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Göttlich inspiriertes Lebenserfahrungsbuch – Was Bedford-Strohm sich von der Bibel verspricht

27. Oktober 2017

Was bedeutet uns Christen die Bibel und wie ist sie zu verstehen? Darüber hat der Ratsvorsit­zende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm in seinem Vorwort zur revidier­ten Luther-Bibel 2017 Rechenschaft abgelegt (und dabei Widerspruch gefunden). In seiner Predigt zur ökume­nischen Bibeltagung am 9. Februar 2017 in Stuttgart hat er sich noch einmal dieser Frage angenommen.

Für Bedford-Strohm ist die Bibel ein faszinierendes Buch, „das Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Gott enthält und ein Buch, das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient.“ Dazu sei es wichtig, die Bibel „kritisch zu analysieren und über Entstehungszeit, Verfasser und Interessengruppen im Hintergrund Bescheid zu wissen.“ Würde sie „wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen“, so befürchtet Bedford-Strohm, könnte „die Bibel auch fürchterlich missinterpretiert und für den Aufruf zu Intoleranz oder gar Hass missbraucht werden“.

Bedford-Strohm ist sich durchaus bewusst, dass weder eine religionsgeschichtliche noch eine literarische Lektüre für Christen den „Kern“ der Bibel erschließen können. Stattdessen heißt es:

„Für uns wird alles, was in der Bibel von Israel und seinen Menschen, von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird, vor Gott erzählt, wird in eine theologische, geistliche Perspektive gerückt, wird geöffnet für die Transzendenz. Ob es um die Schöpfungs­erzählungen geht oder um die Auferstehung Jesu, die Geschichte des Davidreiches oder die Erzählungen von den ersten christlichen Gemeinden, alles wird in das Licht Gottes getaucht, jeder Schritt, jedes Ereignis, jede Weisheit, jede Verzweiflung wird aufgeschlossen als Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Das ist das Kenn­zeichen, das Kerncharakteristikum der Bibel.“

Fromm und erbaulich mögen diese Worte klingen, aber das wirkliche „Kerncharakteristikum der Bibel“ kommt dabei nicht zur Sprache: Der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus redet und handelt und hat darin uns Menschen auf unseren Glauben an Jesus Christus hin heilvoll eingeschlossen.

Dass das biblische Erzählgeschehen in göttliches Licht getaucht sein soll, kann nicht als „Geschichte Gottes mit uns Menschen“ gelten. Lichtenergie interagiert nicht mit menschli­chen Handlungen. Es scheint so, als ginge Bedford-Strohm – der platonischen Tradition eines Philon von Alexandrien folgend – von zwei verschiedenen Welten aus, einer korporealen, sinnlich wahrnehmbaren Lebenswelt (mundus sensibilis), die vergänglich ist, und einer göttlichen, intelligiblen Welt (mundus intelligibilis), die unvergäng­lich ist. Das „Licht Gottes“ wäre dabei das Spektrum transzendenter, göttlicher Ideen wie Leben und Gerechtigkeit, die Menschen in ihrer Lebenswelt denkerisch erfassen und durch eigenes Handeln zur Geltung bringen können.

Wenn Bedford-Strohm von einer Öffnung biblischen Erzählgeschehens für die Transzendenz spricht, ist daran zu erinnern, dass die Bibel selbst keine „Transzendenz“ kennt. Schließlich ist der Transzendenzbegriff ein platonisch inspiriertes Konzept der mittelalterlichen Scholastik. Per Definition gibt es zwischen einer diesseitigen Welt und einem transzendenten Jenseits – nicht zu verwechseln mit der räumlichen Unterscheidung von Irdischem und Himmlischem – keine vertrauensbildende Interaktionen. In die (göttliche) Transzendenz kann man sich nur denkerisch einfinden.

Was Bedford-Strohm in seiner Bibelpredigt konsequent außer Acht lässt, ist der biblisch bezeugte Anspruch des Wortes Gottes, der auf unseren Gehorsam bzw. Glauben aus ist. An die Stelle des worthaltigen Glaubens tritt die je eigene Deutung. Nach Bedford-Strohm findet sich dieses Deutungsgeschehen bereits in der Bibel und ist darin handlungsanleitend für die gegenwärtige Bedeutung der Bibel:

„Alles Leben, alle Ereignisse, auch alle Schicksalsschläge werden gedeutet und verstanden vor dem Hintergrund einer Gottesgegenwart, die damals genauso wenig beweisbar war wie heute. Und genau dieses Vor-Gott-Stellen der Ereignisse und Erfahrungen sollen wir übernehmen, wir sollen die Bibel nicht nachäffen oder nachplaudern, sondern den Geist dieses Buches nachvollziehen und auf unser Leben übertragen. Mehr nicht, weniger nicht.“

Die Bibel ist das große, ultimative Deutungsbuch menschlichen Lebens coram Deo, das gegenwärtig immer wieder neu auf die eigenen Lebenserfahrungen hin ausgedeutet werden muss, so lässt sich Bedford-Strohms Predigt auf eine These bringen. Und genau da, wo Menschen eine erfahrungsbezogene Deutungshoheit über die Bibel zugeschriebenen wird, können sie eben nicht von Gottes Wort als erlösungsbedürftige Sünder eingenommen werden. Folgerichtig lassen sich auch Gericht, Verdammnis, Sühne, Erlösung und Heiligung nicht länger zur Sprache bringen. Stattdessen gilt nach Bedford-Strohm die Bibel selbst als gottinspiriertes Selbsthilfebuch:

„Die Bibel ist das Buch der Bücher und die Quelle der Humanität, ja die Quelle allen erfüllten Lebens, denn sie kennt den diesseitigen Menschen in allen Aspekten, aber sie reduziert ihn nicht auf’s Diesseits, sondern erschließt die Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen.“

Die Bibel als „Quelle allen erfüllten Lebens“, als „Lebensbuch“, „das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient“ – liest man Bedford-Strohms Predigt aufmerksam, mag man sich fragen, ob bei ihm nicht an Stelle des soli Deo gloria eine selbstbezügliche Lebensideologie tritt. Heißt es in Psalm 36 im Gespräch mit dem HERRN „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht“ (V 10), spricht Bedford-Strohm von „Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen“. Selbst da, wo man biblisch nicht anders als von göttlichem Handeln zu reden hat, nämlich bei der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, neutralisiert Bedford-Strohm das Erzählgeschehen als „Sieg des Lebens“. Nein, für Christen kann die Bibel nicht als namenloses „Lebensbuch“ gelten; das „Buch des Lebens“ ist noch immer in göttlicher Hand (Ps 69,29; Phil 4,3). Es enthält keine autogene Lebensideologie, sondern vielmehr die Namen, die für eine Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott vorgesehen sind.

Was Bedford-Strohm mit den Containerbegriffen „Leben“ und „Erfahrung“ in seiner Bibelpredigt zur Sprache bringt, ist als evangelisches Zeugnis mehr als dürftig. Seine Ausführungen sind kaum anschlussfähig an das kirchliche Glaubensbekenntnis, noch können sie das sola scriptura bzw. das allgemeine Lehramt der Heiligen Schrift zur Geltung bringen.

Hier mein Text als pdf.

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„Die Bibel legt darum so merkwürdiges Gewicht auf die Geschichtlichkeit der von ihr berichte­ten Offenbarung, weil sie unter Offenbarung gerade keine Schöpfung des Menschen versteht“ – Karl Barth über die biblische Geschichte und das historische Urteil

22. Juli 2017

Was Karl Barth  in seiner Prolegomena zur Kirchlichen Dogmatik (KD I/1) in Sache biblische Geschichte und historisches Urteil geschrieben hat, ist für die biblisch-theologische Wahrheitsfrage immer noch relevant:

Die Bibel will, indem sie von Offenbarung berichtet, Geschichte erzählen, d. h. aber sie will nicht berichten über ein allgemein, immer und überall bestehendes oder in Gang befindliches Verhältnis zwischen Gott und Mensch, sondern von einem dort und nur dort, damals und nur damals, zwischen Gott und gewissen ganz bestimmten Menschen sich abspielenden Gesche­hen. Die göttliche Selbstenthüllung, von der sie berichtet, samt der Heiligkeit, die sie Gott bei diesem seinem Tun zuschreibt, sie wird nicht einfach dem Menschen, sondern sie wird diesen und diesen Menschen in ganz bestimmter Situation zuteil. Sie ist je ein ganz besonderes und als solches nicht vergleichbares und nicht wiederholbares Ereignis. Die Bibel als Zeugnis von Gottes Offenbarung hören, heißt unter allen Umständen: durch die Bibel von solcher Ge­schichte hören.

Das Hören solcher Geschichte, wie der, die in der in der Bibel bezeugten Offenbarung Ereig­nis ist, kann selbstverständlich nicht bedeuten: ein solches Geschehen auf Grund eines allgemeinen Begriffs von geschichtlicher Wahrheit für möglich, wahrscheinlich oder auch wirklich halten. Auch Geschichten, die sich zwischen Gott und Menschen ereignet haben, fallen freilich nach ihrer menschlichen Seite, also gerade hinsichtlich der in der Bibel geflis­sentlich betonten Angaben über ihre zeitliche Gestalt, unter diesen allgemeinen Begriff von Geschichte. Sie fallen aber nicht darunter nach ihrer göttlichen Seite. Das „historische Urteil“, das diesen allgemeinen Begriff voraussetzt, kann sich also grundsätzlich nur auf diese zeit­liche Gestalt beziehen. Es kann weder behaupten noch verneinen, daß da und da Gott an den Menschen gehandelt habe. Es müßte ja, um dies zu behaupten oder zu verneinen, seine Vor­aussetzung, jenen allgemeinen Begriff, aufgeben und zum Bekenntnis des Glaubens oder Unglaubens dem biblischen Zeugnis gegenüber werden. Über die besondere Geschichtlichkeit der im biblischen Zeugnis berichteten Geschichte kann es kein wirklich „historisches“ Urteil geben. Das Hören solcher Geschichte wie der, die in der in der Bibel bezeugten Offenbarung Ereignis ist, kann aber auch – und das ist weniger selbstverständlich – nicht abhängig sein von dem „historischen“ Urteil über ihre zeitliche Gestalt. Das Urteil, laut welches eine biblische Geschichte mit Wahrscheinlichkeit als „Geschichte“ im Sinne jenes allgemeinen Begriffs von geschichtlicher Wahrheit zu betrachten wäre, ist nicht notwendig das Urteil des Glaubens gegenüber dem biblischen Zeugnis. Denn dieses Urteil kann gefällt werden, ohne daß jene biblische Geschichte in ihrer Besonderheit, d. h. als Geschichte zwischen Gott und Menschen, verstanden wäre. Wiederum: das Urteil, laut welches eine biblische Geschichte nicht mit Wahrscheinlichkeit als „Geschichte“ im Sinne jenes allgemeinen Begriffs, sondern vielleicht mit Wahrscheinlichkeit im Sinne jenes allgemeinen Begriffs nicht als „Geschichte“ zu be­trachten wäre – dieses Urteil ist nicht notwendig das Urteil des Unglaubens gegenüber dem biblischen Zeugnis; denn ein solches Urteil kann gefällt und jene Geschichte kann dennoch in ihrer Besonderheit, d. h. als Geschichte zwischen Gott und Menschen verstanden werden. Die Frage, die über das Hören oder Nichthören biblischer Geschichte entscheidet, kann nicht sein: die Frage nach ihrer allgemeinen, sie kann nur sein: die Frage nach ihrer besonderen Geschichtlichkeit. […]

Die Bibel legt darum so merkwürdiges Gewicht auf die Geschichtlichkeit der von ihr berichte­ten Offenbarung, weil sie unter Offenbarung gerade keine Schöpfung des Menschen versteht. Sie sagt so nachdrücklich, daß die Offenbarung diesen und diesen Menschen in dieser und dieser Situation zuteil wurde, weil sie sie eben damit beschreibt als ein Menschen Zuteilwer­dendes. Das ist’s, was bei der Anwendung – noch nicht des Begriffs Sage, wohl aber des Begriffs Mythus auf die Bibel übersehen bzw. geleugnet wird. Die in der Bibel bezeugten Offenbarungen wollen nicht sein die naturgemäß besonderen Erscheinungen eines Allgemei­nen, einer Idee, die der Mensch dann gemächlich mit dieser Idee zu vergleichen und in ihrer Besonderheit zu verstehen und zu würdigen in der Lage wäre. […]

Die in der Bibel bezeugte Offenbarung will geschichtliches Ereignis sein, wobei natürlich, wenn wir hier den Begriff der Geschichte zur Erklärung herbeiziehen, nur das das tertium comparationis sein kann, daß es sich in der Offenbarung wie in der Geschichte um ein be­stimmtes, von allen anderen unterschiedenes, also unvergleichliches und unwiederholbares Ereignis handelt. Wollte man das geschichtliche Ereignis mit der Aufklärung etwa selber doch wieder als bloßen Exponenten eines allgemeinen Geschehens, als unter eine Regel fallenden Sonderfall oder als Verwirklichung einer allgemeinen Möglichkeit auffassen, sollte „Ge­schichte“ irgendwie als Rahmen verstanden werden, innerhalb dessen es nun auch so etwas wie Offenbarung gebe, dann müßten wir an dieser Stelle den Begriff der Geschichtlichkeit mit demselben Nachdruck ablehnen wie den des Mythus. „Geschichtlich“ auf „Offenbarung“ bezogen muß vielmehr heißen: Ereignis als Faktum, oberhalb dessen es keine Instanz gibt, von der her es als Faktum und als dieses Faktum einzusehen wäre. So wird Offenbarung nach der Bibel Menschen zuteil, und darum legt die Bibel Nachdruck auf Chronologie, Topogra­phie und gleichzeitige Weltgeschichte, d. h. aber auf die Kontingenz und Einmaligkeit der von ihr berichteten Offenbarungen.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. I/1, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag 41944, 344-348.

Versprechen, die den Glauben neu herausfordern – Von der Sprachkraft der Dogmen

3. Juli 2017

Henrik Olrik – Bergpredigt (Altarbild Sankt-Matthäus-Kirche in Kopenhagen)

Glaube lässt sich nicht in Dogmen verfestigen“ hat jüngst der evangelische Pfarrer und Lyriker Christian Lehnert in einem Interview für die Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ gesagt. Wie wahr, und doch nicht die ganze Wahrheit. Ein dogmenfreies Christentum kann es nicht geben. Kirche ist weder religiöse Selbst­erfah­rungsgruppe noch gläubiger Lyrikkreis. Wird unter der Signatur „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ der Gottesdienst eröffnet, verbinden sich Verkündigen und Bekennen wie auch Beten, Loben und Danken. Für die Versammlung der Gläubigen bedarf es einer gemeinsamen Sprache, die sie das „Amen“ im Konsens sprechen lässt.

Was in der Kirche über die je eigene religiöse Empfindsamkeit hinaus gemeinschaftlich zur Sprache gebracht wird, basiert auf verbindlichen Regeln. In einem Gottes­dienst lässt sich eben nicht alles Mögliche „undogmatisch“ sagen. Ansonsten zerfiele die Gemeinschaft im ausgesprochenen Dissens gegenüber Gottes Wort. Verkündigte beispielsweise ein Pfarrer in der Osternacht an Stelle des Ostergrußes, Christus sei nicht wirklich auferstanden, wäre die Versammlung in dessen Namen am Ende, es sei denn, ein Gemeinde­glied stünde auf und würde bekennend dagegen halten: „Für mich ist Christus dennoch auferstanden!“

Persönlicher Glaube in seiner je eigenen Vertraulichkeit lässt sich sprachlich nicht regle­men­tieren. Das wollen Dogmen (bzw. die kirchlichen Bekenntnisse) auch gar nicht. Sie gelten viel­mehr als Grammatik zum göttlichen Wortschatz des Glaubens, nämlich der Heiligen Schrift. Dogmen leiten dazu an, Anspruch und Verheißung des drei­einigen Gottes in der Verkündi­gung wie auch im Gebet auf das Amen hin zur Sprache zu bringen. Solche Gram­matikregeln suchen Christen nicht „rechtgläubig“ zu zähmen, sondern ermög­lichen Zusagen und Versprechen, die deren Glauben neu heraus­fordern.

Da mag man in kirchlichen Dogmen Sprachbegrenzungen wahrnehmen, aber gerade deren Befolgung eröffnet in der Verkündigung gewagte „Sprachspiele“, durchaus vergleichbar mit wunderbaren Spielzügen, die die Regeln des International Football Association Board (IFAB) dem Fuß­ballspiel ermög­lichen. Wird hingegen – unter Berufung auf eine historische Vernunftkritik – die dogmati­sche Regelbindung preisgegeben, zeigt sich im kirchlich-pastoralen Reden häufig eine „allgemeinplatzige“ Plastiksprache – seelsorgerlich banal, politisch mitunter selbstgerecht.

Freimütige, verheißungsvolle, herausfordernde Gottesrede, die die menschlichen Rahmungen hoffnungsloser Weltbilder und Weltanschauungen sprengt – sie ist nur orthodox, also in der Bindung an kirchliche Dogmen und unter Verwendung des göttlichen Wortschatzes, also der Bibel zu führen. Dogmen lassen eben keine ideologischen Allgemeinbegriffe zu, sondern provozieren in der Anrede eine Metaphorik, die neu hören und sehen lässt.

Hier der Text als pdf.

Rudolf Bultmann – Neues Testament und Mythologie (vollständiger Text)

22. April 2017

Braun Rasierapparat „sixtant SM 31“, 1962.

Rudolf Bultmanns Vortrag „Neues Testament und Mythologie“, gehalten am 21. April 1941 auf einer Tagung der „Gesellschaft für evangelische Theologie“ in Frankfurt am Main, ist ohne Zweifel einer der wirkmächtigsten theologischen Texte des 20. Jahrhunderts. Und er provoziert auch heute noch, wenn Bultmann gleich zu Beginn schreibt:

1. Das mythische Weltbild und das mythische Heilsgeschehen im Neuen Testament

Das Weltbild des Neuen Testaments ist ein mythisches. Die Welt gilt als in drei Stockwerke gegliedert. In der Mitte befindet sich die Erde, über ihr der Himmel, unter ihr die Unterwelt. Der Himmel ist die Wohnung Gottes und der himmlischen Gestalten, der Engel; die Unterwelt ist die Hölle, der Ort der Qual. Aber auch die Erde ist nicht nur die Stätte des natürlich-alltäg­lichen Geschehens, der Vorsorge und Arbeit, die mit Ordnung und Regel rechnet; sondern sie ist auch der Schauplatz des Wirkens übernatürlicher Mächte, Gottes und seiner Engel, des Satans und seiner Dämonen. In das natürliche Geschehen und in das Denken, Wollen und Handeln des Menschen greifen die übernatürlichen Mächte ein; Wunder sind nichts Seltenes. Der Mensch ist seiner selbst nicht mächtig; Dämonen können ihn besitzen; der Satan kann ihm böse Gedanken eingeben; aber auch Gott kann sein Denken und Wollen lenken, kann ihn himmlische Gesichte schauen lassen, ihn sein befehlendes oder tröstendes Wort hören lassen, kann ihm die übernatürliche Kraft seines Geistes schenken. Die Geschich­te läuft nicht ihren stetigen, gesetzmäßigen Gang, sondern erhält ihre Bewegung und Richtung durch die über­natürlichen Mächte. Dieser Äon steht unter der Macht des Satans, der Sünde und des Todes (die eben als „Mächte“ gelten); er eilt seinem Ende zu, und zwar seinem baldigen Ende, das sich in einer kosmischen Katastrophe vollziehen wird; es stehen nahe bevor die „Wehen“ der Endzeit, das Kommen des himmlischen Richters, die Auferstehung der Toten, das Gericht zum Heil oder zum Verderben.

Dem mythischen Weltbild entspricht die Darstellung des Heilsgeschehens, das den eigentlichen Inhalt der neutestamentlichen Verkündigung bildet. In mythologischer Sprache redet die Verkündigung: Jetzt ist die Endzeit gekommen; „als die Zeit erfüllt war“, sandte Gott seinen Sohn. Dieser, ein präexistentes Gotteswesen, erscheint auf Erden als ein Mensch; sein Tod am Kreuz, den er wie ein Sünder erleidet, schafft Sühne für die Sünden der Menschen. Seine Auferstehung ist der Beginn der kosmischen Katastrophe, durch die der Tod, der durch Adam in die Welt gebracht wurde, zunichte gemacht wird; die dämonischen Weltmächte haben ihre Macht verloren. Der Auferstandene ist zum Himmel erhöht worden zur Rechten Gottes; er ist zum „Herrn“ und „König“ gemacht worden“. Er wird wiederkommen auf den Wolken des Himmels, um das Heilswerk zu voll­enden; dann wird die Totenauferstehung und das Gericht stattfinden; dann werden Sünde, Tod und alles Leid vernichtet sein. Und zwar wird das in Bälde gesche­hen; Paulus meint dieses Ereignis selbst noch zu erleben.

Wer zur Gemeinde Christi gehört, ist durch Taufe und Herrenmahl mit dem Herrn verbunden und ist, wenn er sich nicht unwürdig verhält, seiner Auferstehung zum Heil sicher. Die Glaubenden haben schon das „Angeld“, nämlich den Geist, der in ihnen wirkt und ihre Gotteskindschaft bezeugt und ihre Auferstehung garantiert

2. Die Unmöglichkeit der Repristinierung des mythischen Weltbildes

Das alles ist mythologische Rede, und die einzelnen Motive lassen sich leicht auf die zeit­geschichtliche Mythologie der jüdischen Apokalyptik und des gnostischen Erlösungsmythos zurückführen. Sofern es nun mythologische Rede ist, ist es für den Menschen von heute unglaubhaft, weil für ihn das mythische Weltbild vergangen ist. Die heutige christliche Verkündigung steht also vor der Frage, ob sie, wenn sie vom Menschen Glauben fordert, ihm zumutet, das vergangene mythische Weltbild anzuerkennen. Wenn das unmöglich ist, so entsteht für sie die Frage, ob die Verkündigung des Neuen Testaments eine Wahrheit hat, die vom mythischen Weltbild unabhängig ist; und es wäre dann die Aufgabe der Theologie, die christliche Verkündigung zu entmythologisieren.

Kann die christliche Verkündigung dem Menschen heute zumuten, das mythische Weltbild als wahr anzuerkennen? Das ist sinnlos und unmöglich. Sinnlos; denn das mythische Weltbild ist als solches gar nichts spezifisch Christliches, sondern es ist einfach das Weltbild einer vergan­genen Zeit, das noch nicht durch wissenschaftliches Denken geformt ist. Unmöglich; denn ein Weltbild kann man sich nicht durch einen Entschluß aneignen, sondern es ist dem Men­schen mit seiner geschichtlichen Situation je schon gegeben. Natürlich ist es nicht unveränder­lich, und auch der Einzelne kann an seiner Umgestaltung arbeiten. Aber er kann es doch nur so, daß er auf Grund irgend welcher Tatsachen, die sich ihm als wirklich aufdrängen, der Unmöglichkeit des hergebrachten Weltbildes inne wird und auf Grund jener Tatsachen das Weltbild modifiziert oder ein neues entwirft. So kann sich das Weltbild ändern etwa infolge der kopernikanischen Entdeckung oder infolge der Atomtheorie; oder auch indem die Roman­tik entdeckt, daß das menschliche Subjekt komplizierter und reicher ist, als daß es durch die Weltanschauung der Aufklärung und des Idealismus verstanden werden könnte; oder dadurch, daß die Bedeutung von Geschichte und Volkstum neu zum Bewußtsein kommt.

Es ist nun durchaus möglich, daß in einem vergangenen mythischen Weltbild Wahrheiten wieder neu entdeckt werden, die in einer Zeit der Aufklärung verloren gegangen waren, und die Theologie hat allen Anlaß, diese Frage auch in Bezug auf das Weltbild des Neuen Testa­ments zu stellen. Aber es ist unmöglich, ein vergangenes Weltbild durch einfachen Entschluß zu repristinieren, und vor allem ist es unmöglich, das mythische Weltbild zu repristinieren, nachdem unser aller Denken unwiderruflich durch die Wissenschaft geformt worden ist. Ein blindes Akzeptieren der neutestamentlichen Mythologie wäre Willkür; und solche Forderung als Glaubensforderung erheben, würde bedeuten, den Glauben zum Werk erniedrigen, wie Wilhelm Herrmann – man sollte meinen, ein für allemal – deutlich gemacht hat. Die Erfüllung der Forderung wäre ein abgezwungenes sacrificium intellectus, und wer es brächte, wäre eigentümlich gespalten und unwahrhaftig. Denn er würde für seinen Glauben, seine Religion, ein Weltbild bejahen, das er sonst in seinem Leben verneint. Mit dem modernen Denken, wie es uns durch unsere Geschichte überkommen ist, ist die Kritik am neutestamentlichen Welt­bild gegeben.

Welterfahrung und Weltbemächtigung sind in Wissenschaft und Technik so weit entwickelt, daß kein Mensch im Ernst am neutestamentlichen Weltbild festhalten kann und festhält. Welchen Sinn hat es, heute zu bekennen: „niedergefahren zur Hölle“ oder „aufgefahren gen Himmel“, wenn der Bekennende das diesen Formulierungen zugrunde liegende mythische Weltbild von den drei Stockwerken nicht teilt? Ehrlich bekannt werden können solche Sätze nur, wenn es möglich ist, ihre Wahrheit von der mythologischen Vorstellung, in die sie gefaßt ist, zu entkleiden, – falls es eine solche Wahrheit gibt. Denn das eben ist theologisch zu fra­gen. Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den „Himmel“ im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebensowenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erle­digt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden „Menschensohnes“ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft, ihm entgegen (1. Thess. 4,15ff.).

Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister- und Dämonen­glaube. Die Gestirne gelten uns als Weltkörper, deren Bewegung eine kosmische Gesetz­lichkeit regiert; sie sind für uns keine dämonischen Wesen, die den Menschen in ihren Dienst versklaven. Haben sie Einfluß auf das menschliche Leben, so vollzieht sich dieser nach ver­ständlicher Ordnung und ist nicht die Folge ihrer Bosheit. Krankheiten und ihre Heilungen haben ihre natürlichen Ursachen und beruhen nicht auf dem Wirken von Dämonen bzw. auf deren Bannung. Die Wunder des Neuen Testaments sind damit als Wunder erledigt, und wer ihre Historizität durch Rekurs auf Nervenstörungen, auf hypnotische Einflüsse, auf Sugge­stion und dergl. retten will, der bestätigt das nur. Und sofern wir im körperlichen und seeli­schen Geschehen mit rätselhaften, uns noch unbekannten Kräften rechnen, bemühen wir uns, sie wissenschaftlich greifbar zu machen. Auch der Okkultismus gibt sich als Wissenschaft.

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht. Die mythische Eschatologie ist im Grunde durch die einfache Tatsache erledigt, daß Christi Parusie nicht, wie das Neue Testament erwartet, alsbald stattgefunden hat, sondern daß die Weltgeschichte weiterlief und – wie jeder Zurechnungsfähige überzeugt ist – weiterlaufen wird. Wer überzeugt ist, daß die uns bekannte Welt in der Zeit endigen wird, der stellt sich ihr Ende doch als das Ergebnis, der natürlichen Entwicklung vor, als ein Ende in Naturkatastro­phen, und nicht als das mythische Geschehen, von dem das Neue Testament redet; und wenn er etwa dieses nach naturwissenschaftlichen Theorien interpretiert wie der Kandidat im Pfarr­haus zu Nöddebo, so übt er eben damit, ohne zu wissen, Kritik am Neuen Testament. […]

Hier der vollständige, zitationsfähige Text als pdf.

„Unwiderlegbar, unzerstörbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter“ – Abraham Joshua Heschel.

6. April 2017

Von Abraham Joshua Heschel (1907-1972), dem bekannten jüdischen Religionsphilosophen, stammt folgender Lobpreis der Bibel:

„Warum übersteigt die Bibel alles vom Menschen geschaffene? Warum hält kein Werk den Vergleich mit ihr aus? Warum gibt es kein Ersatz für die Bibel? Warum müssen sich alle, die den lebendigen Gott suchen, an sie wenden?

Man stelle die Bibel neben eines der wirklich großen Bücher die menschliches Genie geschaf­fen hat, und man wird beobachten, um wie viel kleiner sie waren im Vergleich mit der Bibel. Die Bibel sorgt nicht um ihre literarische Form, nicht um Schönheit der Worte, aber ihre absolute Erhabenheit tönt durch alle ihre Seiten. Ihre Verse sind so monumental, aber gleichzeitig so schlicht. […]

Die Größe der Bibel wird offenkundiger, wenn man sie im Rahmen der Universalgeschichte studiert, und ihre Hoheit wächst, je vertrauter der Leser mit ihr wird.
Unwiderlegbar, unzerstörbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter. Ohne Zögern schenkt sie sich allen Menschen, als ob sie jedermann auf Erden gehörte. Sie spricht in jeder Sprache und zu jedem Lebensalter. Sie befruchtet alle Künste, ohne mit ihnen zu konkurrieren. Wir alle leben von ihr, und sie bleibt unangetastet, unerschöpflich und ganz. In 3000 Jahren ist sie nicht um einen Tag gealtert. Sie ist ein unsterbliches Buch. Sie kann nicht der Vergessenheit anheimfallen. Ihre Kraft wird nicht geringer. Tatsächlich steht sie erst ganz am Anfang ihrer Wirksamkeit; die volle Bedeutung dessen, was sie sagt, ist kaum bis an die Schwelle unseres Bewusstseins gedrungen. Wie ein Ozean, auf dessen Grund zahllose Perlen schimmern, die darauf warten, dass man sie entdeckt, muss ihr Geist erst noch entfaltet werden. Obwohl ihre Worte einfach und ihre Sprechweise durchsichtig erscheinen, tauchen unausgesetzt neue Bedeutungen und Hinweise auf, von denen man sich nichts träumen ließ. Mehr als 2000 Jahre des Lesens und Forschens haben ihren vollen Sinn nicht entfalten können. Noch heute ist es, als sei sie nie angerührt, nie gesehen worden, als hätten wir nicht einmal damit begonnen, sie zu lesen. […]

Wahrlich, unzählige Kulte, Staaten und Reiche sind wie Gras dahingewelkt, zu Millionen sind Bücher begraben, aber: ‚das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit‘. In Zeiten großer Krisen versagen alle, allein die Bibel behauptet sich. […] Die Bibel ist nie hinter der Zeit zurück, sie ist unseren Bestrebungen um Menschenalter voraus.“

Quelle: Abraham Joshua Heschel: Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums (God in Search of Man. A Philosophy of Judaism, New York 1955), Neukirchen-Vluyn, 3. Auflage 1992, S. 184-187.

Dürfen Christen sich eigentlich tätowieren lassen?

13. Januar 2017

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Ich persönlich habe keine Tätowierung und werde niemandem eine Tätowierung empfehlen. Aber ich kann nicht sagen, dass für Christen Tätowierungen prinzipiell verboten sind. Wenn es in manchen christlichen Kreisen heißt es, die Bibel verbiete Tätowierungen, bezieht man sich dabei auf Levitikus 19,28: „Und ihr sollt euch keine Einschnitte machen an eurem Leib eines Toten wegen, und ihr sollt euch keine Zeichen einritzen. Ich bin der HERR.“ In der Tat dürfen Christen sich nicht gottfremde Machtzeichen in die Haut ritzen lassen. Auf meiner Haut hat nichts verloren, was dem umfassenden Anspruch des HERRN auf unser Leben widerspricht. Insofern ist eine Totenkopftätowierung für einen Christen unangebracht.

Wer jedoch sagt, jegliche Tätowierung sei dem Wortlaut der Bibel nach verboten, dem würde ich jedoch Folgendes entgegnen: Das Tätowierverbot in Levitikus 19 gilt als göttliche Bestimmung für das Volk Israel, das außerhalb des Erlösungswerks Christi unter dem Anspruch der gesamten Thora mit 613 Einzelanweisungen steht. In der christlichen Auslegungstradition unterscheidet man hingegen zwischen kultischem, richterlichem und dem Moralgesetz. Das kultische Gesetz, wie es sich gerade im Buch Levitikus findet, sowie das richterlichem Gesetz (z.B. Exodus 21 bis 22) gelten dem Wortlaut nach allein für das Volk Israel, nicht aber für andere Völker. Das Moralgesetz, wie es in den Zehn Geboten explizit zur Sprache gebracht ist, gilt hingegen für alle Völker und ist deswegen auch in Luthers Kleinem Katechismus aufgenommen.

Wenn es also heißt „die Bibel sagt“, muss immer hinzugefügt werden, zu wem etwas gesagt ist. Christen, die behaupten, das Tätowierungsverbot gälte vollumfänglich für alle Christen, würde ich fragen, warum sie dann nicht auch Levitikus 19,26 bzw. 27 beachten. Dort heißt es nämlich: „26 Ihr sollt nichts Blutiges essen. Ihr sollt nicht Wahrsagerei oder Zeichendeuterei treiben. 27 Euer Haupthaar sollt ihr nicht rundum scheren, und deinen Bart sollst du nicht stutzen.“ Entgegen diesen biblischen Geboten essen Christen bluthaltiges Fleisch, rasieren sich christliche Männer die Bärte und lassen mitunter sich ihr Haupthaar kahl scheren. Wie will man das eine Gebot unbedingt geltend machen, wenn man als Christ die anderen Gebote, die gleich daneben stehen, einfach ignoriert.

Zu guter Letzt bis in alle Ewigkeit – achte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“

21. November 2016
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Das Lamm mit den 144.000 (Offb 14 – Luther-Bibel 1545)

Das wird auf Ewigkeit geschehen mit unseren Verstorbenen und mit uns Lebenden – zu guter Letzt oder schlimmstenfalls? Heute ist ja die letzte Predigt aus unserer achtteiligen Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“ angesagt. In dieser Reihe geht es ja darum, den roten Faden durch Gottes Geschichte mit den Menschen von Anfang bis Ende zu finden. All das, was in der Bibel gesagt ist und erzählt wird, steht in einem Zusammenhang von einem göttlichen Anfang und einem göttlichen Ende, der mit Alpha und Omega signiert ist. So sagt es Christus dem Seher Johannes ganz am Ende der Bibel im Buch der Offenbarung im 22. Kapitel zu: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Vers 13). Eine Zusage, die es in sich hat, die sich sogar hier in unserer Martin-Luther-Kirche in dem runden Glasfenster ganz oben in der Chorwand findet. Die griechischen Christus-Initialen „Chi“ und „Rho“ sind durch Alpha und Omega gerahmt – sein Wahrzeichen steht für und über uns wider hoffnungsloses Unwissen. Bei Gott bleibt weder mein Lebensende noch das Ende der Welt offen. Wie alles ausgeht ist für uns in Jesus Christus vorbestimmt.

Schon unser Lebensanfang in Fleisch und Blut ist kein Zufall, keine Laune der Natur, sondern von Gott selbst ausersehen. Ebenso führt unser Lebensende bei Gott in kein Nichts. Der Gott lässt unser Todesschicksal nicht offen, sondern bestimmt schlussendlich, was mit uns im Tod zu geschehen hat. Für das A und O unseres Menschseins finden wir in der Bibel den roten Faden, der sich durch den Gottesbund mit Israel sowie durch den neuen Bund in Jesus Christus zieht. Für den „bündigen“ Glaubensweg, der auch uns in die Gegenwart Gottes führt, begegnet uns in den Geschichten der Bibel eine ganze Wolke von Zeugen (Hebräer 12,1).

Ja, wir können uns manche Dinge nach den Tod vorstellen, gar ein seelisches Weiterleben an einem anderen Ort, aber unsere menschlichen Vorstellungen von einem Weiterleben „danach“ kennt kein letztes Lebensziel. „Fortsetzung folgt“ heißt es stattdessen. Ein x-beliebiges Leben irgendwann angefangen verliert sich irgendwo in der Ewigkeit. Dass wir überhaupt leben, verdankt sich dem Wunder unserer eigenen Geburt. Unser Leben ist nicht von Anfang an selbstverständlich. Das Recht zu leben hat niemand vor seiner eigenen Zeugung und Geburt gehabt. Wenn wir uns wundern, warum ausgerechnet wir geboren wurden, dürfen wir uns auch über die göttliche Schöpfung von Himmel und Erde mit der Erschaffung des Menschen Adam („Erdling“) wundern.

Zwischen dem göttlichen Wunder unserer Erschaffung und dem göttlichen Ziel unseres Lebens erstreckt sich unser irdisches Leben, das mitunter angefochten wird. Ereignisse, Einsichten, Erfahrungen, die über unseren Glauben hinausgehen, wollen uns unserer göttlichen Bestimmung irre machen – das kann ich nicht länger glauben, dem kann ich nicht länger glauben. Dass wir hier keinen Schlussstrich unter unseren christlichen Glauben ziehen, dazu hilft uns das letzte biblische Buch, die Offenbarung.

Johannes, ein frühchristlicher Prophet, ist wohl von römischen Behörden auf die Kykladen-Insel Patmos verbannt worden. Der Kaiserkult im Osten des römischen Reiches scheint die christlichen Gemeinden in Kleinasien zu bedrängen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen, um die Verehrung des Kaisers als „Herr und Gott“ als das Imperium einende Ideologie allgemein durchzusetzen. Wo sich Christen der Teilnahme an diesem Kult verweigern, stehen Zwangsmaßnahmen und Verfolgung an. Was für Lebensaussichten für Christen, die als steuerpflichtige Bürger unter staatlicher Herrschaft in Frieden leben wollen. So sind sie doch von den Aposteln ermahnt worden: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.“ (1Petrus 2,13f)

Wie soll das für Christen gehen – einer staatlichen Obrigkeit gehorchen, die zugleich einem den Glauben an Jesus Christus als den einen Herren nehmen will? Die waffengestählte Macht des römischen Reiches scheint stärker und damit wirksamer als Gottes Wort zu sein. Wer an seinem Glauben festhalten will, sieht sein Leben bedroht. Wider tödliche Lebensaussichten wird Johannes vom Gottesgeist ergriffen und dem Irdischen entrückt. Eine Tür im Himmel tut sich ihm auf zur Gottesschau: „Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer. Und der da saß, war anzusehen wie der Stein Jaspis und der Sarder; und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Thron waren vierundzwanzig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen.“ (Offenbarung 4,2-4)

Ja, im Himmel, von Gottes Gegenwart aus betrachtet, sieht die Zukunft ganz anders aus, als Menschen sie befürchten müssen: Was auch immer auf Erden geschieht, entgeht nicht Gottes überirdischer Macht. Beweis dafür ist Jesus Christus, der Gottessohn. Als Gottes Lamm selbst aufgeopfert und doch lebendig hält er vor dem Gottesthron die Schlüssel der menschlichen Schicksals. Seine Zusage gilt über alle Zeiten hinweg: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,17f) Alle Lebensmacht ist und bleibt bei dem dreieinigen Gott. So können wir in das himmlische Gotteslob einstimmen: „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4,11).

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Matthias Gerung – Engel halten die vier Winde / Die Versiegelung der 144000, Offb 7,1-8 (aus der Ottheinrich-Bibel, 1530-32)

Im Himmel wird es für Johannes sichtbar: Die Menschen, die trotz eigener Zweifel, trotz eigener Schuld, trotz eigenem Leiden, trotz Bedrückung und Verfolgung bei ihrem Glauben an Jesus Christus geblieben sind, diese Menschen finden sich bei Gott wieder. So heißt es im siebten Kapitel der Offenbarung:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (7,9-17)

Himmlische Aussichten für irdisches Leben nach dem Tod: Aus großer Trübsal kommend finden Menschen die große Heilung bei ihrem Gott, sind zu ihm heimgegangen: „Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! […] Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Ja im Himmel nach dem Tod mögen die Dinge bei Gott für uns ganz anders aussehen, als jetzt auf der Erde. Aber das wäre das große Missverständnis, wenn der Himmel sich nur als Hintertüre der irdischen Schöpfung auftäte, gleichsam als Notausgang für das menschliche Leben auf der Erde. Schließlich sieht Johannes im Himmel, wie das Gotteslamm, also Jesus Christus selbst, die Versiegelung der irdischen Zukunft löst: Durch sieben Siegel hindurch, mittels sieben Posaunen und aus sieben Schalen bricht göttliche Macht in die Welt ein, ringt die gottwidrigen Kräfte und die gottlose Herrschaft auf der Erde nieder. Erschütternd für Menschen, die Gott nicht wahrhaben wollen, erniedrigend für Herrscher und Despoten, erlösend für Geknechtete und Gequälte.

Und dann ganz zum Schluss, nachdem Weltreiche, Weltherrschaften, Ideologien, Teufel und Tod vernichtet worden sind und das Weltgericht mit der ewigen Verdammnis vollzogen worden ist, wird die himmlische Vision neu geerdet:

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Das neue Jerusalem (Luther-Bibel 1545)

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“ (Offenbarung 21,1-8)

So finden Himmel und Erde zueinander. Menschen, die mit ihrem Christusglauben Gott treu gewesen sind, werden von ihrem Schöpfer tröstlich berührt. Was verloren gegangen ist, richtet der Gott im Pascha-Mysterium seines Sohnes Jesus Christus wieder auf. Leiden und Schmerzen des Gottesvolkes wirken nicht länger nach. So findet das Drama des Menschen mit seinem Gott, das im Garten Eden seinen Anfang nahm, sein Ende. In der himmlischen Gnadengegenwart Gottes ist das Gottfremde eines eigenmächtigen Selbstanspruches „Sein wie Gott“ (1Mose 3,5) überwunden. Kein Tod reißt mehr die Lebensverbindungen auseinander. Gottes Erwählung führt zum Ziel, die Seinen gehen in Christus nicht verloren. Das Lied des Lammes erklingt aus unserem Mund:

Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.
Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen
und anbeten vor dir,
denn deine Urteile sind offenbar geworden.

(Offenbarung 15,3-4)

Hier die Predigt als pdf.

Neues Leben, neue Gemeinschaften – siebte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

12. November 2016
Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Jesus verabschiedet sich vom Kreise seiner Jünger mit dem Missionsbefehl (Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule, um 1010)

Als Lesungen liegen der Predigt Apostelgeschichte 2, 22-39 sowie Matthäus 28,1-10 zugrunde.

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Sterbensergriffen ruft dies der Hauptmann des Hinrichtungskom­mandos aus (Markus 15,39), als er den Menschen Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben sieht: Gottes Sohn – gewesen. „Gewesen“ bedeutet Vergangenheit. All das was Jesus von Nazareth getan und gesagt hat, spricht für ihn als Gottes Sohn. Aber wenn dieser Sohn Gottes getötet und begraben worden ist, kann er als Toter nicht länger gegenwär­tig sein. Was über einen Toten gesagt werden kann, ist nur als Nachruf auf dessen Leben gültig.

Das scheint es gewesen zu sein, dass der „König der Juden“ seiner Macht entblößt am Kreuz qualvoll gestorben ist, dass Gottes Herrschaft über Israel und die Völker im Fels begraben werden muss. Nein, so hätte es keine Kirche und kein Christentum geben können, wenn das Leben Jesu in der Niederlage eines Kreuzestodes verschwunden wäre. Es muss etwas geschehen sein, dass aus Jesu Lebensende am Kreuz von Golgota eine weltweite missionarische Bewegung und Lebensgemeinschaft entstanden ist.

Da muss im Felsengrab vor den Toren Jerusalems mit Jesu Leichnam etwas geschehen sein, was nicht mit den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Physik und der Biologie erklärt werden kann. Jesu Auferstehung von den Toten erschließt sich keiner menschlichen Vernunft. Das wussten die Menschen zur Zeit Jesu genauso wie heute. Und doch hat sich Jesus den Frauen am Grab und seinen Jüngern wirklich gezeigt, so dass die eine Botschaft weltweit ihren Lauf genommen hat: „Christus ist auferstanden von den Toten, er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“ (Ostertroparion in der byzantinischen Liturgie).

So hat man von alters her in der Kirche Jesu Auferstehung von Toten als göttlichen Neuanfang für das menschliche Leben verstanden: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Bevor es aber zum Jüngsten Tag kommt, ist für Christen eine göttliche Sendung angesagt. So verkündet Jesus leibhaftig auferstanden seinen verbliebenen elf Jüngern auf einem Berg in Galiläa: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,18-20)

Gottes Herrschaft wird dort auf der Erde verwirklich, wo Menschen den Heiligen Geist als Angeld bzw. Unterpfand erhalten (Epheser 1,13-14; 2Korinther 1,22), eingedenk der Worte Jesu: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4,24). Dazu hat Jesus vor seiner Himmelfahrt den elf Jüngern die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem verheißen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)

An Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, wird Jesu Vorhersage wahr (Apostelgeschichte 2,1-13). Geistergriffen tritt Petrus in Jerusalem den jüdischen Pilgern in Jerusalem gegenüber und verkündigt ihnen Jesu Geschichte von Kreuz und Auferstehung als göttliche Rettungstat: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.“ (Apostelgeschichte 2,22-24) Petrus fordert seine Zuhörer heraus: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“ (Apostelgeschichte 2,38f) Vor dem Hohen Rat in Jerusalem hat er sich für seine Botschaft zu rechtfertigen: Dieser Jesus von den Oberen der Juden verworfen ist zum Eckstein des Heils geworden: „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. […] Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4,12.20)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Paulus (Mosaik aus dem 5. Jahrhundert, im Oratorium St. Andrea in Ravenna)

Die Botschaft gilt zu aller erst den Juden und wird jedoch von gottesfürchtigen Heiden gehört. Vor allem Saulus, später Paulus genannt, wird ausgehend von der syrischen Stadt Antiochien zum Apostel unter den Heiden in Kleinasien und Griechenland. Dazu berichtet die Apostelgeschichte über dessen drei Missionsreisen (13,1-14,28; 15,36-18,22; 18,23-21,26), bevor sein Lebensweg in der Gefangenschaft in Rom endet. Als Missionar tritt Paulus zuerst in der jüdischen Synagoge vor Ort auf und findet dabei Gehör vor allem bei den gottesfürchtigen Sympathisanten des Judentums. Da stellt sich Judenchristen jedoch die Frage nach der Gemeinschaft: Wenn Heiden Jesus Christus als Herrn bekennen und sich auf dessen Namen taufen lassen, gehören sie dann etwa auch ohne Beschneidung dem besonderen Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk an? Oder müssen sie die göttliche Weisung zur eigenen Beschneidung als Bundeszeichen erfüllen (vgl. 2Mose 12,44.48)?

Die Einheit der Glaubensgemeinschaft von Judenchristen und Heidenchristen steht auf dem Spiel. Kann man gemeinsam das Abendmahl einnehmen und am Tisch des Herrn den Gott Israels im Gebet loben und preisen? Der Apostel Paulus kommt zu dem Schluss, dass die Beschneidung Abrahams und seiner Nachkommen Zeichen der empfangenen Gottesgnade, nicht aber Vorbedingung ist. Nicht durch die Erfüllung von Werken des Gesetzes, sondern durch den Glauben an die Erlösungstat Jesu werden die Menschen – Juden wie Heiden – von dem Gott gerecht gesprochen und in seinen neuen Bund hineingenommen. „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.“ (Römer 3,28-30) „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,26-29) „In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6)

In seinen Briefen hält der Apostel Paulus Kontakt mit den Gemeinden, die von ihm gegründet worden sind. So bringt er das Evangelium Jesu Christi immer wieder zur Sprache und sucht die Lebensform von Christen als Heiligung des eigenen Lebens wie auch des Zusammenlebens mit anderen zu klären. „Ihr wisst, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, einen jeden von euch ermahnt und getröstet und beschworen haben, euer Leben zu führen würdig vor Gott, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit.“ (1Thessalonicher 2,11f)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Der schreibende Paulus in einer frühmittelalterlichen Handschrift der Paulusbriefe (St. Gallen, 9. Jh.)

Neben den 13 Briefen des Paulus finden sich im Neuen Testament auch Briefe, die anderen Apostel zugeschrieben sind, wie die beiden Briefe des Petrus oder aber die drei Briefe des Johannes. Auch hier wird die Christusbotschaft jungen Gemeinden zugesprochen, die in einem heidnischen Umfeld tagtäglich zu bestehen haben. Der anonyme Brief an die Hebräer schließlich zeigt auf, dass Jesus mit seiner Selbsthingabe den priesterlichen Dienst im Tempel wie er in den fünf Büchern Mose als göttliche Weisung vorgeschrieben worden ist, ein für alle Mal erfüllt hat: „Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der Güter bei Gott durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das ist: das nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ (Hebräer 9,11f). Darin ist er „der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat.“ (Hebräer 9,15f) „Wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.“ (Hebräer 9,27f) Dazu steht noch ein letztes Buch aus, die Offenbarung des Johannes. Dieses Buch wird die achte und letzte Predigt bestimmen.

Der Neue Bund der Hingabe – sechste Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

30. Oktober 2016

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Als Lesungen liegen der Predigt Jeremia 31,31-34 sowie Markus 8,27-33 zugrunde.

Am Anfang seiner Mission steht eine Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,11) Mit diesen Worten tritt Jesus auf die Menschen in seiner Heimatregion Galiläa zu. Aus heutiger Sicht mag dies als religiöse Einladung gelten, die sich Menschen innerlich zu Herzen nehmen sollen. Aber Jesus fordert damit die politischen Machthaber wie auch die religiösen Führer heraus.

Seit Jahrhunderten war das Gottesvolk Israel unter fremder Herrschaft, zunächst waren es die Assyrer, dann die Babylonier, die Perser, die Griechen und schließlich die Römer: Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa und Samaria, Herodes Agripa, Sohn Herodes des Großen, regierte Galiäa und Peräa als römischer Vasall. Gottes Herrschaft ist nahe herbeigekommen. Diese Ansage scheint das Ende der Fremdherrschaft zu bedeuten. Wenn der Gott Israels vom Zion aus regiert, sind ihm alle Völker unterworfen. So wird ja in Psalm 99 gesungen: „Der HERR ist groß in Zion und erhaben über alle Völker.“ (V 2) In Jerusalem wird man auf den Rabbi Jesus aufmerksam und holt Erkundigungen ein: Ist da etwa eine neue Aufstandsbewegung im Entstehen? Was nimmt sich dieser Wanderprophet mit seiner Botschaft heraus? Woher hat er die Autorität?

Vollmächtig redet Jesus, nicht wie die Schriftgelehrten (vgl. Matthäus 7,28). Schließlich sind seine Worte nicht einfach daher gesagt, sie zeigen Wirkung, wenn er Kranke heilt, Blinde sehend macht und Aussätzige reinigt. Was noch mehr herausfordert ist jedoch der Zuspruch zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Markus 2,5) Offensicht­lich übergeht Jesus die Bestimmungen des Gesetzes: Wer aus Versehen gesündigt hat, soll dem Priester im Tempel ein Sündopfer bringen. Nachdem das Opfertier zur Sühne verbrannt worden ist, spricht der Priester die göttliche Vergebung zu (3Mose 4). Wie kann nun ein Rabbi von sich aus ohne priesterliche Mitwirkung Sünden vergeben?

Auf der einen Seite sind Jesu Worte Gnadenworte voller Barmherzigkeit, auf der anderen Seite gehen sie messerscharf unter die Haut, rechnen mit Widersachern gnadenlos ab:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten […] Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23.29.33)

Aus seiner zahlreichen Anhängerschar wählt Jesus zwölf zu besonderen Weggefährten – seine Jünger, auch „Apostel“ genannt – aus, die ihm auf seiner Wanderschaft in Galiläa begleiten. In seiner Nachfolge werden sie in seiner Lehre vom Gottesreich unterwiesen und selbst als Botschafter ausgesandt.

Jesu Botschaft vom Gottesreich, seine Heilungen und Wundertaten werfen die Frage auf: Wer ist er selbst? Was sagen die Leute über ihn? Ein wiedergeborener Elia, Johannes der Täufer, ein weiterer Prophet Israels? Die Antwort des Petrus macht den Unterschied: „Du bist Christus, der Messias, der Gesalbte, Sohn des lebendigen Gottes“. Gott wird sein Reich durch dich, Jesus errichten.

Jesus lässt die Antwort gelten und fügt sofort hinzu, was diese Herrschaft für ihn bedeutet. Derjenige, der in Gottes Namen regiert, muss leiden, wird von den Obersten des eigenen Volkes verworfen und schlussendlich getötet werden. Wer dem Gottgesalbten, dem Messias trotzdem nachfolgt, muss das eigene Kreuz auf sich nehmen. Die Jünger Jesu stehen in dieser Welt nicht auf der Siegerseite, können sich nicht im Machtglanz des Messias sonnen. Wie Jesus selbst haben sie ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Für sie gibt es kein „Bis hierher und nicht weiter“. Aus dem Munde Jesu gesprochen: „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.“ (Markus 8,35)

Wie kann man sich auf solch einen Herrscher einlassen, bei solchen Lebensaussichten. Da nimmt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg, den Tabor, mit, wo er vor ihren Augen verklärt wird. Ihm stehen Mose und Elia zur Seite, das Gesetz und die Propheten sprechen für ihn. Und Gottes Zusage steht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“ (Matthäus 17,5) Wo sein Abstieg von diesem Berg in die Dunkelheit des Todes am Kreuz führt, ist Jesus bereits von Gottes Herrlichkeit eingenommen.

Ein letzter Gang steht für Jesus an, der Marsch auf Jerusalem. Er soll Gottes Herrschaft zur Entscheidung bringen. Das Passafest steht an. Juden kommen als Wallfahrer nach Jerusalem, um dort Israels Befreiungsfest aus der Sklaverei Ägyptens gemeinsam zu feiern. Als Jesus als König nach Jerusalem auf einem Esel – wie beim Propheten Sacharja (9,9) angekündigt  – einreitet, jubelt ihm die Menge zu: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“ (Markus 11,9f)

Dann kommt es zu einer entscheidenden Aktion, die das Fass zum Überlaufen bringt: Der Messias betritt den Tempel und vertreibt die Händler, die Opfertiere verkaufen, sowie die Geldwechsler, die Münzen in opferfähige, weil bildlose Währung umtauschen. Damit setzt er den dortigen Opferdienst vorübergehend außer Kraft. Israel ist im Innersten getroffen. Der Vorwurf steht im Raum: Jesus will den Tempel, das Gotteshaus zerstören. Aber was kann schon an seine Stelle treten? Wo sonst soll der Gott mitten unter seinem Volk gegenwärtig sein? Wie sonst soll er seinem Volk Heil gewähren? Erst nach Ostern, nach Jesu Auferstehung von den Toten wird es für Christen klar: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Korinther 3,16) Gottes Geist wohnt nicht hinter mächtigen Steinquadern des herodianischen Tempels; er lässt sich weder durch Brand- noch durch Schlachtopfer wider die eigene Schuld gewinnen. Versöhnung mit dem lebendigen Gott bedarf einer anderen Hingabe. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45) Ihr selbst sollt euch als lebendige Steine erbauen lassen „zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ (1Petrus 2,5)

Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig.“ (1Korinther 3,17) So weiß es der ehemalige Pharisäer Paulus der Gemeinde in Korinth ins Stammbuch zu schreiben. Kein Wunder, dass bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten der Plan gereift ist, Jesus als Tempelstörer und potentiellen Tempelzerstörer aus der Welt zu schaffen. Wer fundamental in Frage gestellt wird und nichts zu erwidern hat, sucht den Fragesteller zu erledigen. Da unterrichtet Jesus das Volk im Tempel in aller Öffentlichkeit, während seine Tötung schon beschlossene Sache ist. In die eigene Todesahnung wirf er das Gleichnis ein: Israel ist Gottes Weinberg, wie es schon beim Propheten Jesaja besungen worden ist (Jesaja 5). Die Weingärtner, die Oberen des Volkes, verweigern dem göttlichen Weinbergbesitzer die geschuldete Ernteabgabe. Boten werden geschmäht, geschlagen, gar getötet. Als dann der Herr des Weinbergs seinen eigenen Sohn sendet, sehen die Weingärtner die Gelegenheit, durch die Ermordung des Erbens den Weinberg in den eigenen Besitz zu bringen. (Markus 12,1-12) So sieht Jesus selbst seinen Tod auf sich zukommen. Die Oberen des Volkes können sich dem Messias nicht fügen und müssen ihn daher ermorden.

Im Wissen um seine bevorstehende Hinrichtung feiert Jesus mit seinen zwölf Jüngern das Passahmahl und deutet dabei Brot und Wein auf seinen Tod hin:

Als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Markus 14,22-24)

Ungeheuerliches spricht Jesus seinen Jüngern zu: In seinem bevorstehenden Sterben schließt der Gott mit seinem Volk einen neuen Bund, der die Menschen wirklich zu Herzen geht. So hat es ja der HERR beim Prophet Jeremia dies zugesagt:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,33-34)

In diesem Abendmahl werden die Jünger schon jetzt in diesen Gottesbund hineingenommen. Das Gesetz ist für Israel nicht länger Bedingung, die man selbst erfüllen muss. Vielmehr erfüllt Jesus selbst die Forderung des Gottesgesetzes in seiner Hingabe ein für alle Mal. Seine tödliche Hingabe wird nicht mit Schweigen übergangen werden. Vielmehr kommt das Geheimnis des Glaubens für Christen zum Lobruf an den Heiland: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Noch ist es nicht soweit. Nach dem Passahmahl findet sich Jesus mit seinen Jüngern unter freiem Nachthimmel im Garten Gethsemane ein und hadert mit seinem Vater: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14,36) Judas Verrat ist es, dass die Tempelwache Jesus ohne öffentliches Aufsehen zu fassen bekommt. Und es ist die eigene Lebensangst, die Jünger fliehen lässt. Die Nacht vor seinem Tode kennt keine Nachfolger Jesu. Das Verhör vor dem Hohen Rat wird zum Schauprozess: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ fragt Kaiphas, der Hohepriester. Und Jesus antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.“ (Markus 14,62).

Das Urteil gegen den vermeintlich aufständischen König der Juden hat der römische Statthalter Pilatus zu sprechen und vollstrecken zu lassen. Die Wachsoldaten foltern und verspotten Jesus – Travestie von Macht und Ohnmacht. Sein Kreuz zwängen sie Jesus auf zum Gang nach Golgatha. Ans Kreuz genagelt und für den Erstickungstod aufgerichtet betet Jesus für die Übeltäter: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Noch einmal ist er anderen Menschen zugeneigt, so dem Schächer zur Rechten am Kreuz: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43) bevor ihn die Gottesfinsternis in der eigenen Atemnot einholt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 14,34)

„Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt nach. Der Gott sucht seine Geschöpfe, die ihm verlorengegangen sind. Nun ist es seiner eigener Sohn, der sich für die Mitmenschen verloren gegeben hat. Und dieser schreit umgekehrt die Lebensverzweiflung seinem Vater entgegen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Am Kreuz entschwindet Jesus die Gottesgegenwart. Weder sein Vater noch die eigene Gottheit halten ihn am Leben. Sein Sterben führt ihn in die Gottdunkelheit. So wird er uns wirklich zum Begleiter und Erlöser der eigenen Gottesfremde.

Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Gottessieg über die Menschensünde gilt. Letztes Sterbenswort bevor Jesus sein Haupt neigte und den Lebensgeist hingab. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Der Hauptmann des Hinrichtungskommandos ruft es sterbensergriffen aus (Markus 15,39) Und dieser Ruf bleibt kein Nachruf auf einen Toten.

Hier die Predigt als pdf.

Reich Gottes und Jesus – fünfte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

22. Oktober 2016

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Als Lesungen liegen Jesaja 9,1-6 sowie Markus 1,1-15 der Predigt zugrunde.

Die Bibel – göttlicher Wort-Schatz des Glaubens, so ist die Predigtreihe überschrieben. In dieser Woche ist neue Luther-Bibel herausgekommen. Dorf findet sich auf Seite 1115 das Gebet Manasse, ein apokrypher Text, der nicht zum hebräischen Kanon des Alten Testaments gehört. Es folgen eine leere Seite und dann ein neues Deckblatt „Das Neue Testament“ mit einer neuen Seitennummerierung. Man könnte also meinen, dass zwei unterschiedliche Bücher zusammengebunden worden sind. Doch dem ist nicht so. Mit Martin Luther lesen wir nicht das Alte Testament als jüdisches Religionsbuch und das Neue Testament als christliches Religionsbuch. Vielmehr zeigt sich Jesus Christus im Zentrum der Heiligen Schrift für uns – seine Worte und Taten und das, was mit ihm am Kreuz und im Grab geschehen ist. Sowohl das Alte wie auch das Neue Testament zeugen von ihm. Nach Luther können die biblischen Erzählungen und Worte nur von Christus her erschlossen werden: „Die Schrift ist nicht gegen Christus, sondern für ihn zu verstehen. Daher muss man die Schriftstelle entweder auf ihn beziehen oder kann sie nicht für wahre Schrift halten.“

Jesus Christus steht im Zentrum der Heiligen Schrift. Dazu gilt es, über das Alte Testament hinaus weiterzuerzählen. Nachdem die Juden aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückgekommen waren, gibt es nicht länger ein eigenes Königreich. Und so wird die Bindung an das Heimatland gelockert. Überall im Mittelmeerraum und im Nahen Osten wohnen Juden verstreut, die sich vor Ort in Synagogen sammeln. Mit den Jahren und den Bekehrungen Fremdstämmiger zur jüdischen Religion entfällt Hebräisch als Muttersprache immer mehr. So wird die Heilige Schrift als Septuaginta ins Griechische übersetzt. In Palästina sind nach den Assyrern, den Babyloniern, den Persern und den Griechen schließlich die Römer an der Macht. Herodes der Große – ein Idumäer (Edomiter), kein Jude – ist als König von Roms Gnaden eingesetzt. Um die Gunst des Volkes zu gewinnen, lässt er den Tempel in Jerusalem prächtig ausbauen und vergrößern.

Ja, der Opferdienst im Tempel funktioniert, aber wo zeigt sich nun Gottes Herrschaft über Isarel und die Völker? Solange man einer überlegenen Militärmacht gegenübersteht, der man Abgaben zu entrichten hat, scheint Gottes Herrschaft unwirklich zu sein. Vier verschiedene Strömungen und Bewegungen prägen das Leben der Juden in Palästina unter römischer Vorherrschaft:

Da sind zum einen Freiheitskämpfer, auch Zeloten genannt, die wie früher schon die Makka­bäer die Fremdherrschaft mit kriegerischer Gewalt beenden wollen, um ein neues jüdisches Königtum zu errichten. Rom und seine Vasallen schlagen jedoch gewaltsame Aufstandsver­suche unerbittlich und brutal nieder. Als Abschreckung werden die Aufständischen an Weg­rändern und öffentlichen Plätzen gekreuzigt. Deren qualvolles Erstickungssterben im eigenen Abhängen soll mögliche Nachahmer abschrecken.

Wie anders verhalten sich die Sadduzäer aus dem Priestergeschlecht Zadoks und dem Jerusa­lemer Stadtadel. Man hat sich mit der Herrschaft Herodes und der Römer arrangiert, sucht den Weg des geringsten Widerstandes, zahlt die Steuer und Abgaben und konzentriert sich auf den Opferdienst im Tempel. Solange die im Gesetz angewiesenen Opfer erbracht werden, solange jüdische Pilger aus der Diaspora an den hohen Festtagen nach Jerusalem kommen, kann man mit den eigenen Machteinschränkungen gut leben. Beamtete Priester haben jedenfalls ihr gesichertes Auskommen.

Da sind noch die Pharisäer, eine jüdische Laienbewegung, deren Rückhalt in den örtlichen Synagogen ist. Bei ihnen zeigt sich ein ganz neuer Ernst für das Gesetz und die Propheten­schriften. Gottes Herrschaft kann nur dann zum Zug kommen, wenn das ganze Volk diesem Gesetz voll und ganz gehorsam ist. Damit solch unbedingter Gehorsam möglich ist, werden für den Alltag Zusatzbestimmungen zu den fünf Büchern Mose eingeführt, die es um Gottes Willen zu halten gilt.

Zuletzt seien noch die Essenern genannt, eine priesterliche Gruppe, die sich in eine kloster­ähnliche Gemeinschaft am Toten Meer zurückgezogen hatten. Unter besonderen Reinheits­vorschriften und unter strenger Askese wollte man sich dort als erwählter Rest Israels auf das Kommen des Reiches Gottes vorbereiten.

In diese jüdische Religionslandschaft wurde Jesus hineingeboren. Abgesehen von seiner Geburtsgeschichte wie sie bei Lukas und bei Matthäus erzählt werden, wissen wir wenig über seine Kindheit in Nazareth. Erst als Mann kurz vor 30 Jahre tritt er öffentlich in Erscheinung. Als „Rabbi“ wird er von seinen Mitmenschen, selbst von seinen Gegner angesprochen, auf Deutsch „mein Meister“. Zur Sprache kommt damit seine besondere Autorität als Schrift­gelehrter. Da zeigt sich Jesus als jemand, der die Heiligen Schriften intensiv studiert hatte, um daraus den Willen seines himmlischen Vaters zu erkunden. „Abba“, „mein Vater“, so betet Jesus zu dem Gott. Da kommt seine einzigartige Gottesnähe zur Sprache. Was zwischen Jesus und dem Gott Israels geschieht, entspricht dem intimen Verhältnis des Gottessohnes zu sei­nem Vater im Himmel. Diese Vertrautheit lässt Jesus später in der Öffentlichkeit mit einer beson­deren Autorität auftreten: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist … Ich aber sage euch.“ (Matthäus 5,21f)

Bevor Jesus öffentlich das Wort ergreift, begibt er sich hinab ins Jordantal, wo Johannes der Täufer als Prophet in den Fußstampfen Elias das jüdische Volk zur radikalen Umkehr aufruft: „Tut Buße – besser übersetzt – kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 3,2) So wie Israel einst unter der Führung Josuas durch den Jordan ins gelobte Land eingezogen, so soll nun das Volk sich neu besinnen und sich im Jordan ganz und gar auf Gottes Willen einlassen. Wo die Menschen von Johannes im Jordan untergetaucht werden, entfließen ihnen ihre Sünden und sie stehen als Anfänger des Glaubens da. Da reiht sich auch Jesus in die Schar der Bußfertigen ein und erbittet von Johannes den Vollzug der Taufe. Zwischen sich und seinem Volk macht Jesus keinen Unterschied; er nimmt sich nicht aus der Schar der Sünder heraus. Er stellt sich nicht über andere, sondern gesellt sich zu ihnen. Im Jordan macht er sich Israels Sünde und Gottlosigkeit zur eigenen Sache.

Als Jesus von Johannes die Bußtaufe zur Sündenvergebung erhält, öffnet sich über ihm der Himmel: Der GottGeist kommt auf ihn herab. So wird Jesus mit dem Heiligen Geist gesalbt, den der Prophet Hesekiel für Gottes endgültige Herrschaft über Israel angekündigt hatte. Und die Himmelsstimme verspricht Jesus mehr als menschliches Leben aus sich selbst erreichen kann: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ (Markus 1,11) GottVater, GottSohn und GottGeist – in der Taufe Jesu im Jordan zeigt sich die göttliche Dreieinigkeit zum Heil Israels.

Es ist nun der GottGeist, der den Gottessohn in die Wüste treibt und ihn vom Satan auf die Probe stellen lässt: Was heißt es für den Menschen Jesus wirklich Gottes Sohn zu sein? Und wie hat sich die Salbung mit dem Heiligen Geist für Jesus leiblich auszuwirken? In der Stein­wüste Judäas wird Jesus für vierzig Tage dem äußersten Lebensmangel ausgesetzt und hat mit sich selbst zu kämpfen. Er steht vor einer dreifachen Wahl des Lebens – Eigenmächtigkeit oder Gottvertrauen:

  1. Soll er Wüstensteine in die Hand nehmen und daraus Lebensmittel herstellen oder aber das tägliche Brot des Lebens als Gottesgabe empfangen?
  2. Soll er sich in Jerusalem wie ein Basejumper von der Tempelzinne in die göttliche Übermacht stürzen oder aber den Lebensweg bis ans Kreuz von Golgatha ausschreiten, der für den Menschensohn vorgesehen ist?
  3. Soll er die Herrschaft über Israel und die Völker mit Schwertgewalt erlangen oder aber als königlicher Gottesknecht die Menschengewalt am eigenen Leib erleiden?

Teuflische Machtversuchungen für den Messias (Christus), den Gottgesalbten in der Wüste, denen Jesus standhält. So erweist er sich den Thronnamen würdig, die Jesaja prophezeit hat:

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“ (Jesaja 9,5-6)

Nachdem Jesus aus der judäischen Wüste gekommen ist, beginnt er in Galiläa mit seiner provokativen Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Wie kann man das Reich Gottes, seine Herrschaft sehen, wenn die Insignien menschlicher Macht fehlen: Weder Palast, Thron, Soldaten noch Waffen lassen sich sehen. Wie kann also der Gott die Herrschaft über sein Volk ausüben? Da muss der Blick der Zuhörer auf Jesus selbst fallen. So wie er vor das Volk tritt, so wie er Sünder annimmt, so wie er Kranke mit eigenen Händen heilt, so wie er sich für die Menschen hingibt, richtet Gott seine Herrschaft über Israel und die Völker auf. Aus Jesu Mund gesprochen:

Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie mit einem Senfkorn: Wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“ (Markus 4,30-32)

Jesu messianische Einladung in das Reich Gottes steht:

Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquic­ken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,27-30)

Hier die Predigt als pdf.