Posts Tagged ‘Franz Overbeck’

„Am Christentum ist das Interessanteste seine Ohnmacht“ – Franz Overbeck über das Religionsproblem der Gegenwart

10. Mai 2017

Franz Overbeck (1837-1905)

In dem aus Karteizetteln Franz Overbecks von Carl Albrecht Bernoulli ausgewählten und herausgegebenen Nachlaßband „Christentum und Kultur“ (1919) findet sich ein Abschnitt „Das Religionsproblem der Gegenwart“, der mit folgenden Worten beschlossen ist:

„Am Christentum ist das Interessanteste seine Ohnmacht, die Tatsache, daß es die Welt nicht beherrschen kann.
Das Christentum will uns Menschen helfen und verdient schon darum unsern Haß nicht, auch wenn es das Vermögen dazu, uns zu helfen, nicht hätte. Dieses Vermögen aber hat es ohne Zweifel nicht, und wäre es auch nur aus dem Grunde, weil es uns allen Ernstes auf die Letzten Dinge, d. h. über uns selbst hinaus verweist und damit nur Todesweisheit ist.
Um an das Christentum zu glauben, wissen wir zuviel davon, und um im Sinne der Kirche davon zu wissen, beruht zuviel davon nur auf Glauben.“

Der vollständige Text dieses Abschnitts findet sich hier als pdf.

 

„Man kann die Theologen die Figaros des Christentums nennen“ – Franz Overbeck über einen Berufsstand

7. Mai 2017

Franz Overbeck (1837-1905), theologischer Außenseiter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hat seinen Berufsstand wie folgt charakterisiert:

Wozu sind Theologen überhaupt gut? Zu Lehrern der Moral taugen sie auf jeden Fall nicht. Zu Lehrern der Religion freilich nicht mehr. Offenbar dazu, um zwischen Moral und Religion zu vermitteln. Zu dieser Vermittlung drängen sie sich, was denn noch ihr bester Titel auf ein Bürgerrecht im Zwischenreich zwischen Religion und Moral sein mag, so zweifelhaft er ist. Die Theologen gelten für unentbehrlich, und das ist nun einmal nahezu gleichviel, als ob sie es auch wären.

Die Theologen sind freilich der Regel nach Christen, doch auf keinen Fall einfache Christen, Menschen, deren Verhältnis zum Christentum ein einfaches und unzweideutiges ist, sondern Diener des Christentums, deren bloße Existenz die Existenz einer Welt neben und außer dem Christentum zur Voraussetzung hat. Sie sind im günstigsten Fall Unterhändler des Christentums mit dieser Welt, und eben darum traut ihnen auch Niemand recht über den Weg, wenn auch die Dinge wohl so liegen können, daß ein großes Interesse besteht, ihnen darüber zu trauen, wie das in diesem Augenblick der Fall sein mag. Aber immer bleibt es dabei, daß sie selbst Unter­händler sind — eine Menschensorte, die ein begründetes Vorurteil gegen sich hat —, dann aber auch dabei, daß das Christentum selbst Unterhändler verschmäht und, da es in seinen Ansprüchen absolut ist, keine Welt neben sich anerkennt. Mit diesem Anspruch aber können sich die Theologen in einer Welt am allerwenigsten decken, welche einen solchen Anspruch nicht anerkennt. Eine solche Welt ist die moderne; anders als kritisch verhält sie sich zum Christentum nicht, und zwar nicht bloß theoretisch, sondern praktisch erst recht. Oder wer dürfte heute noch, ohne sofort der Lächerlichkeit zu verfallen, behaupten, die Welt, in der wir leben, sei eine christliche, d. h. eine vom Christentum beherrschte? Im günstigsten Falle ist diese Welt eine solche, die ihre eigenen Rechte auf das Christentum als eines Stückes, das zu ihrem Besitzstande gehört, nicht preisgeben, sich davon nicht lossagen mag. Ihr können denn die Theologen als Unterhändler sehr hoch im Werte stehen, vielleicht als nahezu unentbehrlich erscheinen, ohne darum doch den Makel des Berufs überwinden zu müssen. Man nimmt die Dienste, die sie anbieten zu können meinen unter Umständen mit verbind­lichstem Danke an, ohne darum den Grundschaden dieser Dienste zu übersehen, daß sie nämlich aus derselben Ecke einer nur relativen Schätzung des Christentums kommen, in der man gemeinhin selbst steht und aus der man sich heraushelfen lassen möchte. Daß uns aber diesen Dienst ein Anderer leistet, der in der allgemeinen Not nur unseres Gleichen ist, zieht begreiflicher Weise eine sehr gebrechliche Erkenntlichkeit nach sich. Am allerwenig­sten kann sich natürlich aus der Mißlichkeit dieser Lage eine Theologie retten, wie die moder­ne, welche eben mit ihrer Modernität in eitler Selbstverblendung und Zudringlichkeit die Not, die sie mit aller Welt teilt, geradezu affichiert und damit, was sie nur zu verbergen Ursache hätte, für Aller Augen heraussteckt.

Man kann die Theologen die Figaros des Christentums nennen. Auf jeden Fall sind die modernen die höchst anstelligen und brauchbaren, aber auch höchst unzuverlässigen Faktoten desselben. Das ist was im Grunde ihres Herzens alle ehrlichen Pietisten von ihnen denken, nur daß Pietisten von Figaros des Christentums nicht zu reden pflegen und auch nicht wohl reden können. Im Stillen ist es doch das eigentliche Bedenken, das sie gegen die moderne Theologie hegen, und daß es nur im Stillen geschieht, ist wiederum das Bedenkliche an ihrer Art, dem Christentum in der Welt zu dienen.

Quelle: Franz Overbeck, Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie, aus dem Nachlass herausgegeben von Carl Albrecht Bernoulli, Basel 1919, 272ff.