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Kleider machen Leute – Vom Christusgewand

8. Februar 2017
Leonardo da Vinci - Gewandstudie für eine knieende Figur

Leonardo da Vinci – Gewandstudie für eine knieende Figur

An Fasching ist es offensichtlich: Kleider machen Leute. Wer verkleidet oder gar maskiert auftritt, ist jemand anderes. In unserer Kleidung steckt mehr als nur Leibesbedeckung oder Wärmeschutz. Mit meiner Bekleidung zeige ich vielmehr an, welches Ansehen ich habe oder aber wie ich von meinen Mitmenschen gesehen werden will. Mitunter gibt es den besorgten Spiegelblick: Wie stehe ich vor Arbeitskolleginnen, dem Chef, den Kunden, den Freundinnen oder dem Ehepartner dar? Mancher Blick scheint trotz unserer Kleidung uns bloßzustellen.

Für Christen gilt es eine besondere Lebenszusage: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Galater 3,27) Christus ist uns als „Taufkleid“ auf den Leib geschnitten. Eine seltsame Vorstellung, und doch lebenstiefe Wahrheit: Sein Leben legt sich um unser Leben – ein unsichtbares Gnadengewand auf unserer Haut, das uns nicht bloßstellt. Mit dieser Kleidung muss ich mich vor niemandem schämen.

Tag für Tag heißt es, dieses Kleid bewusst anzuziehen, um als Christ unseren Mitmenschen gegenüberzutreten. Das Christusgewand prägt uns so wohl innerlich wie auch äußerlich. Dazu schreibt der Apostel Paulus: „Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun die entsprechende »Kleidung« an: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.“ (Kolosser 3,12) Kein nacktes „ich“ mit all seinen Stimmungen und Launen, sondern herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld hüllen mich ein und wirken zugleich auf Menschen um mich herum.

Himmlischer Vater,
wie stehen wir vor dir da – als deine Geschöpfe?
Nackt und bloß sind wir geboren,
auf elterliche Wärme und kleidsamen Schutz angewiesen.

Was ziehen wir uns alles in unserem täglichen Leben an,
zwängen uns in Kleidung, die uns nicht wirklich steht
spielen Rollen, die uns und anderen nicht guttun.

Entkleide uns von Äußerlichkeiten,
die unser Leben kaltstellen,
uns lieblos versteifen
uns selbstverliebt vereinsamen.
Reiß uns das Leichenhemd vom Leib.

Lege uns das Lebensgewand deines Sohnes Jesus Christus an,
seine Liebe sei unser Lebensfaden,
seine Hingabe unsere Erlösung aus Sünde und Tod.

Dein Geist hülle uns ein in herzliches Erbarmen,
in Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld,
auf dass unser Leben eine wärmende Ausstrahlung auf andere hat.
Durch Jesus Christus.
Amen.

„Ihr habt mit euch den wahren Gott“ – Martin Luther über Weihnachten

14. November 2016
Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Matthias Grünewald, Geburt Jesu (Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar)

Woher kommen die Weihnachtsgeschenke? Für Martin Luther ist es klar – vom Christkind. Aber weshalb gibt es an Weihnachten überhaupt Geschenke? Auch da weiß Luther die Antwort: Weil die Geburt des Gottessohnes im Stall zu Bethlehem das größte Geschenk für die Menschheit ist, ein bleibendes Geschenk, an dem die Kinder durch die Bescherung an Heilig Abend selbst sichtbar Anteil gewinnen sollen.

In seinem Weihnachtslied „Vom Himmel kam der Engel Schar“ von 1543 lässt Luther besingen, was diese Geburt ausmacht: „Des sollt ihr alle fröhlich sein, / dass Gott mit euch ist worden ein. / Er ist geborn euer Fleisch und Blut, / euer Bruder ist das ewig Gut.“ (EG 25,3) Gott wurde wirklich Mensch, „in Windel gewickelt und in einer Krippe“ liegend (Lukas 2,12). Nicht in seiner unermesslichen und unvorstellbaren Größe, sondern in der allermenschlichsten Nähe seines Sohnes Jesus Christus findet sich unser Gottvertrauen: „Was kann euch tun die Sünd und Tod? / Ihr habt mit euch den wahren Gott; / lasst zürnen Teufel und die Höll, / Gotts Sohn ist worden euer Gesell.“ (EG 25,4) Gottes Sohn gesellt sich in Fleisch und Blut zu uns, nimmt unsere Sünde und Gottverlassenheit auf sich und schenkt uns ewiges Leben beim himmlischen Vater.

Wer über die tödliche Beschränkung seines Lebens hinausglauben will, hat sich mit Luther an die Krippe zu Bethlehem zu halten: „Lass weg alle Philosophie und das göttliche Gesetz und tu dich mit Gewalt zur Krippe und zum Schoß der Mutter und ergreife jenes Kind und den Sohn der Jungfrau und siehe hin, wie er geboren wird, an der Mutter Brust trinkt, wie er wächst, unter den Menschen weilt, wie er lehrt, stirbt, aufersteht; sieh ihn aufgenommen über alle Himmel und sieh ihn im Besitz der Allgewalt, so kannst du alle Schrecken zerschlagen, wie die Wolken von der Sonne vertrieben werden, so kannst du alle Irrtümer vermeiden. Dieses Anschauen des Gottessohnes in Niedrigkeit behält dich auf dem richtigen Weg, so dass, wo Christus hingeht, du folgen kannst.“[1]

Wenn wir zum anstehenden Reformationsjubiläum Martin Luther als Neuentdecker des wahren christlichen Glaubens gedenken, ist damit kein selbstbewusster oder eigensinniger Glaube gemeint. Menschlicher Glaube, der bei sich selbst bleibt, ist auch nur ein Götze. Er birgt für unser Leben keine wirkliche Hoffnung. Der wahre Glaube gilt dem menschgewordenen Gotteswort, von dem es heißt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14)

[1] D. Martin Luther Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, hg. v. Hermann Kleinknecht, Göttingen 1980, 38.

Hier der Text als  pdf.

Hans Joachim Iwand – „Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt.“ Predigt über 2. Korinther 5,19-21

17. Juni 2016
Iwand mit Karl Barth 1956 auf der Jahrestagung der Evangelischen Gesellschaft in Wuppertal

Hans Joachim Iwand (2.v.l.) mit Karl Barth 1956 auf einer Tagung der Gesellschaft für evangelische Theologie in Wuppertal-Elberfeld

Versöhnung in Christo akademisch lehren ist das eine. Das Wort von der Versöhnung auf den Glauben hin in einer Predigt auszurichten das andere. Eine höchst anspruchsvolle Karfreitagspredigt findet sich bei Hans Joachim Iwand aus dem Jahr 1957:

„Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt.“ Predigt über 2. Korinther 5,19-21

Von Hans Joachim Iwand

Denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns auf­gerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Bot­schafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde ge­macht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Gott stellt den Karfreitag mitten hinein in die Welt. Es geht hier nicht um die Erlösung der Erlösten, oder um die Versöhnung der Versöhnten, es geht nicht etwa darum, nur bewußt zu machen, was wir je schon sind in der Hand unseres Gottes, sondern es han­delt sich um mehr, um eine Tat Gottes, die eine Weltenwende be­deutet. Es geht darum, daß Gott genau da, wo wir meinen, den Glauben an ihn zu verlieren, mitten in der verlorenen und gott­losen Welt das Zeichen seines Sieges, seiner Barmherzigkeit, sei­ner rettenden und richtenden Überlegenheit aufgerichtet hat. Wir alle rechnen in seinen Augen zu dieser verlorenen, gottfeindlichen, im Aufstand gegen ihn befindlichen Welt. Als Glieder dieser Welt, wie sie heute ist, wie wir sie alle kennengelernt haben, in den kur­zen oder langen Abläufen unseres Lebens, sollen wir es hören und glauben, daß der große Versöhnungstag Gottes mit dieser Welt wahrgeworden ist! Ließen wir ihn so gelten, wie er dasteht, dann müßten die Türen der Kirche heute ganz weit aufgehen, dann müßte in diesem Augenblick alles frei und offen vor uns liegen, was da draußen vor sich geht, dieses dunkle und schreckliche, die­ses grausame Menschen- und Weltenlos, dann dürften wir hin­schauen auf die Brandstätten des eben vergangenen Krieges, dann müßten wir es spüren bis in diesen Raum hinein, die schreckliche Atmosphäre des Hasses, der Verhetzung und der Propaganda, in der sich neues Unheil zusammenbraut, kaum daß das alte vorüber ist. Dann müßte alles vor unserem Auge stehen, was uns oft so viel [279] Anfechtung bereitet, die erbarmungsvolle Oberflächlichkeit der Menschen, die nicht mehr wagen in die Tiefe zu gehen und einen Blick in sich selbst zu tun, die wohl oder übel ohne Vergangenheit und Zukunft leben in dem flüchtigen Moment der Arbeit und des Genusses und des eben wieder modern gewordenen Tanzes um das goldene Kalb. Und doch würden wir in demselben Augenblick wis­sen, daß das alles aufgehoben ist, daß das vor Gott nicht gilt und nicht wahr ist, so wenig wahr wie der letzte Versuch der Welt ge­lingen konnte, Gott in Christo zu widerstehen. Diese ganze weite, große, verlorene Welt hat sich eingezeichnet in die Gestalt des Ge­kreuzigten. Hier ist sie aufgehoben. Indem sie versucht, Gott los­zuwerden, ist er nun endgültig als der Sieger in ihre Mitte ge­treten.

Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unend­lichen Verborgenheit und Tiefe

Es sind vier Worte, die sich am Anfang unseres Textes besonders auffällig und deutlich heraus­heben: «Gott war in Christo», d. h. in diesem leidenden und sterbenden Menschen Jesus da ist Gott der Handelnde, der uns allen Nahe. Gott ist also nicht etwas hinter dem Ganzen. Die Karfreitagsgeschichte ist nicht ein Drama, das sich auf der irdischen Bühne vor unseren Augen abspielt und hinter dem Gott als Regisseur steht oder von uns dazu zu denken wäre. Da ist kein Vorhang zwischen Gott und diesem Gekreuzigten. Der Vorhang ist zerrissen, Gott ist herausgetreten aus seiner unend­lichen Verborgenheit und Tiefe und hat mitten in dieser Welt, in der wir alle leben, und für diese Welt, die keinen Raum für ihn hat, in Christus ein für alle­mal sein letztes Wort gesprochen. Er hat das Tor zu sich wieder aufgetan und den großen Versöhnungstag her­aufgeführt, auf den wir alle, ob wir es wissen oder nicht, so sehn­süchtig warten. Wir alle warten darauf und müssen darauf warten, wenn anders wir je zu spüren bekamen, was Sünde und Schuld und Verfehlung bedeuten. Gott muß mitten unter uns treten, alles andere kann uns nicht helfen. Gott ist es, der das allein ändern kann. Aber eben Gott in Christus. Diese beiden sind eins, der Vater und der Sohn, der Vater im Himmel und dieser Mensch auf Er­den, und ist doch ein Werk und eine Tat, die beide tun im Sterben und im Leben, im Siegen und im Untergehn. Es ist nicht so, als ob sich in Christus in diesem Tod eine besondere Tiefe des Mensch‑[280]lichen offenbarte, als ob wir hier nur etwas zu sehen und zu hören bekommen, was aus unserer Welt und unseren Möglichkeiten stammt und was wir so verstehen können. Nein, der Apostel meint, ihr habt nicht eure, sondern ihr habt Gottes Möglichkeiten hier vor euch. In diesem Jesus Christus greift Gott selber ein. Er will die Welt davon überführen, daß die Gerechtigkeit und der Friede bei ihm liegt. Daß er sie sucht, auch wenn sie ihn längst vergessen hat. Daß er sie nicht losläßt, auch dann, wenn sie meint, sie sei ganz fern und ganz gottlos geworden. Und dasselbe gilt auch nach der anderen Seite hin. Man könnte ja meinen, diese Tat Gottes in Chri­stus gelte nur den Frommen, d. h. solche, die doch noch eine letzte Erinnerung an Gott bewahrt haben, und das sind, was man die religiös ange­legten Naturen nennt. Aber auch diese Gedanken müs­sen wir fern lassen, wenn wir hören und verstehen wollen, was un­ser Text uns sagt. An diesem großen Versöhnungstage geschieht nämlich wirklich, was Jesus Christus in seinen Gleichnissen immer nur angedeutet hatte: Die Türen des königlichen Saales sind weit geöffnet und die Boten werden ausgesandt, alle zu holen, die Guten und die Bösen, die Tauben und die Lahmen, die Ausgestoßenen und die Entfremdeten, nicht bloß die Idealisten, sondern auch die Materialisten, nicht nur die Gehorsa­men, die im Hause blieben, nein, auch die verlorenen Söhne, die ihr Vermögen vertan und ihr Leben verwüstet haben, — heute sind alle gerufen, ohne Unterschied! Das bedeutet: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber, daß die Welt diese offene Tür bekommen hat, durch die alle einen freien Zugang haben von hier nach dort, nachdem Gott durch diese Tür eingetreten ist von dort nach hier. Gott und die Welt, die sonst nicht zueinan­der kommen können, begegnen sich hier und begegnen sich so, daß die Welt mit Gott ver­söhnt wird. Das ist das Große, das ist es, was Karfreitag bezeugt! Und wir alle sind immer wieder neu gefragt, ob wir das auch wirklich glauben, denn erst dann sind wir Christen! Es ist so leicht, an Gott zu glauben, wenn man die Augen schließt und die Welt nicht sieht, die Welt um uns und die Welt in uns. Und darum geschieht es dann so oft, daß wir diesen ungeprüften und eingebilde­ten Glau­ben verlieren, sobald wir die Augen auftun und sehen, was Welt [281] heißt und bedeutet. Aber dieser weltabgewandte Glaube ist nicht der lebendige Glaube an Gott in Chri­stus, er ist der Glaube an einen gedachten, eingebildeten, selbstgemachten Menschengott, der Glaube an den Gott der Guten, der Gerechten und der Frommen, aber er ist nicht der Karfrei­tags­glaube. Und man muß den einen ablegen, wenn der andere in uns geboren werden soll. Denn der Karfreitagsglaube sieht zwar, wie es um die Welt steht, aber er glaubt nicht dem, den er da sieht, er glaubt allein das, was Gott in Christus getan hat.

Das scheinbar Negative ist das Allerpositivste in unserem Leben

Denn — und das ist das zweite und Wunderbare an diesem Ver­söhnungshandeln Gottes, daß wir nichts Positives über die Art aus­machen können, wie Gott und die Welt in Christus sind. Das ein­zige Ergebnis Gottes, das wir zu fassen bekommen, das einzige, was hier und überall durch die ganze Bibel hindurch verkündet wird, wenn die Rede auf das Kreuz Christi kommt, scheint etwas Negatives zu sein: Gott rechnet ihnen die Sünden nicht an. Mehr ist es nicht. Weil wir alle immer wieder darauf aus sind, wissen zu wollen, was Gott uns gibt, weil wir Gott immer nur als den geben­den Gott im Auge haben, können wir den vergebenden nicht fas­sen. Darum können wir auch nicht begreifen, daß das scheinbar Negative das Allerpositivste ist in unserem Leben, das Fundament, auf dem alles andere ruht, was wir an Glauben, Lieben und Hoffen kennen! Das wird in dem Augenblick anders, wenn wir im Ange­sicht der Versöh­nungstat Gottes begreifen lernen, was Verfehlungen bedeuten. «Ewig still steht die Vergan­gen­heit», sagt der Dichter, und er hat wohl recht damit, solange wir absehen von der Kar­frei­tagsbotschaft. Dann ist in der Tat das Vergangene wie ein Fels, den wir nicht wegwälzen kön­nen, denn in dem, was wir Vergan­genheit nennen, sind ja unsere eigenen Taten Ereignis ge­wor­den, die unabhängig von uns ihren Weg gehen und ihre Wirkung haben. Sie sind die großen Hindernisse auf unserem Weg nach vorn, die uns die Straße in die Zukunft versperren. Darum ist die ganze Weltgeschichte immer wieder ein verzweifelter Versuch, nach vorn durch­­zubrechen und dann ein schrecklicher Rückfall in die alte Schuld und in die alten Sünden. Es gibt Ereignisse, die so schwer sind, daß sie uns alle mit sich in die Tiefe ziehen, daß aller Mut [282] zum Leben erlischt, alle Freude und alle Zuversicht, daß wir uns umdre­hen müssen und hinschauen auf das versunkene Sodom und Gomorrha, bis wir selbst zur Salzsäule werden! Es nützt uns dann gar nichts, daß wir übrig geblieben und mit dem Leben davon ge­kommen sind, denn wir sind gebannt an eine schreckliche Vergangenheit, die uns nicht losläßt und uns zerquält und zerfrißt mit der einen großen Frage: warum, warum? Wir hören die heimlichen An­klagen aus dem Abgrund hervorsteigen. Wir spüren, wie schwer die Gewichte sind, die sich an uns hängen, die unabänderlichen Ereignisse, die wir selbst herauf­beschwören. Dann erst, wenn man das Leben von dieser Seite aus sieht, wenn man begreift, wie die Men­schen unter solcher Last gleichgültig werden, wie sie freud- und hoffnungslos sich dahinschleppen, kann man verstehen, was für eine große Sache es ist, wenn Gott kommt und Gericht hält und das Ende und das Ergebnis darin besteht, daß es heißt: Er rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu! Wenn wir einen Blick darauf werfen, wie genau unter den Menschen selbst gerechnet wird, wie dort jeder vom anderen seine Schuld eintreibt, die einzelnen, die Völker, die Klassen, die Parteien, dann erst, wenn man dieses grausame Spiel begriffen und den Menschen einmal gesehen hat, wie er über sei­nesgleichen zu Gericht sitzt und alles anrechnet, was nur anzurechnen ist, dann kann man ermessen, daß wir hier in eine andere Welt tre­ten, eine Welt, über deren Portal eingemeißelt ist: Im Angesicht des Gekreuzigten «Gott rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu».

Die Welt lebt nun einmal davon, daß ihre Rech­nungen beglichen werden

Das ist es, was wir nicht fassen können. Darum erdichten wir uns immer wieder ein Dahinter, einen nach Menschenart rechnenden, verklagenden, die Schuld eintreibenden Gott. Dieser Wahn müßte heute endgültig fallen, wenn es auch für uns Karfreitag werden soll. Heute müß­ten wir begreifen, daß Gott uns in Jesus nahe ist, und daß es hier kein Dahinter gibt. Daß die­ses Sein Gottes in Christo unser Sein ist, das allernächste und vertrauteste in unserem Leben, näher als alles Gewesene und als alles Kommende, näher als alle Tiefen und näher als alle Höhen, näher als die Dämonen, und zwar die guten wie die bösen, so daß uns nichts davon scheiden kann, und wir nichts anderes sehen und nichts anderes hören als dieses Wort Gottes: Er rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu! Das [283] heißt also, daß alle Seile zerrissen werden, mit denen die Last der Vergangenheit unser Schiff in die Tiefe ziehen möchte, daß ein Schluß­strich gesetzt wird, unter alle Verfehlungen, damit wir neu anfangen können, so neu, als finge unser Leben mit diesem Gottes­tage selber überhaupt erst an. Aber auch das ist noch viel zu wenig gesagt, um die Fülle zu fassen, die das Neue mit sich bringt, denn wahr­schein­lich würden wir gar bald wieder unseren alten Fehler ma­chen und wenn nicht die glei­chen, dann andere, die ebenso schwer sind, und so bliebe doch die Angst vor den Abgrün­den und das Wissen um die Schwächen, die nun einmal den Menschen angeboren sind. Aber, nicht wahr, dieses Mißverständnis erklärt sich daraus, daß wir schon wieder etwas Positives in der Hand halten möchten, daß wir uns nicht genügen lassen an Gottes Gnade, an dem einen: Er rechnet ihnen ihre Sünde nicht zu. Alles Positive ist in diesem Falle weniger als dieses Negati­ve, alles Sein ist weniger als das Nicht-Sein, alles Haben weniger als das Nicht-Haben. Und weil der Karfreitag uns in der Tat nicht mehr sagt, sagt er mehr als alle anderen Tage und ist er wirklich Gottes Tag in unserem Leben! Er sagt nur dies eine: Gott war in Christo und rech­nete ihnen ihre Sünden nicht zu. Und hier dürfen sie alle kommen, die Menschen dieser Welt, und einsetzen, was sie wollen, was jeden bedrückt, es mögen Berge von Schuld sein oder Ab­gründe von Versuchungen, es mag all das sein, was die vom Zweifel Angefochtenen erle­ben und erleiden, all die Blasphemie, die sie gedacht, all die Leugnun­gen Gottes, die sie gelehrt haben. Die Ungerechtigkeiten dieser Welt, wenn sie Ereignis geworden sind in dem Erleiden der Kinder und der Frauen, die Grausamkeiten des Krieges, die Hartherzig­keit der Geldmen­schen, alles das soll nicht gerechnet werden. Wenn wir Menschen so etwas täten, wo kämen wir dann hin, wo bliebe das Recht und die Gesellschaft, wo bliebe der Staat und die Polizei? Hin und wieder möchten wir es ja so haben, hin und wieder ver­suchen wir es selbst und machen Ansätze dahin, aber wir scheitern, wir müssen erkennen, daß wir die Ordnung unter­graben, von der wir alle leben, denn die Welt lebt nun einmal davon, daß ihre Rech­nungen beglichen werden. Aber Gott ist darum Gott und nicht ein Mensch. Und der Himmel ist darum nicht die Erde und der [284] Karfreitag ist darum nicht ein Tag, wie alle anderen Tage, weil hier nichts anderes gilt, als Gottes freie, vergebende, bedingungs­lose Gnade. So tief ist das Geheimnis des Karfreitags, es ist das Geheimnis Gottes selbst! Und wenn es diesen Tag nicht gäbe, dann könnte niemand von uns wissen, wie es um Gott steht und wie wir zu ihm stehen. Und weil es das Geheimnis Gottes ist, was immer noch sein Geheimnis bleibt, auch wenn unsere Augen das Kreuz sehen, und wenn unsere Ohren die Geschichte des Kreu­zes hören, darum braucht Gott einen besonderen Dienst, der diese neue Li­nie, diese himmli­sche, göttli­che, gnadenvolle Linie mitten in der Welt und in der Zeit vertritt und unbeirrbar durchhält, mag das auch heute so wenig von der Welt verstanden werden, wie es da­mals der Fall war.

Der Tod von Jesus von Nazareth riecht nach Leben und er hat gar nichts Abstoßendes und gar nichts Schreckliches

Daraus ergibt sich das dritte, was unser Text sagt: Daß Gott nicht nur nicht anrechnet, sondern daß er einen Botendienst einrichtet von dieser Stätte des großen Versöhnungstages her, der in alle Welt hinausgeht und überall hin die Freudenbotschaft bringt. Ein alter Meister unter den Theologen hat ein eindrückliches Bild für dies Geschehen geprägt. Er vergleicht Gott mit einem König und die Welt vergleicht er mit einem Volk, das sich gegen diesen König empört hat. Durch diese Empörung, so sagt er, seien alle Glieder des Volkes schuldig geworden, denn sie haben sich aufgelehnt ge­gen ihren angestammten Herrn; aber der König setzt einen Ge­richts­tag fest in seinem Palast und unterzeichnet eine Urkunde, durch die seinem Volk die Schuld vergeben wird, die auf allen lastet. Da­mit aber jedermann in diesem Reiche wissen kann, daß er hinfort unter der Vergebung lebt, sendet der König Boten aus bis in die fernsten Winkel und Enden seines Landes, die jedermann die Bot­schaft überbringen sollen, daß der König den großen Versöhnungs­tag für alle gemacht hat. Und wenn wir uns die ersten Christen ansehen und wissen wollen, was eigentlich solch ein Apostel ist, wie hier der Apostel Paulus, der zu uns redet, dann werden wir be­merken, daß dieser Apostel sich nicht anders fühlt als solch ein Bote, und die ersten Christen sich nicht anders verstehen als solche Menschen, denen diese Botschaft gebracht worden ist. «Als Bot­schafter an Christi Statt» möchte der Apostel angesehen werden, [285] und so sollten sich alle ansehen, die zu den Menschen von Gott re­den, denn alles andere Reden von Gott ist nutzlos und leer. Wir sollen diese Botschaft Gottes hinaustragen bis in die letzten Hütten und Dörfer, bis in die fernsten Winkel seines großen, weiten Kö­nigreiches, zu allen, die sich fürchten, die Angst haben, die zusam­men­schrecken, wenn der Name des Königs genannt wird. Eigentlich müßte, wenn wir den Apostel recht verstehen, der Karfreitag der große Freudentag der Welt sein, wir dürfen uns gar nicht versam­meln hinter verschlossenen Türen, sondern müßten selbst hinaus­gehen und alle herein­holen, damit sie es auch hören und verneh­men, daß heute Friede ist, Friede in Gottes großem, weitem König­reich, Freude auf der ganzen Erde! Friede gerade im Zeichen und Angesicht des einen Menschen, des Menschen Jesus Christus, der da am Kreuz hängt. Überall sonst ist der Tod etwas Schreckliches und überall, wo das Leben auf den Tod stößt, flieht es, denn es merkt, daß es selbst bedroht ist. Es riecht nach Sterben, nach Untergang und Ende. Aber der Tod von Jesus von Nazareth riecht nach Leben und er hat gar nichts Abstoßendes und gar nichts Schreckliches. Denn jeder Mensch, der sein Auge dahin erhebt und der diese Bot­schaft annimmt, hört hier, daß wir leben sollen. Der Tod ist zu einem Mittel geworden in der Hand Gottes, um uns alle froh und gewiß zu machen! Es ist so wie damals, als die Israeliten in der Wüste die eherne Schlange errichteten. Jedermann, der seine Augen dahin erhob, war gerettet, das Gift der Schlange schadete ihm nicht mehr, der Tod konnte ihm nichts mehr anhaben.

Es ist schrecklich, wenn die Kirche meint, mit Institutionen und Gesetzen den Menschen zu dem Letzten und Höchsten helfen zu können

Aber eines muß man freilich bei dieser Sache beachten, und dar­auf legt der Apostel den größ­ten Wert: diese Boten dürfen, weil sie Boten Gottes sind, nicht befehlen, sie dürfen nur bitten, so, als ob Jesus Christus, der hingeopferte Königssohn, selbst bäte: sonst wären sie nicht Boten des Gnadenreiches und könnten die Men­schen nicht zum Glauben rufen, sie könnten sich nicht aus der Kraft des Geistes für die Gnadenbotschaft entscheiden. Laßt mich hier noch etwas Besonderes sagen: Es war kurz nach dem Ende des letz­ten Krieges. Zum erstenmal waren wir in einer zerstörten, mittel­deutschen Stadt wieder zusammen, viele Freunde und Brüder der Bekennenden Kirche, viele von ihnen, die nicht mehr geglaubt hat‑[286]ten, daß sie sich jemals wiedersehen würden. Da war Martin Nie­möller, der solange im KZ von uns getrennt war, da waren Brü­der, die aus den Gefängnissen Berlins kamen, in denen sie hart am Tode vorbeigingen, da war auch der Mann unter uns, der durch die Absperrung Deutschlands solange von uns getrennt war, Karl Barth, dessen Wort uns in den Jahren der Entscheidung so viel be­deutet hatte. Und als wir dann zum Abendmahl gingen, zum ersten Abendmahl nach all den Jahren der Trennung und des Grauens, stand dieses Wort aus dem 2. Korinther-Brief über uns, und wir ha­ben uns gelobt, unser Dienst soll von nun an nichts anderes sein, als dieses Bitten: So bitten wir euch nun an Christi Statt, lasset euch versöhnen mit Gott! Es ist nämlich schrecklich, wenn die Kirche mehr sein möchte, wenn sie glaubt, die Menschen zum Glauben zwingen zu können, wenn sie meint, mit Institutionen und Gesetzen den Menschen zu dem Letzten und Höchsten helfen zu können. Mit sol­chen Mitteln, die die Staaten und vielleicht auch die Gesellschaft und vielleicht auch die Parteien gebrauchen, um ihre Untertanen und Anhänger zusammenzuhalten, gewinnt man nur die Leiber, aber niemals die Herzen. Die Herzen gewinnen überhaupt nie wir, sondern die Herzen gewinnt nur Christus selbst. Wir müssen ab­nehmen und er muß wachsen! Er, der für uns dahingegebene Sohn Gottes, muß mitten unter unserem Bitten so groß werden, daß durch ihn geschieht, was an diesem Tage geschehen soll und kann. Sonst wäre ja dieser Versöhnungstag Gottes eben doch nicht der Tag aller Tage, sonst wäre er nicht der Tag der großen Freiheit, sonst würden die Menschen sich ja doch wieder nur auf Menschen verlas­sen. Bitten heißt ja, darauf angewiesen sein, daß der, den wir bitten, es tut. Haben wir nicht erfahren in den Zeiten, da unsere ganze kirchliche und geistige Herrlichkeit zusammenbrach, daß viele Men­schen, die sich Christen nannten, eben doch nicht zu Christus ge­hörten, daß sie sich noch niemals freiwillig, noch niemals aus freien Stücken Gott ganz übergeben hatten? Es gehört Glaube dazu, Glau­be an Gott und Glaube an das Wunder des Glaubens, das Gottes Geist an uns Menschen tun kann, wenn man diese Grenze innehält. Ein Glaube, der mehr verlangt als etwa nur, daß wir an das Gute im Menschen glauben sollen, nein, wir können und dürfen und sol‑[287]len glauben, daß der Mensch sich versöhnen läßt, wenn Gott in Christus ihn bittet, daß er sich in innerer Freiheit versöhnen läßt, einfach darum, weil es ihm von Gott her aufgeht, daß die Feind­schaft zu Ende ist und darum auch bei uns zu Ende sein muß.

Auf die­sem einen Jesus Christus liegt die ganze Nacht

Denn wir gehören ja nun auf die andere Seite. Auf ihm, auf die­sem einen Jesus Christus, liegt die ganze Nacht — und auf uns, auf allen, die nicht Jesus Christus sind: «Durch seine Wun­den sind wir geheilt.» Wir sind — oder wir könnten jedenfalls sein — Gottes Gerechtigkeit! Also gerade das, was wir bisher nie sein konnten. Denn bisher konnten wir ja nur unsere eigene, fatale, abstoßende, Heuchler und Pharisäer zeitigende Gerechtigkeit sein. Bisher wa­ren wir im besten Falle so gerecht, daß immer wieder ein fataler Geruch von dieser Gerechtig­keit ausging, der jene Grenzen und Grä­ben schuf, die uns alle gegeneinander mit dem tiefen Mißtrauen er­füllen. Gottes Gerechtigkeit ist diese uns unsere Sünden nicht an­rechnende Gerechtigkeit, ist seine souveräne Tat — durch die aus dem größten Elend die größte Freude, aus dem Unabänderlichen das Werden des neuen Lebens wird! Das ist gemeint mit dem Satz, mit dem unser Text schließt: «denn Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden die Gerech­tigkeit, die vor Gott gilt». Wenn wir einmal erkannt haben, daß wir mit unserer bedenklichen eigenen Gerechtigkeit nicht bestehen kön­nen, weil wir in Jesus Christus gerichtet sind, dann werden wir uns nicht mehr der neuen Gerechtigkeit schämen, die am großen Ver­söhnungstage vor aller Welt von Gott proklamiert wurde und der zu dienen bis heute das Predigtamt berufen ist.

Gehalten in Bonn am 20. April 1957 (Karfreitag).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 278-287.

Hier die Predigt als pdf zum Herunterladen.

Die Kirche und das Alte Testament – Notker Slenczka versus Christoph Markschies

23. April 2015

Theologische Fakultät Berlin

Nun haben wir ja möglicherweise eine Großdebatte in der evangelischen Theologie zu erwarten – hausgemacht an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin. Nachdem der Systematiker Notger Slenczka schon 2013 einen Aufsatz unter dem Titel „Die Kirche und das Alte Testament“ veröffentlicht hatte, ist jetzt im April der innerfakultäre Streit eskaliert. Slenczka bestreitet die kanonische Geltung des Alten Testaments für die Kirche – eine Position, für die er sich ja auf theologische Lehrer wie Schleiermacher und Harnack berufen kann. Christoph Markschies, Kirchenhistoriker und EKD-Cheftheologe, widerspricht energisch. Da fallen dann unschöne Verdächtigungen und Schlagworte. Historische Vergleiche werden getroffen, die in der Tat ehrenrührig sind. Man fühlt sich an den Göttinger Fall Gerd Lüdemann 1998/99 erinnert.

Auf vermeintlich historischer Grundlage will man entscheiden, ob das Alte Testament kanonische Geltung für die Kirche haben kann (oder muss). Wo religionsgeschichtliche Maßstäbe gelten sollen, dreht sich die Argumentation im Kreis und vergreift sich in der Sprache. Man glaubt seiner eigenen Geschichtsschreibung und hält sie für objektive Geschichte.

Für die Kirche Jesu Christi gelten keine religionsgeschichtlichen Werturteile, sondern eine kanonische Lektürepraxis, die gottesdienstlich immer wieder neu vollzogen wird: Wir lesen das Alte Testament im Licht Jesu Christi und das Neue Testament im Licht der alttestamentlichen Verheißungen. Wer sich von dieser Lektürepraxis aus vermeintlich religionsgeschichtlichen Gründen verabschiedet, kann Jesus als Messias und Sohn Gottes nicht länger Glauben schenken.

Eine aufschlussreiche Entgegnung auf Slenczka hat der katholische Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger unter dem Titel „Die Rückkehr Markions“ verfasst.

Gotteskinder werden nicht erwachsen

20. April 2015
nolde_kinder

Emil Nolde, Christus und die Kinder (Gemälde 1910, The Museum of Modern Art, New York )

Als Jugendlicher konnte man es kaum erwarten erwachsen zu werden – ein selbstbestimmtes Leben voller eigener Möglichkeiten stand vor Augen. Mit zunehmendem Alter sieht die Realität des Erwachsenseins anders aus. Was man im Leben erreicht hat, will bewahrt werden. So verläuft das Leben oft auf eingefahrenen Gleisen; wer kann sich eigene Freiheiten so einfach herausnehmen?

Im Glauben sieht das Leben anders aus, wenn Christen mit kindlichem Vertrauen beten: „Unser Vater im Himmel …“ Gottesglaube ist Kinderglaube. Ja, das kann missverständlich klingen – klein gehalten, infantil … Doch für Christen gilt ein besonderes Kindsein, nicht kindisch, sondern kindlich. Im Glauben an Jesus Christus sind wir mündige Gotteskinder: „Weil ihr nun seine Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt. Der ruft: ‚Abba, Vater‘! Du bist also kein Sklave mehr, sondern ein mündiges Kind. Wenn du aber Kind bist, dann bist du auch Erbe. Dazu hat Gott dich bestimmt.“ (Galater 4,6f) Mündige Kinder Gottes kommen beim himmlischen Vater selbst zu Wort. Sie schlucken nicht, sondern beten. Für unser Leben gibt es ein Versprechen, wie es nur eigenen Kindern zusteht: In Christus sind wir Erben göttlichen Lebens.

Wo ich alles selbst bestimmen will, muss ich mich selbst am Leben halten. Mit zunehmendem Alter können sich eigene Zukunftsängste einstellen: Was hat man nicht alles zu verlieren. Christlicher Gottesglaube hingegen ist mündiger Kinderglaube: „Ihr seid jetzt nämlich alle Kinder Gottes – weil ihr durch den Glauben mit Christus Jesus verbunden seid.“ (Galater 3,26) Gotteskinder leben nicht hoffnungslos selbstbestimmt, sondern christusbestimmt. Wider aller Biologie und Generationenfolge werden Gotteskinder nicht erwachsen, weil sie nicht der göttlichen Fürsorge entwachsen können. Da sind dann Eltern den eigenen Kindern Geschwister im Glauben.

So lassen sich Jahr für Jahr Kindergeburtstage feiern, ohne dass dabei das eigene Alter triumphal aufgezählt wird. Wir dürfen lebenslang Gottes Kindsköpfe bleiben. Todernst muss es nicht zugehen, eher unbedarft, mitunter spielerisch-spontan. Wir sind noch nicht fertig mit uns selbst. Unser körperlicher und seelischer Zustand ist bei Gott nicht lebensentscheidend. Was zählt ist seine Annahme. In der Taufe sind wir in das Christusgedächtnis hineingenommen; und dieses göttliche Gedächtnis zählt für uns auf Ewigkeit.

Christus allein – warum multireligiöse Heilswege hoffnungslos sind

2. Oktober 2012

Solus Christus

Am Mittwoch, 3. Oktober 2012 fand an verschiedenen Orten der Christustag Bayern statt. Er stand unter dem Motto: „Wer uns wirklich hilft: Christus allein“. Im Folgenden zwölf Thesen zu meinem Vortrag in Neuendettelsau „Christus allein – warum multireligiöse Heilswege hoffnungslos sind“:

1. Einwände gegen das Zeugnis „Christus allein“ basieren im Wesentlichen auf der modernen Universalidee „menschliche Religion“.

2. Wenn wir „Christus allein“ bezeugen, vertreten wir damit keine religiöse Weltanschauung, sondern bekennen eine lebensentscheidende Zugehörigkeit.

3. Es gilt nicht etwa ein religiöser Absolutheitsanspruch des Christentums, sondern der Exklusivanspruch Jesu Christi auf unser Leben.

4. Christen besitzen weder Heil noch Wahrheit, sondern erhalten diese immer wieder neu zugesagt im Glauben an das Evangelium Jesu Christi.

5. Christen haben selbst nicht einfach Recht, sondern werden als Sünder gerechtfertigt im Glauben an die stellvertretende Lebenshingabe Jesu am Kreuz.

6. Für Christen gibt es keine namenlosen Heilsgüter, die man sich selbst auswählen kann. Rettung und Heil sind im besonderen Namen „Jesus“ allein (und nicht etwa in einer allgemeinen Gottesidee) enthalten.

7. Der Name „Jesus“ umfasst das einmalige Geschehen mit dem Mensch gewordenen Gottessohn. Was mit Jesus geschehen und durch ihn ausgesprochen worden ist, lässt für unsere Zukunft hoffen. Taten schaffen Vertrauen.

8. Menschenmögliche „Heilswege“ lassen Menschen im Denken bei sich selbst bleiben oder aber suchen das Heil in der Auflösung des eigenen Lebens.

9. Der christliche Glaube ist weder Weltanschauungs- noch Selbstgewissheitsglaube, sondern Zugehörigkeits- und Vertrauensglaube. Ohne den Namen „Jesus Christus“ geht er ins Leere. Glaube, der bei sich selbst bleibt, ist schlussendlich hoffnungslos.

10. Ein entschiedener Christusglaube bedingt schmerzliche Toleranz gegenüber menschenmöglichen Weltanschauungen und eigenmächtigen Lebenswegen.

11. Toleranz ist weder mit Akzeptanz noch mit Indifferenz gleichzusetzen. Sie erwächst nicht aus einer inneren, geistigen Unabhängigkeit, sondern ergibt sich aus der eigenen Zugehörigkeit bzw. Bindung.

12. In der Wiederkunft Christi wird der besondere Namen Jesu weltweit geltend gemacht.

Hier mein Vortrag in einer gekürzten Fassung:

Christus allein – warum multireligiöse Wege hoffnungslos sind

Wer uns wirklich hilft: Christus allein, er der Herr, dem wir – um mit der 1. These der Barmer Erklärung zu sprechen – im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Dieses Bekenntnis gilt an allen Orten, zu allen Zeiten und für alle Menschen. Manche Theologen haben damit freilich Schwierigkeiten. Wer „Christus allein“ sagt, wird schnell als intolerant angesehen. Fragen werden gestellt: Wie können Christen einen absoluten Wahrheitsanspruch gegenüber anderen Religionen vertreten? Da gibt es doch eigene religiöse Erfahrungen; und was es gibt, muss auch irgendwie gelten, oder? Und wenn wir von universalen Geltungsansprüchen reden, muss das nicht zu religiöser Militanz führen? Provoziert man da nicht gewaltsame Konflikte?

Viele gehen darum heute andere Wege: Ist es nicht besser, in einen friedensstiftenden Dialog der Religionen zu treten? Soll man es nicht sogar wagen, gemeinsam interreligiös zu beten? Und wenn wir von Ökumene sprechen – können wir da nicht auch diese weiter fassen – eine Ökumene der „abrahamitischen Religionen“, also mit Judentum und Islam?

Stuhlreihe

Christus allein – diesen Anspruch müssen wir nochmal neu ins Spiel bringen. Stellen Sie sich dazu folgendes Bild vor: Mehrere Stühle in einer Reihe aufgestellt stehen für verschiedene Religionen, dahinter der eine Altar. Wer drum herum in einer Beobachterposition sitzt und nicht auf einem Stuhl der Religionen, mag sagen: All diese Religionen haben einen gemeinsamen Ursprung oder Urgrund. Christen sprechen vielleicht von „Gott“, Moslems von „Allah“, Philosophen von dem „einen unbedingten Sein“. Wer als Beobachter außen vor bleiben will, mag der Kirche eine Absage erteilen: Ich komme am Sonntag nicht in den Gottesdienst, ich weiß ja, dass es einen letzten Sinn im Universum gibt – zu dem kann ich in unterschiedlichen Weisen und an je eigenen Orten beten; dafür muss ich auf keinen dieser vorgegebenen Stühle setzen.

Von stuhlreihengleichen Religionen mit Altarblick zu reden erübrigt es einem selbst Platz zu nehmen. Sobald wir sagen, es gehe im Wesentlichen um verschiedene Religionen, haben wir selbst den eigenen Glauben verloren. Wenn wir „Christus allein“ bezeugen, vertreten wir damit keine frei wählbare religiöse Weltanschauung, sondern bekennen die eine lebensentscheidende Zugehörigkeit. Das Entscheidende für uns Christen ist nicht, wie wir die Welt anschauen, sondern zu wem wir uns zugehörig bekennen. So legt uns ja Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus den zweiten Glaubensartikel aus: „Ich glaube, dass Jesus Christus … sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit“.

Feldherrnhügel

Diese Worte haben es in sich, jede Wendung sticht. Da geht es um Gehorsam; aber dieser Gehorsam ist ein einzigartiger Anspruchsgehorsam, kein Befehlsgehorsam wie beim Militär. Christus erhebt einen Anspruch auf unser ganzes Leben und sucht unseren Gehorsam, weil er sich ganz für uns hingegeben hat. Christus erteilt keine Kommandos von einem Feldherrnhügel aus, sondern sagt sich uns in seiner ganzen Person zu: Ich habe dein Leben angenommen, ich habe deine Sünde auf mich genommen, ich habe mich für dich ganz hingegeben, deswegen beanspruche ich dich. Es gilt nicht etwa ein religiöser Absolutheitsanspruch des Christentums, sondern der Exklusivanspruch Jesu Christi auf unser Leben.

Unser Heil ist allein in Jesus Christus, weil er eben nicht von oben herab befiehlt. Keine Stimme ertönt aus dem Himmel, die uns sagt, wie wir selbst zu funktionieren haben. Der Gottessohn setzt sich vielmehr in Beziehung zu uns – als wahrer Mensch. Und nur deswegen kann und darf er uns auch ganz für sich beanspruchen.

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße - Altargemälde ( 1400-1420 ) aus Mainz

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße – Altargemälde ( 1400 / 1420 ) aus Mainz.

Als Heiland stellt Christus infrage, was Menschen für sich selbst unter Heil verstehen. Heil kann uns so vieles bedeuten – Befreiung aus einem schädlichen oder negativen Verhältnis, der Erlass einer Strafe. Heil mag auch eine besondere Kraft von oben sein, mit der ich mein eigenes Leben selbst gestalten kann. Vielleicht sagt auch einer: Heil ist für mich dort, wo die ganze Welt sinnhaft zusammengefügt ist, wenn ich selbst den höheren Sinn dahinter erkannt habe. Da haben Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen von Heil. Und schon können wir, wenn wir an unser Bild mit den verschiedenen Religionsstühlen denken, fragen: Welches Heil hätten Sie denn gerne?

Das Problem ist, dass in diesem Fall Heil als Gabe oder Gut verstanden wird, das ich mir selber beanspruchen und vereinnahmen kann. Das aber ist nicht gemeint, wenn Jesus Christus von sich selbst spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Johannes 11,25) Er sagt nicht: Bei mir gibt es die Auferstehung und das Leben als Gut zum Mitnehmen. Heil ist für Christen allein in der bleibenden Gemeinschaft mit Jesus zu haben.

Das Heil ist Jesus Christus selbst. Christen besitzen weder Heil noch Wahrheit, sondern erhalten diese immer wieder neu zugesagt im Glauben an das Evangelium. Könnten wir selbst das Heil mit nach Hause nehmen, würde sich für uns die Gemeinschaft der Gläubigen erübrigen. Wenn wir das Heil besäßen, könnten wir gar behaupten, das Kreuz sei für uns längst Vergangenheit ohne Geltung für unser gegenwärtiges Leben. Doch Rettung und Heil sind im Namen Jesus andauernd enthalten. Jesus, auf Hebräisch Jeschua, heißt: ER, der HERR, JHWH, ist Rettung, der HERR hilft.

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Ohne den Namen Jesu kann kein Heil für uns zur Sprache gebrachten werden. Dann könnten wir niemanden ansprechen oder anrufen. Wenn ich Jesus Christus mit Namen anrufe, sage ich: Du bist doch der Gottessohn, der Mensch geworden ist, der mein Leben angenommen hat, mit Fleisch und Blut, der meine Sünden getragen hat, der für mich gestorben ist, der für mich auferstanden ist – ich gehöre zu dir.

Im Namen Jesu Christi ist unser ganzes Heil verdichtet. Da wird das Heil für uns glaubwürdig. Wir müssen aufpassen, dass wir beim Glauben nicht in eine Weltanschauung zurückfallen. Es gibt Leute, die sagen, sie seien auch gläubig, aber der Glaube wird dabei häufig als eigener Besitz verstanden – „mein Glaube“. Doch Luther sagt zu Recht in seiner Auslegung zum Galaterbrief, dass der Glaube nicht in uns selbst besteht: „Das Evangelium heißt uns, nicht unsere guten Taten und Vollkommenheiten anzusehen, sondern Gott, der der Verheißende ist, Christus, der Mittler. (…) Dies ist also der Grund, warum unsere Theologie voller Gewissheit ist: Sie reißt uns von uns selbst los und stellt uns außerhalb von uns, so dass wir uns nicht auf unsere Kräfte, nicht auf unser Gewissen, unser Wahrnehmungsvermögen, unseren Charakter und unsere Werke, sondern auf das verlassen, was außerhalb von uns ist: auf die Verheißung und die Wahrheit des Gottes, die nicht trügen können.“

Christlicher Glaube ist also kein Weltanschauungsglaube, auch kein Selbstgewissheitsglaube, sondern Zugehörigkeitsglaube: Der ist mein Herr, dem vertraue ich. Ohne den Namen Jesu geht mein Glaube in die Leere. Der Glaube, der bei sich selbst bleibt, ist eine hoffnungslose Angelegenheit.

Im Buch der Offenbarung wird es am Schluss ganz augenfällig. Da geht es nicht allgemein um Seelen- oder Lebensheil, sondern um die Seligkeit in der Gegenwart des dreieinigen Gottes. Wir haben das Bild des Thrones und des Lammes vor Augen (Offenbarung 21-22): Schon jetzt vertrauen wir darauf, dass es am Ende der Zeiten durch das Gericht hindurch einen Ort gibt, wo die Seligkeit geschieht, aber nicht als anonyme Seligkeit, kein Aufgehen unseres Lebens als Tropfen in einem unendlichen Meer. Nein, am Ende der Tage kommt es vielmehr zu der Begegnung, bei der mein Leben in der göttlichen Annahme schlussendlich getröstet wird, bei der Gott alle meine Tränen abwischen wird. Das heißt: Mein ganzes gelebtes Leben wird von ihm umgriffen – das ist die intimste Begegnung, die eben keine Idee ist.

Thronsaalvision

Wenn Menschen sagen, es gibt ein Urprinzip, es gibt ein göttliches Wesen, und ich kann mich schon jetzt über mein Denken in Beziehung zu diesem Wesen setzen – dann bleibt mein Leib außen vor. Meinen Leib kann ich einem namenlosen Gott nicht andenken. Geistig mögen wir uns mit einer solchen Idee verbinden können. Aber das ganze Leben, der ganze Schmerz, die ganzen Enttäuschungen, das was uns unter die Haut gegangen ist, dieses ganze Leben, ist in dem Augenblick hinfällig, wenn Heil nur gedacht ist. Geist zu Geist, und unser leibliches Leben belanglos? Menschenmögliche „Heilswege“ lassen Menschen im Denken bei sich bleiben oder aber suchen das Heil in der Auflösung des eigenen Lebens.

Wenn wir bekennen „Christus allein ist das Heil“, müssen wir auf die Toleranz zu sprechen kommen. Zuallererst geht es dabei um die Toleranz Gottes: Der Gott duldet keine Sünde, sondern erduldet unsere Sünde am Kreuz Christi. Toleranz bedeutet dem lateinischen Wortsinn nach: Ertragen, erdulden, nicht etwa akzeptieren – wer toleriert, akzeptiert nicht. Wenn ich etwas akzeptiere, dann nehme ich es für mich an und muss es nicht mehr ertragen. Das andere wäre Indifferenz oder Gleichgültigkeit. Wenn mir etwas gleichgültig ist, dann berührt es mich nicht. Wer tolerant ist, erträgt das, was er nicht annehmen kann, was ihm selbst zu schaffen macht, was ihm nicht gleichgültig sein kann. Christen haben menschenmögliche Weltanschauungen zu tolerieren; sie müssen ertragen, wenn Mitmenschen andere Lebenswege gehen. Um die Toleranz kommen wir nicht herum. Denn wir wissen ja: Der Glaube an das Evangelium kann nicht aufgezwungen werden, er lässt sich nicht manipulieren. Wollte ich anderen diesen Glauben auferlegen oder gar aufzwingen, wäre dies ein Joch, das das Evangelium zerstört! So haben wir es also zu tolerieren, wenn ein anderer Menschen aus welchen Gründen auch immer „Nein“ zu Jesus Christus sagt.

Es gilt für uns tolerant zu sein und dennoch dabei Christus bezeugen: Immer wieder neu auf Christus zeigen, weil wir selbst eben nicht die Wahrheit besitzen. Wenn Christus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, heißt das doch: kein Mensch kann Christus besitzen – er kann ihn nur bezeugen, er kann ihm nur glauben, nur auf ihn zeigen. Wir besitzen das Heil nicht, aber wir vertrauen dem Heil. Was wiederum heißt: Wir Christen haben keinen privilegierten Besitz, sondern ein besonderes Vertrauen und ein besonderes Zeugnis. Wir wissen, auf wen wir im Leben und Sterben zeigen können: Auf Jesus und sein Kreuz. Und das ist wahrlich kein Grund für Hochmut, nein – vor dem Kreuz bleiben wir Zeit unseres Lebens demütig, aber voller Hoffnung.

Zum Ausdruck findet sich der Vortrag hier: Teuffel – Christus allein

Der Glaube an den Namen des Herrn

25. März 2012

Luther - Galaterbrief

Luther hat in seiner Vorlesung über den Galaterbrief von 1519 Folgendes über den Glauben an den Namen des Herrn geschrieben:

Die Anrufung aber des göttlichen Namens, wenn sie wahrhaft im Herzen und von Herzen geschehen ist, macht offenbar, daß das menschliche Herz und der Name des Herrn miteinander eins sind und aneinander hängen. Darum ist es unmöglich, daß das Herz nicht teilhabe an denselben Tugenden, in denen der Name des Herrn sich mächtig erweist. Das Herz und der Name des Herrn hängen aber aneinander durch den Glauben. Der Glaube aber kommt durch das Wort von Christus, in welchem der Name des Herrn gepredigt wird (Röm 10,13-17). So heißt es Ps 22,23: »Ich will deinen Namen pre­digen meinen Brüdern.« Und wiederum Ps 102,22: »Daß sie in Zi­on predigen den Namen des Herrn.« Wie also der Name des Herrn rein, heilig, gerecht, wahrhaftig, gut ist usf., so macht er, wenn er ein Herz berührt und berührt wird von einem Herzen (was im Glauben geschieht), dies Herz ganz und gar sich gleich. So kommt es, daß de­nen, welche an den Namen des Herrn glauben, alle Sünden erlas­sen werden und ihnen Gerechtigkeit zugerechnet wird »um deines Namens willen, Herr« (Ps 25,11). Gerechtigkeit wird ihnen also zuteil, weil der Name Gottes gut ist, nicht um ihres eigenen Ver­dienstes willen. Denn verdient hätten sie ja nicht einmal, ihn nur zu hören. Ist aber das Herz so gerechtfertigt durch den ‚Glauben‘, der sich ‚an seinen Namen‘ hängt, dann »gibt Gott ihnen Macht, Gottes Kinder zu werden« (Joh 1,12). Denn sogleich »gießt er den Heiligen Geist aus in ihre Herzen« (Röm 5,5), der sie weit macht durch die Liebe und friedevoll und fröhlich, daß sie alles Gute tun, alles Böse überwinden und sogar Tod und Hölle verachten. Da ist [86] von Stund an für alle Gesetze mitsamt ihren Werken das Ende ge­kommen: Nun sind alle Dinge frei und erlaubt, und das Gesetz ist erfüllt durch den Glauben und die Liebe.

Sieh, das ist’s, was uns Christus erworben hat: nämlich daß gepre­digt werde der Name des Herrn (d. h. die Barmherzigkeit, die Wahr­heit Gottes): wer zum Glauben an diesen Namen gekommen ist, der wird gerettet. Quält dich also das Gewissen, und du bist ein Sünder und trachtest danach, gerecht zu werden, was willst du tun? Vielleicht dich umsehen, was du denn noch an Werken tun könntest oder wohin du noch laufen könntest? Nein! Sondern siehe zu, daß du den Namen des Herrn hörest oder sein gedenkest, nämlich daß Gott gerecht, gut, heilig ist. Dann hänge dich geschwind an ihn und glaube fest, daß er so zu dir sei [wie sein Name sagt]: dann bist du mit ihm auch schon so, bist ihm gleich. Den Namen des Herrn wirst du aber nirgends leuchtender erblicken als in Christus: Da wirst du sehen, wie gut Gott ist, wie freundlich, wie treu, wie gerecht und wahrhaftig, — hat er doch seines eigenen Sohnes nicht verschont (Röm 8,32). Er wird dich durch Christus zu sich ziehen (Joh 6,44). Ohne diese Gerechtigkeit ist’s unmöglich, daß das Herz rein sei; daher ist’s auch unmöglich, daß die Gerechtigkeit der Menschen eine wahre sei. Denn das einemal wird der Name des Herrn gebraucht zur Wahrheit, das anderemal zur Nichtigkeit. Das einemal näm­lich gibt der Mensch Gott die Ehre und sich selbst die Schande, das andremal sich selbst die Ehre und Gott die Schmach. … So ist also der Glaube an den Namen des Herrn der Sinn des Gesetzes, ist »des Gesetzes Ende« (Röm 10,4), und überhaupt alles in allem. Aber diesen seinen Namen hat er auf Christus gelegt, wie er durch Mose vor­ausgesagt hat (5 Mose 18,18f).

Auslegung zu Gal 2,16 aus der Vorlesung über den Galaterbrief von 1519, übersetzt von Immanuel Mann, in: Martin Luther, Kommentar zum Galaterbrief, hg. v. Wolfgang Metzger, Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 10, München-Hamburg 1968, 85-86 (vgl. WA 2,490,13-491,11).

Ein Gebet zur Jahreslosung „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“

2. Januar 2012
Christus am Ölberg von Giovanni Bellini (1465-70)

Christus am Ölberg von Giovanni Bellini (1465-70)

Christus Jesus,
Deine Geburt im Stall,
Deine Taufe im Jordan,
Dein Schmerzensweg in Jerusalem,
Dein Kreuzestod auf Golgota –
sie zeigen mir die göttliche Schwäche
für uns Menschen.
Ich muss nicht das für mein Leben erlangen,
was Du für mich am Kreuz gewonnen hast.
Vor Dir verliert sich meine Selbstbestärkung.
Wenn ich Dir Glauben schenke,
bin ich kein Versager.
Amen.

Eingeladen vom Meister selbst

2. Juni 2011

Jesus Christus geht mir voraus, lockt und fordert mich heraus aus Enge und Angst, aus vermeintlichen Sicherheiten und alten Verstrickungen. Gott, der Ewige, führt sein Volk in die Freiheit. Jesus Christus geht mir voran in das Haus des Vaters, den Ort meiner tiefsten Zugehörigkeit. Dort bin ich zu Hause, das ist meine Heimat, aus der ich geboren wurde.

Diese Passage ist einem Beitrag von Friederike Popp, Priorin der Communität Casteller Ring, aus dem bayerischen Sonntagsblatt entnommen. Der Titel dieses lesenswerten Beitrags lautet: Eingeladen vom Meister selbst. Was Christusnachfolge für mich bedeutet.

Auf Arabisch

12. Mai 2011

Wer meinen F.A.Z.-Text „Man höre doch mal dem Heiland zu“ bei Qantara.de auf Arabisch lesen will, hier der Link.