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Hermann Diem – Wider das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung. Offener Brief an Landesbischof D. Meiser (Osterbotschaft 1943)

13. Mai 2017

Hermannn Diem (1900-1975) als Pfarrer in Ebersbach an der Fils (1935)

Hermann Diem hatte für den Münchener Lemppschen Kreis um Ostern 1943 eine Denkschrift (Osterbotschaft Münchner Laien) entworfen, die als Grundlage für einen öffentlichen Protest der Kirche gegen die Morde an Juden dienen sollte und dazu dem bayerischen Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) vorgelegt wurde. Meiser lehnte deren Veröffentlichung ab, so dass sie vom Schweizer evangelische Pressedienst im Juli 1943 veröffentlicht worden ist. Der Elberfelder Pfarrer Helmut Hesse (1916-1943) übernahm Teile der Denkschrift in seine Predigt bei einem Bekenntnisgottesdienst im Juni 1943 und bezahlte dafür mit seinem Leben: Er wurde mit seinem Vater verhaftet und starb im November 1943 im Konzentrationslager Dachau an Niereninsuffizienz, weil man ihm lebenswichtige Medikamente verweigert hatte. Die Denkschrift ist in ihrer israeltheologischen Diktion und als christliches Zeugnis gegen die nationalsozialistische Judenvernichtung beachtenswert:

Wider das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung. Offener Brief an Landesbischof D. Meiser, 1943

Hochwürdiger Herr Landesbischof!

Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, daß die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt. In der Kirche des Evangeliums sind alle Gemeindeglieder mitverantwortlich für die rechte Ausübung des Predigtamtes. Wir wissen uns deshalb auch für sein Versagen in dieser Sache mitschuldig. Der zur Zeit drohende nächste Schritt: die Einbe­ziehung der sog. „privilegierten“ Juden in diese Verfolgung unter Aufhebung der nach Gottes Gebot gültigen Ehen mag der Kirche die Veranlassung geben, das durch Gottes Wort von ihr geforderte Zeugnis abzulegen gegen diese Verletzung des 5., 6., 7., 8., 9. und 10. Gebotes und damit endlich das zu tun, was sie längst hätte tun müssen.

Was uns treibt, ist zunächst das einfache Gebot der Nächstenliebe, wie es Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ausgelegt und dabei ausdrücklich jede Einschränkung auf den Glaubens-, Rassen- oder Volksgenossen abgewehrt hat. Jeder „Nichtarier“, ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland der „unter die Mörder Gefallene“, und wir sind gefragt, ob wir ihm wie der Priester und Levit, oder wie der Samariter begegnen.

Von dieser Entscheidung kann uns keine „Judenfrage“ entbinden. Vielmehr hat die Kirche bei diesem Anlaß zugleich zu bezeugen, daß die Judenfrage primär eine evangelische und keine politische Frage ist. Das politisch irreguläre und singuläre Dasein und Sosein der Juden hat nach der Heiligen Schrift seinen alleinigen Grund darin, daß dieses Volk von Gott als Werk­zeug seiner Offenbarung in Beschlag genommen ist.

Anfang der von Hermann Diem maschinengeschriebenen Osterdenkschrift (© Landeskirchliches Archiv Stuttgart, D1/108)

Die Kirche hat daher allen Juden unermüdlich zu bezeugen, so wie es die ersten Apostel – nach Golgatha! – getan haben: „Euch zuvör-[109]derst hat Gott auferweckt seinen Knecht Jesus und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, daß ein jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit“ (Acta 3,26). Dieses Zeugnis kann die Kirche nur dann für Israel glaub­würdig ausrichten, wenn sie sich zugleich um den „unter die Mörder gefallenen“ Juden annimmt.

Sie hat dabei insbesondere jenem „christlichen“ Antisemitismus in der Gemeinde selbst zu widerstehen, der das Vorgehen der nichtchristlichen Welt gegen die Juden, bzw. die Passivität der Kirche in dieser Sache mit dem „verdienten“ Fluch über Israel entschuldigt und die Mah­nung des Apostels an uns Heidenchristen vergißt: „Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, daß er vielleicht dich auch nicht verschone“ (Röm 11,20f).

Dem Staat gegenüber hat die Kirche diese heilsgeschichtliche Bedeu­tung Israels zu bezeugen und jedem Versuch, die Judenfrage nach einem selbstgemachten politischen Evangelium zu „lösen“, d. h. das Judentum zu vernichten, aufs äußerste zu widerstehen als einem Versuch, den Gott des 1. Gebotes zu bekämpfen. Die Kirche muß bekennen, daß sie als das wahre Isra­el in Schuld und Verheißung unlösbar mit dem Judentum verknüpft ist. Sie darf nicht länger versuchen, vor dem gegen Israel gerichteten Angriff sich selbst in Sicherheit zu brin­gen. Sie muß vielmehr bezeugen, daß mit Israel sie und ihr Herr Jesus Christus selbst bekämpft wer­den.

Das Zeugnis, das der Kirche durch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter geboten ist, wird also durch die „Judenfrage“ nicht etwa suspendiert. Das Phänomen der Juden, an denen sich die prophetische Weissagung erfüllt, „daß sie sollen zum Fluch, zum Wunder, zum Hohn und zum Spott unter allen Völkern werden“ (Jer 29,18), be­zeugt aller Welt den Gott des 1. Gebotes, der durch sein Handeln an Israel seinen Herrschaftsanspruch an die Völker kundtut. Dieses Phänomen hat die Kirche zu interpretieren. Sie hat also durch ihre Ver­kündigung dafür zu sorgen, daß die Regierenden diesem Zeugnis nicht auszuweichen versuchen durch Beseiti­gung dieses Phänomens. Das tut sie durch die Verkündigung des Evangeliums von dem Gott, der Israel und uns „aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt hat“ (2. Mose 20,2) und trotz aller Untreue der von ihm aus Juden und Heiden Erwählten seinem Bund treu bleibt. Sie bezeugt damit den Regierenden, daß diese allein durch den Glauben an Jesus Christus frei werden können von der Dämonie ihres politischen „Evangeliums“, das sie in ihrer durch kein Gesetz Gottes begrenzten Besessenheit verwirklichen wollen. [110] Die Kirche hat also den Regierenden für ihr Verhalten gegen Israel nicht nur die Gebote der 2. Tafel zu predigen, sondern zugleich zu bezeugen, daß diese Predigt durch das 1. Gebot gefordert ist und daß die Regierenden nur im Gehorsam gegen den Gott des 1. Gebotes ihr Amt recht ausrichten, d. h. das Gesetz recht handhaben können.

Das Zeugnis der Kirche gegen die Judenverfolgung in Deutschland wird so zu einem mit besonderem Gewicht ausgestatteten Sonderfall des der Kirche gebotenen Zeugnisses gegen jede Verletzung der 10 Ge­bote durch die staatliche Obrigkeit. Sie hat im Namen Gottes – also nicht mit politischen Argumenten, wie das ab und zu schon geschehen ist – den Staat davor zu warnen, daß er „den Fremdlingen, Witwen und Waisen keine Gewalt tut“ (Jer 7,6), und ihn zu erinnern an seine Aufgabe einer gerechten Rechtsprechung in einem ordentlichen und öffent­lichen Rechtsverfahren aufgrund humaner Gesetze, an das Gebot der Billigkeit im Strafmaß und im Strafvollzug, an seinen Rechtsschutz für die Unterdrückten, an die Respektierung gewisser „Grundrechte“ seiner Untertanen usw.

Dieses Zeugnis der Kirche muß öffentlich geschehen, sei es in der Predigt, sei es in einem besonderen Wort des bischöflichen Hirten- und Wächteramtes. Nur so kann es seine Aufgabe erfüllen, allen denen, die legislativ oder exekutiv an dieser Verfolgung mitwirken, und zu­gleich den betroffenen Juden und der in ihrem Glauben angefochtenen christ­lichen Gemeinde die schuldige Unterweisung der Gewissen zu geben. Alles, was bisher von der Kirche in Deutschland in dieser Sache getan wurde, kann nicht als ein solches Zeugnis gelten, da es weder öffentlich geschah noch inhaltlich der Aufgabe des Predigtamtes in dieser Sache gerecht wurde.

Wenn wir uns an Sie wenden, hochwürdiger Herr Landesbischof, da­mit Sie das der Kirche gebotene Zeugnis veranlassen, so bitten wir Sie dringend: Sehen Sie in unserem Schritt nicht nur eine jener Mahnungen zu kräftigerem Reden, denen Sie aufgrund der größeren Übersicht, die Sie durch Ihr hohes Amt haben, allerlei Erwägungen der Zweckmäßig­keit eines solchen Schrittes im Blick auf die möglichen Folgen nicht nur für die Kirche, sondern auch für die betroffenen Juden selbst entgegenstellen könnten. Es geht uns nicht um Komparative. Wir meinen auch jene Folgen schon selbst soweit bedacht zu haben, als dies erlaubt und geboten ist. Aber es geht uns um etwas anderes:

Als lutherische Christen wissen wir mit Artikel V des Augsburgischen Glaubensbekennt­nisses, daß wir ohne das Predigtamt der Kirche nie [111] zum Glauben kommen können. Darum treibt uns neben dem Mitleid für die Verfolgten die Angst, das Predigtamt unserer Kirche könne durch sein Schweigen sein Dasein sichern wollen um den Preis, daß es dafür seine Vollmacht und Glaubwürdigkeit zu binden und zu lösen verliert. Und damit wäre alles verloren – mit der Kirche wäre auch unser Volk verloren.

München, an Ostern 1943

Quelle: Hermann Diem, sine vi – sed verbo. Aufsätze, Vorträge, Voten, hrsg. v. Uvo Andreas Wolf, TB 25, München: Chr. Kaiser 1965, 108-111.

Hier Diems Text als pdf.

 

Mit Bonhoeffer kann es nur heißen: Abschaffung der Kirchensteuer

17. April 2015

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Dietrich Bonhoeffers Worte aus dem Tegeler Gefängnis vor mehr als 70 Jahren haben nichts an ihrer Provokation für die evangelischen Landeskirchen verloren:

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muß sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, evtl. einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muß den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, »für andere dazusein«. Speziell wird unsere Kirche den Lastern der Hybris, der Anbetung der Kraft und des Neides und des Illusionismus als den Wurzeln alles Übels entgegentreten müssen. Sie wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen. Sie wird die Bedeutung des menschlichen »Vorbildes« (das in der Menschheit Jesu seinen Ursprung hat und bei Paulus so wichtig ist!) nicht unterschätzen dürfen, nicht durch Begriffe, sondern durch »Vorbild« bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.“ (Widerstand und Ergebung, Neuausgabe, München 1970, Seite 415)

Der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm kann sich in seiner Predigt zum 70. Todestag von Dietrich Bonhoeffer dessen Kirchenkritik nicht wirklich stellen und führt dazu aus:

„Es gibt überzeugende Gründe dafür, dass wir als Kirche heute gut organisiert sind: Pfarrerinnen und Pfarrer sind nach in der Synode intensiv diskutierten Stellenplänen übers Land verteilt. Die durch Kirchensteuer eingenommenen Gelder werden nach haushaltsrechtlich verlässlich eingespielten Verfahren und durch Beschluss von Synoden für viele sehr segensreiche Dinge eingesetzt. Eine Pauschalkritik solcher eingespielter Prozesse scheint zwar zunächst den radikalen Geist des Evangeliums zu atmen. Aber wer sich klarmacht, wieviel Segensreiches zerstört würde, wenn man dieser Kritik einfach folgen würde, der wird ihr mit einer gewissen Zurückhaltung begegnen.“

Meine Kritik an der Kirchensteuer versteht sich nicht als „Pauschalkritik“, sondern als Evangeliumskritik, die auf notwendige, längerfristige Kirchenreformen auch im Sinne Dietrich Bonhoeffers dringt (hier zum Nachlesen: Teuffel – Lackmustest evangelischer Freiheit (Zeitzeichen). Bedford-Strohms „öffentliche Theologie“ im Gewand einer geldsegensreichen „Volkskirche“ kann nicht wirklich das Erbe Bonhoeffers beanspruchen. Kritik an der Kirchensteuer bleibt weiterhin amtskirchliches Tabu mit höchsten EKD-Weihen.

Hermann Diem – Der Kampf der Bekennenden Kirche

23. August 2014
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Hermann Diem (1900-1975) als Rektor der Universität Tübingen 1964/65

Eine bestechende Diagnose der kirchlichen Situation während des Nationalsozialismus bietet das Rundfunkgespräch mit Hermann Diem (1900-1975), württembergischer Gemeindepfarrer und Vorsitzender der Württemberger Kirchlich-Theologischen Sozietät, im Februar 1946. Seine theologischen Anfragen an die verfassten Landeskirchen haben immer noch Gültigkeit, so wenn er unter anderem fordert: „Sie [die Kirchen] müßte jetzt freiwillig auf das staatliche Steuerrecht und den Gerichtsvollzieher verzichten und sich auf die finanzielle Bei­steuer ihrer Glieder als ein freies Opfer des Glaubens verlassen.“

Der Kampf der Bekennenden Kirche

Gespräch mit Pfarrer Hermann Diem im Radio Stuttgart, 24. Februar 1946

Frage: Das wohlwollende Interesse, das der evangelischen Kirche heute in der Öffentlichkeit entgegengebracht wird, beruht [162] zweifellos auf den Sympathien, die sie sich durch ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus weit über ihren eigenen Kreis hinaus erworben hat. Können Sie uns sagen, was als der wesentliche Ertrag dieses Kampfes anzusehen ist?

Antwort: Die Bekennende Kirche hat nach zwei Fronten ge­kämpft, einmal gegen den Einbruch der nationalsozialistischen Fremdherrschaft in die Kirche, zugleich aber, was in der Öffentlichkeit weniger bekannt war, gegen die alte Behördenkirche. Heute sieht jedermann ein, daß der Kampf gegen den äußeren Gegner nur mit dem endgültigen Verschwinden entweder der Kirche oder des nationalsozialistischen Staates enden konnte. Das war aber wäh­rend des Kampfes längst nicht allen Beteiligten ebenso einsichtig wie heute. Weite Kreise in der Kirche rechneten lange Zeit mit der Möglichkeit, mit dem nationalsozialistischen Staat zu einem erträglichen Verhältnis zu kommen, oder arbeiteten wenigstens praktisch darauf hin. Ihr Ziel war deshalb zunächst auch nur, die staatlichen Eingriffe in die Kirche abzuwehren. Nur langsam und zögernd wurden die Ziele weitergesteckt. Die Kirche wehrte sich allmählich nicht mehr bloß in eigener Sache, sondern ging dazu über, das Handeln des Staates in dessen eigenem Bereich anzugreifen. Wel­chen Ertrag dieser Kampf für die Kirche selbst hatte, hängt davon ab, was bei der gleichzeitigen inneren Auseinandersetzung mit der alten Behördenkirche herausgekommen ist.

Hermann Diem im Gespräch mit Karl Barth

Karl Barth im Gespräch mit Hermann Diem

Frage: Um was ging es bei dieser Auseinandersetzung inner­halb der Kirche selbst?

Antwort: Es war allen Einsichtigen klar, daß der National­sozialismus der Kirche nur darum hatte so gefährlich werden kön­nen, weil diese selbst ihrer Sache nicht mehr sicher war. Jetzt räch­ten sich die Sünden des 19. Jahrhunderts, das die Bindung der Kirche an ihre Grundlagen der Lehre und Verkündigung fast völlig aufgelöst hatte. In der Verkündigung der Kirche herrschte die menschliche Willkür, die nur noch durch eine bürokratische Ordnung in Schranken gehalten wurde. Vor allem rächte sich jetzt, daß die Kirche nach 1918 die Gelegenheit versäumt hatte, sich innerlich zu konsolidieren und auf eigene Füße zu stellen. Sie hatte selbst lange genug darunter gelitten, daß ihre enge Verbundenheit mit den herrschenden politischen Mächten ihr das unüberwindliche Mißtrauen eines sehr großen Teiles des Volkes eingetragen hatte. Als aber nach der Revolution von 1918 der Kirche die Möglichkeit gegeben war, dem mißtrauischen und ablehnenden Teil des Volkes, insbesondere auch der Arbeiterschaft, in offener Auseinanderset-[163]zung zu begegnen und die wirkliche Kraft ihres Evangeliums aufs neue zu bewähren, nahm sie diese Gelegenheit nicht wahr. Sie begab sich vielmehr gegenüber der in Bewegung geratenen Welt in eine ausgesprochene Abwehrhaltung. Mit Hilfe des »Evangeli­schen Volksbundes« mobilisierte sie die »kirchlichen Kreise« zur Wahrnehmung der kirchlichen Interessen. Sie band sich wieder an bestimmte politische Parteien, von denen sie für die Belange der Kirche Unterstützung erhoffte. Von der Nationalversammlung in Weimar forderte und erhielt sie die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts; und so blieb damals in der Kirche alles beim alten: In der innerkirchlichen Ordnung herrschte nach wie vor die auf staatliche Privilegien gestützte kirchliche Bürokratie, die jede geistige und geistliche Selbstbesinnung der Kirche verhinderte. Finanziell lebte die Kirche von den Staatsbeiträgen und in völlig unevangelischer Weise von der Zwangsbesteuerung mit Hilfe des Gerichtsvollziehers. Ihre große Sorge war, zahlenmäßig und gesinnungsmäßig ihren Bestand zu retten und zu verteidigen. Darüber war ihr die Freiheit verlorengegangen, in offener Konfrontation mit der Welt ihr Evangelium neu zu bewähren und innerlich und äußerlich einen eigenen festen Boden zu gewinnen.

Frage: Hat die Kirche damals nach dem Wegfall des Staatskirchentums ein klares Verhältnis zum Staat gewonnen?

Antwort: Nein, auch das ist nicht geschehen. Das Wort des Apostels Paulus aus Römer 13: »Jedermann sei untertan der Obrig­keit, die Gewalt über ihn hat«, das jahrhundertelang die Grundlage der Staatstheologie des Luthertums gebildet hatte, wurde zum Beispiel in Württemberg bei der Neuherausgabe des Spruchbuches für die Schule im Jahr 1926 gestrichen. Man wagte offenbar nicht recht, dieses Wort auch auf die Obrigkeit der Weimarer Republik anzuwenden – ein Zeichen dafür, wie unsicher die Kirche auch auf diesem Gebiet geworden war. Das trug wesentlich dazu bei, daß die Kirche innerlich und äußerlich dem Ansturm des National­sozialismus nicht gewachsen war.

Frage: Man hatte aber doch den Eindruck, daß sich unter dem Kirchenkampf in allen diesen Fragen eine Selbstbesinnung inner­halb der alten Kirche vollzogen hat. Ist das nicht der Fall?

Antwort: Gewiß, man hatte ja keine andere Wahl. Es ging nicht an, gegen die Verfälschung des Evangeliums durch die »Deut­schen Christen« feierlich zu protestieren – und im übrigen jeden Pfarrer predigen zu lassen, was er wollte. Man konnte nicht die Einführung des Führerprinzips in die Kirche durch den national-[164]sozialistischen Reichsbischof als Angriff auf die Lehre und Ordnung der Kirche bezeichnen – und zugleich die Kirche weiterhin durch eine Bürokratie regieren, die sich in ihrem formalen Recht durch das Evangelium genausowenig anfechten ließ wie die National­sozialisten in ihrem Machtstreben. Es ging auf die Dauer nicht an, dem nationalsozialistischen Staat nur immer neue politische Loyali­tätserklärungen abzugeben mit dem Vorbehalt, daß man nur seine Kirchenpolitik nicht billigen könne, sondern man mußte sich dar­über klarwerden, daß der Kirche eine Verantwortung für das gesamte politische Handeln der Obrigkeit aufgetragen ist. So mußte jeder Schritt, den die Bekennende Kirche gegen das Dritte Reich unternahm, jede Erklärung, die sie abgab, jede Forderung, die sie stellte, zugleich von der Kirche selbst eine Neuorientierung ver­langen.

Frage: Und ist es dabei wirklich zu einer Neuorientierung der alten Kirche gekommen?

Antwort: Das ist eben die Frage. Auf der Kirchenkonferenz in Treysa im August 1945, auf der die Neuordnung der Evangeli­schen Kirche in Deutschland in Angriff genommen wurde, ist es zum erstenmal gelungen, die Männer der Bekennenden Kirche mit den Vertretern der Kirchen, die bei den staatlichen Konsistorien geblieben waren, unter einer Leitung zu vereinigen. Darin könnte man einen Sieg der Bekennenden Kirche sehen. Man darf freilich auch nicht übersehen, daß damit eben jene Kreise, die jahrelang den Kampf der Bekennenden Kirche gelähmt und vor allem seine Aus­wirkung auf die Kirche selbst unterbunden haben, mit zum Zug gekommen sind. Wer sich in diesem Bündnis durchsetzen wird, kann erst die Zukunft zeigen.

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Pfarrer Herrmann Diem um 1935 in Ebersbach

Frage: Und wie beurteilen Sie dabei die Aussichten der Bekennenden Kirche?

Antwort: Kirchenpolitisch betrachtet hat die Bekennende Kir­che in diesem Bündnis wenig Aussichten. Die Restauration der alten Kirche, die frühestens an den Zustand vor 1933 anknüpfen will, hat für sich den Vorteil des leichteren Weges, auf dem nichts gewagt werden muß und der den meisten Gemeindegliedern sehr einleuchten wird. Diese sind vor allem froh darüber, daß der Druck durch den Nationalsozialismus weggefallen ist und die Kirche in der Öffent­lichkeit wieder anerkannt wird. Sie wehren sich gegen jede Beun­ruhigung durch neue kirchliche Probleme. Aber so darf man ja die Dinge in der Kirche nicht ansehen. Es geht einfach darum, daß die Kirche es wagt, zuerst für sich selbst, für ihre eigene Ordnung [165] und ihre Stellung in der Welt, sich auf den Glauben zu verlassen, den sie predigt. Menschlich betrachtet bestand immer wenig Aus­sicht, daß die Kirche das tut und auf falsche Sicherungen verzichtet. Aber die Kirche lebt nicht von diesen menschlichen Aussichten, son­dern von der Verheißung des Heiligen Geistes, durch den dieser Glaube gegen alle menschliche Unzulänglichkeit immer wieder Ereig­nis wird. Das hat uns eben der Kirchenkampf eindringlich gelehrt.

Frage: Würde dieses Wagnis des Glaubens heute für die Kir­che bedeuten, daß sie in eine Trennung von Staat und Kirche wil­ligt?

Antwort: Es kommt darauf an, was man unter der Trennung von Staat und Kirche versteht. Diese Trennung kann sehr ver­schiedene Bedeutung haben, je nachdem sie in gegenseitigem Ein­verständnis oder aus einer Kampfsituation heraus erfolgt. Da heute die Kirche von seiten des Staates in keiner Weise in Frage gestellt oder an der Erfüllung ihrer Aufgaben gehindert wird, wäre die Gelegenheit für die Kirche denkbar günstig, sich aus bestimmten Bindungen zu lösen, die ihrem Wesen nicht entsprechen. Sie müßte darauf verzichten, sich durch den Staat ihre Rechte und Ordnungen garantieren und sich obrigkeitliche Gewalt geben zu lassen. Sie müßte jetzt freiwillig das tun, wozu sie durch den nationalsoziali­stischen Terror gezwungen wurde, nämlich in eigener geistlicher Vollmacht, die das Wort Gottes ihr gibt, sich selbst regieren und eine Ordnung geben, die nicht von der staatlichen Anerkennung lebt. Sie müßte jetzt freiwillig auf das staatliche Steuerrecht und den Gerichtsvollzieher verzichten und sich auf die finanzielle Bei­steuer ihrer Glieder als ein freies Opfer des Glaubens verlassen. Sie müßte auf alle Positionen im öffentlichen Leben, zum Beispiel in der Schule, verzichten, soweit sie ihr der Staat nicht freiwillig über­trägt, und müßte sich eben in allem allein auf das Wort des Evan­geliums verlassen, das auch heute noch die Welt durch den Glauben überwinden wird.

Frage: Ist das nicht zuviel verlangt angesichts des tatsäch­lichen Zustandes der Kirche?

Antwort: Was soll das heißen? Es sind ja nicht irgendwelche Menschen, die das von ihr verlangen aus irgendeinem Radikalismus oder weltfremden Idealismus heraus. Ich bin lange genug Pfarrer, um Bescheid zu wissen, wie es in der Kirche tatsächlich aussieht. Aber es ist ja Gottes Wort selbst, das dieses Wagnis des Glaubens verlangt. Die Kirche soll jetzt bloß das tun, was sie im Kampf gegen den Nationalsozialismus bekannt hat. [166]

Frage: Trauen Sie der gegenwärtigen evangelischen Kirche sowohl in ihrer Leitung als in der Masse ihrer Glieder dieses Wagnis des Glaubens zu?

Antwort: Ich sagte schon, daß Sie so nicht fragen dürfen. Was ich oder jemand anderes der Kirche zutraut, ist völlig gleichgültig. Wenn wir so gefragt hätten, dann hätten wir auf den ganzen Kirchenkampf verzichtet, noch ehe wir ihn anfingen. Daß die Kirche den großen Worten, die sie in den Mund nahm, selbst in keiner Weise gewachsen war, muß ehrlich zugegeben werden. Wir konnten nur dabeisein und mittun, weil wir an die stete Möglich­keit der Buße, an die Vergebung der Sünden und die Auferstehung von den Toten glaubten, und das heißt widerum, weil wir wußten, daß wir es bei der Kirche nicht mit einer menschlichen Institution zu tun haben, sondern an den Heiligen Geist glauben, von dem die Kirche lebt und bis zum Jüngsten Tag leben wird.

Frage: Würde die Kirche durch diesen Verzicht auf ihre öffentlich-rechtlichen Positionen nicht Gefahr laufen, in die Rolle eines privaten Frömmigkeitsvereins gedrängt zu werden wie die Freikirchen und Sekten?

Antwort: Ob die Kirche eine Sekte wird, hängt weder von ihrer Größe ab noch von den ihr vom Staat verliehenen Rechten, sondern ob sie damit Ernst macht, daß Christus der Herr der ganzen Welt ist. Das muß sich daran zeigen, ob die Verkündigung der Kirche sich an alle Welt wendet und sich für das gesamte öffentliche Leben verantwortlich weiß. Unterläßt sie das und beschränkt sich auf die sogenannten »kirchlichen Kreise«, dann kann ihr der Staat noch soviel Rechte verleihen, und sie wird trotz allem keine Kirche, sondern nur eine staatlich privilegierte Groß­sekte sein. Sie kann umgekehrt den Herrschaftsanspruch Christi auf die Welt nicht glaubwürdig verkündigen, wenn sie selbst nur mit Hilfe der ihr vom Staat übertragenen Rechte leben zu können glaubt.

Restauration oder Neuanfang

Diems Reformschrift, die 1946 erschienen ist

Frage: Macht die Verantwortung der Kirche für die Öffent­lichkeit die Bildung einer eigenen christlichen Partei notwendig?

Antwort: Im Gegenteil! Ihre Verantwortung für die Öffentlichkeit betätigt die Kirche durch ihre Verkündigung. Dabei hat sie Recht und Pflicht, auch in die politischen Dinge einzugreifen und unter Umständen auch zu politischen Tagesfragen ganz kon­kret Stellung zu nehmen. Sie hat also keineswegs politisch neutral zu sein und wird gegebenenfalls auch soweit gehen, daß sie die Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen Partei als unmöglich [167] für den Christen erklärt, wie sie es mindestens von einem gewissen Zeitpunkt an der NSDAP gegenüber hätte tun müssen. Sie darf aber weder offen noch heimlich eine bestimmte Partei als »christlich« betrachten und unterstützen. Sie muß die Ausführung dessen, was sie verkündigt, dem Glauben ihrer Hörer überlassen, die in den verschiedenen politischen Parteien es verwirklichen können, darf sich aber selbst keines politischen Machtmittels bedienen, wozu auch eine christliche oder kirchliche Partei gehören würde. Die Kirche würde zudem auf diese Weise selbst Partei werden und sich auf einen bestimmten politischen Kreis festlegen. Wer nicht zu diesem Kreis gehört, würde damit automatisch zu einem Christen zweiter Klasse gestempelt. Die Kirche selbst könnte auf diese Weise gerade nicht mehr die Verantwortung für das gesamte öffentliche Leben wahrnehmen, sondern würde nur noch als eine Interessentengruppe auf dem politischen Feld erscheinen.

Frage: Bestünde nicht auch die Gefahr, daß dadurch in den Arbeiterparteien das alte Mißtrauen gegen die Kirche wieder wachgerufen würde?

Antwort: Ich fürchte, daß das bereits geschehen ist, insbeson­dere durch den Wahlsieg der »Christlich-demokratischen Union«, den weite Kreise der Kirche, die aus dem bürgerlichen Lager kommen, als ihren Sieg betrachten. Wo der Geist der Bekennenden Kirche noch lebendig ist, wird man gegen diese Gefahr sehr auf der Hut sein und alles daran setzen, damit die Kirche jetzt nicht Mauern zur Welt hin aufrichtet und sich selbst das Schicksal berei­tet, das der Nationalsozialismus ihr vergeblich zu bereiten suchte, nämlich eine Kirche im Winkel zu werden.

Quelle: Hermann Diem, Ja oder Nein. 50 Jahre Theologe in Kirche und Staat, Stuttgart-Berlin: Kreuz Verlag 1974, Seiten 161-167.

Hier der Text als pdf zum Downloaden.

Jürgen Moltmann – „Eine Kirche, die nicht fordert, tröstet nicht“

6. Juni 2014

Jürgen Moltmann

Da hat Jürgen Moltmann am 31. Mai in seinem Nürnberger Vortrag über die Barmer Theologische Erklärung den verfassten Landeskirchen einiges ins Stammbuch geschrieben. Die Autonomie der Gemeinden müsse gestärkt werden. Die Gemeinden wiederum sollten von Hauskreisen geprägt sein. Und man sollte auch auf Kirchensteuern verzichten können. Hier der Vortrag auf YouTube. Ab Minute 42 kommt Moltmann auf die Gegenwart zu sprechen. Die schriftliche Fassung findet sich hier.

„Wir sind mutlos und tatenlos zurückgewichen, als die Glieder des Volkes Israel unter uns entehrt, beraubt, gepeinigt und getötet worden sind“ – Das Schuldbekenntnis der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg vom 9. April 1946 und die Streitschrift „Der Weg der Kirche“ (Mai 1945) aus der Feder von Paul Schempp

28. März 2014

Paul Schempp 1952 komp

„Wir sind mutlos und tatenlos zurückgewichen, als die Glieder des Volkes Israel unter uns entehrt, beraubt, gepeinigt und getötet worden sind. Wir ließen den Ausschluss der Mitchristen, die nach dem Fleisch aus Israel stammten, von den Ämtern der Kirche, ja sogar die kirchliche Verweigerung der Taufe von Juden geschehen.“ Diese Worte aus der Erklärung der Kirchlich-theologischen Sozietät in Württemberg vom 9. April 1946 stammen wohl aus der Feder von Paul Schempp (1900-1959), einem württembergischen Pfarrer, der 1939 vom Oberkirchenrat in einem Disziplinarverfahren amtsenthoben wurde und dennoch auf Wunsch seiner Kirchengemeinde Iptingen sein Pfarramt weiterführen konnte, bis er Ende 1943 resigniert aus der Landeskirche austrat. Drei Wochen nach Kriegsende schloss Schempp sein Manuskript „Der Weg der Kirche“ ab. Es ist die radikalste Kritik am kirchlichen Versagen im Nationalsozialismus. Richard Gölz (1887-1975) bereitete diesen Text für eine Drucklegung bei H. Laupp in Tübingen vor, was jedoch die württembergische Kirchenleitung seinerzeit zu verhindern wusste. Der Text der Streitschrift findet sich hier als pdf: Schempp – Der Weg der Kirche.