Archive for the ‘Schriftauslegung’ Category

„Indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche“ – Hans Joachim Iwands Adventspredigt vom 18. Dezember 1943 über Lukas 1,67-79

14. November 2017

Die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 mit der Marienkirche

Im Benedictus, dem Lobgesang des  Zacharias, ist von der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes die Rede, „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f) Hans Joachim Iwand hat darüber am Samstag vor dem 4. Advent, dem 18. Dezember 1943 gepredigt. Da lag die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 in Trümmern. Mit folgenden Worten lässt Iwand den „Aufgang aus der Höhe“ zu Wort kommen:

Meine Freunde, wer nicht jemals schon empfunden hat, daß Gott schweigt, der wird auch nie begreifen, daß er redet. Wer nie darüber fast zerbrochen ist, daß Gott sich von seinem Volk entfernt hat; wer nie darauf gewartet hat, daß ein Frühling einbrechen würde über dem Volk Gottes, dem wird auch nie der Tag kommen, da seine Zuge gelöst wird und er loben kann. Es ist eben nicht so, wie viele meinen, daß das Christentum da sei wie eine unveränderliche, sich nie wandelnde Idee; so wie eine Kir­che aus Stein, die eben steht und darauf wartet, daß die Menschen sie fül­len – so ist Gott nie da. Sondern Gott hat seine Zeiten, da er sein Volk be­sucht, da er uns besonders nahe ist – und da er schweigt. Er hat Zeiten, da seine Worte ver­fälscht werden und seine Wahrheit untergeht; da das ganze christliche Leben nichts ande­res ist als ein leerer äußerer Betrieb. Und er hat Zeiten, da von den Enden der Welt her sein Licht aufblüht, da die Menschen, die in den Banden des Todes wandeln, etwas sehen von dem Auf­gang aus der Höhe. Wir können gar nicht genug darum beten, danach schreien, darum ringen, daß Gott sich uns wieder zeigt; daß das Wort sei­nes Evangeliums, der Geburt seines Sohnes, wieder anfängt zu laufen; daß wirklich etwas geschieht in unserem Volk, unter denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes; daß wir selbst, die wir müde sind, auf einmal etwas spüren von der großen Verheißung: »Die auf den Herrn har­ren, kriegen neue Kraft«; daß sich etwas zeigen möchte von dem Licht, das da leuchtet; daß etwas Unbegreifliches ge­schehen mag, daß auf einmal Menschen da sind, die mitten in der Nacht dieser Tage etwas begreifen von diesem Licht, das in die Welt gekommen ist und da vor uns hintritt, damit alle das Licht des Lebens haben. Meint ihr nicht, daß auch für unsere Zeit so etwas kommen muß, daß all unser Leid im letzten Grunde nur en­den kann im Gebet: »O Heiland, reiß den Himmel auf«; daß einer allein uns befreien kann von den Mächten der Tiefe, unter denen unser ganzes Volk leidet – Gott. Calvin sagt: Die Reformation der Kirche ist so ein Gotteswerk, das kann kein Mensch, das ist so ein Wunder wie die Auferstehung der Toten. Wir können im Advent auch sagen: Das ist so ein großes Wunder wie die Geburt des Herrn. Darauf müssen wir warten. Es nützt nichts, daß das einmal geschehen ist. Gottes Worte wollen immer neue Ge­genwart sein, uns neu gesegnet und zu neuen Menschen machen. Was wird denn da gesche­hen, wo Jesus Christus wahrhaft erkannt und geglaubt wird?

Das sagt Zacharias im zweiten Teil seines Lobgesanges, als er den Blick auf sein Kind richtet: Du wirst ein Diener des Höchsten heißen. Du wirst die Vergebung der Sünden verkündigen, und du wirst darin dem Volk die eine Botschaft bringen: daß alle die Vergebung der Sünden und die Barmherzig­keit Gottes haben. Ist denn das so etwas Großes, Vergebung der Sünden? Meine Freunde, wenn wir das eine begriffen, daß dazu Gott Mensch wer­den mußte; daß dazu dieser Mensch über die Erde gehen und sein Leben für uns hergeben mußte, daß die Welt die Vergebung der Sünden empfängt – dann würden wir wissen, daß das das Große ist. Weil sonst niemand die Sünden vergeben kann, darum kannst du nicht froh werden, darum ängstet dich der Tod, darum verzweifelst du – weil am Ende das eine übrig bleibt: meine eigene Schuld; weil zwischen Gott und uns, zwischen dem Kind und dem Vater die letzten Dinge nicht in Ordnung sind.

Wir können viel tun, um darüber hinweg zu kommen. Wir können leichtsinnig sein oder tapfer; wir können leichtsinnig sein, indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche. Aber wir merken irgendwie, wir sind das alles nur darum, weil wir im Letzten getrieben sind von einer ungelösten Frage. Wir können versuchen, fromm zu sein, uns zwingen zu Gebet und Heilig­keit. Wir werden erleben, daß, je mehr wir das versuchen, wir desto stärker spüren, daß damit in unserem Leben etwas ist, das alle unsere Bemühun­gen verdirbt. Wir werden dann erkennen, daß uns nur der verge­ben kann, vor dem wir schuldig sind; daß darum kein Mensch uns vergeben, uns Frieden schenken kann; daß Gott selber uns besuchen muß von seiner Höhe her; daß er selbst uns die Hand aufs Haupt legen muß; daß er selbst uns an sein Herz ziehen muß; daß er selbst uns, wie der großen Sünderin, das Wort der Vergebung zusprechen muß.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

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„Der Tod und die Hölle gaben die Toten heraus, die darin waren …“ – wie die neue Luther-Bibel 2017 alle Verstorbenen in die Hölle schickt

7. November 2017

Hieronymus Bosch – Die Hölle (Ausschnitt aus dem Triptychon „Der Garten der Lüste“, rechte Tafel Innenseite)

Mit der Hölle hat die Luther-Bibel 2017 ihre Schwierigkeiten. Nimmt man für bare Münze, wie dort von ihr die Rede ist, müsste man bei christlichen Beerdigungen als Pfarrer davon sprechen, dass die Verstorbene nun – zumindest vorübergehend – in die Hölle fährt.

Es geht um die Übersetzung des griechischen Wortes hádēs im Neuen Testament. In der neuen Einheitsübersetzung wird es wörterbuchgemäß mit „Unterwelt“ übersetzt. Die Zürcher Bibel von 2007 übersetzt sowohl mit „Unterwelt“ wie auch mit „Totenreich“, während die englischsprachigen Übersetzungen wie RSV, NRSV und NASB von dem „Hades“ sprechen. Die Luther-Bibel 2017 hingegen belässt es weiterhin mit „Hölle“ bzw. kehrt in Offenbarung 20,13f zu dieser Übersetzung zurück, wenn es dort bezüglich des Jüngsten Gerichts heißt: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl.

Nun hat Martin Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments nicht zwischen hádēs (lat. inferus bzw. infernum) als Unter- bzw. Totenwelt (z.B. in Apg 2,27.31) und géhenna (lat. gehenna) als Strafort (z.B. in Mt 5,29f) unterschieden, sondern beide griechischen Wörter mangels begrifflicher Differenzierungsmöglichkeiten mit „Helle“, also „Hölle“ übersetzt. Dass der hádēs der ewige Ort leiblicher Qualen sein soll, ist freilich dem biblischen Zeugnis nicht zu entnehmen. Man kann zwar in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) die Unterwelt (hádēs) singulär als Ort der Qual wahrnehmen,  aber die Gleichsetzung mit der leiblichen Hölle ist auch für Luther nicht möglich. So führt er in seiner Predigt über Lukas 16,19-31 vom 22. Juni 1522 dazu aus:

„Also wiederum kann die Hölle an diesem Ort nicht sein die rechte Hölle, die am jüngsten Tage angehen wird. Denn des Reichen Leichnam ist ohn Zweifel nicht in die Hölle, sondern in die Erden begraben. Es muss aber ein Ort sein, da die Seele sein kann und keine Ruhe hat: derselbe kann nicht leiblich sein. Darum achten wir, diese Hölle sei das böse Gewissen, das ohn Glaube und Gottes Wort ist, in welchem die Seele vergraben ist und verfasset bis an jüngsten Tag, da der Mensch mit Leib und Seele in die rechte leibliche Hölle verstoßen wird.“ (WA 10/III, 192, 11-18)

Allgemein wird im Neuen Testament die Unterwelt (hádēs) entsprechend der hebräischen šeōl als strafneutrales, wenn auch gottfernes Totenreich vorgestellt. Wenn gegenwärtig – egal ob in der Kirche oder in der Gesellschaft – von „Hölle“ die Rede ist, sind damit untrennbar Vorstellungen von Strafe bzw. von leiblichen Qualen verbunden. Von daher ist nicht nachvollziehbar, dass nun die Luther-Bibel 2017 entgegen dem ökumenischen Konsens die begriffliche Differenzierung zwischen Totenreich (bzw. Unterwelt) und Hölle zurücknimmt. Folgt man dieser Übersetzung, müsste man verstorbenen Menschen an Stelle einer Totenruhe (bis zum Jüngsten Gericht) generell postmortale Höllenqualen in Aussicht stellen.

Hans Bietenhard hat seinerzeit für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament einen Artikel zur Topologie von Himmel und Hölle geschrieben, der immer noch lesenswert ist. Hier findet man seinen Text Himmel/Hölle. Hermeneutische Überlegungen als pdf.

Göttlich inspiriertes Lebenserfahrungsbuch – Was Bedford-Strohm sich von der Bibel verspricht

27. Oktober 2017

Was bedeutet uns Christen die Bibel und wie ist sie zu verstehen? Darüber hat der Ratsvorsit­zende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm in seinem Vorwort zur revidier­ten Luther-Bibel 2017 Rechenschaft abgelegt (und dabei Widerspruch gefunden). In seiner Predigt zur ökume­nischen Bibeltagung am 9. Februar 2017 in Stuttgart hat er sich noch einmal dieser Frage angenommen.

Für Bedford-Strohm ist die Bibel ein faszinierendes Buch, „das Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Gott enthält und ein Buch, das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient.“ Dazu sei es wichtig, die Bibel „kritisch zu analysieren und über Entstehungszeit, Verfasser und Interessengruppen im Hintergrund Bescheid zu wissen.“ Würde sie „wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen“, so befürchtet Bedford-Strohm, könnte „die Bibel auch fürchterlich missinterpretiert und für den Aufruf zu Intoleranz oder gar Hass missbraucht werden“.

Bedford-Strohm ist sich durchaus bewusst, dass weder eine religionsgeschichtliche noch eine literarische Lektüre für Christen den „Kern“ der Bibel erschließen können. Stattdessen heißt es:

„Für uns wird alles, was in der Bibel von Israel und seinen Menschen, von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird, vor Gott erzählt, wird in eine theologische, geistliche Perspektive gerückt, wird geöffnet für die Transzendenz. Ob es um die Schöpfungs­erzählungen geht oder um die Auferstehung Jesu, die Geschichte des Davidreiches oder die Erzählungen von den ersten christlichen Gemeinden, alles wird in das Licht Gottes getaucht, jeder Schritt, jedes Ereignis, jede Weisheit, jede Verzweiflung wird aufgeschlossen als Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Das ist das Kenn­zeichen, das Kerncharakteristikum der Bibel.“

Fromm und erbaulich mögen diese Worte klingen, aber das wirkliche „Kerncharakteristikum der Bibel“ kommt dabei nicht zur Sprache: Der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus redet und handelt und hat darin uns Menschen auf unseren Glauben an Jesus Christus hin heilvoll eingeschlossen.

Dass das biblische Erzählgeschehen in göttliches Licht getaucht sein soll, kann nicht als „Geschichte Gottes mit uns Menschen“ gelten. Lichtenergie interagiert nicht mit menschli­chen Handlungen. Es scheint so, als ginge Bedford-Strohm – der platonischen Tradition eines Philon von Alexandrien folgend – von zwei verschiedenen Welten aus, einer korporealen, sinnlich wahrnehmbaren Lebenswelt (mundus sensibilis), die vergänglich ist, und einer göttlichen, intelligiblen Welt (mundus intelligibilis), die unvergäng­lich ist. Das „Licht Gottes“ wäre dabei das Spektrum transzendenter, göttlicher Ideen wie Leben und Gerechtigkeit, die Menschen in ihrer Lebenswelt denkerisch erfassen und durch eigenes Handeln zur Geltung bringen können.

Wenn Bedford-Strohm von einer Öffnung biblischen Erzählgeschehens für die Transzendenz spricht, ist daran zu erinnern, dass die Bibel selbst keine „Transzendenz“ kennt. Schließlich ist der Transzendenzbegriff ein platonisch inspiriertes Konzept der mittelalterlichen Scholastik. Per Definition gibt es zwischen einer diesseitigen Welt und einem transzendenten Jenseits – nicht zu verwechseln mit der räumlichen Unterscheidung von Irdischem und Himmlischem – keine vertrauensbildende Interaktionen. In die (göttliche) Transzendenz kann man sich nur denkerisch einfinden.

Was Bedford-Strohm in seiner Bibelpredigt konsequent außer Acht lässt, ist der biblisch bezeugte Anspruch des Wortes Gottes, der auf unseren Gehorsam bzw. Glauben aus ist. An die Stelle des worthaltigen Glaubens tritt die je eigene Deutung. Nach Bedford-Strohm findet sich dieses Deutungsgeschehen bereits in der Bibel und ist darin handlungsanleitend für die gegenwärtige Bedeutung der Bibel:

„Alles Leben, alle Ereignisse, auch alle Schicksalsschläge werden gedeutet und verstanden vor dem Hintergrund einer Gottesgegenwart, die damals genauso wenig beweisbar war wie heute. Und genau dieses Vor-Gott-Stellen der Ereignisse und Erfahrungen sollen wir übernehmen, wir sollen die Bibel nicht nachäffen oder nachplaudern, sondern den Geist dieses Buches nachvollziehen und auf unser Leben übertragen. Mehr nicht, weniger nicht.“

Die Bibel ist das große, ultimative Deutungsbuch menschlichen Lebens coram Deo, das gegenwärtig immer wieder neu auf die eigenen Lebenserfahrungen hin ausgedeutet werden muss, so lässt sich Bedford-Strohms Predigt auf eine These bringen. Und genau da, wo Menschen eine erfahrungsbezogene Deutungshoheit über die Bibel zugeschriebenen wird, können sie eben nicht von Gottes Wort als erlösungsbedürftige Sünder eingenommen werden. Folgerichtig lassen sich auch Gericht, Verdammnis, Sühne, Erlösung und Heiligung nicht länger zur Sprache bringen. Stattdessen gilt nach Bedford-Strohm die Bibel selbst als gottinspiriertes Selbsthilfebuch:

„Die Bibel ist das Buch der Bücher und die Quelle der Humanität, ja die Quelle allen erfüllten Lebens, denn sie kennt den diesseitigen Menschen in allen Aspekten, aber sie reduziert ihn nicht auf’s Diesseits, sondern erschließt die Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen.“

Die Bibel als „Quelle allen erfüllten Lebens“, als „Lebensbuch“, „das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient“ – liest man Bedford-Strohms Predigt aufmerksam, mag man sich fragen, ob bei ihm nicht an Stelle des soli Deo gloria eine selbstbezügliche Lebensideologie tritt. Heißt es in Psalm 36 im Gespräch mit dem HERRN „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht“ (V 10), spricht Bedford-Strohm von „Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen“. Selbst da, wo man biblisch nicht anders als von göttlichem Handeln zu reden hat, nämlich bei der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, neutralisiert Bedford-Strohm das Erzählgeschehen als „Sieg des Lebens“. Nein, für Christen kann die Bibel nicht als namenloses „Lebensbuch“ gelten; das „Buch des Lebens“ ist noch immer in göttlicher Hand (Ps 69,29; Phil 4,3). Es enthält keine autogene Lebensideologie, sondern vielmehr die Namen, die für eine Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott vorgesehen sind.

Was Bedford-Strohm mit den Containerbegriffen „Leben“ und „Erfahrung“ in seiner Bibelpredigt zur Sprache bringt, ist als evangelisches Zeugnis mehr als dürftig. Seine Ausführungen sind kaum anschlussfähig an das kirchliche Glaubensbekenntnis, noch können sie das sola scriptura bzw. das allgemeine Lehramt der Heiligen Schrift zur Geltung bringen.

Hier mein Text als pdf.

Im Machtraum göttlicher Liebe – Noch einmal die Geschichte vom verlorenen (bzw. wiedergefundenen) Sohn

25. Oktober 2017

Rembrandt – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669)

Jedes Mal wenn ich im seelsorgerlichen Gespräch die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählend vorstelle, entdecke ich sie selbst neu.

Ist väterlich-göttliche Liebe für einen selbst wirklich? Am Anfang der Geschichte scheint sie für den jüngeren Sohn nicht erfahrbar zu sein. Er lässt sich ja das Erbe auszahlen, um sich aus dem väterlichen Lebensraum in die Eigenständigkeit zu verabschieden. Solche Selbständig­keit braucht ein eigenes Vermögen. Und Jesus erzählt uns, wie der junge Mann eigensinnig sein Vermögen verspielt, um schließlich in einem hungerleiderischen Dienst­verhältnis am unreinen Schweinetrog kläglich zu enden.

Wo er sich auf sein Unvermögen besinnt und aus dem eigenen Verloren-sein umkehrt, visiert er ja nur ein besseres Dienstverhältnis bei seinem Vater an. Was jedoch bei seiner reumütigen Rückkehr passiert, stellt alles bislang Dagewesene auf den Kopf: In seiner Ankunft wirft sich ihm die väterliche Liebe um den Hals. Dieser Vater hat seinen Sohn wahrlich nie verlorengegeben, auch wenn er ihm nicht nachgeeilt ist. Er wusste wohl selbst, dass der Sohn nur in dessen eigenen Umkehr für seine Liebe empfänglich werden konnte. Hätte er nämlich den Sohn in dessen Unvermögen gestellt, wäre diesem eine väterliche Bevormundung widerfahren. Wo nun aber der Sohn aus seinem Unvermögen selbst umgekehrt ist, überströmt ihn bei der Rückkehr die väterliche Barmherzigkeit. Die Wiedereinkleidung und das Wiedersehensfest stellen den Sohn in den Machtraum göttlicher Liebe, die sein Leben auf das Innerste durchdringt.

Und genau da zeigt sich für den älteren Sohn, dass auch für ihn die väterliche Liebe bislang unwirklich gewesen ist. Wer als Sohn durch eigenen Verdienst sich beim Vater in eine wohlgefällige Stellung bringen will, hat selbst versäumt, was ihm der Vater „alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit“ (Luther) schon längst gewährt hat. So muss nunmehr der ältere der beiden Söhne draußen vor der Tür bleiben und sich selbst der väterlichen Liebe verweigern. Wenn nun der Vater auf ihn mit den Worten „Alles, was mein ist, das ist dein“ zugeht, bleibt am Ende fraglich, ob dessen Liebe für ihn wirklich werden kann.  In der verdienstlichen Selbstgerechtigkeit kann jedenfalls das eigene Leben nicht zur Umkehr in den Machtraum der väterlichen Liebe kommen.

Mit den Staaten sterben auch die Götter – Ernst Troeltsch über JHWH, den Gott Israels

25. Oktober 2017

Die zerbrochene Dagon-Statue im Tempel von Aschdod vor der Bundeslade (1Sam 5,1-5 – Merians Icones Biblicae, Frankfurt 1625-30)

Warum nicht auch einmal ein schönes Zitat des liberalen Religionsphilosophen Ernst Troeltsch (1865-1923) präsentieren, wenn es zum NAMENSgedächtnis passt:

In der Weise der Antike sterben mit den Staaten auch ihre Götter. Nur e i n Gott überdauerte diese Vernichtung und damit schließlich sogar auch die Gottheiten der Vernichter selbst, das ist JHWH, der Gott Israels, und mit ihm Israel selbst als seine Religions- und Kultusgemeinde, die zu einem selbständigen Staate niemals wieder wurde, sondern als Mittelding von Kirche und Volk durch die weitere Geschichte ging.

Glaube und Ethos der hebräischen Propheten (1916), in: Ernst Troeltsch: Gesammelte Schriften, Bd. 4, hrsg. v. Hans Baron, Tübingen: J.C.B. Mohr 1925, S. 39.

„In der Hoffnung werden wir wieder jung“ – Heinrich Schlier über die Hoffnung im Neuen Testament

23. Oktober 2017

Hans Sebald Beham (1500-1550) – Spes (Allegorie der Hoffnung)

Eine lesenswerte biblische Besinnung in Sachen „christliche Hoffnung“ hat Heinrich Schlier 1960 in der Zeitschrift „Geist und Leben“ veröffentlicht. Darin schreibt er unter anderem:

Die Hoffnung ist nicht dasselbe wie der Glaube. Sie schreitet sozusagen über den Glauben hinaus, ohne daß sie ihn verläßt. Sie schreitet so über ihn hinaus, daß sie sich im hoffenden Vertrauen niederläßt.[…]

Im Ver­trauen erweist sich die Hoffnung als ein Eintreten in das Offene des Lebens, das in Christus Jesus Aussicht hat. Hier ist alles offen. Niemand sieht außer im Hoffen und Vertrauen, daß da Aussicht ist. Nichts und Niemand nimmt dem Hoffenden und Vertrauenden das Risiko seiner Hoffnung ab und garantiert die Aussicht. Nichts und Niemand bewahrt ihn davor, daß die Hoffnung sich erst im Sterben erfüllt. Alles bleibt offen. Aber das Vertrauen weiß und die Hoffnung wagt es, daß sich mit dem Eintritt in das Offene, mit dem vertrauend-hoffenden Einlassen auf den Zug des Offenen die Aussicht öffnet, die alles offen sein läßt für sie, die Aussicht des Tote erweckenden Gottes. Die Hoffnung, die auf dem Glauben ruht und aus ihm erwächst, erhebt sich nicht nur im Vertrauen, sie eilt auch in Erwartung dem Erhofften entge­gen. Und man könnte sagen: dieses eilende Entgegenwarten ist das Eigentliche der Hoffnung. Wer wartet, ist wach. […]

Die Hoffnung, die wachsame, steht nicht nur auf, sondern reckt sich auch dem Kommen­den entgegen. Der Apostel Paulus gebraucht dafür ein sehr bezeichnendes und seltenes Wort: Apokaradokia (Phil 1,20; Röm 8,19). Es meint das gespannte, bedrängte, aber auch gewisse Erheben des Hauptes, das dem Kommenden entgegensieht, um es ins Auge zu fassen. Diese Apokaradokia sieht Paulus schon in der gebundenen Schöpfung wirksam, die der Offenbarung der Kinder Gottes wartet (Röm 8,19). Sie stellt aber auch die hochgetragene Hoffnung seiner selbst dar, daß Christus auf jeden Fall durch ihn, sei es durch Leben oder Sterben, an seinem Leib gepriesen werde (Phil 1,20). Sie ist auch gemeint, wenn Jesus zu sei­nen Jüngern sagt: „Wenn aber solches seinen Anfang nimmt, richtet euch auf, erhebet eure Häupter; denn es naht eure Erlösung“ (Lk 21,28). Doch die Hoffnung sieht nicht nur dem Erhofften aufrecht entgegen, sie geht ihm auch entgegen. In der Hoffnung bricht der Mensch auf in das Dunkel des Erhofften, das im Glauben Licht ist – „denn auch Finsternis nicht fin­ster ist bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht“ (Ps 139,12) –, läßt alles Sichtbare und Zeitige hinter sich, um vorwärts auszuschreiten und ins Unsichtbare und Zukommende auszuziehen. […]

Die Hoffnung erweist sich nach dem NT zunächst in der Heiligung des Lebens. „Jeder, der diese Hoffnung auf ihn (Christus) hat, der heiligt sich selbst, so wie jener heilig ist“, heißt es z. B. 1 Joh 3,3 (vgl. 1 Petr 1,13ff.; 2 Petr 3,11ff. u. a.). Das unheilige Wesen ist im­mer auch das hoffnungslose. Hinter jeder Unreinheit steht die Hoffnungslosigkeit, die sich an das Augenscheinliche und Augenblickliche der Lust hängt. Wo das menschliche Dasein nicht mehr in der Hoffnung zu Gott hin gespannt ist und in dieser Spannung gehalten ist, da schweift es aus, nicht etwa nur geschlechtlich, sondern auch in der Habgier, der Gier nach Habe aller Art, oder auch und allem zuvor in der evagatio mentis, in geistiger Ausschweifung, deren Symptome der Wortreichtum leeren Geredes, die Unersättlichkeit der Neugier, die Zügellosigkeit der Zerstreuung ins Vielerlei und Allerlei, die innere Rast- und Ruhelosigkeit, und schließlich die Unstetheit des Entschlusses, die Launenhaftigkeit, und die Unständigkeit des Ortes, der heimatlose Aufbruch des Entwurzelten, sind. […]

In der Freude, die ja ein Gestimmtsein des Lebens ist, liegt ein ursprüngliches Erschließen. Das aber, was sie erschließt, ist dasselbe, was die Hoffnung erschließt: die Aussicht der Geborgenheit in Chri­stus Jesus. Diese Aussicht stimmt in die Freude. Und so ist sie die erste und unmittelbare Botschaft, die die Offenheit unseres Lebens in Christus Jesus aus ihrer Verborgenheit uns sendet. Die Freude ist der Widerschein der Morgenröte, die mit dem Morgenstern Christus aufgegangen ist. Sie kündet in unseren Herzen den Tag, in dem die Hoffnung sich erfüllt (vgl. 2 Petr 1,19).

Ist die Hoffnung im Aufschwung ihrer Heiligkeit, Liebe und Freude ein Einschwingen in die überschwengliche Offenheit geborgenen Lebens, so ist klar, daß Zaghaftigkeit und Mutlosig­keit und die Müdigkeit des Daseins in ihr versinken (Vgl. z. B. 1 Tim 4,10; Hebr 10,38f.; Apk 2,3). In der Hoffnung werden wir wieder jung. Das drückt der Apostel Paulus einmal so aus: „Deshalb werden wir nicht müde, sondern, wenn auch unser äußerer Mensch sich verzehrt, unser inwendiger wird von Tag zu Tag neu. Denn das bißchen Trübsal im Augenblick“ (der das ganze Leben ausmacht!) „verschafft uns überschwenglich eine ewige Last von Herrlich­keit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare“ (2 Kor 4,16f.). Im Absehen vom Zeitlich-Vorliegenden und im Ansehen des Ewig­Unsichtbaren dringt jetzt schon der Liebesschimmer des Anblickes Gottes in unser offenes Herz. Durch ihn aber leben wir Tag für Tag neu auf inmitten aller unserer Niederlagen. Tag für Tag werden wir, die wir hoffen, jung, auch wenn wir müde und alt dahingehen. Wie spricht die Hoffnung? „Introibo ad altare Dei: ad Deum qui laetificat iuventutem meam.“ „Ich trete zum Altare Gottes: zu Gott, der mich erfreut, auf daß ich jung werde.“

Hier der vollständige Text „Über die Hoffnung. Eine neutestamentliche Besinnung“ als pdf.

„Es ist das Wesen dieser seltsamen Wesen, dass sie Welt und menschliches Dasein in ihrer Weise ausle­gen“ – Heinrich Schlier über Mächte und Gewalten im Neuen Testament

21. Oktober 2017

Ausgerechnet ein Bultmannschüler, nämlich Heinrich Schlier (1900-1978), hat sich an einer „dämonologischen“ Interpretation des Neuen Testaments versucht. Sein Aufsatz „Mächte und Gewalten nach dem Neuen Testament“, der eine Zusammenfassung seines  Büchleins Mächte und Gewalten im Neuen Testament (Freiburg-Basel-Wien: Herder 1958) ist, provoziert, wenn er schreibt:

Wenn es nun das Treiben der dämonischen Mächte ist, sich des Menschen und seiner Welt zu bemächtigen, um verborgen ihr Machtwesen durchzusetzen, was geschieht dann eigentlich unter solcher Bemächtigung? Das können wir noch etwas deutlicher sagen und dabei uns nun auch dem Kern ihres Wesens nähern. Es ist ihr Wesen, daß sie die Menschen, die Natur, die geschichtlichen Situationen und auch Institutionen, aber auch die geistigen Realitäten, deren sie sich bemächtigen, zu der Erscheinung ermächtigen, die sie ihnen auferlegen. Es ist das Wesen dieser seltsamen Wesen, daß sie Welt und menschliches Dasein in ihrer Weise ausle­gen. Dieses „Auslegen“ meint, daß sie die Dinge nicht nur in einem bestimmten Ansehen vorkommen, sondern auch in einer bestimmten Verfassung begegnen lassen. Auslegen meint hier nicht nur in bestimmter Weise vorstellen, sondern auch in bestimmter Weise herstellen. Auslegen meint, sie in bestimmter Weise darstellen. Auslegen als erschließende Darstellung ist die Wesensart des Geistes überhaupt, sie ist auch die Wesensart des Geistes, von dem wir reden. Solche Auslegung gibt – um ein Beispiel zu nennen – den Götterbildern, die in der Tat doch „Nichtse“ sind, wie die Bibel sie nennt, das Hinreißende und Zwingende von übermäch­tig Seiendem. Solche Auslegungen – um ein näheres Beispiel zu nennen – läßt die Welt in ihrer Gesamtheit dem Menschen als das einzig und ewig Reale trotz alles Selbstwiderspruches erscheinen.

Diese Auslegung von Welt und Dasein durch die Mächte, die sie verborgen beherrschen, geschieht aber in einer bestimmten Intention. Man kann auch sagen: die Mächte legen Welt und Dasein nach bestimmten Kategorien fest, die ihre Grundintention verraten. Die eine Kate­gorie ist der Tod. Sie bemächtigen sich eines Menschen oder seines Geistes in der Weise, daß sie ihn zum Tod ermächtigen. d. h. daß er, selbst durch sie zerstört, anderen zur Zerstörung wird. Darin und überhaupt im Verstören, Vereiteln, Verderben, Vernichten, Verwesen erfüllt und erweist sich die Tendenz ihres Wesens. Der Teufel hat, wie Hebr 2,15 sagt, „die Gewalt des Todes“. Seine Gewalt ist der Tod. Und somit hält er auch die Menschen „durch Todes­furcht das ganze Leben in Sklaverei“. Seine andere Kategorie, in der er die Dinge erscheinen läßt, ist „Versuchung“. Personen und ihre Handlungen. ihre Gestalt, ihr Wort, ihre Gebärde, ihr Denken usw., Situationen, geistige Bewegungen und ihr Niederschlag, kurz die ganze Fülle des ständig wechselnden Lebens (und Sterbens!) erscheinen auf einmal kraft eines sie auslegenden Geistes verlockend und drohend. Das Zuträgliche und Abträgliche, Abbruch und Steigerung des Lebens sind Mittel und Weisen des Teufels, sein versucherisches Wesen durchzusetzen und den Menschen sich verfallen zu lassen in der Sünde zum Tod. Bei solchem verführerischem Entwurf der Welt im ganzen und einzelnen gebraucht er noch eine dritte Kategorie: die Lüge. Im Johannesevangelium sagt Jesus vom Teufel: „Wenn er Lüge redet, spricht er aus eigenem, denn er ist ein Lügner“ (8,44). Sein Wesen ist schon als das des Ver­derbers und Versuchers bewußt täuschende und in die Irre führende Vor­ und Verstellung der Dinge in seinem Geist. Denn der Tod, den er präsentiert. und die Welt, die er darstellt, sind Lüge. Aber auch abgesehen davon ist alles Licht, das er aufleuchten läßt, das Aufgehenlassen eines täuschenden Scheines über der Wirklichkeit, das Erwecken ungeheurer Illusionen, die z. B. den antichristlichen Staat, „die Könige der ganzen Erde“, zum Krieg gegen Gott be­wegen (Apk 16,14), und überhaupt die Aufrichtung der Herrschaft des Undurchsichtigen (Apg 26,18; Kol 1,13), in der die Menschen leben oder vielmehr untergehen sollen. Bei allem aber kennt der Satan zuletzt eigentlich nur eine Kategorie, in der er Welt und Dasein darstellt. Sie wird im NT nur einmal und zwar dort genannt, wo er „der Ankläger unserer Brüder, der sie vor unserem Gott anklagt Tag und Nacht“ (Apk 12,10), heißt. Sie offenbart die Tiefe der anderen Kategorien und ihr eigentliches Ziel. Die täuschende, von Gott versucherisch lösende und dem Tod anheimgebende „Interpretation“ der Welt und des Menschen hat den teuflischen Ton einer Anklage vor Gott. Das menschliche Leben, vom Tod verblendet und sich selbst zugefallen, steht darin auf als absolute Schuld.

Hier der vollständige Text „Mächte und Gewalten nach dem Neuen Testament“ als pdf.

„Als ob alles lauter Un­sinn und Aberglauben wäre …“ – Johann Christoph Blumhardt über Dämonen und Besessenheit

21. Oktober 2017

James Tissot (1836-1902) – Heilung zweier besessener Gadarener

Von Dämonen und Besessenheit zu reden scheint in der Kirche kein Thema zu sein. Auch Johann Christoph Blumhardt (1805-1880) wusste, dass diese Rede für „aufgeklärte“ Menschen eine Zumutung ist. Und doch, wenn es um Jesu Botschaft vom Reich Gottes geht, muss man nach Blumhardt auch auf Besessenheit zu sprechen kommen:

Ein Mut freilich gehört dazu in unserer Zeit, dieses Thema [Dämonen und Besessenheit] zu besprechen; denn vielen ist es widerlich, nur die hieher gehörigen Worte oder Benennungen zu hören, und zwar in dem Gra­de, daß sie jeden, der Miene macht, dar­über zu reden und an Eigentümliches, welches damit im Zu­sammenhang steht, zu glauben, übel darum ansehen, auch für abergläubisch und leicht­gläubig halten, als ob man alles in der Bibel mit heiliger Scheu und Ehrerbietung besehen dürfte, nur diese Sache nicht. Sie tun, als ob alles lauter Un­sinn und Aberglauben wäre, was nur in dieses, allerdings finstere und unheimliche Gebiet gehört, und als ob selbst An­schauungen nach der Bibel nur Verfinsterung und Ver­dummung der Leute herbeiführte.

Die Besessenen oder Dämonischen in der Schrift stellen sich als solche dar, die von einem fremden Wesen, das in ihnen ist, beherrscht und geplagt werden, teils leiblich, teils geistig. Bei vielen solcher Kranken werden die Dämonen nur als versteckt innewohnend angenom­men, wie bei den Mondsüchtigen und wohl auch Gichtbrüchigen; und bei an­dern wird erzählt, daß sie entweder als stumm quälend sich gebärdet hätten, oder bestimmter so hervorgetreten seien, daß das eigene Bewußtsein der Kranken zurücktrat, und nur die fremden Wesen redeten und handelten. In letzterem Falle hat man es sich nicht so zu denken, als ob unausgesetzt das Fremde den Herrn gespielt hätte; sondern nur zu Zei­ten machte sich das Innewohnende bemerklich, während in Zwischenzeiten den Kranken kaum etwas anzusehen war, wiewohl hierin große Verschiedenheit geherrscht haben mag. Die Geister oder Dämonen, wenn sie vortraten, redeten ganz nur mit Bezug auf sich, nicht mit Bezug auf den Kran­ken, in dem sie waren. […]

Daß nun ähnliche Kranke, die man als Besessene zu neh­men hätte, auch jetzt noch vorkämen, will meist in unserer Zeit geleugnet werden; und eben die Meinung, daß man von solchen Krankheiten gar keine Anschauung hätte, ist der Grund, warum man auch auf die neutesta­mentliche Ge­schichte nicht sonderlich viel achtet. Entweder übergeht man diese, ohne gerade gegen sie sich auszusprechen, oder denkt man, es seien Erscheinungen, welche eben nur zur Zeit Christi vorgekommen seien, also keine weitere Bedeutung für uns mehr hätten, oder meint man, die Evangelisten und Apostel seien eben in diesem Punkte Kinder ihrer Zeit ge­wesen und hätten nach der herrschenden Ansicht alles an­gesehen und demgemäß mitgeteilt, während eine aufgeklärte Zeit alles in anderm Lichte betrachtet hätte. Bei dem allem aber bedenkt man nicht, wie viel Wert gerade der Herr selbst auf die Macht, Dämonen auszutrei­ben, gelegt hat. In ihr sieht Er den stärksten Beweis, daß das Reich Gottes nahe sei (Luk. 11, 20); und mit ihr rüstet Er nicht nur die Jünger aus, die Er zu Seinen Lebzeiten an Seiner Statt aus­sandte, sondern Er gibt sie ihnen auch auf den Weg mit, zu allen Völkern der Erde (Mark. 16, 17). Wenn man der­gleichen Stellen nicht würdigen will, sondern gar den Herrn selbst als der Zeitanschauung huldigend nimmt, so bedenke man doch selbst, wie viel von allem Wort Gottes uns dann genommen ist. Es bleibt darum keine andere Wahl, als man nehme ent­weder die Geschichten, wie sie sind, und gebe ihnen demgemäß auch eine Bedeutung; oder hat man kein sicheres Wort Gottes mehr und kann auch sonst glauben, was man will. […]

Überlegt man dieses, so mag man die große Bedeutung der Heilungen der Besessenheit erkennen, welche Jesus sich angelegen sein ließ. Die Heilungen erscheinen so als eine Auf­hebung des Fluches, der auf der Menschheit lastet; und es ist denkbar, daß die Befreiungen, die der Herr bewirkte, rückwirkend auch Befreiungen hingegangener Geschlechter zuletzt werden gewesen sein, bis alles, was möglich ist, der Gewalt des Teufels entrissen und unter das sanfte Joch Jesu gestellt sein wird. Über all das ließe sich freilich noch viel, sehr viel denken und sagen; aber es mag genug sein, um uns die evangelische Geschichte von den Heilungen der Be­sessenen wichtig zu machen. Wenn denn auch in unserer Zeit sollte wieder Macht über die Dämonen gegeben wer­den, so müßte das als eine Erscheinung von der größten Tragweite anzusehen sein, und ein sicheres Zeichen von der Nähe des Herrn und der kom­menden Vollendung Seines Reiches. Möchte der Herr kommen und die einst so sieg­reiche Macht über die Kräfte der Finsternis der geknech­teten Menschheit wieder schenken!

Hier der vollständige Text „Die Heilung von Besessenen“ von Johann Christoph Blumhardt als pdf.

„Das Schöpfungs­geheimnis spielt mit dem Menschen …“ – christliche Weisheit nach Gerhard von Rad

15. Oktober 2017

In seiner Miszelle „Christliche Weisheit?“ stellt Gerhard von Rad die Schöpfung als Offenbarung wie auch als Geheimnis in Bezug auf Gott vor:

Die Schöpfung hat nicht nur ein Sein, sie hat auch eine Aussage. Auch in den täglichen Widerfahrnissen kann man „lesen“. In der Gottesrede im Hiob gibt Gott der Schöpfung das Wort; offenbar ist sie ermächtigt, in diesem Streitfall das Wort zu ergrei­fen. Immer anspruchsvoller wird diese Vorstellung von dem Selbstzeugnis der Schöpfung in jüngeren Lehrdichtungen, wie etwa in Spr. 8 entfaltet. Die weltimmanente Weisheit ruft den Menschen. Aus der Schöpfung ergeht geradezu ultimativ ein Ordnungswille:

„Durch mich regieren Könige
und Amtsträger bestimmen, was recht ist.“
(Spr. 8, 15)

Auf diese Selbstoffenbarung der Schöpfung geht also der Wahrheitsbesitz aller Völker zu­rück. Ja, ein Heilsangebot geht voll ihr aus, das den Menschen in einen Liebesdialog mit der Schöpfung hineinzieht („Ich habe lieb, die mich lieben“ Spr. 8, 17). Das Schöpfungs­geheimnis spielt mit dem Menschen, es liebt ihn, lädt ihn in seine innersten Gemächer ein, ja, es sitzt schon vor seiner Türe! Hier vollzieht sich eine ans Mystische grenzende Auslieferung des Menschen an die Herrlichkeit des Seins. Hier wirft sich der Mensch mit Lust einem Sinn entgegen; er entdeckt ein Geheimnis, das schon auf dem Weg ist, sich ihm zu schenken.

Diese Wirklichkeit ist in ihrem Gewähren oder Verweigern dem Menschen durchaus per­sönlich zugekehrt. In einer unendlichen und nie ganz unverständlichen Beweglichkeit meint sie immer ihn. Immer spielt sie in dem Verhältnis des Menschen zu Gott mit. Israel hat sich diesem Existenzialbezug, diesem Andringen der Umwelt auf den Menschen gestellt, und es vermochte diesem Geschehen Sinn abzugewinnen.

Die Schöpfung ist vertrauenswürdig (ein weites Feld weisheitlicher Belehrung!). Das gilt nicht so im Sinne unseres „Gottvertrauens“, sondern eines Vertrauens zur Schöpfung, die dem, der sich auf sie einläßt, selbst ihre Wahrheit erweist. Dieses Vertrauen zum Leben konn­te sich nach der Überzeugung der Weisen auf bestimmte Erkenntnisse und Erfahrungen beru­fen.

Dem widerspricht freilich der Prediger Salomo radikal: „Es ist alles nichtig.“ Eine rationale Durchforschung des Lebens vermag nach seiner Meinung keinen tragfähigen Sinn zu ergeben. Aber dem ist nun nicht so, daß seine Thesen einfach auf einer genaueren, kritischeren Wirk­lichkeitserkenntnis stünden. Das Gespräch mit seiner Umwelt ist ebenso abgerissen wie sein Gespräch mit Gott. Er hat kein Vertrauen mehr. Hier steht also nicht realistische Erfahrung gegen „dogmatische“ Voreingenommenheit, sondern es steht Erfahrung gegen Erfahrung. Die Weisen sprachen eine Erfahrung aus, die immer im Gespräch mit ihrem Glauben stand. Es gibt aber keine absolute kritische Instanz, die feststellen könnte, wie viel oder wie wenig eine solchermaßen vom Glauben umfangene Vernunft der Erfahrung entnehmen kann. Im Radika­lismus seines Fragens ist der Prediger ganz zum Zuschauer geworden. Von jeder aktiven Lebensgestaltung hat er sich zurückgezogen und damit sich von vornherein von einem weiten Bereich entscheidender Erfahrungen ausgeschlossen. Derart verarmt geht er gleichwohl in seinem Versuch eines Weltverständnisses aufs Ganze; er bürdet der Erfahrung die Beant­wor­tung der Heilsfrage schlechthin auf und er gelangt – wieder im Unterschied zu den Weisen, die summarischen Abstraktionen aus dem Wege gingen – zu dem Fazit „Nichtigkeit“. Aber die Frage, ob sich ein Widerfahrnis dem einen verschließt oder ob es sich dem andern öffnet, läßt sich nicht allein aus dem Temperament oder dem Vorstellungskreis des Betroffenen beant­worten. Sie weist vielmehr zurück in den Bereich jenes verborgenen Gesprächs des einzelnen mit seiner Welt, das eben kein Monolog des auf sich selbst zurückgeworfenen Men­schen ist. Der Prediger war außerstande, mit der auf ihn eindringenden Welt in ein Gespräch einzutreten. Sie war für ihn zu einem stummen abwei­senden Draußen geworden. Übrigens darf man die Weisen ja nicht dem Prediger als die alles Verstehenden gegenüberstellen. Sie waren auch Dithyrambiker des Geheimnisses. Sie haben das Geheimnis geradezu zum Lehr­gegenstand erhoben. Aber dieses Geheimnis ist nie als ein Mysterium der Welt in ihrer Tiefe inhärent; es bleibt immer das Geheimnis Gottes.

Hier der vollständige Text „Christliche Weisheit?“ als pdf.

Eritis Sicut Dii – Yuval Noah Hararis Homo Deus und die Hoffnungslosigkeit des liberalistischen Theologieprojekts

6. Oktober 2017

Homo Deus“ – was für ein Barbarismus, wenn es um einen Gattungsnamen in der Nachfolge des Homo sapiens geht. Hararis gleichnamiges Buch ist eine FortSchreibung der Menschheitsgeschichte, die es in sich hat. Im genealogischen Erzählmodus gehalten weiß sie nämlich die theanthropische Aufhebung des „Humanismus“ als Menschheitsideologie in plausibler Weise zu prognostizieren. Medizinische Unsterblichkeitstherapie, kapitalistisches Glücksprojekt auf biochemischer Basis und biotechnologisches Upgrade rücken das schlangensprüchliche „sicut eritis dii“ aus dem Paradiesgarten in die nicht mehr allzu ferne Zukunft. Diese evolutionäre Vergöttlichung hat jedoch eine Aufhebung des angestammten Menschseins (humanum) zur Folge.

Hararis Prognose lässt idealistischen Menschheitsträumen keinen Raum. Auch liberalistische Theologieprojekte – egal ob Made in Munich oder Made in Medellín – erscheinen da als hoffnungslos antiquiert. Was uns Theologen wirklich anzusagen bleibt ist die Apokalyptik, selbst wenn sie den „Kindern dieser Welt“ unrealistisch erscheinen muss: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat.“ (1Korinther 15,20-24)