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„Nimm und trink vom Kelch des Heils“ – Christus in der Kelter (eine Karfreitagspredigt)

14. April 2017

Meester van het Martyrium der Tienduizend – Christus in de wijnpers (Kupferstich handkoloriert, 1463-1467, Rijksmuseum Amsterdam)

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.“ (Johannes 19,33f)

Als es mit dem Leiden Jesu am Kreuz von Golgota sein Ende hatte, fließt Blut – sein Blut. Die Frage stellt sich: Ist Jesus Christus damit zu einem Todesopfer geworden, dessen Blut unschuldig vergossen worden ist? Schnell redet man bei Unfällen oder Gewalttaten von Todesopfern, als wären die Getöteten dem Tod geopfert worden.

Wenn wir an Karfreitag den Kreuzestod Christi in den Blick nehmen, gedenken wir keinem passiven Todesopfer (im Sinne eines victim), sondern unseres Erlösers. In der christlichen Passionsmystik findet sich dazu die bildliche Darstellung „Christus in der Kelter“. Sie nimmt Bezug auf Jesaja 63,3: „Ich trat die Kelter allein (torcular calcavi solus)“. Beim Propheten steht diese Aussage für die vernichtende Handlung im göttlichen Endgericht über die Völker, wenn es heißt:

Wer ist der, der von Edom kommt,
mit rötlichen Kleidern von Bozra,
der so geschmückt ist in seinen Kleidern
und einherschreitet in seiner großen Kraft?
»Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet,
und bin mächtig zu helfen.«
Warum ist denn dein Gewand so rotfarben,
sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?
»Ich trat die Kelter allein,
und niemand unter den Völkern war mit mir.
Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn
und zertreten in meinem Grimm.
Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt,
und ich habe mein ganzes Gewand besudelt.
Denn ich hatte einen Tag der Rache mir vorgenommen;
das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.
Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer,
und ich war bestürzt, dass niemand mir beistand.
Da musste mein Arm mir helfen,
und mein Zorn stand mir bei.
Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn
und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm
und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«

(Jesaja 63,1-6)

Mit diesen prophetischen Worten ist ein grausames Strafgericht über die Sünde der Völker angesagt, bei dem der HERR menschliches Leben wie die Trauben in einer Kelter zertritt und deren Blut in den Ackerboden fließen lässt. Dass die Passionsmystik nun Christus in der Kelter auftreten lässt, verdankt sich einer technischen Innovation. Ursprünglich wurden Weintrauben in der Kelter (von lateinisch calcatorium, deutsch Fußtretung) ausgepresst, indem die Maische mit den Füßen zerstampft wurde. Bei den Römern kamen dann hölzerne Hebelpressen, sogenannte Baumkeltern („Torkel“, lateinisch torcular, „Presse“) zum Einsatz, bei denen eine Platte durch den Hebeldruck eines langen Baumstammes auf die Maische gedrückt wurde.

Christus in der Kelter trägt den Pressbaum (Kelterbalken) als sein Kreuz. So presst er die Weintrauben aus und ist zugleich selbst der Ausgepresste, der dem erdrückenden Gewicht des Baums nichts entgegenzusetzen hat.

Torkel in Nonnenhorn am Bodensee aus dem Jahr 1591

Schon Papst Gregor der Große (590-604) hat sich dieses Sinnbildes Christi angenommen:

„Allein hat er die Kelter getreten,
in der er selbst ausgepresst wurde,
da er das Leiden ertrug und überwand,
bis zum Tode am Kreuz duldend aushielt
und glorreich vom Tode erstand
(Solus enim torcular in quo calcatus est calcavit, qui sua potentia eam quam pertulit passionem vicit. Nam qui usque ad mortem crucis passus est, de morte cum gloria surrexit.)“
(Homiliae in Ezechielem II,1,9 vgl. PL 76, 942B)

Und auch der Mystiker Rupert von Deutz (um 1070-1129) deutet die Kelter auf Selbsthingabe Christi aus:

„Er kelterte, da er sich freiwillig für uns hingab,
er wurde gekeltert wie eine Traube,
da er unter dem Druck des Kreuzes
den Wein von der Hülle des Körpers ausscheiden ließ
und seinen Geist aushauchte“
(In Isaiam 2, 29 – PL 167, 1356)

Das tonnenschwere Gewicht der Sünde lastet auf Christus, erdrückt den Körper, presst ihm sein eigene Leben aus. So vollzieht sein Auftritt in der Kelter nicht das göttliche Zorngericht über die Völker. Gottfeindliches Leben wird durch ihn nicht zertreten. Vielmehr stiftet seine eigene Hingabe Frieden, wie es im Brief an die Kolosser heißt:

Es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (Kol 1,19f)

Was Blut für das menschliche Leben austrägt, stellt die göttliche Anweisung im 3. Buch Mose heraus: „Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“ (17,10)

Auf dem Bildnis „Christus in der Kelter“ findet sich ein Abfluss aus der Kelter, unter den ein Kelch bereitgestellt ist. Dass Jesu Blut vergossen worden ist, ist keine Mordtat, bei dem das Blut vom Ackerboden in den Himmel schreit (vgl. 1Mose 4,10). Vielmehr wird aus dem Unheilsgeschehen am Kreuz von Golgota das Leben neu gewonnen. Christus stellt sich nicht als Todesopfer der Menschheitsgeschichte dar. Im Abendmahl hat er den Leidens- und Todeskelch mit Danksagung in die eigene Hand genommen und ihn seinen Jüngern gereicht: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,27f)

In diesen Kelch hat sich Jesus mit seiner Todesgabe leiblich hineingelegt. Sein Blut, das geflossen ist, gereicht uns zum Heil. Der Tod am Kreuz macht nicht fassungslos, sondern stellt sich als Hingabe gegen unseren eigenen Tod. Er greift unser Leben auf, wo die Sünde es von den göttlichen Wurzeln abgeschnitten hat, wo es im Tod zu Staub verfallen muss.

Wenn wir von diesem „Kelch des Heils“ (Ps 116,13) trinken, schmecken wir den Wein (und nicht etwa Essig). Als Freudenbringer und Gottesgabe ist er zu preisen, so in Psalm 104:

Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz
und sein Antlitz schön werde vom Öl
und das Brot des Menschen Herz stärke

(Ps 104,14f)

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ (Prediger 9,7)

Dein Tun hat Gott schon längst gefallen, wenn Du im Abendmahl den Leidenskelch Jesu als Kelch des Heils in die eigenen Hände nimmst und seinen Worten Glauben schenkst: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedäch­tnis.“ (1Korinther 11,25)

Christus in der Kelter – tonnenschweres Gewicht der Sünde lastet auf ihm, erdrückt sein Leben, presst es ihm aus. Aber seine Hingabe für uns geht nicht verloren, ist im Kelch unter der Kelter gefasst: „Nimm und trink vom Kelch des Heils“ „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“

Hier der Text als pdf.

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