Archive for the ‘Schriftauslegung’ Category

„In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest“ – Wie die Zürcher Bibel Römer 12,9-16 als Wirklichkeitszusage übersetzt

13. Januar 2018

Christus der Weinstock (Joh 15,1-8)

Das sind ja die Entdeckungen, die eine andere Übersetzung bescheren können. „Klassisch“ wird nach Martin Luther Römer 12,9-13 imperativisch im Sinne der Paränese übersetzt, so beispielsweise in Vers 11: „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“ Nun handelt es sich jedoch im griechischen Text (bzw. in der lateinischen Vulgata) um eine Partizipialreihung, wo weder Person noch Modus bestimmt sind. Wenn der definite Bezug im Kontext gesucht wird, kommt man schließlich zu Römer 12,5f mit einer finiten Verbform: „so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist„. In der Zürcher Bibel von 2007 wird – meiner Ansicht nach zurecht – die Partizipialreihung indikativisch mit einem „Wir“ übersetzt:

9 Die Liebe sei ohne Heuchelei!
Das Böse wollen wir verabscheuen,
dem Guten hangen wir an.
10 In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan,
in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor.
11 In der Hingabe zögern wir nicht,
im Geist brennen wir,
dem Herrn dienen wir.
12 In der Hoffnung freuen wir uns,
in der Bedrängnis üben wir Geduld,
am Gebet halten wir fest.
13 Um die Nöte der Heiligen kümmern wir uns,
von der Gastfreundschaft lassen wir nicht ab.

In der Gemeinschaft des einen Leibs in Christus werden die Gnadengaben uns allen wirklich (das „Geistbrennen“ in Vers 11 kann ja nicht befohlen werden). Der Geist vereinnahmt uns, so dass ein Gemeinschaftsleben eben nicht erst „individualethisch“ verwirklicht werden muss.

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„Und Gott befahl im Traum …“ Wenn Träume nicht nur Schäume sind

8. Januar 2018

Jede Nacht ist bei uns Kopfkino angesagt. Die meisten Träume schaffen es nicht in unser Gedächtnis, aber manche Klarträume haben es dafür in sich. Gut, wenn wir eigene Träume beachten, können diese uns doch göttlich berühren. So heißt es im Buch Hiob: „Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett, da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende und von ihm die Hoffart tilge.“ (33,15-17) Wo im Schlaf das eigene Bewusstsein nicht länger in Kontrolle ist, treten mitunter unangenehme Wahrheiten an einen heran und veranlassen Lebensänderungen.

Dennoch bleibt die Frage, ob der jeweilige Traum nicht doch nur selbst erträumt worden ist. Schließlich heißt im Buch Jesus Sirach: „Wer sich auf Träume verlässt, der greift nach dem Schatten und will den Wind haschen. Das eine ist wie das andere: Träume sind wie Bilder im Spiegel. […] Träume haben viele Menschen betrogen, und gescheitert sind, die darauf hofften.“ (34,2-3.7]

Wir mögen auf Ermutigung für eigene Lebenspläne aus sein – Gott auf meiner Seite, der mir zusagt, dass ich es schaffen werde. Gerne reden wir von Lebensträumen, aber deren Verwirk­lichung kann unser Leben nicht dauerhaft erfüllen. Es gibt immer ein unerfülltes Danach. Wenn uns Gott im Traum etwas zu sagen hat, will er damit unser Leben zu ihm führen. So hat es einst Jakob in seinem Traum von der Himmelsleiter erfahren: „Hier ist die Haus Gottes und das Tor zum Himmel!“ (Gen 28,17)

Es hilft, wenn wir Träume in unser eigenes Gebet hineinnehmen. Ich vertraue Gott meinen Traum an, damit sein Licht auf das fällt, was mir der Traum aufgedeckt hat. So bitte ich Gott, mir zu sagen, was der Traum für mich zu bedeuten hat. Und schließlich sind eigene Träume immer wieder neu von der Heiligen Schrift her zu beurteilen, ob sie mit Gottes Wort zusammenstimmen. Mancher Traum im Leben verwelkt wie eine Blume, „aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jes 40,8)

„Willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst“ – Hans Joachim Iwands Besinnung zur Weihnachtsgeschichte (Lk 2,8-14) von 1939

15. Dezember 2017

Jules Bastien-Lepage – The Annunciation to the Shepherds (1875, National Gallery of Victoria, Melbourne)

Da war Hans Joachim Iwand schon Pfarrer an der Marienkirche in Dortmund, als er 1939 für das Evangelischen Volksblatts für die Ostmark eine Besinnung zur Weihnachtsgeschichte schrieb. Großartig ist es, wie Iwand in der Verkündigung an die Hirten das Evangelium aufzeigt:

Nun seht, so wie der Glanz Gottes die Hirten in dieser Wundernacht um­fing, so umfängt er jeden, dem das Heil widerfährt: als unbegreifliche, überwältigende, unbegründete Gnade. Darum fürchten wir uns – aber Gott sagt: Fürchtet euch nicht! Warum denn nicht? Darum nicht, und zwar ein­zig und allein darum nicht, weil der Heiland geboren ist, der Retter, der Erlöser der Welt. Die Gegenwart Gottes, die uns umfängt, heißt Vergebung, Erlösung, heißt Freundlichkeit und Menschlichkeit. Das Licht, das die Nacht in den Tag wandelt, ist der helle Schein der großen Barmherzigkeit Gottes, der mitten hineinleuchtet in das Dunkel der Welt. Das allein hilft, das hören und das glauben; denn alles andere, was wir oder andere uns sagen, um unser erschrockenes Herz zu beschwichtigen, hilft da nicht. Wir haben Grund genug, uns zu fürchten, wenn wir auf einmal in die Ge­genwart Gottes gestellt werden. Es gibt nur eines, den Menschen dann frei zu machen von der Furcht, sein Herz und Gewissen froh zu machen, das ist diese Kunde: Der Heiland ist geboren. Darum, willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst. Er, Gott selber, legt seinen eingeborenen Sohn in die armselige Hütte der Welt, damit wir in ihm das allzeit gültige Pfand seiner Liebe hätten. Wenn das geschieht, wenn die Gnade Gottes größer wird als die Furcht, wenn uns dies Kind lehrt, wieder zu Gott Vater zu sa­gen – dann, ja dann ist das Wunder der Heiligen Nacht auch bei uns und an uns geschehen.

Es ist seltsam: was die Hirten lernten in dieser einzigen Nacht, lernt mancher sein Leben lang nicht. Er lernt es nicht, trotz Kirchengehen und Bibellesen. Es muß nämlich noch mehr hinzu­kommen, damit wir das ler­nen. Es muß mit der Geburt des Kindes auch in uns der Mensch geboren werden, der wieder glauben, hoffen und anbeten kann. Wie geschieht das? Wenn wir hören, wie die Hirten hörten, und glauben, was die Hirten glaub­ten: Euch ist heute der Hei­land geboren! Auf das Heute kommt es an und auf das Euch kommt es an. Wie es an einer anderen Stelle heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht.« Heute – das heißt: So, wie du bist, so hat dich Gott lieb. Mitten in deine Lage, mitten in deine Not, mitten in deine Bedrängnis sendet er dir den Christus, den Er­löser. Wie mag unser Heute aussehen – das Heute des Kriegsjahres 1939? Gott allein weiß, wie vielfältig sein Gesicht ist. Aber seine Herrlichkeit ist nicht gebunden an Raum und Stätte. Er legt sein Kind in die Hände derer, die heute an unsren Grenzen die Wacht halten, er läßt das »Stille Nacht, Heilige Nacht« erklingen mitten im Kriegsgetümmel, er eint die Herzen derer, die heute getrennt sind, in die­ser Freude und in dieser Gewißheit: Uns ist heute der Heiland geboren. Vom Himmel her kam die Botschaft der Heiligen Nacht; so weit der Himmel reicht, läuft sie auch heute durch die weite, wüste Welt:

Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volke widerfahren soll.
Denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr …

Hier der vollständige Text als pdf.

„Umkehr ist Freude, Gott recht geben ist Freude“ – Evangelische Metanoia nach Julius Schniewind

6. Dezember 2017
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Rembrandt – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669)

Der Neutestamentler Julius Schniewind (1883-1948) war es, der auf die Missverständlichkeit von „Buße“ aufmerksam gemacht und das Evangelium mit der Umkehr zusammengebracht hat. So heißt es in seinem Vortrag „Evangelische Metanoia“ von 1935:

Wir reden von Metanoia, ausdrücklich und absichtlich nicht von Buße. Das Wort Buße ist nämlich mit Vorstellungen behaftet, die genau an dem vorbeiführen, was die Bibel mit Metanoia meint. Buße heißt in unserer Sprache zunächst soviel wie Strafe. In Süddeutschland ist es noch gebräuchlich, von einer Geldbuße zu reden, wenn man Strafe zahlen muß, und in ganz Deutschland ge­braucht man noch so das Verbum, wenn wir von abbüßen reden: ich mache etwas wieder gut, indem ich es abbüße, indem ich willig die verdiente Strafe trage. Dies Abbüßen und Strafetra­gen hat dann in einer langen Geschichte der Bußdisziplin und der Bußübung in unserer Kirche die uns allen bekannte Form gewonnen: Buße ist Stimmung, Gefühl, Erregt-Sein, Angst; Buße heißt Tränen vergießen – so klingt es weithin durch unser Gesangbuch, so singt es die Arie der Matthäus-Passion, so gestalten es unsere Sitten beim Bußtag, am Karfreitag, am Syl­vester, so bestimmt es unsere Evangelisation. Aber dies alles geht an dem, was die Bibel mit Metanoia meint, noch ganz vorbei. Es kann ja sein, daß es, mehr als man oft denkt, so etwas wie Strafe gibt in unser aller Leben. Aber das Neue Testament ist merkwürdig sparsam im Gebrauch dieses Wortes und ähnlicher Worte; und wenn von Strafe gesprochen wird, so ist gemeint, daß das, was Abfall von Gott heißt, sich bis in die letzten Folgerungen in unserm Leben auswirkt (vgl. Röm 1, 20 ff.). Und es kann wohl sein, daß Umkehr und Buße auch Trauer, ja Tränen bedeutet (vgl. 2. Kor. 7, 9 f.). Aber das ist nur Begleiterscheinung einer bestimmten Wendung auf Gott hin. Die Begleiterscheinung kann völlig fehlen und die Wen­dung doch da sein. Es geht bei der Metanoia um Gott und nicht um Strafe oder Trauer.

Metanoia ist auch weit mehr als „Sinnesänderung“. Diese Übersetzung des griechischen Wor­tes, auf die man sich noch etwas zugute tut, ist einfach falsch. Kein Mensch hat in der Zeit des Neuen Testaments noch an die Etymologie des Wortes Metanoia gedacht, das Wort ist ebenso abgegriffen wie unser Wort Buße. Zudem ist Sinnesänderung etwas viel zu Harmloses, eine Verfälschung der biblischen Metanoia: Wir denken dabei an unsern Sinn, an unsere Psyche; stolz wendet sich der Mensch vom Äußerlichen ab und ändert seinen Sinn. Aber Gott begnügt sich nicht mit unserm Sinn, sondern er fordert die ganze Tat, all unser Tun bis ins kleinste; ja und er fordert auch unsern Sinn, unser innerstes Herz, aber nicht so, daß sich hier ein vortreff­licher, neugesinnter Mensch darstellt, sondern so, daß sich Sinn und Herz wie Tat und Werk zu Gott wenden. Metanoia heißt Wendung zu Gott. […]

Umkehr ist Freude! Bei Jesus ist, nun anders als beim Täufer, der Bußruf schrankenlos Evan­gelium, Freudenwort. Umkehr ist Freude, Gott recht geben ist Freude. Bei den Umkehrenden beginnt die Freude der messianischen Zeit, die Hochzeit, das Freuden-Mahl (Mk. 2, 15 ff.). Es ist Freude, daß von Gott her die Dinge zurecht gebracht werden, die verwirrt und ver­kehrt waren (Lk. 19, 6 ff.). Ja, der Bußruf selbst ist Freude. Die Bergrede, das Bußwort vor allen andern Worten der Bibel, sie ist umschlungen von Freude, sie ist Seligpreisung derer, die nichts haben, die vor Gott arm, niedrig, hungernd sind; die Trauernden und Wartenden werden seliggepriesen. Von da aus erst bekommen all die furchtbaren Worte ihren Klang, die Worte von der Hölle und vom Fluch und von der Schuld: Es gibt ja kein Wort der Spruchreihe von Mt. 5, 21 ff., das nicht den Hörer schrankenlos verurteilte. Zugleich aber klingen all diese Worte aus dem schrankenlosen Ja. Es ist wirklich möglich, daß das Auge ausgerissen wird, daß die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut, daß wirklich vergeben wird, wie der Vater vergibt, daß wirklich Worte geredet werden, die am Jüngsten Gericht bestehen, daß wirklich der Feind gesegnet und nicht verflucht wird: denn die Gotteskindschaft ist jetzt da. Was jeder Jude als ein Postulat, als ein Sein-Sollendes schon kennt, daß jeder einzelne vor Gott steht wie ein Sohn vor dem Vater, es wird hier als Wirklichkeit zugesprochen (Mt. 5, 16. 45. 48). Er, Jesus, der eine Sohn, spricht die Gotteskindschaft zu. Er spricht sie eben denen zu, deren Haß und Argheit nichts verdient hätte als das ewige Feuer, den ewigen Tod (Mt. 5, 45; 7, 11; 5, 21 ff.).

Er spricht den Gewinn des Lebens dem zu, der das Leben verliert (Mt. 16, 25), nein, vielmehr denen, die das Leben verloren haben, deren Leben dem Tod verfallen ist (Mt. 16, 26), für sie aber tritt er ein mit dem Einsatz des eigenen Lebens (Mk. 10, 45). Der selbst vor Gott gering und arm ist (Mt. 11, 29), der selbst ohne Trost, verlassen und hilflos ist (Mk. 14, 32ff.; 15, 34), Er, der Gekreuzigte, er selbst ist der Träger aller Seligpreisungen: der Tröster, der Evan­gelist, der Friedebringer, der eine Sohn. Er selbst ist unsere Umkehr zu Gott.

Hier der vollständige Text als pdf.

 

„Wenn der Glaube dem Tod nicht gewachsen ist, wird er zerbrechen“ – Helmut Tacke über Glaube und Anfechtung

28. November 2017

Da war Helmut Tacke schon krankheitsbedingt aus dem aktiven Pfarrdienst ausgeschieden, als er ein Jahr vor seinem Tod in der Mitarbeiterhilfe des CVJM einen kleinen Text über Glaube und Anfechtung veröffentlichte, der es immer noch in sich hat. Nichts mit einer Privatisierung des Glaubens, ist doch nach Tacke der „Regierungsbezirk des Glaubens […] größer als der meiner individuellen Existenz. Der Glau­be macht mich nicht weltentrückt, son­dern weltverant­wortlich. Ich werde durch die Kraft des Glaubens mithineingenommen in die »Leiden dieser Zeit« und in das »Seuf­zen alles Geschaffenen« (Röm 8,19ff).“ Hier der vollständige Text:

Glaube und Anfechtung

Von Helmut Tacke

Vielleicht ist das Wort zu groß für uns. Es erinnert uns an Luthers Glaubenskampf. Da geht es um Abgründe und Zerreißproben, in denen der Glaube sich bewähren muß. Machen wir über­haupt noch die Erfahrung, daß unser Glaube in Anfechtungen geprüft wird, oder sind wir gar der Meinung, daß wahrer Glaube mit Anfechtung nichts zu tun haben dürfe?

Die Bibel selbst hält aber an Begriff und Sache der ›Anfech­tung‹ fest. Unser Glaube hat immer auch mit Widerstand und Kampf zu tun – ob wir wollen oder nicht. Darüber hin­aus bringt das Wort ›Anfechtung‹ zum Ausdruck, daß es um eine Gefährdung des Glaubens geht, die nicht aus uns selbst erwächst, sondern an uns herantritt. Ich kann mich ins Unglück brin­gen, aber nicht in die Anfechtung. Anfech­tungen sind nicht selbstgemacht, sondern wir erlei­den sie. Anfechtung ist die Krisenzeit des Glaubens. Die Glaubenskrise ist wie alle Krisen ein ›Zeitgeschehen‹, eine herausge­nommene, eine qualifizierte Zeit, über die ich nicht be­stimme, sondern die über mich kommt. Darin liegt auch ein Trost. Für die Angefochtenen ist es wich­tig zu wissen, daß die Zeit der Anfechtung nicht bleibt, sondern zu Ende geht. Vor allem die letzte, die eschatologische Glaubenskrise ist begrenzt. Sonst wäre sie nicht durchzustehen (vgl. Mt 24,22).

Das enge Verhältnis, das zwischen Glaube und Anfechtung besteht, kann durch zwei kurze Sätze angesprochen wer­den:

  1. Die Anfechtung fordert den Glauben heraus.
  2. Der Glaube fordert die Anfechtung heraus. [254]

Zum ersten: Vieles kann dem Glauben zur Anfechtung werden: Glück und Unglück, Scheitern und Erfolg, Tiefes und Hohes. ›An und für sich‹ sind die verschiedenen Zu­stände und Erleb­nisse, die auf unser Leben einwirken, nicht eindeutig bestimmbar. Es sind keine ›Werte‹ im Sin­ne absoluter Größen. Aber sobald sie mich in meinem Glauben betreffen, können sie mir zur Anfechtung wer­den. Und dann fordern sie meinen Glauben heraus.

Herausgeforderter Glaube muß sich in Frage stellen las­sen und muß sich Fragen stellen las­sen. »Meine Tränen sind mein Brot geworden Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: Wo ist denn dein Gott?« (Ps 42,4) Die Frage der anderen, die Frage nach der Gegenwart und Hil­fe Gottes wird dem Glaubenden zur Anfechtung. Der Glaube an den Beistand des Gottes Israels wird angesichts gegentei­liger Erfahrungen herausgefordert. Er muß sich der kriti­schen Frage nach Gott stellen, weil er sich der offenbar gottlosen Lebenswirklichkeit stellen muß. Was die ande­ren den Glaubenden fragen, ist plausibel und berechtigt. Die Antwort des herausgefor­derten Glaubens kann keine selbstsichere und keine leicht-fertige Antwort sein. Es ist das Cre­do eines Verwundeten. Es ist ein Glaube, der sich aus tiefer Angefochtenheit erhebt: »Was bist du so aufge­löst, meine Seele, und stöhnst in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen für das Heil seines Angesichts« (Ps 42,6 [Elberfelder Bibel]).

Das Bild und der Vorgang des ›Herausforderns‹ macht an­schaulich, daß sich der Glaube nicht bei sich selbst verber­gen kann, sondern daß er sich den konkreten Widerfahrnissen des Lebens aussetzen muß. Der Glaube an den in Christus offenbaren Gott ist keine religiöse Provinz, kei­ne unangreifbare Ideologie, sondern ist eine Erkenntnis in Spannung zu anderer Erkenntnis und eine Kraft in der Be­gegnung mit anderen Kräften. Aus diesem Grunde ist der Glaube auch verwundbar, anfechtbar. Eine »feste Burg« (Ps 46) wird nur Gott selbst genannt, nicht unser Glaube.

Angefochtener Glaube spricht nicht von der eigenen Gläubigkeit, sondern von dem, an dem der Glaube hängt. [255] Angefochtener Glaube konzentriert sich auf das Wesentli­che. We­sentlich im Prozeß des Glaubens ist die Bewegung des Sich-Verlassens. Wer sich auf Gott verläßt, der verläßt sich selbst. Solcher Glaube weiß um die Verläßlichkeit der Treue Gottes und um die Fragwürdigkeit alles Eigenen. Angefochtener Glaube verliert darum das primäre Inter­esse am eigenen Ich zugunsten der Freude am Du Gottes. In dieser Krisenzeit des Glau­bens tritt die ›eiserne Ration‹ des Glaubens in Erscheinung und in Kraft: das Vermögen, unterwegs zu sein, unterwegs auf dem Weg von Adam zu Christus.

»Vom Tode, von der Furcht des Todes, hebt alles Erkennen an« (Franz Rosenzweig). Die schwerste Anfechtung ist die Todesanfechtung. Sie fordert den Glauben am stärksten heraus. Wenn der Glaube dem Tod nicht gewachsen ist, wird er zerbrechen. Hält aber der Glaube der Herausforde­rung stand, die der Tod für ihn bedeutet, so hat er Gott er­kannt als den, der die Toten lebendig macht. Auf diese entscheidende Glaubenserfahrung durch die Anfechtung des Todes ist Paulus konzentriert, wenn er den Korinthern von der Todesgefahr berichtet, in die er auf einer seiner Reisen hineingeraten ist: »… daß wir über die Maßen be­drängt waren und über unsere Kraft, so daß wir am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hiel­ten, daß wir sterben müßten. Das geschah aber, damit wir un­ser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt«(2Kor 1,8f).

Die Todesanfechtung fordert den Glauben derart heraus, daß sich unser Vertrauen in keinem Sinne länger auf uns selbst, sondern allein auf Gott richtet, der dem Menschen des Todes die Treue hält. Paulus schreibt, daß gerade so die Trostlosen getröstet werden. In diesem Zusam­men­hang gilt auch die seelsorgerliche Regel, daß nur die in An­fechtung Erfahrenen die Ange­fochtenen trösten können. Was dem angefochtenen Glauben zu glauben bleibt, ist ge­nug zum Leben und zum Sterben. Dem Glauben bleibt die Abwendung von der Selbst-Erfahrung und die Hinwen­dung zur Christus-Erfahrung. Denn unser Leben »ist ver-[256]borgen mit Chri­stus in Gott« (Kol 3,2). Mein Ich ist in Chri­stus »aufgehoben« – im doppelten Sinn dieses Wortes. Der angefochtene Glaube lernt, das loszulassen, was ein unan­gefochtener Glaube gern fest­halten möchte: die Illusion, aus sich selbst leben zu können. An dessen Stelle tritt die Glau­benserfahrung: daß ich »von Christus ergriffen bin« (Phil 3,12).

Die Anfechtung macht den Glauben notwendig. Er wen­det die Not der Gefangenschaft in der eigenen Ich-Ver­schlossenheit. Die Anfechtung macht mich arm vor Gott. Darum entspricht dem angefochtenen Glauben die Ar­mut »im Geist« (Mt 5,3). Die Glaubensanfechtung ist die Kraft eines ›destruktiven‹ Eingriffs, der den sich selbst konstruierenden ›alten‹ Menschen auf­stört und zur Um­kehr bewegt. So wird die scheinbar negative Intention der Anfechtung zu einem Impuls, daß ich mich nicht bei mir selbst, sondern bei Christus suche und finde.

Zum zweiten: Fordert die Anfechtung den Glauben her­aus, so gilt auch das Umgekehrte: daß der Glaube die An­fechtung herausfordert. Weil der Glaube mich nicht nur mit mir selbst befaßt sein läßt, sondern mich auch mit der Welt, in der ich lebe, verbindet – und zwar ›ver­bindlich‹ –, werden mein Interesse und das Maß meiner Betroffenheit erweitert. Der Glaube geht mich an, nicht nur privat, son­dern auch politisch. Der Regierungsbezirk des Glaubens ist größer als der meiner individuellen Existenz. Der Glau­be macht mich nicht weltentrückt, son­dern weltverant­wortlich. Ich werde durch die Kraft des Glaubens mithineingenommen in die »Leiden dieser Zeit« und in das »Seuf­zen alles Geschaffenen« (Röm 8,19ff).

Daraus erwächst meinem Glauben neue und gefährliche Anfechtung. Der Bereich dessen, »was mich unbedingt angeht« (P. Tillich), wird ausgeweitet. Unter der Zustän­digkeit des Glaubens werden fremde Sorgen und Ängste zu meinen eigenen. Die Erlösungsbedürftigkeit dieser Er­de wird mir bewußt, und dieses wachsende Bewußtsein wird mir zur Anfechtung. Der Glaube selbst also fordert diese Anfechtung heraus, denn er gerät zu meiner Welt, so [257] wie sie ist, in Dissonanz. Gerade die Erfüllung, die dem Glauben verheißen ist, wirkt als Widerspruch zur Realität. Die Botschaft, daß die Erde »des Herrn ist« (Ps 24), wird ange­sichts der irdischen Leidensgeschichte zur Anfechtung. Die Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung als Kernstück des christlichen Glaubens muß dem zur An­fechtung werden, der die Spannung im Glauben zu tragen und zu ertragen versucht. Gerade der Verheißungsglaube an die kommende Erlösung ist ein angefochtener Glaube. Er darf sich dieser Anfechtung nicht entledigen. Das gan­ze 8. Kapitel des Römerbriefs möchte uns einüben in das Annehmen die­ser dem Glauben mitgegebenen Anfech­tung. Wir sind gerettet, »doch auf Hoffnung« (Röm 8,24). Weil der Glaube noch nicht zum Schauen wird (2Kor 5,7), gehört die Anfechtung zum Glauben. Und weil Glaube und Anfechtung zusammengehören, dürfen sie nicht voneinander getrennt werden. Glaube ohne Anfechtung wird zur »securitas« (falsche Sicherheit); Anfech­tung ohne Glaube führt zur »desperatio« (Verzweiflung). Ihre Verbun­denheit zu gegenseitiger Herausforderung ist das Geheimnis ihres Zusammenwirkens. »Denn mit der Tiefe unserer Anfechtung wächst auch die Erkenntnis von der Größe der Herrlichkeit und Gnade Gottes!« (Hans Joa­chim Iwand)

Zuerst veröffentlicht in: Mitarbeiterhilfe des CVJM 4, 1987, S. 24-26.

Quelle: Helmut Tacke, Mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Beiträge zu einer bibelorientierten Seelsorge, Neukirchen-Vluyn 1989, S. 253-257.

Hier der Text als pdf.

„Arm ist die Krippe, aber reich ist der Schatz in dieser Krippe“ – eine Weihnachtspredigt über Kolosser 2,3 von Helmut Tacke (London 1985)

27. November 2017

Helmut Tacke (1928-1988)

Über die Weihnachtspredigt Helmut Tackes, gehalten 1985 in London, schreibt Christian Möller zu Recht: „Die Weihnachtspredigt über Kolosser 2,3 scheint mir ein treffliches Beispiel für den seelsorgerlichen Prediger Helmut Tacke zu sein, der um das innere Mitgehen der Gemeinde gleichsam wirbt und dabei der erste Hörer seiner eigenen Predigt ist. Diese Predigt ist ganz und gar dialogisch angelegt, sowohl in äußerer wie noch mehr in innerer Hinsicht. Leidenschaftlich wirbt der Prediger um das Mitgehen und um die innere Zustimmung der Gemeinde zu einer Verborgenheit, die uns zum Heil geschieht. Ganz persönlich spricht Tacke die Menschen an: »Erlauben Sie mir ein persönliches Wort. Als Pastor und als Prediger ist genau dies das Problem meines Berufes. Ich muß predigen von einer Wirklichkeit, die verborgene Wirklichkeit ist.« Er redet den Menschen nicht aus dem Herzen, sondern zum Herzen von einer Wirklichkeit, die gerade um des Menschen willen außerhalb seiner selbst bleiben muß, in Christus. Gerade so kommt Christus den Menschen zugute, wenn er »extra nos pro nobis« zum Heil des Menschen wird.“

In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (Kolosser 2,3)

Ich möchte versuchen, Sie heute Abend für diesen Satz zu gewinnen. Denn dies ist der Zu­gang zu Weihnachten. So große Dinge dürfen wir von diesem Kind in der Krippe sagen. In Ihm finden wir alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß hier in diesen Worten die Geschichte Jesu Christi so hell, so umfassend und bedeutungsvoll zur Sprache kommt, wie nur selten im Neuen Testament. Jesus steht nicht im Gegensatz zu menschlicher Weisheit und Erkenntnis. Sondern bei Ihm kommt alle Weisheit und Erkenntnis zum Ziel. Es ist sehr bemerkenswert, daß dieses Kind von Bethlehem mit aller ernsthaften Weisheit und Erkenntnis im Bunde steht. Keine Rede davon, daß der Glaube an Jesus, wie einige sagen, blind mache etwa für die Kunst oder für die Wissenschaft. Wenn Weisheit und Erkenntnis, so wie unser Schriftwort davon redet, für alles einsteht, was uns geistig und seelisch bewegt, dann kann man nur sagen, daß Jesus damit nicht konkurriert, sondern damit im Bunde steht. Bei ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Das Jesuskind ist ein reiches Kind. Arm ist die Krippe, aber reich ist der Schatz in dieser Krippe. Ein Schatz, der alle Weisheit und Erkenntnis umfaßt. Meist wird die Armut Jesu betont. Aber heute geht es um seinen Reichtum. Ich habe allen Grund, mich zu einer kühnen Interpretation aufzuschwingen und zu sagen: Alles Denken und Forschen der Menschheit ist christuszentriert. Alle Wissenschaft sammelt sich bei ihm. Die Griechen sagen: Dieses Kind ist zugleich der Kosmokrator, der Mittelpunkt der Welt. Weihnachten, Passion, Ostern und Wiederkunft Christi – das ist die Kette des Lebens. Das ist die welterhaltende und welterlö­sende Kraft. ›Das ewge Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein.‹ Bei ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis versammelt. Diese Schatzkammer ist ohne Gren­zen. Zu Bethlehem wird der geboren, in dem sich alle irdische und überirdische Weisheit erfüllt. Und wer ihn, den Christus der Welt erkennt, der ist auf geheimnisvolle Weise verbun­den mit allen, die gar nicht anders leben können, als auf der Suche nach Weisheit und Er­kenntnis. Ich leide darunter, daß wir Christen unseren Herrn so oft zu einem engen und mora­lischen Kirchenchristus machen. Als sei er gekommen, um eine Sekte zu gründen. Aber in Wirklichkeit ist er ein Weltchristus. Die Kirche ist eigentlich nur dafür da, um das der Welt zu sagen. Das Licht der Welt, das in ihm erschienen ist, hat es nicht nötig, alle anderen Lichter auszulöschen, sondern dieses Licht der Welt verkündet sich mit unseren Lichtern. Z. B.: das Licht der Freude. Unsere Freude ist auch seine Freude. Oder die Sehnsucht. Er verachtet sie nicht, sondern unsere Sehnsucht, unsere Lebenssehnsucht wird aufgenommen von seiner Menschenliebe. Oder der Friede, privat und politisch, Ziel unserer Sehnsucht. Auch unsere Friedenssehnsucht bringt uns zu ihm. Oder die Weisheit und Erkenntnis, daß wir vergänglich sind, daß wir sterben müssen. Auch das führt uns zu ihm. Oder unsere Hoffnung auf das Blei­bende. Daß wir – trotz des Todes, nicht vergehen, sondern bleiben möchten, in Ewigkeit blei­ben möchten, – auch damit sind wir bei ihm in guten Händen. Denn unsere Bleibe ist nicht bei uns, sondern bei ihm.

Alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Ich kann nicht ermessen, was das alles umfaßt. Aber mit der Geburt dieses Einen ist alles in Bewegung geraten. Ich liebe das englische Wort ›involved‹, weil es so gut das System der Beziehungen beleuchtet. Also: In diese Christusge­schichte von Bethlehem ist die Geschichte aller Jahrhunderte und aller Generationen »invol­ved«.

›Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis sind verborgen in ihm.‹ Wieso eigentlich ver­borgen? Liebe Gemeinde, sollten Sie diese Frage haben, und ich hoffe es fest, dann möchte ich mir eine besondere Mühe geben, um Ihnen zu antworten: Wer das Kind in der Krippe ansah wie die Hirten oder später die Weisen aus dem Morgenland, der sah ein Kind, dessen Unterschied zu anderen Kindern höchstens darin zu sehen war, daß dieses Kind kein Bett, sondern eine Futterkrippe hatte. Kein Leinen, sondern Stroh. Ein Armeleute-Kind. Daß in der Krippe von Bethlehem die Schätze der Weisheit und der Erkenntnis lagen, konnte niemand sehen. Darum sagt unser Wort: sie sind verborgen, diese Schätze. Ich glaube, daß der ganze Reichtum dieses Kindes und des späteren Mannes Jesus von Nazareth für menschliche Augen verborgen war. Die ganze Geschichte Gottes auf Erden – sie ist als Heilsgeschichte eine ver­borgene Geschichte.

Erlauben Sie mir ein persönliches Wort. Als Pastor und als Prediger ist genau dies das Prob­lem meines Berufes. Ich muß predigen von einer Wirklichkeit, die verborgene Wirklichkeit ist. Ich muß zum Glauben aufrufen, aber ich kann dem Glauben keine Beweise liefern. Und das ist schwer. Eine Wirklichkeit zu predigen, die noch nicht vor aller Augen ist. Einen Herrn zu predigen, den die anderen für verschollen halten. Eine Erlösung zu predigen, die andere Menschen für unmöglich halten. Aber so ist das eben. Der christliche Glaube hat es zu tun mit einer Wirklichkeit, die noch verborgen ist. Die Erlösung der Welt – noch verborgen. Der Sinn meines Lebens – noch verborgen. Aber verborgen ›in Ihm‹. Vielleicht sollte man den christli­chen Glauben ganz einfach so beschreiben: Wir suchen, wie alle Menschen, nach den verbor­genen Schätzen, der Erkenntnis, aber wir suchen sie bei Ihm. Auch die Christen sind Suchen­de und nicht Habende. Es ist ganz gut, daß diese Schätze noch verborgen sind. Das schließt den Hochmut aus. Weil noch keiner von uns am Ziel ist, sind wir alle unterwegs. Wir mitein­ander. Aber die Weihnachtsbotschaft ruft uns auf seinen Weg. Uns miteinander. Der Sinn unseres Lebens liegt bei Ihm. Die Erlösung der Welt liegt bei ihm.

Im übrigen denke ich, geht es Ihnen wie mir: Die in Christus verborgenen Schätze sind mir lieber als die schillernden religiösen Perlen, die auf der Straße liegen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unsrem Herrn.

In Ergänzung das Porträt über Helmut Tacke geschrieben von Christa Lauther und Christian Möller aus: Christian Möller (Hg.), Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Band 3 (Göttingen 1996) als pdf.

„Mir geschehe, wie du gesagt hast“ – Was Himmelswesen uns Erdlingen zu sagen haben

26. November 2017

Meister von Seitenstetten – Mariä Verkündigung (um 1490)

„Send Me an Angel“ sangen die Scorpions 1990: „Hier bin ich; wirst du mir einen Engel schicken? Hier bin ich – im Land des Morgensterns!“ Engel haben bei uns einen guten Klang, versprechen sie doch göttliche Nähe und Zuwendung. Das wollen wir für uns und unsere Kinder– Schutz und Bewahrung, Ermutigung und Ermächtigung. Wer göttliche Kräfte auf seiner Seite weiß, dem scheint es nicht an Selbstbewusstsein zu mangeln. So fahren denn auch die Scorpions gesanglich fort: „Finde die Tür zum versprochenen Land / Glaube nur an dich selbst / Höre auf die Stimme tief in dir / Es sind die Rufe deines Herzens.“

Ganz anders zeigt der Gottesbote Gabriel der Jungfrau Maria in Nazareth: „Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“ Gottes Wort füllt den eigenen Leib, bringt sich als König zur Welt. „Wie soll das zugehen?“ Einwand einer sichtlich überforderten Frau. Der Engel fährt fort: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten […] denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Daraufhin spricht Maria die entscheidenden Worte ihres Lebens: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Nicht die Botschaften, die unseren eigenen Lebenswünschen entsprechen, gelten auf Ewigkeit. Es sind vielmehr diejenigen, in die sich Gott selbst hineinlegt. So kehrt sich Maria in ihrem Lobgesang Gott zu: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands.“ Martin Luther weiß diese Worte zu würdigen: „Dieser Satz sprudelt hervor aus innerster Betroffenheit und überschwänglicher Freude, die sie in ihrer Seele ergriffen haben. Darum sagt sie: ‚Meine Seele erhebt Gott…‘, als wollte sie sagen: Mein Leben und alle meine Sinne schweben in Gottes Liebe, Lob und Freude, und das so sehr, daß ich mehr erhoben werde, als daß ich mich selber zu Gottes Lob erhöbe.“

„Indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche“ – Hans Joachim Iwands Adventspredigt vom 18. Dezember 1943 über Lukas 1,67-79

14. November 2017

Die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 mit der Marienkirche

Im Benedictus, dem Lobgesang des  Zacharias, ist von der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes die Rede, „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f) Hans Joachim Iwand hat darüber am Samstag vor dem 4. Advent, dem 18. Dezember 1943 gepredigt. Da lag die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 in Trümmern. Mit folgenden Worten lässt Iwand den „Aufgang aus der Höhe“ zu Wort kommen:

Meine Freunde, wer nicht jemals schon empfunden hat, daß Gott schweigt, der wird auch nie begreifen, daß er redet. Wer nie darüber fast zerbrochen ist, daß Gott sich von seinem Volk entfernt hat; wer nie darauf gewartet hat, daß ein Frühling einbrechen würde über dem Volk Gottes, dem wird auch nie der Tag kommen, da seine Zuge gelöst wird und er loben kann. Es ist eben nicht so, wie viele meinen, daß das Christentum da sei wie eine unveränderliche, sich nie wandelnde Idee; so wie eine Kir­che aus Stein, die eben steht und darauf wartet, daß die Menschen sie fül­len – so ist Gott nie da. Sondern Gott hat seine Zeiten, da er sein Volk be­sucht, da er uns besonders nahe ist – und da er schweigt. Er hat Zeiten, da seine Worte ver­fälscht werden und seine Wahrheit untergeht; da das ganze christliche Leben nichts ande­res ist als ein leerer äußerer Betrieb. Und er hat Zeiten, da von den Enden der Welt her sein Licht aufblüht, da die Menschen, die in den Banden des Todes wandeln, etwas sehen von dem Auf­gang aus der Höhe. Wir können gar nicht genug darum beten, danach schreien, darum ringen, daß Gott sich uns wieder zeigt; daß das Wort sei­nes Evangeliums, der Geburt seines Sohnes, wieder anfängt zu laufen; daß wirklich etwas geschieht in unserem Volk, unter denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes; daß wir selbst, die wir müde sind, auf einmal etwas spüren von der großen Verheißung: »Die auf den Herrn har­ren, kriegen neue Kraft«; daß sich etwas zeigen möchte von dem Licht, das da leuchtet; daß etwas Unbegreifliches ge­schehen mag, daß auf einmal Menschen da sind, die mitten in der Nacht dieser Tage etwas begreifen von diesem Licht, das in die Welt gekommen ist und da vor uns hintritt, damit alle das Licht des Lebens haben. Meint ihr nicht, daß auch für unsere Zeit so etwas kommen muß, daß all unser Leid im letzten Grunde nur en­den kann im Gebet: »O Heiland, reiß den Himmel auf«; daß einer allein uns befreien kann von den Mächten der Tiefe, unter denen unser ganzes Volk leidet – Gott. Calvin sagt: Die Reformation der Kirche ist so ein Gotteswerk, das kann kein Mensch, das ist so ein Wunder wie die Auferstehung der Toten. Wir können im Advent auch sagen: Das ist so ein großes Wunder wie die Geburt des Herrn. Darauf müssen wir warten. Es nützt nichts, daß das einmal geschehen ist. Gottes Worte wollen immer neue Ge­genwart sein, uns neu gesegnet und zu neuen Menschen machen. Was wird denn da gesche­hen, wo Jesus Christus wahrhaft erkannt und geglaubt wird?

Das sagt Zacharias im zweiten Teil seines Lobgesanges, als er den Blick auf sein Kind richtet: Du wirst ein Diener des Höchsten heißen. Du wirst die Vergebung der Sünden verkündigen, und du wirst darin dem Volk die eine Botschaft bringen: daß alle die Vergebung der Sünden und die Barmherzig­keit Gottes haben. Ist denn das so etwas Großes, Vergebung der Sünden? Meine Freunde, wenn wir das eine begriffen, daß dazu Gott Mensch wer­den mußte; daß dazu dieser Mensch über die Erde gehen und sein Leben für uns hergeben mußte, daß die Welt die Vergebung der Sünden empfängt – dann würden wir wissen, daß das das Große ist. Weil sonst niemand die Sünden vergeben kann, darum kannst du nicht froh werden, darum ängstet dich der Tod, darum verzweifelst du – weil am Ende das eine übrig bleibt: meine eigene Schuld; weil zwischen Gott und uns, zwischen dem Kind und dem Vater die letzten Dinge nicht in Ordnung sind.

Wir können viel tun, um darüber hinweg zu kommen. Wir können leichtsinnig sein oder tapfer; wir können leichtsinnig sein, indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche. Aber wir merken irgendwie, wir sind das alles nur darum, weil wir im Letzten getrieben sind von einer ungelösten Frage. Wir können versuchen, fromm zu sein, uns zwingen zu Gebet und Heilig­keit. Wir werden erleben, daß, je mehr wir das versuchen, wir desto stärker spüren, daß damit in unserem Leben etwas ist, das alle unsere Bemühun­gen verdirbt. Wir werden dann erkennen, daß uns nur der verge­ben kann, vor dem wir schuldig sind; daß darum kein Mensch uns vergeben, uns Frieden schenken kann; daß Gott selber uns besuchen muß von seiner Höhe her; daß er selbst uns die Hand aufs Haupt legen muß; daß er selbst uns an sein Herz ziehen muß; daß er selbst uns, wie der großen Sünderin, das Wort der Vergebung zusprechen muß.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Der Tod und die Hölle gaben die Toten heraus, die darin waren …“ – wie die neue Luther-Bibel 2017 alle Verstorbenen in die Hölle schickt

7. November 2017

Hieronymus Bosch – Die Hölle (Ausschnitt aus dem Triptychon „Der Garten der Lüste“, rechte Tafel Innenseite)

Mit der Hölle hat die Luther-Bibel 2017 ihre Schwierigkeiten. Nimmt man für bare Münze, wie dort von ihr die Rede ist, müsste man bei christlichen Beerdigungen als Pfarrer davon sprechen, dass die Verstorbene nun – zumindest vorübergehend – in die Hölle fährt.

Es geht um die Übersetzung des griechischen Wortes hádēs im Neuen Testament. In der neuen Einheitsübersetzung wird es wörterbuchgemäß mit „Unterwelt“ übersetzt. Die Zürcher Bibel von 2007 übersetzt sowohl mit „Unterwelt“ wie auch mit „Totenreich“, während die englischsprachigen Übersetzungen wie RSV, NRSV und NASB von dem „Hades“ sprechen. Die Luther-Bibel 2017 hingegen belässt es weiterhin mit „Hölle“ bzw. kehrt in Offenbarung 20,13f zu dieser Übersetzung zurück, wenn es dort bezüglich des Jüngsten Gerichts heißt: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl.

Nun hat Martin Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments nicht zwischen hádēs (lat. inferus bzw. infernum) als Unter- bzw. Totenwelt (z.B. in Apg 2,27.31) und géhenna (lat. gehenna) als Strafort (z.B. in Mt 5,29f) unterschieden, sondern beide griechischen Wörter mangels begrifflicher Differenzierungsmöglichkeiten mit „Helle“, also „Hölle“ übersetzt. Dass der hádēs der ewige Ort leiblicher Qualen sein soll, ist freilich dem biblischen Zeugnis nicht zu entnehmen. Man kann zwar in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) die Unterwelt (hádēs) singulär als Ort der Qual wahrnehmen,  aber die Gleichsetzung mit der leiblichen Hölle ist auch für Luther nicht möglich. So führt er in seiner Predigt über Lukas 16,19-31 vom 22. Juni 1522 dazu aus:

„Also wiederum kann die Hölle an diesem Ort nicht sein die rechte Hölle, die am jüngsten Tage angehen wird. Denn des Reichen Leichnam ist ohn Zweifel nicht in die Hölle, sondern in die Erden begraben. Es muss aber ein Ort sein, da die Seele sein kann und keine Ruhe hat: derselbe kann nicht leiblich sein. Darum achten wir, diese Hölle sei das böse Gewissen, das ohn Glaube und Gottes Wort ist, in welchem die Seele vergraben ist und verfasset bis an jüngsten Tag, da der Mensch mit Leib und Seele in die rechte leibliche Hölle verstoßen wird.“ (WA 10/III, 192, 11-18)

Allgemein wird im Neuen Testament die Unterwelt (hádēs) entsprechend der hebräischen šeōl als strafneutrales, wenn auch gottfernes Totenreich vorgestellt. Wenn gegenwärtig – egal ob in der Kirche oder in der Gesellschaft – von „Hölle“ die Rede ist, sind damit untrennbar Vorstellungen von Strafe bzw. von leiblichen Qualen verbunden. Von daher ist nicht nachvollziehbar, dass nun die Luther-Bibel 2017 entgegen dem ökumenischen Konsens die begriffliche Differenzierung zwischen Totenreich (bzw. Unterwelt) und Hölle zurücknimmt. Folgt man dieser Übersetzung, müsste man verstorbenen Menschen an Stelle einer Totenruhe (bis zum Jüngsten Gericht) generell postmortale Höllenqualen in Aussicht stellen.

Hans Bietenhard hat seinerzeit für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament einen Artikel zur Topologie von Himmel und Hölle geschrieben, der immer noch lesenswert ist. Hier findet man seinen Text Himmel/Hölle. Hermeneutische Überlegungen als pdf.

Göttlich inspiriertes Lebenserfahrungsbuch – Was Bedford-Strohm sich von der Bibel verspricht

27. Oktober 2017

Was bedeutet uns Christen die Bibel und wie ist sie zu verstehen? Darüber hat der Ratsvorsit­zende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm in seinem Vorwort zur revidier­ten Luther-Bibel 2017 Rechenschaft abgelegt (und dabei Widerspruch gefunden). In seiner Predigt zur ökume­nischen Bibeltagung am 9. Februar 2017 in Stuttgart hat er sich noch einmal dieser Frage angenommen.

Für Bedford-Strohm ist die Bibel ein faszinierendes Buch, „das Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Gott enthält und ein Buch, das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient.“ Dazu sei es wichtig, die Bibel „kritisch zu analysieren und über Entstehungszeit, Verfasser und Interessengruppen im Hintergrund Bescheid zu wissen.“ Würde sie „wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen“, so befürchtet Bedford-Strohm, könnte „die Bibel auch fürchterlich missinterpretiert und für den Aufruf zu Intoleranz oder gar Hass missbraucht werden“.

Bedford-Strohm ist sich durchaus bewusst, dass weder eine religionsgeschichtliche noch eine literarische Lektüre für Christen den „Kern“ der Bibel erschließen können. Stattdessen heißt es:

„Für uns wird alles, was in der Bibel von Israel und seinen Menschen, von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird, vor Gott erzählt, wird in eine theologische, geistliche Perspektive gerückt, wird geöffnet für die Transzendenz. Ob es um die Schöpfungs­erzählungen geht oder um die Auferstehung Jesu, die Geschichte des Davidreiches oder die Erzählungen von den ersten christlichen Gemeinden, alles wird in das Licht Gottes getaucht, jeder Schritt, jedes Ereignis, jede Weisheit, jede Verzweiflung wird aufgeschlossen als Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Das ist das Kenn­zeichen, das Kerncharakteristikum der Bibel.“

Fromm und erbaulich mögen diese Worte klingen, aber das wirkliche „Kerncharakteristikum der Bibel“ kommt dabei nicht zur Sprache: Der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus redet und handelt und hat darin uns Menschen auf unseren Glauben an Jesus Christus hin heilvoll eingeschlossen.

Dass das biblische Erzählgeschehen in göttliches Licht getaucht sein soll, kann nicht als „Geschichte Gottes mit uns Menschen“ gelten. Lichtenergie interagiert nicht mit menschli­chen Handlungen. Es scheint so, als ginge Bedford-Strohm – der platonischen Tradition eines Philon von Alexandrien folgend – von zwei verschiedenen Welten aus, einer korporealen, sinnlich wahrnehmbaren Lebenswelt (mundus sensibilis), die vergänglich ist, und einer göttlichen, intelligiblen Welt (mundus intelligibilis), die unvergäng­lich ist. Das „Licht Gottes“ wäre dabei das Spektrum transzendenter, göttlicher Ideen wie Leben und Gerechtigkeit, die Menschen in ihrer Lebenswelt denkerisch erfassen und durch eigenes Handeln zur Geltung bringen können.

Wenn Bedford-Strohm von einer Öffnung biblischen Erzählgeschehens für die Transzendenz spricht, ist daran zu erinnern, dass die Bibel selbst keine „Transzendenz“ kennt. Schließlich ist der Transzendenzbegriff ein platonisch inspiriertes Konzept der mittelalterlichen Scholastik. Per Definition gibt es zwischen einer diesseitigen Welt und einem transzendenten Jenseits – nicht zu verwechseln mit der räumlichen Unterscheidung von Irdischem und Himmlischem – keine vertrauensbildende Interaktionen. In die (göttliche) Transzendenz kann man sich nur denkerisch einfinden.

Was Bedford-Strohm in seiner Bibelpredigt konsequent außer Acht lässt, ist der biblisch bezeugte Anspruch des Wortes Gottes, der auf unseren Gehorsam bzw. Glauben aus ist. An die Stelle des worthaltigen Glaubens tritt die je eigene Deutung. Nach Bedford-Strohm findet sich dieses Deutungsgeschehen bereits in der Bibel und ist darin handlungsanleitend für die gegenwärtige Bedeutung der Bibel:

„Alles Leben, alle Ereignisse, auch alle Schicksalsschläge werden gedeutet und verstanden vor dem Hintergrund einer Gottesgegenwart, die damals genauso wenig beweisbar war wie heute. Und genau dieses Vor-Gott-Stellen der Ereignisse und Erfahrungen sollen wir übernehmen, wir sollen die Bibel nicht nachäffen oder nachplaudern, sondern den Geist dieses Buches nachvollziehen und auf unser Leben übertragen. Mehr nicht, weniger nicht.“

Die Bibel ist das große, ultimative Deutungsbuch menschlichen Lebens coram Deo, das gegenwärtig immer wieder neu auf die eigenen Lebenserfahrungen hin ausgedeutet werden muss, so lässt sich Bedford-Strohms Predigt auf eine These bringen. Und genau da, wo Menschen eine erfahrungsbezogene Deutungshoheit über die Bibel zugeschriebenen wird, können sie eben nicht von Gottes Wort als erlösungsbedürftige Sünder eingenommen werden. Folgerichtig lassen sich auch Gericht, Verdammnis, Sühne, Erlösung und Heiligung nicht länger zur Sprache bringen. Stattdessen gilt nach Bedford-Strohm die Bibel selbst als gottinspiriertes Selbsthilfebuch:

„Die Bibel ist das Buch der Bücher und die Quelle der Humanität, ja die Quelle allen erfüllten Lebens, denn sie kennt den diesseitigen Menschen in allen Aspekten, aber sie reduziert ihn nicht auf’s Diesseits, sondern erschließt die Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen.“

Die Bibel als „Quelle allen erfüllten Lebens“, als „Lebensbuch“, „das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient“ – liest man Bedford-Strohms Predigt aufmerksam, mag man sich fragen, ob bei ihm nicht an Stelle des soli Deo gloria eine selbstbezügliche Lebensideologie tritt. Heißt es in Psalm 36 im Gespräch mit dem HERRN „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht“ (V 10), spricht Bedford-Strohm von „Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen“. Selbst da, wo man biblisch nicht anders als von göttlichem Handeln zu reden hat, nämlich bei der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, neutralisiert Bedford-Strohm das Erzählgeschehen als „Sieg des Lebens“. Nein, für Christen kann die Bibel nicht als namenloses „Lebensbuch“ gelten; das „Buch des Lebens“ ist noch immer in göttlicher Hand (Ps 69,29; Phil 4,3). Es enthält keine autogene Lebensideologie, sondern vielmehr die Namen, die für eine Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott vorgesehen sind.

Was Bedford-Strohm mit den Containerbegriffen „Leben“ und „Erfahrung“ in seiner Bibelpredigt zur Sprache bringt, ist als evangelisches Zeugnis mehr als dürftig. Seine Ausführungen sind kaum anschlussfähig an das kirchliche Glaubensbekenntnis, noch können sie das sola scriptura bzw. das allgemeine Lehramt der Heiligen Schrift zur Geltung bringen.

Hier mein Text als pdf.