Archive for the ‘Schriftauslegung’ Category

Origenes über die Einheit der Schrift

24. Februar 2017

Ein schönes Zitat aus Origenes‘ Kommentar zum Johannesevangelium in Sachen pneumatologische Einheit der Schrift und kanonische Schriftauslegung: „Man muß an die Schrift in ihrer Gesamtheit herangehen wie an einen einzigen Leib und darf die Harmonie des Ganzen in ihrem straffen und festen Gefüge nicht zerbrechen und zerhacken wie es jene tun, die die Einheit des die gesamten Schriften durchdringenden Geistes nach Kräften zerbrechen.“ (Orig. in Jo H. X 107 – SC 157, 446)

In Ergänzung dazu Origenes Ausführungen zur Inspiration der Heiligen Schrift im vierten Buch der Schrift „De principiis (peri archōn)“:

„Die Ursache der falschen Meinungen und Gottlosigkeiten oder der einfältigen Reden von Gott dürfte in all den genannten Fällen keine andere sein als die, daß die Schrift nicht geistlich verstanden, sondern nach dem bloßen Buchstaben aufgefaßt wird. Man muß deshalb denen, die überzeugt sind, die heiligen Bücher seien keine Niederschriften von Menschen, sondern seien aus der Eingebung des heiligen Geistes nach dem Willen des Vaters des Alls durch Jesus Christus geschrieben wor­den und auf uns gekommen, die uns richtig erscheinenden Wege (der Auslegung) zeigen. Dabei wird man sich an die Regel der himmlischen Kirche Jesu Christi halten, die auf die Nachfolge der Apostel ge­gründet ist “ (Orig. princ. IV 2,2 – Übersetzung Görgemanns/Karpp, S. 701).

„Gott erblickte das Licht der Welt in der Nacht vom vierundzwanzigsten zum fünfundzwanzig­sten Dezember“ – Peter Handkes Lebensbeschreibung

24. Februar 2017

So kann man auch eine biblische Gottes- bzw. Jesusgeschichte nacherzählen, wie es der junge, dreiundzwanzigjährige Peter Handke in seinem provozierenden Text Lebensbeschreibung getan hat – lakonische Aneinanderreihung von Ereignisse, und um das Geschehen ist es geschehen:

Lebensbeschreibung

Von Peter Handke

Gott erblickte das Licht der Welt in der Nacht vom vierundzwanzigsten zum fünfundzwanzig­sten Dezember. Die Mutter Gottes wickelte Gott in Windeln. Auf einem Esel flüchtete er sodann nach Ägypten. Als seine Taten verjährt waren, kehrte er in sein Geburtsland zurück, weil er fand, dass dort der Ort sei, an welchem ein jeder am besten gedeihen könnte. Er wuchs auf im Stillen und nahm zu an Alter und Wohlgefallen. Es litt ihn in der Welt. Er wurde die Freude seiner Eltern, die alles daransetzten, aus ihm einen ordentlichen Menschen zu machen.

So erlernte er nach einer kurzen Schulzeit das Zimmermannshandwerk. Dann, als seine Zeit gekommen war, legte er, sehr zum Verdruss seines Vaters, die Hände in den Schoß.

Er trat aus der Verborgenheit. Es hielt ihn nicht mehr in Nazareth. Er brach auf und verkün­dete, dass das Reich Gottes nahe sei. Er wirkte auch Wunder. Er sorgte für Unterhaltung bei Hochzeiten. Er trieb Teufel aus. Einen Schweinezüchter brachte er auf solche Art um sein Eigentum.

In Jerusalem verhinderte er eines Tages im Tempel den geregelten Geldverkehr. Ohne das Versammlungsverbot zu beachten, sprach er oft unter freiem Himmel. Aus der Langeweile der Massen gewann er einigen Zulauf. Indes predigte er meist tauben Ohren. Wie später die Anklage sagte, versuchte er das Volk gegen die Obrigkeit aufzuwiegeln, indem er ihm vor­spiegelte, er sei der ersehnte Erlöser. Andererseits war Gott kein Unmensch. Er tat keiner Fliege etwas zuleide. Niemandem vermochte er auch nur ein Haar zu krümmen.

Er war nicht menschscheu. Unbeschadet seines ein wenig großsprecherischen Wesens war er im Grunde harmlos. Immerhin hielten einige Gott für besser als gar nichts. Die meisten jedoch erachteten ihn für so gut wie nichts. Deshalb wurde ihm ein kurzer Prozess gemacht. Er hatte zu seiner Verteidigung wenig vorzubringen. Wenn er sprach, sprach er nicht zur Sache. Im übrigen blieb er bei seiner Aussage, dass er der sei, der er sei. Meist aber schwieg er.

Am Karfreitag des Jahres dreißig oder neununddreißig nach der Zeitwende wurde er, in einem nicht ganz einwandfreien Verfahren, ans Kreuz gehenkt.

Er sagte noch sieben Worte. Um drei Uhr Nachmittag, bei sonnigem Wetter, gab er den Geist auf. Zur gleichen Zeit wurde in Jerusalem ein Erdbeben von mittlerer Stärke verzeichnet. Es ereigneten sich geringe Sachschäden.

Quelle: Peter Handke, Prosa. Gedichte. Theaterstücke. Hörspiele. Aufsätze, Frankfurt 1969, Seite 99f.

„Die Kirche hat sich vor nichts mehr zu fürchten, als vor der Sicherheit“ – Hans Joachim Iwand zum Reformationsjubiläum

20. Februar 2017
Claus Bergen - Havarie (Gouache, um 1920)

Claus Bergen – Havarie (Gouache, um 1920)

In seiner Neujahrsbetrachtung 1959 hat Hans Joachim Iwand der Kirche unter anderem Folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.“ Passende Worte zum Reformationsjubiläum.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

Von Hans Joachim Iwand

2. Korinther 12,10b: Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Das erste, was wir zu diesem Wort des Apostels sagen müs­sen, ist dieses: In ihm ist die ganze Offenbarung Gottes in Jesus Christus beschlossen. Denn Jesus Christus, das ist die Schwach­heit Gottes, das ist die Verborgenheit Gottes unter der alleräußersten, unter der jedes mensch­liche Auge täuschenden, jedes menschliche Denken irreführenden Schwachheit. Wir denken ganz anders. Un­sere Götter sehen anders aus. Die Götter, auf die wir warten, müß­ten anders auftreten. Nicht wie ein Mensch, nicht gehorsam bis zum Tode, nicht dienend, nicht sein Le­ben als Lösegeld gebend, son­dern als Übermenschen, von uns Gefolgschaft fordernd, wie ein Führer, der seine Schar kommandiert —, aber Gottes Gegenwart unter uns hatte und hat ein anderes Gesicht: Ich bin nicht gekom­men, mir dienen zu lassen, sondern daß ich diene. Das ist unser Gott! Und ehe wir ihm dienen, müssen wir ihn uns dienen lassen. Uns dienen mit sei­nem Leiden, uns dienen mit seinem Kreuz. Mit seiner Schwachheit. Denn die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind. Wem Gott nie gedient hat mit seiner Schwachheit, der wird nie wissen, wer Gott ist und was er für uns getan. Wo er für mein irdisches Auge am schwächsten war, da war er am stärk­sten. Da trug er unser aller Schuld, da zerbrach er unser aller Tod. Da geschah es, daß die Riegel unseres Gefängnisses aufgingen und wir heraustraten als die Befreiten. Als die wahrhaft Freien, denen hinfort Tod und Sünde nichts anhaben sol­len. Das ist seine Kraft. Die Kraft Gottes in der Schwachheit des Menschen Jesu.

Wäre es anders, wir würden uns alle um diesen Gott drängen. Wäre seine Kraft nicht verbor­gen unter der Schwachheit, es wäre nicht schwer, an Gott zu glauben. Wir verbergen unsere Schwäche, um Kraft zu heucheln, Gott verbirgt seine Kraft, um sie in der [289] Schwachheit zu offenbaren. Darum verstehen ihn die Großen und Gewaltigen nicht. Darum müssen wir selbst an uns abnehmen und zerbrochen werden, ehe wir ihn begreifen und ergreifen in seiner Schwachheit, in dem Kreuz seines Sohnes, in der Erscheinung des einen Menschen Jesus.

Das Zweite, was wir unter dem Licht unseres Wortes begreifen, sind seine Zeugen, sind die Jünger. Es gehört zu der Herrlichkeit der Bibel, daß uns in ihr Menschen, wirkliche, schwa­che, schwan­kende, zweifelnde Menschen begegnen und daß diese Menschen den­noch Zeugen der Nähe Gottes sein dürfen. Wenn sich der Sturm erhebt, dann meinen die Jünger, sie sinken. Wenn das Wasser ins Schiff dringt, dann schreien die Jünger: Herr hilf, wir verderben. Da sehen wir den Menschen, den schwachen, den zweifelnden Men­schen. Auch der Zeuge in der Nähe Jesu bleibt ein schwacher, ar­mer Mensch. Gerade er. Gerade in der Nähe zu ihm. Wir möchten sie stark sehen, aber wenn der Sturm kommt, zeigt sich, wie schwach sie sind. Ihre Not macht Jesus erwachen. Jesus schläft, und so läßt er das Wasser ins Schiff kommen. Das zerbricht alle ihre Stärke und Sicherheit. Jesus erhebt sich, und das Meer wird stille. Jesus fragt, wo ist euer Glaube — und die Jünger müssen sich schämen. Sie hat­ten ihre Kraft in sich gesucht — aber Jesus, der mit im Schiff war, war ihre Kraft. Denn er ist der Herr, der Wellen und Wind ge­bietet. Glauben wir das noch? Wissen wir das noch? Schreien wir noch zu ihm? Wecken wir ihn noch auf? Das würde wahre Erweckungsbewegung sein. Wir müssen einen wachen Christum haben!

Und das ist das Dritte. Der Satz: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» ist das Lebens­gesetz der Kirche und damit auch aller ihrer Glieder. Darum der so schwer erkennbare Weg der wahren Kirche Jesu Christi durch die Zeiten. Es ist immer wie ein Weg am Abgrund entlang. Wir möchten das anders haben. Wir möchten die Kirche in dieser Welt ganz sicher, ganz stark, ganz unangefochten etablieren. Das kann man, aber ohne ihn. Je sicherer die Kirche lebt, desto weniger bedarf sie Gottes! Je weniger sie Gott zutraut, desto mehr sich selbst. Je weniger sie auf seine Hilfe wartet, desto mehr sucht sie Hilfe bei den Geschöpfen.

Dies, meine Brüder und Schwestern, wollte ich Euch zum Beginn [290] des Jahres zurufen. Wir meinen so oft, in unserem ruhigen sicheren Westen hätte die Kirche nichts zu fürchten. Aber ist es nicht so, daß die Kirche sich vor nichts mehr fürchten muß, als vor der Sicherheit? Das Wasser muß uns ins Schiff laufen, damit wir schreien. Wir müssen Sturm erfahren, damit wir beten. Wir müssen beten, damit Christus uns helfen, damit Jesus uns Christus sein kann. Heil denen, die so angefochten sind, ihnen ist Christus nahe. Der Apostel sagt: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Auch wir sollen stark sein, mitten in unserer Schwachheit. Wir sollen uns nicht mit unserer Schwachheit beruhigen. Wir sollen nicht daraus etwas ma­chen, was nicht zu ändern ist. Im Kampf mit der Sünde, im Kampf mit der Feigheit. Gott will die Schwachen stärker machen als die, die auf ihre Kraft vertrauen. Er will unsere Kraft sein. Er will, daß die Welt sich irrt, wenn sie meint, wir seien von Gott verlassene Menschen. Er will, daß die Welt erkennt, wer uns treibt und wem sie nicht gewachsen ist.

Neujahrsbetrachtung in: „Die Hilfe, Blätter aus dem Haus der helfenden Hände“, Beienrode im Januar 1959.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 288-290.

Hier die Predigt als pdf.

Gerhard von Rad – Die Diskussion über die Leiden Hiobs

13. Februar 2017
William Blake - Hiob wird von seinen Freunden zurechtgewiesen (1801)

William Blake – Hiob wird von seinen Freunden zurechtgewiesen (1801)

Gerhard von Rad hatte sich im Oktober 1961 in zwei Vorträgen für den damaligen Südwestfunk des Buchs Hiob angenommen. Hier der zweite Beitrag:

Die Diskussion über die Leiden Hiobs

Von Gerhard von Rad

Das Buch Hiob zerlegt sich, wie wir neulich schon streiften, auch für den ungelehrten Leser in zwei verhältnismäßig ungleiche Teile: in die Prosaerzählung von dein ganz in Gott geborge­nen und ergebenen Hiob und in den großen Dialogteil. (mit 39 Kapiteln), der offenbar später in die einfache Prosaerzählung hineingedichtet wurde und der gegenüber der älteren Lehrer­zählung einen ganz neuen Horizont von religiösen Fragen und Anfechtungen auf­reißt.

In formaler Hinsicht ist die jüngere Dichtung fast nahtlos in die ältere eingepaßt. Dort war noch erzählt worden, daß drei Freunde den von Geschwüren bedeckten Hiob drau­ßen auf dem Kehrichthaufen vor der Ortschaft besucht haben, wo hinaus er sich als ein unrein Gewordener bege­ben hatte. Und dann sagte der Erzähler noch: »Und da sie ihre Augen aufhoben, erkann­ten sie ihn nicht. Sie hoben ihre Stimme auf und weinten … und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm, denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war« (2, 12 f.). Ist das nicht ein geradezu monumentaler Gestus des Beileids, dieses Verstummen von Männern, die gekommen waren, um zu trösten? Hier wird nichts zerredet, hier wird das Leid zunächst einmal in seiner Größe anerkannt. Das Schweigen wird dann nicht alles sein; aber wenn sie dann reden, dann tun sie es als die, die vorher lange ge­schwiegen haben. Der erste, der das lange und schreckliche Schweigen bricht, ist Hiob, und nun — mit Kapitel 3 — [86] sind wir in die jüngere Dichtung hinübergewechselt. Das ist ja nun auch ein anderer Hiob, der sich jetzt vernehmen läßt. Er verflucht sein Leben und den Tag seiner Geburt: »War­um bin ich nicht gestorben vom Mutterleib an? … Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen …, die des Todes warten, und er kommt nicht?« Diese Klage Hiobs ist ge­wissermaßen die Ouvertüre zu dem großen nun folgenden dreiteiligen Dialog.

Jeder der Freunde spricht, worauf der Dichter Hiob ant­worten läßt. So kommt es, daß Hiob viel öfters zu Wort kommt, und so wollte es der Dichter auch, denn das Schwergewicht des Dialogs liegt in den großen Monologen Hiobs. In ihnen hat der Dichter sein Wichtigstes aus­gespro­chen; aber das darf uns nun ja nicht dazu verführen, das Gewicht der Freundesreden zu bagatellisieren. Es ist eine etwas primitive Auslegung — und leider herrscht sie weit­hin —, daß man alles, was die Freunde sagen, von vorn­herein als falsch, ja womöglich als heuchle­risch verdächtigt. So einfach liegen die Dinge nun doch nicht.

Schon die erste Rede des Eliphas ist ein Meisterwerk vor­sichtiger seelsorgerlicher Anrede. Er spricht Hiob darauf an, wie er ja selber, wo es nottat, andere unterwiesen und getröstet hat. Und dann rät er ihm: »Ich würde mich an Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen« (5, 8). »Siehe, selig ist der Mensch, den Gott züchtigt, darum wei­gere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht; er ver­letzt und er verbindet, er zerschlägt und seine Hand heilt« (5, 17 f.). Durfte man derlei Hiob nicht sagen? Eliphas hat kein Generalrezept, aber aus ihm spricht die Erfahrung der Gemeinde, und er meint, Hiob täte gut, sie zu bedenken. Ganz ähnlich ermahnt Bildad später im B. Kapitel den Hiob, die Weisheit und Erfahrung der vorigen Geschlech­ter ernst zu nehmen: »Denn wir sind von gestern her und wissen nichts.« Wer über das Leid spricht, so meint Bildad, kann doch nicht so tun, als ob er der erste Leidende wäre! Und war das nicht die Schwäche der Position Hiobs? Er kämpft seinen Kampf mit Gott in einer eisigen Isolierung, als ob Gott nie seinen Willen und seine Pläne mit den Men-[87]schen den Erzvä­tern oder dem Mose oder den Propheten geoffenbart hätte. Hiob lebt das von Anfechtungen umla­gerte, geschichtslose und gemeindelose Leben eines Men­schen, der ganz auf sich geworfen ist und zu dem die ge­samte reiche Glaubensüberlieferung seiner Väter nicht mehr spricht. Das ist nun auch einer der wesentlichsten Gründe für seine Unfähigkeit, auf die Freunde zu hören. Der Leser hat das bedrückende Gefühl, daß diese paar miteinander reden­den Menschen im Grunde Monologe führen; es ist wie eine Mauer zwischen ihnen, sie sind Menschen, die aus dem Gefängnis ihrer Gedanken und ihrer Erlebnisse nicht her­auskönnen. Ich muß mich nun im Folgenden darauf be­schränken, aus den Hiobmonologen zwei Linien nur eben anzudeuten, an denen man doch — so schwer das auch dem Leser fällt — etwas wie einen Gedankenfortschritt bemer­ken kann. Das Merkwürdige freilich ist dies, daß sich diese beiden Linien derart überschneiden, daß sie gedanklich kaum mehr zur Deckung gebracht werden können.

Gleich nach der ersten Eliphas-Rede antwortet Hiob mit einem Gedanken, den er so bald nicht mehr loslassen wird: »Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir.« Er fühlt sich von Gottes Giftpfeilen angeschossen, »ihr Gift muß mein Geist trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet« (6, 4). Dieser Gott, den Hiob im Auge hat, ist der Feind des Menschen, er bedroht und schreckt ihn; dieser Gott ist ein dunkler Gott, demgegenüber der Mensch immer den Kürzeren zieht. Wie könnte der Mensch je vor ihm recht haben, »hätte er Lust mit ihm zu hadern, so kann er ihm auf tausend nicht eines antworten« (9, 3). »Siehe, wenn er hinreißt, wer will ihm wehren, wer will zu ihm sa­gen, was machst du?« (9, 12). Aber packt ihn einer­seits das helle Entsetzen vor den Dunkelheiten Gottes, so — und das ist nun die andere Linie — kommt er doch nicht von ihm los, ja er ist geradezu fasziniert von Gottes Größe, die alle menschlichen Vorstellungen überschreitet.

Aber kaum hat sich Hiob für diesen Gott vor seinen Freun­den ereifert, da fühlt er sich von ihm abgestoßen, ja zu­tiefst bedroht. Er kann sich dieses Interesse, das Gott am [88] Menschen hat, nicht erklären: »Was ist ein Mensch, daß du ihn groß achtest und bekümmerst dich um ihn? Warum tust du dich nicht von mir und lässest mich nicht, bis ich nur meinen Speichel schlinge?« (7, 17. 19). Diese negative Linie, also die eines wachsenden Erschreckens vor Gott, er­reicht einen gewissen Tiefpunkt im Kapitel 16, wo sich ihm das Angesicht Gottes über ihm geradezu zur Teufelsfratze verzerrt hat: Gott knirscht mit den Zähnen, er wetzt über ihm seine Augen (die griechische Übersetzung spricht hier von Augendolchen), »er hat mich beim Genick gepackt …, er hat meine Nieren gespalten, er hat meine Galle auf die Erde geschüttet …, mein Antlitz ist vom Weinen gerötet, und tiefes Dunkel liegt auf meinen Wimpern«. Hier ist Hiob auf eine Nachtseite Gottes gestoßen, deren Schrecken in Jahrtausenden vielleicht nur wenige erfahren.

Aber nun — psychologisch kaum mehr vorstellbar — springt er wieder auf die andere Linie über. In unbegreif­licher Kühnheit festigt sich ihm die Überzeugung, daß Gott sein Geschöpf nicht fallen lassen wird. »Schon jetzt lebt im Himmel mir ein Zeuge … Zu Gott blickt tränend mein Auge auf, daß er Recht schaffe dem Manne gegen Gott«, und wenig später: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt« (19, 25). Das ist einer der Höhepunkte der anderen Linie. Hier hat Hiob den Gott gefunden, der ihn wert achtet und nicht wie einen Wurm zertritt.

Aber so erbaulich einfach ist das nun doch nicht; Hiob steht in einer äußersten Dramatik des Glaubens; das Got­tesbild hat sich ihm beinah in zwei Aspekte zerrissen, denn er appelliert allen Ernstes an den Freund Gott gegen den Feind Gott, der ihn zerstört. Am Ende des 31. Kapitels hat sich diese Gewißheit zu einem fast schwindelnden religiösen Selbstbewußtsein gesteigert: »Ach, daß ich einen hätte, der mich hörte! Hier, meine Unterschrift! Der Allmäch­tige gebe mir Antwort … wie ein Fürst wollte ich ihm nahen.« Hier kann man nun ganz deut­lich sehen, worum es Hiob letztlich ging. Nicht, wie man so oft sagt, um die Lösung des Lei­densproblems, sondern um sein Gottesverhältnis, ganz einfach um die Frage, ob dieser ihm so unverständ-[89]lich und schrecklich gewordene Gott sein Gott ist, dessen er sich trösten kann.

Auf die letzte Herausforderung Hiobs antwortet Gott in einer Rede, die ihn mit Kaskaden von Fragen überschüttet. Was verstehst du schon von der Schöpfung, vom Licht, vom Regen, von den Gestirnen und besonders von der Tierwelt? Kannst du sie versorgen? Kannst du das Wer­fen der Steinziege überwachen und das Treiben der Wildesel? Ein feiner Unterton kann dem Leser nicht entgehen. Mit seiner Rationalität kommt da der Mensch nicht weiter, und Nütz­lichkeitserwägungen werden vollends zuschanden. Den Regen, das Kostbarste im Haushalt der Natur, schüt­tet Gott über der Steppe aus, und die Wildesel, die fern von aller menschli­chen Ökonomie ihr Wesen treiben, sind wirklich in kein menschliches Wertsystem mehr ein­zuord­nen. Aber vor allem ist dies merkwürdig, wie sich die Situation gewandelt hat. Der Frager findet sich plötzlich als der Gefragte vor und ist mit einemmal völlig in die Defensive gedrängt. Kein Zweifel, diese Flut von Fragen enthält zunächst etwas sehr Einfaches, nämlich eine ho­heitsvolle Abweisung Hiobs. Aber der wäre ein Stock, der nicht noch etwas anderes heraushörte, nämlich diesen Un­terton einer Freude Gottes an seiner Schöpfung, der er in väterlicher Fürsorge zugetan ist. Diese Flut der Fragen, von denen Hiob in die Enge getrieben wird, ist eben doch nicht nur niederdrückend. Ja, wirbt nicht Gott um Hiob, um ihn teilneh­men zu lassen an seiner Schöpferfreude? Laß doch diese Welt voller Rätsel sein, denn diese Rätsel ruhen am Herzen Gottes! Ist also nicht das die Lehre der großen Gottesrede: Der Mensch kann Gottes Weltregierung nie begreifen, aber er kann sie anbeten. Und so antwortet Hiob denn auch: »Ich habe erkannt, daß du alles ver­magst; … vom Hörensagen habe ich von dir gehört, nun aber hat dich mein Auge gesehen, darum widerrufe ich und bereue in Staub und Asche« (42, 2. 5 f.). Vom Hörensagen nur hat er von Gott gehört, nun aber hat ihn Gott doch zu finden gewußt. Er ist einer Anrede Gottes gewürdigt wor­den — nicht eines lüsternen Einblickes in göttliche Geheim-[90]nisse. Es ist mehr: eines Blickes auf das anbetungswür­dige Walten Gottes, ja sogar eines Blickes in das Herz Gottes, an dem alle Geheimnisse der Welt und des Menschenlebens ruhen.

Evangelische Ansprache im Südwestfunk, Oktober 1961.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 85-90.

Hier der Text als pdf.

Gerhard von Rad – Die Erzählung von den Leiden Hiobs

13. Februar 2017
William Blake - Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von 1821)

William Blake – Satan schüttet die Plagen über Hiob aus (Aquarell von 1821)

Von Gerhard von Rad stammt der oft zitierte Spruch „Die legitimste Form theologischen Redens vom Alten Testament ist […] immer noch die Nacherzählung“ (Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, 3. A., München 1961, S. 126). Das Nacherzählen biblischer Geschichten hat von Rad immer wieder selbst praktiziert. So sind eine Reihe seiner Nacherzählungen in dem postum herausgegebenen Band „Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament“ (Neukirchen-Vluyn 1974) veröffentlicht. Hier die Erzählung von den Leiden Hiobs:

Die Erzählung von den Leiden Hiobs

Von Gerhard von Rad

Das Buch Hiob ist eine antike Dichtung von übergroßem Format. Eine antike Dichtung! Muß ich es sagen, daß wir nicht wie an ein modernes Literaturwerk mit ganz be­stimmten Erwartun­gen herantreten dürfen? Wir sollten überhaupt nichts Bestimmtes erwarten, sondern so gut es irgend geht, uns öffnen für seine Besonderheit, seine be­stimmte literarische Art und für seine religiösen Probleme. Die Dichtung besteht, wie jeder sehen kann, aus zwei sehr verschiedenen Teilen: aus der mehr volkstümlichen Rah­menerzählung und den Dialogen. Die erstere ist episch-prosaisch, die Dialoge dagegen gehen im höchsten poeti­schen Stil einher.

Wir haben es heute nur mit der episch-prosaischen Erzäh­lung zu tun (Hi. 1-2; 42, 7 f.). Ihr zufolge war Hiob — wir würden heute sagen — ein unermeßlich reicher Scheich, der am Ost­rand des palästinischen Kulturlandes lebte. Aber er war nicht nur ein reicher, sondern auch ein guter und frommer Mann, der mit seiner großen Kinderschar ein Leben führte, das tief in frommer, patriarchalischer Sitte verwurzelt war. So hört also der Leser am Anfang das, was er zu allen Zeiten mit Befriedigung zur Kenntnis nimmt: den Einklang von Wohlverhalten und Wohlerge­hen. Aber der Leser weiß auch, daß gerade an diesem Punkt das große Problem aufbrechen wird. Der erste Abschnitt der Erzählung hatte nur von Zuständen gesprochen: So und so verhielt es sich mit Hiob. Man kann also diese ersten fünf Verse ohne weiteres als Exposition bezeichnen. Die eigentliche Handlung beginnt erst jetzt, und zwar führt [80] uns die erste Szene — wir fühlen uns unwillkürlich an die Szenenfolge eines Bühnenstückes erin­nert — hinauf in den Himmel.

Da herrscht nun freilich keine süßliche Atmosphäre. Es ist gerade Audienztag, da sich die himmlischen Engelwesen vor dem Himmelskönig einzustellen haben, da sie berich­ten und Befehle empfangen. Und da war auch der Verkläger erschienen. Aber nun müssen wir recht genau hinhören und uns vor allem hüten, die Figur, die uns der Dichter zeigt, mit der populä­ren Teufelsvorstellung zu verstellen. Der Verkläger gehörte zu den himmlischen Wesen; ja Gott nimmt ein besonderes Interesse an ihm: Er fragt ihn, bevor er selbst zur Berichterstattung gekommen ist. Auf die Fra­ge, wo er denn herkäme, antwortet der Verkläger — man muß doch sagen: etwas patzig — »vom Umherstreifen auf der Erde«. Immerhin das entnehmen wir der Antwort, daß das seine Aufgabe war, die Erde mit offenen Augen zu durchstreifen, um darauf zu achten, ob in dem weiten Reich des himmlischen Königs irgendwo etwas Unrechtes ge­schah. Das hatte er dann zu melden. Aber Gott, der Herr, hat sich von der etwas nichtssagen­den und offenbar ausweichenden Antwort des Verklägers nicht abweisen lassen; er fragt nun direkt nach Hiob, dem ganz Rechtli­chen und untadelig Frommen, an dem doch auch das scharfe Auge des Verklägers nichts Böses finden könne. Das war nun freilich eine deutliche Herausforderung des Verklä­gers, der nun mit einem Schlag aus seiner Reserve heraus­tritt: »Dient Hiob Gott wirklich umsonst?« Wie ein Stein fällt diese Frage in die Szene. Der Ver­kläger bestreitet Hiobs Frömmigkeit durchaus nicht; er setzt an einem viel interessanteren Punkt ein, denn er stellt die Frage nach den Motiven. Wenn es einem so gut geht, wenn Gott einen allenthalben so segnet, dann ist es leicht, fromm zu sein.

Hinter dieser Argumentation steht also die Frage, ob es das überhaupt gibt, eine Frömmigkeit »sonder Lohne«. Ist der Mensch nicht allenthalben, also auch in seiner Fröm­migkeit, ein Egoist? Wir fragen nebenbei: War diese Ge­genfrage des Verklägers etwas Unrechtes, etwa gar Teufli-[81]sches? Nein, sie war eine echte, ernste Frage, und letztlich wahrt der Verkläger mit diesem Einwand ein Interesse Gottes. Gott gibt ihm auch sofort freie Hand, das zu unter­suchen. Gott hat also ein Interesse daran, daß das klarge­stellt wird; er hat sich ja vor den Ohren aller Himmlischen für Hiob und die Echtheit seiner Frömmigkeit verbürgt. Der Verklä­ger verläßt die Szene.

Die nächste Szene führt uns auf die Erde. Diese Technik des Erzählers, sozusagen mit zwei Bühnen zu arbeiten, einer himmlischen und einer irdischen, macht das ganze Geschehen für den Leser sehr hintergründig. Er ist nun Mitwisser der himmlischen Vorgeschichte der Prü­fung Hiobs, während Hiob natürlich keine Ahnung von alle­dem hat. Schrecklich fahren die Unglücksschläge auf ihn nieder, kaum hat der eine Unglücksbote ausgeredet, da erscheint schon der nächste: Die Rinderherden, die Schaf­herden, die Kamelherden, und schließlich kommen Hiobs Kinder in einem der gefürchteten Wirbelstürme um. »Da stand Hiob auf, zerriß sein Kleid, fiel auf die Erde und betete an: Nackt bin ich von meiner Mutter Leib gekom­men, nackt werde ich wieder dahin fahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«

Sicher wäre es ganz falsch, Hiob für einen unberührbaren Stoiker zu halten, sozusagen für einen Akrobaten der Selbstbeherrschung, der sich auf eine fast übermenschliche Weise zusammennehmen konnte. Nein, Hiob ist ganz Mensch; das Entsetzen treibt ihn hoch; er ist zutiefst ver­wundet und gibt das durch das landesübliche Trauerzeremoniell deutlich zu erkennen. Aber in und trotz seinem großen Leid, das ihn tief niederbeugt, bleibt er in seiner Frömmigkeit doch geborgen. Was er da sagt: der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genom­men, das ist wohl nichts besonders Tiefsinniges, eher schon etwas ganz Ein­faches, Wahres, dessen Logik einfach zwingend ist. Hat Gott gegeben, so kann er auch nehmen. Darunter beugt sich Hiob.

Denken wir aber zurück an die vorausgegangene Szene im [82] Himmel, so ist klar, daß alle Himmlischen, die dem Ge­spräch Gottes mit dem Verkläger zugehört haben, mit Spannung auf Hiob herabgesehen und auf seine Reaktion gewartet haben. Hiob hat an Gott festgehalten; er hat kei­neswegs, wie es der Verkläger erwartet hatte, Gott und dem Glauben den Laufpaß gegeben. Wir warten deshalb mit Spannung darauf, wie sich das zweite Gespräch Gottes mit dem Verkläger entwickeln wird, denn — so denkt der Leser — was bleibt dem Verkläger anderes, als sich als geschlagen zu bekennen? Überraschenderweise ist er es aber keineswegs. Als Gott ihm mit einem deutlichen Unterton des Vorwurfs vorhält, daß Hiob nach wie vor an seiner Frömmigkeit festhalte, da gibt der Verkläger zur Ant­wort: »Haut um Haut; was ein Mensch hat, das gibt er für sein Leben.« Das ist nun wieder ein in seiner Art gewalti­ges Wort. Der Mensch, wie ihn der Verkläger zu kennen meint, ist ein kalter Egoist; letztlich geht ihm sein eigenes Leben über alles, und für das wirft er alles über Bord. Die erste Probe und ihr Resultat besagt also noch nichts. Geht es dem Menschen aber ans eigene Leben, dann ist er zu allem fähig, dann erst kommt sein eigentlicher Zynismus ans Tageslicht.

Eine schreckliche Behauptung; aber es verhält sich wie in der ersten Szene: Gott erkennt das Recht dieser Argumen­tation an. Der Verkläger soll eine weitere Prüfung veran­stalten. Daraufhin wird Hiob mit schrecklichem Geschwür geschlagen. Er muß den Kreis der Gesun­den verlassen. Wortlos nimmt er das Los der rituell unrein Gewordenen auf sich und legt sich in den Kehrichthaufen draußen vor der Siedlung, und hier bekommt er den Besuch seiner Frau. Als sie Hiob in seinem grenzenlosen Elend leiden sah, gibt sie ihm den bündigen Rat: »Fluche Gott und stirb!« Das soll nun schwerlich als ein Abgrund menschlicher Fühllo­sigkeit verstanden werden. Die Frau ist nur, wie die Men­schen eben sind. Solange sie von Gott etwas zu haben glau­ben, halten sie es mit ihm, aber nur so lange. So kommt es also genau so, wie es der Verkläger vorhergesagt hatte — bei der Vertreterin des Durchschnitts, aber nicht bei Hiob! [83]

Er fährt bei dieser Zumutung auf: »Du redest, wie die närrischen Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht annehmen!« Wieder gilt, was wir schon vorhin sagten: Das soll kein Fortissimo­effekt der Selbstbeherrschung sein, sondern nur etwas ganz Einfaches und Selbsteinleuchtendes. In seiner Gottangehö­rigkeit ist Hiob so geborgen, daß er die Zumutung der Frau im Grunde gar nicht versteht. Man kann doch Gott nicht nur als den Geber des Guten bejahen, aber sich dann wei­gern, ein Leid aus seiner Hand zu nehmen. Damit ist der Verkläger nun geschlagen. Es kommt natürlich zu keinem weiteren Gespräch Gottes mit ihm; der Fall ist zu klar. In der alten Prosadichtung muß dann schnell die Wieder­her­stellung des Wohlstandes und der Gesundheit Hiobs er­zählt worden sein, was wir jetzt im 42. Kapitel des Buches lesen. »Und dann starb Hiob alt und lebenssatt.«

Die Prosaerzählung von Hiob trägt alle Merkmale einer Lehrerzählung an sich. Es geht ihr zunächst einfach um die Frage, ob es eine echte, eine ganze und selbstlose Frömmig­keit gibt. Aber da Gott, der Herr, diese Frage dem Verklä­ger gegenüber schon im voraus positiv ent­schieden hat, geht es des weiteren darum zu zeigen, wie ein Mensch — wie es Herder einmal schön ausgedrückt hat — das Ehren­wort Gottes, mit dem sich Gott für ihn verbürgt hat, ge­rechtfertigt hat. Der Verkläger ist in dem ganzen Gesche­hen im Grunde eine nebensächliche Figur; er ist kein teuf­lischer Widersacher Gottes, vielmehr eine Art himmlischer Staatsanwalt, mit dem Gott sich unterhält und dessen Argumentation er ernst nimmt. Sonst hat er keine Befug­nis. Bezeichnenderweise sagt Hiob nicht: »Der Herr hat’s gegeben, der Satan hat’s genommen.« Hiob hat es aus­schließlich mit Gott zu tun. Aber das, was Hiob sagt, das ist entscheidend, denn — wieder hat Herder es prächtig formuliert —: Dieser Hiob leidet als der Ruhm und Stolz Gottes. Dieser auf den Kehricht geworfene Mensch, der, wie wir schon sag­ten, keine Ahnung hatte von der himm­lischen Vorgeschichte seiner Leiden und von dem, was in Wahrheit von seinem Wort abhing, ist der beste Zeuge für [84] Gott gewesen, dadurch nämlich, daß er zu einem Interesse Gottes Stellung nahm, einfach dadurch, daß er Gott recht gab.

In die alte Prosaerzählung sind später — darüber ist man sich in der Wissenschaft einig — breitausladende Dialoge Hiobs mit seinen Freunden eingearbeitet worden. Da sie ihr eigenes Gewicht und ihre eigene theologische Thematik haben, wollen wir sie in einer späteren Sen­dung besonders behandeln.

Evangelische Ansprache im Südwestfunk, Oktober 1961.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 79-84.

Hier der Text als pdf.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest“ – Prediger 7,15-18 als Predigtperikope

10. Februar 2017
Pieter Claesz (1597-1660) - Vanitas

Pieter Claesz (1597-1660) – Vanitas

In der Neuordnung der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte der EKD ist für den Sonntag Septuagesimae nunmehr in der sechsten Predigtreihe ein wirklich ungewöhnlicher Text aus dem Prediger (bzw. Kohelet) vorgesehen: „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ (7,15-18). Wer mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Perikopenrevision vertraut ist, weiß, wie der Text aus Erlangen nach Hannover gekommen ist. Friedrich Mildenberger hatte als Professor für Systematische Theologie in Erlangen wiederholt Bezug auf diesen Text genommen, so auch in Band 3 seiner Biblischen Dogmatik (Seite 341f). Hier seine Auslegung der Perikope bei einer gemeindlichen Bibelwoche 1986/87:

Wer es erzwingen will, dem missrät’s (Prediger 7,15-18)

Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Davon war schon die Rede: Recht und Unrecht und Leben und Tod, die lassen sich nicht zusammenbringen. Das gehört zu den schwersten Rätseln, mit denen sich der Prediger herumschlägt – und gewiss nicht nur er. Dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, das muss doch auch heißen: Wer Gutes tut, dem gelingt es im Leben, und wer Böses tut, dem läuft es übel hinaus. So denken wir. Aber was die Erfahrung lehrt, das passt nicht dazu. Es will sich nicht zusammenreimen mit dem, was wir für gut befinden, und haben doch recht damit: Es ist nicht gut, dass dann doch der Gerechte zugrunde geht, und der Gottlose in seiner Bosheit freut sich eines langen und guten Lebens. Wenn Gott gerecht ist, dann darf das nicht sein!

Und was so eine Beobachtung und Frage ist, die wir auch sehr allgemein und bloß in Gedanken erörtern können, das kann einen Menschen dann auch ganz anders auf den Leib rücken. Da hat einer ein rechtes Leben geführt, und hat auch Gott gewiss nicht vergessen. Und dann bricht es über ihn herein: Unglück im Betrieb, oder Krankheit, oder der Tod eines nahen Angehörigen, gar alles dies miteinander: Warum das? Warum muss es gerade mich treffen? Womit habe gerade ich dies alles verdient? Wer kennt diese Frage nicht!

Auch der Prediger kennt diese Frage. Wir wissen, er hat sie hin und her bewegt und nach allen Richtungen gedreht und gewendet, und ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen: Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nicht finden. Gott ist im Himmel und du auf Erden – mehr lässt sich dazu nicht sagen. Und wohl dem, der dabei dann auch bleiben kann: Gott ist im Himmel! Und wirft also sein Gottvertrauen nicht weg, sondern hält es fest, auch wenn er nicht dahinter kommen kann, warum es nun gerade so gut sein soll, wie es gekommen ist. Mehr lässt sich dazu nicht sagen, auch wenn wir gerne gerade hier mehr wissen wollten und uns schwer tun, uns damit zu bescheiden.

Doch eine Folgerung zieht unser Text nun doch aus der Erfahrung, die sich so schlecht mit dem zusammenreimt, was wir für gut und richtig halten: Nicht allzu fromm soll einer sein, und nicht allzu gottlos. Das mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen. Wie kommt der Prediger dazu, gerade diese beiden zusammenzunehmen, den, der es fast schon übertreibt mit seiner Gerechtigkeit und Weisheit, und den anderen, der bloß seine Gottlosigkeit und also Torheit kennt? Sind sie nicht himmelweit voneinander weg?

Sicher sind sie himmelweit voneinander, wenn wir auf das sehen, was jeder über sich selber denkt, der besonders Fromme wie der Gottlose. Aber in einem gehören sie doch ganz nah zusammen: Sie wollen es beide erzwingen, das bessere Leben, das Glück. Dem einen muss es ohne Gott gelingen, und der andere will es gerade mit Gott schaffen. Darin unterscheiden sie sich schon. Aber darin gehören sie zusammen, dass sie es nicht nehmen wollen, wie es kommt. Natürlich kann der Gottlose nicht auf Gott vertrauen, an den er doch nicht glaubt, sondern hält sich an die Meinung: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was herauskommt sieht man! Aber auch der besonders Fromme hat seine Meinung: Übergib dein Leben Jesus, dann wird es dir gelingen, dann wirst du glücklich werden!

Vorsicht! Damit kann sich einer zugrunde richten. So weiß das unser weiser Mann; und der kennt das Leben. Er weiß, dass es da nicht immer so läuft, wie wir das haben wollen. Es glückt nicht immer. Gefährlich sind sie, die Geschichten, die jeder schon einmal gehört hat: Wie Gott, oder wie Jesus seinen Frommen hilft. Im Spätherbst 1945, als es noch gar nichts gegeben hat, habe ich einmal einen Evangelisten gehört: Eigentlich habe er gar nicht zur rechten Zeit da sein können, erzählte er uns. Unterwegs sei ihnen das Benzin ausgegangen. Da habe er sich mit seinem Begleiter an den Straßenrand hingekniet, und sie hätten Jesus um Hilfe gebeten. Noch nicht „Amen“ hätten sie gesagt, da habe ein amerikanischer Jeep gehalten, und der GI habe ihnen aus seinem Reservekanister den Tank gefüllt.

So etwas kann es sicher auch einmal geben, und das imponiert gerade jungen Menschen. Sie wollen es auch erleben, dieses Gelingen, dieses Glück derer, die zu Jesus gehören. Aber dann kommt es anders: Eine Prüfung, ein Examen gelingt nicht. Eine Beziehung zerbricht. Die Gemütskrankheit, die Schwermut oder Depression hört nicht auf, trotz der Entscheidung für Jesus, trotz der Gebete. Es lässt sich nicht erzwingen, was einer gerne hätte, das bessere, das gute Leben. Wie leicht kann es da dann passieren, dass einer sein Vertrauen ganz wegwirft, und im Handumdrehen ist aus dem besonders Frommen ein besonders Gottloser geworden. So kann es leicht kommen. Und das ist gewiss nicht gut. Darum also diese Mahnung, die nur auf den ersten Blick seltsam zu sein scheint.

Der Dichter Eduard Mörike hat das einmal so gesagt, und ist damit nahe bei der Weisheit des Predigers:

Herr, schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Der Prediger Salomo, Erlangen 1988, 91-96.

Hier die Auslegung als pdf.

Kleider machen Leute – Vom Christusgewand

8. Februar 2017
Leonardo da Vinci - Gewandstudie für eine knieende Figur

Leonardo da Vinci – Gewandstudie für eine knieende Figur

An Fasching ist es offensichtlich: Kleider machen Leute. Wer verkleidet oder gar maskiert auftritt, ist jemand anderes. In unserer Kleidung steckt mehr als nur Leibesbedeckung oder Wärmeschutz. Mit meiner Bekleidung zeige ich vielmehr an, welches Ansehen ich habe oder aber wie ich von meinen Mitmenschen gesehen werden will. Mitunter gibt es den besorgten Spiegelblick: Wie stehe ich vor Arbeitskolleginnen, dem Chef, den Kunden, den Freundinnen oder dem Ehepartner dar? Mancher Blick scheint trotz unserer Kleidung uns bloßzustellen.

Für Christen gilt es eine besondere Lebenszusage: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Galater 3,27) Christus ist uns als „Taufkleid“ auf den Leib geschnitten. Eine seltsame Vorstellung, und doch lebenstiefe Wahrheit: Sein Leben legt sich um unser Leben – ein unsichtbares Gnadengewand auf unserer Haut, das uns nicht bloßstellt. Mit dieser Kleidung muss ich mich vor niemandem schämen.

Tag für Tag heißt es, dieses Kleid bewusst anzuziehen, um als Christ unseren Mitmenschen gegenüberzutreten. Das Christusgewand prägt uns so wohl innerlich wie auch äußerlich. Dazu schreibt der Apostel Paulus: „Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun die entsprechende »Kleidung« an: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.“ (Kolosser 3,12) Kein nacktes „ich“ mit all seinen Stimmungen und Launen, sondern herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld hüllen mich ein und wirken zugleich auf Menschen um mich herum.

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

Wilhelm Vischer – Die Kirche und die Juden (Urfassung für das Betheler Bekenntnis von 1933)

28. Januar 2017
Wilhelm Eduard Vischer (1895-1988)

Wilhelm Eduard Vischer (1895-1988)

Ein theologische interessantes Dokument zum Verhältnis von Kirche und Judentum sind Wilhelm Vischers zehn Thesen, die dieser im Sommer 1933 als Kapitelvorlage „Die Kirche und die Juden“ für das sogenannte „Betheler Bekenntnis“ verfasst hatte. Sie wurden von Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse für die vom 15. August bis Anfang Sep­tember 1933 auf dem Lindenhof in Bethel tagende Textkommission redigiert, bevor dann eine – wohl im Sinne Friedrich von Bodelschwinghs d. J. – korrigierte Endfassung im November 1933 von Martin Niemöller veröffentlicht wurde. Diese Endfassung fand jedoch nicht länger die Zustimmung von Vischer. Dazu hat Hans Prolingheuer dargestellt, wie Vischers zehn Thesen redaktionell sukzessive „entschärft“ worden sind.

  1. Wir glauben und bekennen, daß Gott unter allen Völkern der Erde Israel auserwählt hat zu seinem Volke, allein in der Kraft seines Wortes und um seiner Barmherzigkeit willen, keines­wegs auf grund eines natürlichen Vorzugs (2.Mose 19,5; 5. Mose 7,7-11).
  2. Der Hoherat und das Volk der Juden haben den durch das Gesetz und die Propheten ver­heißenen Christus Jesus verworfen nach der Schrift. Sie wollten einen nationalen Messias, der sie politisch befreien und ihnen die Weltherrschaft bringen sollte. Das war und tat der Chri­stus Jesus nicht. Er starb durch sie und für sie.
  3. Durch die Kreuzigung und Auferweckung des Christus Jesus ist der Zaun zwischen den Juden und den Heiden abgebrochen (Epheser 2). An die Stelle des alttestamentlichen Bundes­volkes tritt nicht eine andere Nation, sondern die christliche Kirche aus und in allen Völkern.
    Wir verwerfen jeden Versuch, in irgendeinem Sinne die Sendung des deutschen oder eines an­deren Volkes mit dem heilsgeschichtlichen Auftrag Israels zu vergleichen oder zu verwech­seln.
  4. Es kann nie und nimmer Auftrag eines Volkes oder einer Regierung sein, „an den Juden den Mord von Golgatha zu rächen“, „Mein ist die Rache, spricht der Herr“ (5. Mose 32,25; Heb. 10,30).
  5. Gott preist seine Treue dadurch überschwenglich, daß er Israel nach dem Fleisch, aus wel­chem Christus nach dem Fleisch hergekommen ist, trotz aller Untreue auch nach der Kreuzi­gung des Christus noch die Treue hält. Er will die Erlösung der Welt, die er mit dem Heraus­rufen Israels angefangen hat, mit den Juden auch vollenden (Röm. 9-11). Darum bewahrt er von Israel nach dem Fleisch einen heiligen Rest, der weder durch Emanzipation noch durch Assimilation in einer anderen Nation aufgehen, noch durch zionistische Bestrebungen eine Nation unter den Nationen werden, noch durch pharaonische Maßnahmen ausgerottet werden kann. Dieser heilige Rest trägt den character indelebilis des auserwählten Volkes, der nicht zu verwechseln ist mit ‚dem gelben Fleck auf schwarzem Grund‘, durch den die Völkischen die Juden brandmarken wollen.[1]
    Wir verwerfen jeden Versuch, das Wunder dieser besonderen Treue Gottes gegenüber Israel nach dem Fleisch als einen Beweis für die religiöse Bedeutung des jüdischen oder eines ande­ren Volkstums zu mißbrauchen.
  1. Die Kirche hat von ihrem Herrn den Auftrag empfangen, die Juden zur Umkehr zu rufen und die Glaubenden auf den Namen Jesu Christi zu taufen zur Vergebung der Sünden (Matth. 10,5ff.; Ap. Gesch. 2,38ff., 3,12-26). Eine Judenmission, die aus kulturellen Erwägungen oder unter politischem Drucke sich weigert, überhaupt noch Judentaufen zu vollziehen, verweigert ihrem Herrn den Gehorsam.
  2. Der gekreuzigte Christus ist den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit (1. Kor. 1,22ff.). Er entspricht dem religiösen Ideal der jüdischen Seele ebensowenig wie dem religiö-sen Ideal der deutschen Seele. Auch einem Juden kann nicht Fleisch und Blut den Glauben an ihn geben, sondern allein der Vater im Himmel durch seinen Geist (Matth. 16,17). Die Be­hauptung, der Glaube des Judenchristen sei im Unterschied von dem des Heidenchristen blut­gebunden, verwerfen wir als judaistische Schwärmerei.
  3. Die Gemeinschaft der zur Kirche Gehörigen wird nicht durch das Blut und also auch nicht durch die Rasse, sondern durch den heiligen Geist und die Taufe bestimmt. Wenn die deut­sche evangelische Kirche die Judenchristen ausschließen oder als Christen zweiter Klasse behandeln würde, würde sie aufgehört haben, christliche Kirche zu sein (Barth).[2]
  4. Wir lehnen die Bildung judenchristlicher Gemeinden ab. Denn die falsche Voraussetzung dafür ist, entweder daß die ‚deutsche Reichskirche die Kirche der Christen arischer Rasse‘ sei; oder daß das Besondere der Judenchristen auf der gleichen Ebene liege wie z.B. die geschicht­lich bedingte Besonderheit der französischen Refugiantengemeinden in Deutschland; oder daß die Christen aus dem Judentum ein ihrer Art gemäßes Christentum entwickeln müßten. Das Besondere des Judenchristen ist nicht in seiner Rasse oder Art oder Geschichte begründet, sondern allein in der Treue Gottes gegenüber Israel nach dem Fleisch (auf die in These 5 hin­ge­wiesen ist). Dadurch, daß der Judenchrist gerade nicht in irgendeiner gesetzlichen Weise besonders gestellt wird in der Kirche, ist er in ihr ein lebendiges Denkmal der Treue Gottes und ein Zeichen dafür, daß der Zaun zwischen Juden und Heiden niedergelegt ist, und der Christusglaube nicht in der Richtung auf eine Nationalreligion verfälscht werden darf. Die aus dem deutschen Volkstum stammenden Christen müssen eher sich selbst der Verfolgung aus­setzen, als die durch Wort und Sakrament gestiftete Bruderschaft mit dem Judenchristen frei­willig oder gezwungen auch nur in einer einzigen Beziehung preisgeben. Die Judenchri­sten müssen zu allen Ämtern der Kirche den gleichen Zutritt haben wie die anderen. Wenn das Studentenrecht oder irgendein der Kirche fremdes Recht den Judenchristen das theologi­sche Studium unmöglich macht, dann muß die Kirche dagegen protestieren und den Juden­christen einen anderen Weg zum Pfarramt auftun.
  5. „Gott, der die Welt gemacht hat, hat von Einem Blut alle Völker abstammen und sie auf dem ganzen Erdboden wohnen lassen und hat zum voraus die Zeiten und die Grenzen ihres Wohnens bestimmt, damit sie den Herrn suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten. Jetzt aber stellt er durch die Botschaft des Evangeliums jedes Volk und jeden Ein­zelnen in das Gericht vor den Einen Mann, durch den er beschlossen hat, den ganzen Erdkreis zu richten“ (Ap. Gesch.17). Dem deutschen Volke das Evangelium von Jesus Christus zu ver­kündigen, zum Gericht und zur Rettung durch den Einen Mann, ist die Aufgabe der evangeli­schen Kirche in Deutschland: nicht aber ein artgemäßes deutsches Christentum auszubilden.

Wilhelm Vischers „Urfassung“ befindet sich im Karl-Barth-Archiv Basel. Der Wortlaut wird zitiert nach Ernst Busch, „Die Kirche und die Juden“ – Der Beitrag Wilhelm Vischers zum „sogenannten Betheler Bekenntnis“, in: M.L. Frettlöh/H.P. Lichtenberger (Hg.), Gott wahr nehmen. Festschrift für Christian Link zum 65. Geburtstag, Neukirchen-Vluyn 2003, 41-52.

[1] Vischer nimmt bezüglich dem „heiligen Rest“ Israels bzw. dem „Wunder der Treue Gottes gegenüber Israel“ Formulierungen aus dem 17. Leitsatz der „72 Leitsätze zur judenchristlichen Frage“ von Hans Ehrenberg auf.

[2] These 8 stammt als wörtliches Zitat aus: Karl Barth, Theologische Existenz heute!, München: Chr. Kaiser 1933, S. 24ff.

Hier der Text als pdf.

„Weiden ist nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden“ – Martin Luther über das kirchliche Hirtenamt

27. Januar 2017

Was James Rebanks in seinem Buch „The Shepard’s Life“ als Grundregeln seines Schäferberufs benannt hat, lässt sich auch auf das pastorale bzw. bischöfliche Hirtenamt in der Kirche übertragen: „My job is simple: get around the fields and feed and shepherd the different flocks of ewes—dealing with any issues that arise. First rule of shepherding: it’s not about you, it’s about the sheep and the land. Second rule: you can’t win sometimes. Third rule: shut up, and go and do the work.“ Passend dazu hat Martin Luther in seinen Predigtauslegungen zum ersten Petrusbrief von 1523 bezüglich 1.Petrus 5,2 „Weidet die Herde Christi, die euch befohlen ist“ ausgeführt:

„Christus ist der Erzhirte, und er hat unter sich viele Hirten und auch viele Schafe, die hat er seinen Hirten hin und her ausgetan, wie St. Petrus hier schreibt, in vielen Ländern. Was sollen dieselben Hirten tun? Sie sollen die Herde Christi weiden. Das hat der Papst auf sich bezogen und will damit bewähren, daß er Oberherr sei und mit den Schafen umgehen möge, wie er will. Man weiß wohl, was „weiden“ heißt, nämlich daß die Hirten den Schafen Weide geben und Futter vorlegen, auf daß sie fruchtbar werden, dazu daß sie darauf sehen, daß nicht die Wölfe kommen und die Schafe zerreißen. Es heißt nicht „schlachten und würgen“.

Nun sagt St. Petrus nachdrücklich „die Herde Christi“, als sollte er sagen: Denkt nicht, daß die Herde euer ist, ihr seid nur Knechte. … Die Bischöfe sind Knechte Christi, daß sie seine Schafe hüten und ihnen Weide geben. Darum ist „weiden“ nichts anders als das Evangelium predigen, davon die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden, daß sich die Schafe nähren im Evangelium und Gottes Wort. Das ist allein eines Bischofs Amt. …

Ein Prediger muß nicht allein weiden, so, daß er die Schafe unterweist, wie sie rechte Christen sein sollen, sondern auch daneben den Wölfen wehren, daß sie die Schafe nicht angreifen und mit falscher Lehre verfüh­ren und Irrtum einführen, wie denn der Teufel nicht ruht. Nun findet man jetzt viele Leute, die wohl leiden mögen, daß man das Evangelium predige, wenn man nur nicht wider die Wölfe schreit und wider die Prälaten pre-[235]digt. Aber wenn ich schon recht predige und die Schafe wohl weide und lehre, so ist’s dennoch noch nicht genug der Schafe gehütet und sie be­wahrt, daß nicht die Wölfe kommen und sie wieder davon führen. Denn wie ist das ein Bauen, wenn ich Steine auftürme und sehe einem anderen zu, der sie wieder einwirft? Der Wolf kann wohl leiden, daß die Schafe gute Weide haben, er hat sie desto lieber, daß sie feist sind. Aber das kann er nicht leiden, daß die Hunde feindlich bellen. Darum ist es ein großes Ding, wer es zu Herzen nimmt, daß einer recht weide, wie es Gott befoh­len hat. …

Und hier rührt St. Petrus zweierlei Stücke an, die da wohl jemanden möchten abschrecken, dem Volk vorzustehen. Aufs erste findet man et­liche, die da fromm sind und lassen sich auch ungern dazu zwingen, daß sie Prediger sind, denn es ist ein mühsames Amt, daß man überall zusehe, wie die Schafe leben, daß man ihnen helfe und sie aufrichte, da muß man Tag und Nacht aufsehen und wehren, daß nicht die Wölfe einreißen, dazu muß man auch Leib und Leben einsetzen. Darum spricht er: „Ihr sollt’s nicht genötigt tun“. Wahr ist’s, es soll sich niemand selbst unberufen zu dem Amt dringen, aber wenn er berufen und gefordert wird, soll er willig hinangehen und tun, was sein Amt fordert. Denn die es genötigt tun müs­sen und nicht Lust und Liebe dazu haben, die werden’s nicht wohl ausrichten.

Die andern sind noch ärger als diese, die dem Volk vorstehen und darin ihren Gewinn suchen, daß sie ihren Wanst weiden. Diese suchen die Wolle und die Milch von den Schafen, fragen nichts nach der Weide. … Denn wenn der, der da weiden soll, so auf das Gut gerichtet und gewinnsüchtig ist, würde er bald selbst ein Wolf werden. …“

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 5, hrsg. v. Hartmut Günther und Ernst Volk, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983, 234f (WA 12,388-390).

Gott legt uns keine Last auf – Zur Fehlübersetzung von Psalm 68,20 in der neuen Luther-Bibel 2017

24. Januar 2017
Henry Holiday - Illustration zu Lewis Carrolls The Hunting of the Snark (1876)

Henry Holiday – Illustration zu Lewis Carroll, The Hunting of the Snark (1876)

In der neuen Luther-Bibel 2017 wird nunmehr Lukas 2,14 textkritisch korrekt übersetzt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Luther hatte ja übersetzt: „Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen“, was alle vormaligen Revisionen überstanden hatte.

Wenn man bei dem vertrautesten Text der Lutherbibel solch eine signifikante Korrektur übernimmt, bleibt es unverständlich, warum in Psalm 68,20 Luthers Fehlübersetzung immer noch wiedergegeben wird: „Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. (GElobet sey der HERR teglich / Gott legt vns eine Last auff / Aber er hilfft vns auch)“ Richtig übersetzt die Zürcher Bibel: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag, der uns trägt, der Gott, der unsere Hilfe ist.“ Ebenso die revidierte Einheitsübersetzung 2017: „Gepriesen sei der Herr, Tag für Tag! Gott trägt uns, er ist unsere Rettung.“

Da ist ja ein wesentlicher Unterschied, ob der Gott einem eine Last auferlegt oder aber einen selbst gnadenreich trägt. Dass Luther falsch übersetzt hat, wissen alle. Und dass seine „belastende“ Fehlübersetzung in den Duktus eines Siegesliedes auf Gottes Herrschaft nicht passen kann, ist offensichtlich. Und doch hat man bei der aktuellen Revision an der Fehlübersetzung festgehalten und als Fußnote hinzugefügt: „Wörtlich: »der unsere Last trägt, der uns hilft«.“ (womit ja die Fehlübersetzung eingestanden wird).

Offensichtlich wollte man sich in der neuen Luther-Bibel eine sprichwörtliche Kernstelle frommer Gottergebenheit bewahren. Aber genau damit wird der eigene Übersetzungsanspruch zur semantischen Manipulation, womit die Autorität der Heiligen Schrift bewusst preisgegeben wird. „Das Wort sie sollen lassen stahn“ gilt als Kriterium auch für eine Bibelübersetzung in der Gefolgschaft Martin Luthers.