Posts Tagged ‘Buße’

Pharao Necho und die Geldbuße – wie in der Lutherbibel 2017 militärische Gewaltherrschaft schöngeredet wird

16. Juni 2017

Eines der eher verunglückten Wörter des christlichen Wortschatzes ist im Deutschen das Verb „büßen“ (bzw. die „Buße“). „Das sollst Du mir büßen“ heißt es, wenn man dem anderen Vergeltung androht. Dass das Wort „Buße“ bei uns einen schlechten Klang hat, verdankt sich dem kirchlichen Bußverfahren des Mittelalters, bei dem es die in Bußbüchern (libri poenitentiales) tariflich festgelegten Bußstrafen zur eigenen Besserung abzuleisten galt. Etymologisch betrachtet kommt „büßen“ nämlich von „bessern“. Eine Geldbuße ist also weder vergeltende Bestrafung noch Schadenskompensation, sondern soll sich als „Besserungsleistung“ auf das moralische Verhalten des „Pönitenten“ auswirken. Nachdem man selbst den Strafzettel erhalten hat, sagt man sich: „Das nächste Mal parke ich nicht im Parkverbot.“

Interessanterweise taucht ein besserungssträfliches „Büßen“ erst in der revidierten Lutherbibel von 1964 auf. Auch in der Lutherbibel 2017 finde es sich an drei Stellen: In Sprüche 13,13 heißt es noch immer: „Wer das Wort verachtet, muss dafür büßen“, obwohl das hebräische chabal nichts mit „büßen“ im Sinne einer Besserungsstrafe zu tun hat und Luther 1545 „WEr das wort veracht / Der verderbet sich selbs“ sachlich richtig liegt (Zürcher: „Wer das Wort verachtet, erleidet Schaden“). Ähnlich steht in Sprüche 30,10 mit Luther 1964 noch immer „Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst“ (Luther 1545 „Verrate den Knecht nicht gegen seinem Herrn / Er möcht dir fluchen / vnd du die schuld tragen müssest“), sowie in Sirach 23,24 [34] „Eine solche Frau wird man der Gemeinde vorführen, und ihre Kinder müssen’s büßen.“ (Luther 1545 „Diese wird man aus der Gemeine werffen / vnd jre Kinder müssen jr entgelten.“)

Besonders fragwürdig ist jedoch die Rede von „Geldbuße“ in der Lutherbibel 2017. So legt in 2Kön 23,33 bzw. 2Chr 36,3 der Pharao Necho (610 bis 595 v. Chr.) dem Land Juda eine „Geldbuße“ von 100 Zentnern Silber und einem Zentner Gold auf. Das klingt so, als wäre der Pharao im Auftrag der kommunalen Verkehrsüberwachung tätig gewesen. In Wirklichkeit hatte Necho den neuen, vom Volk gewählten judäischen König Joahas im Herbst 609 v. Chr. in seinem Hauptquartier in Ribla am Oberlauf des Orontes überführen lassen, ihn dort als König abgesetzt und nach Ägypten deportiert. An seiner Stelle setzte Necho Eljakim, einen anderen Sohn Joschijas, als judäischen König (von Ägyptens Gnaden) ein und änderte dessen Name in Jojakim. Fremdmilitärisch erzwungene Abgaben als „Geldbuße“ und damit als moralische „Besserungsmaßnahme“ zu verkaufen ist ein Unding. Luther 1545 weiß es besser, wenn das hebräische ʽonäsch mit „Schatzung“ (vgl. „Brandschatzung“) im Sinne einer gewaltsam erzwungenen Tributzahlung (vgl. Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18. Auflage 2013, 994) übersetzt wird. Ebenso ist in Esra 7,26 von einer „Geldbuße“ (Luther 1545: „Busse am gut“) die Rede, wo besser „Geldstrafe“ zu übersetzen wäre.

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Wie heißen die vierzig Tage vor Ostern (Quadragesima) richtig – Fastenzeit oder Passionszeit?

13. März 2017

Kretisches Labyrinth aus 2500 brennenden Teelichtern in der Heilig-Kreuz-Kirche in Frankfurt-Bornheim – Foto Wikipedia/Jürgen Heegmann, Dezember 2011, cc-by-sa

Gemeinhin ist bezüglich der vierzig Tage vor Ostern (Quadragesima) im deutschsprachigen Raum von der Fastenzeit die Rede. Damit scheint der Inhalt vorgeben: „Was fastest Du in diesem Jahr?“ Selbst evangelischerseits gibt es seit 1983 eine Fastenaktion „7 Wochen ohne“ mit immer kreativeren „Fastenvorhaben“. So  heißt 2017 das Motto „Augenblick  mal! – Sieben Wochen ohne Sofort“. Ganz offensichtlich hat sich auch in der evangelischen Kirche die Bezeichnung „Passionszeit“ nicht durchgesetzt. Der kirchlichen Tradition zufolge beginnt ja die eigentliche Passionszeit erst am Sonntag Judika (5. Fastensonntag), also zwei Wochen vor Ostern. Noch in der Lutherischen Agende I von 1955 ist von der Fastenzeit die Rede. Es hat sich gezeigt, dass die Ausdehnung der Passionszeit auf die ganze Quadragesima mit der Perikopenordnung von 1978 liturgisch nicht gefüllt werden kann.

Der Ursprung der Quadragesima liegt in der altkirchlichen Vorbereitung der Gläubigen auf das Osterfest. Es handelt sich dabei um eine Buß- bzw. Besinnungszeit, die durch eigenes Fasten unterstützt wird. In der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanum heißt es daher über den Sinn der Vierzig Tage: „Die vierzigtägige Fastenzeit hat die doppelte Aufgabe, einerseits vor allem durch Tauferinnerung oder Taufvorbereitung, andererseits durch Buße, die Gläubigen, die in dieser Zeit mit größerem Eifer das Wort Gottes hören und dem Gebet obliegen sollen, auf die Feier des Pascha-Mysteriums vorzubereiten.“ (SC 109)

Weder die Bezeichnung „Fastenzeit“ noch „Passionszeit“ treffen die eigentliche Intention der Quadragesima.  Jesu Hingabe für uns Menschen gilt es das ganze Jahr über zu bedenken; „Fastenzeit“ hingegen betont ein menschlicherseits zu erbringendes Werk. Besser wären vorösterliche „Bußzeit“ oder aber „Besinnungszeit“: Unter der Anleitung des Wortes Gottes nehme ich mich als Sünder in meinem (Un-)Verhältnis  zum dreieinigen Gott wie auch zu meinen Mitmenschen wahr. Damit öffne ich mich neu für das göttliche Pascha-Mysterium sowie für die unbedingte Vergebungszusage des Evangeliums in Jesu Namen.

So könnte für die Besinnungszeit zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag täglich je eine Gewissensfrage gestellt werden. Dieser Fragen wiederum beziehen sich wochenweise auf eine bestimmte göttliche Weisung. Eine mögliche Einteilung der Fragegruppen könnte (in Anlehnung an die Hilfe zur Gewissenserforschung aus dem Gotteslob, Nr. 600) sein:

Erste Woche: Gott will, dass wir die Menschen achten, denen wir familiär verbunden sind oder die uns besonders anvertraut sind.
Zweite Woche: Gott will, dass wir ihm vertrauen und uns nicht an fremde Mächte und Ideen binden.
Dritte Woche: Gott will, dass wir Leben achten und Leid abwenden.
Vierte Woche: Gott will, dass wir ihn ehren und ihn anrufen.
Fünfte Woche: Gott will, dass wir in Ehe und Freundschaft einander Respekt, Liebe und Treue erweisen.
Sechste Woche: Gott will, dass wir Eigentum achten und unseren Mitmenschen zugutekommen lassen.
Siebte Woche: Gott will, dass wir zur Wahrheit stehen und niemandem durch Lügen Schaden zufügen.

Aus Jesu Mund kommt die Botschaft für diese Besinnungszeit: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Martin Luther gegen den arbeitsfreien Buß- und Bettag

17. Dezember 2016

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Immer wieder hört man von kirchenleitender Seite die Forderung, dass der Buß- und Bettag wieder als gesetzlicher Gedenk- und Feiertag gelten soll. Wenigstens einen evangelischen Feiertag will man staatlich anerkannt haben. Schließlich haben ja die Katholiken – zumindest in Bayern – Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen. Nun ist der Buß- und Bettag von seiner Genese her kein kirchlicher Feiertag. Vielmehr hat die staatliche Obrigkeit angesichts von Notständen und Gefahren ihre Untertanen kollektiv zur Umkehr und zum Gebet aufgerufen und dazu arbeitsfreie Buß- und Bettage angeordnet. Was jedoch für uns Evangelische schwerer wiegen dürfte, ist das ursprüngliche Anliegen der Reformatoren. Wider eine kirchlich approbierte „Freizeitgesellschaft“ sah man sich einem Industrieethos verpflichtet, das die vielen arbeitsfreien kirchlichen Feiertagen abzuschaffen suchte. So schreibt Martin Luther in seinem Sermon von den guten Werken in der Auslegung des dritten Gebotes unter Siebzehntens:

„Dieses Gebot schließt nach geistlichem Ver­ständnis ein noch viel höheres Werk ein, das die ganze Natur des Menschen in sich begreift. Hierzu muss man wissen, dass Sabbat auf Hebräisch »Feier« oder »Ruhe« heißt, weil Gott am siebten Tage ruhte und mit allen seinen Werken, die er geschaffen hatte, aufhörte. Darum gebot er, dass man am siebten Tag feiern und auch mit unseren Werken aufhören solle, die wir in den sechs Ta­gen ausgeübt haben. Dieser Sabbat ist nun in den Sonntag ver­wandelt und die andern Tage heißen Werktage, der Sonntag aber heißt Ruhetag, Feiertag oder heiliger Tag. Wollte Gott, dass in der Christenheit nur der Sonntag Feiertag wäre und man die Feste der Jungfrau Maria und der Heiligen alle auf den Sonntag legte! Dann unterblieben durch die Arbeit an den Werktagen viele schlimme Untugenden, würden auch die Länder nicht so arm und ausgezehrt. Aber nun sind wir mit vielen Feiertagen ge­plagt, zum Verderben der Seelen, Leiber und Güter, wovon viel zu sagen wäre.“

Wenn es in der ersten von Luthers 95 Thesen heißt „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‘ usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“, ist ein besonderer Bußtag fehl am Platz.

Die Freude der Buße, die in Wirklichkeit Umkehr zu Gott ist (Julius Schniewind)

16. November 2016
Julius Schniewind (1883-1948)

Julius Schniewind (1883-1948)

Auf Worte kommt es an. Zwischen „tut Buße“ und „kehrt um“ (Mt 4,17) liegt ein himmelweiter Unterschied. Dass in den neueren deutschen Bibelübersetzungen das griechische Verb metanoeo mit „umkehren“ bzw. das Substantiv metanoia mit „Umkehr“ (mit Ausnahme von Luther 1984/2017) einhellig übersetzt werden, verdankt sich unter anderem Julius Schniewind. Bekannt ist sein 1956 postum erschienener Aufsatzband „Die Freude der Buße. Zur Grundfrage der Bibel“. Darin findet sich unter anderem der schöne Aufsatz „Was verstand Jesus unter Umkehr?“, der ursprünglich im zweiten Teilband von Hans Asmussen (Hrsg.), Rechtgläubigkeit und Frömmigkeit. Das Gespräch der Kirche um die rechte Nachfolge Christi  (Berlin: Furche 1938, 70-84) erschienen ist. Zur Umkehrbuße schreibt Schniewind unter anderem:

„Buße ist Umkehr zu Gott. Das griechische Wort Metanoia ist die Übersetzung eines hebräischen Wortes, für das Luther im Alten Testament das Wort »Bekehrung« einsetzt. Das entsprechende Zeitwort gibt Luther wieder durch sich bekehren«. Wir wählen statt dessen den Ausdruck »Umkehr«, weil das Wort »Bekehrung «, ähnlich wie das Wort »Buße«, bei uns nicht mehr den biblischen Vollklang hat. Bei Bekehrung denken wir zunächst an eine Änderung der äußeren Lebensform, denken daran, daß bestimmte offenkundige Sünden überwunden, bestimmte Lebensgewöhnungen geändert werden. Das biblische Wort aber bezeichnet zunächst unser Verhältnis zu Gott. Menschen, die von Gott weggekehrt sind, kehren um zu Gott. Menschen, die von Gott weggewandt waren, wenden sich zu Gott. Diese Wendung ergreift das gesamte Wollen, Fühlen, Denken und Tun der Menschen; aber die Wendung selbst ist eine völlige Umkehr der menschlichen Existenz, ein ganz neues Sein und Leben. […] Man mag fragen, ob die Freude, von der die Evangelien seit der Geburtsgeschichte (Lk 2,10) sprechen, über unserem Leben steht. Es ist die Freude der Gegenwart des Gottes, der die Sünder annimmt, die Verlorenen sucht; die Freude, da das Todesurteil im Zuspruch ewigen Lebens verschlungen ist, in der Gegenwart des Gekreuzigten, Auferstandenen, der selbst herrscht, wirkt und ruft, wo sein Wort vernommen wird. Nur wo diese Freude ist, wird Jesu Ruf zur Umkehr gehört, vernommen, verstanden.“

Schniewinds Aufsatz „Was verstand Jesus unter Umkehr“ findet sich hier als pdf.

Außerdem ein zweiter Text „Das biblische Wort von der Bekehrung“ als pdf.

Mensch Adam, zeig Dich. Wer sich vor dem Gott zu verstecken sucht, verliert sein Leben

14. Februar 2016

Cranach ParadiesAusschnitt aus Lucas Cranach d.Ä., Adam und Eva im Garten Eden, 1530

Und sie hörten die Schritte des HERRN, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelte. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem HERRN, Gott, unter den Bäumen des Gartens. Aber der HERR, Gott, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Da sprach er: Ich habe deine Schritte im Garten gehört. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.“ (1Mose 3,8-10 Zürcher)

Nachdem der Mensch (hebräisch „Adam“ =  „Erdling“) vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, sind ihm die Augen über die eigene Nacktheit aufgegangen. Fortan hält er sich nicht nur gegenüber dem kritischen Blick seiner Mitmenschen feigenblättlich bedeckt, sondern sucht sich vor dem göttlichen Angesicht zu verstecken. Aber wie soll man im eigenen Lebensversteck auf Dauer sich selbst überleben? Wer sich vor seinem Schöpfer im Verborgenen halten will und nicht als Sünder zu sich stehen kann, wird schlussendlich eingeerdet werden. Zu Beginn der Fastenzeit gilt daher der Bußruf: „Auf, zeig dich, tritt hervor!“ Nackt und bloß und doch unverschämt vor dem HERR Gott dastehen kehrt uns dem Evangelium Jesu Christi zu:

Ich steh vor dir in Leere, arm und bang,
fremd ist dein Name, spurlos deine Wege.
Du bist mein Gott, Menschengedenken lang –
Tod ist mein Los, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der meine Zukunft hält?
Ich glaube, Herr, was stehst du mir entgegen?

Mein Alltag wird von Zweifeln übermannt,
mein Unvermögen hält mich eingefangen.
Steht denn mein Name noch in deiner Hand,
hält dein Erbarmen leise mich umfangen?
Darf ich lebendig sein in deinem Land,
darf ich dich einmal sehn mit neuen Augen?

Sprich du das Wort, das mich mit Trost umgibt,
das mich befreit und nimmt in deinen Frieden.
Öffne die Welt, die ohne Ende ist,
verschwende menschenfreundlich deine Liebe.
Sei heute du mein Brot, so wahr du lebst –
Du bist doch selbst die Seele meines Betens.

Huub Osterhuis, „Ik sta voor U“ (1969) in der Übersetzung von Alex Stock. Vergleiche Lothar Zenettis Fassung „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ (GL 422 / EG 382).

Buße heißt „Besserung“ – Ist das Evangelium wirklich ins Deutsche übersetzt worden?

14. November 2011
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Rembrandt – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669)

„Buße“ im ursprünglichen Sinne heißt „Besserung“ und nicht „Umkehr“. Es ist kein evangelisches Wort, sondern als Fehlübersetzung von „metanoia“ den germannischen Stammeskonversionen im Frühmittelalter geschuldet. Dort wurde das Christentum als Besserungsanstalt für die gemeinschaftliche Wohlfahrt instrumentalisiert. Zurecht haben die katholische Einheitsübersetzung wie auch die neue Zürcher Bibel den Bußbegriff aus dem Vokabular genommen. Mir scheint, dass die Sozialdisziplinierung des Christentums auf eine vorfindliche obrigkeitliche Gemeinschaft hin das Beziehungsgeschehen des Evangeliums semantisch nachhaltig entstellt hat. Die Übersetzung des Evangeliums in die Lebenswelt einer germanischen Stammesgemeinschaft hat Missverständnisse generiert, die bis heute nachwirken. Wir haben von Sünde, Buße bzw. Reue ein gesellschaftliches Vorverständnis, das dem Evangelium als unverhoffter Botschaft unserer Annahme durch Jesus Christus kaum eine Chance lässt. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn allein kann keine semantische Korrektur leisten. Müsste man nicht vielleicht doch das ganze „altdeutsch-christliche“ Vokabular einer Revision unterziehen?

Warum „Buße“ an sich eine heillose Angelegenheit ist

9. November 2011

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Bernardino Luini – Der Heilige Hieronymus als Büßer (1525)

Ausgerechnet die revidierte Luther-Bibel in der Neufassung von 2017 hält am Wort „Buße“ fest. So heißt dort Jesu galiläischer Predigtruf – mit Bezug auf die lateinische Wendung poenitentiam agite aus der Vulgata – immer noch luthergemäß: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 4,17) – , im Unterschied zur Zürcher Bibel 2007 bzw zur revidierten Einheitsübersetzung 2017 („Kehrt um!„) Dabei ist „Buße“ etymologisch betrachtet ein unevangelisches Wort. Es besagt nämlich nichts anderes als „Besserung“. Wer selbst büßt, bessert sich damit. Dass das Wort „Buße“ bei uns zu Recht einen schlechten Klang hat (Geldbuße!), verdankt sich dem kirchlichen Bußverfahren des Mittelalters, bei dem es die in Bußbüchern (libri poenitentiales) tariflich festgelegten Bußstrafen zur eigenen Besserung abzuleisten galt.

Interessanterweise hat gerade Martin Luther das Missverständnis einer büßerischen Werkgerechtigkeit im lateinischen poenitentiam agite festgemacht, wenn er in seinem Brief an Johann von Staupitz vom 30. Mai 1518 schreibt:

„Daran klammerte ich mich und wagte zu meinen, dass diejenigen im Irrtum seien, welche den Werken der Buße so viel beilegten, daß sie uns von der Buße kaum etwas übrigließen außer etwa den geringen Werken der Genugtuung und der überaus beschwerlichen Beichte. Sie haben sich nämlich durch das lateinische Wort »poenitentiam agere« irreleiten lassen, was mehr nach einem Tun als einer Änderung des Sinnes klingt und dem griechischen metanoia in keiner Weise Genüge tut.“[1]

Buße heißt Umkehr, Bekehrung; und so übersetzt Luther auch die entsprechenden hebräischen Worte bei den Propheten und im ganzen Alten Testament. „Willst du dich, Israel, bekehren, spricht der Herr, so bekehre dich zu mir“ (Jer. 4, 1). „Bekehre mich du, so werde ich bekehrt, denn du Herr bist mein Gott“ (Jer. 31, 18).

Folgt man den biblischen Worten, schub (hebräisch – zurückkehren bzw. umkehren) bzw. metanoeo (griechisch – umsinnen), handelt es sich um ein Beziehungsgeschehen, das die Abkehr von verfehltem Handeln und die Zuwendung zum lebendigen Gott bzw. zu dessen Herrschaft umfasst. Folgerichtig ist in der katholischen Einheitsübersetzung wie auch in der neuen Zürcher Bibel in zutreffender Weise von „Umkehr“ an Stelle von „Buße“ die Rede.

Dem Wort „Buße“ geht die  Bedeutung einer Ausrichtung jenseits seiner selbst ab. Wer „büßt“, kehrt nicht etwa um, sondern kehrt vielmehr in sich (und bleibt darin Sünder – homo incurvatus in se ipsum). „Buße“ im Sinne der eigenen moralischen Besserung kennt weder Gesetz noch Evangelium und ist damit eine heillose Angelegenheit.

[1] His inhaerens ausus sum putare eos falsos esse, qui operibus poenitentiae tantum tribuerunt, ut poenitentiae vix reliquum nobis foecerint praeter frigidas quasdam satisfactiones et laboriosissimam confessionem, latino scilicet vocabulo abducti,quod poenitentiam agere actionem magis sonet quam mutationem affectus et graeco illi ‘Metanoin’ nullo modo satisfacit, WA 1, 526,10-14; deutsche Übersetzung nach Luther Deutsch. Die Werke Luthers in Auswahl, hg. v. Kurt Aland, Bd. 2: Der Reformator, Göttingen ²1981, 29.

Müssen Christen es büßen?

17. November 2010

Ewig sollst du büßen

Eines der verunglückten Wörter des christlichen Wortschatzes ist das Verb „büßen“. „Das sollst Du mir büßen“ heißt es, wenn es um Vergeltung geht. Etymologisch betrachtet kommt „büßen“ von „bessern“, was auch nicht viel besser ist. Wenn im griechischen Text der Bibel von metanoein die Rede ist, ist damit die Umkehr angesprochen, was nicht notwendigerweise als „Besserung“ zu verstehen ist. Wer umkehrt, wendet sich vielmehr Christus bzw. dem Evangelium zu. Der Umkehrende ist einer, der Vergebung empfängt und von Christus angenommen wird – eben kein Zu-Kreuze-kriechender oder einer, der das eigene Schuldeingeständnis zu büßen hat.

In der Luther-Übersetzung von 1545 wird das Wort „büßen“ (bzw. „büssen“) im ursprünglichen Sinne als „bessern“ verstanden, so wenn Sanballat, der Horoniter sowie Tobija, der ammonitische Knecht im Buch Nehemia in Erfahrung bringen müssen, „das die mauren zu Jerusalem zugemacht waren / vnd das sie die lücken angefangen hatten zu büssen“ (Neh 4,7) oder aber über die göttliche Wachtel-Speisung Israels in der Wüste heißt: „Da assen sie vnd wurden all zusat / Er lies sie jren Lust büssen. Da sie nu jren lust gebüsset hatten / Vnd sie noch dauon assen.“ (Ps 78,29f) Folgerichtig taucht keine der ursprünglichen Verwendungen des Wortes „büßen“ in den Revisionen der Luther-Bibel nach 1912 auf. Stattdessen wurde „büßen“ im Sinne von „vergolten werden“ in die Revisionen des Alten Testaments von 1912 (Hiob 34,31) und 1964 (Spr 13,13; 30,10; Jes 24,6; Jer 31,19 sowie Sir 23,34) neu eingeführt.

Dass es in der Luther-Bibel 2017 – nicht luthergemäß – in Sprüche 13,13 immer noch heißt „Wer das Wort verachtet, muss dafür büßen“ (als müsse man bei einer Verachtung des Gotteswortes sich selbst bessern) bzw. in Sprüche 30,10 „Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst„, sowie in Sirach 23,24 [34] „Eine solche Frau wird man der Gemeinde vorführen, und ihre Kinder müssen’s büßen„, verdankt sich mangelnder sprachlicher Sorgfalt: Christen büßen es eben nicht, Christus sei Dank.