Wer bin ich wirklich? – ein Gebet im Anschluss an Psalm 139

13. Februar 2017

jesu-haende

HERR, mein Gott,
erforsche mich und erkenne mein Herz,
prüfe mich und erkenne meine Gedanken.
Sieh, ob ein gottloser Weg mich verführt,
und leite mich auf ewigem Weg.

Du kennst mich besser als ich mich selbst.
Nimm das Schwache, das Ängstliche in Deinen Blick,
das Selbstbezogene, auch das Zerstörerische,
all das Dunkle in mir, was ich selbst nicht sehen kann
oder aber nicht wahrhaben will.

Sieh mich nicht so, wie ich mich sehen will,
sondern zeige mir, wie ich wirklich bin –
auch wenn es schmerzt.
Entlarve mich – ich vertraue darauf:
Was du aufdeckst in mir,
hat Christus schon angenommen.

Befreie mich von Selbsttäuschungen,
und auch von den falschen Vorstellungen,
die ich von meinem Leben habe.
Erneuere mich durch Deinen Geist,
damit ich der bin, den du so wunderbar
und einzigartig gemacht hast.
Durch Jesus Christus.
Amen.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest“ – Prediger 7,15-18 als Predigtperikope

10. Februar 2017
Pieter Claesz (1597-1660) - Vanitas

Pieter Claesz (1597-1660) – Vanitas

In der Neuordnung der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte der EKD ist für den Sonntag Septuagesimae nunmehr in der sechsten Predigtreihe ein wirklich ungewöhnlicher Text aus dem Prediger (bzw. Kohelet) vorgesehen: „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ (7,15-18). Wer mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Perikopenrevision vertraut ist, weiß, wie der Text aus Erlangen nach Hannover gekommen ist. Friedrich Mildenberger hatte als Professor für Systematische Theologie in Erlangen wiederholt Bezug auf diesen Text genommen, so auch in Band 3 seiner Biblischen Dogmatik (Seite 341f). Hier seine Auslegung der Perikope bei einer gemeindlichen Bibelwoche 1986/87:

Wer es erzwingen will, dem missrät’s (Prediger 7,15-18)

Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Davon war schon die Rede: Recht und Unrecht und Leben und Tod, die lassen sich nicht zusammenbringen. Das gehört zu den schwersten Rätseln, mit denen sich der Prediger herumschlägt – und gewiss nicht nur er. Dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, das muss doch auch heißen: Wer Gutes tut, dem gelingt es im Leben, und wer Böses tut, dem läuft es übel hinaus. So denken wir. Aber was die Erfahrung lehrt, das passt nicht dazu. Es will sich nicht zusammenreimen mit dem, was wir für gut befinden, und haben doch recht damit: Es ist nicht gut, dass dann doch der Gerechte zugrunde geht, und der Gottlose in seiner Bosheit freut sich eines langen und guten Lebens. Wenn Gott gerecht ist, dann darf das nicht sein!

Und was so eine Beobachtung und Frage ist, die wir auch sehr allgemein und bloß in Gedanken erörtern können, das kann einen Menschen dann auch ganz anders auf den Leib rücken. Da hat einer ein rechtes Leben geführt, und hat auch Gott gewiss nicht vergessen. Und dann bricht es über ihn herein: Unglück im Betrieb, oder Krankheit, oder der Tod eines nahen Angehörigen, gar alles dies miteinander: Warum das? Warum muss es gerade mich treffen? Womit habe gerade ich dies alles verdient? Wer kennt diese Frage nicht!

Auch der Prediger kennt diese Frage. Wir wissen, er hat sie hin und her bewegt und nach allen Richtungen gedreht und gewendet, und ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen: Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nicht finden. Gott ist im Himmel und du auf Erden – mehr lässt sich dazu nicht sagen. Und wohl dem, der dabei dann auch bleiben kann: Gott ist im Himmel! Und wirft also sein Gottvertrauen nicht weg, sondern hält es fest, auch wenn er nicht dahinter kommen kann, warum es nun gerade so gut sein soll, wie es gekommen ist. Mehr lässt sich dazu nicht sagen, auch wenn wir gerne gerade hier mehr wissen wollten und uns schwer tun, uns damit zu bescheiden.

Doch eine Folgerung zieht unser Text nun doch aus der Erfahrung, die sich so schlecht mit dem zusammenreimt, was wir für gut und richtig halten: Nicht allzu fromm soll einer sein, und nicht allzu gottlos. Das mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen. Wie kommt der Prediger dazu, gerade diese beiden zusammenzunehmen, den, der es fast schon übertreibt mit seiner Gerechtigkeit und Weisheit, und den anderen, der bloß seine Gottlosigkeit und also Torheit kennt? Sind sie nicht himmelweit voneinander weg?

Sicher sind sie himmelweit voneinander, wenn wir auf das sehen, was jeder über sich selber denkt, der besonders Fromme wie der Gottlose. Aber in einem gehören sie doch ganz nah zusammen: Sie wollen es beide erzwingen, das bessere Leben, das Glück. Dem einen muss es ohne Gott gelingen, und der andere will es gerade mit Gott schaffen. Darin unterscheiden sie sich schon. Aber darin gehören sie zusammen, dass sie es nicht nehmen wollen, wie es kommt. Natürlich kann der Gottlose nicht auf Gott vertrauen, an den er doch nicht glaubt, sondern hält sich an die Meinung: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was herauskommt sieht man! Aber auch der besonders Fromme hat seine Meinung: Übergib dein Leben Jesus, dann wird es dir gelingen, dann wirst du glücklich werden!

Vorsicht! Damit kann sich einer zugrunde richten. So weiß das unser weiser Mann; und der kennt das Leben. Er weiß, dass es da nicht immer so läuft, wie wir das haben wollen. Es glückt nicht immer. Gefährlich sind sie, die Geschichten, die jeder schon einmal gehört hat: Wie Gott, oder wie Jesus seinen Frommen hilft. Im Spätherbst 1945, als es noch gar nichts gegeben hat, habe ich einmal einen Evangelisten gehört: Eigentlich habe er gar nicht zur rechten Zeit da sein können, erzählte er uns. Unterwegs sei ihnen das Benzin ausgegangen. Da habe er sich mit seinem Begleiter an den Straßenrand hingekniet, und sie hätten Jesus um Hilfe gebeten. Noch nicht „Amen“ hätten sie gesagt, da habe ein amerikanischer Jeep gehalten, und der GI habe ihnen aus seinem Reservekanister den Tank gefüllt.

So etwas kann es sicher auch einmal geben, und das imponiert gerade jungen Menschen. Sie wollen es auch erleben, dieses Gelingen, dieses Glück derer, die zu Jesus gehören. Aber dann kommt es anders: Eine Prüfung, ein Examen gelingt nicht. Eine Beziehung zerbricht. Die Gemütskrankheit, die Schwermut oder Depression hört nicht auf, trotz der Entscheidung für Jesus, trotz der Gebete. Es lässt sich nicht erzwingen, was einer gerne hätte, das bessere, das gute Leben. Wie leicht kann es da dann passieren, dass einer sein Vertrauen ganz wegwirft, und im Handumdrehen ist aus dem besonders Frommen ein besonders Gottloser geworden. So kann es leicht kommen. Und das ist gewiss nicht gut. Darum also diese Mahnung, die nur auf den ersten Blick seltsam zu sein scheint.

Der Dichter Eduard Mörike hat das einmal so gesagt, und ist damit nahe bei der Weisheit des Predigers:

Herr, schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Der Prediger Salomo, Erlangen 1988, 91-96.

Hier die Auslegung als pdf.

Johannes Wirsching – Häresie als Glaubensphänomen

9. Februar 2017
Antonius Eisenhoit - Die Göttin Häresie

Antonius Eisenhoit (1553-1603) – Die Göttin Häresie (Kupferstich)

Lesenswert ist immer noch Johannes Wirschings Buch „Kirche und Pseudokirche. Konturen der Häresie“. Darin entschlüsselt er in feinsinniger Weise die häretische Logik eines ideologischen Protestantismus:

„Christusglaube ist Heilsglaube, Rechtfertigungsglaube und darin der Glaube, der empfängt. Glauben heißt, den Gabecharakter des Heils erkennen und in eins damit die gemeinmenschliche Verlorenheit. Zur Vernunft des Glaubens gehört also die Erkenntnis, daß Heil und Sünder zusammengehören und daß Rechtfertigung immer Rechtferti­gung des Gottlosen bedeutet. Gerade hier aber lehnt sich der Häretiker ein zweites Mal auf. Er nimmt Anstoß an der Recht­fertigung des Sünders, das heißt, er stößt sich daran, daß dem Menschen die Entscheidung über sein Heil und damit über die Vollendung seines Menschseins aus der Hand genommen sein soll. Auch der Häreti­ker sieht die göttliche Gnade am Werk, aber sie ist für ihn gerade darin wirklich, daß sie aus einer ,frem­den‘ Gnade zu seiner eigenen werden und sich völlig dem Be­gnadigten überlassen kann. Erst so werde die Gnade das, was sie ist: das ohne Vorbehalt gewährte, wirklich ,radika­le‘ Geschenk, das es dann ebenso radikal zu leben und durchzu­setzen gilt.

Ein Heil aber, das der Häretiker sich selber nicht mehr ver­mitteln zu lassen braucht, kann er auch nicht anders als unver­mittelt zur Geltung bringen. Im Grunde steht er damit außer­halb der Gemeinschaft des Glaubens, sieht sich jedoch — als der wahre Gläubige — erst recht in ihr, um ihr nunmehr vorzuhalten, wie sie verbessert, überboten und vollendet werden muß. Sowohl die gesamtkirchlich vermittelte Heilserfahrung aller Gläubigen als auch die aktuell vermittelte Heilsverkündigung durch Wort und Sakrament werden dem Häretiker auf diese Weise zu Bedingungen oder doch Möglichkeiten der Selbstvermittlung und sind darin paradigmatisch für den Gläubigen schlechthin, das heißt, sie werden zu Legitimationsformen des Heilszwanges. Das Heil des Menschen ist immer schon vermit­telt, es muß nur noch als solches gelebt und — ethisch, sozial, politisch — durchgesetzt werden. Die hierin durchbre­chende Gewaltsamkeit wird ebensowenig empfunden wie die vollen­dete Umkehrung der Gnade in eine Forderung; das gehört zum Wesen häretischen Heilsverständnisses und erinnert an das Rätsel des sogenannten Stürmerspruches. »Bis jetzt wird das Reich der Himmel mit Gewalt erstrebt, und gewaltsam Rin­gende reißen es an sich« (Mt 11,12).“

Das Unterkapitel „Häresie als Glaubensphänomen“ findet sich hier als pdf.

Kleider machen Leute – Vom Christusgewand

8. Februar 2017
Leonardo da Vinci - Gewandstudie für eine knieende Figur

Leonardo da Vinci – Gewandstudie für eine knieende Figur

An Fasching ist es offensichtlich: Kleider machen Leute. Wer verkleidet oder gar maskiert auftritt, ist jemand anderes. In unserer Kleidung steckt mehr als nur Leibesbedeckung oder Wärmeschutz. Mit meiner Bekleidung zeige ich vielmehr an, welches Ansehen ich habe oder aber wie ich von meinen Mitmenschen gesehen werden will. Mitunter gibt es den besorgten Spiegelblick: Wie stehe ich vor Arbeitskolleginnen, dem Chef, den Kunden, den Freundinnen oder dem Ehepartner dar? Mancher Blick scheint trotz unserer Kleidung uns bloßzustellen.

Für Christen gilt es eine besondere Lebenszusage: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Galater 3,27) Christus ist uns als „Taufkleid“ auf den Leib geschnitten. Eine seltsame Vorstellung, und doch lebenstiefe Wahrheit: Sein Leben legt sich um unser Leben – ein unsichtbares Gnadengewand auf unserer Haut, das uns nicht bloßstellt. Mit dieser Kleidung muss ich mich vor niemandem schämen.

Tag für Tag heißt es, dieses Kleid bewusst anzuziehen, um als Christ unseren Mitmenschen gegenüberzutreten. Das Christusgewand prägt uns so wohl innerlich wie auch äußerlich. Dazu schreibt der Apostel Paulus: „Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun die entsprechende »Kleidung« an: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.“ (Kolosser 3,12) Kein nacktes „ich“ mit all seinen Stimmungen und Launen, sondern herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld hüllen mich ein und wirken zugleich auf Menschen um mich herum.

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

„Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen das deutsche Volk noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht spricht.“ – Aus einem Schulaufsatz vom 20. November 1933

6. Februar 2017
Schulaufsatz "Luther und Hitler - ein Vergleich" vom 20. November 1933

Schulaufsatz „Luther und Hitler – ein Vergleich“ vom 20. November 1933

Aufschlussreich ist, wie weit ein völkisches Luther-Bild schon 1933 in der deutschen Bevölkerung verbreitet gewesen ist. So stellt sich ein Schulaufsatz vom 20. November 1933 (einen Tag nach dem „Deutschen Luthertag“) der Themen­stellung „Luther und Hitler – Ein Vergleich”. Darin schreibt der jugendliche Verfasser (mit allen orthographischen und stilistischen Eigenheiten):

„Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen das deutsche Volk noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht spricht. Unser großer Reformator wurde am Ausgang des Mittelalter im thüringischen Lande, in dem Städtlein Eisleben geboren. Beide haben vieles gemeinsam. Luther sagt von sich selbst: ‚Mein Vater, Großvater und Ahnherr sind rechte Bauern gewesen.‘ Auch Adolf Hitler stammt aus bäuerlichem Geschlecht. Also mitten aus dem Volke heraus erstanden sie dem Volke. Darum sind sie fest mit ihrer deutschen Heimat verwurzelt. Jedoch auch ihnen blieb der Kampf ums Dasein nicht erspart. Hitler sowohl wie Luther standen noch schwere Kämpfe bevor. Schon als junger Mann verlor Hitler seine Eltern. Trostlos schaute er in die Zukunft. Es kam der Weltkrieg. Während Hitler gaserblindet im Spital, zu Pasewalk lag, mußte er hören, wie man gegen die Armee redete, und die Juden schon ganze Arbeit gemacht hatten. Die Hoffnungslosigkeit schlug ihn vollends nieder. Um diese Zeit war es Hitler zumute, als müsse er hervorspringen, und den deutschen Arbeiter vertreten. Es ist ihm, als ob seine Stunde geschlagen hätte. Mit 30 Jahren erkennt Hitler sein Ziel. ‚Wenn Gott einem Volke helfen will, so hilft er es [!] nicht durch Worte und Bücher, sondern durch einen Mann, der im Volke emporgewachsen ist.‘ Luther und Hitler sind zwei Männer, von denen die deutsche Geschichte jedes Jahr­hundert nur einen aufweisen kann. Unser Reformator hatte nicht wenigeres zu beste­hen. Was hatte er nicht alles im Kloster erleben müssen! Nur mit dem einen Gedanken beschäftigte er sich Tag und Nacht: ‚Wie werde ich selig?‘ Auch im Kloster erlangte er seiner Seelen Seligkeit nicht. Darum faßte er sich ein Ziel und dieses Ziel hielt er fest, nämlich: der Neubau der Kirche. Beide hatten eine Welt von Feinden. Sie wurden verfolgt und geächtet, verhöhnt und verspottet. Je mehr man sie aber verfolg­te, desto mehr Anhänger bekamen sie. ‚Und wenn die Welt voll Teufel wär,‘ singt Luther in seinem: ‚Ein feste Burg ist unser Gott.‘ Hierdrin kennzeichnet sich der Mut und die Treue Luthers. Furchtlos und beharrlich hielten beide an ihrem Ziele, fest [gestrichen] durch Not und Gefahren hindurch, fest. Luther rechtfertigt sich auf dem Reichstage zu Worms: vor Kaiser und Reich, vor Papst und Kirche. Welch großes Unternehmen! Auch Adolf Hitler fürchtete sich vor Regierung und Festungshaft nicht. Er setzte sein Ziel durch bis zum siegreichen Ende. Was Hitler sich bis jetzt vorgenommen hatt ist ihm gelungen. Es wird ihm auch weiterhin gelingen. Die Weltanschauung Adolf Hitlers führt dahin, daß er eine große Volksgemeinschaft gründen will. Mit Hitler [gestrichen] Luther brach [gestrichen] endete die Zeit des Mittelalters und an ihr setzt sich die Neuzeit. Mit Hitler bricht die alte Weltanschauung, und mit ihm ersteht das dritte Reich. Unser Führer kämpft nicht für sich und seine Ehre, sondern für das deutsche Volk und dessen Ehre.“[1]

[1] Zitiert nach Bernd Sösemann (Hg.), Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur, Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, Bd. 25, Stuttgart 2010, Nr. 1168.

„Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt“ – Von der liberalprotestantischen correctness in Sachen Seelenheil

6. Februar 2017
Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitaler (1530)

Lucas Cranach d.Ä., Das Goldene Zeitalter (1530 – Alte Pinakothek München)

Aufschlussreich ist, was der Historiker Volker Reinhardt im Epilog seines lesenswerten Buchs „Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation“ (CH Beck 2016) in Sachen reformatorische Gegenwartsbedeutung zu schreiben weiß:

„Ist die Vergangenheit, wie sie in diesem Buch geschildert wurde, ebenfalls tot und begraben? Verlautbarungen namhafter Vertreterinnen und Vertreter beider Kirchen legen diese Annahme nahe. Auf der lutherischen Seite ist von dem Prinzip der Rechtfertigung allein durch die Gnade Gottes, sola gratia, der Prädestinationslehre des Kirchengründers, keine Rede mehr. Für heutige Christen ist die Vorstellung, dass der Mensch vor seiner Geburt von Gott zu Heil oder Verdammnis vorherbestimmt sei, unerträglich und gegen jede correctness, also wird diese sperrige Seite ausgeblendet, ja geradezu ins Gegenteil verkehrt: Jede und jeder kommt ins Paradies, wenn sie oder er nur etwas guten Willen mitbringt. Die verschiedenen Demokratisierungswellen des 20. und 21. Jahrhunderts haben das Jenseits erreicht und gleich gemacht. Solche Positionen wären selbst einem Erasmus viel zu weit gegangen. Was Luther von diesem lieben, allzu lieben Gott hielt, der nach dem Vorbild eines gütigen menschlichen Erziehers gedacht war, hat er in seiner Kontroverse mit dem großen Humanisten festgehalten: Eine solche süßliche Vermenschlichung entsprang der superbia, der Selbstüberschätzung des Menschen, der es nicht erträgt, sich selbst zu sehen, wie er ist, nämlich eitel und sündhaft. Zusammen mit der Prädestination scheint Luthers Skepsis gegenüber dem Menschen heute beigelegt zu sein. Sein tiefer anthropologischer Pessimismus ist vom heutigen Luthertum, jedenfalls dem europäischen, in sozialpolitischen Aktionismus, in das Streben nach mehr Gerechtigkeit im Diesseits, umgeschlagen. So achtbar diese Bestrebungen auch sind, mit dem historischen Luther haben sie nichts zu tun. Kurfürst Friedrich der Weise fühlte und dachte sozialer als sein Wittenberger Professor.

Auf diese Weise hat sich das heutige Luthertum, ohne es zu wollen (und vielleicht sogar oft, ohne es zu wissen), katholischen Vorstellungen von der Kooperation des Menschen mit der göttlichen Gnade und sogar der Werkgerechtigkeit stillschweigend angenähert. Selbst in Sachen der letzten Dinge scheinen sich die beiden Konfessionen nicht mehr fern zu stehen. Die Hölle stört, darin stimmen Theologinnen und Theologen beider Seiten überein. Ewige Feuerqualen für Missetäter vertragen sich nicht mit den Maßstäben des liberalen Rechtsstaats. Andererseits sollten Menschheitsverbrecher wie Hitler und Stalin auch nicht auf Wolke sieben schweben. Also denkt man sich das Jenseits der Bösen als das große Nichts, das für asiatische Erlösungslehren das größte Glück ist.“

Gebet zum Anziehen der eigenen Kleidung (Einkleidungsgebet)

5. Februar 2017

 

kleider-auf-bugeln

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

Blaise Pascal – Gebet zu Gott um den rechten Gebrauch der Krankheit (Pensées)

5. Februar 2017

blaise-pascal

Kann man wirklich so gottergeben beten, wie Blaise Pascal (1623-1662) es in seinem“Gebet zu Gott um den rechten Gebrauch der Krankheit“ aus seinen Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets geschrieben hat? Die chronischen Schmerzen scheint er ja wirklich gehabt zu haben:

Zu wem soll ich rufen, Herr,
zu wem meine Zuflucht nehmen,
wenn nicht zu dir?

Alles, was nicht Gott ist,
kann meine Hoffnung nicht erfüllen.
Gott selbst verlange und suche ich;
an dich allein, mein Gott, wende ich mich,
um dich zu erlangen.

Du allein hast meine Seele erschaffen können,
du allein kannst sie aufs neue erschaffen;
du allein hast ihr dein Bildnis einprägen können,
du allein kannst sie umprägen
und ihr dein ausgelöschtes Antlitz
wieder eindrücken,
welches ist Jesus Christus,
mein Heiland, der dein Bild ist
und das Zeichen deines Wesens.

Vater im Himmel,
ich bitte weder um Gesundheit
noch um Krankheit,
weder um Leben noch um Tod,
sondern darum, dass du über meine Gesundheit
und meine Krankheit,
über mein Leben und meinen Tod verfügst
zu deiner Ehre und meinem Heil.

Du allein weißt, was mir dienlich ist.
Du allein bist der Herr,
tue, was du willst.
Gib mir, nimm mir,
aber mache meinen Willen dem deinen gleich.

So gib denn, Herr,
dass ich, wie ich auch sei,
mich in deinen Willen einordne;
und dass ich als Kranker
dich verherrliche in meinen Leiden.
Vereinige mich mit dir;
erfülle mich mit dir und deinem heiligen Geiste.

Gehe ein in mein Herz und in meine Seele,
um meine Leiden darin zu tragen,
damit ich, ganz erfüllt von dir,
nicht mehr selbst es bin, der lebt und leidet,
sondern damit du es bist,
der lebt und leidet in mir,
o mein Heiland!

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht …“ Iwands Predigt über Römer 1,16-17 zum Reformationstag 1944

2. Februar 2017
Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Luther-Denkmal vor der zerstörten Frauenkirche in Dresden

Wie kann man nur in der bombenzerstörten Stadt Dortmund zum Reformationstag 1944 von der Gerechtigkeit Gottes als Freudenbotschaft predigen? Hans Joachim Iwand hat es getan. Seine Predigt erschließt uns auch heute noch, was die Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Jesus Christus zu bedeuten hat:

Das ist die Freudenbotschaft, die in Rom und anderswo, die in dem sich selbst zerfleischenden Europa, die in der ganzen Welt auf den Leuchter muß, daß es Zeit ist, uns Gott zu überlassen, uns richten zu lassen von seiner Gerechtigkeit. Es ist Zeit, daß wir die großen und kleinen Stühle, auf denen wir Menschen Richter spielen, schleunigst verlassen und einer allein den Richtstuhl einnimmt: Gott, und ein Urteil allein gehört und geglaubt und angenommen wird, das Urteil, das Gott in Jesus Christus gefällt hat, daß alle Schuld vergeben ist, daß die Welt geliebt ist, daß die Sünde aufgehoben ist in der Gnade, daß das Gesetz überholt ist vom Evangelium, daß der große Versöhnungstag Gottes angebrochen ist mit uns, mit seinen Fein­den. Eine Bedingung freilich gibt es für diese Gerechtigkeit, ohne die niemand in ihr leben kann: und diese Be­dingung heißt aus Glauben in Glauben. Das bedeutet: wenn du da­von leben willst, dann darfst du nicht versuchen, die ganze Sache wieder umzudrehen. Du bist jetzt von oben gehalten, du bist aus Gnaden gerettet, du bist einfach um Jesu Christi willen freigespro­chen, nun darfst du nicht wieder anfangen, von unten her zu le­ben, von dem, was du vielleicht an Gutem hast und tust, mag das auch sehr viel sein. Wenn dich diese Güte Gottes dazu bringt, nun deinerseits auch anzufangen, gut zu sein, und sein Gebot zu lieben und deinem Nächsten zu vergeben und anderer Leid zu tragen und anderen in der Not zu helfen und Haus und Hof und Tisch und Mahl mit deinen Brüdern und Schwestern zu teilen, — ein Funda­ment deiner Gerechtigkeit, etwas wovon Du leben könntest, ist das nie. Du wirst nur von oben gehalten, du bist nur gerecht, weil Gott dir verzeiht, du lebst nur, mit jedem Atemzug, den du tust, von seiner Versöhnung, von seiner Liebe. Aus Glauben in Glauben, das ist der güldene Ring, in dem Gott dich hält; über den Glau­ben, der zufrieden ist damit, daß Gott ihm vergeben hat, daß Gott uns gut ist, daß Gott mit seinem Richterspruch uns freigesprochen hat, über die­sen Glauben darfst du nie hinauswollen, jedes Dar­über-Hinaus ist ein Sturz in den furchtbaren Abgrund neuer Ungerechtigkeit. Du kannst nur leben an der Hand Gottes und aus der Hand Gottes. Du kannst nur so leben, daß Jesus Christus deine Gerechtigkeit ist und dein Heil und dein neues Sein und dein wah­res Wesen. Und alles, was solch ein Glaube tut, das tust in Wahr­heit nicht du, sondern das tut Christus durch dich.

Hier der vollständige Text der Predigt.

Goethe zum Reformationsjubiläum: „Nach und nach werden wir aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen“

30. Januar 2017
Carl Gustav Carus: Allegorie auf Goethes Tod, nach 1832

Carl Gustav Carus –  Allegorie auf Goethes Tod (nach 1832)

So lässt es sich feiern – die Reformation vor 500 Jahren als kulturgeschichtliches Ereignis, in dem sich der aufgeklärt religiöse Mensch auch heute noch sonnen kann. Kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe hat 1832 im letzten der Gespräche mit Eckermann das zur Sprache gebracht:

„Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation im allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind infolge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. Wir haben wieder den Mut, mit festen Füßen auf Gottes Erde zu stehen und uns in unserer gottbegabten Menschennatur zu fühlen. Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, – über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen!

Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen. Sobald sie sich von der immer weiter um sich greifenden großen Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen, müssen sie nach, sie mögen sich stellen, wie sie wollen, und es wird dahin kommen, daß endlich alles nur Eins ist.

Auch das leidige protestantische Sektenwesen wird aufhören, und mit ihm Haß und feindliches Ansehen zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester. Denn sobald man die reine Lehre und Liebe Christi, wie sie ist, wird begriffen und in sich eingelebt haben, so wird man sich als Mensch groß und frei fühlen und auf ein bißchen so oder so im äußeren Kultus nicht mehr sonderlichen Wert legen.

Auch werden wir alle nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen.“