Archive for the ‘Sterbehilfe und Ars Moriendi’ Category

„Double Helix Crossed Crucifix“ (Wim Delvoye) und Jesu Lebensworte

29. Juni 2017

Double Helix Crossed Crucifix (© Wim Delvoye)

In der Bronzeskulptur „Double Helix Crossed Crucifix„, die der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye 2008/2009 in verschiedenen Ausführungen geschaffen hatte, windet sich Christus am Kreuz mehrfach in Form in einer schraubenförmige Doppelhelix. Offensichtlich wird dabei die DNA zitiert, die die gesamte Erbinformation lebender Zellen und Organismen enthält. Diese steuert in jeder einzelnen Zelle eines Lebewesens die biologischen Vorgänge wie zum Beispiel den Stoffwechsel und die Zellteilung.

Das wäre eine theologische Herausforderung, die Lebensworte aus Evangelium nach Johannes wie „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Joh 1,4) als „gekreuztes“ Heilsgeschehen mit einer genetischen Lebensbestimmung im Symbol der Doppelhelix zu kontrastieren.

„Die Sterbenden werden bald in andere Menschen verwandelt und sterben stark im Herrn“ – Martin Luther in einem Brief an Nikolaus von Amsdorf

29. April 2017

Die Pest (Holzschnitt aus der Frühen Neuzeit)

Nachdem Martin Luther erfahren hatte, dass in Magdeburg die Pest ausgebrochen war, schrieb er Ende November 1538 an seinen dortigen Freund Nikolaus von Amsdorf folgenden seelsorgerlichen Brief in Sachen Todesangst und Lebenshoffnung:

Dem mit Frömmigkeit und Bildung ausgezeichneten Herrn Nikolaus von Amsdorf, dem wahren und getreuen Bischof der Kirche zu Magdeburg, seinem in einem größeren Herrn ehrfurchtsvoll zu Liebenden.

Gnade und Friede in Christus!

Auch ich gewiß, mein lieber Amsdorf, habe mich höchst verwundert gefragt, was wohl Dir oder Euren Leuten zugestoßen sei, daß Ihr nichts an uns schriebt. Auch ich vermochte nicht, nachdem ich die Kunde erhalten hatte, daß die Pest bei Euch wüte, Boten zu bekommen, durch die ich hätte schreiben können. Einmal habe ich einen Brief von Dir erhalten samt dem Pamphlet gegen Anton Schönitz »vom [Magdeburger] Statthalter«. Damals hatte ich jedoch von der Pest keine Kenntnis.

Was Du schreibst, daß die Menschen sich so ängstigen zu dieser Pestzeit, das habe auch ich bei unserer letzten Pestzeit vor wenigen Jahren erfahren. Und ich wundere mich, je reicher die Verkündigung des Lebens, das in Christus ist, ergeht, desto größer ist im Volk die Todes­angst: ob nun deshalb, weil man vorher, noch unter dem Papsttum, infolge falscher Lebens­hoffnung den Tod weniger fürchtete, jetzt aber beim Bekanntwerden der wahren Lebenshoff­nung spürt, wie unfähig die Natur dazu ist, dem Sieger über den Tod zu glauben; oder ob des­halb, weil Gott uns in unserer Schwachheit auf die Probe stellt und zuläßt, daß der Satan in einer Sache, die doch gewiß ist, mehr wagt und vermag.

Denn solange wir im Papstglauben lebten, waren wir wie Trunkene, Schläfrige oder gar Rasende, indem wir auch den wirklichen Tod für Leben hielten, ahnungslos also, was Tod und Zorn Gottes sei. Jetzt aber, wo die Wahrheit hell leuchtet und wir den Zorn Gottes deutlicher erkennen, fühlt die Natur, aufgeschreckt aus Schlaf und Wahn, daß ihre Kräfte schlechterdings nichts vermögen zum Ertragen des Todes. So kommt es, daß sich die Leute mehr ängstigen als früher. Wie wir, solange wir unter dem Papsttum waren, die Sünde nicht nur nicht spürten, sondern sie in fahrlässiger Sicherheit für Gerechtigkeit ausgaben. Nun, da die Sicherheit durch die Erkenntnis der Sünde beseitigt ist, geraten wir mehr in Furcht, als es der Fall sein sollte. Dort gingen wir zur rechten Seite hin unbekümmert, wo man furchtsam hätte sein müssen, jetzt gehen wir zur Linken hin furchtsam, wo wir furchtlos sein sollten.

Ich tröste mich nun aber in diesem Fall damit, daß Christus seine Kraft in der Schwachheit sich vollenden lassen will [2Kor 12,9]. Denn während wir unter dem Papsttum stark, gerecht und weise waren, kam Christi Kraft nicht nur nicht zur Vollendung, sondern lag gar erloschen da und wurde nicht zur Kenntnis genommen. Dem füge ich jenes Wort aus Ps 71[,9] hinzu und wende es folgendermaßen an: »Verwirf mich nicht in der Zeit des Alters; wenn meine Kraft schwindet, verlaß mich nicht.« Ich meine nämlich, diese jetzige letzte Zeit sei das hohe Alter Christi und die Zeit der schwindenden Kräfte, und das bedeutet: höchster und äußerster Ansturm des Satans. So wie David, als seine Zeit zur Neige ging, infolge seines Kräfte­schwundes von einem Riesen fast gerötet worden wäre, wäre nicht Abisai zu Hilfe gekommen [2Sam 21,15-17]. Ich hoffe. Du machest dennoch die Erfahrung, daß diejenigen, die sterben, ganz fromm und in Christus entschlafen, wie wir dies auch hier erfuhren. Und eben das ist es, was der Psalmist sagt: »Verlaß mich nicht« [Ps 71,9], und Christus: »In der Schwachheit vollendet sich meine Kraft« [2Kor 12,9]. Die Lebenden freilich ängstigen sich und sind schwach, aber die Sterbenden werden bald in andere Menschen verwandelt und sterben stark im Herrn.

Nun, was für ein Urteilsspruch kann gerechter und besser sein als der, daß die Lebenden sich ängstigen, die Sterbenden aber stark werden in Christus, und das heißt: als solche, die leben werden, fühlen, daß sie sterben werden, und als solche, die sterben werden, [fühlen,] daß sie leben werden. Ich hoffe, wie gesagt, daß nicht viele bei Euch in Unglauben und Verzweiflung sterben, vielmehr alle oder doch die meisten im Bekenntnis zu Christus und mit dem Zeugnis des empfangenen Sakraments sterben, nein: dahingehen, nämlich ins Leben durch den Tod. So nämlich sahen wir es hier geschehen vom Kleinsten bis hin zum Größten. Auch ich habe fürwahr während nahezu eines ganzen Jahres gelernt, mit Paulus das zu singen: »Als die Sterbenden und siehe, wir leben.« [2Kor 6,9] Und wiederum: »So wahr ihr mein Ruhm seid [in Christus Jesus], sterbe ich täglich.« [1Kor 15,31] Ich glaube ganz gewiß nicht, Paulus sei Holz und Stein gewesen, einer, der das Entsetzen und die Macht des Todes nicht spürte. Redet er doch nicht vom Tode anderer, sondern von seinen eigenen Toden, wie er zu den Korinthern sagt: »häufig in Toden [Todesnöten]« [2Kor 11,23]. Für ihn war das nicht ein Betrachten des Todes oder ein Nachdenken über ihn, vielmehr das Erfahren und die Macht des Todes selbst, als gäbe es keine Hoffnung auf Leben. Was ist denn der Tod, wenn man ihn nur spekulativ betrachtet, anderes als Ahnungslosigkeit und Gefühllosigkeit in bezug auf den Tod?

Doch warum war es nötig, Dir das so weitläufig zu schreiben? In der Tat nicht für Dich und nicht über Dich; vielmehr den Deinen und den Unsrigen zugut mache ich in der mir gewohn­ten Weise meine Gedanken darüber. Und weil Du die Klage über die Deinen vorbrachtest, wollte ich diese meine Gedanken dazu Dir nicht verhehlen. Im übrigen bin ich um Dich nicht bloß besorgt, bete vielmehr sehr, daß der Herr Dich uns nicht entreiße. Du siehst ja, von wie schweren Lasten ich niedergedrückt bin, bereits ein Greis und an Kräften erschöpft. Wie viel besser wäre es doch, ich würde Euch entrissen, die Ihr nach mir in diesem Elend der Kirchen zurückbleibt, als daß Ihr fortgenommen werdet und ich zurückgelassen, so allein und als Allerelendster, der ich vor Abnehmen der Kräfte und der Lebenszeit nichts mehr vermag. Ich sehe und gestehe, daß ich dennoch vieles tun muß, was über meine Kräfte geht. Der Herr leite und erhalte Dich lange. Und bitte Du den Herrn für mich, daß er mich samt Euch bewahre bis hin in sein Reich. Amen.

Am Tage Catharinae [25.11.] 1538

Dein M. L.

WAB 8, 327-329, Nr. 3277, Übersetzung Gerhard Ebeling

Hier der Brief als pdf.

In Christus wird der Tod durchschaut – Vom Glauben als Linse

28. April 2017

Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergäng­liches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2Timotheus 1,10)

„Ich werde sterben.“ Da fällt dieser todesschwere Satz. Am Ende des eigenen Lebens hat der Verstorbene ihn sich selbst abgerungen. Wo eigene Lebens­energie mit Krankheitsgeduld zusammenwirken, vermag man dem Tod nicht einfach Glauben schenken. „Ja glaubst du, ich sterbe …“ Im Leben nimmt man so vieles zur Kennt­nis, aber wer kann und will sich in den eigenen Tod hineinbegeben. Wir möchten dem Tod keinen Glauben schenken, obwohl seine Wahrheit schlussendlich auf uns selbst zutrifft.

Zu Lebzeiten den Tod durchschauen – das ist für uns Karfreitags- und Osterbotschaft zugleich. Wer den Tod durchschaut, muss nicht um sein eigenes Leben fürch­ten. Einmal durchschaut vermag der Tod auf unsere eigene Seele keinen Angstschatten zu werfen. Doch dazu bedarf es einer besonderen Linse – nämlich der wörtliche Glaube, der tief blicken lässt.

Am Karfreitag fokussiert diese Linse unseren Blick auf das Kreuz von Golgatha. Dort sind wir in Jesu Tod hineingenommen, werden dabei selbst als Sünder entlarvt. Um unseretwillen ist sein Leben am Kreuz entstellt. Der Gottessohn hat sich für uns hingegeben – tödliche Wahrheit, die uns leben lässt.

Dann der Ostermorgen, der Blick in das leere Grab. Der Leichnam Jesu scheint verschwunden, aber das ist nicht die Wahrheit. Der Tote, dieser eine Tote ist vom Tod auferstanden – wider den Tod. Das Dunkel des Grabes hat sich gelichtet. In Christus wird der Tod auf das ewige Leben beim dreieinigen Gott durchschaut.

Seven Stanzas at Easter – John Updike über die leibliche Auferstehung Christi

17. April 2017

Was John Updike (1932-2009) als junger Harvardabsolvent 1960 beim „Religious Arts Festival“ seiner Lutheran Church in Marblehead, Mass. als Beitrag eingereicht hatte, gewann damals 100 $ für „Best of Show“ und ist immer noch eine antireligionistische Provokation:

Seven Stanzas at Easter

Make no mistake: if He rose at all
it was as His body;
if the cells’ dissolution did not reverse, the molecules reknit, the amino acids rekindle,
the Church will fall.

It was not as the flowers,
each soft spring recurrent;
it was not as His Spirit in the mouths and fuddled eyes of the eleven apostles;
it was as His flesh: ours.

The same hinged thumbs and toes,
the same valved heart
that—pierced—died, withered, paused, and then regathered out of enduring Might
new strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
analogy, sidestepping, transcendence,
making of the event a parable, a sign painted in the faded credulity of earlier ages:
let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mâché,
not a stone in a story,
but the vast rock of materiality that in the slow grinding of time will eclipse for each day of us
the wide light of day.

And if we will have an angel at the tomb,
make it a real angel,
weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair, opaque in the dawn of light, robed in real linen
spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
for our own convenience, our own sense of beauty,
lest, awakened in one unthinkable hour, we are embarrassed by the miracle,
and crushed by remonstrance.

(John Updike, Telephone Poles and Other Poems, 1963)

Hier eine Übersetzung:

Sieben Strophen an Ostern

Täuscht euch nicht: Wenn Er überhaupt aufer­stand,
dann als Sein Leib;
wenn nicht der Zelltod sich umkehrte, Moleküle sich neu verbanden, Aminosäuren neu erglühten,
wird die Kirche fallen.

Es war nicht wie die Blumen,
die wiederkehren in jedem milden Frühling,
es war nicht als Sein Geist in den Mündern und benebelten Augen der elf Apostel;
Es war als Sein Fleisch: unseres.

Die selben gelenkigen Finger und Zehen,
das selbe Herz mit seinen Klappen,
das – durchstoßen – starb, welkte, still stand, und dann sich wieder sammelte aus durchhaltender Macht,
um neue Kraft zu umfassen.

Lasst uns nicht Gott spotten mit Metapher,
Analogie, Ausweichen, Transzendenz,
das Ereignis zur Parabel machen, ein Zeichen gemalt in die verblasste Leichtgläubigkeit früherer Zeiten:
Gehen wir durch die Tür.

Der Stein ist weggerollt, nicht Pappmache,
kein Stein in einer Geschichte,
sondern der Riesenfels der Stofflichkeit, der im langsamen Mahlen der Zeit uns allen auslöschen wird
das helle Tageslicht.

Und wenn wir einen Engel am Grabe haben,
macht ihn zu einem richtigen Engel,
gewichtig mit Max Plancks Quanten, lebendig mit Haar, opak im Dämmerlicht, gehüllt in echtes Linnen
gesponnen auf einem bestimmten Webstuhl.

Machen wir es nicht weniger ungeheuerlich,
für unsere eigene Annehmlichkeit, unserem eigenen Sinn für das Schöne,
damit wir, geweckt in einer undenkbaren Stunde, nicht peinlich berührt sind durch das Wunder,
und erdrückt von der Gegenvorstellung.

Zur Entstehungsgeschichte des Ostergedichts siehe den Artikel von Kathrin Kastilahn, The Story behind Seven Stanzas.

Segen für Trauernde (bei Trauerfeiern und Bestattungen)

15. April 2017

Käthe Kollwitz – Frau mit totem Kind (1903)

Der HERR
segne euch und begleite euch
in diesen Stunden und Tagen.
Er berge eure Trauer in seiner Hand,
Er trage euch, wo ihr loslassen müsst,
Er halte euch in der Tiefe eures Schmerzes.
Das gewähre euch der allmächtige und barmherzige Gott,
+ der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Miao Xiaochun, „The Last Judgment in Cyberspace“ und Michelangelo, „Das Jüngste Gericht“

10. März 2017

Miao Xiaochun – The Last Judgement in Cyberspace – The Front View (2006)
© Miao Xiaochun

Der chinesische Medienkünster Miao Xiachun (hat unter anderem in Kassel studiert) nimmt sich in seinem Projekt „The Last Judgment in Cyberspace“ Michelangelos Fresko „Das Jüngste Gericht“ (1533–1541) aus der Sixtinischen Kapelle an und verwandelt dessen Zweidimensionalität in eine virtuelle 3-D-Realität. Dabei transponierte Miao die szenischen Elemente des Originalgemäldes in den virtuellen Raum und ersetzte die vierhundert männlichen und weiblichen Figuren durch einen 3-D-Klon in Gestalt des Künstlers. Mehrere schwarz-weißer Digitalaufnahme zeigen die freigestellten szenischen Elemente in einer neuen, räumlich transparenten Komposition.

Michelangelo – Jüngstes Gericht, 1534-1541  Rom, Città del Vaticano, Sixtinische Kapelle (Ausschnitt)

In Fortführung dieses Projektes schuf Miao außerdem eine 3-D-Computeranimation The Last Judgment in Cyberspace – Where Will I Go? Auf dem siebenminütigen Video bewegt sich das eigene Leben unaufhaltsam auf das Jüngste Gericht zu. Dazu findet sich die passende Sprechmotette:

Where will I go? — You will go there.
Where can I go? — You can go there.
Where should I go? — You should go there.
Where do I want to go? — You want to go there.
Where may I go? — You may go there.
Where must I go? — You must go there.
Where can I only go? — You can only go there.
Where will I go after all? — You will go there after all.
Where will I really go? — You will really go there.
Where will I go right now? — You will go there right now.
Where will I immediately go? — You will immediately go there.
Where do I have no choice but to go? — You have no choice but to go there.
In the end, where will I go? — In the end, you will go there.

Für eine Einführung in das Werk siehe Wu Hung, Miao Xiaochun’s Last Judgment.

Blaise Pascal – Gebet zu Gott um den rechten Gebrauch der Krankheit (Pensées)

5. Februar 2017

blaise-pascal

Kann man wirklich so gottergeben beten, wie Blaise Pascal (1623-1662) es in seinem“Gebet zu Gott um den rechten Gebrauch der Krankheit“ aus seinen Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets geschrieben hat? Die chronischen Schmerzen scheint er ja wirklich gehabt zu haben:

Zu wem soll ich rufen, Herr,
zu wem meine Zuflucht nehmen,
wenn nicht zu dir?

Alles, was nicht Gott ist,
kann meine Hoffnung nicht erfüllen.
Gott selbst verlange und suche ich;
an dich allein, mein Gott, wende ich mich,
um dich zu erlangen.

Du allein hast meine Seele erschaffen können,
du allein kannst sie aufs neue erschaffen;
du allein hast ihr dein Bildnis einprägen können,
du allein kannst sie umprägen
und ihr dein ausgelöschtes Antlitz
wieder eindrücken,
welches ist Jesus Christus,
mein Heiland, der dein Bild ist
und das Zeichen deines Wesens.

Vater im Himmel,
ich bitte weder um Gesundheit
noch um Krankheit,
weder um Leben noch um Tod,
sondern darum, dass du über meine Gesundheit
und meine Krankheit,
über mein Leben und meinen Tod verfügst
zu deiner Ehre und meinem Heil.

Du allein weißt, was mir dienlich ist.
Du allein bist der Herr,
tue, was du willst.
Gib mir, nimm mir,
aber mache meinen Willen dem deinen gleich.

So gib denn, Herr,
dass ich, wie ich auch sei,
mich in deinen Willen einordne;
und dass ich als Kranker
dich verherrliche in meinen Leiden.
Vereinige mich mit dir;
erfülle mich mit dir und deinem heiligen Geiste.

Gehe ein in mein Herz und in meine Seele,
um meine Leiden darin zu tragen,
damit ich, ganz erfüllt von dir,
nicht mehr selbst es bin, der lebt und leidet,
sondern damit du es bist,
der lebt und leidet in mir,
o mein Heiland!

„Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft“. Eine Grabrede von Paul Schempp

19. Januar 2017

kleinkind-gestorben

Wie zart und einfühlsam bei dem Tod eines Kleinkindes ohne billigen Trost das Evangelium Jesu Christi unverhofft zugesprochen werden kann, zeigt die folgende Grabrede von Paul Schempp aus dem Jahr 1939, die sich dem Wort aus Matthäus 9,24 stellt:Jesus sprach zu ihnen …: ,Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.‘ Und sie verlachten ihn.

Zwischen tot und lebendig können wir immerhin unterscheiden, und die traurige Gewißheit ist jedenfalls Tatsache geworden: das Mägdlein ist tot. Und weil es so ist, gibt es nur noch die endgültige Trennung: die Versenkung ins Grab, das das irdische Bild des Kindes bis zur Unkenntlichkeit zerstören wird. Im Juni wäre die kleine Ruth zwei Jahre alt geworden, und wer immer Kinder hat oder kennt und gern hat, der weiß, daß an den Kindern dieses Alters immer neue Lebenswunder zu entdecken sind, wie da von der körperlichen Selbständigkeit des Gehens an zu den ersten sprachlichen [129] Leistungen eine Keimzeit geistiger Entfaltung zu beobachten ist, die in ihrer kindlichen Ursprünglichkeit die fröhliche Be­wunderung der Umgebung fast täglich herausfordert. Wir ste­hen alle in tiefer Trauer und mit herzlichem Mitgefühl mit dem Leid der Eltern und Großeltern an diesem Särglein und wissen, daß das Weh nur größer wird, wenn die Erinnernng immer neu das Bild des Kindleins ins Gedächtnis ruft, wie gesund es sich entwickelt hat, wie anmutig es nach dem Äuße­ren, wie regsam und aufgeweckt es nach dem Inneren war, wie lebhaft es zuging beim Spielen. O und dann gibt es ja noch so vielerlei kleine und doch bedeutsame Wesenszüge des besonderen Verhältnisses zum Vater und zur Mutter, zum Bruder und zu den Großeltern, diese und jene einzelne Er­innerung an besondere Umstände und Begebenheiten. Und doch ist alles verdunkelt von den letzten Tagen des Krankseins und des vergeblichen Kampfes gegen den Tod. Wie viele Kin­der haben doch in den letzten Wochen hier die Masern gehabt, und gerade bei diesem einen mußte eine Lungenentzündung mit hohem Fieber dazukommen, die dann auch das Herzlein in Mitleidenschaft zog! Wohl können sich die El­tern mit gutem Gewissen sagen, daß nichts unversucht blieb, um der Krankheit zu begegnen. Aber die unerbittliche Wirk­lichkeit „das Mägdlein ist gestorben“ ist um so schwerer, als noch am letzten Lebenstag eine Besserung deutlich zu erken­nen war.

Es wäre wohl leicht, nun den Eltern zu sagen: „Schickt euch drein. Gott hat das Kindlein genommen und sich gegen ihn wehren und ihn anklagen ist nicht recht; er gibt uns ja doch keine Rechenschaft darüber, warum er die Lebenslose so unbegreiflich verschieden verteilt.“ Aber seht, die bloße Fas­sung und Ergebung ist kein rechter Trost und ist vor allem kein bibli­scher Trost. Es ist gut, wenn man sich fassen und das Verlorene verloren geben kann, aber es ist auch gut, wenn man ungetröstet weinen kann und der Sturzbach des Schmer­zes nun ein­fach über die Seele geht. Wer sich selber eine Ge-[130]rechtigkeit und Güte Gottes ausden­ken wollte, der würde da­bei schon im Gedanken an die riesige Zahl der täglich ster­benden Kinder zuschanden werden. Lieber noch mit dem Schicksal hadern, als sich einer bloß einge­bildeten Allmacht stumpf beugen!

Tot ist das Mägdlein, ein Elternglück zu Ende, die Hoff­nungen zerstört, und keine Teilnahme und keine Tapferkeit hilft darüber hinweg, daß die Stube leer und das Leben, ohne Schuld und Verdienst zu wägen, sein Glück und seine Bitterkeiten verteilt. Nur wer sagen könnte, das Mägdlein sei nicht tot, es schlafe nur, und es sei nicht recht, sich ergeben oder erbittert, tapfer oder verzweifelt mit der Übermacht des To­des abzufinden, nur der könnte wirklich trösten. Aber wer das sagen wollte vor verschlossenem Sarg und offenem Grab, der würde schwerlich Glauben finden, der verdient, nicht ernst genommen zu werden, dem kann man höchstens zubilli­gen, daß er einem frommen Wahn verfallen ist. Wenn damit gesagt sein soll, die Seele des Kindes sei im Himmel, so ist nur die Unbegreiflichkeit des Himmels an die Stelle der Un­begreiflichkeit des irdischen Lebens und Sterbens gesetzt, und der kurze Anfang menschli­chen Daseins ist ein Rätsel, das der Elternschmerz nicht lösen kann.

Aber wir wissen: Jesus hat damals das Wort gesprochen, das in so sichtbarem Widerspruch zur Wirklichkeit stand und Ihm deshalb den Spott der Trauerversammlung eintrug. Der Jesus, der sein Wort dann bestätigt durch den Rückruf des toten Kindes ins Leben. Der Jesus, von dem unser Glaubens­bekenntnis sagt, daß er gestorben und auferstanden sei und lebe und regiere in Ewigkeit; der Jesus, von dem geschrieben steht, daß er dem Tod die Macht genom­men habe. Dieser Je­sus hat von lebendigen Menschen geredet, als er sagte: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“, und hat von einem toten Mädchen geredet, als er sagte: „Das Mägdlein ist nicht ge­storben, sondern es schläft.“ Auf den Namen dieses Jesus habt ihr das Kindlein taufen lassen und damit in den Glauben [131] eingestimmt, daß Er der Herr sei über unser Leben in der sicht­baren und unsichtbaren Welt. Gilt Sein Wort, dann ist sogar diese unsere Weisheit erschüttert, die mit Sicherheit zu wissen meint, wo Tod und wo nur Schlaf festzu­stellen ist. Unsere Augen sehen Tod und Sarg und Grab, Er aber sagt uns: „Es ist nicht der Wille des Vaters, daß eines von diesen Kleinen verloren gehe.“ Er mutet uns zu, die unerbitt­liche Grenzlinie zwischen Leben und Tod nicht da zu sehen wo sie dem menschlichen Auge eben sichtbar ist, sondern in der Tiefe Seiner Verheißung und Seiner Drohung: Tot ist, wer seine Hoffnung auf den Menschen, auf seinen Willen, seine Weis­heit und Zukunftseroberung setzt, wer sich mit dem Herzen an das klammert, was doch keinen Halt bieten kann, wer sein eigener Herr sein will und doch den Tod zum Herrn hat, auch wenn ihm das Glück des Lebens lacht. Lebendig ist, wer Ihn Herr sein läßt und von Ihm Trost und Güte und Selig­keit erwartet mitten in den unberechenbaren Wechselfällen des Lebens. Die Eltern haben mit ihrem Kind ein Stück ihres Lebens verloren. Darum soll das Leid sein Recht haben, und wir andern sollen es mitempfinden. Aber auch über uns wird sich der Sarg schließen, und wir werden dann nicht einmal mit Gewißheit sagen können ob unser längeres Leben für die Ewigkeit mehr Frucht gehabt hat als dieses kurze Leben; wir können dann auch nur Seinem Wort Glauben schenken, das uns sagt, daß, wer an Ihn glaubt, nimmermehr stirbt, und wer sein Leben behalten will, es in Wahrheit verliert. Wir kön­nen es uns nicht selber einreden oder aus eigener Kraft glau­ben, daß das auch von diesem toten Kindlein gilt, was Chri­stus einst so kühn von dem Mädchen in Kapernaum sagte: „Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.“ Aber wir können um den Glauben bitten, daß Gott der Herr Sein Reich weit aufgemacht hat; daß in des Heilands Na­men alle Kinder und auch alle Erwachsenen wie Kindlein zu Ihm kom­men dürfen und wir einmal erfahren, warum der Herr reich und arm macht, den Menschen viel harte Proben schickt und [131] doch hindurchhelfen will zu der Hoffnung, die nicht zuschan­den wird, sondern erfüllt wird, daß uns kein Tod töten kann, sondern Leben und Tod durch Jesus uns zum Besten dienen müssen; daß wir es einmal mit eigenen Augen schauen: Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es hat geschlafen. Amen.

Grabrede zur Bestattung von Ruth, gehalten im Frühjahr 1939 auf dem Friedhof in Iptingen.

Quelle: Paul Schempp, Gottes Wort am Sarge. 30 Grabreden, hg. v. Ernst Bizer, 3.A., München: Chr. Kaiser 1960, 128-132.

Hier die Grabrede als pdf.

Gebetsworte aus Psalm 73, die mit dem Sterben zurechtkommen wollen (Sterbegebet)

18. Januar 2017
Myriam / cc0 – gemeinfrei / Quelle: pixabay.com

Myriam / cc0 – gemeinfrei / Quelle: pixabay.com

Dennoch bleibe ich stets an dir;
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,
du leitest mich nach deinem Rat
und nimmst mich am Ende mit Ehren an.
(Psalm 73,23f)

Dennoch bleibe ich stets an dir;
auf den Namen deines Sohnes bin ich getauft,
eingetaucht in seinen Tod,
auf dass seine Auferstehung von den Toten
auch in meinem Leben wahr werde.

Du hältst mich bei meiner rechten Hand,
verstößt mich nicht ob meiner Sünde,
denn ich glaube der Vergebung,
die Dein Sohn am Kreuz für mich erwirkt hat.

Du leitest mich nach deinem Rat
auch da, wo ich nicht weitersehe,
wo Angehörige nicht weiterwissen;
über meinen Tod hinaus
hast Du, mein Gott, mir Leben vorgesehen.

und nimmst mich am Ende mit Ehren an,
auch im Sterben, wo ich nichts halten,
begreifen und bewahren kann.
Deine Annahme gilt für die Ewigkeit.
Durch Jesus Christus.
Amen.

Hans Joachim Iwand – Tod und Auferstehung

22. November 2016
Fresko der Anastasis in der Parekklesion der Chora Kirche in Istanbul (Ausschnitt)

Fresko der Anastasis in der Parekklesion der Chora-Kirche in Istanbul (Ausschnitt)

Tod und Auferstehung (1959)

Von Hans Joachim Iwand

Wir haben bisher unser theologisches Interesse auf die Frage des Da­seins Jesu Christi mitten unter uns gerichtet, mitten in unserer Welt und Zeit, vor allem aber mitten in unserem Ge­schlecht. Wir haben uns be­schäftigt mit der Frage, die in der Theologie als Inkarnation be­zeichnet wird, d. h. als das Kommen ins Fleisch. Wir haben gesehen, daß mit diesem Begriff bereits deutlich gemacht wurde, daß die Existenz des Menschen Jesus Christus nicht einfach aus dem Fleisch stammt, aus ihm nicht ableitbar noch erklärbar ist. Wir haben vielleicht etwas ge­ahnt von der wirklichen Tiefe der biblischen Aussage, daß das Subjekt, das Bewegende und Bestimmende in dieser Existenz, der Geist ist – und zwar eben nicht ein allgemeiner Geist, ein geistiges Prinzip, sondern der Geist Gottes, das Pneuma. Das Kommen ins Fleisch ist infolge­dessen bereits ein Ereignis, es hat ein Woher: Jesus kommt nicht aus dem Fleisch ins Fleisch, sondern er kommt von seinem Vater zu uns.

Wie der Eingang dieses Lebens das Wunderbare schlechthin ist – das Wunderbare, welches mitten in der menschlichen Geschichte, innerhalb der Bestimmung des Menschengeschlechts als das Geheimnis steht, das bestimmt ist, den Menschen als ihre Bestimmung aufzugehen, als ihre Berufung zu leuchten –, genauso ist es der Ausgang dieses Lebens. Ich möchte fast sagen: Das Wunder des Eingangs ist nicht geringer, ist nicht einfacher zu lösen, nicht leichter zu be­wältigen als das Wunder des Ausgangs dieses Lebens. Alles, was in der Mitte liegt, sozusagen das Historische, Abstrakte, verliert seine Abstraktion erst, wenn es in Kon­takt zu diesem Ein­gang und zu diesem Ausgang, zu diesem Woher und Wohin gesetzt ist, es beginnt erst zu leuchten, wenn der Stromkreislauf hergestellt ist, der von dem Ursprung zu diesem Ziel läuft.

Lassen Sie uns einen Augenblick den Eingang und den Ausgang die­ses Lebens miteinander konfrontieren. Der Ausgang bestätigt sozusa­gen diesen Eingang, er bestätigt den Begriff »Fleisch« (sarx) in dem Eingang. Dieser Jesus von Nazareth stirbt. Es ist seltsam, wie stark unter dem Einfluß der historischen Betrachtungsweise das Aufregende, das [489] Unbegreif­liche und Frag-Würdige dieses Sterbens verlorengegangen ist. Ganz ähnlich wie das Wunder dieser Geburt eingeebnet wurde zu einem Alltäglichen und in das Besondere der Leistung dieser geschichtlichen Persönlichkeit verlagert wurde – so auch dieser Tod: Auch er ist etwas Alltägliches geworden, die Leistung eines Überzeugten, eines Märtyrers seiner Lehre und seiner Idee. Er ist zur Erfüllung seiner Berufstreue geworden, wie das die Theologie des 19. Jahrhunderts meinte. Es muß hier alles, wenn es geschichtlich relevant sein soll, Leistung sein, es muß da eine Person auf dem Schauplatz der Geschichte auftreten, die sich über das normale Maß, über die Natur des Menschen insofern er­hebt, als sie diese einem geistigen Ide­al dienstbar macht, sei es dem der Gerechtigkeit oder dem der Liebe. Unter diesem Gesichts­punkt hat man dann den Tod Jesu zu verstehen gesucht, d. h. man hatte ihn schon verstanden. Man war vor dem Dunkel dieses Todes so wenig gestanden wie vor dem Licht dieser Geburt. Beides war modifiziert, war zu Geburt im allgemeinen, zum Tod im allgemeinen verblaßt – nur daß es kein Tod an einer Krankheit oder kein Tod im Bett war, sondern der Tod einer in Analogie zu anderen Leistungen heroischer Menschen sich vollziehenden Hingabe. – Aber das ist nicht der Tod Jesu, wie er uns verkündet ist, das ist nicht der Tod, wie die Bibel ihn sieht. Sie sieht ihn dunkler, todesähnlicher, todeswirklicher, als wir ihn sehen, wenn wir ihn durch die Leistung verklären. Sie sieht ihn wirklich als den Tod, als das Wirklichwerden des Todes an diesem einen einzigen Menschen. Einmal wur­de der Tod enthüllt nach dem, was er wirklich ist, einmal mußte er seine Wirklichkeit zeigen, seinen Schein, seine Erträglichkeit, seine Natür­lichkeit verlieren; einmal wurde er nach seiner ganzen Tiefe und Furcht­barkeit herausgezogen aus dem Versteck, in dem er steckt und in dem wir ihn so gern lassen, einmal wurde er offen zur Schau gestellt; einmal kam es zu einem echten Kampf mit dem Tode und – was dasselbe ist – zu einem Sieg über ihn: Das geschah in dem Sterben dieses einen Men­schen.

Wir müssen diese Aussage rechtfertigen, die wir soeben gemacht ha­ben, daß der Kampf mit dem Tod schon den Sieg über den Tod in sich schließt. (Die Schrift ist durchaus dieser Mei­nung.) Sie besagt ein Drei­faches. Erstens: Der Tod ist nicht ein Phänomen, welches von Hau­se aus hineingehört in unser menschliches und geschichtliches Dasein, mit ihm ist vielmehr etwas Fremdes, etwas Unheimliches in unser Dasein getre­ten, das uns vom ersten Tage unse­rer Geburt an bedroht. Der Tod quali­fiziert sozusagen das ganze menschliche Dasein; aber daß er es qualifi­ziert, daß er jeden Augenblick da ist und dasein kann, daß er die Minuten [490] so süß und die Dauer des Lebens, wenn er verzieht, so quälend machen kann, daß er hier gefürchtet und dort herbeigewünscht wird – denken wir an Hiob, an den Psalter –, das alles ist eine Entstellung, eine Ver­zeichnung des wahren Lebens. Diese Mischung von Tod und Leben, die wir unsere Zeit nennen, ist nicht das wahre Leben.

Zweitens: Der Mensch ist dem Tode nicht gewachsen, sondern der Tod ist eo ipso, also ohne daß erst ein Erfahrungsbeweis angetreten werden muß, dem Menschen überlegen. Das weiß der Mensch auch. Er weiß nicht nur, daß wir alle sterben müssen (jene »dira necessitas«, von der die Alten soviel zu sagen wußten), sondern er weiß von vornherein, daß, wenn der Tod ruft, er folgen muß, daß keine Kunst und keine Kraft, keine Weisheit und keine Schläue, kein Geld und keine Macht den sterb­lichen Menschen dem Tode gefeit machen. Es verhält sich damit ähnlich wie mit dem Bösen: Auch davor ist kein Mensch gefeit. Auch dieses findet sei­nen Eingang in unser Fleisch und Blut, ohne daß sich jemand dagegen wehren kann, auch das ist unvermeidbar, ist »Schicksal«. Dar­um kennt der Mensch den Tod auch nicht. Er ringt mit einem Gegner, der sein Visier nicht abnimmt und nicht abzunehmen braucht. Wenn er seinen Stab hebt, dann sinken die Sterblichen zu Boden und müssen mit Schrecken erkennen, daß hier der Gegner des Menschen auf dem Plan ist, der siegt, wo er seine Hand ausstreckt, der siegreich ist – wie Gott!

Darum drittens: Sollte es geschehen, daß es einen Augenblick in un­serer Geschichte gibt, da der Tod selbst in Frage gestellt wird, sollte also dieses Infragestellen des Todes einen Akt be­deuten, der real ist, wie alle anderen Vorgänge real sind, die sich auf dieser Bühne abspielen, sollte also der Tod selbst Partner, der Geforderte, der »Andere« sein, der hier mit-spielt, dann ist er selbst verloren. Dann ist offenbar geworden, daß die Gleichsetzung zwischen Tod und Gott falsch ist. Dann ist offenkun­dig geworden, daß mitten unter den Menschen und mitten in der Men­schenwelt einer lebt, der stärker ist als der Tod, und zwar darum, weil Gott mit ihm ist. Das Wunderbare am Tode Jesu ist eben dies: daß Gott und der Tod nicht eins sind. Wären Gott und der Tod hier eins – wäre dieses also eines jener Todesereignisse, bei denen wir diese Einheit mei­nen konstatieren zu müssen: Gott sendet den Tod, und der Tod tut, wozu er da ist, er begräbt die zeitlich bemessene, menschliche, die ver­fehlte und trotz aller hohen und bedeut­samen Leistungen sterbliche Existenz in die Erde, macht den Weg frei für die Kommenden, ist, was er ist, im Einverständnis mit Gott –, dann wäre auch der Tod Jesu ein innerweltliches, ein mit den Mitteln der Historie zu bewältigendes Er­eignis, dann hätten die Historiker im To­de Jesu wirklich den Nagel, an [491] dem sie alles aufhängen können. Er ist das aber nicht. Er ist der Nagel, an dem alles hängt, aber in einem Verstande, von dem sich unser histo­risieren­des Geschlecht nicht träumen läßt: Er ist der Tod des Todes. Wir können auch sagen: Er ist das In-Erscheinung-Treten der Widergött­lichkeit des Todes als solchen und damit die Bestä­tigung dessen, was bereits das Alte Testament vom Tode zu sagen wußte. Der Tod Jesu ist das Gegen­über von Gott und Tod, ist die Entzweiung dessen, was bei jedem anderen Todesfall eines ist: Hier Gott – dort der Tod. »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?« (Lk 24,5). Dieser Tod ist nicht ein Tod wie andere. Hier ist auseinandergetreten, was sonst hoffnungslos inein­andergefügt ist: Tod und Leben. Hier riecht es nur nach Leben. Hier ist die Grenze ge­setzt, das Non-plus-Ultra des Todes.

Tod und Auferstehung Jesu haben also insofern etwas miteinander zu tun, als der Tod dieses Menschen schon die Auferstehung von den Toten beinhaltet. Dieser Tod ist schon Sieg. Es tritt die Wendung vom Tod zur Auferstehung nicht mirakelhaft ein in der Form, daß ein Toter von den Toten aufersteht, sondern der Tod ist damit, daß er als der Tod dieses einen Men­schen eintritt, entrechtet, hat sein Daseinsrecht verloren. Er ist rechtlos geworden im Reiche Gottes.

Genau dasselbe gilt nun aber auch von der Auferstehung. So wie der Tod Jesu die Auferste­hung beinhaltet – kein Tod wurde je so erlitten wie dieser, indem Gott die Gegenseite aus­machte und der Tod sein Recht in Gott verlor –, so ist es auch mit der Auferstehung des in den Tod gege­benen Jesus Christus. Die Auferstehung ist ein Ereignis innerhalb der Todeswelt und der Todeswirklichkeit, in der wir alle, auch und gerade wir als die Glaubenden leben. »Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.«[1] Wir sind ihm nicht entnommen. – Die heidni­sche Philo­sophie denkt gern am Tode vorbei. Sie meint, daß der Tod die wahre Lebenssub­stanz im Menschen nicht treffen kann, daß wir sozusagen von Natur unsterblich sind. Die tief­ste und bis heute immer wieder erre­gendste These dieser Art ist diejenige Platos, die sich dann im ganzen Mittelalter fortsetzt und die auch im deutschen Idealismus Pate steht, daß heimlich in der Seele des Menschen sich ein Wissen, ein Erinnern, findet, das weit über alles Endliche und Vergängliche hinausreicht. Die Rückkehr des Menschen zu sich selbst in seine Seele ist sozusagen der Überschritt aus dem Bereich des Vergänglichen und Trügerischen in den des Bleibenden und des Wahren. Hier, so scheint es, hat der Tod keine [492] Macht: Er kann nur das Äußere unserer Existenz treffen, aber den Kern derselben trifft er nicht. Er schlitzt nur die Schale auf und legt so den Kern offen für das wahrhaft Lebendige und Bleibende. Darum kann man ihn sogar als ultima ratio wählen, wenn Ehre und Freiheit keinen andern Ausweg mehr lassen, um diesem Schauplatz der Gewalt und Tyrannei den Rücken zu kehren und dorthin zu gehen, woher der Geist stammt, der in uns wohnt. –

Die neutestamentliche Botschaft von der Auferstehung von den To­ten, die alles andere über­strahlt, empfängt ihr Licht von den Osterereignissen her. Sie geht nicht am Tode vorbei, sie setzt nicht eine un­sterbliche Substanz im Menschen voraus, auch und gerade nicht in dem dort Auferstandenen, vielmehr verkündet sie den Durchbruch durch die Todeslinie, die unser gan­zes menschliches Leben zu einem Leben »innerhalb« macht: zu einem furchtbaren Gefängnis, dessen Wände wir zwar ein wenig nach außen verrücken, das wir aber nicht durchbre­chen können, dessen Innenausstattung wir ein wenig verändern, das wir aber in seiner Furchtbarkeit und Sinnlosigkeit nicht verwandeln können. Die Auferstehung bedeutet eine totale Wandlung dieses gan­zen Todesaspekts. Sie ist der Sieg des Lebens, und zwar nicht so, daß ein Individu­um dem Todesschicksal entgangen ist, sondern so – fasse es, wer es fassen kann! –, daß die hier getroffene Entscheidung allen gilt, daß also von hierher all diejenigen Philosophen und Ethiker ge­rechtfertigt sind, die den Sinn des Lebens ehedem schon in ein Jenseits dieser To­deswelt verlegt haben. Sie mußten wohl ihren Traum mit einer gewissen Verharmlosung des Todes erkaufen. Sie haben vor allem nicht gesehen, was jetzt erst, da die Lösung da ist, offen­kundig wird: daß Tod und Sünde zusammengehören und daß mit der Vergebung der Sünde das Leben, das ewige Leben, in Erscheinung tritt. Denn das In-Erscheinung-Treten des Lebens als solches, das ist die Auferstehung.

Wie der Tod Jesu die Wirklichkeit des Todes enthüllte, wie er ihn gleichsam herauszog aus seiner Verborgenheit und eben damit besiegte; wie der Tod sein mußte, was er von Hause aus ist, nämlich der Feind Gottes, und an dieser seiner Wahrheit starb, so trat in demselben Mo­ment auch das Leben in Erscheinung, und zwar das Leben, das Gott schafft, das wir alle noch nicht kennen, das auf uns wartet und das erst voll und ganz den Namen Leben verdient. Das Leben, das wir kennen, ist eine Mischung von Leben und Tod, und zwar eine solche, die mehr und mehr auf den Tod hin gravitiert. Aber hier ist etwas Neues gewor­den: Hier ist ein Leben erschienen, das den Tod ausscheidet, das mehr und mehr auf den Sieg des Lebens hin ausge­richtet ist. [493]

Wir machen uns auch diesen Sieg des Lebens unter drei Gesichts­punkten klar. Erstens: Diese Erscheinung des Lebens ist unabdingbar gebunden an die Auferstehung Jesu Christi. Wir kön­nen auch sagen: Sie ist – de facto et sine conditione – gebunden an den Tod Jesu. So gewiß dieser Tod ist, so gewiß will sie sein. Sie will ihre Basis, ihre Realitätsgewißheit aus der ande­ren nehmen, daß dieser Jesus wirklich gestorben ist und ins Grab gelegt wurde – darum der harte Kampf gegen jede Art von Doketismus, darum auch bereits in der Urchristenheit der Kampf gegen eine Art von Pneumatikertum, das die Auferstehung vor­wegnehmen wollte und meinte, die Christen seien schon auferstanden. Wäre die Hoffnung auf Auferstehung nicht so innig und untrennbar verbunden mit dem Osterereignis, also mit dem Geschehen um Jesus, mit dem Geschehen auf Golgatha und im Garten des Joseph von Arimathia; handelte es sich um rein geistige Wirkungen, die von dieser gro­ßen Person ausgegangen sind und in den Jün­gern das Bewußtsein er­zeugt hätten, er könne nicht tot sein; wäre unser Christentum eine Art Ausstrahlung der großen geistigen Bewegung, die von diesem Jesus von Nazareth – angeblich – ausgegangen ist und schließlich eine halbe Welt christlich machte; wäre diese Auswirkung keine andere als die, die von dem Hain Akademos des Plato ausgegangen ist und von der her wir uns alle noch als Akademiker fühlen und es auch sind – wäre es so, dann könnte man in der Tat mit Schleiermacher die Auferstehung aus der Dogmatik herausnehmen, weil eben bereits in der christlichen Gemein­de die Wirkung – die geschichtliche Wirkung – des Jesus von Nazareth lebendig und kräftig und von dort her ablesbar ist. Genau das möchten wir nicht. Genau hier möchten wir die Umkehrung vollziehen: Wir sind die Sterbenden, er ist der Lebendige. Er ist das Leben. Sieht man sich die Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts an, so ist noch gar nicht abzuse­hen, was diese Entdeckung der Auferstehung theologisch und syste­ma­tisch zu bedeuten hat und haben wird. Hier ist der Nexus einer in sich ruhenden, einer in sich geschlossenen Geschichte gesprengt. Hier ist das Ziel der Geschichte mitten in der Ge­schichte aufgebrochen und fest­gemacht. Das ist das Ziel der Geschichte. Das ist die Voraus­setzung von unser aller Glauben an den lebendigen Gott, daß er mitten unter uns ein Zeichen seines Sieges über den Tod aufgerichtet hat in Jesus von Naza­reth.

Das Zweite, was wir hier zu sagen haben, ist dies: Seit und mit der Auferstehung Jesu Christi ist uns das Werk Jesu Christi aus der Hand genommen. Das heißt, wir verwalten nicht sein Erbe, sondern wir sind es! Er verwaltet das, was in seiner Lebens- und Wirkzeit an Frucht her-[494]ausgekommen ist. Er verwaltet zunächst und zuerst die Frucht seines Todes; das drückte die alte Dogmatik aus mit dem »priesterlichen Amt« (munus sacerdotale): Er ist der Hoheprie­ster, der sein eigenes Fleisch und Blut durch den ewigen Geist vor Gott darbringt (vgl. Hebr 9,14). Sein Leben und Sterben ist also nicht etwas den Menschen Preisgegebe­nes oder der Kirche Vermachtes, die Kirche ist nicht ein Museum auf dem Grab eines Toten, vielmehr wal­tet er als der Lebendige mitten unter den Seinen. Es ist sehr wichtig, dies zu beachten. Denn damit ist die Grenze gezogen gegen alle Arten von Verdinglichung, wie sie auch aus­fallen mögen. So ist der Tod Jesu nicht einfach eine Sache, eine Lei­stung, mit der wir rechnen kön­nen oder über die die Kirche verfügt, von der aus sie uns den Gnadenerlaß zuteilt; immer ist er der redende und sich uns schenkende Herr, und immer muß der Lebendige das Subjekt sein. Daß der Lebendige das Subjekt ist, das wird in der Schrift damit ausgedrückt, daß es der Geist ist, der uns tröstet, reinigt, belebt, ja, der dasselbe mit uns tut, was Gott mit seinem Sohn getan hat: Er macht lebendig. Wie kommt es denn, daß wir uns so leicht seiner Sache, seines Lebens und seines Todes, bemächtigen: seines Lebens, indem wir es histo­risieren – das haben eben die Evangelisten nicht getan, o Wunder! –, seines Todes, indem wir ihn dogmatisieren: das haben die Apostel, die seinen Tod verkündigten, eben nicht getan. Sie wußten ganz genau zwischen sich und ihm zu unterscheiden: Er lebt, und sie sind nur die menschliche Stimme dieses ewig Lebendigen.

Das Dritte aber ist das Allgemeingültige, also das, was dahin führt, daß Paulus von Ostern aus den Tod als Tod wie eine überpersonale Grö­ße ansprechen und – ad acta legen kann: »Tod, wo ist dein Stachel?« (1Kor 15,55). Die Auferstehung Jesu ist das Besondere und bleibt das Besondere in Zeit und Ewigkeit. Aber zu diesem Besonderen gehört et­was Allgemeines: Der Tod, den wir alle in uns spüren, der in unserem Blute sitzt, als Gesetz unseres Fleisches, das vergehen muß – dieser ist betroffen. Um diese Frage entbrennt der große Streit in Korinth um die Auferstehung. Es geht hier ums Grundsätzliche: Es geht um die Kopula, die zwischen jenem Besonderen, der Auferstehung Jesu, und der Totenauferstehung schlechthin geschlun­gen ist. Wenn es die letztere nicht gibt, wenn die Kette, die uns bindet, nicht zugleich gerissen ist, dann ist sie überhaupt noch nicht gerissen, dann sind wir noch in unseren Sün­den; dann ist auch der Satz, daß Jesus auferstanden ist, ein nutzloser, ein gleichgültiger, ein leerer Satz, den man dann auch nicht ausbotschaften und verkündigen kann. Er klingt dann nicht, er sagt nichts mehr, er bedeutet nichts. Er bedeutet erst dann, was er wirklich von [495] Gott her be­deutet, wenn mit ihm zugleich auch die Schlösser springen, die unsere Gefangenschaft ausma­chen, und wir auf das andere Ufer, in die Neuheit des Lebens versetzt werden. Erst dann ha­ben wir begriffen, was mit uns geschehen ist, als ihm, Jesus, von Gott her dies geschah. Erst dann ist deutlich, daß alles, was Gott in Christus getan hat, nicht auf diese eine Person be­schränkt blieb und beschränkt sein kann, daß dies vielmehr eine Sache, einen Tatbestand angeht, der als solcher ins Wanken kommt.

Damit ist aber eine gewisse Gleichförmigkeit hergestellt zwischen die­sem sterbenden und auferstehenden Jesus Christus und – uns: Sofern nämlich auch wir in dieselbe Ordnung von Leben und Tod eintreten, daß das Leben das unsichtbar Kommende wird und bleibt und der Tod das nach hinten Gedrängte, das Überwundene, wenn auch noch Sicht­bare und Spürbare. Dieses Werden dessen, was in Kreuz und Auferste­hung mit Jesus selbst geschah, ist – unser Leben!

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Neue Folge, Bd. 2: Christologie. Die Umkehrung des Menschen zur Menschlichkeit, Gütersloh 1999, 488-494.

[1] Martin Luther, EG 518, Vers 1.

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