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Wie heißen die vierzig Tage vor Ostern (Quadragesima) richtig – Fastenzeit oder Passionszeit?

13. März 2017

Kretisches Labyrinth aus 2500 brennenden Teelichtern in der Heilig-Kreuz-Kirche in Frankfurt-Bornheim – Foto Wikipedia/Jürgen Heegmann, Dezember 2011, cc-by-sa

Gemeinhin ist bezüglich der vierzig Tage vor Ostern (Quadragesima) im deutschsprachigen Raum von der Fastenzeit die Rede. Damit scheint der Inhalt vorgeben: „Was fastest Du in diesem Jahr?“ Selbst evangelischerseits gibt es seit 1983 eine Fastenaktion „7 Wochen ohne“ mit immer kreativeren „Fastenvorhaben“. So  heißt 2017 das Motto „Augenblick  mal! – Sieben Wochen ohne Sofort“. Ganz offensichtlich hat sich auch in der evangelischen Kirche die Bezeichnung „Passionszeit“ nicht durchgesetzt. Der kirchlichen Tradition zufolge beginnt ja die eigentliche Passionszeit erst am Sonntag Judika (5. Fastensonntag), also zwei Wochen vor Ostern. Noch in der Lutherischen Agende I von 1955 ist von der Fastenzeit die Rede. Es hat sich gezeigt, dass die Ausdehnung der Passionszeit auf die ganze Quadragesima mit der Perikopenordnung von 1978 liturgisch nicht gefüllt werden kann.

Der Ursprung der Quadragesima liegt in der altkirchlichen Vorbereitung der Gläubigen auf das Osterfest. Es handelt sich dabei um eine Buß- bzw. Besinnungszeit, die durch eigenes Fasten unterstützt wird. In der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanum heißt es daher über den Sinn der Vierzig Tage: „Die vierzigtägige Fastenzeit hat die doppelte Aufgabe, einerseits vor allem durch Tauferinnerung oder Taufvorbereitung, andererseits durch Buße, die Gläubigen, die in dieser Zeit mit größerem Eifer das Wort Gottes hören und dem Gebet obliegen sollen, auf die Feier des Pascha-Mysteriums vorzubereiten.“ (SC 109)

Weder die Bezeichnung „Fastenzeit“ noch „Passionszeit“ treffen die eigentliche Intention der Quadragesima.  Jesu Hingabe für uns Menschen gilt es das ganze Jahr über zu bedenken; „Fastenzeit“ hingegen betont ein menschlicherseits zu erbringendes Werk. Besser wären vorösterliche „Bußzeit“ oder aber „Besinnungszeit“: Unter der Anleitung des Wortes Gottes nehme ich mich als Sünder in meinem (Un-)Verhältnis  zum dreieinigen Gott wie auch zu meinen Mitmenschen wahr. Damit öffne ich mich neu für das göttliche Pascha-Mysterium sowie für die unbedingte Vergebungszusage des Evangeliums in Jesu Namen.

So könnte für die Besinnungszeit zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag täglich je eine Gewissensfrage gestellt werden. Dieser Fragen wiederum beziehen sich wochenweise auf eine bestimmte göttliche Weisung. Eine mögliche Einteilung der Fragegruppen könnte (in Anlehnung an die Hilfe zur Gewissenserforschung aus dem Gotteslob, Nr. 600) sein:

Erste Woche: Gott will, dass wir die Menschen achten, denen wir familiär verbunden sind oder die uns besonders anvertraut sind.
Zweite Woche: Gott will, dass wir ihm vertrauen und uns nicht an fremde Mächte und Ideen binden.
Dritte Woche: Gott will, dass wir Leben achten und Leid abwenden.
Vierte Woche: Gott will, dass wir ihn ehren und ihn anrufen.
Fünfte Woche: Gott will, dass wir in Ehe und Freundschaft einander Respekt, Liebe und Treue erweisen.
Sechste Woche: Gott will, dass wir Eigentum achten und unseren Mitmenschen zugutekommen lassen.
Siebte Woche: Gott will, dass wir zur Wahrheit stehen und niemandem durch Lügen Schaden zufügen.

Aus Jesu Mund kommt die Botschaft für diese Besinnungszeit: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Is(s)t uns Luther Wurst?

24. Februar 2017

lutherische

Am Aschermittwoch beginnt die vorösterliche vierzigtägige Fastenzeit. In der Tradition der mittelalterlichen Kirche bedeutet dies die Beschränkung auf eine Mahlzeit am Tag sowie die Abstinenz von Fleischspeisen. Auch heute noch gilt für römisch-katholische Christen das Kirchengebot: „Du sollst die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage halten.“ Für evangelische Christen sind kirchliche Fastengebote nicht nachvollziehbar, auch wenn Fastenaktionen wie „Sieben Wochen ohne“ und eigene Fastenvorhaben geläufig sind. Das hat seinen Grund in der Reformation vor 500 Jahren.

In Zürich begann die Reformation am ersten Sonntag der Fastenzeit 1522 mit einem Wurst­essen. Ehrbare Bürger trafen sich dazu im Haus des Druckers Christoph Froschauer und aßen gemeinsam dünne Scheiben von Rauchwürsten. Mit diesem offensichtlichen Verstoß gegen das Abstinenzgebot sollte evangelische Freiheit wider unbiblische Kirchengebote demon­striert werden. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) veröffentliche kurz darauf seine Predigt „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“. In der Ersten Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523 überzeugte Zwingli mit seiner These „Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.“ Der städtische Rat hob daraufhin die kirchlichen Fasten- und Abstinenzgebote auf. Fortan sollte in Zürich allein die Bibel (in Zwinglis Auslegung) als Grundlage kirchlichen Lebens gelten.

Martin Luther hatte schon im Mai 1520 in seinem Sermon „Von den guten Werken“ darge­legt, wie christliches Fasten zu praktizieren sei:

„Es gibt leider viele blinde Menschen, die ihr Kasteien, es bestehe in Fasten, Wachen oder Arbeiten, nur deshalb üben, weil sie meinen, es seien gute Werke, mit denen sich viele Verdienste erwerben lassen. Deshalb legen sie los und übertreiben es derart, dass sie ihren Leib damit verderben und ihren Kopf verrückt machen. Noch viel blinder sind diejenigen, die das Fasten nicht allein nach der Menge oder Länge bemessen wie diese, sondern auch nach der Speise. Sie halten es für richtig, es sei viel wertvoller, wenn sie auf Fleisch, Eier oder Butter verzichteten. […] Denen geht es weniger um das Fasten als um das Werk an sich. Wenn sie es getan haben, meinen sie, es sei wohlgetan.“

Durch Fasten und Abstinenz können Menschen sich Gott nicht gefällig machen. Ziel eigenen Innehaltens ist nicht Gottwohlgefälligkeit, sondern vielmehr die Einübung in die leibliche Genussfreiheit. Luther gibt dazu folgende Anweisung:

„Darum lasse ich es geschehen, dass sich jedermann Tag, Speise, Menge beim Fasten so auswähle, wie er selbst will, und dass er es nicht unbedacht tut, sondern dabei auf sein Fleisch achtet. Nur so viel, wie dieses Fleisch auch verträgt, lege er sich an Fasten, Wachen und Arbeit auf und nicht mehr […] Denn Maß und Regel beim Fasten, Wachen, Arbeiten soll ja niemand nach der Speise, der Menge oder den Tagen be­messen, sondern nur nach Zu- oder Abnehmen der fleischlichen Lust und dem Mutwillen, um derentwillen allein (bzw. der Ab­tötung und Dämpfung) das Fasten, Wachen, Arbeiten eingesetzt sind. Wo es solche Lust nicht gibt, gilt Essen so viel wie Fasten, Schlafen so viel wie Wachen, Müßigsein so viel wie Arbeiten – eines wäre so gut wie das andere, ohne jeden Unterschied.“

Hier der Text als pdf.

Mensch Adam, zeig Dich. Wer sich vor dem Gott zu verstecken sucht, verliert sein Leben

14. Februar 2016

Cranach ParadiesAusschnitt aus Lucas Cranach d.Ä., Adam und Eva im Garten Eden, 1530

Und sie hörten die Schritte des HERRN, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelte. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem HERRN, Gott, unter den Bäumen des Gartens. Aber der HERR, Gott, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? Da sprach er: Ich habe deine Schritte im Garten gehört. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.“ (1Mose 3,8-10 Zürcher)

Nachdem der Mensch (hebräisch „Adam“ =  „Erdling“) vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, sind ihm die Augen über die eigene Nacktheit aufgegangen. Fortan hält er sich nicht nur gegenüber dem kritischen Blick seiner Mitmenschen feigenblättlich bedeckt, sondern sucht sich vor dem göttlichen Angesicht zu verstecken. Aber wie soll man im eigenen Lebensversteck auf Dauer sich selbst überleben? Wer sich vor seinem Schöpfer im Verborgenen halten will und nicht als Sünder zu sich stehen kann, wird schlussendlich eingeerdet werden. Zu Beginn der Fastenzeit gilt daher der Bußruf: „Auf, zeig dich, tritt hervor!“ Nackt und bloß und doch unverschämt vor dem HERR Gott dastehen kehrt uns dem Evangelium Jesu Christi zu:

Ich steh vor dir in Leere, arm und bang,
fremd ist dein Name, spurlos deine Wege.
Du bist mein Gott, Menschengedenken lang –
Tod ist mein Los, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der meine Zukunft hält?
Ich glaube, Herr, was stehst du mir entgegen?

Mein Alltag wird von Zweifeln übermannt,
mein Unvermögen hält mich eingefangen.
Steht denn mein Name noch in deiner Hand,
hält dein Erbarmen leise mich umfangen?
Darf ich lebendig sein in deinem Land,
darf ich dich einmal sehn mit neuen Augen?

Sprich du das Wort, das mich mit Trost umgibt,
das mich befreit und nimmt in deinen Frieden.
Öffne die Welt, die ohne Ende ist,
verschwende menschenfreundlich deine Liebe.
Sei heute du mein Brot, so wahr du lebst –
Du bist doch selbst die Seele meines Betens.

Huub Osterhuis, „Ik sta voor U“ (1969) in der Übersetzung von Alex Stock. Vergleiche Lothar Zenettis Fassung „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ (GL 422 / EG 382).