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Alfons Deissler – Die theologische Botschaft des Jonabuchs (als Vorbereitung zur Predigt über Jona 3,1-10)

24. Juni 2017

Die gesamte Geschichte des Propheten Jona in einem Bild (Holzschnitt aus der Luther-Bibel 1545) – Links am Rand: Gottes Befehl an Jona zur Predigt in Ninive (Jon. 1,1-2). In der Mitte: Jona auf der Flucht vor Gott (Jon. 1,3). Rechts: Die Schiffer werfen das »Gerät« im Sturm über Bord, um das Schiff zu erleichtern (Jon. 1,5); Jona wird ins Meer geworfen, wo ihn der Fisch verschlingt (Jon. 1,15; Jon. 2,1). Links unten am Rand: Der Fisch speit Jona aus (Jon. 2,11). Links oben: Ninive (mit einer großen Kathedralkirche) und die Predigt des Jona (Jon. 3,1 ff.). Im Hintergrund in der Mitte: Jona in der verdorrenden Kürbishütte und Gott in der Wolke (Jon. 4,5-11).

Was „kritische“ Schriftexegese positiv zum Verständnis eines biblischen Buches im Sinne des göttlichen Wortes beitragen kann, zeigt der Kommentar zum Buch Jona (Neue Echter Bibel) aus der Feder des verstorbenen katholischen Professors für alttestamentliche Theologie Alfons Deissler (1914-2005). Als theologische Botschaft dieses Buches fasst er zusammen:

Jona ist durch und durch theozentrisch. Der Hauptakteur ist JHWH selbst, so daß man dem Buch die Überschrift geben könnte: »Die Geschichte JHWHs mit seinem Propheten Jona.« Jona ist dabei ein Partner JHWHs, der dem Ideal eines Propheten nicht entspricht. Er hat nicht nur einige Schwierigkeiten mit seinem Gott wie Mose und vorab Jeremia, sondern er leistet fundamental und durchhaltend Widerstand gegen seinen Sonder­auftrag für Ni­nive. Er will seinem Gott aufzwingen, nur für Israel ein gnädiger und barm­herziger Bundesgott zu sein und über die Israel feindselige Völkerwelt nur als ein strenger Gott der vergeltenden Gerechtigkeit zu walten. Jona ist dabei gewiß auch als Repräsentant bestimmter und vielleicht auch bestimmender Kreise in der nachexilischen JHWH-Gemeinde anzusehen. Gegen solches die JHWH-Offenbarung ver­engendes, ja verstellendes Denken und Wünschen muß der inspirierte Verfasser des Jonabuches aufstehen, und er tut es sichtlich mit Mut und beredter Zunge. Auf ihn und nicht auf Jona kann darum das Michawort (3,8) vom wahren Propheten Anwendung finden.

Das Erwählungsprivileg Israels wird vom Autor des Buches nicht in Frage gestellt, aber daß man es ausspielen könnte gegen die Souverä­nität des Waltens Gottes an den Völkern, wie Jona es tut, wird nicht einmal im Angesicht der »bösesten« aller Städte und Mächte toleriert. Das Jonabuch steht mit dieser Verkündigung vom universalen Heilswillen JHWHs nicht allein. Schon die Vätergeschichte hat in Gen 12,3 den Ausgriff Gottes nach Abraham als Vorgriff auf die Völkerwelt er­klärt. In der Exilszeit haben Deutero-Jesaja und insbesondere die JHWH­-Knecht-Lieder Israel mit einem allumfassenden Heilshorizont konfrontiert. Dem entspricht Mal 1,11; Jes 19,16-25, ein Text aus der Epoche des Jonabuches, verheißt einen gemeinsamen Gottesbund zwischen Ägypten, Assur und Israel. In seiner diese Verkündigung aufnehmenden und in einer »theologia narrativa« entfaltenden Bot­schaft stößt das Buch Jona vor bis zur Grenze und zugleich Erfüllung des JHWH-Israel-Bundes in Jesus, dem Christus, in welchem die be­sondere Heilsgeschichte Gottes mit Israel auf die ganze Menschen­welt hin entgrenzt wird. Unser Buch bereitet die Verkündigung Jesu von der abgründigen Barmherzigkeit des göttlichen Vaters vor, die sich insbesondere an allen Sündern, welche es auch seien, als heil­schaffend erweisen will.

Hier der vollständige Text des Kommentars als pdf.

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Alfons Deissler – Die Bibel Israels kommentiert nicht bloß die Geschichte des „Bundes Got­tes“ in vorchristlicher Zeit …

3. Juli 2015

Altes Testament

Nachdem Notker Slenczka die Kanonizität des Alten Testaments für die Kirche hinterfragt hat, wird öffentlich diskutiert. Eine prägnante Begründung dafür, warum das Alte Testament unverzichtbarer Teil des Kanons der Kirche Jesu Christ ist, hat der verstorbene katholische Alttestamentler Alfons Deissler (1914-2005) in seinem Artikel „Altes Testament“ im Praktischen Lexikon der Spiritualität geliefert. So schreibt er:

Das Neue Testament setzt z. B. die Schöpfungstheologie des Alten Testaments voraus und stellt sie nur in einen von der Christologie neu er­öffneten Verständnishorizont. Auch die Gottesbotschaft, wie sie insbeson­dere von den Propheten im Botenstil (JHWH spricht dabei im „Ich“!) ver­kündet wurde, stellt für die neubundliche Gottesbotschaft Jesu und der Apo­stel den beständig durchscheinenden Hintergrund dar. Dazu kommt, dass die wesentliche Willensoffenbarung Gottes im Neuen Testament rezipiert und damit be­stätigt wird (Dekalog, Gottes- und Nächstenliebe). Gewiss ist das Alte Testament von sich selbst her eine Gottesoffenbarung in einem langen Werdeprozess (revelatio in fieri), aber die auch das Neue Testament ent­scheidenden Themen werden in ihm nicht nur „gezeugt“, sondern zu einem guten Teil bereits „geboren“ (vgl. z. B. den transzendentalen Monotheis­mus, die bundeswillige engagierte Zukehr Gottes zu Welt und Mensch, das eschatologische Königtum JHWHs). Die Bibel Israels kommentiert nicht bloß die Geschichte des „Bundes Got­tes“ in vorchristlicher Zeit, sie ist selbst ein „Gotteswerk“ in dieser Heilsge­schichte. Diese selbst ist mehr als nur „Vorgeschichte“. Die Propheten ha­ben Israel auf eine Waagschale ge­stellt, die über Tod und Leben des Gottesvolkes entschied. Dies weist aus: der Weg JHWHs mit Israel ist ein wirklicher Weg, ist bereits „Bundesgeschichte“ im vollsten Sinne des Wor­tes.

Der vollständige Text findet sich hier: Deissler – Altes Testament (PLS)