„dass da draußen einer ist, der uns meint, uns hört und sieht, der uns den Lebensatem einhaucht und damit an den Grund unserer Existenz eine Resonanzbeziehung setzt …“ Hartmut Rosa und die theologische Relevanz des Resonanzbegriffs

5. Januar 2018

Hartmut Rosa, Taizé-erfahrener Schwarzwaldphilosoph und gegenwärtig der Popularsoziologe in Deutschland, hat mit Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung sein opus magnum geschaffen. Religiös höchst musikalisch – spielt er doch noch immer die Orgel im evangelischen Gottesdienst in seinem Heimatort Grafenhausen – entfaltet er eine soziologische Begrifflichkeit, die theologisch anschlussfähig ist, nicht nur für die praktische, sondern auch für die systematische Theologie. Hier ein Auszug aus einem Rundfunkvortrag:

Was also ist Resonanz? Resonanz ist eine Form von Beziehung, in der zwei Entitäten, manch­mal zwei Menschen, manchmal ein Mensch und ein Ding, sich wechselseitig beeinflussen, dass sie aufeinander reagieren und sich so verändern. Das geht allerdings nur in einem Reso­nanzraum. In sterilen Räumen, die Schwingungen nicht zulassen, ist das nicht möglich. […]

Resonanz bedeutet, sich von der Welt berühren zu lassen. Etwas erreicht mich, bewegt mich, verändert mich, ver­setzt mich in Schwingung. Ganz häufig erzählen wir ja mit genau diesen Begriffen von gelin­genden Momenten. Aber Resonanz bedeutet auch, ich habe auf etwas geantwortet, vielleicht mit einer Emotion (emovere = nach außen bewegen). Ich habe mich als selbstwirksam erfah­ren, indem ich diese Anrufung beantwortet habe. Resonanz besteht auch darin, sich als wirk­sam in der Welt zu erfahren: Ich habe die andere Seite erreicht. Wir können uns das gut in einem Gespräch vorstellen. Ein Gespräch kann ein toter Informationsaustausch sein, aber auch eine Resonanzbeziehung, in der mich das, was der andere sagt, wirklich berührt und ich um­gekehrt den anderen durch meine Worte bewegen kann, so dass wir uns beide verändern.

Solche Resonanzbeziehungen gibt es aber auch, wenn wir z. B. musizieren, Gitarre oder Gei­ge spielen. Da erfahren wir uns als berührt und bewegt, aber auch als selbstwirksam. Wir kön­nen selber Musik formen und bewegen.

Diese Art von Resonanzbeziehung hat zwei wichtige Eigenschaften.

  1. Unverfügbarkeit. Wir können sie nicht erzwingen. Man kann nie genau vorhersagen, wann Resonanz eintritt. Das kennt jeder aus eigener Erfahrung: Wenn wir unser Lieb­lingslied anhören, dann bewegt es uns manchmal sehr, aber wenn wir versuchen, es jeden Tag, vielleicht noch zu einer bestimmten Uhrzeit zu spielen, dann bewegt sich irgendwann gar nichts mehr. Man kann Resonanz also nicht erzwingen. Außerdem weiß man nicht, wie lange sie andauert und was dabei herauskommt.
  2. Resonanzbeziehungen sind Beziehungen der Anverwandlung. Dort, wo ich mich auf Resonanz einlasse, werde ich mich verändern, kann aber nicht genau sagen, in welche Richtung. Ich kenne das Ergebnis der Resonanzprozesse nicht. Ich nenne das Anver­wandlung. Da geht es nicht um Aneignung – ich bringe etwas unter Kontrolle –, son­dern ich lasse mich so auf eine Sache ein, dass sie mich dabei auch verändert und in gewisser Weise transformiert. Welt-Anverwandlung ist also das Ergebnis einer Reso­nanzbeziehung.

Es gibt drei Dimensionen von Resonanzbeziehungen: horizontale, diagonale und vertikale. Horizontale sind solche, die wir zu anderen Menschen eingehen, dort sind sie am offensicht­lichsten. Liebesbeziehungen stellen wir uns z. B. als Resonanzbeziehungen vor, sowohl die Liebesbeziehung zwischen zwei Intimpartnern als auch die zwischen Eltern und Kindern. Die Idee dabei ist, dass wir uns nicht wechselseitig verdinglichen oder instrumentalisieren, son­dern dass wir uns so gut es geht aufeinander einlassen und uns diese Beziehung auch ver­ändert.

Ähnlich stellen wir uns Freundschaften vor. Freundschaften haben genau das Phänomen der transformierenden Kraft. Eine intensive Freundschaft bedeutet, dass wir so miteinander in Beziehung stehen, dass wir uns auch zu widersprechen vermögen und wir uns im gegenseiti­gen Reden und Antworten verändern. […]

Diagonale Resonanzbeziehungen haben wir zu Dingen, zu stofflicher Materie, das können beispielsweise ästhetische Erfahrungen in einem Museum sein. Wir gehen in ein Museum, um uns von einem Bild erreichen und berühren zu lassen auf eine Weise, die wir nicht genau vor­hersehen können. Häufig passiert auch nichts mit uns, aber manchmal gibt es Gegenstände, sei es nun ein Bild oder auch eine antike Nähmaschine, die uns so berühren, dass es zu einer Resonanz zwischen uns und dem Gegenstand kommt.

Diagonale Resonanzbeziehungen, also Beziehungen zu Dingen und Stoffen, erfahren wir insbesondere auch bei der Arbeit. Arbeiten heißt, sich an einem Weltgegenstand abzuringen. Das kann für die Bäckerin der Teig sein oder die Pflanzen für den Gärtner oder der Text für einen Wissenschaftler oder eine Journalistin. Da steht uns jeweils etwas gegenüber, was mit eigener Stimme spricht, was immer einen Moment des Unverfügbaren hat. Das Abarbeiten an diesem Gegenstand transformiert uns, so dass Arbeiten eine zentrale Resonanzachse für mo­derne Menschen ist. Die Angst davor, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist eben nicht nur die Angst, seine Ressourcen einzubüßen, sondern eben auch die Angst, eine Resonanzachse zur Welt zu verlieren.

Schließlich gibt es als dritte Achse einen Welt- und Resonanzsinn als Ganzes. Es gibt eine tiefe Sehnsucht von uns Menschen, mit dem Leben, der Welt oder dem Universum, wie der Religionsphilosoph William James sagt, als Ganzes verbunden zu sein. Dabei wissen wir gar nicht genau, ob das Universum schweigend, tot und kalt ist oder ob da wirklich eine Antwort­beziehung am Grunde unserer Existenz liegt, wie Martin Buber z. B. sagen würde. Ich glaube, Religion gewinnt daraus ihre anhaltende Kraft und Attraktivität, dass sie ganz tief die Idee anlegt, dass da draußen einer ist, der uns meint, uns hört und sieht, der uns den Lebensatem einhaucht und damit an den Grund unserer Existenz eine Resonanzbeziehung setzt, eine Ant­wortbeziehung.

Hier der Link zum vollständigen Text „Mehr Resonanz. Auswege aus der Beschleunigungsgesellschaft„. Außerdem ist auch sein Vortrag auf dem Hamburger Kirchentag 2013 „Was brauchen Menschen? Vom Schweigen der Welt und von der Sehnsucht nach Resonanz“ lesenswert.

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„Die unfassliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen“ – Hans Urs von Balthasar wider die liberalprotestantischen Entmythologisierungsprogramme

31. Dezember 2017

Hans Urs von Balthasar (1905-1988, Gemälde von William Hart McNichols)

Das war ein Aufreger Anfang der sechziger Jahre, John Robinsons Buch „Honest to God“. In der ZEIT hatte es dazu eine Artikelreihe gegeben, wo neben Helmut Thielicke auch Rudolf Bultmann einen Text beisteuerte: „Ist der Glaube an Gott erledigt? Die mythologische Sprache der alten Tradition muß entmythologisiert werden„. Aber dann kommt Hans Urs von Balthasar zu Wort. Wer seinen Beitrag „Komm, du Geist der Wissenschaft“ liest, wird nachvollziehen können, warum von Balthasar – neben Karl Rahner – der römisch-katholische Theologe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen ist:

Die alten Mythen sind und bleiben Chiffren und Bilder, rings um das Rätsel des „Daseins zum Tode“ aufgestellt. Auflösen kann die Chiffren nur, wer den Tod von innen her überwindet und die vollendete Endlichkeit ohne Abzug (nicht etwa in einer bloßen „Unsterblichkeit der Seele“) im Ewigen und Endgültigen birgt: Das ist der reale und nicht entmythisierte Sinn der „Aufer­stehung des Fleisches“. Das Ganze, was Mensch ist, kommt, wie geläutert und „destil­liert“ auch immer, ins Heil. Einzig dieses Wort von Gott her macht den Menschen zum Wort, ihm selber verständlich. Liebe drang nur in einzelnen, gleich wieder von schwarzen Schicksalswolken verfinsterten Strahlen durch die alten Mythen hindurch. Und vieles, das meiste vielleicht, war darin verworrene menschliche Liebe, auf die Gottheit hin projiziert (wie beispielsweise Aphrodite) und dann zu Recht von den Philosophen „entmythisiert“. Daher die große Umschulung des Alten Testamentes. Hier wird wahrhaft und endgültig entmythisiert (wie Gerhard von Rad überzeugend gezeigt hat), hier redet endlich der eine lebendige Gott. Er fordert Glaube und Treue, er verheißt endgültige Liebe. Aber erst muß der Mensch verstehen lernen, was in der Wahrheit, in der Endgültigkeit, bei Gott selber Liebe heißt.

Christus als das letzte, notwendig unüberholbare Wort von Gott übersetzt das menschliche Leben in Liebe. Und zwar bis ins letzte und scheinbar Gegensätzlichste. Gerade das Kreuz, gerade die Gottverlassenheit, gerade der Tod in Finsternis ist Liebe. Und besiegt damit alles Schicksalshafte, Verfallene in Leiden und Tod.

Das ist schwer zu glauben, weil es zu schön scheint, um wahr zu sein. Aber Gott ist notwendig unbegreiflich, keine anständige Philosophie oder Religion hat je vorgegeben, Gott zu begreifen, gar einen „Begriff“, gar eine Vorstellung, ein Bild von Gott zu haben. Wenn Gott sich enthüllt, dann muß das in den unzugänglichen Urgründen liegende Unbegreifliche plötzlich überwältigend auf uns zutreten. „Gott ist Liebe.“ Der Grund alles Seins, der Grund auch dieses kaltschnäuzigen, absurden Daseins soll Liebe sein? Lächerlich! Unbegreiflich!

Und doch ist in Christus Gott Mensch geworden, das heißt, die unfaßliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen. Er liebt mich, endgültig in Gott, er stirbt für mich, er holt mich dadurch ins Heil. Das ist die ungeheuerlichste Aufwertung der mitmenschlichen Liebe: in ihr wird künftig das Göttliche anwesend und durchsichtig. In ihr, auf sie hin deutet der Christ die Welt, das Leiden, den Tod. Aber auch die Kultur, die sogenannte Evolution, die freilich auf keiner noch folgenden Stufe diese endgültige Sprache und Gebärde durch etwas Gescheiteres einholen, überholen, ersetzen kann.

Kein weltbedeutendes Wissen, keine Macht, kein technisches Können reicht – wie gesteigert auch immer – an die echte Liebe heran. Wenn die alten Gebärden der Liebe uns heute angeblich nichts mehr sagen, so heißt das nicht, daß man sie durch andere ersetzen soll (wer ersetzt den Kuß?), sondern höchstens, daß die Liebe in uns erkaltet ist.

Aber dahinter bleibt eben nichts mehr. Die Mythen sind im einen Wort integriert; ein zweites solches Wort gibt es nicht.

Der Pfingstgeist geht vom Vater und Sohn aus; das heißt, er bringt uns Gott-den-Urgrund und Gott-in-Weltgestalt zugleich ins Herz. Das Unnahbare und das Mitmenschliche. Beides ist im Geist untrennbar geworden. Was ihr dem Geringsten getan habt, habt ihr mir getan. Geist ist souveräne, freigewordene Liebe. Liebe, die – als die göttliche aber, nicht als unser Gelüst – selbstzwecklich geworden ist.

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Er lehrt uns beten, uns dem väterlich bergenden Schoß des Seins einschmiegen: in Worten, ohne Worte. Er lehrt uns auch, den Weltgestalten nicht grundsätzlich, entmythisierend, zu mißtrauen. Er lehrt uns, „in Tat und Wahrheit lieben“, wo wir leibliche und seelische Not neben uns erblicken. Er befreit uns zum Besten unserer selbst, zu dem wir uns sonst nie entschlossen. Er lehrt den einzig wahren Humanismus. Darin ist er Geist der Wissenschaft vom Wissenswerten.

Hier der vollständige Text als pdf.

„Nein müssen wir sagen in diesen Tagen zu den Terroristen … “ Rolf Hanuschs Predigt über Matthäus 22,1-13 während des Deutschen Herbsts 1977

27. Dezember 2017

Rolf Hanusch

Meine erste Erinnerung an Rolf Hanusch ist Anfang Januar 1982 in Rummelsberg bei meinem ersten Landesjugendkonvent der Evangelischen Jugend in Bayern, wo wir gemeinsam am Bahnhof Ochenbruck auf den Bus warteten, er im Alter meiner Mutter, ich noch 17. Bis 1990 besuchte er als Leiter des Studienzentrums Josefstal regelmäßig die Landesjugendkonvente. Als Leiter der Evangelischen Akademie zu Berlin ist Rolf Hanusch im Februar 2003 verstorben und in seiner Heimatstadt Nördlingen beigesetzt worden. Robert Leicht hatte ihm damals einen trefflichen Nachruf „Ein Mann von Seelenruhe“ geschrieben. Aus Hanuschs Zeit als Studentenpfarrer stammt eine Predigt vom 23. Oktober 1977, die Matthäus 22,1-13 in den Deutschen Herbst spricht:

Da will einer feiern, ist bereit, etwas herzu­geben, will andere beschenken; aber die, die was haben, die Besitzenden, die Geschäfts­leute haben dafür nichts übrig, sie können nur noch haben, nicht mehr sein. Sie sind die Bösen. Andere aber, die, die nichts haben, die auf der Straße sitzen, die können feiern, sich freuen, Mensch sein. Die sind gut. Das Himmelreich wird mit ihnen verglichen. So werden wir alle dereinst in dem neuen Himmel und auf der neuen Erde zusammenleben, neue Menschen sein.

Wir kennen solche Geschichten. Für viele, zumal von den Jüngeren, die in den letzten zehn Jahren sich gesellschaftlich engagieren und lange nicht merkten, daß sie durch die Art ihres Engagement aus der Gesellschaft auszogen, war ein solches Schwarz-Weiß­Denken notwen­dig: Wir stehen auf der richtigen Seite, die Herrschenden, die anderen sind falsch und schlecht. Verfolgt man die Schriften derer, die heute Terroristen genannt werden und von denen drei in diesen Tagen zu Tode kamen, so weicht anfänglich differenzierte Gesellschafts­analyse mehr und mehr militärischem Freund-Feind-Denken. Der Staat und dahinter das Kapital sind die Feinde, und zuletzt werden bestimmte Personen, deren Namen wir alle inzwischen kennen, zu ganz persönlichen Feinden, die man nur noch umbringen muß.

Verrückt und bedrohlich ist aber nun zugleich, daß sich eben dasselbe Denken nur mit ausge­wechselten Feindbildern, als Weiß-Schwarz-, anstelle von Schwarz-Weiß-Denken, in diesen Tagen sprunghaft: ausbreitet. Wir, die Mächtigen, samt allen anständigen Bürgern, sind die Guten, wir bekämpfen und jagen alle Bösen, die Terroristen, ihre Helfershelfer und Sympa­thisanten, und im Zweifelsfall gehört jeder dazu, der nicht ganz auf unserem Stand­punkt auch wirklich steht.

Die Zuspitzung der Ereignisse, die immer bedrückenderen Grausamkeiten, die immer größere Zahl der Toten und der Geiseln und die gewaltige Reaktion vom Staat darauf scheinen nur ein solches Denken zuzulassen. Es ist wohl Schutz vor eigenem Denken, eigener Stellungnahme als Mensch, der Menschen gegenüber, zumal wenn sie Schmerzen haben und sterben, doch auch ganz anderes empfinden kann.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

Hans G. Ulrich – Die Ehe im Zeugnis der Christen und das Recht (aus Confessio Augustana)

27. Dezember 2017

Auch wer Professor Hans G. Ulrichs Einspruch zur „Ehe für alle“ nicht zustimmen kann, sollte sich mit dessen grundlegenden ethischen Argumenten zur christlichen Ehe auseinandersetzen, die dieser in seinem Text „Die Ehe im Zeugnis der Christen und das Recht“ (Confessio Augustana, Nr. 4/2017) zur Diskussion gestellt hat.

EHE UNTER GOTTES SEGEN

Christen bezeugen die Ehe als besondere Lebensform, als in die Geschichte Gottes mit den Menschen eingeschrieben und so auch unter den ausdrücklichen Segen Gottes gestellt. Es ist bedeutungsvoll, dass im Schöpfungsbericht den Menschen gesagt wird, dass ihnen der „Se­gen“ Gottes gilt und sie sich vermehren und die Erde füllen sollen. Es geht nicht um Frucht­barkeit als solche, sondern um diese besondere Bestimmung, mit dem Segen Gottes als Menschheit die Erde zu füllen. Gott will eine Menschheit haben, er will – so wie er eine Schöpfung haben will – mit den Menschen auf Dauer eine Geschichte eingehen. Das wird „säkular“, für diese Welt als „Reproduktion“ verstanden und als solche geschützt.

Hans Jonas hat davon gesprochen, dass wir Menschen ohne den Imperativ „Es soll eine Menschheit sein!“ längst in verantwortungsloser Selbstsucht verloren wären. Wenn heute für das Leben künftiger Generationen geworben wird, so entspricht dies dem besonderen Schutz der Ehe, die Kinder hervorbringt. Es ist der Schutz dieser so bestimmten Lebensform aus diesem besonderen Grund, dass das Leben von Menschen auf dieser Erde weitergehen und weitergegeben werden soll. Ein direkt daran anschließendes Kapitel ist dann konsequenter Weise, inwiefern die eheliche „Reproduktion“ – wenn sie denn so verstanden wird – auch gegenüber „Reproduktionstechniken“ im Blick auf die Wahrung dessen, was „Gezeugt wer­den“, „Geboren werden“, „Elternschaft“ und „Kindsein“ heißt, zu schützen ist.

UMDEFINITION SCHAFFT NICHT GERECHTIGKEIT

Es ist eine Forderung der Gerechtigkeit, dass Gleiches gleich und Analoges analog behandelt wird. So müssen aus Gründen der Gerechtigkeit, verbindliche Formen gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit Rechten versehen werden, die diese als der Ehe analoge und inso­fern auch analog zu schützende Verantwortungsgemeinschaften zur Geltung bringen. Dass sich Lebensgemeinschaften als „gleichgeschlechtliche“ identifizieren, macht den Unterschied zu [36] der Lebensgemeinschaft „Ehe“ aus, die als Reproduktionsgemeinschaft erscheint und deshalb zu schützen ist.

Die Gleichsetzung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit der Ehe, die über ihre gerechte Gleichstellung bei gegebener Verschiedenheit hinausgeht, bedeutet zugleich eine Umdefinition dieser zu schützenden Lebensgemeinschaften. Die Kennzeichnung dieser Le­bensgemeinschaften wird – reduziert – auf ihre „sexuelle“ Bestimmtheit bezogen. So wird auch die „sexuelle Bestimmtheit“, die für die „Ehe“ und die „gleichgeschlechtliche Lebensge­meinschaft“ eine je verschiedene Bedeutung hat, umdefiniert. Die allgemein gefasste so oder so „sexuell“ bestimmte „Lebensgemeinschaft“ wird nun als solche unter die gesetzlich fixierte Norm einer „Ehe“ gestellt, die damit auch faktisch umdefiniert wird. Dies widerspricht jenem Grundsatz, nach dem der Gesetzgeber nicht so definitorisch in die Lebensform von Menschen eingreifen soll, dass er das dem Recht Vorgegebene in seiner Bedeutung verändert. Im Fall dieser Gesetzgebung hat dies nun nach beiden Seiten hin stattgefunden, beide Lebensgemein­schaften sind der gesetzgeberischen Definition unterworfen. Insofern wird der Gesetzgeber zu prüfen haben, ob dies begründbar ist.

Was „Ehe“ heißt, bleibt freilich dennoch unantastbar, sofern eine Umdefinition keine andere Gegebenheit schaffen kann. Dafür steht denn auch die kirchliche Trauung, in der die gegebene und unter Gottes Segen gestellte „Ehe“ immer neu bezeugt wird.

Hier der vollständige Text als pdf.

„Willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst“ – Hans Joachim Iwands Besinnung zur Weihnachtsgeschichte (Lk 2,8-14) von 1939

15. Dezember 2017

Jules Bastien-Lepage – The Annunciation to the Shepherds (1875, National Gallery of Victoria, Melbourne)

Da war Hans Joachim Iwand schon Pfarrer an der Marienkirche in Dortmund, als er 1939 für das Evangelischen Volksblatts für die Ostmark eine Besinnung zur Weihnachtsgeschichte schrieb. Großartig ist es, wie Iwand in der Verkündigung an die Hirten das Evangelium aufzeigt:

Nun seht, so wie der Glanz Gottes die Hirten in dieser Wundernacht um­fing, so umfängt er jeden, dem das Heil widerfährt: als unbegreifliche, überwältigende, unbegründete Gnade. Darum fürchten wir uns – aber Gott sagt: Fürchtet euch nicht! Warum denn nicht? Darum nicht, und zwar ein­zig und allein darum nicht, weil der Heiland geboren ist, der Retter, der Erlöser der Welt. Die Gegenwart Gottes, die uns umfängt, heißt Vergebung, Erlösung, heißt Freundlichkeit und Menschlichkeit. Das Licht, das die Nacht in den Tag wandelt, ist der helle Schein der großen Barmherzigkeit Gottes, der mitten hineinleuchtet in das Dunkel der Welt. Das allein hilft, das hören und das glauben; denn alles andere, was wir oder andere uns sagen, um unser erschrockenes Herz zu beschwichtigen, hilft da nicht. Wir haben Grund genug, uns zu fürchten, wenn wir auf einmal in die Ge­genwart Gottes gestellt werden. Es gibt nur eines, den Menschen dann frei zu machen von der Furcht, sein Herz und Gewissen froh zu machen, das ist diese Kunde: Der Heiland ist geboren. Darum, willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst. Er, Gott selber, legt seinen eingeborenen Sohn in die armselige Hütte der Welt, damit wir in ihm das allzeit gültige Pfand seiner Liebe hätten. Wenn das geschieht, wenn die Gnade Gottes größer wird als die Furcht, wenn uns dies Kind lehrt, wieder zu Gott Vater zu sa­gen – dann, ja dann ist das Wunder der Heiligen Nacht auch bei uns und an uns geschehen.

Es ist seltsam: was die Hirten lernten in dieser einzigen Nacht, lernt mancher sein Leben lang nicht. Er lernt es nicht, trotz Kirchengehen und Bibellesen. Es muß nämlich noch mehr hinzu­kommen, damit wir das ler­nen. Es muß mit der Geburt des Kindes auch in uns der Mensch geboren werden, der wieder glauben, hoffen und anbeten kann. Wie geschieht das? Wenn wir hören, wie die Hirten hörten, und glauben, was die Hirten glaub­ten: Euch ist heute der Hei­land geboren! Auf das Heute kommt es an und auf das Euch kommt es an. Wie es an einer anderen Stelle heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht.« Heute – das heißt: So, wie du bist, so hat dich Gott lieb. Mitten in deine Lage, mitten in deine Not, mitten in deine Bedrängnis sendet er dir den Christus, den Er­löser. Wie mag unser Heute aussehen – das Heute des Kriegsjahres 1939? Gott allein weiß, wie vielfältig sein Gesicht ist. Aber seine Herrlichkeit ist nicht gebunden an Raum und Stätte. Er legt sein Kind in die Hände derer, die heute an unsren Grenzen die Wacht halten, er läßt das »Stille Nacht, Heilige Nacht« erklingen mitten im Kriegsgetümmel, er eint die Herzen derer, die heute getrennt sind, in die­ser Freude und in dieser Gewißheit: Uns ist heute der Heiland geboren. Vom Himmel her kam die Botschaft der Heiligen Nacht; so weit der Himmel reicht, läuft sie auch heute durch die weite, wüste Welt:

Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volke widerfahren soll.
Denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr …

Hier der vollständige Text als pdf.

Jesus Christus – Licht der Welt, wenn du vor unserem Lebenshaus stehst (Offb 3,20)

15. Dezember 2017

Uli Carthäuser / pixelio.de

Jesus Christus –
Licht der Welt.

Wenn du vor unserem Lebenshaus stehst,
erscheint unser Dasein in fahlem Licht,
bedeuten eigene Lebensvorstellungen kein Heil.

Dein Geist führe uns zur Tür des Glaubens,
damit wir uns für dich öffnen:

Unser Leben in dein Licht getaucht
spürt Hoffnung auf,
nimmt Liebe auf,
bleibt von Seiner Treue umhüllt.
Amen.

„Wer würde es wagen, neben ihm eine Ameise zu bemerken“ – Jan Twardowski über Gott und die Welt

14. Dezember 2017
Rossameise

Rossameise (Aufnahme Richard Bartz, Munich)

Die Welt

Gott hat sich verborgen, damit man die Welt sieht
würde er sich zeigen, gäbe es nichts anderes als ihn –
wer würde es wagen, neben ihm eine Ameise zu bemerken
die schöne böse Wespe, die sich emsig tummelt
den grünen Erpel mit den gelben Beinen
den Kiebitz, der seine vier Eier in Kreuzform legt
die Kugelaugen der Libelle, die grünen Bohnen
die Schnecke, die in ihrem Gehäuse den Weg
nach Außen geht und nach Innen
oder unsere Mutter, die bei Tisch vor kurzem noch
den Henkeltopf am drollig langen Ohr hochhob
die Tanne, die keine Zapfen, sondern Schuppen abwirft
all die Leiden auf dieser Erde … und all die Lust
beide tiefste Quellen des Wissens
Geheimnisse, die nicht groß und nicht klein
aber immer anders sind
die Steine, die dem Wanderer die Richtung weisen
die unsichtbare Liebe –
Er verdeckt nichts.

Jan Twardowski

„Ich werde Ihnen nicht mit dem Kaffeelöffel Theologie ins Ohr träufeln“ – Jan Twardowski über seinen Kinderglauben

9. Dezember 2017

Jan Twardowski (1915-2006)

Die Gedichte des polnischen Priesters Jan Twardowski sind Gespräche mit Gott oder Mitmenschen, die dessen Glauben geschöpflich verorten. Hier ein Beispiel:

Eine Klarstellung

Ich bin nicht gekommen, Sie zu bekehren, mein Herr;
im Übrigen sind mir alle alten Predigten entfallen.
Schon lange bin ich ohne jeden Glanz,
wie ein Held in Zeitlupe.
Ich werde Sie nicht langweilen mit Fragen,
wie Sie zum Beispiel zu Merton stehen,
Sie nicht anöden, indem ich auf etwas herumhacke
wie ein Truthahn mit dem roten Punkt auf der Nase.
Ich mache mich nicht schön wie eine Ente im Oktober,
und Tränen zum Eingeständnis aller Schuld
werde ich auch nicht vergießen.
Ich werde Ihnen nicht mit dem Kaffeelöffel
Theologie ins Ohr träufeln.
Ich werde mich einfach neben Sie setzen
und Ihnen mein Geheimnis anvertrauen:
Dass ich, ein Priester, an Gott glaube
wie ein Kind.

Jan Twardowski

„Umkehr ist Freude, Gott recht geben ist Freude“ – Evangelische Metanoia nach Julius Schniewind

6. Dezember 2017
rembrandt-die-rueckkehr-des-verlorenen-sohnes-1669

Rembrandt – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669)

Der Neutestamentler Julius Schniewind (1883-1948) war es, der auf die Missverständlichkeit von „Buße“ aufmerksam gemacht und das Evangelium mit der Umkehr zusammengebracht hat. So heißt es in seinem Vortrag „Evangelische Metanoia“ von 1935:

Wir reden von Metanoia, ausdrücklich und absichtlich nicht von Buße. Das Wort Buße ist nämlich mit Vorstellungen behaftet, die genau an dem vorbeiführen, was die Bibel mit Metanoia meint. Buße heißt in unserer Sprache zunächst soviel wie Strafe. In Süddeutschland ist es noch gebräuchlich, von einer Geldbuße zu reden, wenn man Strafe zahlen muß, und in ganz Deutschland ge­braucht man noch so das Verbum, wenn wir von abbüßen reden: ich mache etwas wieder gut, indem ich es abbüße, indem ich willig die verdiente Strafe trage. Dies Abbüßen und Strafetra­gen hat dann in einer langen Geschichte der Bußdisziplin und der Bußübung in unserer Kirche die uns allen bekannte Form gewonnen: Buße ist Stimmung, Gefühl, Erregt-Sein, Angst; Buße heißt Tränen vergießen – so klingt es weithin durch unser Gesangbuch, so singt es die Arie der Matthäus-Passion, so gestalten es unsere Sitten beim Bußtag, am Karfreitag, am Syl­vester, so bestimmt es unsere Evangelisation. Aber dies alles geht an dem, was die Bibel mit Metanoia meint, noch ganz vorbei. Es kann ja sein, daß es, mehr als man oft denkt, so etwas wie Strafe gibt in unser aller Leben. Aber das Neue Testament ist merkwürdig sparsam im Gebrauch dieses Wortes und ähnlicher Worte; und wenn von Strafe gesprochen wird, so ist gemeint, daß das, was Abfall von Gott heißt, sich bis in die letzten Folgerungen in unserm Leben auswirkt (vgl. Röm 1, 20 ff.). Und es kann wohl sein, daß Umkehr und Buße auch Trauer, ja Tränen bedeutet (vgl. 2. Kor. 7, 9 f.). Aber das ist nur Begleiterscheinung einer bestimmten Wendung auf Gott hin. Die Begleiterscheinung kann völlig fehlen und die Wen­dung doch da sein. Es geht bei der Metanoia um Gott und nicht um Strafe oder Trauer.

Metanoia ist auch weit mehr als „Sinnesänderung“. Diese Übersetzung des griechischen Wor­tes, auf die man sich noch etwas zugute tut, ist einfach falsch. Kein Mensch hat in der Zeit des Neuen Testaments noch an die Etymologie des Wortes Metanoia gedacht, das Wort ist ebenso abgegriffen wie unser Wort Buße. Zudem ist Sinnesänderung etwas viel zu Harmloses, eine Verfälschung der biblischen Metanoia: Wir denken dabei an unsern Sinn, an unsere Psyche; stolz wendet sich der Mensch vom Äußerlichen ab und ändert seinen Sinn. Aber Gott begnügt sich nicht mit unserm Sinn, sondern er fordert die ganze Tat, all unser Tun bis ins kleinste; ja und er fordert auch unsern Sinn, unser innerstes Herz, aber nicht so, daß sich hier ein vortreff­licher, neugesinnter Mensch darstellt, sondern so, daß sich Sinn und Herz wie Tat und Werk zu Gott wenden. Metanoia heißt Wendung zu Gott. […]

Umkehr ist Freude! Bei Jesus ist, nun anders als beim Täufer, der Bußruf schrankenlos Evan­gelium, Freudenwort. Umkehr ist Freude, Gott recht geben ist Freude. Bei den Umkehrenden beginnt die Freude der messianischen Zeit, die Hochzeit, das Freuden-Mahl (Mk. 2, 15 ff.). Es ist Freude, daß von Gott her die Dinge zurecht gebracht werden, die verwirrt und ver­kehrt waren (Lk. 19, 6 ff.). Ja, der Bußruf selbst ist Freude. Die Bergrede, das Bußwort vor allen andern Worten der Bibel, sie ist umschlungen von Freude, sie ist Seligpreisung derer, die nichts haben, die vor Gott arm, niedrig, hungernd sind; die Trauernden und Wartenden werden seliggepriesen. Von da aus erst bekommen all die furchtbaren Worte ihren Klang, die Worte von der Hölle und vom Fluch und von der Schuld: Es gibt ja kein Wort der Spruchreihe von Mt. 5, 21 ff., das nicht den Hörer schrankenlos verurteilte. Zugleich aber klingen all diese Worte aus dem schrankenlosen Ja. Es ist wirklich möglich, daß das Auge ausgerissen wird, daß die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut, daß wirklich vergeben wird, wie der Vater vergibt, daß wirklich Worte geredet werden, die am Jüngsten Gericht bestehen, daß wirklich der Feind gesegnet und nicht verflucht wird: denn die Gotteskindschaft ist jetzt da. Was jeder Jude als ein Postulat, als ein Sein-Sollendes schon kennt, daß jeder einzelne vor Gott steht wie ein Sohn vor dem Vater, es wird hier als Wirklichkeit zugesprochen (Mt. 5, 16. 45. 48). Er, Jesus, der eine Sohn, spricht die Gotteskindschaft zu. Er spricht sie eben denen zu, deren Haß und Argheit nichts verdient hätte als das ewige Feuer, den ewigen Tod (Mt. 5, 45; 7, 11; 5, 21 ff.).

Er spricht den Gewinn des Lebens dem zu, der das Leben verliert (Mt. 16, 25), nein, vielmehr denen, die das Leben verloren haben, deren Leben dem Tod verfallen ist (Mt. 16, 26), für sie aber tritt er ein mit dem Einsatz des eigenen Lebens (Mk. 10, 45). Der selbst vor Gott gering und arm ist (Mt. 11, 29), der selbst ohne Trost, verlassen und hilflos ist (Mk. 14, 32ff.; 15, 34), Er, der Gekreuzigte, er selbst ist der Träger aller Seligpreisungen: der Tröster, der Evan­gelist, der Friedebringer, der eine Sohn. Er selbst ist unsere Umkehr zu Gott.

Hier der vollständige Text als pdf.

 

Das seelsorgerliche Gespräch im Schutzbereich des Namens (Helmut Tacke)

2. Dezember 2017

Abraham als der Empfangende (Wiener Genesis, 6. Jh.)

Im wahrsten Sinne sympathisch ist mir, was seinerzeit Helmut Tacke zur Seelsorge geschrieben hat: „Seelsorge im Namen Gottes eröffnet eine Perspektive, in der grundsätzlich dem um Hilfe ersuchenden Mitmenschen das Wort erteilt wird. Im Schutzbereich des Namens kommt der Seelsorgepartner zu Ehren. Die Struktur der Seelsorge zeigt die Umkehrung dessen, was im Gottesdienst geschieht. Seelsorge ist das Gegenstück der Predigt. Der redende Prediger wird zum hörenden Seelsorger.“ Hier der entsprechende Abschnitt aus seinem Buch „Glaubenshilfe als Lebenshilfe“:

Das seelsorgerliche Gespräch im Schutzbereich des Namens

Von Helmut Tacke

Evangelische Seelsorge geschieht im Namen Gottes. Vom Glanz und dem Schutz dieses Namens ist das Gespräch der Seelsorge von Anfang an umschlossen. Der Name ist die Vor-aussetzung dafür, daß es ohne Angst verläuft. Mitgebracht wird ja nicht nur die Angst des hilfesuchenden Menschen, sondern auch die Angst des Seelsorgers, der sich auf sein Hören und Reden nicht verlassen kann. Die Angst wird relativiert durch die Gegenwart des Namens. Dieser Name ermöglicht Gelassenheit und entkrampft die seelsorgerliche Begegnung. Kein missionarischer Erfolgszwang, kein Bekehrungsmethodismus wird von einer Seelsorge zugelassen, die unter dem Namen Gottes steht. Die Anwesenheit des Namens gibt dem Gespräch uneingeschränkte Freiheit.

Seelsorge im Namen Gottes wird auch Gelegenheit finden, im Gesprächsverlauf diesen Namen auszusprechen. Dann wird erkennbar, daß der Seelsorger nicht im eigenen Namen agiert, sondern die Interessen seines Herrn vertritt. Erkennbar wird zugleich, daß auch der Ge­sprächspartner kein Namenloser ist, denn Gott hat ihn« bei seinem Namen gerufen« (Jes 43,1). Es bedarf keiner künstlichen Transposition vom Weltlichen ins Geistliche, um diesen Namen Gottes ins Gespräch zu bringen. Er will genannt, aber nicht zum Gegenstand theolo­gischer Belehrung gemacht werden. Weil Gott in seinem Namen gegenwärtig ist, bedarf es nicht des Aktes einer seelsorgerlichen Vergegenwärtigung. Wohl aber bedarf die Seelsorge des Namens, denn er verleiht ihr Geistesgegenwart. Wird der Name ausgesprochen, so kom­muniziert er mit den Seelsorgepartnern. Er ist mitbestimmend im Gespräch, ohne es aufzulö­sen oder abzubrechen. Er wird genannt nicht proklamiert. K. H. Miskotte erinnert daran, daß im Alten Testament der Name Gottes nicht »gepredigt« oder »verkündigt« wird, sondern der Name wird »ergriffen, erkannt, erzählt, gefürchtet, gelobt, bekannt, auch wohl gesucht und erwartet«. Dieser Name ist nicht angewiesen auf die Kunst einer seelsorgerlichen Applikation. Er spricht für sich selbst. [77]

Es kann die Schwäche kirchlicher Seelsorge sein, daß sie gern stark sein will an eigener kerygmatischer Aktivität. Seelsorger fungieren oft als Exegeten und Interpreten einer Wirk­lichkeit, die sie für fein halten, so daß sie in der Anstrengung um ihre Vergegenwärtigung dogmatische Monologe führen. Im Namen aber ist Gott selber nahe. Seelsorge im Namen Gottes entlastet das Gespräch vom homiletischen oder katechetischen Lei­stungsdruck, läßt es aber auch nicht zum bloßen Beratungsgespräch im Sinne einer Konflikterhellung bei Assi­stenz von Welterfahrung und Lebenskunst entarten. Ist der Name mit im Gespräch, so gibt er die Freiheit zu einer Sorge um den Men­schen, die keine Grenzen kennt. Zugleich wird dieser Name den Mut zum Glauben wecken.

Evangelische Seelsorge mag sich in ihrer methodischen Durchführung streckenweise nur wenig von ihren säkularen Paralle­len unterscheiden, sie kann aber niemals eine namenlose Seel­sorge sein. Die Gegenwart des Namens Gottes kann sich auf keinen Fall mit einer Praxis verbinden, die den Menschen ma­nipuliert. Im Schutzbereich des Namens gilt dem sorgenden Menschen unerschütterliche Liebe und Geduld. Er hat ein Recht darauf, seine drückende Last abzulegen und auszubreiten.

Seelsorge im Namen Gottes eröffnet eine Perspektive, in der grundsätzlich dem um Hilfe ersuchenden Mitmenschen das Wort erteilt wird. Im Schutzbereich des Namens kommt der Seelsorgepartner zu Ehren. Die Struktur der Seelsorge zeigt die Umkehrung dessen, was im Gottesdienst geschieht. Seelsorge ist das Gegenstück der Predigt. Der redende Prediger wird zum hörenden Seelsorger. So befremdlich dem Predigthörer das Kanzelwort erscheinen mag, so befremdlich kann dem Seelsor­ger die Rede seines Partners klingen. Dann gilt es, sich die­ser befremdlichen Rede auszusetzen. Nichts kann ihre Unterbre­chung oder ihren Abbruch motivieren. Sogar die äußere Vor­aussetzung der Seelsorge ist zumeist konträr zu der des Got­tes­dienstes. Kommen die Menschen zum Prediger, so kommt zu­meist der Seelsorger zu den Menschen. Darin schon gibt sich die spezifisch adressatenorientierte Gestalt der Seelsorge zu er­kennen. Sie verweilt bei dem Menschen. Sie hat kein institu­tionelles Zuhause, sondern ist prinzipiell »unbehaust«, um. dem gefährdeten Menschen desto näher zu sein.

Uhsadel fordert eine Seelsorge, die den Menschen kirchlich in-[79]tegriert und in die Gebor­genheit führte. Die Stunde der Seel­sorge aber könnte eine ganz andere Bewegung notwendig ma­chen. Es könnte die Stunde des »Exodus« sein, die Provokation einer Seelsorge, die diri­gistisch Wege vorschreiben will, auf de­nen die Menschen der kirchlichen Regie unterstellt werden. Demgegenüber muß evangelische Seelsorge sich konsequent am Weg des Evangeli­ums orientieren. Er führt zu dem Armen in vielerlei Gestalt, in die Tiefe des profanen Gelän­des, wo die heimatlosen, ruhelosen und hilflosen Brüder Jesu Christi woh­nen. Dort wird unter dem Schutz des Namens Gottes, der die Stunde der Seelsorge qualifiziert, Trost und Sinnge­bung er­wachsen.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich bestimmte Konsequen­zen, die nicht zuletzt der zer­brechlichen Form des Gesprächs, das in jeder evangelischen Seelsorge das dominierende Ele­ment darstellt, eine erhöhte Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Es ist ein Gespräch unter ungewöhnlichen Voraussetzungen. Von Störungen bedroht, beweist es insgesamt eine Em­pfind­lichkeit, die auf unberechenbaren, spontanen Reaktionen be­ruht. Die Geschichte des seelsorgerlichen Gesprächs ist weit­hin eine Leidensgeschichte. Die grundsätzliche Gleichbe­rech­tigung der Partner wird oft durch ein eingefrorenes Amtsbewußtsein des Seelsorgers unterdrückt. An Offenheit und Flexi­bilität, die nötig sind, um jeder Wendung des Gesprächs gerecht zu werden, ist großer Mangel. Das Gespräch ist bedroht von seiner Entartung zum bloßen Redewechsel. Begründetes Schweigen als konstitutives Gesprächselement weckt allzu leicht eine Nervosität, die keinen Atem hat zum Warten.

Ohne Frage stellt das seelsorgerliche Gespräch an seine Partner hohe Ansprüche. Sie liegen nicht nur in der dialogischen Kunst, alles Reden aus der Stille des Hörens hervorgehen zu lassen und wiederum das eigene Wort für den anderen hörfähig zu machen. Die hohen An­sprüche des seelsorgerlichen Gesprächs betreffen bereits den elementaren, vom Medium Gespräch notwendi­gerweise vorausgesetzten freien Umgang mit dem Wort. Zum Gelingen des Gesprächs bedarf es von vornherein einer gemein­samen Ebene, die der erhofften verbalen Verständigung zur Ba­sis dient. Es bedarf der Fähigkeit zum Ansprechen und Aus­sprechen der eigenen Erfahrungen und Gefühle, die original ar­tikuliert werden müssen, weil es in der Seelsorge keine sche­matisch vorgeformten Ausdruckshilfen, keinen »Beichtspie-[80]gel« und keine Sprachmuster gibt, deren man sich bedienen könnte. Sogar ein biblischer Text ist zu­meist darauf angewie­sen, gesprächsgerecht vermittelt und also nicht nur ausgespro­chen, sondern auch umgesprochen zu werden. Der Wille, das eigene Leid oder das Betroffensein vom Leid des anderen mitzu­teilen, muß die Transformation von überwiegend emotionalen Inhalten in die sprachliche Äußerung vollziehen, – ein Vor­gang, dessen Verwirklichung nur selten gelingt, so daß er auf die Assistenz des schöpferischen Hörens angewiesen ist, weil oft bloße Andeutungen für das Ganze stehen und Unausgespro­chenes entschlüsselt werden muß. Es ist der hohe Anspruch an den Seelsorger, dieses Unaussprechliche zwischen den Worten seines Partners dennoch zu hören und zu verstehen. Anderer­seits besteht für diesen der Anspruch, dem er gerecht werden muß, darin, mit dem Schlüssel des Wortes das Gefängnis seiner seufzenden Gedanken aufzuschließen. Er muß sich äußern, also verbal nach außen bringen, wofür er doch im Grunde keine Worte hat. Ist schon jedes normale Gespräch, dem die Kommu­nikation gelingt, ein kunstvolles Ereignis, so steht die Sonder­form des Seel­sorgegesprächs unter noch größeren Erwartungen. Die Seelsorgepartner kommen einander mit ungewöhnlichen Zumutungen entgegen: um sich durch das Wort zu finden und zu helfen, for­dert jeder den Mut des anderen heraus, den Mut, über Herz und Stimme eine Kommunikation zu schaffen, die als »Notgemeinschaft« unmittelbare Entlastung bringt.

Quelle: Helmut Tacke, Glaubenshilfe als Lebenshilfe. Probleme und Chancen heutiger Seelsorge, Neukirchen-Vluyn 21979, Seiten 77-80.

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