die Theologen gelten für unentbehrlich, und das ist nun einmal nahezu gleichviel, als ob sie es auch wären.

Die Theologen sind freilich der Regel nach Christen, doch auf keinen Fall einfache Christen, Menschen, deren Verhältnis zum Christentum ein einfaches und unzweideutiges ist, sondern Diener des Christentums, deren bloße Existenz die Existenz einer Welt neben und außer dem Christentum zur Voraussetzung hat. Sie sind im günstigsten Fall Unterhändler des Christentums mit dieser Welt, und eben darum traut ihnen auch Niemand recht über den Weg, wenn auch die Dinge wohl so liegen können, daß ein großes Interesse besteht, ihnen darüber zu trauen, wie das in diesem Augenblick der Fall sein mag. Aber immer bleibt es dabei, daß sie selbst Unter­händler sind — eine Menschensorte, die ein begründetes Vorurteil gegen sich hat —, dann aber auch dabei, daß das Christentum selbst Unterhändler verschmäht und, da es in seinen Ansprüchen absolut ist, keine Welt neben sich anerkennt. Mit diesem Anspruch aber können sich die Theologen in einer Welt am allerwenigsten decken, welche einen solchen Anspruch nicht anerkennt. Eine solche Welt ist die moderne; anders als kritisch verhält sie sich zum Christentum nicht, und zwar nicht bloß theoretisch, sondern praktisch erst recht. Oder wer dürfte heute noch, ohne sofort der Lächerlichkeit zu verfallen, behaupten, die Welt, in der wir leben, sei eine christliche, d. h. eine vom Christentum beherrschte? Im günstigsten Falle ist diese Welt eine solche, die ihre eigenen Rechte auf das Christentum als eines Stückes, das zu ihrem Besitzstande gehört, nicht preisgeben, sich davon nicht lossagen mag. Ihr können denn die Theologen als Unterhändler sehr hoch im Werte stehen, vielleicht als nahezu unentbehrlich erscheinen, ohne darum doch den Makel des Berufs überwinden zu müssen. Man nimmt die Dienste, die sie anbieten zu können meinen unter Umständen mit verbind­lichstem Danke an, ohne darum den Grundschaden dieser Dienste zu übersehen, daß sie nämlich aus derselben Ecke einer nur relativen Schätzung des Christentums kommen, in der man gemeinhin selbst steht und aus der man sich heraushelfen lassen möchte. Daß uns aber diesen Dienst ein Anderer leistet, der in der allgemeinen Not nur unseres Gleichen ist, zieht begreiflicher Weise eine sehr gebrechliche Erkenntlichkeit nach sich. Am allerwenig­sten kann sich natürlich aus der Mißlichkeit dieser Lage eine Theologie retten, wie die moder­ne, welche eben mit ihrer Modernität in eitler Selbstverblendung und Zudringlichkeit die Not, die sie mit aller Welt teilt, geradezu affichiert und damit, was sie nur zu verbergen Ursache hätte, für Aller Augen heraussteckt.

Man kann die Theologen die Figaros des Christentums nennen. Auf jeden Fall sind die modernen die höchst anstelligen und brauchbaren, aber auch höchst unzuverlässigen Faktoten desselben. Das ist was im Grunde ihres Herzens alle ehrlichen Pietisten von ihnen denken, nur daß Pietisten von Figaros des Christentums nicht zu reden pflegen und auch nicht wohl reden können. Im Stillen ist es doch das eigentliche Bedenken, das sie gegen die moderne Theologie hegen, und daß es nur im Stillen geschieht, ist wiederum das Bedenkliche an ihrer Art, dem Christentum in der Welt zu dienen.

Quelle: Franz Overbeck, Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie, aus dem Nachlass herausgegeben von Carl Albrecht Bernoulli, Basel 1919, 272ff.

„Am Anfang war das Jubeljahr“ – Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor

5. Mai 2017

Plakat zum Reformationsjubiläum 1917

Die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg hat wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass das sogenannte „Reformationsjubiläum“ das Urjubiläum aller historischen Jubiläen sei. So schreibt sie:

„Erfunden wurde das historische Jubiläum von protestantischen Universitäten, die im 16. Jahrhundert begannen, das Gedächtnis ihrer eigenen Gründung an runden Daten festlich zu begehen. Im Jahr 1617 gelang der bis dahin akademischen und lokalen Praxis der Sprung auf die große gesellschaftliche, ja internationale Bühne: mit dem ersten Zentenarium (Jahrhundertfeier) von Martin Luthers Thesenanschlag von 1517, dessen Bedeutung als Schlüsselereignis der Reformation, ja der von ihr geprägten Geschichte überhaupt damit fixiert war. Im Wettstreit zweier evangelischer Fürsten, der Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz, eines Lutheraners und eines Reformierten, die sich durch eine solche Feier als Anführer der Protestanten im Heiligen Römischen Reich profilieren wollten, wurde der 31. Oktober 1617 oder der Sonntag danach zur 100-Jahr-Feier des Anfangs der Reformation. Es war so eindrücklich, dass das Gedächtnis des Thesenanschlags hinfort an vielen Orten alle 100, alle fünfzig, ja schließlich alle 25 Jahre gefeiert wurde.

Dem Erfolg dieser neuen Form des Feierns und Gedenkens konnte sich auch der konfessionelle Gegner nicht entziehen, ebenso wenig Gruppen, die nicht-kirchlicher Ereignisse gedenken wollten. So wurde das Jubiläum schließlich zu dem allgegenwärtigen Element des kulturellen Lebens, als das wir es kennen. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, der Zeit des Historismus, die das Jubiläum ebenso liebte wie das historische Denkmal, fand man überall in der westlichen Welt immer neue Anlässe für festliches historisches Gedenken, wobei man bevorzugt nun auch biografisches, an den Geburts- und Todestagen bedeutender Männer, gelegentlich auch Frauen, festgemachtes Gedenken pflegte. Freilich war solche Bereicherung und Befestigung des kulturellen Gedächtnisses keine bloße Beschäftigung mit der Vergangenheit. Vielmehr feierte jede Epoche im Spiegel des Vergangenen, was sie an Großem und Bedeutendem auf das gefeierte Vergangene zurückführte – und damit, was sie für groß und bedeutend hielt. So wurden die Jubiläen zu gesellschaftlichen Großereignissen, in denen die jeweiligen Zeiten sich selbst inszenierten und die gefeierten Gegenstände von dort aus immer neu in Szene setzten.“ (Im Anfang war das Reformationsjubiläum. Eine kurze Geschichte von Reformationsfeiern und Lutherbildern, Die politische Meinung, Sonderausgabe 4, 2016)

Man müsste präzisierend ergänzen, dass das 100jährige Jubiläum des Thesenanschlags als Zentenarium wiederum durch die Einführung des „Heiligen Jahres“ (annus sanctus) inspiriert gewesen ist, das Papst Bonifatius VIII. 1300 erstmals für Rompilger ausgerufen hatte. Bei Erfüllung bestimmter Bedingungen wird den Gläubigen einen vollständigen Ablass der zeitlichen Sündenstrafen gewährt. Das „Heilige Jahr“ wiederum greift auf das alttestamentliche Jubeljahr (vgl. 3. Mose 25) zurück und überträgt den Charakter des Erlassjahres alle 7 x 7 Jahre (= 49 Jahre) auf den Ablass der Kirche. Etymologisch steckt im „Jubiläum“ (lat. annus jubilaeus) das hebräische jōbel. Das lateinische jubilum (Jauchzen) bleibt dabei außen vor. Ursprünglich sollte nach 1300 das nächste Jubeljahr mit einem Plenarablass wieder nach 100 Jahren folgen; der Abstand wurde aber von päpstlicher Seite im Laufe der Zeit immer weiter verringert. Schließlich galt seit Paul II. 1470 jedes 25. Jahr als „Jubeljahr“.

So schreibt Thomas Kaufmann in seinem Aufsatz „Reformationsgedenken in der Frühen Neuzeit. Bemerkungen zum 16. bis 18. Jahrhundert“ (ZThK 107, 2010, S. 285f):

„Das heute weithin selbstverständlich verbreitete Phänomen, ein historisches Ereignis gemäß einem bestimmten zeitlichen Intervall erinnernd zu vergegenwärtigen und hinsichtlich seiner Bedeutung für die Gegenwart zu reflektieren, d. h. als historisches Jubiläum zu begehen, entstand in kritischer Anknüpfung an die alttestamentlichen Jobel- und die seit 1300 begegnenden päpstlichen Jubeljahre an den protestantischen Universitäten des 16. Jahrhunderts. Die frühesten Beispiele historischer Jubiläen beziehen sich auf Stiftungsfeiern, wie sie die Universität Tübingen 1578, die Universität Heidelberg aus Anlass ihres 200jährigen Bestehens 1587, die Universität Wittenberg anlässlich ihrer 100-Jahr-Feier 1602 und die Universität Leipzig zum 200. Gründungsjubiläum 1609 begingen. Dass die Verwendung des zeitlichen Intervalls eines Jahrhunderts wesentlich durch die historiographischen Innovationen der zeitgenössischen Kirchengeschichtsschreibung, insbesondere die sogenannten Magdeburger Centurien, inspiriert war, besitzt größte Wahrscheinlichkeit. Das Reformationsjubiläum des Jahres 1617 stellt die erste breitenwirksamere außeruniversitäre Feier eines historischen Jubiläums dar. Dass es zu dieser Jubiläumsfeier von ausstrahlender öffentlicher Wirksamkeit kam, ist einerseits konkreten historischen Umständen geschuldet, basiert andererseits auf einer tiefen Verwurzelung der Reformations- und Luthermemoria in der lutherischen Konfessionskultur des 16. Jahrhunderts.“

Man könnte das als Ironie der Geschichte sehen: Der römische Jubiläumsablass von 1300 mit dessen Nachfolgern gibt das Setting für die protestantische Feier eines Reformationsjubiläums vor (zu den weiteren Kohärenzen von Ablass und Reformation siehe Berndt Hamm, Ablass und Reformation, Tübingen 2016).

„Es geht um die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, nicht um die Freiheit aus irgendeiner menschlichen Knechtschaft oder Tyrannengewalt“ – Martin Luther über Galater 5,1

3. Mai 2017

Martin Luther muss für den Protestantismus als Apostel bürgerlicher Freiheit und emanzipatorischer Selbstbestimmung herhalten, als hätte er nie De servo arbitrio geschrieben. Aufschlussreich ist, was Luther in seinem großen Galaterkommentar (1531/35) zur biblischen Schlüsselstelle evangelischer Freiheit, nämlich Galater 5,1 „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ zu sagen hat:

Es geht um die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, nicht um die Frei­heit aus irgendeiner menschlichen Knechtschaft oder Tyrannengewalt, son­dern um die Freiheit von dem ewigen Zorn Gottes. Wo? Im Gewissen. Hier hat unsere Freiheit ihren Ort und will diese Grenzen nicht überschreiten. Denn Christus hat uns nicht in politischer Hinsicht frei gemacht, nicht im Blick auf den äußeren Menschen, sondern theologisch oder in geistlicher Weise; d. h. er hat unser Gewissen frei und froh gemacht, daß es den kom­menden Zorn nicht fürchten muß. Das ist die wahre (unüberbietbar!) und unschätzbare Freiheit, im Vergleich zu deren Größe und Majestät die übrigen Freiheiten (die politischen und auf den äußeren Menschen bezüglichen) kaum ein Tropfen oder ein Tröpfchen sind. Wer kann genug rühmen, was das für eine große Sache sei, wenn einer mit Gewißheit davon sprechen kann, daß Gott weder zornig sei, noch jemals Zorn erzeigen wolle und daß er in Ewigkeit um Christi willen der geneigte und gütige Vater sein werde? Das ist wahrhaftig eine große und unbegreifliche Freiheit, um die Gunst, den Schutz und die Hilfe dieser höchsten Majestät zu wissen und darauf zu hoffen, daß sie uns schließlich auch leiblich befreien werde, so daß unser Leib, der da „ge­sät wird in Vergäng­lichkeit, Schmach und Schwachheit, auferstehen werde in Unvergänglichkeit, in Herrlichkeit und Kraft“ (1.Kor. 15,42f.). So ist es eine unbeschreiblich herrliche Freiheit, größer als Him­mel und Erde und alle Kreaturen: Wir sind frei von dem Zorn Gottes in Ewigkeit.

Hier Luthers ausführlichere Kommentierung zu Galater 5,1 als pdf.

 

„Barmen ist zu einer alten Fahne geworden, die man alle fünf Jahre entrollt“ – Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis

29. April 2017

Nachdem ja die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern nun einen Satz zu Barmen in ihren Grundartikel eingefügt hat („In der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 weiß sie die befreiende und verbindliche Kraft des Evangeliums Jesu Christi aufs Neue bekannt“), die Stimme des Altmeisters Karl Barth in Sachen Barmen-Gedächtnis:

An Pfarrer Arnold Bittlinger,
Klingenmünster (Pfalz)

Basel, 4. Februar 1964

Sehr geehrter Herr Pfarrer!

Sie waren so freundlich, mich in Ihrem Brief vom 20. Januar zu einem Vortrag im Rahmen der auf den Herbst vorgesehenen Evangelischen Woche einzuladen. [Vorgesehenes Generalthema: «30 Jahre Barmer Bekenntnis». Barth sollte über die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung sprechen.]

Indem ich das in mich gesetzte Vertrauen zu schätzen weiß, muß ich Ihnen doch sagen, daß ich aus äußern und innern Gründen nicht in der Lage bin, Ihrem Wunsche zu entsprechen. [Am Vortag, 3.2.1964, hatte Barth die Einladung, zu demselben Jubiläum einen Artikel zu schreiben, mit ähnlicher Begründung abgelehnt.]

Vorträge dieser Art lagen mir nie so recht, und jetzt bei deutlichem Abnehmen meiner physischen Mobilität erst recht nicht. Es kommt dazu, daß es mich nicht eben freut, daß Barmen, statt daß auf seiner Linie gedacht, geredet, gehandelt und gelebt wird, zu einer alten Fahne geworden ist, die man alle fünf Jahre entrollt, vor den Augen der kaum interessierten Jugend ein bißchen hin und her schwenkt und dann wieder in die Mottenkiste versorgt. Das mag ich nicht unterstützen. Wenn Barmen wieder einmal eine lebendige Sache werden wird, dann werden, ihrerseits in einem ähnlichen Aufbruch begriffen wie wir damals, jüngere Menschen dazu das Wort ergreifen.

Ich bitte Sie herzlich, das freundlich zu verstehen und mich für entschuldigt zu halten.

Mit den besten Grüßen und Wünschen

Ihr Karl Barth
Quelle: Karl Barth, Briefe 1961-1968 (GA V.6).