Archive for the ‘Schriftauslegung’ Category

„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde“ – Gerhard von Rad über den Propheten Jona

23. April 2017

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim mit Jona im Maul des Fisches

„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns vor allem Theologisieren die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.“ Mit diesem Zitat leitet Gerhard von Rad in seiner kleinen Schrift „Der Prophet Jona“ von 1950 zur Nacherzählung über:

Als der Fisch Jona ans Land gespieen hatte, war der Prophet ungefähr an demselben Punkt wie vorher, denn wie­der erging der Befehl Gottes an ihn. Daß Gott seinen Be­fehl genau in denselben Worten wiederholt, ist wohl eine eindringliche Predigt gleicherweise seiner Geduld mit den Menschen wie seiner Strenge. Jona wußte nun, daß er die­sem Gott nicht entlaufen kann, so machte er sich auf den Weg nach Ninive. Hier muß der Erzähler seinen Hörer vorbereiten; wie sollte der auch sonst von der unfaßlichen Größe dieser Stadt einen rechten Begriff bekommen. Drei Tage brauchte man allein, um sie zu durchwandern! In ihr stand also nun Jona; und wirklich, er predigte jetzt.

»Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen.«

Seine Rede wird länger gewesen sein, wir mögen sie uns nach der Art der Weherufe oder Völkerreden eines Jesaja oder Hesekiel vorstellen. Der Erzähler gibt nur ihren Inhalt in einem Satz wieder. Aber man wird sich doch auch seine Gedanken machen müssen, wie Jona predigt. Täu­schen wir uns nicht, so klingt durch seine Predigt ganz die alte Starre und Kälte, die uns an ihm schon vorher aufge­fallen ist. Indessen war aber ihre Wirkung auf die Heiden merkwürdigerweise ganz unabhängig von dieser Gesin­nung des Predigers, denn sie ergriff und erschreckte die Bevölkerung. Ja, — wie sich das bei Heiden manchmal ereignet hat — eine ganze Bußbewegung wurde ausgelöst. Hier hat sich unser Erzähler nun Gelegenheit zur Ausma­lung einer reizenden Miniatüre gegeben: Die Sache kam vor den König; der stand sogleich von seinem Thron auf, legte seinen Ornat ab und ein Bußgewand an. Schnell wurde ein königlicher Erlaß ausgefertigt, durch den eine allgemeine Landesbuße ausgerufen wurde. (»Nach Befehl des Königs und seiner Gewaltigen also:…«) Alle sollten fasten und Buße tun, auch die Rinder und Schafe sollten keine Nahrung zu sich nehmen, sich in Trauer hüllen und mit aller Macht zu Gott beten …

Jona hatte sich inzwischen außerhalb der Stadt niederge­lassen; es war ja ein Gericht wie das über Sodom in Kürze zu erwarten. Aber, war er äußerlich auch in leidlicher Sicherheit, so war dieser kühle Beobachterposten doch in anderem Sinn gefährlich genug. Denn angesichts dessen, was Lots Weib getroffen hat, wird man fragen dürfen, ob Gott so etwas wie ein neu­gieriges Betrachten eines Gottes­gerichtes überhaupt dulden will. Und tatsächlich, Jona kam nicht auf seine Rechnung, denn Gott hatte über Ni­nive anders beschlossen; er hatte ihre Reue gesehen und der Stadt vergeben.

Nun aber — welch ein Anlaß! — brach die lange verhal­tene Erregung aus Jona hervor-; Der hebräische Erzähler sagt: »Er zürnte einen großen Zorn«, und mit diesem Aus­bruch eröffnet sich ein geradezu schauerliches seelisches Ge­lände. Jetzt erfährt man auch, weshalb Jona damals zu fliehen versucht hat: Er hat es vorausgesehen, daß Gott doch würde Gnade walten lassen, daß Gott ihn, den Pro­pheten, im entscheidenden Moment im Stiche lassen und sein Wort unerfüllt lassen würde. Wie Jona Gott im Zorn die uralten Gnadenprädikate vorhält, die die Gemeinde seit Jahrhunderten im Kultus vor Gott als ein Dankopfer darzubringen pflegte, — das klingt schon fast wie der gräßliche Fluch eines Verdammten:

»Das verdroß Jona gar sehr und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach Herr, das ist’s, was ich sagte, da ich noch in meinem Lande war, darum ich auch wollte zuvorkommen zu fliehen nach Tharsis; denn ich weiß, daß du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässest dich des Übels reuen.«

Man sieht, er weiß alles; genau, wie es im Katechismus steht, sagt er es her. Aber es war ihm bitter ernst mit sei­nem Vorwurf; so ernst, daß er nicht mehr weiterleben wollte. Darin war er freilich ganz ein Mensch des Alten Bundes, daß er das Leben nicht selber wegwarf, daß er vielmehr Gott bat, es ihm zu nehmen. Immerhin schien ihn doch noch etwas am Leben zu erhalten, und das war die Neugierde über das weitere Ergehen der Stadt. Gott aber erfüllte ihm seine Bitte nicht; er nahm ihm nicht sein Le­ben, sondern nun wandte er ihm sein väterliches Handeln zu. Er ließ an dem Ort, wo der unzufriedene Gottesmann lagerte, schnell einen Rizinus, eine große breitblättrige Staude aufwachsen und wirklich, — kaum genoß Jona den Schatten und die Kühle des Blätterdaches, da linderte sich nicht nur sein Unmut, Jona »freute« sogar, wie der Erzäh­ler sagt, »eine große Freude«. Aber das Behagen des Got­tesman­nes fand ein schnelles Ende, denn Gott, der allwis­sende und allmächtige Lenker aller Kreatu­ren, hatte ein Würmlein beordert, das fraß die Staude an, daß sie schnell verdorrte. Zu diesem Mißgeschick kam als zweites der im Orient so gefürchtete, alles ausdörrende Ostwind. Als dann die Sonne noch dem Jona auf den Kopf stach, da wurde er halb ohnmächtig und in Kür­ze so verzweifelt, daß er wieder leidenschaftlich zu sterben begehrte. Die kleine Wohltat des Blätterschattens hat er selbstverständ­lich sich zu eigen gemacht, ja sie hat ihn ganz ausgefüllt, als aber die so vergängliche Linderung wieder aus seinem Le­ben genommen wurde, da brau­ste er auf, fühlte sich in sei­nem Innersten verletzt und war ganz außerstande, Gottes überlegen gütige Anfrage nach dem Recht dieses Zornes auch nur zu verstehen:

»Ja, mit Recht zürne ich bis an den Tod! «

Dies also ist der Bote, sozusagen der Treuhänder der Ge­danken Gottes über Ninive! — Nun aber holt der Erzäh­ler aus zum Letzten. Jetzt führt er uns aus allem Zwielicht, aus allen Lächerlichkeiten, Unbegreiflichkeiten, mit einem Wort, aus allen Menschlichkeiten steil hinauf unmittelbar an das Herz Gottes. Gott hat das letzte Wort; und wir können nichts Besseres tun, als die wundervollen Worte einfach hierher zu setzen, die in ihrer Hoheit und Gnade gewissermaßen den ganzen Raum ausfüllen, die jedenfalls [72] so allgenugsam, so sieghaft erscheinen, daß jede weitere Frage nach Jona und seinem Starrsinn gegenstandslos wird. Es geht nunmehr um anderes:

»Und der Herr sprach: Dich jammert des Rizinus, daran du nicht gearbeitet hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, welcher in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht jammern solcher großen Stadt, in welcher sind mehr denn hundertzwanzigtausend Men­schen, die nicht wissen Unterschied, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere.«

Hier der vollständige Text als pdf.

Rudolf Bultmann – Neues Testament und Mythologie (vollständiger Text)

22. April 2017

Braun Rasierapparat „sixtant SM 31“, 1962.

Rudolf Bultmanns Vortrag „Neues Testament und Mythologie“, gehalten am 21. April 1941 auf einer Tagung der „Gesellschaft für evangelische Theologie“ in Frankfurt am Main, ist ohne Zweifel einer der wirkmächtigsten theologischen Texte des 20. Jahrhunderts. Und er provoziert auch heute noch, wenn Bultmann gleich zu Beginn schreibt:

1. Das mythische Weltbild und das mythische Heilsgeschehen im Neuen Testament

Das Weltbild des Neuen Testaments ist ein mythisches. Die Welt gilt als in drei Stockwerke gegliedert. In der Mitte befindet sich die Erde, über ihr der Himmel, unter ihr die Unterwelt. Der Himmel ist die Wohnung Gottes und der himmlischen Gestalten, der Engel; die Unterwelt ist die Hölle, der Ort der Qual. Aber auch die Erde ist nicht nur die Stätte des natürlich-alltäg­lichen Geschehens, der Vorsorge und Arbeit, die mit Ordnung und Regel rechnet; sondern sie ist auch der Schauplatz des Wirkens übernatürlicher Mächte, Gottes und seiner Engel, des Satans und seiner Dämonen. In das natürliche Geschehen und in das Denken, Wollen und Handeln des Menschen greifen die übernatürlichen Mächte ein; Wunder sind nichts Seltenes. Der Mensch ist seiner selbst nicht mächtig; Dämonen können ihn besitzen; der Satan kann ihm böse Gedanken eingeben; aber auch Gott kann sein Denken und Wollen lenken, kann ihn himmlische Gesichte schauen lassen, ihn sein befehlendes oder tröstendes Wort hören lassen, kann ihm die übernatürliche Kraft seines Geistes schenken. Die Geschich­te läuft nicht ihren stetigen, gesetzmäßigen Gang, sondern erhält ihre Bewegung und Richtung durch die über­natürlichen Mächte. Dieser Äon steht unter der Macht des Satans, der Sünde und des Todes (die eben als „Mächte“ gelten); er eilt seinem Ende zu, und zwar seinem baldigen Ende, das sich in einer kosmischen Katastrophe vollziehen wird; es stehen nahe bevor die „Wehen“ der Endzeit, das Kommen des himmlischen Richters, die Auferstehung der Toten, das Gericht zum Heil oder zum Verderben.

Dem mythischen Weltbild entspricht die Darstellung des Heilsgeschehens, das den eigentlichen Inhalt der neutestamentlichen Verkündigung bildet. In mythologischer Sprache redet die Verkündigung: Jetzt ist die Endzeit gekommen; „als die Zeit erfüllt war“, sandte Gott seinen Sohn. Dieser, ein präexistentes Gotteswesen, erscheint auf Erden als ein Mensch; sein Tod am Kreuz, den er wie ein Sünder erleidet, schafft Sühne für die Sünden der Menschen. Seine Auferstehung ist der Beginn der kosmischen Katastrophe, durch die der Tod, der durch Adam in die Welt gebracht wurde, zunichte gemacht wird; die dämonischen Weltmächte haben ihre Macht verloren. Der Auferstandene ist zum Himmel erhöht worden zur Rechten Gottes; er ist zum „Herrn“ und „König“ gemacht worden“. Er wird wiederkommen auf den Wolken des Himmels, um das Heilswerk zu voll­enden; dann wird die Totenauferstehung und das Gericht stattfinden; dann werden Sünde, Tod und alles Leid vernichtet sein. Und zwar wird das in Bälde gesche­hen; Paulus meint dieses Ereignis selbst noch zu erleben.

Wer zur Gemeinde Christi gehört, ist durch Taufe und Herrenmahl mit dem Herrn verbunden und ist, wenn er sich nicht unwürdig verhält, seiner Auferstehung zum Heil sicher. Die Glaubenden haben schon das „Angeld“, nämlich den Geist, der in ihnen wirkt und ihre Gotteskindschaft bezeugt und ihre Auferstehung garantiert

2. Die Unmöglichkeit der Repristinierung des mythischen Weltbildes

Das alles ist mythologische Rede, und die einzelnen Motive lassen sich leicht auf die zeit­geschichtliche Mythologie der jüdischen Apokalyptik und des gnostischen Erlösungsmythos zurückführen. Sofern es nun mythologische Rede ist, ist es für den Menschen von heute unglaubhaft, weil für ihn das mythische Weltbild vergangen ist. Die heutige christliche Verkündigung steht also vor der Frage, ob sie, wenn sie vom Menschen Glauben fordert, ihm zumutet, das vergangene mythische Weltbild anzuerkennen. Wenn das unmöglich ist, so entsteht für sie die Frage, ob die Verkündigung des Neuen Testaments eine Wahrheit hat, die vom mythischen Weltbild unabhängig ist; und es wäre dann die Aufgabe der Theologie, die christliche Verkündigung zu entmythologisieren.

Kann die christliche Verkündigung dem Menschen heute zumuten, das mythische Weltbild als wahr anzuerkennen? Das ist sinnlos und unmöglich. Sinnlos; denn das mythische Weltbild ist als solches gar nichts spezifisch Christliches, sondern es ist einfach das Weltbild einer vergan­genen Zeit, das noch nicht durch wissenschaftliches Denken geformt ist. Unmöglich; denn ein Weltbild kann man sich nicht durch einen Entschluß aneignen, sondern es ist dem Men­schen mit seiner geschichtlichen Situation je schon gegeben. Natürlich ist es nicht unveränder­lich, und auch der Einzelne kann an seiner Umgestaltung arbeiten. Aber er kann es doch nur so, daß er auf Grund irgend welcher Tatsachen, die sich ihm als wirklich aufdrängen, der Unmöglichkeit des hergebrachten Weltbildes inne wird und auf Grund jener Tatsachen das Weltbild modifiziert oder ein neues entwirft. So kann sich das Weltbild ändern etwa infolge der kopernikanischen Entdeckung oder infolge der Atomtheorie; oder auch indem die Roman­tik entdeckt, daß das menschliche Subjekt komplizierter und reicher ist, als daß es durch die Weltanschauung der Aufklärung und des Idealismus verstanden werden könnte; oder dadurch, daß die Bedeutung von Geschichte und Volkstum neu zum Bewußtsein kommt.

Es ist nun durchaus möglich, daß in einem vergangenen mythischen Weltbild Wahrheiten wieder neu entdeckt werden, die in einer Zeit der Aufklärung verloren gegangen waren, und die Theologie hat allen Anlaß, diese Frage auch in Bezug auf das Weltbild des Neuen Testa­ments zu stellen. Aber es ist unmöglich, ein vergangenes Weltbild durch einfachen Entschluß zu repristinieren, und vor allem ist es unmöglich, das mythische Weltbild zu repristinieren, nachdem unser aller Denken unwiderruflich durch die Wissenschaft geformt worden ist. Ein blindes Akzeptieren der neutestamentlichen Mythologie wäre Willkür; und solche Forderung als Glaubensforderung erheben, würde bedeuten, den Glauben zum Werk erniedrigen, wie Wilhelm Herrmann – man sollte meinen, ein für allemal – deutlich gemacht hat. Die Erfüllung der Forderung wäre ein abgezwungenes sacrificium intellectus, und wer es brächte, wäre eigentümlich gespalten und unwahrhaftig. Denn er würde für seinen Glauben, seine Religion, ein Weltbild bejahen, das er sonst in seinem Leben verneint. Mit dem modernen Denken, wie es uns durch unsere Geschichte überkommen ist, ist die Kritik am neutestamentlichen Welt­bild gegeben.

Welterfahrung und Weltbemächtigung sind in Wissenschaft und Technik so weit entwickelt, daß kein Mensch im Ernst am neutestamentlichen Weltbild festhalten kann und festhält. Welchen Sinn hat es, heute zu bekennen: „niedergefahren zur Hölle“ oder „aufgefahren gen Himmel“, wenn der Bekennende das diesen Formulierungen zugrunde liegende mythische Weltbild von den drei Stockwerken nicht teilt? Ehrlich bekannt werden können solche Sätze nur, wenn es möglich ist, ihre Wahrheit von der mythologischen Vorstellung, in die sie gefaßt ist, zu entkleiden, – falls es eine solche Wahrheit gibt. Denn das eben ist theologisch zu fra­gen. Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den „Himmel“ im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebensowenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erle­digt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden „Menschensohnes“ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft, ihm entgegen (1. Thess. 4,15ff.).

Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister- und Dämonen­glaube. Die Gestirne gelten uns als Weltkörper, deren Bewegung eine kosmische Gesetz­lichkeit regiert; sie sind für uns keine dämonischen Wesen, die den Menschen in ihren Dienst versklaven. Haben sie Einfluß auf das menschliche Leben, so vollzieht sich dieser nach ver­ständlicher Ordnung und ist nicht die Folge ihrer Bosheit. Krankheiten und ihre Heilungen haben ihre natürlichen Ursachen und beruhen nicht auf dem Wirken von Dämonen bzw. auf deren Bannung. Die Wunder des Neuen Testaments sind damit als Wunder erledigt, und wer ihre Historizität durch Rekurs auf Nervenstörungen, auf hypnotische Einflüsse, auf Sugge­stion und dergl. retten will, der bestätigt das nur. Und sofern wir im körperlichen und seeli­schen Geschehen mit rätselhaften, uns noch unbekannten Kräften rechnen, bemühen wir uns, sie wissenschaftlich greifbar zu machen. Auch der Okkultismus gibt sich als Wissenschaft.

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht. Die mythische Eschatologie ist im Grunde durch die einfache Tatsache erledigt, daß Christi Parusie nicht, wie das Neue Testament erwartet, alsbald stattgefunden hat, sondern daß die Weltgeschichte weiterlief und – wie jeder Zurechnungsfähige überzeugt ist – weiterlaufen wird. Wer überzeugt ist, daß die uns bekannte Welt in der Zeit endigen wird, der stellt sich ihr Ende doch als das Ergebnis, der natürlichen Entwicklung vor, als ein Ende in Naturkatastro­phen, und nicht als das mythische Geschehen, von dem das Neue Testament redet; und wenn er etwa dieses nach naturwissenschaftlichen Theorien interpretiert wie der Kandidat im Pfarr­haus zu Nöddebo, so übt er eben damit, ohne zu wissen, Kritik am Neuen Testament. […]

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„Wenn euch der Sohn frei macht …“ – Eine Betrachtung von Hans Joachim Iwand zu Johannes 8,36

20. April 2017

Eine pathetische Freiheitsrede hatte Iwand 1956 gehalten, die zugleich Jesus als Befreier verkündet:

Wenn euch der Sohn frei macht, so werdet ihr in Wahrheit frei sein. (Joh 8,26)

Wir spüren es heute alle, daß der Mensch ohne Freiheit nicht leben kann. Ohne Freiheit kann er höchstens vegetieren, aber er kann nicht Mensch, er kann nicht er selbst sein. Vegetieren, das heißt dann leben wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig lebt, ohne daß es ins Freie schreiten, ohne daß es seine Flügel heben und sich ins Luftmeer schwingen kann. Zwischen dem Ziel, auf das hin ich geschaffen bin, und mir ist ein Gitter, eine Barriere aufgeschich­tet, die ich nicht überschreiten kann. Indem ich daran stoße, spüre ich, daß ich meine Freiheit ver­loren habe. Es wird schon so sein, Freiheit und Schöpfung werden irgendwie zusammen­hän­gen. Wo von Freiheit die Rede ist, da ist es so, daß die letzten und tiefsten Gründe unseres Daseins angerührt sind. Wir wissen uns daran er­innert, wie wir eigentlich gemeint sind, wie wir als Menschen von unserem Ziel, von Gott her bestimmt und geschaffen sind, aber in­dem wir daran erinnert werden, wissen wir doch zugleich, daß da­zwischen etwas geschehen, ein Verlust eingetreten ist, der endgültig ist. Ein Zurück zur Natur, das heißt doch wohl zurück in den Ur­stand der Schöpfung, in ihre Unschuld und Freiheit, kann es nie wieder geben. So ist aus der Natur des Menschen Geschichte ge­worden. Wir haben uns in einer Richtung bewegt, die uns nur im­mer weiter weg führen kann von dieser Freiheit. Eine Umkehr gibt es nicht, mögen wir sie noch so heiß ersehnen, mögen noch so viele Apostel und Propheten der Freiheit auftreten, die das Gegenteil versichern: Unser Gewordensein ist die einzige Wirklichkeit, die es für uns gibt.

II.

Und es sind ja nicht nur die Hindernisse von außen, die uns Not machen, es sind nicht die Verhältnisse, in denen wir uns vorfinden, [265] es ist ja auch nicht nur die Masse und alles, was damit zusammen­hängt, es ist nicht die bedenkliche Majestät dessen, was wir die öffent­liche Meinung nennen, mit der die Mächtigen dieser Welt buh­len müssen, wenn sie ihren Platz behalten wollen, nein, es sind Kräfte und Triebe, die von innen her wirksam werden und von innen her uns in die Tiefe reißen. Es ist so, als ob der Feind ins Innere der Burg sich Ein­gang verschafft hätte, von dort aus die freie Bewegung unser selbst lähmte, gerade die Tapfe­ren, die Star­ken, die durch nichts sonst zu Treffenden von hinten her überfiele. Wir alle haben unsere weiche Stelle, die kennt der Feind, dahin richtet er seine Angriffe. Da sind dann die Unbegreiflichkeiten, die ein Mensch begeht, die ihn zu Fall bringen, die es verhindern, daß sein Fuß das Land der Freiheit, der wirklichen echten Freiheit je betritt. Frei sein, das bedeutet uns, daß wir so sein dürfen, uns so zeigen und entfalten, so in Freude und Leid, so, wenn unser Weg empor geht und so auch, wenn unser Weg bergab geht, wie wir sind, wie wir von Gott her gemeint sind. Anstatt dessen bergen wir uns dann in irgendeiner Gewohnheit, nennen sie Sitte, Ord­nung, Gesetz, und wissen doch ganz genau, daß es Gitterstäbe sind, hinter die wir uns selbst gefangen gesetzt haben, die bürgerliche Gesellschaft nicht anders als die prole­tarische. Was man uns auch immer nennen mag, Beruf oder Familie, Staat oder Gesellschaft, selbst das Einzelgängertum, das einer wählt, um sich nirgends zu binden, alles kann unter der Hand für uns zur Fessel werden, zum Dokument verlorener Freiheit. Wir wissen nur zu genau, auch die, die sich frei dünken, sind’s nicht immer. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. Nein, es ist schon wahr, daß zwischen der Freiheit und uns Menschen ein Graben gezogen ist, ein breiter, garstiger Graben, daß, wer da wollte hinüber kommen, der kann es nicht und kann auch niemand von dort herüber kommen.

III.

Wirklich nicht? Darum geht es bei diesem unserem Text. Wenn es wirklich kein Herüber gäbe, weil es kein Hinüber gibt, dann wäre unser Textwort sinnlos. Aber dann wäre auch die ganze Bibel [266] sinnlos. Dann hätten die recht, die unser spotten, wenn wir an un­seren Ket­ten rütteln und uns dann und wann erheben und das Un­erträgliche unserer ganzen mensch­li­chen Lage empfinden und von uns abzuwerfen suchen. Dann hätten die recht, die hierzu lachen: Rüttelt nur an euren Ketten, sie sind euch viel zu stark; die hat noch keiner zerbro­chen, die goldenen und die eisernen Fesseln, die äußeren und inneren Ketten, die euch binden, könnt ihr nicht zer­brechen, nicht von euch abwerfen. Die hätten dann recht. Aber da­mit, daß wir nicht herüber können, ist noch nicht gesagt, daß da auch niemand von drüben her, aus dem Reiche der Freiheit, aus dem Reiche der ursprünglichen Schöpfung auf unsere Seite treten könnte. Unsere Unmöglichkeiten hier müssen nicht auch seine Be­grenztheiten dort sein. Das ist das Wunderbare an der Heiligen Schrift, daß sie diesen Trugschluß enthüllt, daß Got­tes Wirklich­keit und unsere Wirklichkeit einander jede nach ihrem eigenen Ge­setz gegen­übertreten, daß hier der Spott jener Spötter aufhört, daß hier unsere Sehnsucht nach Freiheit, unser Leiden an unserer Schwachheit ernst genommen wird. Hier weiß man von einem, der den glimmenden Docht nicht löschen und das geknickte Rohr nicht brechen wird. Hier geht ein großes Leuchten, ein Hoffen durch die dunkelsten Verließe und Gefängnisse, in denen die Menschen schmachten, hier weiß man von einem Tag, da die Gefangenen los sein werden, die Blinden sehend, die Gelähmten frei und sicher wandeln werden. Das weiß man. Als die klare, unzweideutige Magna Charta Gottes vom künftigen Tage unserer Befreiung steht die Bibel mitten drin in der Menschheitsgeschichte, als ein großer Trost und eine Verheißung für alle die, denen die Augen aufge­gangen sind für das Unechte und Unfreie ihres Lebens und Wir­kens. Als ob die Bibel uns einschärfen wollte: die auf den Herrn harren, werden doch eines Tages auffahren wie Adler, sie werden doch, nicht in ihrer aber in seiner Kraft laufen und nicht müde werden. Es wird doch einmal die Decke weggenommen von den Völkern und doch werden einmal die Tage kommen, da auch die schwersten und letzten gottlosen Bindun­gen und Ketten, mit denen euch dieses ganze Weltgebäude zwingt und unfrei macht, gebro­chen werden. Auch der Tod wird einmal nicht mehr sein. [267]

IV.

Ich möchte meinen, daß darum die Menschheit immer wieder gezögert hat, die Bibel wegzu­werfen, auch wenn sie sie nicht ver­stand oder wenn sie sich an ihr ärgerte — aber etwas von diesem Geheimnis ließ sie nicht los. Daß hier nicht über das gelacht wird, worüber sonst in der Welt nur ein Hohngelächter zu vernehmen ist, daß es hier nicht heißt: weil wir nicht her­über kommen, kann auch keiner von dort drüben zu uns kommen, weil wir in die Welt der Freiheit nicht einzutreten vermögen, kann auch keiner aus die­ser Welt zu uns kommen und unsere Fesseln lösen. Die Bibel hat unsere letzte Not begriffen, sie hat wirklich verstanden, wie groß der Schaden ist, an dem wir leiden. Die Bibel sagt uns, daß die Rede von der Freiheit nur Sinn hat, wenn es da, in dieser geheim­nisvollen Burg, die wir Gott nennen, eine Zug­brücke gibt, die eines Tages heruntergeht, jenen Graben überbrückt, der da klafft zwi­schen unserer Welt, der Welt des unfreien, gebundenen, vergitter­ten und verlorenen Menschen, mit denen etwas Besonderes gesche­hen ist, die in eine eigenartige Bewegung versetzt sind: Men­schen, die auf diesen Tag warten, Menschen, die immer wieder zu­rückgeworfen wurden, geschlagen und verspottet, weil sie nicht aufhörten, nach drüben auszuspähen, nach der Seite Gottes, nach den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, die darum gegen ihre Zeit, gegen den König, gegen die Hohenpriester, gegen alles, was als Realität galt in Staat und Kirche, Stel­lung nehmen mußten, eben weil sie es wußten, daß die Freiheit kein leerer Wahn ist — solche Menschen machen die Bibel aus. Und die Bibel hat sie uns auf­bewahrt, ihre Klagen und ihre Schwachheiten, ihre Ketten und ihre Wunden, die Bibel hat uns ihr Gedächtnis und ihre Namen aufgehoben, weil sie recht bekommen haben — recht bekommen haben von Gott her und vor Gott, recht bekommen haben, tausend­mal Recht gegen alle ihre Spötter und Feinde, Recht noch im Tode und im Untergang gegen alle, die sich zufriedengaben mit ihren Ordnun­gen, ihren Gesetzen und Gewohnheiten, mit diesem fal­schen Frieden, mit all denen, die nicht mehr rochen, daß der Mensch wo anders her ist, daß diese arme Erde nicht seine Heimat ist. Und [268] der, in dem sie recht bekommen haben, heißt in der Bibel der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil er der ist, der von drüben, aus dem Reiche der Freiheit zu uns kommt, der so, ganz bezie­hungslos und ganz unmittelbar, ganz aus der Ewigkeit in die Zeit tretend unter uns steht. In ihm haben alle die recht bekommen, die je Nein gesagt haben zu den Fesseln und Ketten, in die wir ge­schlagen sind. Alle, die ihre Hoffnung auf Gott und sein Vermögen, seine Freiheit, seine Gegenwart mitten unter uns nicht aufgegeben haben. Das ist der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil alle Ver­heißungen in ihm wahr geworden sind, allen voran die der Freiheit. Sie ist eben doch kein leerer Wahn, sie ist kein Irrlicht, vor dem wir uns hüten, vor dem wir womöglich andere warnen sollten. Es gibt unechte Freiheit. Es gibt viele Ansätze und Aufbrüche, Revolu­tionen und Erhebungen, die die Freiheit proklamieren und sie doch nicht bringen. Das sind alles Griffe von hier nach dort, Signale, Schreie, Akte letzter Not. Gemeint ist in allem dieser Eine, dieser Sein Tag und dieses Sein: Ich aber sage euch! Der auf der anderen Seite steht, versteht, was damit gemeint ist! Er weiß, daß solche Ak­tionen ein Schrei nach ihm sind, nach dem, der Gott und Mensch zugleich ist, nach dem, der dort ist und hier zu uns kommt, nach dem, in dem dort hier ist!

Und seht, das ist Jesus. So will Jesus, daß man ihn sieht. So zeichnet ihn die ganze Bibel, im Alten und im Neuen Testament. Er steigt herab ganz in unsere Tiefe, in diese schmutzige Tie­fe, wo der zähflüssige Strom, den wir fälschlich das Leben nennen und der doch ein Todes­strom ist, die Menschen mit sich fort treibt, er ist herunter gestiegen bis dahin, wo unser Gefängnis ist, er geht hindurch durch all die Kerker und Verließe, wo immer Menschen schmachten. Es gibt ein Eingekerkertsein, das uns gar nicht auffällt. Aber Jesus sieht, wer unfrei ist. Jesus sieht diese unsere ganze, un­sere totale Unfreiheit, unser Unfreisein in unseren Vorurteilen, in unseren Sorgen und in unseren Wünschen, in unserer Gier und in unserer Satt­heit, in unserer Gerechtigkeit und in unseren Über­tretungen. Er sieht wie angeschlossen an lauter Fesseln sich der Mensch dahinbewegt. Wo Jesus kommt, da fallen diese Fesseln. Mag der Palast, in dem wir schmachten, mag die Burg des dunklen [269] und grausamen Herrn, dem wir da alle untertan sein müssen, noch so gut bewacht sein, der Name Jesus bricht alle Schlösser auf. Das liegt daran, daß er der Sohn ist. Gott ist mit ihm.

V.

Aber wie kommt uns Gottes Freiheit nahe? Wenn sie uns in Jesus Christus nahekommt, dann kommt sie uns immer in einer bestimm­ten, in einer von allen anderen Befreiungsaktionen unterschiedenen Weise nahe. «Wen der Sohn freimacht» heißt es, wen also dieser von dort nach hier, aus der Höhe in die Tiefe, aus dem Reich gött­licher Gerechtigkeit in den Bereich menschlicher Ungerechtigkeit, aus dem Leben in die Todeswelt gekommene Sohn freimacht, der ist in Wahrheit frei. Nicht, wer nur die Parole vernimmt: befreit euch! Das ist freilich das letzte, was wir Menschen einander und füreinander tun können, daß wir uns zurufen: Zer­brecht eure Ket­ten! Steht auf und stürzt eure Gewalthaber! Wir kennen das ja zur Genüge. Nicht nur von den großen Momenten der Revolutionen aus und den entscheidenden Augen­blicken der Politik, wenn jemand den Feuerbrand der Freiheit in ein altes Gemäuer wirft, nein, wir kennen diesen Ruf noch von einer ganz anderen Sicht her: wenn wir ihn scheinbar mit göttlicher Autorität an uns herangetragen se­hen: Steh auf und beginne ein neues Leben! Wirf ab, was dich lähmt! Steh auf und nimm deine Lagerstatt und gehe heim! Und wir dann nur hinweisen können auf die schreckliche Tatsache, daß die erste Voraussetzung in diesen star­ken Sätzen fehlt: wenn man blind ist, kann man eben nicht sehen, und wenn man gelähmt ist, kann man sich nicht erheben. Was nützt dann der Ruf zur Frei­heit! Wer kann mich denn sehend machen? Darauf käme es doch wohl an, daß einer da wäre, der mehr kann als nur die Parole aus­geben: Befreiet euch, — der mich frei macht.

Das ist Jesus. Das ist der Sohn. Das ist der für uns alle gestor­bene und auferstandene Herr. Er ist unsere Freiheit. Der Sohn macht frei. Er weiß ganz genau, daß es gerade um jenen ersten Schritt geht: daß es darum geht, daß einer da ist, der mir wieder [270] das Augenlicht schenkt, denn ich bin eben geblendet; daß einer da ist, der mir sagt: Lazarus komm heraus, denn ich liege bei den To­ten und rieche die Verwesung um mich her. Diesen ersten entschei­denden Schritt gerade können wir nicht tun, um den ersten Schritt geht es bei der Freiheit. Der erste Schritt — das ist die Freiheit! Der kann nicht von uns ausgehen, sondern muß auf uns zu getan werden. Es muß unter uns Menschen einer frei sein, damit wir ande­ren alle frei werden. Einer muß der Freie sein unter all den Un­freien, und weil das ist, weil Jesus da ist, Jesus Chri­stus der Sohn des lebendigen Gottes, darum kann aus Sehnsucht Erfüllung wer­den, darum ist der erste Schritt getan, darum können wir auch den zweiten und dritten und alle weiteren tun. Wen der Sohn frei macht, der ist wahrhaftig frei.

Geschrieben 1956.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 264-270.

Hier der Text als pdf.

Theologie der Milch – Zum Sonntag Quasimodogeniti

19. April 2017

Der Name des Sonntags Quasimodogeniti (Osteroktav) leitet sich von der früheren lateinischen Antiphon ab: Quasi modo geniti infantes, Halleluja, rationabile, sine dolo lac concupiscite – auf Deutsch: „Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen (logikon), lauteren (adolon) Milch (gala)“ (1. Petrus 2, 2)

Die Symbolik der Milch hat in der Alten Kirche liturgisch und sakramental eine gewichtige Rolle gespielt, so wenn Clemens von Alexandria in seinem Paidagogos schreibt:

„Ich habe euch in Christus mit einfacher und wahrer und natürlicher Speise, der geistlichen, unterrichtet; denn dies ist das Wesen der lebenspendenden Milch, die aus zärtlich liebenden Brüsten quillt. Somit wäre das Ganze so aufzufassen: Wie die Ammen mit der Milch die neugeborenen Kinder ernähren, so auch ich, indem ich euch mit dem Wort, der Milch Christi, geistliche Speise einflöße. In diesem Sinn ist die vollkommene Milch eine vollkommene Speise und führt zu einer unaufhörlichen Vollendung. Deswegen ist in der Ruhe dies nämliche, „Milch und Honig“, verheißen. Begreiflicherweise verspricht der Herr den Gerechten wieder Milch, damit so deutlich der Logos als beides erwiesen werde, „als A und O, als Anfang und Ende“,  der Logos, der sinnbildlich als Milch bezeichnet wird.“ (Paed I,6,35f – Übersetzung Stählin)

Und im Schlusshymnus des Paidagogos heißt es:

Christus Jesus;
Himmlische Milch,
Die aus süßen Brüsten
Der Braut, den Liebesgaben
Deiner Weisheit,
Entquillt,
Nehmen wir Unmündigen
Mit kindlichem Mund
Als Nahrung zu uns,
Aus der Mutterbrust des Logos,
Mit des Geistes Tau
Lassen wir uns erfüllen
(Paed III,101,3 Z. 41-52)

Eine ähnliche Sprache findet sich der 19. der Oden Salomos:

„Ein Becher Milch ist mir gebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süßigkeit der Güte des Herrn. Der Sohn ist der Becher, und er, der gemolken wurde, der Vater; und es hat ihn gemolken der Heilige Geist, denn seine Brüste waren voll, und es hätte sich nicht  geziemt, daß seine Milch achtlos verschüttet wurde. Der Heilige Geist hat seinen Busen geöffnet und hat die Milch der beiden Brüste des Vaters gemischt und hat die Mischung der Welt gegeben, ohne dass sie es wusste; und die, welche sie empfingen in ihrer Fülle, sind die zur Rechten.“ (19,1-5 – Übersetzung Flemming)

Ja, eine schwülstige Sprache, aber das Symbol der Milch verweist für die „Kinder Gottes“ auf eine nährende und zugleich intime göttliche Lebensbeziehung in Jesus Christus (vgl. Johannes 6,27-58).

Seven Stanzas at Easter – John Updike über die leibliche Auferstehung Christi

17. April 2017

Was John Updike (1932-2009) als junger Harvardabsolvent 1960 beim „Religious Arts Festival“ seiner Lutheran Church in Marblehead, Mass. als Beitrag eingereicht hatte, gewann damals 100 $ für „Best of Show“ und ist immer noch eine antireligionistische Provokation:

Seven Stanzas at Easter

Make no mistake: if He rose at all
it was as His body;
if the cells’ dissolution did not reverse, the molecules reknit, the amino acids rekindle,
the Church will fall.

It was not as the flowers,
each soft spring recurrent;
it was not as His Spirit in the mouths and fuddled eyes of the eleven apostles;
it was as His flesh: ours.

The same hinged thumbs and toes,
the same valved heart
that—pierced—died, withered, paused, and then regathered out of enduring Might
new strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
analogy, sidestepping, transcendence,
making of the event a parable, a sign painted in the faded credulity of earlier ages:
let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mâché,
not a stone in a story,
but the vast rock of materiality that in the slow grinding of time will eclipse for each day of us
the wide light of day.

And if we will have an angel at the tomb,
make it a real angel,
weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair, opaque in the dawn of light, robed in real linen
spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
for our own convenience, our own sense of beauty,
lest, awakened in one unthinkable hour, we are embarrassed by the miracle,
and crushed by remonstrance.

(Telephone Poles and Other Poems, 1963)

Hier eine Übersetzung:

Sieben Strophen an Ostern

Täuscht euch nicht: Wenn Er überhaupt aufer­stand,
dann als Sein Leib;
wenn nicht der Zelltod sich umkehrte, Moleküle sich neu verbanden, Aminosäuren neu erglühten,
wird die Kirche fallen.

Es war nicht wie die Blumen,
die wiederkehren in jedem milden Frühling,
es war nicht als Sein Geist in den Mündern und benebelten Augen der elf Apostel;
Es war als Sein Fleisch: unseres.

Die selben gelenkigen Finger und Zehen,
das selbe Herz mit seinen Klappen,
das – durchstoßen – starb, welkte, still stand, und dann sich wieder sammelte aus durchhaltender Macht,
um neue Kraft zu umfassen.

Lasst uns nicht Gott spotten mit Metapher,
Analogie, Ausweichen, Transzendenz,
das Ereignis zur Parabel machen, zum Zeichen, gemalt auf die verblasste Leichtgläubigkeit früherer Zeiten:
Gehen wir durch die Tür.

Der Stein ist weggerollt, nicht Pappmache,
kein Stein in einer Geschichte,
sondern der Riesenfels der Stofflichkeit, der im langsamen Mahlen der Zeit uns allen auslöschen wird
das helle Tageslicht.

Und wenn wir einen Engel am Grabe haben,
macht ihn zu einem richtigen Engel,
gewichtig mit Max Plancks Quanten, lebendig mit Haar, opak im Dämmerlicht, gehüllt in echtes Linnen
gesponnen auf einem bestimmten Webstuhl.

Machen wir es nicht weniger ungeheuerlich,
für unsere eigene Annehmlichkeit, unserem eigenen Sinn für das Schöne,
damit wir, geweckt in einer undenkbaren Stunde, nicht peinlich berührt sind durch das Wunder,
und erdrückt von der Gegenvorstellung.

Zur Entstehungsgeschichte des Ostergedichts siehe den Artikel von Kathrin Kastilahn, The Story behind Seven Stanzas.

»Jesus ist auferstanden!« ist das Größte, was man überhaupt verkündigen kann – Christoph Blumhardts Osterpredigt von 1914

9. April 2017

Szenenbild aus dem Film „Der 3. Tag

Kurz vor dem 1. Weltkrieg hatte der württembergische Pfarrer (und Sozialdemokrat) Christoph Blumhardt (1842-1919) mit seiner Osterpredigt über Markus 16,1-8 die Auferstehung Jesu wider das tödliche Weltgeschehen sprachmächtig zu Wort kommen lassen:

Wenn uns heute verkündigt würde, dieser oder jener sei auferstanden von den Toten — ich glaube, es würde uns auch ein Zittern und Entsetzen ankommen, denn die Verkündigung: »Jesus ist auferstanden!« ist das Größte, was man überhaupt verkündigen kann. Es ist der Gipfel des Evangeliums, die Höhe alles dessen, was Jesus im Erdenleben gewesen war, und diese Verkündigung oder diese Tatsache, die verkündigt wurde: »Jesus ist auferstanden«, ist mit einemmal eine Tatsache geworden, die sich der ganzen Weltgeschichte entgegensetzt. Der ganze Lauf der Welt ist immer nur sterben, und die Erde ist ein großmächtiges Grab, in welchem nicht nur Menschen, sondern auch alle früheren Kreaturen begraben liegen und zu den Toten gehören. Und nun auf einmal in diesen Lauf der Welt, an den wir uns leider im Christen­tum auch gewöhnt haben, als ob gar nichts anderes mehr möglich wäre, als nur das Grab alles Lebendigen, kommt die Verkündigung: »Da ist einer auferstanden, der ist gestorben und lebt wieder.« Ja, da kann einen Furcht und Zittern ankommen oder auch Unglauben; und ich weiß nicht, ob es viele Menschen heute gibt, in deren Herzen die Verkündigung: »Er ist wahrhaftig auferstanden« wirklich lebendig wird. Wir hören es so mit christlichen Ohren, und das sind oft die taubsten in der ganzen Welt. Wir nehmen es hin als eine alte Sage und haben kein rechtes Empfinden dabei. Und doch muß ich es wiederholen: Alles krönt sich, alles, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, alle seine Worte, alle seine Taten krönen sich in dem einen: »Er ist auferstanden! Er unterliegt nicht dem Lauf der Welt, er unterliegt nicht den bösen Taten der Menschen, er unterliegt nicht der Sünde und noch viel weniger dem Tode — er ist der Lebendige heute, gestern und in alle Ewigkeit!«

Das will empfunden sein wie mit Schrecken, damit man auch in sein Glaubensleben wie etwas Revolutionäres bekommt gegen den Lauf der Welt, gegen den Lauf unseres Schicksals, gegen den Lauf dessen, was die Sünde und was der Tod vollbringt. Es ist eine ungeheure Verkün­digung auch deswegen, weil mit dem, daß Jesus wieder lebt, die Taten der Sünde, die Taten der verbrecherischen Art der Menschen aufgelöst werden. Was sind jetzt all die Greueltaten, die man an Jesus vollbracht hat? Was ist jetzt alle Rohheit? Sie kann nicht bestehen, sie wird aufgelöst in dem Lebendigen. Nichts ist es gewesen, nichts ist die Qual gewesen, nichts ist das Kreuz gewesen, nichts sind all die Tränen derer, die um ihn geweint haben — alles ist erlöst und frei. Er ist wieder da, wir haben ihn und haben ihn in alle Ewigkeit.

So kommt eine neue Geschichte in den Lauf der Weltgeschichte hinein, freilich nur wie eine Andeutung, denn das müssen wir ja sagen — mit Schmerzen sage ich es —: Es bleibt bei Jesus allein. Und das macht es auch schwierig bis auf den heutigen Tag. Die Menschen sagen: »Einmal ist keinmal.« Aber hier ist es doch anders. Einmal ist ein Anfang, und dieser Anfang setzt sich fort. Es gibt nun eine Geschichte der Auferstehung. Denn so ein ganz großer Gegensatz ist es doch nicht. Wir leben zwar in einer sterbenden Todeswelt, und doch ist auch unser irdisches Leben immer auf Auferstehung gegründet. Wir müssen alle Jahre wieder ein Auferstehen erleben auf unsern Feldern, auf unsern Wiesen; immer wieder muß etwas auferstehen. Es muß oft auch Altes wieder auferstehen, und unsre heutige Zeit ist mir oft ein Zeichen, daß wir nahe sind der Endgeschichte, der Auferstehung, da so vieles wieder ans Licht gebracht wird, was vor alter Zeit begraben worden ist. Wie vieles tut sich heute auf! Es muß alles heraus, wie wenn der liebe Gott sagen wollte: »Seid getrost! Auch was gestorben ist, muß wieder an den Tag, es muß euch auch dienen. Die Erde soll nicht ein verschlossenes Grab sein, es soll nicht ein großer Stein auf ihren Gräbern liegen, sondern es sollen die Steine weggeräumt werden, es soll das alte Leben hervorkommen, denn Jesus Christus ist auferstanden nicht bloß für euch, sondern auch für die, die in der alten Zeit gelebt haben, und die sollen wieder zum Leben kommen.«

So liegt in der Verkündigung: »Er ist auferstanden!« eine große Hoffnung; in dieser Verkündigung können wir zusammenfassen alles, was wir wünschen und hoffen für unsre arme Erde. Wir können hoffen, daß auch die schrecklichsten Taten der Menschen, die ja auch ein Jesusmord sind, in Kriegen und Blutvergießen, — wir können hoffen, daß alle diese schauderhaften Taten ausgelöscht werden und es einmal heißt: Jetzt fängt die Geschichte der Auferstehung an, jetzt dürfen die alten Geschlechter wieder leben, die gemordeten und getöteten, die übel behandelten Menschen, sie dürfen wieder da sein, denn mit dem, daß Jesus lebt, ist ein Licht hineingekommen in alle Gräber. Und wenn es auch nur erst ein Hoffnungslicht ist — diese Hoffnung wird uns nicht zuschanden werden lassen. Eine Geschichte ist jetzt. Es ist eine Tat, aber eine Tat, die immer wieder neues Leben erzeugt bis auf den heutigen Tag.

Und wenn wir rechtes Ostern miteinander feiern wollen, dann müssen wir den lieben Gott bitten: Laß uns allen in unser irdisches Leben ein Auferstehen kommen. Wie heute die Bäume anfangen, grün zu werden, die Wiesen wieder grün werden, die Saaten schön stehen — ach, laß auch bei uns Menschen einen Frühling kommen, daß etwas Lebendiges in uns werde! Denn wir sind oft so müde und so matt; unser Leben schleicht dahin, wir werden immer älter und schwächer, schließlich liegen wir alle im Grab — und was ist es nun, was wir gearbeitet haben? Man ist oft wie gestorben und möchte fragen: Ach, Herr Gott, wie soll es doch weitergehen? Alles stirbt ab, und das Schönste, das wir miteinander erlebt haben — was haben wir nicht schon Schönes erlebt! — alles geht vorüber und droht, in die langweilige Sterberei zu kommen, da auf einmal alles aus ist. Und wenn wir unsre Lieben ins Grab legen —ja, wir wissen ja, wir behalten ein Andenken an sie, aber wie lange? Es ist merkwürdig, wie schnell alles vergessen wird. Auch wenn schreckliche Dinge geschehen in Erdbeben und in allen möglichen Unglücksfällen auch unter den Werken der Menschen, wenn so viel Herzbewegendes geschieht — im Augenblick ist eine Aufregung in uns, dann deckt sich die Decke wieder über alles, und in ganz kurzer Zeit ist alles vergessen.

So ist es eine Welt des Todes bis auf den heutigen Tag. Das müssen wir auch in bezug auf unser Christentum sagen. Es ist ja auch alt geworden. Was sind die Religionen ein alter Rock voller Löcher und Staub der Jahrhunderte! Was soll es werden? Wir wären hoffnungslos, wenn es nicht heißen würde: »Einer wenigstens, einer ist der Anfang, einer ist wahrhaftig auferstanden!« So wird auch unser christlicher Glaube nicht ewig tot bleiben, er wird nicht ewig im Schatten der Sünde stehen und nicht ewig an der Sünde teilnehmen, die auf Erden ist. Es werden Leute erstehen, die sind frei von einem toten Glauben, die sind frei von allem unchristlichen und bösen Wesen; sie sind auferstanden und dürfen deswegen auch ein Salz auf der Erde werden und ein Licht der Welt. Aber nötig haben wir es — und es soll unsre Osterfeier sein —, daß wir fest im Glauben stehn, daß die Geschichte der Auferstehung noch an die Menschen kommt. Ich möchte, daß in jedes Haus und in jedes Herz das Licht der wirklichen Auferstehung komme, daß wir wirklich gut leben können und überwinden können das Böse, daß es in uns eine Gottesmacht gebe, die in der Auferstehung sich kundgegeben hat.

Und wir können nun ja sagen: Es ist nicht bloß die Verkündigung vor 1900 Jahren: »Er ist wahrhaftig auferstanden!«, was uns heute berührt. Was wären wir doch auch in unserm geistlichen Leben und in unserm religiösen Leben, wenn es nicht immer wieder Auferstehungsstunden gegeben hätte! Gott ist der, der sich immer wieder beweist. Es ist gar nicht so, als ob wir nichts von Gott erführen und nichts wüßten, wie manche Leute sagen, es sei eine Torheit, an Gott zu glauben. Nein, wahrlich, es ist eine große Weisheit, denn wie unendlich viel ist geschehen, daß wir Menschen uns doch erhalten sollten und neues Leben hervorgehe aus den menschlichen Kreisen heraus. Und da muß alle Welt mithelfen, auch die Welt, die von Gott fern ist; sie muß mithelfen, sie muß sich regen und bewegen. Es gibt immer wieder lebendige Zeiten nach toten Zeiten; immer wieder kommt neues Leben heraus aus der Geschichte der Menschen, ob sie glauben oder nicht. Ihr müsset mittun. Du böse Welt — trotz aller deiner Sünde, du mußt mittun, daß es vorwärts gehe in der Geschichte der Auferstehung der Menschen in Jesus Christus, dem Anfang, und der auch das Ende schaffen wird. Das Ende unseres Glaubens, das Ende des Evangeliums muß Aufer­stehung sein. Das ewige Gepredige muß einmal aufhören; es muß einmal tatsächlich wahr werden, was wahr ist; es muß offenbar werden und in die Welt hineinkommen: Er ist wahrhaftig auferstanden und wir sind wahrhaftig in einer Geschichte des Lebens, und das Leben hört nicht auf, bis es die Krone hat in einer großen Auferstehung, da alles wieder an den Tag kommt, was Gott je geschaffen hat und namentlich auch in Menschen den Menschen gegeben hat. Es soll nicht im Grabe bleiben, es soll herauskommen, und die Zweifel sollen überwunden werden durch die Tatsache der Auferstehung Jesu Christi. Man denkt heutzutage zuviel herum, man denkt an eine Verbesserung des Christen­tums, und eine ganze Menge Leute meinen, mit ein bißchen anderer Lehre werde irgendein Fortschritt erzielt werden. Solchen Kindereien wollen wir uns nicht hingeben. Mit ein bißchen anderen Gedanken werden die Menschen nicht anders, nein! Es bleibt alles beim alten! — bis die Stunde der Auferstehung kommt, bis das wahrhaftig letzte Ostern kommt, da Tausende und aber Tausende vor unseren Augen neue, auferstandene Menschen werden, die nichts mehr kann unter­drücken und nichts mehr kann töten.

Das ist unser Osterfest. Es ist zum Teil nur ein Hoffnungsfest, aber diese Hoffnung hätte keine Wahrheit, wenn sie sich nicht gründen würde auf die große Tatsache: »Er ist wahrhaftig auferstanden.« Lasset das in unsre Häuser, in unsre Gesellschaft, in unsre Herzen dringen! Lasset es doch hineindringen als ein starkes Werk Gottes, ein Werk Gottes, ohne welches wir uns Gott gar nicht vorstellen könnten. Wäre Gott nicht ein Gott, der die Toten auferweckt, wäre Gott ein Gott, der die Geschichte der Menschen hinnehmen muß, wie sie ist, da nichts in ein neues Leben gerückt werden kann, dann würden wir umsonst an Gott glauben, dann hörten wir lieber heute auf! Aber er ist ein Gott, der Neues schafft. Wie er geschaffen hat, so schafft er Neues, und mitten in die Entwicklung zum Sterben hinein kommt der große Gott mit der noch stärkeren Entwicklung zum Leben hin.

Das ist Ostern für uns, und bei dem wollen wir bleiben, und Gottes Geist mache es uns heute recht lebendig, daß wir voll Freude werden über der Verkündigung: »Er — wenigstens er, Jesus Christus — ist auferstanden von den Toten! «

Gehalten am 12. April 1914 in Bad Boll.

Aus: Christoph Blumhardt: Predigten und Andachten aus den Jahren 1907-1917 (Auswahl aus seinen Predigten, Andachten und Schriften, hg. v. R. Lejeune, Band 4), Erlenbach-Zürich 1932, S. 348-353.

Hier die Predigt als pdf.

„Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt“ – Hans Joachim Iwand in seiner Palmsonntagpredigt von 1945 (Mt 21,1-9)

7. April 2017

Wilhelm Morgner – Christi Einzug in Jerusalem (Ölgemälde, 1912)

Da war Dortmunds Innenstadt nach den Bombenangriffen am 12. März 1945 völlig zerstört, so dass Iwand diese Predigt wohl am 25. März 1945 in Cappenberg/Westfalen gehalten hatte. Dort hatte er nämlich mit seiner Familie Zuflucht gefunden hatte. So kann Iwand kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs nicht anders als kreuzestheologisch zu predigen:

So wollte Jesus seinen Einzug in die Stadt verstanden wissen, daß mit ihm der Friede einzieht und durch seine Macht die Mauer aufgerichtet werde, an der sich der Ansturm des Krieges und des Blutvergießens bricht. So wollte er und so will er kommen, daß deutlich wird, daß sein Gott, in dessen Na­men er kommt, ein Gott des Friedens ist und nicht ein Gott des Krieges, ein Gott der Liebe und nicht des Hasses. Darum reitet er auf einem Esel ein, sanftmütig, wie unser Text sagt, denn er will herrschen über die Herzen und nicht über die Leiber, er will herrschen ohne Gewalt, er will herrschen, so, daß sich ihm die Herzen zuwenden, ohne Furcht und ohne Schrecken.

Und es muß wohl auch so sein, daß Krieg und Frieden nicht nur äußere Vorgänge sind, son­dern daß in alldem die Saat aufgeht, die in die Herzen der Menschen gesät ist. Der Mensch steht hinter beidem. Auf der einen Seite der Mensch, der keinen Frieden findet, der ruhelose, begehrliche, von Lust und Begierde hin- und hergerissene Mensch, der Mensch, der herrenlos geworden ist und der nun selbst darum den Herrn spielt, der sich frei nennt und doch preisgegeben ist allen Mächten und Gewalten, die nicht aus Gott sind. So wie es einmal in der Bibel heißt: »Die Gottlosen haben keinen Frieden«. Und auf der anderen Seite der Mensch, der in Jesus seinen Herrn findet, der durch den Glauben an ihn mit Gott versöhnte, in Gott zum Frieden gekommene Mensch. In seinem Herzen lebt ein neuer Geist, der auch ihn ergreift und durchwaltet. Und so sammelt sich um Je­sus und das Evangelium von ihm eine neue Menschheit. Es kann gar nicht anders sein, wo er in der Mitte steht, da ist die Burg des Friedens und der Brüderlichkeit, da bricht sich das Kriegsgeschehen und der Haß, da wirkt Gott von innen her. Die Königsherrschaft Jesu bedeutet also, daß das Ge­sicht der Welt sich verändert, daß der Mensch frei wird, frei von den sata­nischen Gewalten, die ihn zum Werk­zeug der Finsternis machen, frei zum Dienste Gottes, so, wie Gott den Menschen gemeint hat, da er ihn schuf.

Aber es gehört zum Glauben dazu, in Jesus den König zu erkennen und anzuerkennen. Wir Menschen neigen alle dazu, uns dem zu beugen, der seine Macht und Autorität durch äußere Kennzeichen erweist. Wir neigen alle dazu, uns eher den Tyrannen zu beugen, als dem, der um unseren frei­en Gehorsam wirbt, wir neigen alle dazu, mehr auf Drohungen zu hören oder auf Versprechungen, und wir verstehen unter Herrschaft nur allzu leicht Gewalt und Macht. So ist es ja auch in der Welt und darum geht die Welt zugrunde. Jesus tut alle diese Kennzei­chen von sich ab, bis heutigen Tages ist er der Niedrige, der Arme, der Sanftmütige, bis heuti­gen Tages weigert er sich, sich und seine Sendung einbeziehen zu lassen in das Trei­ben der Mächtigen und Gewaltigen auf Erden. Er gleicht dem Königssohn, der in der Uniform des Elends unter die Seinen tritt, damit sie ihn nicht lieben wegen des Glanzes und des Flitters, der nach außen hin scheint, sondern damit sie ihn lieben um der Liebe willen, die ihn selbst in Not und Tod führt. Und darum müssen wir, wenn wir in ihm den König erken­nen wollen, unsere Augen schließen, müssen den Widerspruch ertragen, den seine irdische Erscheinung bietet. Das Kreuz ist in diese irdische Er­scheinung tief eingesenkt, und wohl dem, der sich an diesem Kreuz nicht ärgert, wohl dem, der sich nicht schämt, den seinen König zu nennen, der so arm und gering über die Welt gegangen ist.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Unwiderlegbar, unzerstörbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter“ – Abraham Joshua Heschel.

6. April 2017

Von Abraham Joshua Heschel (1907-1972), dem bekannten jüdischen Religionsphilosophen, stammt folgender Lobpreis der Bibel:

„Warum übersteigt die Bibel alles vom Menschen geschaffene? Warum hält kein Werk den Vergleich mit ihr aus? Warum gibt es kein Ersatz für die Bibel? Warum müssen sich alle, die den lebendigen Gott suchen, an sie wenden?

Man stelle die Bibel neben eines der wirklich großen Bücher die menschliches Genie geschaf­fen hat, und man wird beobachten, um wie viel kleiner sie waren im Vergleich mit der Bibel. Die Bibel sorgt nicht um ihre literarische Form, nicht um Schönheit der Worte, aber ihre absolute Erhabenheit tönt durch alle ihre Seiten. Ihre Verse sind so monumental, aber gleichzeitig so schlicht. […]

Die Größe der Bibel wird offenkundiger, wenn man sie im Rahmen der Universalgeschichte studiert, und ihre Hoheit wächst, je vertrauter der Leser mit ihr wird.
Unwiderlegbar, unzerstörbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter. Ohne Zögern schenkt sie sich allen Menschen, als ob sie jedermann auf Erden gehörte. Sie spricht in jeder Sprache und zu jedem Lebensalter. Sie befruchtet alle Künste, ohne mit ihnen zu konkurrieren. Wir alle leben von ihr, und sie bleibt unangetastet, unerschöpflich und ganz. In 3000 Jahren ist sie nicht um einen Tag gealtert. Sie ist ein unsterbliches Buch. Sie kann nicht der Vergessenheit anheimfallen. Ihre Kraft wird nicht geringer. Tatsächlich steht sie erst ganz am Anfang ihrer Wirksamkeit; die volle Bedeutung dessen, was sie sagt, ist kaum bis an die Schwelle unseres Bewusstseins gedrungen. Wie ein Ozean, auf dessen Grund zahllose Perlen schimmern, die darauf warten, dass man sie entdeckt, muss ihr Geist erst noch entfaltet werden. Obwohl ihre Worte einfach und ihre Sprechweise durchsichtig erscheinen, tauchen unausgesetzt neue Bedeutungen und Hinweise auf, von denen man sich nichts träumen ließ. Mehr als 2000 Jahre des Lesens und Forschens haben ihren vollen Sinn nicht entfalten können. Noch heute ist es, als sei sie nie angerührt, nie gesehen worden, als hätten wir nicht einmal damit begonnen, sie zu lesen. […]

Wahrlich, unzählige Kulte, Staaten und Reiche sind wie Gras dahingewelkt, zu Millionen sind Bücher begraben, aber: ‚das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit‘. In Zeiten großer Krisen versagen alle, allein die Bibel behauptet sich. […] Die Bibel ist nie hinter der Zeit zurück, sie ist unseren Bestrebungen um Menschenalter voraus.“

Quelle: Abraham Joshua Heschel: Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums (God in Search of Man. A Philosophy of Judaism, New York 1955), Neukirchen-Vluyn, 3. Auflage 1992, S. 184-187.

“ Ich bin froh, wenn ich in der Bibel lese und nicht alles verstehe“ – Sibylle Lewitscharoff über die Luther-Bibel

5. April 2017

Wirklich starke Worte für Martin Luthers Übersetzung der Bibel findet Sibylle Lewitscharoff in ihrem neuesten NZZ-Beitrag „Ein Mann des Wortes und der Wörter„, wenn sie schreibt:

„Gerade weil die Bibel in Luthers originaler Verschriftung heute nicht so mühelos heruntergelesen werden kann, erhält sie den patinierten Glanz des Althergebrachten, das aus einem geheimnisvollen Dunkel als entborgenes Juwel hervorleuchtet.

Das klingt nach Vergangenheitsromantik, denn zu Luthers Zeit war diese Sprache ja hoch­modern. Trotzdem: Luthers Originalsprache winkt mir von weit her zu. Wenn sich die Bibelübersetzungen ganz und gar dem modernen Sprachgebrauch ausliefern und damit auf überaus kommode Weise verständlich werden, gehen sie der Möglichkeit der Interpretation verlustig. Solange der Schatten einer dunkleren Wortwahl aufhorchen lässt, der nicht bis aufs letzte Fitzelchen ausgedeutet werden kann, bewahrt die Bibel ihr Offenbarungsgeheimnis.

Liegt alles in planer, alltäglicher Sprache vor uns, latschen wir in den biblischen Texten herum wie schlecht erzogene Badegäste. Ich bin froh, wenn ich in der Bibel lese und nicht alles verstehe, weil sich genau solche Passagen zu einem seelischen Weckruf verdichten können, der mich dem in der Bibel enthaltenen Mysterium tremendum näherbringt. Trotz dem sprachlichen Brückenbau über so manch schwarzes Loch hinweg lässt Martin Luthers Übersetzung die Gewalt des parataktischen Nebeneinanders der Sätze noch spüren, wo es kein kommodes Geländer gibt, an dem man sich festhalten könnte.“

Als Schriftstellerin muss Lewitscharoff eben keine claritas scripturae huldigen.

Hans G. Ulrich – Kritisches zu Karl-Heinz Götterts „Luthers Bibel. Geschichte einer feindlichen Übernahme“

3. April 2017

Hans G. Ulrich, emeritierter Professor für Systematische Theologie und Theologische Ethik an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat Karl-Heinz Götterts jüngst erschienenes Buch „Luthers Bibel. Geschichte einer feindlichen Übernahme gelesen und wird richtig kritisch: 

Was Göttert da gemacht hat ist skandalös. Lies mal die Bemerkungen zur Übersetzung von „Gerechtigkeit“/Rechtfertigung“, da ist alles mehr oder weniger falsch, besonders dicht im Kapitel über den „Römerbrief“. Dass der (vermutlich katholische) Germanist Göttert so ziemlich alles mißdeutet, ist schon schlimm, schlimmer aber, dass die ZEIT wie vielleicht überhaupt die literarische Öffentlichkeit so was nicht merkt.

Für das, was Göttert da bietet, gibt es kein theologisches Verständnis mehr. So wird die sog. „christologische Deutung“ des AT in der Theorie von der feindlichen Übernahme des AT (doch wohl am Ende der ganzen Bibel) durch Luther brutal plakatiert. Wird jemand merken, dass die Propheten, die Luther auf Christus hin liest (weil sie ja doch den Messias verkündet haben) als „Weissager“ gekennzeichnet werden? Gibt es im AT keine Messiaserwartung, sodass ein Lesen auf Christus hin als Luthers Übersetzungsstrategie erscheinen muss? Überlieferungsprozesse werden auch mal wieder als „theologische Konstruktionen“ gekennzeichnet (nichts von Traditionsgeschichte gehört?). (Es macht die Strategie von Göttert nicht besser, dass er sich in Bezug auf Luther und das AT ausgerechnet auf Heinrich Bornkamm beruft.)

Hebräisch kann Göttert wohl nicht, oder er benutzt irgendein Wörterbuch, aus dem er dann das eine oder andere auswählt, so wenn er offensichtlich denkt, dass Aemuna nicht mit „Glauben“ übersetzt werden kann – vielleicht auch deswegen, weil für ihn Glauben „faith“ nicht in die Semantik von „Treue“ gehört. Er glaubt z.B. darauf verweisen zu müssen, dass die Übersetzung von hebr. Plural „Wörter“ bei Luther „Wort“ (Gottes) ist. Buber übersetzt „Rede“! „Rede“ Gottes. Überhaupt Buber: hätte Göttert mal Bubers Übersetzung angesehen – wenn er nicht Hebräisch kann – dann hätte ihn das auch manchen Nonsense erspart. Bubers Übersetzung von „Sedaka“ mit Bewahrheitung ist sehr nahe an Luthers Verwendung von „Gerechtigkeit“. Von der ganzen theologischen Semantik zu Sedaka, die bei Luther sehr wohl in vielen Nuancen präsent ist, erfährt man ohnehin nichts.

Unzählige solche sprachlichen Wirrnisse sind in dem Buch – und das Ganze wird nun als „Luthers Bibel“ vermarktet. „Feindliche Übernahme“ – in der Tat. Aber davon abgesehen, wie kann Göttert oder der Verlag (S. Fischer) annehmen, dass irgendjemand eine solche „Aufklärung“ ernst nehmen kann? Wo sind wir im Reformationsjahr 2017, dass wir das nötig haben?“

Hier der Text von Professor Ulrich mit den Belegstellen als pdf.