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„Die unfassliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen“ – Hans Urs von Balthasar wider die liberalprotestantischen Entmythologisierungsprogramme

31. Dezember 2017

Hans Urs von Balthasar (1905-1988, Gemälde von William Hart McNichols)

Das war ein Aufreger Anfang der sechziger Jahre, John Robinsons Buch „Honest to God“. In der ZEIT hatte es dazu eine Artikelreihe gegeben, wo neben Helmut Thielicke auch Rudolf Bultmann einen Text beisteuerte: „Ist der Glaube an Gott erledigt? Die mythologische Sprache der alten Tradition muß entmythologisiert werden„. Aber dann kommt Hans Urs von Balthasar zu Wort. Wer seinen Beitrag „Komm, du Geist der Wissenschaft“ liest, wird nachvollziehen können, warum von Balthasar – neben Karl Rahner – der römisch-katholische Theologe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen ist:

Die alten Mythen sind und bleiben Chiffren und Bilder, rings um das Rätsel des „Daseins zum Tode“ aufgestellt. Auflösen kann die Chiffren nur, wer den Tod von innen her überwindet und die vollendete Endlichkeit ohne Abzug (nicht etwa in einer bloßen „Unsterblichkeit der Seele“) im Ewigen und Endgültigen birgt: Das ist der reale und nicht entmythisierte Sinn der „Aufer­stehung des Fleisches“. Das Ganze, was Mensch ist, kommt, wie geläutert und „destil­liert“ auch immer, ins Heil. Einzig dieses Wort von Gott her macht den Menschen zum Wort, ihm selber verständlich. Liebe drang nur in einzelnen, gleich wieder von schwarzen Schicksalswolken verfinsterten Strahlen durch die alten Mythen hindurch. Und vieles, das meiste vielleicht, war darin verworrene menschliche Liebe, auf die Gottheit hin projiziert (wie beispielsweise Aphrodite) und dann zu Recht von den Philosophen „entmythisiert“. Daher die große Umschulung des Alten Testamentes. Hier wird wahrhaft und endgültig entmythisiert (wie Gerhard von Rad überzeugend gezeigt hat), hier redet endlich der eine lebendige Gott. Er fordert Glaube und Treue, er verheißt endgültige Liebe. Aber erst muß der Mensch verstehen lernen, was in der Wahrheit, in der Endgültigkeit, bei Gott selber Liebe heißt.

Christus als das letzte, notwendig unüberholbare Wort von Gott übersetzt das menschliche Leben in Liebe. Und zwar bis ins letzte und scheinbar Gegensätzlichste. Gerade das Kreuz, gerade die Gottverlassenheit, gerade der Tod in Finsternis ist Liebe. Und besiegt damit alles Schicksalshafte, Verfallene in Leiden und Tod.

Das ist schwer zu glauben, weil es zu schön scheint, um wahr zu sein. Aber Gott ist notwendig unbegreiflich, keine anständige Philosophie oder Religion hat je vorgegeben, Gott zu begreifen, gar einen „Begriff“, gar eine Vorstellung, ein Bild von Gott zu haben. Wenn Gott sich enthüllt, dann muß das in den unzugänglichen Urgründen liegende Unbegreifliche plötzlich überwältigend auf uns zutreten. „Gott ist Liebe.“ Der Grund alles Seins, der Grund auch dieses kaltschnäuzigen, absurden Daseins soll Liebe sein? Lächerlich! Unbegreiflich!

Und doch ist in Christus Gott Mensch geworden, das heißt, die unfaßliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen. Er liebt mich, endgültig in Gott, er stirbt für mich, er holt mich dadurch ins Heil. Das ist die ungeheuerlichste Aufwertung der mitmenschlichen Liebe: in ihr wird künftig das Göttliche anwesend und durchsichtig. In ihr, auf sie hin deutet der Christ die Welt, das Leiden, den Tod. Aber auch die Kultur, die sogenannte Evolution, die freilich auf keiner noch folgenden Stufe diese endgültige Sprache und Gebärde durch etwas Gescheiteres einholen, überholen, ersetzen kann.

Kein weltbedeutendes Wissen, keine Macht, kein technisches Können reicht – wie gesteigert auch immer – an die echte Liebe heran. Wenn die alten Gebärden der Liebe uns heute angeblich nichts mehr sagen, so heißt das nicht, daß man sie durch andere ersetzen soll (wer ersetzt den Kuß?), sondern höchstens, daß die Liebe in uns erkaltet ist.

Aber dahinter bleibt eben nichts mehr. Die Mythen sind im einen Wort integriert; ein zweites solches Wort gibt es nicht.

Der Pfingstgeist geht vom Vater und Sohn aus; das heißt, er bringt uns Gott-den-Urgrund und Gott-in-Weltgestalt zugleich ins Herz. Das Unnahbare und das Mitmenschliche. Beides ist im Geist untrennbar geworden. Was ihr dem Geringsten getan habt, habt ihr mir getan. Geist ist souveräne, freigewordene Liebe. Liebe, die – als die göttliche aber, nicht als unser Gelüst – selbstzwecklich geworden ist.

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Er lehrt uns beten, uns dem väterlich bergenden Schoß des Seins einschmiegen: in Worten, ohne Worte. Er lehrt uns auch, den Weltgestalten nicht grundsätzlich, entmythisierend, zu mißtrauen. Er lehrt uns, „in Tat und Wahrheit lieben“, wo wir leibliche und seelische Not neben uns erblicken. Er befreit uns zum Besten unserer selbst, zu dem wir uns sonst nie entschlossen. Er lehrt den einzig wahren Humanismus. Darin ist er Geist der Wissenschaft vom Wissenswerten.

Hier der vollständige Text als pdf.

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Rudolf Bultmann – Neues Testament und Mythologie (vollständiger Text)

22. April 2017

Braun Rasierapparat „sixtant SM 31“, 1962.

Rudolf Bultmanns Vortrag „Neues Testament und Mythologie“, gehalten am 21. April 1941 auf einer Tagung der „Gesellschaft für evangelische Theologie“ in Frankfurt am Main, ist ohne Zweifel einer der wirkmächtigsten theologischen Texte des 20. Jahrhunderts. Und er provoziert auch heute noch, wenn Bultmann gleich zu Beginn schreibt:

1. Das mythische Weltbild und das mythische Heilsgeschehen im Neuen Testament

Das Weltbild des Neuen Testaments ist ein mythisches. Die Welt gilt als in drei Stockwerke gegliedert. In der Mitte befindet sich die Erde, über ihr der Himmel, unter ihr die Unterwelt. Der Himmel ist die Wohnung Gottes und der himmlischen Gestalten, der Engel; die Unterwelt ist die Hölle, der Ort der Qual. Aber auch die Erde ist nicht nur die Stätte des natürlich-alltäg­lichen Geschehens, der Vorsorge und Arbeit, die mit Ordnung und Regel rechnet; sondern sie ist auch der Schauplatz des Wirkens übernatürlicher Mächte, Gottes und seiner Engel, des Satans und seiner Dämonen. In das natürliche Geschehen und in das Denken, Wollen und Handeln des Menschen greifen die übernatürlichen Mächte ein; Wunder sind nichts Seltenes. Der Mensch ist seiner selbst nicht mächtig; Dämonen können ihn besitzen; der Satan kann ihm böse Gedanken eingeben; aber auch Gott kann sein Denken und Wollen lenken, kann ihn himmlische Gesichte schauen lassen, ihn sein befehlendes oder tröstendes Wort hören lassen, kann ihm die übernatürliche Kraft seines Geistes schenken. Die Geschich­te läuft nicht ihren stetigen, gesetzmäßigen Gang, sondern erhält ihre Bewegung und Richtung durch die über­natürlichen Mächte. Dieser Äon steht unter der Macht des Satans, der Sünde und des Todes (die eben als „Mächte“ gelten); er eilt seinem Ende zu, und zwar seinem baldigen Ende, das sich in einer kosmischen Katastrophe vollziehen wird; es stehen nahe bevor die „Wehen“ der Endzeit, das Kommen des himmlischen Richters, die Auferstehung der Toten, das Gericht zum Heil oder zum Verderben.

Dem mythischen Weltbild entspricht die Darstellung des Heilsgeschehens, das den eigentlichen Inhalt der neutestamentlichen Verkündigung bildet. In mythologischer Sprache redet die Verkündigung: Jetzt ist die Endzeit gekommen; „als die Zeit erfüllt war“, sandte Gott seinen Sohn. Dieser, ein präexistentes Gotteswesen, erscheint auf Erden als ein Mensch; sein Tod am Kreuz, den er wie ein Sünder erleidet, schafft Sühne für die Sünden der Menschen. Seine Auferstehung ist der Beginn der kosmischen Katastrophe, durch die der Tod, der durch Adam in die Welt gebracht wurde, zunichte gemacht wird; die dämonischen Weltmächte haben ihre Macht verloren. Der Auferstandene ist zum Himmel erhöht worden zur Rechten Gottes; er ist zum „Herrn“ und „König“ gemacht worden“. Er wird wiederkommen auf den Wolken des Himmels, um das Heilswerk zu voll­enden; dann wird die Totenauferstehung und das Gericht stattfinden; dann werden Sünde, Tod und alles Leid vernichtet sein. Und zwar wird das in Bälde gesche­hen; Paulus meint dieses Ereignis selbst noch zu erleben.

Wer zur Gemeinde Christi gehört, ist durch Taufe und Herrenmahl mit dem Herrn verbunden und ist, wenn er sich nicht unwürdig verhält, seiner Auferstehung zum Heil sicher. Die Glaubenden haben schon das „Angeld“, nämlich den Geist, der in ihnen wirkt und ihre Gotteskindschaft bezeugt und ihre Auferstehung garantiert

2. Die Unmöglichkeit der Repristinierung des mythischen Weltbildes

Das alles ist mythologische Rede, und die einzelnen Motive lassen sich leicht auf die zeit­geschichtliche Mythologie der jüdischen Apokalyptik und des gnostischen Erlösungsmythos zurückführen. Sofern es nun mythologische Rede ist, ist es für den Menschen von heute unglaubhaft, weil für ihn das mythische Weltbild vergangen ist. Die heutige christliche Verkündigung steht also vor der Frage, ob sie, wenn sie vom Menschen Glauben fordert, ihm zumutet, das vergangene mythische Weltbild anzuerkennen. Wenn das unmöglich ist, so entsteht für sie die Frage, ob die Verkündigung des Neuen Testaments eine Wahrheit hat, die vom mythischen Weltbild unabhängig ist; und es wäre dann die Aufgabe der Theologie, die christliche Verkündigung zu entmythologisieren.

Kann die christliche Verkündigung dem Menschen heute zumuten, das mythische Weltbild als wahr anzuerkennen? Das ist sinnlos und unmöglich. Sinnlos; denn das mythische Weltbild ist als solches gar nichts spezifisch Christliches, sondern es ist einfach das Weltbild einer vergan­genen Zeit, das noch nicht durch wissenschaftliches Denken geformt ist. Unmöglich; denn ein Weltbild kann man sich nicht durch einen Entschluß aneignen, sondern es ist dem Men­schen mit seiner geschichtlichen Situation je schon gegeben. Natürlich ist es nicht unveränder­lich, und auch der Einzelne kann an seiner Umgestaltung arbeiten. Aber er kann es doch nur so, daß er auf Grund irgend welcher Tatsachen, die sich ihm als wirklich aufdrängen, der Unmöglichkeit des hergebrachten Weltbildes inne wird und auf Grund jener Tatsachen das Weltbild modifiziert oder ein neues entwirft. So kann sich das Weltbild ändern etwa infolge der kopernikanischen Entdeckung oder infolge der Atomtheorie; oder auch indem die Roman­tik entdeckt, daß das menschliche Subjekt komplizierter und reicher ist, als daß es durch die Weltanschauung der Aufklärung und des Idealismus verstanden werden könnte; oder dadurch, daß die Bedeutung von Geschichte und Volkstum neu zum Bewußtsein kommt.

Es ist nun durchaus möglich, daß in einem vergangenen mythischen Weltbild Wahrheiten wieder neu entdeckt werden, die in einer Zeit der Aufklärung verloren gegangen waren, und die Theologie hat allen Anlaß, diese Frage auch in Bezug auf das Weltbild des Neuen Testa­ments zu stellen. Aber es ist unmöglich, ein vergangenes Weltbild durch einfachen Entschluß zu repristinieren, und vor allem ist es unmöglich, das mythische Weltbild zu repristinieren, nachdem unser aller Denken unwiderruflich durch die Wissenschaft geformt worden ist. Ein blindes Akzeptieren der neutestamentlichen Mythologie wäre Willkür; und solche Forderung als Glaubensforderung erheben, würde bedeuten, den Glauben zum Werk erniedrigen, wie Wilhelm Herrmann – man sollte meinen, ein für allemal – deutlich gemacht hat. Die Erfüllung der Forderung wäre ein abgezwungenes sacrificium intellectus, und wer es brächte, wäre eigentümlich gespalten und unwahrhaftig. Denn er würde für seinen Glauben, seine Religion, ein Weltbild bejahen, das er sonst in seinem Leben verneint. Mit dem modernen Denken, wie es uns durch unsere Geschichte überkommen ist, ist die Kritik am neutestamentlichen Welt­bild gegeben.

Welterfahrung und Weltbemächtigung sind in Wissenschaft und Technik so weit entwickelt, daß kein Mensch im Ernst am neutestamentlichen Weltbild festhalten kann und festhält. Welchen Sinn hat es, heute zu bekennen: „niedergefahren zur Hölle“ oder „aufgefahren gen Himmel“, wenn der Bekennende das diesen Formulierungen zugrunde liegende mythische Weltbild von den drei Stockwerken nicht teilt? Ehrlich bekannt werden können solche Sätze nur, wenn es möglich ist, ihre Wahrheit von der mythologischen Vorstellung, in die sie gefaßt ist, zu entkleiden, – falls es eine solche Wahrheit gibt. Denn das eben ist theologisch zu fra­gen. Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den „Himmel“ im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebensowenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erle­digt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden „Menschensohnes“ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft, ihm entgegen (1. Thess. 4,15ff.).

Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister- und Dämonen­glaube. Die Gestirne gelten uns als Weltkörper, deren Bewegung eine kosmische Gesetz­lichkeit regiert; sie sind für uns keine dämonischen Wesen, die den Menschen in ihren Dienst versklaven. Haben sie Einfluß auf das menschliche Leben, so vollzieht sich dieser nach ver­ständlicher Ordnung und ist nicht die Folge ihrer Bosheit. Krankheiten und ihre Heilungen haben ihre natürlichen Ursachen und beruhen nicht auf dem Wirken von Dämonen bzw. auf deren Bannung. Die Wunder des Neuen Testaments sind damit als Wunder erledigt, und wer ihre Historizität durch Rekurs auf Nervenstörungen, auf hypnotische Einflüsse, auf Sugge­stion und dergl. retten will, der bestätigt das nur. Und sofern wir im körperlichen und seeli­schen Geschehen mit rätselhaften, uns noch unbekannten Kräften rechnen, bemühen wir uns, sie wissenschaftlich greifbar zu machen. Auch der Okkultismus gibt sich als Wissenschaft.

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht. Die mythische Eschatologie ist im Grunde durch die einfache Tatsache erledigt, daß Christi Parusie nicht, wie das Neue Testament erwartet, alsbald stattgefunden hat, sondern daß die Weltgeschichte weiterlief und – wie jeder Zurechnungsfähige überzeugt ist – weiterlaufen wird. Wer überzeugt ist, daß die uns bekannte Welt in der Zeit endigen wird, der stellt sich ihr Ende doch als das Ergebnis, der natürlichen Entwicklung vor, als ein Ende in Naturkatastro­phen, und nicht als das mythische Geschehen, von dem das Neue Testament redet; und wenn er etwa dieses nach naturwissenschaftlichen Theorien interpretiert wie der Kandidat im Pfarr­haus zu Nöddebo, so übt er eben damit, ohne zu wissen, Kritik am Neuen Testament. […]

Hier der vollständige, zitationsfähige Text als pdf.