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„Es war ein einmal“ – Ein Altersgedicht von Rudolf Bultmann (1975)

19. Mai 2017

Dem letzten Brief Rudolf Bultmanns (1884-1976) an Martin Heidegger (1889-1976) vom 20. September 1975 lag folgendes Gedicht bei – Bultmann von seiner theologiefreien Seite:

»Es war einmal«

»Es war einmal«, so pflegt das Märchen zu beginnen.
In diesem Satz entsteht das Wissen um die Zeit.
Was einmal war, – es ist ja jetzt von hinnen,
Verschlungen ist’s von der Vergangenheit.
Was kommen wird, die Zukunft wird es bringen
So kann das Märchen vom Vergangenen nur singen.
Doch ist im Märchen noch das Wissen nicht entfaltet,
Denn auch das Künftige wird in ihm gestaltet:
In Phantasien mit alten Bildern von Königen und von Megären,
Von Hexen, Zauberern, die uns am Leben zehren.
Doch solcher – Phantasien – Chor
Schwebt heut‘ nicht unsern Augen vor.
Doch ist die Zeit, in der wir heute leben,
mit unserm Planen und Bestreben
Von Märchen wirklich frei? Nein nie!
Nur heißt das Märchen jetzt Ideologie.
Drum frage jeder sich: bist du bereit
Für eine zukunftsreiche offne Zeit?

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Gebet im Alter

26. August 2016
Rembrandt - Alter Mann im Gebet

Rembrandt – Alter Mann im Gebet

Jesus Christus,
Du Heiland, mein Lebensmeister,
Dir vertraue ich mich an.
Was du für mich im Alter,
ja auch im Sterben vorsiehst,
weiß ich nicht zu begreifen.
Manches macht mir Angst.
Guter Hirte,
führe mich hinaus
aus meiner Verzagtheit,
auch aus hoffnungsloser Gewohnheit.
Schaffe mir Raum beim Vater,
wo ich mich im Glauben an dich
wie ein kleines Kind bergen kann.
Amen.

Gotteskinder werden nicht erwachsen

20. April 2015
nolde_kinder

Emil Nolde, Christus und die Kinder (Gemälde 1910, The Museum of Modern Art, New York )

Als Jugendlicher konnte man es kaum erwarten erwachsen zu werden – ein selbstbestimmtes Leben voller eigener Möglichkeiten stand vor Augen. Mit zunehmendem Alter sieht die Realität des Erwachsenseins anders aus. Was man im Leben erreicht hat, will bewahrt werden. So verläuft das Leben oft auf eingefahrenen Gleisen; wer kann sich eigene Freiheiten so einfach herausnehmen?

Im Glauben sieht das Leben anders aus, wenn Christen mit kindlichem Vertrauen beten: „Unser Vater im Himmel …“ Gottesglaube ist Kinderglaube. Ja, das kann missverständlich klingen – klein gehalten, infantil … Doch für Christen gilt ein besonderes Kindsein, nicht kindisch, sondern kindlich. Im Glauben an Jesus Christus sind wir mündige Gotteskinder: „Weil ihr nun seine Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt. Der ruft: ‚Abba, Vater‘! Du bist also kein Sklave mehr, sondern ein mündiges Kind. Wenn du aber Kind bist, dann bist du auch Erbe. Dazu hat Gott dich bestimmt.“ (Galater 4,6f) Mündige Kinder Gottes kommen beim himmlischen Vater selbst zu Wort. Sie schlucken nicht, sondern beten. Für unser Leben gibt es ein Versprechen, wie es nur eigenen Kindern zusteht: In Christus sind wir Erben göttlichen Lebens.

Wo ich alles selbst bestimmen will, muss ich mich selbst am Leben halten. Mit zunehmendem Alter können sich eigene Zukunftsängste einstellen: Was hat man nicht alles zu verlieren. Christlicher Gottesglaube hingegen ist mündiger Kinderglaube: „Ihr seid jetzt nämlich alle Kinder Gottes – weil ihr durch den Glauben mit Christus Jesus verbunden seid.“ (Galater 3,26) Gotteskinder leben nicht hoffnungslos selbstbestimmt, sondern christusbestimmt. Wider aller Biologie und Generationenfolge werden Gotteskinder nicht erwachsen, weil sie nicht der göttlichen Fürsorge entwachsen können. Da sind dann Eltern den eigenen Kindern Geschwister im Glauben.

So lassen sich Jahr für Jahr Kindergeburtstage feiern, ohne dass dabei das eigene Alter triumphal aufgezählt wird. Wir dürfen lebenslang Gottes Kindsköpfe bleiben. Todernst muss es nicht zugehen, eher unbedarft, mitunter spielerisch-spontan. Wir sind noch nicht fertig mit uns selbst. Unser körperlicher und seelischer Zustand ist bei Gott nicht lebensentscheidend. Was zählt ist seine Annahme. In der Taufe sind wir in das Christusgedächtnis hineingenommen; und dieses göttliche Gedächtnis zählt für uns auf Ewigkeit.