Archive for the ‘Protestantismus und Religionismus’ Category

„Man macht unserer Kirche ja den Vorwurf, daß wir eben das Kirchenvolk in die Kirche hineintaufen und es dauernd zum Objekt machen“ – Landesbischof Martin Haug gegen den staatlichen Einzug der Kirchensteuer

11. Januar 2018

Das hat es im Nachkriegsdeutschland tatsächlich gegeben, ein Landesbischof, der sich deutlich gegen den staatlichen Einzug der Kirchensteuer gestellt hat – Martin Haug, der von 1948-1962 als württembergischer Landesbischof amtierte. Dankenswerterweise hat Pfarrer i.R. Helmut Sigloch (von 1959-1962 persönlicher Mitarbeiter von Haug) mit seinem Büchlein „Macht die Gemeinde stark. Landesbischof Martin Haug“ darauf aufmerksam gemacht. So sei aus zwei Stellungnahmen des Bischofs auf den Sitzungen des Evangelischen Landestages 1950 und 1954 zitiert:

» … und das ist mir das allerwichtigste: Ich bitte um eine Entscheidung, die das bewußte, persönliche Christentum, die bewußte, persönliche und aktive Mitglied­schaft der Kirche stärkt und nicht schwächt, die die Aktivität fördert und nicht die Passivität. Der Unterschied, ob ich einen Kirchensteuer-Zettel bekomme und einen Dauerauftrag gebe oder jährlich einmal zahle — oder ob es mir abgezogen wird, ist selbstverständlich relativ. Aber es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich selbst auch nur einen Finger dazu regen muß oder ob das auch wieder aufhört. Man macht unserer Kirche ja den Vorwurf, daß wir eben das Kirchenvolk in die Kirche hineintaufen und es dauernd zum Objekt machen. Machen Sie bitte auch in finanziellen Dingen unsere Kirchenglieder je länger je mehr, was an uns liegt, zum Subjekt auf die Gefahr hin, daß vielleicht nicht wenige — ich bekomme ja viele Drohungen — wenn wir ernst machen die Kirche verlassen. Ich würde das sehr schwer nehmen und nehme es in jedem einzelnen Fall schwer. Aber ich würde das leichter nehmen, als daß wir sie auf diesem Weg allein festhalten. […] Wie kommen wir weiter auf dem Wege, auf den uns Gott gestellt hat, von der Staatskirche zur lebendigen Gemeinde? Wir sind auf diesem Wege. Wir sind noch nicht die lebendige Gemeinde und nicht die lebendige Kirche. Wenn wir uns das einbilden sollten, dann würden uns die Kirchensteuerproteste täglich daran erinnern, aber wir sind auf dem Wege und wir sollen auf diesem Weg bleiben und vorwärts gehen und nicht zurück. In diesem Sinne bitte ich, uns zu helfen in dieser Geldfrage, die nicht unsere größte Sorge ist. Es ist die Sorge, daß Gottes Reich unter uns Menschen werde«.

Auch als 1954 der staatliche Einzug der Kirchensteuer im Lohnsteuerabzugsverfahren praktisch entschieden war, hielt Martin Haug dagegen:

»Es ist im Oberkirchenrat niemand, der nicht die Volkskirche bejaht. Aber wir sind der Meinung, die Volkskirche in der heutigen Zeit ist etwas anderes, als die in der Zeit des Herzog Christoph. Die Volkskirche hat heute eine ganz große missionarische und diakonische Aufgabe an unserem Volk. Es ist die Verpflichtung, unser ganzes Volk, jedermann, den wir erreichen können und der nicht durch Anschluß an die katholische Kirche oder an irgendeine ganz andere Religions­oder Weltanschauungsgemeinschaft sozusagen sich schon von uns verabschiedet hat, also jedermann vor die Frage zu stellen, ob er sich nicht mit uns um Christus scharen will. Das können wir nicht mehr machen mit ein paar Pfarrern und mit einem Oberkirchenrat und ein paar Dekanatämtern, sondern das machen wir nur, wenn wir viele, viele Glieder unserer Volkskirche, die auf Jesus Christus getauft sind, zu bewußten Christen erziehen, wenn wir sie auf ihre Kirchenzugehörigkeit ansprechen, die gegeben ist damit, daß sie als Kinder getauft sind und, liebe Brüder, es ist eine schwere Verantwortung, heute die Kindertaufe zu vertreten. Ich vertrete sie. Aber ich vertrete sie mit dem, was dazu gehört, mit der Verpflichtung, dieses Getauftsein ernst zu nehmen und die Glieder der Volkskirche, diese Glieder, die als Kinder getauften Volkskirchenglieder, auf ihre Kirchenzugehörigkeit unmittelbar fortgesetzt anzu­sprechen. Sie mögen selbst zur Kirche stehen, wie sie wollen; ich nehme sie als Glieder der Kirche. Es geht mir dabei nicht um die Kirchensteuer in erster Linie. Das ist das Furchtbare, daß uns dies jetzt vorgeworfen wird, wie wenn wir meinten, mit der Kirchensteuer diese Lage retten zu können. Es geht mir darum, daß ich in unmittelbarer Verbindung mit den Gliedern der Kirche bleibe auch in dieser Frage, daß die Bitte um die Entrichtung des Beitrags zu der Kirche an die, die zur Volkskirche gehören, von der Kirche selbst an den Mann und die Frau herangetragen wird, und daß der Kirchensteuerpflichtige, wenn er etwas zu bemerken hat dazu, mit der Kirche in Berührung kommt.

Sehen Sie, ich komme sonst auch nicht durch bei meinem anderen Dienst; einmal werde ich vor die Arbeiter gestellt, das andere Mal vor Bauern, das dritte Mal vor Fabrikanten. Da lade ich Glieder der evangelischen Kirche ein und nehme sie als Glieder der evangelischen Kirche. Es könnte nämlich sonst dahin kommen, daß wir wohl einmal das Geld haben, aber nicht die Menschen, die mit diesem Geld dem Evangelium dienen. Und mit dieser Erziehung zu einem bewußten, persönlichen, aktiven Christentum hat auch unser Kirchensteuersystem etwas zu tun, das seit 1924 in der Württ. Landeskirche, jetzt genau 30 Jahre lang, besteht. Und um dieses auch geht es mir. Es ist schwierig, auf einem Gebiet das aufzugeben und auf den anderen Gebieten es vorwärtszutreiben. Und ich möchte bitten, daß der ganze Krampf retten wollten, und daß Sie mit mir helfen, daß möglichst viele mit uns die Dinge in diesen Zusammenhängen sehen.

Es ist nun freilich eine ganz gewaltige Erschwerung, daß wir mit diesem Aspekt allein dastehen unter den westdeutschen Landeskirchen und ich bin der letzte, der sich als württembergischer Christ deshalb irgendwie aufspielen wollte. Das ist mir gründlich vergangen. Das wird niemand weniger tun als der württembergische Landesbischof. Aber ich komme nicht darum herum, daß es mir nicht wohl dabei ist, daß die übrigen westdeutschen Landeskirchen zunächst im Jahr 1948 gesagt haben, der Währungsschnitt zwinge sie zu dieser ‚Notmaßnahme‘ des Lohnsteuerabzugs, und daß er heute nicht mehr als Notmaßnahme bezeichnet wird, sondern als die eigentlich für eine Volkskirche normale Lösung. Hievon bin ich noch nicht überzeugt. Ich weiß auch, daß die Lage in anderen Landeskirchen nicht ganz so einfach ist, wie das gelegentlich aussieht, übrigens einschließlich der katholischen Kirche in Württemberg. Ich habe die Entstehung der neuen Lösung ganz bewußt und persönlich miterlebt.

Volkskirche heute braucht Erziehung zum bewußten Christentum oder wenn man das nicht will, Abschied von der Volkskirche. Um die Arbeit geht’s, nicht ums Geld. Ich suche Euch und nicht das Eure. Das glaube ich mit gutem Herzen sagen zu können, freilich auch das Eurige dazu. Jawohl! Und ich würde wünschen, daß unsere Kirchen­pfleger und unsere Pfarrer und unser Oberkirchenrat auch vom Landeskirchentag einmal wieder den Mut gestärkt bekommen, so als Kirche vor ihre Glieder zu treten. Denn sonst kommen wir aus dem Nebel dieses bloßen Mitläufertums auch im 20. Jahrhundert nicht heraus. Und sonst kriegen die Freikirchen und die Neu­apostolischen eine neue Waffe gegen uns in die Hand, weil das nicht Volkskirche ist, sondern so ein bißchen allgemeine Volksbeeinflussung durch einen kirchlichen Apparat, wobei man bei den Amtsträgern voraussetzt, daß sie zur Sache stehen.

Glauben Sie nicht, daß ich nun Ihre Entscheidung hinterher korrigieren will. Aber ich möchte das Zerrbild korrigieren, das vom Landesbischof und von der württem­bergischen Kirchenleitung entworfen worden ist in den Debatten um die Kirchen­steuer im Land draußen. Es geht uns um etwas ganz anderes, als um die Erhaltung dieses etwas beschwerlichen Systems, von dem wir gar nicht überzeugt sind, daß es schon des Rätsels Lösung wäre. Aber es ist vielleicht der Start zu einer Weiter­entwicklung im Sinne der richtigen Autonomie der Kirche bis in ihre Ordnung hinein, während das andere vielleicht ein Schrittlein zurück ist. Ich habe noch nie gesagt, das eine sei die gläubige und das andere die ungläubige Lösung. Ich widerspreche auch dem, soweit das hier gesagt worden ist. Aber es gibt eine Kirchenleitung, die auch die Dinge der Ordnung in diesem Zusammenhang sieht, und zu der möchte ich gehören. Deshalb bitte ich, daß Sie das Ihrige tun, daß die Debatte um die Kirchen­steuer, die nun also weitergeht, weil wir die Entscheidung vertagt haben, ein bißchen in diese Linie kommt und aus der bloßen Frage, wie das Geld am besten eingeht, herauskommt, und daß ganz klar ist, es wäre auch gar nichts damit geschafft gewesen, wenn wir 100-prozentig beschlossen hätten, wir bleiben beim alten System und nicht miteinander auf allen Sparten sozusagen, in allen Gebieten die Kirchenzugehörigkeit ernst nehmen. Daß wir also einfach damit Schluß machen, daß jemand lebenslang völlig in der Unentschiedenheit bleiben kann, ob er nun eigentlich zur Kirche gehören will oder nicht.«

Quelle: Helmut Sigloch, Macht die Gemeinde stark. Landesbischof Martin Haug, Nürtingen: denkhaus Verlag 2017, S. 10-13.

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„Der Götzendienst überschattet das ganze Leben“- Hans Joachim Iwands Predigt über das Erste Gebot (2. Mose/Exodus 20,2-3) im Juni 1942

11. Januar 2018

„Lichtdom“ beim Reichsparteitag der NSDAP 1936 in Nürnberg

Dass das erste Gebot eine eminent politische Bedeutung hat, zeigt Hans Joachim Iwand in seiner Predigt am 13. Juni 1942 im Wochenschlussgottesdienst in der St.-Marien-Kirche in Dortmund. So führt er aus:

Es hat in der Tat niemals an Verführern gefehlt, Gott und die Götzen in ein und demselben Tempel unterzubringen, sie ein und derselben Anbetung teilhaft werden zu lassen. Nein, wahrhaftig, an diesen Versuchern hat es nicht gefehlt und wird es nicht fehlen. Schon Aaron, dieser typische Vertreter des geschmeidigen Christen­tums, versteht diese Sprache zu reden: das Volk sei nun einmal böse, darum müsse man ihm solch ein Zeichen geben, in dem es Gott erlebt. Und während der eine, Mose, im heiligen Zorn die Tafeln des Gesetzes zerbricht, gibt sein priesterlicher Bruder dem Tanz ums goldene Kalb die religiöse Weihe! Ist dieser Stier, dies geheimnisvoll aufregende Lied der Lebenskraft, nicht viel passen­der, die Religiosität des Volkes zu entflammen, ihm neuen Mut und Enthusiasmus einzuhauchen — als jene Worte, die Mose aus der Wolke heimbringt? Das ist die sehr beredte, an uns gestellte Frage: Religion oder Offenbarung des lebendigen Gottes — Volksreligion oder Gehorsam gegen den leben­digen Gott! Volk und Kir­che stehen sich hier leidenschaftlich gegenüber, aber Mose nennt das, was das Volk unter Aarons Leitung tut, «Sünde» und vollzieht die Entscheidung «Her zu mir, wer zum Herrn gehört!». Da ist auf einmal das erste Gebot wieder da, da als Entschei­dung, als Prü­fung, als Ernüchterung in diesem Taumel der Begeisterung. Und im­mer wieder wird es so sein: Mose contra Aaron, Elias gegen die Baalspfaffen — einer gegen die vielen, aber doch der eine mit Gott, der eine, der mit Gott das Feld behauptet: denn «wenn sie auch wider dich streiten, sollen sie dennoch nicht wider dich siegen. Denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette» (Jer 1,19).

Darum geht es im Gottesdienst der Kirche: was bestimmt diesen Gottesdienst? Was heißt überhaupt: Gottesdienst, heißt das, daß hier irgendein mehr oder weniger bestimmtes reli­giöses Gefühl der Menschen zur Darstellung kommt — oder heißt es, daß hier Menschen unter Gottes Wort, unter sein geschriebenes und vergebendes Wort treten? Ist die Wurzel des Gottesdienstes die Religion, also etwas, das mit dem Menschen, seinem Gefühl und seiner Weltdeutung gegeben ist — oder heißt es, daß Gott sich hier offenbart, daß Er redet und wir hören, Er gebietet und wir aufgerufen sind zu gehorchen? Religion — was kann das alles bedeuten? Wandeln sich nicht die Religionen? Und mit ihnen die Zeichen und Symbole? Ste­hen nicht viele Religionen und damit auch viele Götzen neben­einander, arische, indoger­mani­sche, romanische und was man nur will? Und dazwischen soll dann auch der christliche Gott stehen? In diesem Göttertempel? Dieser Gott will eben wieder frei werden, frei aus der Ver­mischung und Gleichmachung mit all den Göttern um ihn her, gehört werden als der, der als der eine „Ich“ zum Men­schen sagt: «Du» — du sollst! Er will vernommen werden in seiner Gnade: Ich bin dein — dein Gott! Und darum auch wieder in sei­nem: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! Wollten wir das hören? Wollten wir uns neu entscheiden: Her zu mir, wer zum Herrn gehört? Haben wir uns entschieden für Mose gegen Aaron? Für den, der sein Gesetz offenbarte gegen den Tanz um das gol­dene Kalb? Oder meinen wir, beide auf einem Altar nebeneinander unterbringen zu können, auf demselben Altar, wo das Bild des Gekreuzigten steht, wo die Schrift als Wort Gottes liegt, solch ein Götterbild — und wenn es geschehen wäre? Darum der Kampf in der Kirche. Darum — mit demselben Recht und in demselben Sinn, wie Jesus im Tempel die Krämer vertrieb; denn dieser Gott will nicht, daß die Menschen mit ihm feilschen — er will allein, daß sie ihn hören! Und darum geht es auch allein, daß die Kirche, klein oder groß, hell oder zerbrochen, in alter oder neuer Form — wie­der das werde, wozu sie da ist: der Tempel Gottes, der Ort, da seine — nicht der fremden Götter Ehre wohnt. Das sollten wir wissen, wir, die wir in ihr leben — das sollte aber auch die Welt da draußen wissen; denn gerade um sie geht es, darum, daß unser Gottesdienst wirklich wieder Gott groß werden lasse, daß mitten in ihr Gott wohne, der sie lieb hat, so lieb, wie die Götzen gerade sich an ihr versündigen. Es liegt eine furchtbare Nemesis über die­sem Götzen­dienst der Menschen, eine Nemesis, die wenige durchschauen. Denn das erste Gebot bleibt das erste Gebot — und wer dem ersten Gebot widerstrebt, wird alle anderen auflösen müssen: es ist nicht gleich für die Menschheit, wen sie anbetet, der Götzendienst überschattet das ganze Leben und die geistige Sünde gegen Gott wird offenbar in der Krankheit am Körper des ganzen Volkes.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Die unfassliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen“ – Hans Urs von Balthasar wider die liberalprotestantischen Entmythologisierungsprogramme

31. Dezember 2017

Hans Urs von Balthasar (1905-1988, Gemälde von William Hart McNichols)

Das war ein Aufreger Anfang der sechziger Jahre, John Robinsons Buch „Honest to God“. In der ZEIT hatte es dazu eine Artikelreihe gegeben, wo neben Helmut Thielicke auch Rudolf Bultmann einen Text beisteuerte: „Ist der Glaube an Gott erledigt? Die mythologische Sprache der alten Tradition muß entmythologisiert werden„. Aber dann kommt Hans Urs von Balthasar zu Wort. Wer seinen Beitrag „Komm, du Geist der Wissenschaft“ liest, wird nachvollziehen können, warum von Balthasar – neben Karl Rahner – der römisch-katholische Theologe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen ist:

Die alten Mythen sind und bleiben Chiffren und Bilder, rings um das Rätsel des „Daseins zum Tode“ aufgestellt. Auflösen kann die Chiffren nur, wer den Tod von innen her überwindet und die vollendete Endlichkeit ohne Abzug (nicht etwa in einer bloßen „Unsterblichkeit der Seele“) im Ewigen und Endgültigen birgt: Das ist der reale und nicht entmythisierte Sinn der „Aufer­stehung des Fleisches“. Das Ganze, was Mensch ist, kommt, wie geläutert und „destil­liert“ auch immer, ins Heil. Einzig dieses Wort von Gott her macht den Menschen zum Wort, ihm selber verständlich. Liebe drang nur in einzelnen, gleich wieder von schwarzen Schicksalswolken verfinsterten Strahlen durch die alten Mythen hindurch. Und vieles, das meiste vielleicht, war darin verworrene menschliche Liebe, auf die Gottheit hin projiziert (wie beispielsweise Aphrodite) und dann zu Recht von den Philosophen „entmythisiert“. Daher die große Umschulung des Alten Testamentes. Hier wird wahrhaft und endgültig entmythisiert (wie Gerhard von Rad überzeugend gezeigt hat), hier redet endlich der eine lebendige Gott. Er fordert Glaube und Treue, er verheißt endgültige Liebe. Aber erst muß der Mensch verstehen lernen, was in der Wahrheit, in der Endgültigkeit, bei Gott selber Liebe heißt.

Christus als das letzte, notwendig unüberholbare Wort von Gott übersetzt das menschliche Leben in Liebe. Und zwar bis ins letzte und scheinbar Gegensätzlichste. Gerade das Kreuz, gerade die Gottverlassenheit, gerade der Tod in Finsternis ist Liebe. Und besiegt damit alles Schicksalshafte, Verfallene in Leiden und Tod.

Das ist schwer zu glauben, weil es zu schön scheint, um wahr zu sein. Aber Gott ist notwendig unbegreiflich, keine anständige Philosophie oder Religion hat je vorgegeben, Gott zu begreifen, gar einen „Begriff“, gar eine Vorstellung, ein Bild von Gott zu haben. Wenn Gott sich enthüllt, dann muß das in den unzugänglichen Urgründen liegende Unbegreifliche plötzlich überwältigend auf uns zutreten. „Gott ist Liebe.“ Der Grund alles Seins, der Grund auch dieses kaltschnäuzigen, absurden Daseins soll Liebe sein? Lächerlich! Unbegreiflich!

Und doch ist in Christus Gott Mensch geworden, das heißt, die unfaßliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen. Er liebt mich, endgültig in Gott, er stirbt für mich, er holt mich dadurch ins Heil. Das ist die ungeheuerlichste Aufwertung der mitmenschlichen Liebe: in ihr wird künftig das Göttliche anwesend und durchsichtig. In ihr, auf sie hin deutet der Christ die Welt, das Leiden, den Tod. Aber auch die Kultur, die sogenannte Evolution, die freilich auf keiner noch folgenden Stufe diese endgültige Sprache und Gebärde durch etwas Gescheiteres einholen, überholen, ersetzen kann.

Kein weltbedeutendes Wissen, keine Macht, kein technisches Können reicht – wie gesteigert auch immer – an die echte Liebe heran. Wenn die alten Gebärden der Liebe uns heute angeblich nichts mehr sagen, so heißt das nicht, daß man sie durch andere ersetzen soll (wer ersetzt den Kuß?), sondern höchstens, daß die Liebe in uns erkaltet ist.

Aber dahinter bleibt eben nichts mehr. Die Mythen sind im einen Wort integriert; ein zweites solches Wort gibt es nicht.

Der Pfingstgeist geht vom Vater und Sohn aus; das heißt, er bringt uns Gott-den-Urgrund und Gott-in-Weltgestalt zugleich ins Herz. Das Unnahbare und das Mitmenschliche. Beides ist im Geist untrennbar geworden. Was ihr dem Geringsten getan habt, habt ihr mir getan. Geist ist souveräne, freigewordene Liebe. Liebe, die – als die göttliche aber, nicht als unser Gelüst – selbstzwecklich geworden ist.

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Er lehrt uns beten, uns dem väterlich bergenden Schoß des Seins einschmiegen: in Worten, ohne Worte. Er lehrt uns auch, den Weltgestalten nicht grundsätzlich, entmythisierend, zu mißtrauen. Er lehrt uns, „in Tat und Wahrheit lieben“, wo wir leibliche und seelische Not neben uns erblicken. Er befreit uns zum Besten unserer selbst, zu dem wir uns sonst nie entschlossen. Er lehrt den einzig wahren Humanismus. Darin ist er Geist der Wissenschaft vom Wissenswerten.

Hier der vollständige Text als pdf.

„Glaube ist eine über die Jahr­hunderte wei­tergegebene innere Haltung“ – Aus dem neuen Evangelischen Elementarkatechismus zitiert

18. November 2017

In dem jüngst erschienenen Evangelischen Elementarkatechismus, den die Kirchenleitung der VELKD in Auftrag gegeben hat, stellt Melanie Beiner vor, was christlicher Glaube besagen soll. Sie folgt dabei – wie nicht anders zu erwarten – dem liberalprotestantischen „Experiental-Expressive Model“ (nach George A. Lindbeck, The Nature of Doctrine).  So darf sich christlicher Glaube in intimer Harmlosigkeit ganz privat zeigen:

Glauben

Urvertrauen am Küchentisch. Mein Glaube ist an den Küchentischen meiner Kindheit und Jugend entstanden. Ist emporgewachsen von knarzenden Dielen, an Schürzen entlang und über abwaschbare Tischdecken hinweg. Hat sich genährt von den Worten des Trostes und Friedens, im Weinen und Lachen, hat sich festgebissen an harten Wahrheiten und zähen Diskussionen, hat sich gelöst von zu engen Sitten und zu süßen Verzierungen, hat gefragt und gezweifelt, als wieder ein Platz leer wurde, hat Nächte durchwacht und durchwandert, hat immer noch zurückgefunden und gesehen: Es ist warm. Es ist hell. Du bist in Sicherheit. Der Tisch ist gedeckt.

Was Glauben bedeutet

Das Wort »glauben« stammt von dem althochdeut­schen »gilouben« ab. Es bedeutet »gut­heißen«, »für lieb halten«. Für »glauben« kann man auch das Wort »ver­trauen« einsetzen. So bezieht sich glauben auch auf Gott. »Gott nennt man denjenigen oder dasjenige, von dem man alles Gute erwartet und bei dem man Schutz sucht in allen Notfällen«, schreibt Martin Luther.

Glauben ist ein Vertrauen darauf, dass das Leben und mein Dasein einen guten Sinn haben.

Glaubst du (an) Gott? Die Frage wird oft gestellt. In ihr schwingen Unsicherheit oder Unver­ständnis mit. Kann man einem Gegenüber vertrauen, das man nicht sieht oder hört, wie man andere Menschen sieht oder hört? Ist das nicht naiv und unmodern?

Wachsendes Wissen von Menschen wird in Konkur­renz zum Glauben gesehen. Je mehr ich naturwissen­schaftlich, soziologisch oder psychologisch erklären kann, desto weniger brauche ich einen übernatürli­chen Urheber – so könnte man die Kritik zusammenfassen.

Glaube ersetzt aber das Denken nicht. Glaube und Wis­sen sind keine Gegensätze.

Im Gegenteil: Die Fähigkeit, über das eigene Da­sein hinauszudenken und Theorien und Techniken zu entwerfen, ist eine Gabe und eine Chance, die Erde als lebenswert zu bewähren.

An Gott glauben

Glauben ist Begegnung und Gespräch mit Gott. Gott spricht den Menschen an; er zeigt ihm, wer er ist und was er für ihn tut. Darauf antwortet der Mensch.

Erfahrungen, die Menschen als Begegnungen Got­tes gedeutet haben, werden in der Bibel literarisch in Erzählungen verarbeitet.

Den Israeliten begegnet Gott in ägyptischer Gefan­genschaft. Ihr Anführer Mose begegnet der Gegenwart Gottes in einem brennenden Dornbusch. Gott fordert ihn auf, aus der Gefangen­schaft auszubrechen. Gott zeigt sich dabei als Gott, der mit den Menschen geht und sie in die Freiheit führt.

Gott begegnet Maria, der Mutter Jesu, und ver­heißt ihr einen Sohn. Gott zeigt sich als Gott, der über unser menschliches Vermögen und Können hinaus­geht und dennoch menschlich ist.

Die Bibel enthält auch Erzählungen von einem zor­nigen und leidenschaftlichen Gott, der bestraft und vernichtet. Offenbar haben Menschen sich von Gott nicht nur bewahrt, sondern auch gefährdet erlebt.

Neben männlichen Bildern wie dem Hirten und dem Herrscher finden sich auch weibliche Bilder, bei­spielsweise von Gott als Mutter, die sich um ihre Kin­der sorgt.

Auch heute deuten Menschen Erfahrungen als Got­tes Wirken. Glaube ist eine über die Jahr­hunderte wei­tergegebene innere Haltung, die ganz erfassen kann, die mal beunruhigt, mal antreibt, mal herausfordert, mal still macht — in der Zuversicht, dass sich Leben in der Nähe Gottes erfüllt.

An Jesus Christus glauben

»Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn.« Christinnen und Christen glauben daran, dass Gott sich in Jesus Christus gezeigt hat; darum nennen sie Jesus »Gottes Sohn«. Jesus Christus ist nicht nur ein Mensch, der nach göttlichem Willen gelebt hat. In ihm ist Gott selbst Mensch geworden und hat sich in einer ganz bestimmten Weise gezeigt: verletzlich und liebend.

In der Lehre Jesu Christi zeigt sich auch eine Vor­stellung vom Reich Gottes: Menschen gehen barm­herzig und gnädig miteinander um, können einander vergeben und Frieden üben. Sie können das Leben genießen und sich für Gerechtigkeit einsetzen. Sie können mitleiden und traurig sein im Angesicht des Todes. Sie bewahren die Hoffnung, dass sich das Leben in Got­tes Gegenwart vollendet.

An den Heiligen Geist glauben und in der Gemeinschaft feiern

Glauben kann ich nicht herstellen und aus eigenem Willen produzieren. Glaube erschließt sich. Im In­nern werde ich gewiss gemacht: Gott, du bist da. Dass sich diese Gewissheit einstellt, wird auch als Handeln Gottes verstanden. Gott wirkt in uns durch den Geist. Men­schen lassen sich von Gottes Geist bewegen und geben ihn weiter. Glaube entsteht auch in der Begeg­nung mit denen, die in Worten und Taten Gottes Nähe zeigen.

Glaube wird in der Kirche als der Gemeinschaft der Heiligen gelebt und gefeiert. Damit sind alle die gemeint, die sich im Geist Gottes vereint finden, sich darin stärken, versichern, befragen und Gott feiern.

Ihren Glauben erfahren Menschen vielfältig und unterschiedlich. Im gemeinsamen Bekenntnis soll zum Ausdruck kommen, dass diese Erfahrungen von der gleichen Hoffnung getragen sind, auf Gott, den Schöpfer und die Bewahrerin allen Daseins, den Sohn, der liebt und vergibt, und den Heiligen Geist, die er­neuernde und beseelende Kraft.

Quelle: Mit Gott leicht gesagt. Evangelischer Elementarkatechismus, im Auftrag der Kirchenleitung der VELKD erarbeitet, hrsg. v. Martin Rothgangel, Michael Kuch und Georg Raatz, Gütersloh 2017, 14-18.

Ich schäme mich des Evangeliums vielleicht doch – die unterschwellige Botschaft von chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017

3. November 2017

Es geht ja ganz einfach: In das Suchfeld „Christus“ eingeben und dann das Heft im pdf-Format elektronisch durchsuchen lassen. Das Ergebnis ist entlarvend: Das Wort „Christus“ erscheint in dem 36seitigen Magazin nur ein einziges Mal. Auf die Interviewfrage „Wie kann die Kirche in Zukunft mehr Leute ansprechen?“ antwortet Julian-Christopher Marx: „Jedenfalls nicht mit einer moralisch belehrenden Haltung, die als von oben herab wahrgenommen wird. Und nicht mit einer theologisch verquasten Sprache, die unversehens von bestimmten Glaubenswahrheiten ausgeht: Jesus Christus, der Erlöser, die Sünde, das ewige Leben …“

Ein 31jähriger Sprecher des Arbeitskreises „Christinnen und Christen in der SPD“ in Berlin kann mit Recht kirchliche Verkündigung kritisch hinterfragen. Aber wenn das die einzige Äußerung über Christus in einer kirchlichen Zeitschrift namens „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ ist und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Heinrich Bedford-Strohm wie auch seine Vorvorgängerin und amtierende Reformationsbotschafterin Dr. Margot Käßmann die Herausgeber sind, dann kann mit der Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland etwas nicht stimmen.

Jeder Automobilkonzern, jeder Getränkehersteller, jedes Naturkosmetikunternehmen nimmt sein Firmenjubiläum zum Anlass, die eigene Produkte sowie die eigene Philosophie öffentlichkeitswirksam vorzustellen. Auch der Evangelischen Kirche in Deutschland wäre dies bei einem 500jährigen Jubiläum in der Öffentlichkeit zugestanden worden. Man hätte also in einem evangelischen Magazin erklären können, warum man sich von der Reformation her „evangelisch“ nennt – was eingedeutscht ja nichts anderes „gutbotschaftlich“ heißt – und was die gute Botschaft von Jesus Christus für die Gegenwart besagt. Weiterhin hätte man aktive Mitglieder aus Kirchengemeinden mit deren eigenen Glauben und deren eigenen Hoffnungen vorstellen können, abgerundet mit einem bischöflichen Erbauungswort.

Bei „chrismon spezial“ geht es ja nicht um eine binnenkirchliche Hochglanzbroschüre, die in Kirchengebäuden und Gemeinderäumlichkeiten stapelweise aufliegt (und meist ungelesen in die nächste Altpapiersammlung verschwindet), sondern um eine kirchliche Zeitschrift, die extra zum 31. Oktober 2017 in einer Auflage von 6,7 Millionen mehr als 70 Tages-, Sonntags- und Wochenzeitungen beigelegt worden ist. Das Heft hat also durchaus Chancen, zur Lektüre auf weniger kirchenaffinen Tischen zumindest beim Bildungsbürgertum zu landen. Welche bessere publizistische Möglichkeit gibt es für die evangelische Kirche, die eigene Botschaft, also das Evangelium anlassbezogen zu Wort kommen zu lassen?

Stattdessen versucht sich chrismon spezial als Image-Magazin. So finden sich Reportagen über „Luther in Italien“ (natürlich mit dem Playmobil-Luther illustriert) bzw. über das Pop-Oratorium „Luther“ neben einem Interview mit dem Schauspieler Joachim Król und dessen Lebens- bzw. Religionseinstellung. Und schließlich darf sich Hans Leyendecker als zukünftiger Präsident des evangelischen Kirchentags über Journalismus, Reformation und Ökumene auslassen. All diese Artikel lassen sich in ähnlicher Weise auch in anderen nichtkirchlichen Magazinen und Zeitungen finden.

Dass Journalisten gerne ihr eigenes Ding machen wollen und sich nicht für eine kirchliche PR-Maßnahme vor den Karren spannen lassen wollen, ist verständlich. Aber wenn nun mal die Zeitschrift weitgehend von Kirchensteuermitteln finanziert und im Auftrag der Kirche herausgegeben ist, haben die verantwortlichen Herausgeber dafür Sorge zu tragen, dass die eigene Botschaft zum Tragen kommt. Schließlich hat ja Bedford-Strohm als EKD-Ratsvorsitzender im Juni 2015 selbst dazu aufgerufen, das Reformationsjubiläum als Christusfest zu feiern. Da darf man nicht einer Redaktion auf den Leim gehen, wenn diese einem das eigene Steckenpferd anbietet – in Gestalt eines gemeinsamen Interviews mit dem oben genannten Julian-Christopher Marx und der Studentin Sofie Mörchen zu Thema „Was wünschen sich junge Leute für die Zukunft von der Politik und von ihrer Kirche“.

Nimmt man „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ als Maßstab kirchenleitenden Handels in der Evangelische Kirche in Deutschland, ergibt sich daraus eine peinliche Botschaft: Man verausgabt sich am eigenen Image, weil man nicht länger Kirche des Worts sein will.

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ – so lautet der Leitvers (nach Römer 1,16) zum Psalm 22, der am Gedenktag der Reformation gottesdienstlich intoniert worden ist. Wir in der Kirche haben wohl alle zu lernen, diesen Lebensleitvers mit dem Brustton der Überzeugung anzustimmen.

So hat es Luther nicht gemeint – Warum das Reformationsjubiläum fragwürdig ist

30. Oktober 2017

Hier noch einmal aus aktuellem Anlass meine Kritik am Reformationsjubiläum aus der FAZ vom 15. Dezember 2010

NAMENSgedächtnis

Teuffel - So hat es Luther nicht gemeint (FAZ)In der FAZ  ist von mir im Dezember 2010 ein Artikel zum Reformationsjubiläum unter dem Titel „So hat es Luther nicht gemeint“ veröffentlicht worden.

So hat es Luther nicht gemeint

Der protestantische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Das Reformationsjubiläum kann abgesagt werden.

Von Jochen Teuffel

Sechs Jahre noch, dann wird das fünfhundertste Jubiläum der Reformation in Deutschland ganz groß gefei­ert werden. Zur Einstimmung darauf wur­de bereits 2008 eine Lutherdekade mit wechselnden Jahresthemen ausgerufen. Das kennt man aus dem Vereinsleben: Wo in Sachen eigener Vergangenheit be­sonders ausgiebig jubiliert wird, ist man in der Gegenwart mit den eigenen Aktivi­täten dank Überalterung und Mitgliederschwund ziemlich am Ende.

Der Abgesang auf die Volkskirche wird als Basso continuo die Lutherdekade be­gleiten, bevor dann am 31. Oktober 2017 in Wittenberg eine Farce zur Aufführung kommt: In einer Stadt, in der Kirche im Verschwinden begriffen ist —…

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Göttlich inspiriertes Lebenserfahrungsbuch – Was Bedford-Strohm sich von der Bibel verspricht

27. Oktober 2017

Was bedeutet uns Christen die Bibel und wie ist sie zu verstehen? Darüber hat der Ratsvorsit­zende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm in seinem Vorwort zur revidier­ten Luther-Bibel 2017 Rechenschaft abgelegt (und dabei Widerspruch gefunden). In seiner Predigt zur ökume­nischen Bibeltagung am 9. Februar 2017 in Stuttgart hat er sich noch einmal dieser Frage angenommen.

Für Bedford-Strohm ist die Bibel ein faszinierendes Buch, „das Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Gott enthält und ein Buch, das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient.“ Dazu sei es wichtig, die Bibel „kritisch zu analysieren und über Entstehungszeit, Verfasser und Interessengruppen im Hintergrund Bescheid zu wissen.“ Würde sie „wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen“, so befürchtet Bedford-Strohm, könnte „die Bibel auch fürchterlich missinterpretiert und für den Aufruf zu Intoleranz oder gar Hass missbraucht werden“.

Bedford-Strohm ist sich durchaus bewusst, dass weder eine religionsgeschichtliche noch eine literarische Lektüre für Christen den „Kern“ der Bibel erschließen können. Stattdessen heißt es:

„Für uns wird alles, was in der Bibel von Israel und seinen Menschen, von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird, vor Gott erzählt, wird in eine theologische, geistliche Perspektive gerückt, wird geöffnet für die Transzendenz. Ob es um die Schöpfungs­erzählungen geht oder um die Auferstehung Jesu, die Geschichte des Davidreiches oder die Erzählungen von den ersten christlichen Gemeinden, alles wird in das Licht Gottes getaucht, jeder Schritt, jedes Ereignis, jede Weisheit, jede Verzweiflung wird aufgeschlossen als Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Das ist das Kenn­zeichen, das Kerncharakteristikum der Bibel.“

Fromm und erbaulich mögen diese Worte klingen, aber das wirkliche „Kerncharakteristikum der Bibel“ kommt dabei nicht zur Sprache: Der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus redet und handelt und hat darin uns Menschen auf unseren Glauben an Jesus Christus hin heilvoll eingeschlossen.

Dass das biblische Erzählgeschehen in göttliches Licht getaucht sein soll, kann nicht als „Geschichte Gottes mit uns Menschen“ gelten. Lichtenergie interagiert nicht mit menschli­chen Handlungen. Es scheint so, als ginge Bedford-Strohm – der platonischen Tradition eines Philon von Alexandrien folgend – von zwei verschiedenen Welten aus, einer korporealen, sinnlich wahrnehmbaren Lebenswelt (mundus sensibilis), die vergänglich ist, und einer göttlichen, intelligiblen Welt (mundus intelligibilis), die unvergäng­lich ist. Das „Licht Gottes“ wäre dabei das Spektrum transzendenter, göttlicher Ideen wie Leben und Gerechtigkeit, die Menschen in ihrer Lebenswelt denkerisch erfassen und durch eigenes Handeln zur Geltung bringen können.

Wenn Bedford-Strohm von einer Öffnung biblischen Erzählgeschehens für die Transzendenz spricht, ist daran zu erinnern, dass die Bibel selbst keine „Transzendenz“ kennt. Schließlich ist der Transzendenzbegriff ein platonisch inspiriertes Konzept der mittelalterlichen Scholastik. Per Definition gibt es zwischen einer diesseitigen Welt und einem transzendenten Jenseits – nicht zu verwechseln mit der räumlichen Unterscheidung von Irdischem und Himmlischem – keine vertrauensbildende Interaktionen. In die (göttliche) Transzendenz kann man sich nur denkerisch einfinden.

Was Bedford-Strohm in seiner Bibelpredigt konsequent außer Acht lässt, ist der biblisch bezeugte Anspruch des Wortes Gottes, der auf unseren Gehorsam bzw. Glauben aus ist. An die Stelle des worthaltigen Glaubens tritt die je eigene Deutung. Nach Bedford-Strohm findet sich dieses Deutungsgeschehen bereits in der Bibel und ist darin handlungsanleitend für die gegenwärtige Bedeutung der Bibel:

„Alles Leben, alle Ereignisse, auch alle Schicksalsschläge werden gedeutet und verstanden vor dem Hintergrund einer Gottesgegenwart, die damals genauso wenig beweisbar war wie heute. Und genau dieses Vor-Gott-Stellen der Ereignisse und Erfahrungen sollen wir übernehmen, wir sollen die Bibel nicht nachäffen oder nachplaudern, sondern den Geist dieses Buches nachvollziehen und auf unser Leben übertragen. Mehr nicht, weniger nicht.“

Die Bibel ist das große, ultimative Deutungsbuch menschlichen Lebens coram Deo, das gegenwärtig immer wieder neu auf die eigenen Lebenserfahrungen hin ausgedeutet werden muss, so lässt sich Bedford-Strohms Predigt auf eine These bringen. Und genau da, wo Menschen eine erfahrungsbezogene Deutungshoheit über die Bibel zugeschriebenen wird, können sie eben nicht von Gottes Wort als erlösungsbedürftige Sünder eingenommen werden. Folgerichtig lassen sich auch Gericht, Verdammnis, Sühne, Erlösung und Heiligung nicht länger zur Sprache bringen. Stattdessen gilt nach Bedford-Strohm die Bibel selbst als gottinspiriertes Selbsthilfebuch:

„Die Bibel ist das Buch der Bücher und die Quelle der Humanität, ja die Quelle allen erfüllten Lebens, denn sie kennt den diesseitigen Menschen in allen Aspekten, aber sie reduziert ihn nicht auf’s Diesseits, sondern erschließt die Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen.“

Die Bibel als „Quelle allen erfüllten Lebens“, als „Lebensbuch“, „das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient“ – liest man Bedford-Strohms Predigt aufmerksam, mag man sich fragen, ob bei ihm nicht an Stelle des soli Deo gloria eine selbstbezügliche Lebensideologie tritt. Heißt es in Psalm 36 im Gespräch mit dem HERRN „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht“ (V 10), spricht Bedford-Strohm von „Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen“. Selbst da, wo man biblisch nicht anders als von göttlichem Handeln zu reden hat, nämlich bei der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, neutralisiert Bedford-Strohm das Erzählgeschehen als „Sieg des Lebens“. Nein, für Christen kann die Bibel nicht als namenloses „Lebensbuch“ gelten; das „Buch des Lebens“ ist noch immer in göttlicher Hand (Ps 69,29; Phil 4,3). Es enthält keine autogene Lebensideologie, sondern vielmehr die Namen, die für eine Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott vorgesehen sind.

Was Bedford-Strohm mit den Containerbegriffen „Leben“ und „Erfahrung“ in seiner Bibelpredigt zur Sprache bringt, ist als evangelisches Zeugnis mehr als dürftig. Seine Ausführungen sind kaum anschlussfähig an das kirchliche Glaubensbekenntnis, noch können sie das sola scriptura bzw. das allgemeine Lehramt der Heiligen Schrift zur Geltung bringen.

Hier mein Text als pdf.

Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Max Horkheimer im Interview mit Helmut Gumnior

21. September 2017

Helmut Gumnior hatte 1970 nicht nur für den SPIEGEL ein Interview mit Max Horkheimer geführt. Ein zweites Gespräch ist unter dem Titel „Max Horkheimer, Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Ein Interview mit Kommentar von Helmut Gumnior“ als Buch im Furche-Verlag publiziert worden. Auch in diesem Gespräch geht es um die Gottesfrage:

H. G.: Was bedeutet hier aber Theologie?

MAX HORKHEIMER: »Ich will versuchen, das zu er­klären. Vom Standpunkt des Positivis­mus aus gesehen, läßt sich keine moralische Politik ablei­ten. Rein wissenschaftlich betrachtet, ist der Haß, bei aller sozial-funktionellen Differenz nicht schlechter als die Liebe. Es gibt kei­ne logisch zwingende Begründung dafür, warum ich nicht hassen soll, wenn ich mir dadurch im gesell­schaftlichen Leben keine Nachteile zuziehe.«

H. G.: Der Positivist kann also, wenn ich Sie recht verstanden habe, etwa im Sinne George Orwells sagen: Krieg ist so gut oder so schlecht wie Frie­den, Freiheit ist so gut oder so schlecht wie die Sklaverei, die Unterdrückung.

MAX HORKHEIMER: Das ist absolut richtig, denn wie läßt es sich exakt begründen, daß ich, wenn es mir Spaß macht, nicht hassen soll. Der Positivismus findet keine die Men­schen tran­szendierende Instanz, die zwischen Hilfsbereit­schaft und Profitgier, Güte und Grausamkeit, Habgier und Selbsthingabe unterschiede. Auch die Logik bleibt stumm, sie erkennt der morali­schen Gesinnung keinen Vorrang zu. Alle Ver­suche, die Moral anstatt durch den Hinblick auf ein Jenseits auf irdische Klugheit zu begründen — selbst Kant hat dieser Neigung nicht immer widerstanden —, beruhen auf harmonistischen Illusionen. Alles, was mit Moral zusammen­hängt, geht letzten Endes auf Theologie zurück, alle Moral, zumin­dest in den westlichen Län­dern, gründet in der Theologie — wie sehr man sich auch bemühen mag, die Theologie behutsam zu fassen.

H. G.: Nochmal meine Frage, Herr Horkheimer: Was bedeutet hier Theologie?

MAX HORKHEIMER: Auf keinen Fall steht Theolo­gie hier für die Wissenschaft vom Gött­lichen oder gar für die Wissenschaft von Gott. Theologie bedeutet hier das Bewußtsein davon, daß die Welt Erscheinung ist, daß sie nicht die absolute Wahrheit, das Letzte ist. Theologie ist — ich drücke mich bewußt vorsichtig aus — die Hoffnung, daß es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, daß das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge.

H. G.: Theologie als Ausdruck einer Hoffnung?

MAX HORKHEIMER: Ich möchte lieber sagen: Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, daß der Mörder nicht über das unschuldige Op­fer triumphieren möge.

Hier der vollständige Text des Interviews als pdf.

Lesslie Newbigin – The Gospel as Public Truth

12. September 2017


Eine der letzten öffentlichen Vorlesungen hielt Lesslie Newbigin am 24. Juni 1997 an der Beeson Divinity School, Samford University, Birmingham, Alabama. Das Thema des anderthalbstündigen Vortrags „The Gospel als Public Truth“. Freie Rede eines 87jährigen, klares Zeugnis. Man kann diesen Vortrag als Newbigins Vermächtnis hören.

Gott und das schöne, schreckliche Leben – Klaus-Peter Jörns gnostische „Glaubensreformierung“ des Christentums

9. September 2017

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Kurt Flasch und Klaus-Peter Jörns – die Ehrlichkeit zu sich selbst. Weil der vormals katholische Philosophiehistoriker Kurt Flasch die christliche Lehre mit seiner eigenen Weltanschauung nicht länger zusammenbringen konnte, hat er sich vom christlichen Glauben in ehrenwerter Weise verabschiedet und diesen Abschied in seinem Buch „Warum ich kein Christ bin“ redlich begründet. Klaus-Peter Jörns hingegen hat nach seiner Emeritierung als Professor für praktische Theologie mit seinem Buch „Notwendige Abschiede“ eine publizistische Kehrtwende hin zu einer gnostischen Lebensideologie vollzogen, die so ziemlich jeden christlichen Glaubensartikel in Abrede stellt. Da war wohl einer als Gemeindepfarrer und Hochschulprofessor über Jahrzehnte hinweg auf dem falschen Dampfer unterwegs. Ehrlich wäre das Eingeständnis gewesen „Ich habe mich geirrt“. Aber Jörns will wohl seine eigene professionsreligiöse Biographie „retten“, indem er sich einer gnostischen Glaubensreform im Namen des Christentums verschreibt und dazu als Vorsitzender einer „Gesellschaft für eine Glaubensreform“ fungiert. Als könne man Glaube wie eine Plastilinmasse weltanschaulich formen. Was Jörns jüngst in seinem Interview „Gott und das schöne, schreckliche Leben“ in Publik-Forum zum Besten gibt, lässt die Interviewer Hartmut Meesmann und Michael Schrom im Metzschen Sinne die memoria passionis dagegenhalten:

Publik Forum: Wofür brauchen wir überhaupt Gott?

Jörns: Ich bin fasziniert von dem unglaublichen Zusammenspiel aller Elemente des Lebens und dankbar, daran teilzuhaben. Es ist ein glückliches, aber auch erschrecktes Staunen. Denn alles Leben wird auf Kosten anderen Lebens gelebt. Selbst die Erkenntnis, dass das Leben ein großer Transformationsprozess ist, in dem auch das zum Essen getötete Leben nicht verloren geht, sondern zu neuer Lebensenergie wird, tröstet mich nicht über das Töten hinweg. Aber dass es Leben überhaupt gibt, ist das größte Geheimnis. Albert Schweitzer hat das Dilemma, das sich damit verbindet, treffend formuliert: »Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.«

Das würde bedeuten, dass es Erlösung weder gibt noch braucht.

Jörns: Nur in dem Sinn braucht es Erlösung, dass man von sich selbst als gefühltem Zentrum der Welt wegkommt. Es geht darum, die Empathie mit dem Leben zu lernen. Das Leben ist ein Ganzes, und Gott entfaltet sich in der Evolution. Unbegreiflich bleibt, dass das Leben so schön und schrecklich ist, wie es ist.

Nach dem Sinn darf man nichtfragen?

Jörns: Einen für alle und alles zutreffenden Sinn im Leben gibt es nicht. Sinn ist entspre­chend unseren Wahrnehmungsmöglichkeiten immer etwas perspektivisch Begrenztes. Als Geist und Liebe schafft, erhält und wandelt Gott das vielfaltige Beziehungssystem, in dem wir leben und in dem »Sinn« millionenfach variiert.

Ein Atheist würde das Leben vielleicht ähnlich beschreiben, nur Gott weglassen.

Jörns: Denkbar. Für mich hat der Gottes­glaube etwas Einleuchtendes: Das Leben ist aus einer unglaublichen Verdichtung von Quanteninformation entstanden und hat sich entfaltet in einem immer differenzierter werdenden Beziehungssystem. Dass dies alles Zufall gewesen sein soll, mag ich nicht denken. Diese Vorstellung ist mir zu kalt. Denn ich weiß aus Erfah­rung: Geist hellt das Gemüt auf, und Liebe wärmt das Herz. Das ist und hat Sinn.

Viele Theologen halten an der Personalität Gottes fest, weil sie den Gedanken der Gerechtig­keit nicht aufgeben wollen. Das »Letzte Gericht« ist ein Hoffnungsbild für Opfer, dass Mör­der am Ende nicht triumphieren.

Jörns: Die Personalität Gottes ist ein Produkt unserer Wahrnehmungsmuster, die sich an unse­rem Selbstbild orientieren. Übertrügen wir unser Selbstbild auf Gott, müssten wir von einer Menschenebenbildlichkeit Gottes reden. Aus meiner Sicht gibt es kein Weiterleben von Per­sonalität, weil die ja mit der irdischen Existenz und ihrer Leiblichkeit zusammengehört. Mei­ne Hoffnung ist eine andere: Alles, was in einem Leben gedacht, geglaubt, gehofft und geliebt wird, ist Energie, und Energie geht im Kosmos nicht verloren. Jeder Mensch wirkt durch die­se geistigen Kräfte evolutiv-schöpferisch, über seinen Tod hinaus. Ich glaube, dass sich alle Potenzen von Geist und Liebe, die wir in dieses Leben hineingeben, nach allen To­den miteinander verbinden und neue Lebensgestalten schaffen. Aber es gibt keine Hoff­nung auf eine wie auch immer gedachte Gerechtigkeit bei Gott, die etwas Furchtbares »wieder gut« machte. Die einzige Kraft, die mit erlittenem Unrecht leben lässt, ist die Vergebung. Sie kann selbst IS-Terroristen, die zum Morden radikalisiert worden sind, zugestehen, was Jesus seinen Kreuzigern zugestanden hat: »Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun« (Lukas 23, 34).

Ein Trost für Hinterbliebene ist das nicht.

Jörns: Kein Trost – und keine Todesstrafe – kann rückgängig machen, was geschehen ist. Gerechtigkeit in diesem Sinn gibt es auch bei Gott nicht. Aber den Schrei der Verlassenheit und den Schrei, der die Gottesbilder verflucht, die uns vorgaukeln, Gott werde das Böse nicht zulassen, kann und muss es geben. Nur wenn das herausgeschrien werden kann, wird es irgendwann in der Seele Frieden geben, der uns vor einem lebenslangen Trauma bewahrt.

Hier der vollständige Text des Interviews als pdf.