Posts Tagged ‘Christentum in China’

Zeitgenössische christliche Kunst aus China

2. März 2017
He Xuming - "Heilige Mauer" (fotografische Installation, 2009)

He Xuming – „Heilige Mauer“ (fotografische Installation, 2009)

Isabel Hess-Friemann hat in ihrem Aufsatz „Evangelization through Art in China: A Protestant Perspective“ eine Reihe von zeitgenössischen christlichen Kunstwerke vorgestellt, unter anderem auch die fotografische Installation „Heilige Mauer“ von He Xuming. Auf dem Bild wird die Große Mauer als Wahrzeichen für Chinas Macht und Stärke (im Hintergrund sichtbar) mit dem leuchtend roten Banner des Evangeliums im Vordergrund kontrastiert, wobei die Bibeln , die auf das Banner gelegt sind,  die wirklichen „Wachtürme“ sind.

Fan Pu - Durch die  Tür eintreten (Scherenschnitt, 2002)

Fan Pu – Durch die Tür eintreten (Scherenschnitt, 2002)

Der Scherenschnitt von Fan Pu „Durch die Tür eintreten“ deutet das Kreuz im chinesischen Kontext aus, was an den traditionellen Holzfenstern sichtbar wird. Der Auferstandene mit seinem Kreuz-gelichteten Schatten eröffnet der geschlossenen Gesellschaft die Lebenstüre und ruft die Menschen, sich zu erheben, ihre Dunkelheit hinter sich zu lassen und ihm zu folgen.

Wei Lin - Gerechtigkeit (Öl- und Acrylmalerei, 2009)

Wei Lin – Gerechtigkeit (Öl- und Acrylmalerei, 2009)

Eindrücklich ist die Gerechtigkeitsansage von Wei Lin. Das geschlachtete Lamm (vgl. Offenbarung 5,12) schwebt über einem Kultgefäß, das üblicherweise in bud­dhistischen oder daoistischen Tempeln für das Ver­brennen von Räucherstäbchen als Opfergaben aufgestellt ist. Die Inschrift auf dem Gefäß lautet „Gott liebt die Menschen auf der Erde“; das Schriftzeichen für „Erde“ ist in der Gestalt der drei Kreuze auf Golgatha gezeichnet. Die himmlische Gerechtigkeit, die sich blut­rot aus dem Opfer des Lammes ergießt, tränkt die ganze Welt.

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»Stark und biegsam wie Bambuswälder« – Tobias Brandner zur Situation der Christen in China

4. September 2016
Tobias Brandner

Tobias Brandner

Tobias Brandner lebt und arbeitet seit 1996 im Auftrag der Mission 21 in Hongkong als Gefangenenseelsorger und Universitätslehrer. Er hat über die Jahre hinweg einen profunden Einblick in die chinesische Kultur und in das Leben von Christen in China gewonnen. In einem gut geführten Interview mit Thomas Seiterich in der akutellen Ausgabe von Publik-Forum kommt dies zur Sprache:

»Stark und biegsam wie Bambuswälder«

Nirgendwo wächst die Zahl der engagierten Christen so dynamisch wie in China. Das provo­ziert die Kommunisten. Ein Gespräch mit dem reformierten Theologen Tobias Brandner in Hongkong

Publik-Forum: Wirtschaft, Staat und Gesell­schaft der Volksrepublik China entwickeln sich rasch. Welche Chancen bieten sich dabei für das Christentum?

Tobias Brandner: Während der letzten dreißig Jahre wuchs das Christentum in China jährlich um zehn Prozent. Die Zahl der Christen hat sich vervielfacht, trotz der Repression durch die KP und den atheisti­schen Staat. Und Chinas Kirchen wachsen rapide weiter. 1949, bei Maos Revolution, gab es eine Million Christen. Heute sind es über siebzig Millionen. So eine Dynamik ist einzigartig weltweit. Die jährliche Wachstumsrate der Kirchen entspricht dem jährlichen Wirtschaftswachstum.

Das Christentum ist gegen den Wind ge­wachsen, trotz der harten Repression.

Brandner: Ja, dies ist erstaunlich. Nach drei­ßig Mao-Jahren mit Unterdrückung und Christen­verfolgung war 1982 die Zahl der Christen in China auf drei Millionen ange­stiegen. Eine große Zunahme trotz schärfs­tem Gegenwind. Seither wachsen die Christen schneller als die Bevölkerung. Zehn Jahre Kulturrevolution (1970-1980), das bedeutete: Der Besitz einer Bibel war verboten; die Christen wurden drangsaliert; viele getötet; sämtliche Kirchen waren be­schlagnahmt. Und dennoch wuchsen im Untergrund die Kirchen; sie überlebten nicht nur — sie nahmen zu.

Unterscheidet sich die Lage bei Protestanten und Katholiken?

Brandner: Die evangelischen Kirchen wach­sen deutlich rascher als die katholische. Der Grund liegt im unterschiedlichen Profil: Anstößig sind nicht die Protestanten mit ihren unauffälligen Gemeinden und Hauskirchen, sondern die Katholiken, weil sie infolge ihrer Treue und Loyalität zum Papst im fernen Rom von der antireligiösen Propaganda leichter als landfremdes, unpa­triotisches Pack anzuprangern sind.

Wie unterscheiden sich die Profile der Kon­fessionen in China?

Brandner: Die Katholiken leiden unter der Wachstumsbremse, dass sie bei der Eucha­ristie auf ihre zölibatären Priester angewie­sen sind — von denen gibt es nur wenige. Der Protestan­tismus in China ist flexibler und selbstbestimmter. Seine Kirchen hän­gen nicht von Priestern ab, die für die Poli­zei leicht identifizierbar sind. Sie sind häu­fig von Laien geleitet und dyna­misch; nichts ist für die Ewigkeit gebaut. Diese biegsame Bambusstruktur macht sie weni­ger auffällig und greifbar für staatliche Re­pression. Die Katholiken dagegen leben zu­meist in festen Pfarreistrukturen. Diese sind vom Staat leicht störbar.

Wann im Leben wird man in China Christ?

Brandner: Die meisten meiner Theologiestudierenden sind Späteinsteiger. Das ist für China typisch: In dem schnell wachsen­den Christentum finden viele Menschen als Erwachsene zur Kirche. Sie tun dies aufgrund einer Entscheidung. Bei den Pro­testanten kann man dann häufig noch nach einer kurzen Ausbildung Pastor oder Gemeindeleiterin werden, das sind dann die Second Career Pastors. Die meisten evan­gelischen Geistlichen in China haben — wie Paulus oder Petrus – bereits ein Berufsle­ben hinter sich. Anders ist die Lage bei den Katholiken, denn der Weg ins Priesteramt setzt Ehelosigkeit und eine langjährige Ausbildung voraus. Diese hohen Hürden schließen die Späteinsteiger de facto aus.

Was ist das Besondere an den Christen in China?

Brandner: Diese gut siebzig Millionen Menschen, die fünf Prozent der Bevölkerung ausma­chen, sind keine lauen Gewohnheits-, sondern bewusste Entscheidungschristen. Viele erlebten wegen ihres Glauben schon Nachteile oder Bedrängnis — dennoch bleiben sie dabei. Hiervon können viele der Laien und Geistlichen beredt erzählen. Christsein setzt im kommunistischen China einen bewussten Akt der Dissidenz voraus. Aufstiegschancen und Vorteile in der roten, autoritär-kapitalistischen Gesellschaft gibt es für die Christen nicht. Wer mitmacht, macht trotzdem mit. Ein Christ im Westen ist zumeist ein Christ und zugleich noch vieles andere. In China dagegen bedeutet der Glaube ein klares Identitätsmerkmal. Chinas Christen sind in der Kirche aktiv und politisch sturmerprobt. Solch einen Schatz an engagiertem, gegen den atheistischen Staat bewährtem Christentum haben die Kirchen auf der Erde in dieser großen Zahl nur einmal — in China.

Doch die Christen sind nur fünf Prozent.

Brandner: In der chinesischen Gesellschaft, die unter Sinnleere und einem entfesselten Materialismus leidet, bedeuten fünf Prozent Christen, die Werte wie Nächstenliebe leben und unbeirrbar den herrschaftskritischen Ein-Gott-Glauben leben, eine Macht. Da nichtchristliche Chinesen den Partei- und Staatschef ähnlich wie einen Gott oder Kaiser verehren, sind die Christen für die Herrscher in Peking unangenehm.

Wie geht die Entwicklung weiter?

Brandner: Es ist spannend, denn aktuell ist das Kirchenwachstum dabei, das Wachstum und die Mitgliederzahl der herrschenden KP zu überholen. Das sorgt für nervöse Unruhe in den Abteilungen der Parteileitung, deren Aufgabe es ist, Christen zu überwachen: Wird nicht von der KP autoritär eingegriffen, überflügelt die Zahl der Christen die Anzahl der kommunis­ti­schen Parteimitglieder. Es dämmert den Überwachern der Christen, dass die KP von geringe­rer motivationaler Qualität ist als das chinesische Christentum. Denn der KP tritt man in der Regel bei auf der Suche nach Profit und Aufstieg. Christ dagegen wird man in China aus Glaubensüberzeugung.

Und die geistige Auseinandersetze zwischen Christen und Kommunisten?

Brandner: Zum Wettbewerb der Zahl tritt der geistige Kampf. Der rote Mythos erscheint vielen Chinesen knapp siebzig Jahre nach der Revolution leer und ver­braucht. Der Daseins­kampf ist hart. Armut und Verelendung auf dem Land sind be­drückend. Die Einsamkeit im Alter und die Enge in den staatlich befohlenen Ein-Kind-Familien sind weit verbreitet. Kon­sum tröstet nur wenig. — Die Christen da­gegen verfügen über große Erzählungen, die in China völlig unverbraucht sind und leuchten: Zum Beispiel das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder die Bergpre­digt in einer erkalteten Welt des Egoismus. Barmherzigkeit und Nächstenliebe wurden in der Kulturrevolution gezielt zerstört.

Gibt es Beispiele für ähnliche Entwicklun­gen des Christentums wie China?

Brandner: Ja, Südkorea. Auch dort wurde die christliche Mission zeitweise unterdrückt. Aus eigener Kraft — wie in China — wuchsen die koreanischen Kirchen zu einer großen Kraft in der Gesellschaft. Rund dreißig Pro­zent der Koreaner sind Christen. Umge­rechnet auf China wären dies 400 Millionen Christen. In Zukunft könnte China zu dem Land mit den meisten Christen werden. Li­beral im westlichen Sinne wird die Mehr­zahl dieser Christen nicht sein, sondern eher konservativ. Dies würde dann vermutlich im weltweiten Gespräch unter den Kirchen neue Fragen und Fronten aufwerfen.

Wir sprachen von Wachstum, von Zahlen und Macht — doch wie sieht Mission in Chi­na konkret aus?

Brandner: Nehmen wir als Beispiel die südchinesische 10-Millionen-Stadt Wenzhou. Der britische Historiker Niall Ferguson nennt sie »das chinesische Jerusalem«, da es so viele christliche Unternehmer in der Boomtown Wenzhou gebe. Tatsächlich bildet Wenzhou einen christlichen Hotspot, denn etwa 15 Prozent der Bürger be­kennen sich als Christen. Die Entrepreneurs, die Unternehmer aus Wenzhou, sind als Schuh- und Konsumwarenprodu­zenten in ganz China unterwegs. Und nach den Verhandlungen holen viele dieser Unter­nehmer die Bibel heraus und werben bei ihren Geschäftspartnern für den Glauben. Ich finde diese Mission der Geschäftsrei­senden faszinierend. Denn ganz ähnlich wurde das junge Christentum in seinen ersten Jahrhunderten im Imperium Romanum verbreitet.

Die neu errichtete Sanjiang-Kirche in Wenzhou wurde im Mai 2014 von der Provinzregierung wegen Verstoßes gegen die Baugenehmigung abgerissen.

Die neu errichtete Sanjiang-Kirche in Wenzhou wurde im Mai 2014 von der Provinzregierung wegen Verstoßes gegen die Baugenehmigung abgerissen.

Und wie reagiert der Staat?

Brandner: Als Ziao Ba Lung, ein Provinzkaiser, der KP-Chef der Provinz Zhejiang, sich über die Kreuze und Kirchen ärgerte, startete er 2013 eine Kampagne gegen Christen. Viele Kreuze wurden demontiert, manche Kirchen abgerissen. Doch es han­delt sich um dosierte Gewalt, denn Chris­ten werden nicht verletzt oder getötet. Die KP hat aus Fehlern gelernt. Sie strebt Kon­trolle durch Einschüchterung an.

Sie sind reformierter Theologe. Wie sieht das Leben in den evangelischen Gemeinden aus?

Brandner: Die Kirche ist kongregationalistisch, das bedeutet, das Gewicht liegt stark bei den Gemeinden. Die Gemeinde ist »It Za Rén«, die »Familie Gottes«. In einer rasenden Wettbe­werbswelt ist die Wärme der Gemeinde für die Leute wichtig. Die Gemeinden sind nach außen eher unpoli­tisch, doch was sie an Nächstenliebe leben, ist in China höchst politisch. Jesus ist »Je­su Gó«, »der ältere Bruder«. Die vom Staat mit Zwang durchgeführte Ein-Kind-Poli­tik verletzte den starken, familiären Ge­meinsinn der Chinesen. Da es in der politischen Realität keinen älteren Bruder ge­ben darf, wird Jesus zum geliebten »älteren Bruder«.

Wer leitet die evangelischen Gemeinden?

Brandner: Meist ältere Mütter und Omas. Es sind wunderbare Frauen, in der Regel über fünf­zig, Chinesinnen mit Lebenser­fahrung und Warmherzigkeit. Oft sorgen sie für das Enkel­kind, während die Eltern in einer fernen Stadt das Geld verdienen. Diese Frauen geben den Glauben weiter. Als Gemeindeleiterin haben sie meist eini­ge freiwillige Mitarbeiterinnen. Die Predi­ger­innen haben einen dreimonatigen bis dreijährigen theologischen Crashkurs ab­solviert. Die Seelsorge- und Besuchsarbeit wird zu neun Zehnteln von Frauen geleis­tet. Auf diese Weise wächst die »Familie Je­su«, die Gemeinde. Drei Viertel aller evan­gelischen Gemeindeglieder sind Frauen.

Tobias Brandner, geboren 1965 in der Schweiz, arbeitet als reformierter Pfarrer und Gefängnisseelsorger seit 1996 in Hongkong. Er ist Pro­fessor für Kirchengeschichte und Missionswissenschaft am Chung Chi College.

Das Gespräch führte Thomas Seiterich.

Quelle: Publik-Forum, Nr. 16, 26. August 2016, 30f.