Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Predigt über die Versuchung Abrahams bzw. über das Opfer Isaaks (1.Mose/Genesis 22,1-19)

28. März 2017

Da am kommenden Sonntag Judika 1Mose 22,1-13 als Predigttext vorgesehen ist, noch einmal die Predigt dazu.

NAMENSgedächtnis

Rembrandt Abraham Isaak

Kann ich dir wirklich vertrauen? Was wäre, wenn der Gott diese Frage einem von uns stellen würde? Da mag man vielleicht überrascht sein, gehen wir doch in Sachen Gottvertrauen in der Regel von uns selbst aus. Können wir Gott wirklich vertrauen? Aber eigentlich ist die Vertrauensfrage für den Gott selbst entscheidend. Denn bevor wir Geschöpfe uns auf die Gottessuche begeben, hat der Gott Israels, der HERR, schon längst Menschen für sich selbst erwählt. Am Anfang fällt seine Wahl auf Abraham, gefolgt vom Volk Israel. Und schließlich gilt in Jesus Christus seine Wahl auch uns. Damit stellt sich die göttliche Vertrauensfrage von selbst: Kann der HERR Gott eigentlich uns vertrauen?

Zwei Dinge sprechen sich in dieser Vertrauensfrage aus: Menschen, die der Gott auserwählt hat, sind diesem nicht gleichgültig. Sie sind kein Spielzeug seines Willens, einmal in die eigene Hand genommen, und dann nach kurzem Gebrauch achtlos zur Seite gelegt. Ihr seid…

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„Die Geschichten der Heiligen Schrift wollen uns unterwerfen“ – Die Bibel in Erich Auerbachs „Mimesis“

24. März 2017

Caravaggio – Die Opferung Isaaks

Erich Auerbach (1892-1957) hatte sein Meisterwerk „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ von 1942-1945 im türkischen Exil in Instanbul geschrieben, bevor es dann 1946 im Tübinger Francke-Verlag erschien. Dieses Werk hat gerade auch im angloamerikanischen Kontext eine eigene Wirkungsgeschichte entfaltet. Auf theologischer Seite ist es Hans W. Frei (1922-1988) gewesen, der in seinem Werk „The Eclipse of Biblical Narrative. A Study in Eighteenth and Nineteenth Century Hermeneutics“ (Yale University Press 1974) sich auf Auerbach beruft. So schreibt Frei gleich zu Beginn in seinem Vorwort: „My debts in the present work are innumerable. Among authors who have been particularly influential on my thought I want to mention Erich Auerbach, Karl Barth, and Gilbert Ryle. The impact of Auerbach’s classic study, Mimesis: The Representation of Reality in Western Literature, is evident throughout the essay. This great book has inevitably undergone increasingly severe scrutiny as the years have gone by. But to the best of my knowledge no student of the Bible has ever denied the power and aptness of the analysis of biblical passages and early Christian biblical interpre­tations in the first three chapters of Mimesis. And yet the reasons for the remarkable strength of these explorations have remained more or less and exasperatingly unexplored. I have tried in some measure to put his suggestions to use.“ (S. VII)

Gleich im ersten Kapitel vom Mimesis vergleicht Erich Auerbach Homers Odyssee mit Genesis 22, also der Geschichte von der Opferung Isaaks. Er zeigt dabei auf, welchen Wahrheitsanspruch die biblischen Erzählungen haben:

„Das alles ist ganz anders in den biblischen Geschichten. Der sinnliche Zauber ist nicht ihre Absicht, und wenn sie trotzdem auch im Sinnlichen sehr lebensvoll wirken, so geschieht dies, weil die ethischen, religiösen, innerlichen Vorgänge, auf die allein sie es absehen, sich im sinnlichen Material des Lebens konkretisieren. Die religiöse Absicht bedingt aber einen abso­luten Anspruch auf geschichtliche Wahrheit.

Die Geschichte von Abraham und Isaak ist nicht besser bezeugt als die von Odysseus, Penelope und Eurykleia; beides ist Sage. Allein, der biblische Erzähler, der Elohist, mußte an die objektive Wahrheit der Erzählung vom Abra­hamsopfer glauben – das Bestehen der heiligen Ordnungen des Lebens beruhte auf der Wahr­heit dieser und ähnlicher Geschichten. Er mußte mit Leidenschaft an sie glauben – oder aber er mußte, wie manche aufklärerische Interpreten annahmen oder vielleicht auch noch anneh­men, ein bewußter Lügner sein, kein harmloser Lügner wie Homer, der log, um zu gefallen, sondern ein zielbewußter politischer Lügner, der im Interesse eines Herrschaftsanspruchs log. Mir scheint die aufklärerische Ansicht psychologisch absurd, aber selbst wenn wir auch sie in Betracht ziehen, so bleibt doch sein Verhältnis zur Wahrheit seiner Geschichte ein weit leidenschaftlicheres, eindeutiger bestimmtes als dasjenige Homers.

Er mußte genau das schreiben, was sein Glaube an die Wahrheit der Überlieferung, oder, vom aufklärerischen Standpunkt, sein Interesse an der Wahrheit derselben von ihm forderte – in jedem Fall waren seiner freien, erfindenden oder ausmalenden Phantasie enge Schranken gesetzt; seine Tätig­keit mußte sich darauf beschränken, die fromme Überlieferung wirksam zu redigieren. Was er hervorbrachte, zielte also zunächst nicht auf «Wirklichkeit» – wenn ihm auch diese gelang, so war dies doch nur Mittel, nicht Zweck –, sondern auf Wahrheit. Wehe dem, der nicht an sie glaubte!

Man kann sehr wohl historisch kritische Bedenken gegen den Trojanischen Krieg und gegen Odysseus’ Irrfahrten hegen und doch beim Lesen Homers diejenige Wir­kung empfinden, die er beabsichtigte; wer an Abrahams Opfer nicht glaubt, kann von der Erzählung nicht den Gebrauch machen, für den sie geschrieben wurde. Ja, man muß noch weiter gehen. Der Wahrheitsanspruch der Bibel ist nicht nur weit dringender als der Homers, er ist auch tyrannisch; er schließt alle anderen Ansprüche aus. Die Welt der Geschichten der Heiligen Schrift begnügt sich nicht mit dem Anspruch, eine geschichtlich wahre Wirklichkeit zu sein – sie behauptet, die einzige wahre, die zur Alleinherrschaft bestimmte Welt zu sein. Alle anderen Schauplätze, Abläufe und Ordnungen haben keine Berechtigung, von ihr unab­ängig aufzutreten, und es ist verheißen, daß sie alle, die Ge­schichte aller Menschen über­haupt, sich in ihren Rahmen einordnen und sich ihr unterordnen werden.

Die Geschichten der Heiligen Schrift werben nicht, wie die Homers, um unsere Gunst, sie schmeicheln uns nicht, um uns zu gefallen und zu bezaubern – sie wollen uns unterwerfen, und wenn wir es verweigern, so sind wir Rebellen. Man möge nicht einwenden, daß dies zu weit gehe, daß nicht die Geschichte, sondern die religiöse Lehre den Herrschaftsanspruch erhebe; denn die Geschichten sind eben nicht, wie die Homers, bloß erzählte «Wirklichkeit». In ihnen inkar­niert sich Lehre und Verheißung, unscheidbar sind diese letzteren in sie hineingeschmolzen; eben darum sind sie hintergründig und dunkel, sie enthalten zweiten, verborgenen Sinn.

In der Isaakgeschichte ist es nicht allein das Eingreifen Gottes am Anfang und am Schluß, sondern auch dazwischen sowohl das Tatsächliche wie das Psychologische, welches dunkel, nur ange­rührt, hintergründig ist; und darum verlangt es nach grübelnder Vertiefung und Ausdeutung, es ruft sie herbei. Daß Gott auch den Frömmsten aufs schrecklichste versucht, daß unbeding­ter Gehorsam die einzige Haltung vor ihm ist, daß seine Verheißung aber unverrückbar fest­steht, mag auch sein Ratschluß noch so sehr dazu angetan sein, Zweifel und Verzweiflung zu erregen – das sind wohl die wichtigsten in der Isaakge­schichte enthaltenen Lehren – aber durch sie wird der Text so schwer, so inhaltsbeladen, er enthält in sich noch so viel Andeu­tung über Gottes Wesen und über die Haltung des From­men, daß der Gläubige veranlaßt wird, sich immer aufs neue in ihn zu versenken und in allen Einzelheiten die Erleuchtung zu suchen, die in ihnen verborgen sein mag. Und da ja in der Tat so vieles daran dunkel und unausgeführt ist, und da er weiß, daß Gott ein verborgener Gott ist, so findet sein deutendes Bestreben immer neue Nahrung. Die Lehre und das Streben nach Erleuchtung sind unlösbar mit der Sinnlichkeit der Erzählung verbunden – diese ist mehr als bloße «Wirklichkeit» – freilich auch ständig in Gefahr, die eigne Wirklich­keit zu verlieren, wie es alsbald geschah, als die Deutung so überwucherte, daß sich das Wirkliche zersetzte.“

Hier Auerbachs „Die Narbe des Odysseus“ als pdf.

Goethe zum Reformationsjubiläum: „Nach und nach werden wir aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen“

30. Januar 2017
Carl Gustav Carus: Allegorie auf Goethes Tod, nach 1832

Carl Gustav Carus –  Allegorie auf Goethes Tod (nach 1832)

So lässt es sich feiern – die Reformation vor 500 Jahren als kulturgeschichtliches Ereignis, in dem sich der aufgeklärt religiöse Mensch auch heute noch sonnen kann. Kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe hat 1832 im letzten der Gespräche mit Eckermann das zur Sprache gebracht:

„Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation im allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind infolge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. Wir haben wieder den Mut, mit festen Füßen auf Gottes Erde zu stehen und uns in unserer gottbegabten Menschennatur zu fühlen. Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, – über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen!

Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen. Sobald sie sich von der immer weiter um sich greifenden großen Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen, müssen sie nach, sie mögen sich stellen, wie sie wollen, und es wird dahin kommen, daß endlich alles nur Eins ist.

Auch das leidige protestantische Sektenwesen wird aufhören, und mit ihm Haß und feindliches Ansehen zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester. Denn sobald man die reine Lehre und Liebe Christi, wie sie ist, wird begriffen und in sich eingelebt haben, so wird man sich als Mensch groß und frei fühlen und auf ein bißchen so oder so im äußeren Kultus nicht mehr sonderlichen Wert legen.

Auch werden wir alle nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen.“

Double bind und die Schizophrenie Gottes. Eine pathologische Interpretation von Luthers „De servo arbitrio“

3. Januar 2017

NAMENSgedächtnis

damnedifyoudo1. Das soteriologische Paradox

Paradoxien haben ihre Verufenheit verloren, seitdem man erkannt hat, dass sie bei bestimmten Reflexionsformen unvermeidlich sind1. Sie werden nicht mehr nur der mathematischen Logik oder der Philosophie vorbehalten, sondern kunstvoll in ihrem ganzen Facettenreichtum zelebriert2. Die Theologie hat schon immer ein besonderes Verhältnis zu Paradoxien gehabt, sind doch ihre Lehrsätze von Anfang an mit Paradoxien kontaminiert worden. Von besonderer Bedeutung sind dabei die trinitari-[93]schen und christologischen Paradoxien, wie sie im Nicaeno-Constantinopolitanum und im Chalcedonense formuliert worden sind. Die Unterscheidung von Glaube und Vernunft hat sie freilich für die Theologie erträglich gemacht. Als geoffenbarte Glaubenswahrheiten lassen sie sich einer rationalen Rekonstruktion verschließen. Im übrigen konnten diese Paradoxien als Erkenntnisprobleme auf der Seite Gottes eingelagert werden. Im Gegensatz dazu ist der Mensch mit seiner ganzen Person in das soteriologische Paradox involviert: Treffe die heilsrelevante Entscheidung (bzw. handle gottgefällig), die du nicht treffen kannst (was du nicht tun kannst)…

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Jeder Mensch hat einen Namen (Lechol isch jesch schem)

31. Dezember 2016

Der erste Januar ist mehr als nur der Neujahrstag, sondern der Tag der Beschneidung und Namengebung des Herrn (Lukas 2,21).

NAMENSgedächtnis

zelda Zelda Schneersohn Mishkovsky (1914-1984)

Nur wem ein eigener Namen gilt, hat seine eigene Lebensgeschichte. Im Eigennamen verdichtet und erhält sich besonderes Geschehen über die Zeit hinweg. Was Namen besagen, wächst ihnen selbst zu, nämlich ihr Ruf. Im Unterschied zu Gattungsnamen lassen sich Eigennamen gerade nicht definieren, gewinnen sie doch mit der Zeit an Bedeutung. Nach all dem, was mit einem Namen geschehen ist, ist dieser ein anderer geworden, der jedoch immer noch demselben gilt. So hat es Zelda Schneersohn Mishkovsky (1914-1984) in das folgende Gedicht „Jeder Mensch hat einen Namen (Lechol isch jesch schem)“ gefasst, das jedes Jahr im April in Israel am nationalen Gedenktag an Shoa und Heldentum (Jom haScho’a) feierlich rezitiert wird:

Jeder Mensch hat einen Namen
den GOTT ihm gegeben
den Vater und Mutter ihm gegeben.
Jeder Mensch hat einen Namen,
den seine Gestalt und sein Lächeln ihm geben.
Jeder Mensch hat einen…

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Hans Joachim Iwand – Das Wunder der Weihnacht

18. Dezember 2016

NAMENSgedächtnis

wvanderweydenbladelin-altarmitteltafel Geburt Jesu (Rogier van der Weyden, Bladelin-Altar, um 1450)

Von 1946 bis 1951, also während seiner Zeit als Professor für Systematische Theologie in Göttingen hatte Hans Joachim Iwand ab und an Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlicht. Hier seine „Weihnachtsbesinnung“ von 1950:

Das Wunder der Weihnacht

Von Hans Joachim Iwand, Göttingen

Viele Menschen haben sich gewundert, daß Weihnachten – im Unterschied zu den anderen großen christlichen Festen – eine so breite Ausstrahlung unter den Menschen unserer Tage hat. Viele haben sich gewundert und gefreut. Gewundert darum, weil man sich kaum denken kann, daß all die Menschen, die auf dieses Fest in irgendeiner Weise reagieren, das glauben und begreifen, worum es sich bei diesem Fest eigentlich handelt, das Wunder der Weihnacht. Und doch müssen wir uns freuen in dem Gedanken, daß dies ja nur ein Zeichen ist für die unzerstörbare, bis in unsere Tage hinein wirkende Kraft dieses zentralen christlichen…

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Weihnachtssegen – Segen zum Christfest

12. Dezember 2016

NAMENSgedächtnis

kerzen03

Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus
segne und behüte euch.
Er lege seinen Sohn euch ans Herz
und mache euer Leben menschlich.
Er lasse sein Licht leuchten über euch
und erwärme euch mit seiner Liebe.
Er fülle eure Häuser und Familien
mit seinem Frieden.
So gehet hin in die Weihnacht
im Namen des + Vaters
und des Sohnes
und des Heiligen Geistes.
Amen.

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Martin Luther – Diese Zeit hat viele Spiele erfunden

12. Dezember 2016

uno-kartenspiel

Wenn die protestantischen Christen in Hongkong wüssten, was Martin Luther über Spiele zu sagen weiß:

Kartenspiel und Würfelspiel sind weit verbreitet. Denn diese Zeit hat viele Spiele erfunden. Sie hat es wahrlich gut ausgeglichen! Als ich ein Junge war, wurden alle Spiele verboten. Kartenmacher und Musikanten ließ man nicht zum Sakrament gehen und sie mußten über ihr Spiel, den Tanz und ihre Schaustellerei Beichte ablegen. Jetzt geht das in hohem Schwange. Derartige Dinge werden als Übung für den Geist verteidigt. [WA TR Nr. 3526 a]

Jürgen Roloff – Wein (EKL³)

11. Dezember 2016
Noah und Ham (altkirchliches Mosaik)

Noah und Ham (altkirchliches Mosaik)

Die Artikel über Wein in theologischen Lexika haben immer Bekennerqualität. So lässt sich auch Jürgen Roloffs nüchterner Beitrag im EKL lesen:

Wein

Von Jürgen Roloff

1. Schon früh ist in Israel eine ausgeprägte Kultur des W.baus bezeugt. W. galt, neben Korn und Öl, als Inbegriff agrarischer Fruchtbarkeit (Hos 2, 10; Gen 27, 28; Dtn 7, 13 u.ö.). In der Landnahmeerzählung stellt die von den Kundschaftern herbeigebrachte Riesentraube (Num 13, 21–27) sinnfällig den Reichtum des von Gott seinem Volk verheißenen Landes dar. Die Hauptlese im Herbst war eine Zeit festlicher Freude (Jes 16, 9). W.genuß war Teil des alltäglichen Lebens und wurde in der Regel positiv beurteilt (Jdc 9, 13; Ps 104, 15; Dtn 8, 7–10). Man pries W. als Freudenbringer und gute Gottesgabe (Jdc 9, 13; Koh 9, 7). Daneben gibt es allerdings auch prophetische Stimmen, die vor einem übermäßigen Genuß warnen (Am 6, 6; Jes 5, 11f. 22; 28, 1.7). Die Weisheitslehrer sehen im W. eine gute Gottesgabe, die sich »für die Schlechten« (d.h. durch Mißbrauch) »in Schlechtes verwandelt« (Sir 39, 25–27; vgl. Prov 23, 20.30f). Zeitweilige Enthaltsamkeit von W. wurde nur von den Priestern gefordert (Lev 10, 8–10; Ez 44, 21). Die Dauerabstinenz der Nasiräer (Num 6, 3f; Jdc 13, 4) und Rechabiter (Jer 35) hängt mit dem Protest gegen die Lebensformen des Kulturlandes zusammen.

Im Kultus spielte W. zunächst als Trankopfer eine Rolle (Ex 29, 38–41; Num 15, 5). Seine Farbe (die Antike kannte fast ausschließlich roten W.) legte dabei Assoziationen an Opferblut nahe (Gen 49, 11: »Traubenblut«; vgl. Sir 50, 15). Im frühen Judentum ist W. als fester Bestandteil der häuslichen Sabbatfeier und des Paschamahles (Jub 49, 6; Mischna Pesachim 10, 1) bezeugt.

Die Bedeutung des W.s im Leben Israels spiegelt sich in einer breiten Metaphorik. Er erscheint v.a. als Bild für die Heilszeit mit ihrem Überfluß und ihrer festlichen Freude: Die Berge werden »vom W. triefen« (Am 9, 13); der kommende messianische Herrscher wird »in W. sein Kleid waschen« (Gen 49, 13); Gott wird beim endzeitlichen Festmahl die Völker mit köstlichen W.en bewirten (Jes 25, 6). Israel erscheint unter dem Bild des von Gott gepflegten W.bergs (Jes 5; Ps 80,8–13) bzw. des W.stocks (Jer 2, 21). Ausgelöst durch die Assoziation »W. = Blut« dürfte das Bild des Keltertreters für Gottes Gericht über die Feinde seines Volkes sein (Jes 63, 1–6; vgl. Apk 14, 19f).

2. Wenn Jesus mit seinen Anhängern festliche Mahlzeiten hielt, bei denen W. getrunken wurde, so fand darin die Freude über die heilvolle Nähe Gottes sinnfälligen Ausdruck (Mk 2, 19; vgl. Joh 2, 1–10). Zugleich markierte er damit den Gegensatz zu dem in nasiräischer Askese lebenden Bußprediger Johannes dem Täufer (Mt 11, 19). Noch deutlicher kommt der bildhafte Bezug von W. auf die Heilszeit im Abendmahl zum Ausdruck. Durch das über dem abschließenden Segensbecher gesprochene eschatologische Wort (Mk 14, 25) verheißt Jesus den Mahlteilnehmern die sichtbare Vollendung ihrer Gemeinschaft mit ihm beim zukünftigen Festmahl der vollendeten Gottesherrschaft. Den Grund dieser Verheißung benennt das Becherwort von der Lebenshingabe »für die Vielen« (Mk 14, 24), das den W. als Realsymbol für das Sterben Jesu deutet.

3. Mit wenigen situationsbedingten Ausnahmen (so der Wasserkommunion in der altsyr. Kirche ist W. stets konstitutiver Bestandteil der kirchl. Abendmahlsfeier gewesen. Während die Ostkirchen um der Symbolkraft willen an rotem W. festhielten, bevorzugte der Westen (wegen der leichteren Reinigung des Kelches) weißen W. Diesem wird in der röm.-kath. Kirche etwas Wasser beigemischt. Dahinter steht neben Joh 19, 34 u.a. der Gedanke an die zwei Naturen des Gottmenschen. Eine Diskussion um die Notwendigkeit des W.s ist neuerdings im Blick auf Kirchen in Asien und Afrika, denen Brot und W. als Grundnahrungsmittel fremd sind, sowie im Blick auf das Alkoholikerproblem in Gang gekommen. Gewiß sind hier Ausnahmen möglich, solange sie als solche kenntlich gemacht werden. Es muß jedoch bei alledem deutlich bleiben, daß das Abendmahl eine Gabe Jesu an die Kirche ist, über die diese nicht frei verfügt. Zur stiftungsgemäßen Verwaltung gehört auch der Verzicht auf willkürlich erscheinende Veränderungen. Zu bedenken ist ferner, daß mit dem Verzicht auf W. auch die an ihm hängenden symbolisch-metaphorischen Bezüge preisgegeben würden.

Lit.: Busse, E.: Der W. im Kult d. AT. Religionsgeschichtl. Untersuchung zum AT, Freiburg 1922 – Seltman. Ch.: Wine in the Ancient World, London 1957 – Dommershausen, W.: Der W. im Urteil u. Bild d. AT, TThZ 84 (1975) 253–260.

Evangelisches Kirchenlexikon (EKL3) Bd. 4/11 (1996), Sp. 1242f.

Eberhard Jüngels Oinotheologie – Der Wein bahnt der Wahrheit den Weg (aus der RGG4)

10. Dezember 2016

glas-wein

Auch der Mitherausgeber der RGG4 Eberhard Jüngel hat es sich nicht nehmen lassen, einen oinotheologischen Beitrag „Wein und Wahrheit“ in der RGG4 zu veröffentlichen. Da steht dann allerdings ein anderer Mitherausgeber, Bernd Janowski, mit seinem bierernsten Beitrag Wein II. Biblisch, etwas dumm da:

Wein IV. Wein und Wahrheit

Was hat die →Wahrheit mit dem Wein zu tun? Was hat der Wein mit der Wahrheit gemein­sam? Beide, Wahrheit und Wein unterbrechen die →Wirklichkeit. Wein, wenn er denn getrunken wird, unterbricht den Zusammenhang des alltäglichen →Lebens, um dieses in eine ihm sonst nicht erschwingliche Höhe zu steigern, weshalb der Wein auch als →Rausch erzeugendes Getränk gilt. Im Rausch aber steigert sich der →Mensch zu großer Form, zu seiner Form (Heidegger). Schon Jesus Sirach (→Sirach/Sirachbuch) hat deshalb die Kraft des Weins der Lebenskraft gleich geachtet (Sir 31,27).

Wahrheit, wenn sie sich ereignet, also noch nicht auf den logischen Status einer bleichen Satzwahrheit (S-P) reduziert ist, unterbricht den Zusammenhang des →Seins, und zwar so, daß jene Lichtung entsteht, in der das menschliche Dasein (→Existenz) als →Subjekt« des Seienden als »Objekt« ansichtig wird, sich daraufhin zu diesem im Akt des Erkennens (→Erkenntnistheorie) in Beziehung setzt, der im Fall des Gelingens das »abkünftige« Verständnis von Wahrheit als »adaequatio rei et intellectus« (→Thomas von Aquin, De veritate, q. 1 a. 1; vgl. I.→Kant, B 92ff.) ermöglicht und schließlich zur Satzwahrheit (S-P) erbleicht.

Dieser dem W. und der Wahrheit eigene Unterbrechungscharakter dürfte schon früh zu der Auffassung -geführt haben, daß »im Wein Wahrheit ist: in vino veritatem esse dicitur« (Plinius d.Ä., Naturalis historia, 14,141). Was bisher erfolgreich verborgen wurde, der Wein bringt es [1361] an den Tag. Wie der Narr einst bei Hofe auszusprechen wagte und vermoch­te, was eigentlich →tabu war, so bricht aus dem vom Wein Enthemmten unversehens die Wahrheit hervor. Der Wein bahnt der Wahrheit den Weg.

Puristen, Moralisten und Askeseideologen wollen freilich Wahrheit ohne Wein und denun­zieren dessen →Genuß zum Zweck der Wahrheitsfindung keck als Schuld (→Sünde/Schuld und Vergebung): »Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!/Sie wird ihm nimmer­mehr erfreulich sein«, heißt es dann (F.v.→Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais, 1795). Der syrische Über­setzer des Jesus Sirach hat denn auch, dessen Text unverfroren manipulie­rend, den Wein verwässert, als er aus dem hebräischen »dem Leben gleich zu achten ist der Wein« das syrische »dem Wasser gleich zu achten ist der Wein« machte Wasser so gut wie Wein – schlimmer kann man den Wein nicht kränken! Und auch die Wahrheit nicht, die wohl im Wein, aber niemals im Wasser sein kann: auch dann nicht, wenn es stimmen sollte, daß das Wasser das Beste ist:

áriston mén hýdōr (Pindar, 1. Olym­pische Ode, Strophe 1). Das Beste ist noch lange nicht das Wahre.

Der Wein enthemmt, die Wahrheit macht frei. Deshalb bilden Wein und Wahrheit eine Syzy­gie, ein Zwillingspaar (→Zwillinge). Und was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.

I. KANT, Kritik der reinen Vernunft, 21787 • M. HEIDEGGER, Nietzsche, Bd. 1, 1961, 109-145. Eberhard Jüngel

RGG4, Bd. 8 (2005), 1360f.

Hier der Text als pdf.